Gute Nachrichten aus Berlin. Bund und Länder haben sich gestern im Bundesrat darauf geeinigt, dass der Bund in den kommenden beiden Jahren jeweils 500 Millionen Euro bereitstellen soll, um die Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge finanziell zu unterstützen.
Was bedeutet das für Mülheim? Obwohl der genaue Verteilungsschlüssel der Mittel noch nicht feststeht, kann sich der stellvertretende Leiter des Sozialamtes, Thomas Konietzka, vorstellen, dass Mülheim mit rund einer Million Euro aus der Bundeskasse rechnen könnte.
Diese Prognose ergibt sich aus dem Verteilungsschlüssel für die Aufnahme der Flüchtlinge. Aufgrund seiner Größe und Einwohnerzahl muss Nordrhein-Westfalen derzeit ein gutes Fünftel aller Flüchtlinge aufnehmen, die nach Deutschland kommen. Mülheim muss wiederum aufgrund seiner Größe und Einwohnerzahl ein Prozent aller Flüchtlinge aufnehmen, die nach Nordrhein-Westfalen kommen.
Demnach würden NRW 100- von 500 Millionen Euro aus der Bundeskasse zustehen. Und Mülheim bekäme eine dieser Millionen Euro, die nach NRW fließen.
„Das hilft uns natürlich immer. Und ich finde es gut, dass das Thema und der Finanzbedarf der Kommunen in Berlin angekommen ist“, sagt Konietzka. Gleichzeitig bezweifelt er, dass wir damit „zu einer wirklich auskömmlichen Finanzierung kommen werden.“
Denn wenn die Sozialleistungen für Asylbewerber, wie geplant, verbessert werden sollen, wird das die Kommunen zusätzlich finanziell belasten. Der Zeit erhält der Haushaltsvorstand einer Flüchltlingsfamilie monatlich 330 Euro und damit rund 30 Euro weniger als ein deutscher Arbeitslosengeld-II-Empfänger.
Außerdem stellt sich für Konietzka die Frage, „ob das Land, das die Hälfte der Bundesmittel in den nächsten 20 Jahren zurückzahlen muss, die Städte an dieser Rückzahlung beteiligen wird.“ Zurzeit wendet die Stadt sieben Millionen Euro für Flüchtlingshilfen auf und bekommt davon eine Million Euro durch das Land erstattet. 2015 sollen es 1,4 Millionen Euro werden. Derzeit leben in Mülheim rund 900 Flüchtlinge. Ihre Zahl wird 2015 voraussichtlich auf 1300 ansteigen.
Dieser Text erschien am 29. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Samstag, 6. Dezember 2014
Montag, 1. Dezember 2014
Auf ein Wort: Der Kabarettist Kai Magnus Sting ist so frei
2013 hielt er die Laudatio auf seinen Kabarettkollegen Rene Steinberg. Am 29. November wird der Kabarettist und Autor Kai Magnus Sting von den Mülheimer Karnevalisten beim Prinzenball selbst mit der Spitzen Feder für seine Verdienste um das freie und offene Wort ausgezeichnet. Deshalb bat ihn in der NRZ auf ein Wort.
Frage: Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit der Spitzen Feder?
Antwort: Ich freue mich über diese Auszeichnung, weil sie mir zeigt, dass das, was ich seit vielen Jahre als Alltagskabarettist mache, Menschen gefällt und sein Publikum findet. Und Publikum ist das wichtigste, was ein Künstler braucht.
Frage: Was verbindet Kabarett und Karneval?
Antwort: Ob mit einem Lied, in einer Büttenrede oder bei einer Kabarettnummer. Immer geht es darum Menschen eine gute Geschichte zu erzählen, die sie nicht nur unterhält, sondern sie auch dazu bringt ihren Alltag einmal unter einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Gutes Kabarett und guter Karneval hält Menschen immer auch den Spiegel vor und bringt sie im besten Fall dazu, auch über sich selbst zu lachen. Denn Selbstreflexion ist der Kern des Humors.
Frage: Braucht man heute noch Mut für ein freies Wort?
Antwort: Man braucht zu jeder Zeit freie Geister, die ein freies Wort aussprechen, um gesellschaftliche Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen. Ein Land, das seinen freien Geistern einen Maulkorb anlegt, ist ein armes Land. Wenn man in unserem Land zum Beispiel die Bundeskanzlerin kritisiert, ist das kein Problem. Bei der Kritik an Personen, Positionen oder Produkten aus der Wirtschaft kann das schon anders sein, weil die Wirtschaft heute nicht nur die Vorgehensweise der Politik, sondern zum Beispiel über die Werbung auch die Medien beeinflusst.
Dieser Text erschien am 13. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Frage: Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit der Spitzen Feder?
Antwort: Ich freue mich über diese Auszeichnung, weil sie mir zeigt, dass das, was ich seit vielen Jahre als Alltagskabarettist mache, Menschen gefällt und sein Publikum findet. Und Publikum ist das wichtigste, was ein Künstler braucht.
Frage: Was verbindet Kabarett und Karneval?
Antwort: Ob mit einem Lied, in einer Büttenrede oder bei einer Kabarettnummer. Immer geht es darum Menschen eine gute Geschichte zu erzählen, die sie nicht nur unterhält, sondern sie auch dazu bringt ihren Alltag einmal unter einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Gutes Kabarett und guter Karneval hält Menschen immer auch den Spiegel vor und bringt sie im besten Fall dazu, auch über sich selbst zu lachen. Denn Selbstreflexion ist der Kern des Humors.
Frage: Braucht man heute noch Mut für ein freies Wort?
Antwort: Man braucht zu jeder Zeit freie Geister, die ein freies Wort aussprechen, um gesellschaftliche Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen. Ein Land, das seinen freien Geistern einen Maulkorb anlegt, ist ein armes Land. Wenn man in unserem Land zum Beispiel die Bundeskanzlerin kritisiert, ist das kein Problem. Bei der Kritik an Personen, Positionen oder Produkten aus der Wirtschaft kann das schon anders sein, weil die Wirtschaft heute nicht nur die Vorgehensweise der Politik, sondern zum Beispiel über die Werbung auch die Medien beeinflusst.
