Donnerstag, 19. November 2020

Post von Joanne K. Rowling

 „Als der erste Lockdown begann und es sich abzeichnete, dass wir uns länger nicht sehen werden, war meinen Kollegen und mir klar, dass wir unseren Schülern etwas Schönes mit nach Hause geben mussten, mit dem sie sich gerne und kreativ beschäftigen konnten“, erklärt Deutschlehrer Tobias Keller. Dieser Impuls setzte an seiner Schule, dem Gymnasium Broich, ein außergewöhnliches Leseförderprojekt in Gang. Keller, selbst Autor von zwei Komödien, die im Deutschen Taschenbuchverlag erschienen sind, gab den Schülern seiner Klasse, der 6d, nicht irgendein Buch, das er für pädagogisch und literarisch wertvoll hielt, mit in das von der Corona-Pandemie erzwungene Home-Schooling. Er forderte sie auf: „Lest einfach ein Buch, dass ihr immer schon mal lesen wolltet.“

Genau das taten sie dann auch. Aber sie beließen es nicht nur beim Lesen, sondern setzten sich anhand von zehn Aufgaben, die ihnen Keller mitgegeben hatte, tiefergehend mit ihrer Lieblingslektüre auseinander. Da wurden Szenen aus dem Buch wie auf einer Theaterbühne im Kleinformat eines Schuhkartons nachgebaut oder in Bildern und Comics nachgemalt. Da wurden Szenen und Charaktere perspektivisch und inhaltlich umgeschrieben. Und last, but not least schrieben die Kinder abschließend einen Brief an den Autor oder die Autorin ihres gelesenen und eingehend auseinandergenommen Buches. Tobias Keller freut es, dass alle Autoren ihren jungen Lesern und Rezensenten vom Gymnasium Broich geantwortet haben, sei es mit einem ausführlichen Brief oder auch nur mit wenigen Zeilen auf einer Postkarte.

Post von Joanne K. Rowling

Den Vogel schoss dabei Clara Busse ab. Sie hatte sich für den ihr bis dahin unbekannten Fantasie-Roman über den Zauberlehrling Harry Potter entschieden und es nicht bereut.
„Erst konnte ich damit gar nichts anfangen, aber dann gefiel es mir immer besser. Ich habe es plötzlich geliebt und konnte mit dem Lesen gar nicht mehr aufhören“, erzählt Clara. Und siehe da: Auch die britische Bestsellerautorin schrieb zurück und legte einen Zauberstab bei. Außerdem berichtete sie Clara von den Plänen für ein Theaterstück über ihren literarischen Zögling Harry Potter.  „Das hat viel Spaß gemacht. Es ist etwas anderes, wenn man ein Buch liest, das man nicht vorgegeben bekommen, sondern sich selbst ausgesucht hat“, sagt Clara. Sie fand an dem Lesestoff besonders ansprechend, „dass hier ein benachteiligter Junge zu einem guten Zauberer wird.“

Ihr Klassenkamerad Simon Adam setzte sich mit Marc Uwe Klings „Känguru-Chroniken“ auseinander, die er zuvor schon als Hörspiel kennen gelernt hatte. „Ich mag lustige Bücher. Und Schullektüre ist nicht dauernd lustig“, erklärt er seine Wahl. Besonders beeindruckt hat ihn, „dass das Känguru mit seiner Meinung nie hinterm Berg hält und alle Leute, die ihm dumm kommen, locker an die Wand redet.“ Seine Frage, woher er seine Ideen für seine Bücher bekomme, beantwortete Marc Uwe Kling nicht wirklich erhellend, aber dafür witzig. „Ich kaufe sie im Supermarkt, aber nicht bei Lidl!“ Simon klärt auf: „Das ist ein Insiderwitz, weil sich das Känguru immer über die schlechten Arbeitsbedingungen bei Lidl aufregt.“ Simon hat nach der Lektüre das Gefühl, dass durchs Lesen mein Allgemeinwissen wächst.

"Es war perfekt!"

„Es war perfekt“, urteilt seine aus den Niederlanden stammende Mitschülerin Ellis van Gessel über ihr Leseerlebnis mit Oliver Uschmanns Roman „Meer geht nicht“ Ihr hat das Buch deshalb so gut gefallen, „weil es ein spannender Roman ist, in dem Freunde gemeinsam Abenteuer erleben.“ Auch mit dem Brief des Autors ist sie sehr zufrieden. „Er hat alle meine Fragen beantwortet“, sagt sie. Ihr Bruder und Klassenkamerad Warner hat sich ebenfalls für einen Roman, in diesem Fall „Finn released“ von Oliver Uschmann, entschieden, in dem Freunde gemeinsam ein Abenteuer erleben und der Titelheld Finn sich vor allem durch ein sehr laxes Verhältnis zur Wahrheit auszeichnet.

„Wenn man liest, kann man sich alles im Kopf vorstellen. Mir hat die Geschichte vor allem deshalb gefallen, weil hier Freunde beschrieben werden, die sich manchmal streiten, dann aber doch zusammenhalten und sich gegenseitig helfen“, erklärt Warner van Gessel. Auch Oliver Uschmanns Motivation, „lustige Bücher zu schreiben“, weil er selbst viele lustige Bücher gelesen hatte und selbst mal ein solches schreiben wollte, kann Warner, der eine Szene des Romans in einem Comic gezeichnet hat, gut nachvollziehen. Hier schließt sich für Deutsch- und Klassenlehrer Tobias Keller der Kreis. Er sagt: „Lesen fördert nicht nur die Fantasie und das Allgemeinwissen, sondern auch die Fähigkeit, sich mit den grundsätzlichen Fragen des menschlichen Lebens auseinanderzusetzen.“


Dieser Text erschien am 10. November 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

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