Samstag, 22. November 2014

"Das ist eine echte Chance für mein Leben" oder: Wie eine Teilzeitausbildung Arbeitssuchenden und Arbeitgebern helfen kann: Ein Beispiel aus der Immobilienwirtschaft


Beate Steinmann kann sich noch gut an das erste Gespräch mit Joanna Marszolek erinnern. Im April stellte sich die 32-jährige Mutter bei der Berufsberaterin von der Agentur für Arbeit vor. „Ich möchte gerne eine Teilzeitausbildung machen, weil ich zwei Kinder habe, um die ich mich kümmern muss. Aber ich werde so einen Ausbildungsplatz wohl nicht bekommen“, sagte Marzolek ihr damals. „Das wollen wir doch mal sehen“, hatte ihr Steinmann geantwortet. Rückblickend gibt sie aber zu, dass sie die Erfolgsaussichten damals mit „einem Sechser im Lotto“ verglichen habe.

Doch dieser Sechser im Lotto flatterte ihr schon bald in Form einer Stellenausschreibung der Firma Glückauf Immobilien ins Haus. „Wir möchten eine Bürokauffrau ausbilden und freuen uns auch auf Bewerbungen junger Eltern. Die Ausbildung kann auch in Teilzeit absolviert werden“, hieß es da sinngemäß. Aufgegeben hatte die Zeitungsanzeige der Geschäftsführer der Glückauf Immobilien, Sven Fischer.

„Wenn man Leute einstellt, die schon mitten im Leben stehen und nach einer Familienpause zurück in den Beruf wollen, bekommt man Menschen, die eine große Lebenserfahrung und soziale Kompetenzen mitbringen. Sie begreifen ihren Arbeitsplatz als echte Chance und sind deshalb hoch motiviert“, erklärt der 34-jährige Immobilienkaufmann seine Personalpolitik. Solche positiven Beispiele wünscht sich der Chef der Agentur für Arbeit, Jürgen Koch, öfter. Ihn treibt es um, dass viele Arbeitgeber über Fachkräftemangel klagen, aber selbst nicht ausbilden, geschweige denn das Potenzial erkennen, das sie sich mit einem verstärkten Angebot von Teilzeitausbildungsplätzen erschließen könnten.

Das sieht auch der gelernte Chemiker Sven Fischer so, der selbst nach einem schweren Unfall und einer längeren Auszeit über den 2. Bildungsweg in seinen heutigen Beruf kam. Er versteht, warum Berufsbiografien nicht immer auf geraden Wegen verlaufen. Joanna Marszolek hatte nach dem Abitur Germanistik studiert, das Studium aber abgebrochen und sich dann mit 450-Euro-Jobs durchgeschlagen.

„Diese Ausbildung ist für mich nach den vielen 450-Euro-Jobs endlich eine echte Chance und eine Investition in meine Zukunft“, sagt die zweifache Mutter, die nicht nur bei der Kinderbetreuung von ihren Eltern, ihrem Mann und von einer Freundin unterstützt wird. „Ohne mein soziales Netzwerk könnte ich meine Ausbildung nicht schaffen“, gibt die junge Frau zu. Denn trotz Teilzeitarbeit in der Firma, muss die angehende Bürokauffrau immer wieder ganztägige Seminare besuchen und zwei volle Berufsschultage pro Woche absolvieren. Gelernt wird abends und am Wochenende, wenn die Tochter (4) und der Sohn (10) im Bett oder mit Papa unterwegs sind. „Ich habe hier eine sehr verständnisvolle Ausbilderin, die selbst als Mutter in Teilzeit arbeitet“, freut sich Marszolek. Ein Vorbereitungsseminar der Berufsbildungswerkstatt und ein Schnupperpraktikum bei Glückauf Immobilien erleichterten ihr den Einstieg.