Dieser Text erschien am 13. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Sonntag, 30. November 2014
Nachhaltig christlich: Das Mülheimer Barbaramahl unterstützt die örtliche Hospizarbeit
Wie können
wir etwas schaffen, was im christlichen Sinne nachhaltig wirkt? Aus der Antwort
auf diese im Kulturhauptstadtjahr 2010 vom Bochumer Katholikenrat gestellte
Frage entstand das Barbaramahl, das inzwischen zweimal in Bochum, einmal in
Bottrop und einmal in Mülheim stattgefunden hat. Ziel dieses Mahles, zu dem
Gäste aus allen gesellschaftlichen Bereichen des Ruhrbistums eingeladen werden,
ist die finanzielle Unterstützung der Hospizarbeit. Denn die heilige Barbara
ist nicht nur die Schutzpatronin der Bergleute, sondern auch der Sterbenden,
der Flüchtlinge und der Verfolgten. Wolfgang Feldmann vom Kuratorium
Barbaramahl schätzt, dass bei jedem Barbaramahl jeweils rund 10.000 Euro für
die jeweilige Hospizarbeit vor Ort gesammelt werden konnten. Als er 2012 das
Barbaramahl in der Mülheimer Stadthalle organisierte, kamen sogar 13.500 Euro
als Reinerlös zusammen, der je zur Hälfte an das stationäre und an das
ambulante Hospiz der Ruhrstadt übergeben werden konnte. Dass das Barbaramahl in
diesem Jahr schon zum zweiten Mal in Mülheim stattfindet, führt Feldmann darauf
zurück, „dass der organisatorische Aufwand doch immens ist und von vielen
Katholikenräten gescheut wird.“ Umso dankbarer ist er dafür, dass mit der
Gelsenkirchener Pfarrei St. Augustinus und ihrem Pfarrer Manfred Paas neue
Gastgeber für das Barbaramahl 2015 gefunden haben.
In diesem
Jahr ist der Pfarrer von St. Barbara in Mülheim-Dümpten Gastgeber des
Barbaramahls, das bei seiner fünften Neuauflage am 28. November gleich zwei
Premieren erleben wird. Denn das Benefizmahl wird zum ersten Mal in einer
Kirche abgehalten. Pfarrer von Schwartzenberg verschweigt nicht, „dass es daran
auch einige Kritik aus der Gemeinde gab.“ Doch am Ende konnte er die
Widerstände mit dem Hinweis überwinden, dass die Mahlgemeinschaft von der
Hochzeit in Kana bis zum Abendmahl mit seinen Jüngern für Jesus von zentraler
Bedeutung war und das es bis heute in der römischen Kirche Maria in Trastevere
eine Armenspeisung gibt, bei der sogar
Kardinäle die Gäste bedienen.
Und so
wurden wurden am 28. November die Kirchenbänke in St. Barbara am Schildberg zur Seite
gerückt, um Platz für Tische und Stühle zu schaffen. Aktuell erwarten von
Schwartzenberg und Feldmann 165 Gäste.
Wer den Weg
zum Barbaramahl in der Mülheimer Barbarakirche fand, durfte sich nicht nur auf
ein köstliches Menü mit vier Gängen, sondern auch auf ein klang- und
gehaltvolles Barbara-Oratorium mit vier Akten freuen, das zwischen den Gängen
zur Aufführung kam und die Heilige Barbara als Schutzpatronin der Verfolgten
beleuchtete. Das Oratorium, dessen Text von Schwartzenberg und dessen Musik
der Kirchenmusiker der Gemeinde, Burkhard Maria Kölsch, geschrieben haben,
versteht der Pfarrer von St. Barbara als aktuelle Parteinahme für die
verfolgten Christen in aller Welt. Er weist darauf hin, dass nach Angaben der
Hilfsorganisation Open Doors (www.opendoors.de) derzeit Christen in mehr als 50
Ländern der Erde verfolgt werden.
So trugen die Kirchenchorsängerinnen von St. Barbara, die am Oratorium mitwirkten und
gleichzeitig auch die Gäste bedienten, während der Aufführung die Fahnen
der zwölf Länder tragen, in denen die Christenverfolgung, wie etwa in Syrien,
im Iran, im Gaza-Streifen oder in Somalia, besonders ausgeprägt ist. „Ich bin
zuhause in vielen Völkern und Nationen, zuhause bei Menschen ihrer Religionen,
als ein Gedanke für das Leben, das Gott in Freiheit uns gegeben“, wird es denn
auch im letzten Akt des neuen Barbara-Oratoriums heißen.
Manfred von
Schwartzenberg und Wolfgang Feldmann lassen als Organisatoren des fünften Barbaramahls
keinen Zweifel daran, dass neben dem bezahlten Einsatz eines Catering- und eines
Umzugsunternehmens vor allem der ehrenamtliche Einsatz von 100 Chormitgliedern,
zehn Pfadfindern und 16 Küchenfeen aus der Gemeinde das Barbaramahl in seiner
außergewöhnlichen Form erst möglich machen. Weitere Informationen zum Barbaramahl und zum Barbara-Oratorium findet man unter: www.barbarakirche.de
Texte zu diesem Thema erschienen am 22. und 29. November 2014 im Neuen Ruhrwort und in der Neuen Ruhr Zeitung
Samstag, 29. November 2014
Der neue Vorsitzende der Mülheimer SPD, Ulrich Scholten, will ein Kümmerer sein, der die Basis aktiviert und die Leute vor der Haustür abholt
Fast neun Monate war die Führungsfrage bei der Mülheimer SPD nicht geklärt, führten Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Partei-Vize Constantin Körner die Partei kommissarisch und suchten nach einem Nachfolger für den im April zurückgetretenen Parteichef Lothar Fink. Jetzt hat der Unterbezirksparteitag am Samstag in der Stadthalle mit Ulrich Scholten einen neuen Parteichef gewählt. 95,5 Prozent der Delegierten sagten Ja zu dem Mann aus Eppinghofen, der hauptamtlich seit 17 Jahren das Personalwesen der Salzgitter-Mannesmann- Grobblech GmbH leitet und seit 15 Jahren für die SPD im Rat sitzt, wo er unter anderem in den Ausschüssen für Finanzen, Stadtplanung und Bürgerangelegenheiten mitarbeitet. Scholten vereinte 126 Ja-Stimmen bei fünf Nein-Stimmen und einer Enthaltung auf sich.
