Dienstag, 26. April 2011

Vor 25 Jahren Tschernobyl: Heute Fukushima: Ein Gespräch mit Dagmar van Emmerich vom Verein Tschernobyl-Kinder





Die Bilder des berstenden Atomkraftwerkes in Fukushima weckten Erinnerungen an die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Wie sieht Dagmar van Emmerich das Unglück in Japan und seine Folgen? Für die NRZ sprach mit der Frau, die zusammen mit ihren Mitstreitern im Verein Tschernobyl-Kinder seit 1992 den jungen Menschen hilft, die bis heute unter den Folgen der Reaktorkatastrophe vom April 1986 leiden.



Welche Erinnerungen an 1986 wurden bei Ihnen wach, als Sie die Bilder aus Japan gesehen haben?


Vor 25 Jahren waren meine Kinder klein. Und ich erinnere mich das man panisch war und sich unmittelbar betroffen fühlte. Wir wollten unsere Kinder schützen und mussten plötzlich sehen, dass sie nicht mehr im Sandkasten spielen durften und das man zum Beispiel bestimmte Milchsorten nicht mehr trinken durfte.



Wie wurde aus der Betroffenheit das Engagement für die Kinder der Tschernobyl-Region?



Das hat einige Jahre gedauert. Ich war damals noch Schulleiterin in Neuss. Und als die Stadt Neuss Gastfamilien für Kinder aus der Tschernobyl-Region suchte, haben wir einen Jungen aufgenommen. Es hat mich fasziniert, wie gut dieser Erholungsurlaub Kindern getan hat und wie so ihr angeschlagenes Immunsystem wieder gestärkt werden konnte. Deshalb habe ich mich über die Presse an die Mülheimer Öffentlichkeit gewandt. Und schon im Sommer 1992 konnten wir mit 50 Gasteltern die ersten Kinder aus Weißrussland willkommen heißen. Das war der Anfang der Tschernobyl-Initiative.



Wie hat sich die Arbeit der Initiative, die heute ein eingetragener Verein ist, seitdem entwickelt?


Wir haben inzwischen 1500 Kindern aus Weißrussland einen Erholungsaufenthalt in Mülheim ermöglichen und einen Tschernobyl-Laden an der Bachstraße eröffnen können, dessen Erlöse unsere Arbeit finanziell unterstützt. Es ist aber schwieriger geworden, Gasteltern zu finden, so dass wir im letzten Jahr 35 Kinder in der Jugendherberge untergebracht haben. Die zunehmende Schwierigkeit, Gasteltern zu finden, hat damit zu tun, dass sich die soziale Situation vieler Menschen bei uns eher verschlechtert als verbessert hat. Natürlich können auch viele Menschen nicht nachvollziehen, dass die Hilfe für die Kinder aus der Tschernobyl-Region auch heute noch notwendig ist. Wir haben aber dennoch eine gute Unterstützung und konnten unsere Aktivitäten deshalb sogar ausbauen.



Zeigt uns Fukushima, dass Tschernobyl und die Folgen kein Thema von gestern sind?


Tschernobyl ist kein Thema der Vergangenheit. Das wird weiter eine Herausforderung sein. Wenn ich mich mit Ärzten über die Krankheitsbilder der Kinder aus Weißrussland unterhalte, dann sagen sie mir, dass man mindestens 30 Jahre braucht, um die Folgen der Reaktorkatastrophe wissenschaftlich exakt analysieren zu können.



Könnte die Reaktorkatastrophe in Japan die Sensibilität für Ihr Anliegen wieder erhöhen?


Ich denke schon. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass ich noch am Samstag in Weißrussland war. Und ich hätte in diesem Land nichts über die Ereignisse in Japan erfahren, wenn mich mein Sohn nicht angerufen hätte. Das war ja auch vor 25 Jahren das Bittere, dass die Menschen einem so großen Leidensdruck ausgesetzt waren, weil sie nicht rechtzeitig informiert wurden.Frage: Wie sehen Sie heute die Informationspolitik der japanischen Regierung und der AKW-Betreiber?Antwort: Ich habe da ein sehr durchmischtes Gefühl. Ich habe aber auch den Eindruck, dass die Verantwortlichen selbst sehr verunsichert sind. Ich glaube nicht, dass uns die japanische Regierung etwas vormacht. Ich sehe aber eine gewisse Überforderung. Das so ein Unglück in so einem hochindustrialisierten Land wie Japan passiert ist, muss uns alle noch mal besonders aufrütteln. Das hätte ich vorher eher nicht für möglich gehalten.



Würden Sie persönlich für einen Ausstieg aus der Atomenergie plädieren?


Ich sehe, dass die Politik bemüht ist, diesen Ausstieg aus der Atomenergie zu schaffen. Ob wir uns es erlauben können, dass das so lange dauert, ist eine andere Frage. Aber dafür fühle ich mich nicht kompetent genug, um das beurteilen zu können. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr muss ich mich davon überzeugen lassen, dass ein Atomkraftwerk nicht sicher ist. Da müssen wir als Gesellschaft nachdenklich und aktiv werden.



Könnten Sie sich vorstellen, dass künftig auch japanische Kinder zu einem Erholungsurlaub nach Mülheim kommen?


Dazu wären wir immer bereit, auch wenn es dafür jetzt noch etwas zu früh ist. Aber wenn unsere Hilfe benötigt würde, wären wir sofort bereit, etwas zu tun. Auch wenn ich jetzt noch keine Idee dafür hätte.



Dieser Text erschien am 15. März 2011 in der NRZ

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