Ihr Chef bescheinigt ihr nach zweienhalb Monaten einen „100-prozentigen Arbeitseinsatz in einer 50-prozentigen Arbeitszeit, in der sie sehr konzentriert und komprimiert bei der Sache ist.“

Und so lernt sie in ihrer dreijährigen Teilzeitausbildung alles, was sie als Bürokauffrau braucht, ob Büroplanung und Organisation, Finanzbuchhaltung, Kundenkontakte sowie Verwaltung und Bearbeitung aller für die diversen Immobiliendienstleistungen notwendigen Datensätze. Gerade diese Vielfalt mache ihr Freude.

Dieser Text erschien am 11. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 21. November 2014

So gesehen: In ruhigen Bahnen


Seit Samstagabend kann der Hauptbahnhof wieder sein, was er sein soll, ein Ort an dem Menschen einsteigen und mitgenommen werden können. Denn in den vorangegangenen Streiktagen fühlten sich die Fahrgäste der Deutschen Bahn ja nicht nur auf dem Mülheimer Bahnhof, eher als abgehängte Manövriermasse auf dem Abstellgleis („Mal sehen, wann welcher Zug kommt und wohin er fährt?) denn als willkommene, zahlende und deshalb selbstverständlich mitgenommene Fahrgäste.

Dass die Gewerkschaft der Lokomotivführer, die nicht nur für mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten, sondern auch für mehr eigene Macht gestreikt hat, ihren Streik, der eigentlich bis heute die Fahrgäste auf die Folter spannen, sollte, am Samstagabend vorzeitig abgebrochen haben, zeigt das auch die stursten GDL-Strategen Gott sei Dank nicht nur Bahnhof verstehen, und wissen, dass sie die Leidensfähigkeit ihrer eigentlichen Arbeitgeber, nämlich der Fahrgäste im Zug der Zeit nicht überstrapazieren dürfen, wenn sie am Ende nicht selbst aufs Abstellgleis geraten und abgehängt werden wollen.

Gerade in Zeiten, die schon ohne Bahnstreik manchmal wie eine Achter- oder Geisterbahnfahrt anmuten, ist man heute auf seiner Lebensreise doch wirklich für jede Fahrt dankbar, die auf sicheren Gleisen und in ruhigen Bahnen zur rechten Zeit zum Ziel führt, und sei es auch nur bei einer Zugreise vom Mülheim in andere schöne Städte, die es ja auch geben soll und die eine Reise oder einen Arbeitsweg wert sind, vor allem dann, wenn man eine Rückfahrkarte in der Tasche hat und weiß, dass man auch als Fahrgast der Deutschen Bahn bestimmt wieder nach Hause kommt, ohne draufzahlen oder bis zum Sankt-Nimmerleinstag warten zu müssen.

Dieser Text erschien am 10. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 19. November 2014

Die Sozialarbeiterin Krimhild Orth betreut im Auftrag der Stadt Mülheim die Flüchtlinge an der Gustavstraße in Styrum


Es ist erst gut zwei Wochen her, dass 136 Flüchtlinge an die Gustavstraße in Styrum gezogen sind. Die Koffer dürften mittlerweile ausgepackt sein, alle Fragen aber sicher noch nicht geklärt. Hier hilft Krimhild Orth weiter. Die Sozialarbeiterin ist seit zwei Wochen Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge. Was steht im Brief vom Amt? Wo gibt es einen sprachkundigen Arzt, der einer Frau helfen kann, die an Diabetes leidet? Wo bekomme ich einen warmen Mantel her, wenn es jetzt kälter wird? Krimhild Orth kennt die Antworten. Noch ist sie Einzelkämpferin, soll aber in absehbarer Zeit durch eine Kollegin oder einen Kollegen unterstützt werden.