Der gerade 57 Jahre alt gewordene Mülheimer sieht sich selbst als „Kümmerer.“ Worum er sich als Parteivorsitzender kümmern muss, weiß Scholten aus seiner eignen Biografie. Als er 1973 in die SPD eintrat, hatte sie in Mülheim rund 5000 Mitglieder und regierte die Stadt mit absoluter Mehrheit. Heute gibt es gerade noch 2000 Mülheimer Sozialdemokraten, die bei der Kommunalwahl im Mai zwar stärkste Partei wurden, aber doch nur bescheidene 31,5 Prozent der Stimmen errangen. Selbst als die SPD vor 20 Jahren im Gefolge der Güllenstern-Ruske-Affäre ihre jahrzehntelange absolute Mehrheit verlor, konnte sie noch 40,7 Prozent der Mülheimer Wähler hinter sich vereinigen.
„Wir müssen unsere Mitglieder motivieren und politisch sprachfähig machen“, sagt Scholten. „Wenn jeder Sozialdemokrat nur zehn Bekannte anspricht, erreichen wir schon 20?000 Menschen und wenn die wieder andere Menschen ansprechen, können wir die ganze Stadt erreichen“, rechnet der neue SPD-Chef vor. Mit ganz unterschiedlichen Menschen, „vom Pförtner bis zum Unternehmensvorstand so sprechen zu können, dass sie mich verstehen“, sieht der Personalleiter als eine seiner Stärken, die er auch in die Parteiarbeit einbringen will.
„Der Informationsfluss zwischen Partei,- Fraktion und Ortsvereinen muss besser werden, damit auch die Genossen an der Basis wissen, was der aktuelle Stand unserer Politik ist und wie sie argumentieren und ihre Nachbarn überzeugen können.“
Auch den Draht zu den Betriebsräten und Betriebsgruppen will der neue SPD-Chef wieder stärker aktivieren. Er selbst kam durch seinen in der SPD-Mannesmann-Betriebsgruppe aktiven Vater und durch charismatische Sozialdemokraten, wie Brandt, Schmidt und Wehner zur SPD. Aber Scholten weiß, dass sich die Zeiten seitdem radikal geändert haben. Damals arbeiteten allein bei Mannesmann noch 13.000 Menschen. Heute sind es nur noch 3000. Die SPD kann sich also nicht mehr nur auf ihre Wähler unter den Facharbeitern verlassen. „Damals war die Hälfte der SPD-Stadtverordneten Betriebsrat bei Mannesmann oder Siemens“, erinnert sich Scholten. „Heute haben wir eine extrem individualisierte Gesellschaft, in der viele Menschen glauben, dass sie alles selbst regeln können und keine starke Interessenvertretung mehr brauchen.“
Sie vom Gegenteil zu überzeugen, wird der SPD aus Scholtens Sicht nur dann gelingen, wenn sie zeitgemäße Formen der Kommunikation und der Parteiarbeit aufbaut, mit der sie Menschen ansprechen und begeistern kann, statt sie mit stundenlangen Sitzungen und Grundsatzdiskussionen abzuschrecken. „Wir müssen die Menschen vor der Haustür abholen und uns um die Probleme kümmern, die sie unmittelbar betreffen“, betont Scholten. Darüber hinaus müsse die SPD aus seiner Sicht strategische Zukunftsfragen, wie die Organisation der öffentlichen Personennahverkehrs oder die Gewinnung neuer Arbeitgeber überzeugend beantworten.
Dieser Text erschien am 24. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Der gerade 57 Jahre alt gewordene Mülheimer sieht sich selbst als „Kümmerer.“ Worum er sich als Parteivorsitzender kümmern muss, weiß Scholten aus seiner eignen Biografie. Als er 1973 in die SPD eintrat, hatte sie in Mülheim rund 5000 Mitglieder und regierte die Stadt mit absoluter Mehrheit. Heute gibt es gerade noch 2000 Mülheimer Sozialdemokraten, die bei der Kommunalwahl im Mai zwar stärkste Partei wurden, aber doch nur bescheidene 31,5 Prozent der Stimmen errangen. Selbst als die SPD vor 20 Jahren im Gefolge der Güllenstern-Ruske-Affäre ihre jahrzehntelange absolute Mehrheit verlor, konnte sie noch 40,7 Prozent der Mülheimer Wähler hinter sich vereinigen.
„Wir müssen unsere Mitglieder motivieren und politisch sprachfähig machen“, sagt Scholten. „Wenn jeder Sozialdemokrat nur zehn Bekannte anspricht, erreichen wir schon 20?000 Menschen und wenn die wieder andere Menschen ansprechen, können wir die ganze Stadt erreichen“, rechnet der neue SPD-Chef vor. Mit ganz unterschiedlichen Menschen, „vom Pförtner bis zum Unternehmensvorstand so sprechen zu können, dass sie mich verstehen“, sieht der Personalleiter als eine seiner Stärken, die er auch in die Parteiarbeit einbringen will.
