Direkt zum Hauptbereich

Altersarmut: Was bedeutet sie und wie könnte man sie überwinden: Ein Gespräch mit Betroffenen

Altersarmut ist für Birgit M. (61) und Klaus Peter Jesko (63) kein akademisches Zukunftsthema, sondern Gegenwart und Alltagsrealität. Beide leben heute von Arbeitslosengeld II und werden auch im Rentenalter nicht über die soziale Grundsicherung hinauskommen, obwohl beide eine gute Ausbildung absolviert und 35 Jahre als Arbeitnehmer in die Sozialversicherung eingezahlt haben.

Birgit M. und Klaus-Peter Jesko begannen ihr Berufsleben mit einer kaufmännischen Ausbildung im Einzelhandel. „Das hilft uns auch heute, mit wenig Geld gut umzugehen und auszukommen“, sagen beide. Sie studierte später Betriebswirtschaft und Innenarchitektur und machte Karriere in der Möbelbranche. Er blieb im Einzelhandel und arbeitete zunächst als Verkäufer und später als stellvertretender Abteilungsleiter in verschiedenen Kaufhäusern.

Doch dann wurden sie mit Anfang und Mitte 50 Opfer von Rationalisierungen, Insolvenzen und Geschäftsaufgaben. Auch danach gaben sie nicht auf, bewarben sich hundertfach oder versuchten über Zeitarbeit einen Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt. „Aber irgendwann hielt ich diese moderne Sklaverei und die vielen unentgeltlichen Überstunden nicht mehr aus“, erinnert sich Birgit M.. Bei Jesko kam eine Hüftoperation hinzu, die ihn für eineinhalb Jahre außer Gefecht setzte. Beide suchen zwar noch nach einem Job, sehen ihre Erfolgsaussichten aber als gegen Null gehend an. „Ich bin zu jung für die Rente, aber zu alt für den Arbeitsmarkt“, sagt die 61-Jährige. „Als älterer Bewerber wird man auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr ernst genommen, weil der Arbeitsmarkt sich heute sehr schnell verändert und viele Personalchefs Angst haben, dass man nicht mehr belastbar ist“, meint Jesko.

Beide wissen, dass viele Personalchefs, dem demografischen Wandel zum Trotz, schon bei Bewerbern dies- und jenseits der 50 die Nase rümpfen. „Sie passen bei uns nicht ins Bild“, musste sich Birgit M. schon mal nach einem Bewerbungsgespräch sagen lassen.

Beide haben aus der Not eine Tugend gemacht und holen sich heute ihre Anerkennung und ihre sozialen Kontakte, die sie im Berufsleben nicht mehr bekommen können, im sozialen Ehrenamt, etwa beim Diakoniewerk, bei der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas oder beim Styrumer Treff für aktive Arbeitssuchende. „Ich habe das Glück, dass ich auf Menschen zugehen kann, aber Altersarmut versteckt sich“, sagt Birgit M. Auch Jesko weiß: „Die Leute kommen nicht raus, weil sie sich für ihre Armut schämen und nicht als faul und gescheitert abgestempelt werden wollen.“

Beide sind sich einig: „Die Deutschen sind sehr leidensfähig, aber irgendwann läuft das Fass über.“ Aber was tun, damit demografischer Wandel und massenhafte Altersarmut, wenn nicht heute, dann vielleicht morgen oder übermorgen zum sozialen Sprengstoff werden?

„Wir brauchen wieder mehr ordentlich bezahlte Arbeitsplätze, die auch Luft für Altersvorsorge lassen“, glaubt Birgit M. und fügt hinzu: „Es kann doch nicht sein, dass wir Export-Weltmeister sind und gleichzeitig Menschen bei uns auf dem Arbeitsmarkt als Minijobber und prekär Beschäftigte geknechtet und mit der permanenten Angst um ihren Arbeitsplatz zu unkreativen Duckmäusern gemacht werden.“

Für Jesko steht fest: „Die Politik in unserem Land wird zu stark durch Kapitalinteressen gesteuert. Wir brauchen eine Politik, die dafür sorgt, dass alle Berufstätigen, unabhängig von ihrem Einkommen und ihrem Beruf in einem gemeinsame Sozial- und Rentenversicherung einzahlen.“

Aus seiner Sicht kann Altersarmut und sozialer Unfrieden nur dann verhindert werden, wenn Unternehmen nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Europäischen Union durch einheitliche Sozial- und Wirtschaftsstandards gesetzlich dazu verpflichtet werden, Tarifverträge einzuhalten und ihre Steuern auch in dem Land zu bezahlen, in dem sie ihre Gewinne erwirtschaftet haben. Darüber hinaus plädiert Jekso für eine gerechtere Verteilung der Arbeit und ihrer Entlohnung. „Es darf nicht sein, dass ein Manager 5000 Euro pro Stunde und eine Toilettenfrau nur 5 Euro pro Stunde verdient“, findet er und liebäugelt mit der Einführung einer 30-Stunden-Woche, um mehr Menschen in Arbeit zu bringen.

Für Birgit M. gibt es angesichts des sich abzeichnenden demografischen und sozialen Wandels, nur einen Weg, um den sozialen Frieden zu erhalten: „Politik und Wirtschaft müssen sich von der Gewinnmaximierung für wenige verabschieden und sich wieder an den menschlichen Grundbedürfnissen orientieren, die sich nicht verändert haben. Denn alle Menschen brauchen eine Aufgabe und Anerkennung. Sie wollen Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit. Und sie wollen sich ihren Lebensunterhalt selbstständig erarbeiten.“

Dieser Text erschien am 17. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…