„Ich bin eigentlich ganz gut im Thema“, sagt Orth nach 21 Jahren als Sozialarbeiterin im Dienste der Stadt. Erst arbeitete sie im Flüchtlingsdienst, dann als Bezirkssozialarbeiterin in Styrum. Flüchtlinge, aber auch die Arbeit mit Familien in schwierigen Lebenslagen sind ihr vertraut. „Die Menschen, die hier leben, haben zum Teil Traumatisches erlebt. Sie müssen erst mal ankommen und zur Ruhe kommen,“ sagt Orth. Sie organisiert nicht nur die Teilnahme an Deutschkursen, Arztbesuche, erläutert den Inhalt amtlicher Schreiben oder vermittelt bei Bedarf Gespräche in einem Sozialpsychologischen Zentrum und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ganz oft müssen Orth und Hausverwalter Detlef Voß auch einfach nur dafür sorgen, dass Flüchtlinge ihre Wohnung an der Gustavstraße möbliert bekommen oder eine Waschmaschine anschließen können.

Auch wenn die Sozialarbeiterin in ihrem zurzeit noch sehr kärglich eingerichteten Büro regelmäßig Sprechstunden anbietet, wird sie natürlich auch außerhalb ihres Büros regelmäßig angesprochen. „Viele, aber beileibe noch nicht alle Flüchtlinge wissen, dass ich da bin, wer ich bin und was ich hier mache“, erzählt Orth. Doch sie arbeitet an ihrem Bekanntheitsgrad, in dem sie regelmäßig Wohnungsbesuche macht. „Dabei erlebe ich eine große Freundlichkeit und Offenheit. Die Menschen bieten mir meistens sofort einen Sitzplatz und etwas zu trinken an“, berichtet sie. Wenn der eine die Sprache des anderen nicht versteht, behilft man sich eben mit Händen und Füßen oder ein paar Brocken Englisch. Wenn es komplizierter wird, weil es zum Beispiel um gesundheitliche Probleme geht, greift sie auf den Sprachkundigen-Pool und den Gesundheitswegweiser der Stadtverwaltung zurück, um einen Dolmetscher oder einen sprachkundigen Arzt zu besorgen. „Ich bin hier wie ein Drehscheibe“, beschreibt die Sozialarbeiterin ihre Vermittlungs,- Kontakt- und Kommunikationsarbeit.

Sie bindet ehrenamtliche Helfer ein, die Flüchtlinge zum Beispiel bei Arztbesuchen und Ämtergängen begleiten. Sie hat damit begonnen Kontakte zu Einrichtungen im Stadtteil zu knüpfen. Beim Nachbarschaftsverein und in der Bürgerbegegnungsstätte Feldmannstiftung an der Augustastraße war sie schon und hat dort eine große Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft gespürt. Vereine, Schulen oder das Jugendzentrum am Styrumer Marktplatz stehen noch auf ihrem Besuchsplan.

„Ich würde mir wünschen, dass Flüchtlinge hier an der Gustavstraße nicht wie in einem Ghetto leben, sondern das es ein selbstverständliches Miteinander und Nebeneinander gibt und sie am ganz normalen Leben im Stadtteil teilnehmen können,“ betont Orth. Auch wenn sie mögliche Probleme und Berührungsängste nicht wegreden will, ist sie optimistisch, dass das gelingen kann, wenn Flüchtlinge und Einheimische sich im Alltag kennen lernen und etwas über das Leben des jeweils Anderen erfahren können. „Das verändert den Blick“, weiß Orth.

Gute Ansätze dafür sieht sie. Dass sich Bürger ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren und eine ältere Dame aus der Nachbarschaft Kleiderspenden für den Winter angeboten hat, sieht sie ebenso als ein gutes Zeichen dafür, wie die Tatsache, „dass sich die Stadt heute bemüht, für die Flüchtlinge ordentliche Wohn- und Lebensbedingungen zu schaffen.“ Als Orth in den frühen 90er Jahren zum ersten Mal mit Flüchtlingen arbeitete, wurden sie nicht, wie heute, in regulären Wohnungen, sondern in Wohncontainern einquartiert. Das ist heute Vergangenheit.

In den SWB-Häusern an der Styrumer Gustavstraße leben derzeit 144 Menschen aus 21 Nationen. Insgesamt bietet Mülheim zurzeit 642 Menschen aus 36 Nationen eine Zuflucht. An der Gustavstraße ist derzeit noch Wohnraum für 25 bis 30 Menschen frei. Darüber hinaus steht die Stadt in enger Verbindung mit den örtlichen Wohnungsbaugesellschaften und privaten Vermietern, um im Bedarfsfall weiteren Wohnraum für Flüchtlinge zu beschaffen.