„Der Informationsfluss zwischen Partei,- Fraktion und Ortsvereinen muss besser werden, damit auch die Genossen an der Basis wissen, was der aktuelle Stand unserer Politik ist und wie sie argumentieren und ihre Nachbarn überzeugen können.“
Auch den Draht zu den Betriebsräten und Betriebsgruppen will der neue SPD-Chef wieder stärker aktivieren. Er selbst kam durch seinen in der SPD-Mannesmann-Betriebsgruppe aktiven Vater und durch charismatische Sozialdemokraten, wie Brandt, Schmidt und Wehner zur SPD. Aber Scholten weiß, dass sich die Zeiten seitdem radikal geändert haben. Damals arbeiteten allein bei Mannesmann noch 13.000 Menschen. Heute sind es nur noch 3000. Die SPD kann sich also nicht mehr nur auf ihre Wähler unter den Facharbeitern verlassen. „Damals war die Hälfte der SPD-Stadtverordneten Betriebsrat bei Mannesmann oder Siemens“, erinnert sich Scholten. „Heute haben wir eine extrem individualisierte Gesellschaft, in der viele Menschen glauben, dass sie alles selbst regeln können und keine starke Interessenvertretung mehr brauchen.“
Sie vom Gegenteil zu überzeugen, wird der SPD aus Scholtens Sicht nur dann gelingen, wenn sie zeitgemäße Formen der Kommunikation und der Parteiarbeit aufbaut, mit der sie Menschen ansprechen und begeistern kann, statt sie mit stundenlangen Sitzungen und Grundsatzdiskussionen abzuschrecken. „Wir müssen die Menschen vor der Haustür abholen und uns um die Probleme kümmern, die sie unmittelbar betreffen“, betont Scholten. Darüber hinaus müsse die SPD aus seiner Sicht strategische Zukunftsfragen, wie die Organisation der öffentlichen Personennahverkehrs oder die Gewinnung neuer Arbeitgeber überzeugend beantworten.
Dieser Text erschien am 24. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Donnerstag, 27. November 2014
Wie in einem offenen Wohnzimmer: Im Jugendzentrum Stadtmitte wird Integration nicht gefordert, sondern gelebt und gefördert
Am 17. November verlieh der Integrationsrat der Stadt Mülheim, der 24 Mitglieder zählt, den mit 400 Euro dotierten Förderpreis für ein gedeihliches Miteinander und gegenseitige Integration.
Ausgezeichnet wurde der Verein für soziale Kinder- und Jugendarbeit, der neben dem Jugendzentrum an der Georgstraße auch die Jugendzentren an der Tinkrathstraße in Heißen, an der Leybankstraße in Winkhausen und an der Nordstraße in Dümpten betreibt.
In
Mülheim leben 168.000 Menschen aus mehr als 100 Nationen. Da hat
integrationsfördernde Jugendarbeit, wie sie jetzt vom Integrationsrat
auszeichnet worden ist, für die Stadtgesellschaft eine existenzielle Bedeutung. Wie
die aussehen kann, zeigt ein Besuch im Jugendzentrum an der Georgstraße.
Was den Charme des Jugendzentrums ausmacht, in dem Jugendliche aus 30 Nationen ihre Freizeit verbringen, bringt die 17-jährige Ayse, die hier gerade ein Schülerpraktikum absolviert hat, auf den Punkt: „Das ist hier, wie ein offenes Wohnzimmer. Man sitzt hier wie in einer Familie zusammen, isst, spricht und spielt miteinander.“
Ob Ayse türkische, Brian und Dennis deutsche, Leo und Bane serbische, Lewis kongolesische, George ghanaische oder Asen, Tosko und Damian bulgarische Wurzeln haben, interessiert keinen, wenn man gerade den nächsten Ausflug oder den nächsten Hiphop-Workshop plant, wenn man gemeinsam kickert, Billard spielt oder im Internet surft.
„Hier wird jeder mit offenen Armen aufgenommen, egal, wo er her kommt und wie der aussieht“, freut sich der 25-jährige Dennis.
„Wir drängen den Kindern und Jugendlichen, die freiwillig zu uns kommen nichts auf, sondern gehen auf ihre Wünsche ein und holen sie damit am ehesten von der Couch“, sagt die Sozialpädagogin Vahide Tig, die das Jugendzentrum zusammen mit ihren Kollegen Richard Grohsmann, Joshua Gans und Isabelle Wojcicki leitet. Dass nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Mitarbeiter des Jugendzentrums unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben, verbindet und macht die Arbeit leichter.
„Wenn ich hier nicht in den letzten fünf Jahren immer wieder Unterstützung und Vorbilder erlebt hätte, wäre ich meinen Weg nicht so gegangen, wie ich ihn gegangen bin“, betont der 23-jährige George, dessen Familie aus Ghana nach Deutschland kam. Mit einem Hiphop-Workshop an der Georgstraße fing alles an. Das Vorbild der hier geleisteten pädagogischen Arbeit inspirierte ihn, später selbst Sozialarbeit studieren zu wollen. Auch mit Hilfe des Lehrers Manfred Eker, der zweimal pro Woche mit Jugendlichen in kleinen Gruppen arbeitet, schaffte er den Sprung von der Hauptschule zum Gymnasium, machte sein Fachabitur und absolviert zurzeit eine Ausbildung als Integrationshelfer, mit dem Ziel später Sozialarbeit zu studieren. „Ich habe hier gelernt auf unterschiedliche Menschen zuzugehen und kulturelle Unterschiede nicht zu fürchten, sondern zu genießen“, sagt George.
Für den 15-jährigen Brian ist das Jugendzentrum, das auch mit Fußball- und Basketballturnieren, mit Koch- und Tanzgruppen oder mit Graffitiworkshops bei seinen jungen Besuchern punktet, „ein freundlicher Ort, an dem man Spaß haben kann und von der Straße wegkommt. Denn auf der Straße kommt man schnell mit Gewalt oder Drogen in Kontakt.“
Auch Asen (15) und Tosko (16), die es an diesem Nachmittag zum Billardtisch zieht, sind froh, mit dem Jugendzentrum an der Georgstraße einen Ort zu haben, „an dem man Freunde treffen und gemeinsam spielen kann, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen.“ Gäbe es das Jugendzentrum nicht, so vermuten sie „würden wir wahrscheinlich durch die Stadt spazieren.“
Für George steht fest: „Viele Jugendliche würden ihre Zukunft versauen, weil sie sich dann im Forum und am Hauptbahnhof treffen würden.“ Deshalb wünscht er sich auch mehr Geld für das Jugendzentrum, um Projekte und Personal finanzieren zu können.
Auch eine alleinerziehende Mutter, die gerade eine Weiterbildung absolviert, fühlt sich dem Jugendzentrum an der Georgstraße sehr verbunden, „weil meine Tochter hier ohne Anmeldung und viel Geld gute Erfahrungen machen kann und genauso gut wie bei mir zu Hause aufgehoben ist.“
Dieser Text erschien am 17. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Ausgezeichnet wurde der Verein für soziale Kinder- und Jugendarbeit, der neben dem Jugendzentrum an der Georgstraße auch die Jugendzentren an der Tinkrathstraße in Heißen, an der Leybankstraße in Winkhausen und an der Nordstraße in Dümpten betreibt.
Was den Charme des Jugendzentrums ausmacht, in dem Jugendliche aus 30 Nationen ihre Freizeit verbringen, bringt die 17-jährige Ayse, die hier gerade ein Schülerpraktikum absolviert hat, auf den Punkt: „Das ist hier, wie ein offenes Wohnzimmer. Man sitzt hier wie in einer Familie zusammen, isst, spricht und spielt miteinander.“
Ob Ayse türkische, Brian und Dennis deutsche, Leo und Bane serbische, Lewis kongolesische, George ghanaische oder Asen, Tosko und Damian bulgarische Wurzeln haben, interessiert keinen, wenn man gerade den nächsten Ausflug oder den nächsten Hiphop-Workshop plant, wenn man gemeinsam kickert, Billard spielt oder im Internet surft.
„Hier wird jeder mit offenen Armen aufgenommen, egal, wo er her kommt und wie der aussieht“, freut sich der 25-jährige Dennis.
„Wir drängen den Kindern und Jugendlichen, die freiwillig zu uns kommen nichts auf, sondern gehen auf ihre Wünsche ein und holen sie damit am ehesten von der Couch“, sagt die Sozialpädagogin Vahide Tig, die das Jugendzentrum zusammen mit ihren Kollegen Richard Grohsmann, Joshua Gans und Isabelle Wojcicki leitet. Dass nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Mitarbeiter des Jugendzentrums unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben, verbindet und macht die Arbeit leichter.
„Wenn ich hier nicht in den letzten fünf Jahren immer wieder Unterstützung und Vorbilder erlebt hätte, wäre ich meinen Weg nicht so gegangen, wie ich ihn gegangen bin“, betont der 23-jährige George, dessen Familie aus Ghana nach Deutschland kam. Mit einem Hiphop-Workshop an der Georgstraße fing alles an. Das Vorbild der hier geleisteten pädagogischen Arbeit inspirierte ihn, später selbst Sozialarbeit studieren zu wollen. Auch mit Hilfe des Lehrers Manfred Eker, der zweimal pro Woche mit Jugendlichen in kleinen Gruppen arbeitet, schaffte er den Sprung von der Hauptschule zum Gymnasium, machte sein Fachabitur und absolviert zurzeit eine Ausbildung als Integrationshelfer, mit dem Ziel später Sozialarbeit zu studieren. „Ich habe hier gelernt auf unterschiedliche Menschen zuzugehen und kulturelle Unterschiede nicht zu fürchten, sondern zu genießen“, sagt George.
Für den 15-jährigen Brian ist das Jugendzentrum, das auch mit Fußball- und Basketballturnieren, mit Koch- und Tanzgruppen oder mit Graffitiworkshops bei seinen jungen Besuchern punktet, „ein freundlicher Ort, an dem man Spaß haben kann und von der Straße wegkommt. Denn auf der Straße kommt man schnell mit Gewalt oder Drogen in Kontakt.“
Auch Asen (15) und Tosko (16), die es an diesem Nachmittag zum Billardtisch zieht, sind froh, mit dem Jugendzentrum an der Georgstraße einen Ort zu haben, „an dem man Freunde treffen und gemeinsam spielen kann, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen.“ Gäbe es das Jugendzentrum nicht, so vermuten sie „würden wir wahrscheinlich durch die Stadt spazieren.“
Für George steht fest: „Viele Jugendliche würden ihre Zukunft versauen, weil sie sich dann im Forum und am Hauptbahnhof treffen würden.“ Deshalb wünscht er sich auch mehr Geld für das Jugendzentrum, um Projekte und Personal finanzieren zu können.
Auch eine alleinerziehende Mutter, die gerade eine Weiterbildung absolviert, fühlt sich dem Jugendzentrum an der Georgstraße sehr verbunden, „weil meine Tochter hier ohne Anmeldung und viel Geld gute Erfahrungen machen kann und genauso gut wie bei mir zu Hause aufgehoben ist.“
Dieser Text erschien am 17. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Das Priesterbild im Wandel
„Wie stellen wir uns als Gemeinden darauf ein und was macht
das mit unserer Seelsorge?“ Das fragt sich nicht nur Theologe Jens Oboth,
sondern auch seine Tagungsgäste in der katholischen Akademie Die Wolfsburg
angesichts der nicht nur im Bistum Essen dramatisch gesunkenen Zahl von
Priestern und Priesteramtskandidaten. Gerade mal 14 junge Männer aus dem Bistum
studieren zurzeit katholische Theologie mit dem Ziel, Priester zu werden. Sie
tun es seit 2012 nicht mehr in einem Priesterseminar des Bistums Essen. Das
Bochumer Priesterseminar wurde mangels Masse mit dem des Bistums Münster
zusammengelegt.
Nicht aus der Hollywood-Perspektive, sondern aus ihrer theologischen Praxis nähern sich der für die Priesteramtskandidaten und das pastorale Personal des Bistums Essen zuständige Regens und Dezernent Kai Reinold und der als Pastoralpsychologe und Pastoraltheologe an der Hochschule Paderborn lehrende Christoph Jacobs dem Wandel des Priesterbildes.