 
Dieser Text erschien am 11. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

 


 

 

 

 

Mittwoch, 12. November 2014

Was kommt in die Tüte? Ein Blick in die Mülheimer Lebensmittelkontrollen


Restaurants, Imbisslokale, Metzgereien, Trinkhallen, Bäckereien, Eisdielen, Kantinen und Supermärkte. Sie alle bekommen mehr oder weniger regelmäßig Besuch von Lebensmittelkontrolleuren des Ordnungsamtes. Die Routinekontrollen sind bisher kostenlos. Das soll sich ändern, wenn es nach dem Willen des NRW-Verbraucherschutzministers Johannes Remmel von den Grünen geht.

Welche Kosten auf die routinemäßig kontrollierten Betriebe zukommen könnten, wenn sich das Ministerium nicht für eine Kostenpauschale entscheiden sollte, lässt sich an den Kosten messen, die nach einer Beanstandung für eine Nachkontrolle anfallen. Der Stundensatz eines Lebensmittelkontrolleurs liegt derzeit bei 57 Euro. Hinzu kommen 20 Euro als Fahrtkostenpauschale. Weitere 20 Euro werden fällig, wenn eine Lebensmittelprobe genommen und untersucht werden muss. Muss die Amtstierärztin als Sachverständige zur Begutachtung herangezogen werden, kommen noch einmal 78 Euro hinzu.

„Das gibt viel Arbeit und Ärger“, ahnen Heike Schwalenstöcker-Waldner und Ulrich Schäfer. Sie sind als Amtstierärztin und als Gruppenleiter für die kommunale Lebensmittelkontrolle verantwortlich.

„Wenn zum Beispiel ein Kioskbesitzer, der vor allem Lutschbonbons und Zigaretten verkauft, für eine Routinekontrolle plötzlich einen dreistelligen Betrag bezahlen soll, wird er das bestimmt nicht lustig finden“, beschreibt Schäfer das Dilemma der ministerialen Geldbeschaffungspläne. Auf der anderen Seite weiß Schwalenstöcker-Waldner: „Die Lebensmittelkontrolle ist eine Pflichtaufgabe der Kommunen, und die sind klamm.“

In der städtischen Lebensmittelkontrolle arbeiten derzeit fünf Mitarbeiter, die sich auf viereinhalb Stellen verteilen. Eine Stelle wird vom Land finanziert. Die anderen müssen aus der Stadtkasse bezahlt werden. Ihre Lebensmittelkontrolle kostet die Stadt, einschließlich Personalkosten, jährlich 850.000 Euro. Dazu kommen rund 396.000 Euro, die die Stadt jedes Jahr als Trägeranteil für das in Krefeld ansässige und von zehn Städten finanzierte Chemische Untersuchungsamt Rhein-Ruhr-Wupper entrichtet. Dort werden alle Mülheimer Lebensmittelproben untersucht, die entweder von den Lebensmittelkontrolleuren genommen oder von besorgten Bürgern bei der Behörde eingereicht werden.

Ob Betriebe, die Lebensmittel herstellen, verarbeiten oder auch nur mit ihnen handeln, wöchentlich, monatlich, quartalsmäßig, halbjährlich, jährlich oder nur alle 18, 24 oder 36 Monate kontrolliert werden, hängt von ihrem hygienischen Risikopotenzial ab, das nach einem Kriterienkatalog bewertet wird: Werden verderbliche Lebensmittel verarbeitet? Handelt es sich um einen Alt- oder einen Neubau? Ist der Betrieb schon mal auffällig geworden? Veranlasst er selbstständig regelmäßig Lebensmittelproben, die er dokumentieren kann? Gibt es einen ebenfalls dokumentierten Reinigungsplan? „Eine Eisdiele oder eine Metzgerei, die mit frischen Zutaten arbeiten, haben ein höheres Risikopotenzial als ein Discounter, der vor allem mit abgepackten Produkten arbeitet“, erklärt Schwalenstöcker-Waldner.