Reinhold glaubt, dass sich Gemeindeleben und Priesterausbildung „so radikal verändern werden, wie wir es uns heute noch nicht vorstellen können.“ Vielleicht werde es in einigen Jahren nur noch drei Priesterausbildungsstätten in ganz Deutschland geben. Den auch demografisch bedingten Schrumpfungsprozess sieht er aber auch als Chance, „dass das Gemeindeleben in den kleineren Gemeinden intensiver werden und die Gemeinden sich wieder stärker auf ihre christlichen Wurzeln besinnen könnten.“ Frei nach dem Motto: Wo ein Problem heranwächst, da wächst auch die rettende Kraft für eine neue Lösung. Diakone und Gemeindereferentinnen, werden nach seiner Einschätzung immer mehr die Aufgaben übernehmen, die heute noch Pfarrer und Kapläne leisten. Wie Priesteramtskandidat David Bohle, kann sich Reinhold auch andere Formen der Priesterausbildung, etwa eine geistlichen Wohngemeinschaft im Pfarrhaus vorstellen, die dann direkt an eine Gemeinde angebunden ist und das Priesteramt in der pastoralen Realität trainiert. Priesterseminare, wie das bereits jetzt geschieht, auch für externe Veranstaltungen und Studierende zu öffnen, ist für ihn kein Tabu. Frauen in der Wohngemeinschaft des Priesterseminars? Dafür, so glaubt Reinhold, ist die Zeit noch nicht reif. „Denn die angehenden Priester müssen ja auch den Zölibat einüben.“
„Das Geschäft ist vorbei“, sagt der geistliche Rektor der Wolfsburg. Karl Georg Reploh, der vor 46
Jahren zum Priester geweiht wurde. Er mahnt, sich nicht länger auf die
geweihten Priester zu fixieren, sondern plädiert dafür, „das Volk Gottes in die
Seelsorge und Verkündigung konsequent einzubeziehen“ und sie zu einem
selbstständigen und selbstbewussten Priestertum der Gläubigen zu befähigen. Auch
der ehemalige Jesuitenschüler und Volkswirt Peter Schoess mahnt die Laien zu
einem Aufbruch aus geistlicher Passivität und Lethargie: „Manchmal meckern wir
Laien auch nur deshalb über unsere Hirten, weil wir uns selbst wie Schafe
benehmen“, kritisiert Schoess und fragt sich, wie Reploh auch, ob die Gemeinden
den Pflichtzölibat für Priester überhaupt noch akzeptieren. Ist der
Pflichtzölibat eine Beruf(ungs)bremse fürs Priesteramt? Nicht nur bei dieser
Frage wird deutlich, wie es Tagungsleiter Oboth formuliert, „dass der Wandel
des Priesterbildes ein Thema ist, in dem viele Emotionen stecken.“
Dieser Text erschien am 18. Oktober 2014 im Neuen Ruhrwort
„Viele Menschen kennen
Priester heute nur noch aus Film oder Fernsehen“, sagt Lisa Kienzl. Die
Religionswissenschaftlerin von der Universität Graz muss es wissen, hat sie doch
die mediale Inszenierung von Priesterbildern wissenschaftlich untersucht.
Es scheint eine Ironie der Geschichte. Je weniger die Kirche
im Dorf und der Pfarrer samt Kaplan in der Kirche ist, desto größer wird das
mediale Interesse an positiven Priesterfiguren. Ob Pater Brown oder Dornenvögel,
ob Mit Leib und Seele, Sister Act oder
Um Himmels Willen. Kienzl ist davon
überzeugt, dass das kein Nachteil sein muss und betont: „Auch wenn das
Priesterbild in vielen Filmen überhöht und idealisiert wird, kann doch auch das
oberflächliche Interesse an Priestern und ihrer Arbeit ein Punkt sein, an dem
Kirche anknüpfen und mit Menschen ins Gespräch kommen kann, um ihr Interesse zu
vertiefen.“
Nicht aus der Hollywood-Perspektive, sondern aus ihrer theologischen Praxis nähern sich der für die Priesteramtskandidaten und das pastorale Personal des Bistums Essen zuständige Regens und Dezernent Kai Reinold und der als Pastoralpsychologe und Pastoraltheologe an der Hochschule Paderborn lehrende Christoph Jacobs dem Wandel des Priesterbildes.
Reinhold formuliert es in seinem Vortrag unter anderem so: „Der ideale Priester der Zukunft ist kein
Idealbild, sondern ein realer Mensch mit einem reflektierten Wissen um seine
eigenen Stärken und Schwächen.“ Wie Reinhold geht auch der in der unter anderem
in der Priesterfortbildung tätige Jacob davon aus, dass die Gemeinden der
Zukunft kleiner und weniger priesterorientiert sein werden, ohne in der
Seelsorge, der Verkündigung oder auch in der Jugendarbeit ganz auf Priester verzichten
zu können und zu wollen. Jacobs und Reinhold sehen den Priester der Zukunft
mehr denn je als einen Teamarbeiter, der auch Menschen außerhalb der
Kerngemeinden ansprechen und für eine Mitarbeit gewinnen kann. Die beiden
katholischen Priester sind davon überzeugt, dass es nicht immer die hohe
Theologie oder Liturgie sein müssen, um Menschen, die nicht zur kleiner
werdenden Schar der Kirchgänger gehören zumindest punktuell anzusprechen und
ihnen eine gute Erfahrung zu vermitteln, die zum Ausgangspunkt einer neuen
Glaubensentdeckung werden kann, aber nicht muss.
Reinhold glaubt, dass sich Gemeindeleben und Priesterausbildung „so radikal verändern werden, wie wir es uns heute noch nicht vorstellen können.“ Vielleicht werde es in einigen Jahren nur noch drei Priesterausbildungsstätten in ganz Deutschland geben. Den auch demografisch bedingten Schrumpfungsprozess sieht er aber auch als Chance, „dass das Gemeindeleben in den kleineren Gemeinden intensiver werden und die Gemeinden sich wieder stärker auf ihre christlichen Wurzeln besinnen könnten.“ Frei nach dem Motto: Wo ein Problem heranwächst, da wächst auch die rettende Kraft für eine neue Lösung. Diakone und Gemeindereferentinnen, werden nach seiner Einschätzung immer mehr die Aufgaben übernehmen, die heute noch Pfarrer und Kapläne leisten. Wie Priesteramtskandidat David Bohle, kann sich Reinhold auch andere Formen der Priesterausbildung, etwa eine geistlichen Wohngemeinschaft im Pfarrhaus vorstellen, die dann direkt an eine Gemeinde angebunden ist und das Priesteramt in der pastoralen Realität trainiert. Priesterseminare, wie das bereits jetzt geschieht, auch für externe Veranstaltungen und Studierende zu öffnen, ist für ihn kein Tabu. Frauen in der Wohngemeinschaft des Priesterseminars? Dafür, so glaubt Reinhold, ist die Zeit noch nicht reif. „Denn die angehenden Priester müssen ja auch den Zölibat einüben.“
Montag, 24. November 2014
Die Menschen mitnehmen: Was können und müssen Laien in der katholischen Kirche leisten: Ein Gespräch mit den beiden Katholikenräten Wolfgang Feldmann (63) und Daniel Wörmann (28)
Kirchenaustritte, demografischer Wandel, Missbrauchsskandale,
Priestermangel. Weniger Kirchensteuer einerseits und Verschwendung von
Kirchengeldern andererseits. Die katholische Kirche hat viele Baustellen. Warum
lohnt es sich trotzdem oder gerade deshalb, als Laie in der Kirche aktiv zu
sein und sich auch für den Glauben zu engagieren? Und wie wird man auch in
Zukunft Menschen dafür begeistern und so Kirche und Glauben in unserer
zunehmend säkularen und multikulturellen Gesellschaft weiter leben können. Darüber
sprach das Neue Ruhrwort jetzt mit Wolfgang Feldmann und Daniel Wörmann, die
stellvertretend für zwei unterschiedliche Generationen aktiver Laien stehen.