Sie vermutet, dass der Druck auf die Lebensmittelkontrolleure zunehmen wird, wenn künftig nicht mehr nur Nachkontrollen, sondern auch die routinemäßigen und unangemeldeten Lebensmittelkontrollen bezahlt werden müssen. Andererseits kann sie sich vorstellen, dass Betriebe durch Kontrollgebühren einen zusätzlichen Ansporn haben könnten, durch sorgfältige Einhaltung der Hygiene,- Bau- und Kennzeichnungsauflagen häufigere Lebensmittelkontrollen zu vermeiden.

Natürlich würde sich die Amtstierärztin wünschen, dass zusätzliche Gebühreneinnahmen in zusätzliches Personal investiert würden, damit Lebensmittekontrollen künftig nach dem Vier-Augen-Prinzip von zwei Lebensmittelkontrolleuren durchgeführt werden könnten. Doch die Aussicht auf personelle Verstärkung beurteilt sie ebenso skeptisch wie die Zielsetzung des Ministers, wirklich kostendeckende Gebühren einzuführen. Hinzu kommt: Müsste die Stadt eine weitere Verwaltungsstelle für die Bearbeitung der neuen Gebührenbescheide einstellen, wäre das mit zusätzlichen Personalkosten von jährlich 55.000 Euro verbunden.
 

Zahlen & Fakten

 

1115 Betriebe bekommen regelmäßig und unangemeldet Besuch von Lebensmittelkontrolleuren.

2013 wurden 778 Betriebe routinemäßig kontrolliert. Hinzu kamen nach 102 Beanstandungen 82 amtlich veranlasste Nachkontrollen sowie über 200 außerordentliche Kontrollen, die zum Beispiel auf Bürgerbeschwerden oder Schnellwarnmeldungen des Landes zurückgingen. Bis Ende September 2014 wurden 884 Betriebe routinemäßig kontrolliert. Dabei kam es zu 150 Beanstandungen und 76 Nachkontrollen.

Beanstandet wurden vor allem hygienische Mängel und falsche Kennzeichnungen. Einige Beispiele aus dem Sündenregister: Zu viele Keime im Hackfleisch oder in der Sahne, Käseimitate, die als Käse und Formfleisch, das als Schinken angeboten wird.

Fehlende Fliegengitter am Küchenfenster, schmutzige Küchenböden, mit Altfett verschmierte Öfen und Küchenfliesen, zugestellte Waschbecken und das Fehlen von Papierhandtüchern und Seife, unverpackte und deshalb durch Gefrierbrand beschädigte Lebensmittel in der Tiefkühltruhe.

924 mal mussten Lebensmittelproben untersucht werden. 182 Mal kam es dabei zu Beanstandungen. In 23 Fällen, in denen 2013 vorsätzlich und wiederholt gegen Hygieneauflagen und Kennzeichnungsvorschriften verstoßen wurde, wurden Strafverfahren eingeleitet oder Buß- und Verwarngelder verhängt. 2012 gab es 32 solcher Fälle. Im laufenden Jahr sind es 28.

2014 wurden drei, 2013 fünf und 2012 elf Strafverfahren eingeleitet. 2014 wurden 21 Bußgelder zwischen 100 und 1000 Euro, 2013 waren es 14 Bußgelder zwischen 100 und 300 Euro. Und 2012 gab es 18 Bußgelder zwischen 100 und 700 Euro. Im laufenden Jahr erreichten zwölf Bürgerbeschwerden die Lebensmittelkontrolleure. 2013 waren es 11 und 2012 17.

Im laufenden Jahr haben 10 Bürger verdächtige Lebensmittelproben zur amtlichen Überprüfung eingereicht. 2013 waren es nur 5 und 2012 11.
 
Dieser Text erschien am 7. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 10. November 2014

Wie barrierefrei sind Mülheims Busse und Bahnen?


Essen hat sie schon, Mülheim bekommt sie 2015; 15 neue Niederflurbahnen für 2,5 Millionen Euro pro Fahrzeug. Mittelfristig sollen insgesamt 19 Niederflurbahnen vom Typ NF2 auf Mülheims Straßen fahren.

Dass die Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) trotz ihres aktuellen 34-Millionen-Euro-Defizits neue Niederflurbahnen mit ausklappbarer Einstiegsrampe anschaffen will, hat mit dem Auftrag des Gesetzgebers zu tun. Der will den öffentlichen Personennahverkehr bis 2022 zu 100 Prozent „barrierefrei“ machen.

MVG-Sprecher Nils Hoffmann ist skeptisch. „In Mülheim wie in vielen finanzschwachen Kommunen in NRW wird es nur schwer möglich sein, das Ziel des barrierefreien Umbaus bis 2022 zu stemmen. Aufgrund der bis 2019 zur Verfügung stehenden Finanzmittel ist aber schon jetzt absehbar, dass bis zum 1. Januar 2022 die Barrierefreiheit im ÖPNV nicht erreicht werden kann“, sagt er.

Landesweit schätzt der Städtetag NRW den Finanzbedarf für den barrierefreien Umbau des Nahverkehrs auf rund 1,75 Milliarden Euro. Das Investitionsvolumen für den barrierefreien Umbau aller rund 40 Mülheimer Straßenbahnhaltestellen schätzt Hoffmann auf rund 50 Millionen Euro.

Allein im kommenden Jahr sollen insgesamt zehn Millionen Euro in den barrierefreien Umbau, also den Aufbau erhöhter Einstiegsbahnsteige, investiert werden. Auf der Umbauliste stehen die Haltestellen RWE-Sporthalle, Oppspring und Kuhlendahl, die von der Linie 104 angefahren werden, sowie die Haltestelle Speldorf Bahnhof, die von der Linie 901 angesteuert wird.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände (AGB), Alfred Beyer, würdigt die Bemühungen von MVG und Stadt, die Haltestellen barrierefrei zu machen. Immerhin sind schon heute 71 Prozent der Straßenbahn,- 33 Prozent der Bus- und 50 Prozent der Stadtbahnhaltestellen barrierefrei.

Allerdings sieht er auch noch Nachholbedarf. „Die Umstiegssituation am Hauptfriedhof ist für Fahrgäste mit Rollstuhl oder Rollator unzumutbar“, findet er. Dort müssen Fahrgäste, die in Richtung Flughafen und Wohnstift Raadt fahren, von der 104 in einen Bus umsteigen. Auch im Speldorfer Ortszentrum, wo man derzeit auf der Duisburger Straße in die 901 einsteigen muss, erkennt er ebenso Umbaubedarf, wie an den noch aufzuglosen Stadtbahnhaltestellen Eichbaum und Von-Bock-Straße oder im unterirdischen Busbahnhof am Hauptbahnhof, der nur über Rolltreppen und Treppen erreichbar ist. Ihn sähe Beyer am liebsten oberirdisch und damit barrierefrei zwischen Hauptbahnhof, Forum und Hauptpost.

Auch die Einstiegrampen der neuen Niederflurbahnen sieht er aufgrund ihrer drei bis vier Zentimeter hohen Einstiegskanten skeptisch und plädiert deshalb für fahrzeuggebundene Einstiegshilfen in Form eines Hebelifts.

Dieser Text erschien am 1. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 9. November 2014

Rückblick auf die Reichspogromnacht in Mülheim: Die Flammen des Hasses


Dort, wo heute am Viktoriaplatz das Medienhaus entsteht, stand bis zum 9. November 1938 Mülheims Synagoge. Bei ihrer Grundsteinlegung (1905) hatte Rabbiner Otto Kaiser ihren Bau als Zeichen religiöser Toleranz gefeiert, hatte mit Blick auf Synagoge, Marien- und Petrikirche gesagt: „Es ist, als ob sie einander zuwinken, als ob sie einander brüderlich die Hand reichen wollten, auf dass nie wieder die Flammen des Hasses aufzüngeln."