Fangen wir
doch mal ganz grundsätzlich an: Warum glauben Sie eigentlich?
Feldmann: Weil ich als Kind mit Religion und Kirche
aufgewachsen bin. Vor allem durch den Einfluss meiner Großeltern waren das
Beten und der Gottesdienstbesuch für mich von Anfang an selbstverständlich.
Wörmann: Auch ich bin durch meine Familie in den Glauben
hineingewachsen und katholisch sozialisiert worden. Ich glaube aber auch, weil
ich weiß und spüre, dass da noch mehr sein muss und mehr ist, als das, was man
sehen und wissenschaftlich erklären kann. Da muss es jemanden geben, der das
Ganze lenkt. Das speist sich aus dem, was uns die Heilige Schrift gibt und was
wir als Gemeinschaft in der katholischen Kirche tun und weitergeben.
Warum lohnt
es sich aus Ihrer Sicht, sich ehrenamtlich in der katholischen Kirche zu
engagieren?
Feldmann: Ich habe nie Angst gehabt, meinen Mund aufzumachen
und zu sagen, was ich denke. Ich habe dann aber auch eingesehen, dass man nicht
nur kritisieren kann. Wer kritisiert, muss auch versuchen, selbst etwas besser
zu machen. Und das habe ich getan und dabei auch etwas bewegen können.
Wörmann: Ich halte es da mit Albert Schweitzer, der gesagt
hat: „Um Christ zu werden, reicht es nicht in die Kirche zu gehen. Man wird ja
auch kein Auto, wenn man in der Garage geht.“ Für mich geht es ganz konkret
darum, wie man Menschen mit der Frohen Botschaft und ihren Werten erreichen
kann, wenn man sie im Gottesdienst vielleicht nicht erreicht. Im Grunde dreht
sich alles um das Thema Nächstenliebe und die Frage, wie wir miteinander
umgehen und wie unsere Gesellschaft funktionieren soll. Da hat die katholische
Kirche den Menschen ganz viel zu sagen und mitzugeben.
Feldmann: Ich sehe das auch so. Wir müssen als Christen mit
offenen Augen durch die Welt gehen und sehen, wo Menschen unsere Hilfe und
Zuwendung brauchen. In unserer Gesellschaft sind viele Menschen alt und einsam.
Ich erlebe es bei meinem Engagement in der katholischen Ladenkirche immer
wieder, wie dankbar Menschen sind, die vielleicht eine schwierige
Lebenssituation durchmachen, wenn sie hier jemanden finden, der sich Zeit nimmt
und ihnen zuhört. Zeit und Zuwendung für Menschen, die einsam und in Not sind.
Das ist eine wichtige Aufgabe der katholischen Kirche.
Müssen auch
die Laien in der katholischen Kirche ihre Organisationsstrukturen überdenken?
Brauchen wir noch Katholikenräte?
Wörmann: Die Strukturfrage ist für mich nicht die erste
Frage. Sondern es geht darum, welche Schwerpunkte wir in unseren Gremien setzen
wollen. Und ich erlebe das gleiche, wie Herr Feldmann, wenn ich Ferienfreizeiten
für Kinder und Jugendliche organisiere und dafür auch um Spenden bitte, damit
auch die Kinder mitfahren können, deren Eltern sich sonst keinen Urlaub
erlauben können. Wenn mich diese Kinder dann nach der Freizeit anstrahlen und
sagen: Das war toll. So etwas erlebe ich sonst nie. Dann ist das doch das
besondere, was Kirche ausmacht und uns trägt. Wir müssen uns als Katholikenräte
fragen, mit welchen Themen können wir Menschen ansprechen, begeistern und
mitnehmen. Und man kann Menschen mitnehmen. Das erlebe ich, wenn sich der
Katholikenrat in Duisburg zum Beispiel für Flüchtlinge und die Schaffung einer
Willkommenskultur einsetzt und damit auch anderslautenden Forderungen von
Rechtsradikalen entgegentritt. Dann wird katholische Kirche plötzlich ganz
positiv wahrgenommen.
Feldmann: Wenn wir Menschen ansprechen und Themen in der
lokalen Öffentlichkeit setzen und Stellung beziehen wollen, brauchen wir aber
auch auf der stadtkirchlichen Ebene eine professionelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Diese im Rahmen der Umstrukturierung 2006 abgebaut zu haben, war aus meiner
Sicht ein schwerer Fehler. Außerdem müssen wir, auf Sicht, wie in Lateinamerika.
dafür sorgen, dass. wenn es künftig weniger Pfarrgemeinden, Priester und
Kirchen geben wird, dass sich dann kleine Basisgemeinden vor Ort bilden, in
denen zuvor dafür ausgebildete Laien auch Seelsorgeaufgaben übernehmen können,
damit wir auch in Zukunft die Frohe Botschaft weitergeben können.