Doch in der sogenannten Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 züngeln die Flammen des Hasses lichterloh, lassen die Synagoge niederbrennen, die zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr der auf etwa 340 Mitglieder geschrumpften Jüdischen Gemeinde, sondern der Stadtsparkasse gehört, die ihr angrenzendes Gebäude erweitern will. Ausgerechnet Feuerwehrchef, SS-Mann Alfred Freter, wird in dieser Nacht zum Brandstifter. Obwohl die Feuerwehr darauf achtet, dass der Brand nicht auf die Nachbarhäuser übergreift, erinnert sich der Rechtsanwalt Otto Niehoff 1980 an Explosionen und abgesprengte Mauerteile der Synagoge, die in dieser Nacht die Fenster seines benachbarten Elternhauses durchschlagen.

Freter hat am Abend des 9. November 1938 mit seinen NSDAP-Genossen in Essen der Gefallenen des an selbigen November 1923 gescheiterten Hitler-Putsches gedacht, als ihn die Brandrede des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels erreicht. Ende der 50er Jahre muss er sich für seine Brandstiftung vor Gericht verantworten, aus formalrechtlichen Gründen wird er aber nie verurteilt.

Auch in der Mülheimer Stadthalle gedenken die Nazis an diesem 9. November 1938 ihrer 15 Jahre zuvor in München getöteten Gesinnungsgenossen. Dass Niederbrennen der Synagoge bleibt in dieser Pogromnacht nicht der einzige Übergriff auf die Jüdische Gemeinde. Alt-Bürgermeister Karl Schulz, damals 16 Jahre junger Lehrling, erinnert sich 60 Jahre nach den Ereignissen: „Die Bahnstraße, in der viele jüdische Händler und Anwälte ihre Geschäfte und Büros hatten, war mit Dingen überfüllt, die man aus den Fenstern herausgeworfen hatte."

SA- und SS-Männer ziehen am 9. und 10. November mit Hetzliedern durch die Stadt, demolieren jüdische Geschäfte und misshandeln jüdische Mitbürger." 80 von ihnen werden willkürlich verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Sie kommen bis Weihnachten 1938 wieder frei, nachdem die Frauen der Inhaftierten Tag für Tag bei Polizei und Gestapo vorstellig werden. Benno Kohn, Mitglied der jüdischen Gemeinde, die sich längst nicht mehr in der Synagoge am Viktoriaplatz, sondern im Gemeindehaus an der Löhstraße trifft, wird in seiner Wohnung an der Eppinghofer Straße so brutal zusammengeschlagen, dass er wenig später im Marienhospital stirbt.

Er wird nicht das letzte jüdische Opfer der Nazis bleiben. Rund 270 Mülheimer Gemeindemitglieder werden ab 1941 deportiert und in Konzentrationslagern ermordet. Nach der Reichspogromnacht setzt unter den jüdischen Mülheimern eine Fluchtwelle ein. Rund 350 von ihnen können sich ins Exil retten. Was in der Pogromnacht 1938 eskalierte, begann schon Jahre vorher mit Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte.

Dieser Text erschien am 8. November 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 7. November 2014

"Sprechen Sie uns an" oder: Die Mülheimer Lotsen kommen und weisen nicht nur älteren Mitbürgern den Weg


„Ich würde gerne mal wissen, wie ich es anstelle, dass ich in meine Badezimmer meine Badewanne durch eine ebenerdige Dusche ersetzen kann.“ Das Anliegen von Astrid Lauterfeld ist ein Klassiker, wenn es um das barrierefreie Wohnen im Alter geht. Die Bürgerlotsen Beate Gottwald und Hans-Dieter Schnapka wissen Bescheid. „Das ist ein Fall für Holger Förster von der Seniorenwohnberatung der Stadt.“ Die 64-jährige Mülheimerin, die früher ihren Kunden die Haare schnitt und der 68-jährige Mülheimer, der bis zur Pensionierung bei der Berufsfeuerwehr gearbeitet hat, sind zwei der bisher neun ehrenamtlich aktiven Bürgerlotsen, die sich am vergangenen Samstag auf dem Kurt-Schumacher- Platz der Öffentlichkeit vorstellten. Ab sofort werden die Bürgerlotsen, die man an ihren blauen Jacken und ihren Buttons mit der Aufschrift Mülheimer Lotse erkennt in der gesamten Stadtmitte unterwegs sein, um nicht nur für ältere Menschen ansprechbar zu sein. „Das finde ich toll, wenn man Leute einfach ansprechen kann, die sich auskennen und wissen, wo man was bekommen oder finden kann“, freut sich die 60-jährige Astrid Lauterfeld.

Auch andere Bürger bleiben an diesem Samstag am Infozelt auf dem Kurt-Schumacher-Platz stehen, um zum Beispiel zu fragen: „Wo geht es eigentlich zur RWE-Sporthalle? Was sind eigentlich Bürgerlotsen? Was muss ich eigentlich machen, wenn ich einem Angehörigen einen Altenheimplatz besorgen will? Oder: Kennen Sie jemanden, der mir helfen kann, mein Schlafzimmer auf- und abzubauen?“ Auch auf letztere Frage bleiben die Bürgerlotsen die Antwort nicht schuldig  und notieren sich die Telefonnummer einer älteren Dame, um sie später zurückrufen und einen Termin mit den ebenfalls ehrenamtlich aktiven Heinzelwerkern vom Diakonischen Werk vereinbaren zu können.
So soll das auch künftig in der Praxis funktionieren. Die Bürgerlotsen, die unter der zentralen Rathaus-Rufnummer 0208/455-3544 erreichbar sind, geben dem oder der Ratsuchenden ihre Karte oder notieren sich die Telefonnummer, um zu klären, wer in welchem Fall helfen kann und dann den Kontakt zu den hilfesuchenden Bürgern herzustellen. Weil auch die ehrenamtlichen Bürgerlotsen nicht alles wissen können, stehen ihnen hauptamtliche Ankerpersonen aus der Stadtverwaltung und anderen sozialen Bereichen zur Seite, die Fragen rund um Themen, wie Gesundheit, Pflege, Wohnen, Mobilität oder Behörden schnell und kompetent beantworten und ihrerseits Kontakt zu den jeweils zuständigen Ansprechpartnern vermitteln können.

„Weil wir in der Stadtmitte einen hohen Anteil von zum Teil alleinlebenden Senioren und anonymen Nachbarschaften haben, werden die Mülheimer Lotsen zunächst nur in diesem Stadtteil unterwegs sein“, betont Jörg Marx vom federführenden Sozialamt. Langfristig, wenn sich noch mehr Bürgerlotsen finden sollten, kann sich der Sozialplaner aber auch eine Ausweitung dieser Bürgerdienstleistung auf andere Stadtteile vorstellen. „Ich habe als Feuerwehrmann gerne geholfen und möchte auch im Ruhestand nicht damit aufhören, zumal ich meine Einsatzseiten selbst bestimmen kann“, erklärt Hans-Dieter Schnapka, warum er sich nach einer 16-stündigen Schulung als Bürgerlotse auf den Weg macht. Und seine Kollegin Beate Gottwald sieht ihr Ehrenamt nicht nur als „eine sinnvolle Sache“, sondern auch „als eine gute Gelegenheit“ an: „unserer Gesellschaft, in der wir immer noch gut leben können, etwas zurückzugeben.“
Wer sich als Mülheimer Lotse engagieren oder sich weitergehend über die Mülheimer Lotsen informieren möchte, findet in Jörg Marx, der beim Sozialamt an der Ruhrstraße 1 unter der Rufnummer 0208/455-5012 erreichbar ist, einen kompetenten Ansprechpartner.

Dieser Text erschien am 28. Oktober 2014 im Pressedienst der Stadt Mülheim

 


 

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...