Wie aber
kann man künftig vor allem junge Menschen für den christlichen Glauben gewinnen
und ansprechen, wenn es das katholische Milieu nicht mehr gibt?
Wörmann: Das ist die Königsfrage. Wir müssen als katholische
Kirche offener sein für die, die kommen, und ihnen auch zeigen, dass sie auch
dann gerne gesehen sind, wenn sie sich vielleicht nur zeitweise und für
einzelne Projekte engagieren wollen. Wir haben in der Jugendarbeit gute
Erfahrungen damit gemacht, regelmäßige Angebote, die wir personell nicht mehr
stemmen können, durch punktuelle Events zu ersetzen und damit Jugendliche zu
erreichen und zu begeistern. Jugendliche sind heute natürlich auch mobiler und
nicht mehr an eine Pfarrgemeinde gebunden. Und wenn sie bei sich vor Ort kein Angebot
finden, das sie anspricht, ist es für sie auch kein Problem zu einem
jugendpastoralen Zentrum oder einer Jugendkirche in eine andere Stadt zu
fahren. Die Inhalte sind nicht das Problem. Man kann Jugendliche ansprechen.
Das hängt natürlich auch von Personen und ihrem Lebensbeispiel ab, das sie ihnen
geben. Wichtig ist aber auch, dass wir das nicht alles ehrenamtlich leisten
können, sondern hauptamtliche Strukturen brauchen, die ehrenamtliches
Engagement unterstützen und begleiten.
Feldmann: Menschen wollen sich heute nicht mehr über 20 Jahre
mit einer bestimmten Funktion binden. Sie sind aber in allen Generationen
bereit, sich für zeitlich begrenzte Projekte zu engagieren und dafür Zeit und
Arbeit einzusetzen. Ich habe das erlebt, als wir hier in Mülheim die
katholische Ladenkirche aufgebaut haben und auf die Straße gegangen sind, um
mit den Menschen das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche zu
diskutieren. Und ich erlebe es auch derzeit bei der Vorbereitung des Barbaramahls,
das Ende November in der Dümptener Barbarakirche stattfinden und Spenden
zugunsten der lokalen Hospizarbeit einspielen wird. Das funktioniert aber nur
dann, wenn an der Spitze der Gemeinde auch eine charismatische
Priesterpersönlichkeit steht, die andere Menschen ansprechen und mitreißen
kann.
Was sagen
Sie den Menschen, die aus der Kirche austreten, auch deshalb, weil sie sagen:
Ich brauche keine Kirche, um zu glauben?
Wörmann: Auch wenn wir die Amtskirche kritisieren, muss es so
etwas, wie Kirche geben. Denn sonst verliert die Kirche ihre klare Linie und
der christliche Glaube würde der individuellen Willkür unterliegen. Aber wir
dürfen nie vergessen, dass Strukturen, wie immer sie auch heißen, dem Inhalt
der Frohen Botschaft dienen müssen. Und aus ihr heraus müssen wir erkennen, was
jetzt anliegt und was das für uns bedeutet. Entscheidend ist, dass wir, wie
Jesus, immer wieder auf die Menschen zugehen und erkennen, was sie brauchen.
Feldmann: Glauben ist natürlich eine persönliche
Angelegenheit. Aber ich kann mir nicht vorstellen, für mich alleine und ohne
Menschen zu glauben, die auch glauben. Es macht Freude, den Glauben in einer
Gemeinschaft miteinander zu teilen und die Frohe Botschaft zu verkünden. Das
ist für uns Christen ganz wesentlich. Und ich vertraue hier mit Blick auf die
Zukunft und vor dem Hintergrund meiner eigenen Lebenserfahrung auf die Kraft
des Heiligen Geistes und auf die Kraft des Gebetes. Es wird immer wieder
Menschen geben, die aus ihrem Glauben heraus sagen: Ich mache das jetzt und ich
bin dafür verantwortlich. Und wenn die Laien vor Ort wissen, dass sie sich
nicht in jeder Frage an einen Priester wenden müssen und wenden können, weil er
vielleicht nur noch alle zwei Monate vorbeikommt, um mit ihnen die Heilige
Messe zu feiern, dann wird das zwangsläufig auch den Zusammenhalt und die
Selbstständigkeit der Laien vor Ort stärken. Denn Verwaltungsaufgaben kann man
vielleicht zentral organisieren. Doch bei der pastoralen und seelsorgerischen
Arbeit funktioniert das eben nicht. Und hier werden Laien künftig eine viel
größere Rolle spielen.
Zur Person:
Wolfgang
Feldmann ist 63 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen
Kindern. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er in der pharmazoltischen
Industrie. Bevor er 2002 den Vorsitz des Mülheimer Katholikenrates übernahm,
war er über 20 Jahre Vorsitzender des Pfarrgemeinderates in St. Barbara
(Mülheim-Dümpten). Nach seiner Wahl zum Katholikenratsvorsitzenden gehörte
Feldmann auch dem Diözesanrat und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken
an. Vor kurzem hat er sein Ehrenamt in der katholischen Stadtkirche an seinen
bisherigen Stellvertreter Rolf Völker abgegeben.
Daniel Wörmann ist 28 Jahre alt. Er hat Betriebswirtschaft und
Sozialarbeit in Bochum studiert und arbeitet seit eineinhalb Jahren in der
Personalabteilung des Bistums Essen. Wörmann hat sich bereits früh als
Meßdiener und in der katholischen Jugendarbeit engagiert. Er kommt aus der
Duisburger Gemeinde St. Josef (Hamborn), die zur Pfarrei St. Johann gehört.
Seit einem halben Jahr steht er an der Spitze des Duisburger Katholikenrates.
Wörmann ist ehrenamtlich nicht nur für die katholische Kirche, sondern auch in
der Kommunalpolitik aktiv. Für die CDU saß er zwischen 2009 und 2014 in der Bezirksvertretung.
Inzwischen arbeitet er als sachkundiger Bürger im Schul- und im
Jugendhilfeausschuss des Duisburger Stadtrates mit
Dieser Text erschien am 1. November 2014 im Neuen Ruhrwort
Dieser Text erschien am 1. November 2014 im Neuen Ruhrwort
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