Mittwoch, 29. August 2012

Eine Caritas-Studie zeigt, dass sich Investitionen in die offene Ganztagsgrundschule auszahlen

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. In Mülheim funktioniert dieses Dorf. Diesen Eindruck haben Caritas-Geschäftsführerin Regine Arntz und ihr für Schule und Jugend zuständiger Abteilungsleiter Georg Jöres zumindest, wenn sie die Vergleichszahlen einer Studie über Bildungschancen lesen, die der Caritasverband Deutschlands zusammen mit dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung erstellt hat. Danach verlassen im Bundesdurchschnitt rund 7,2 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss. In Mülheim sind es dagegen nur 5,2 Prozent.


„Bei uns gibt es den politischen Willen, in Bildung und vorbeugende Hilfen zu investieren und von Seiten der Stadt auch mit den Sozialverbänden zu kooperieren und dabei stadtteilorientiert zu denken“, zitiert Jöres die wichtigsten Erfolgsfaktoren, die in der Studie dafür genannt werden. „Wir sind besonders nah dran und kennen die Probleme vor Ort“, erklärt Arntz, warum die Kooperation von Stadtverwaltung und Wohlfahrtsverbänden Sinn macht.

Mit Unterstützung von Caritas, Diakonie und Arbeiterwohlfahrt hat die Stadt ein flächendeckendes Unterstützungsangebot aufgebaut, von dem nicht nur die 24 Grundschulen der Stadt profitieren, die inzwischen flächendeckend zu offenen Ganztagsgrundschulen geworden sind.

Aus Sicht von Jöres hat es sich vor allem ausgezahlt, in der OGS-Betreuung auf Fachkräfte, in der Regel Sozialpädagogen oder Erzieher, zu setzten.

Die Bandbreite reicht von der Hausaufgabenbetreuung über Elternberatung und Elternbildung bis hin zum sozialen Kompetenz-Training für Schüler. „Auch das ist wichtig, Kindern zu zeigen, dass jeder seine Stärken hat und man Konflikte auch lösen kann, ohne den großen Hammer herauszuholen“, betont Arntz. Und Jöres fügt hinzu: „Wenn Kinder in der Schule motivierter sind und mehr Spaß haben, dann haben sie am Ende auch Erfolg.“

Besonders freuen sich die beiden, dass die Sozialverbände von der Stadt für ihre unterstützende Sozial- und Betreuungsarbeit im Rahmen der OGS bis 2015 Planungssicherheit bekommen haben. Außerdem profitieren die Sozialverbände von 450?000 Euro aus dem Bundeshaushalt, die es ihnen erlauben, ab dem kommenden Schuljahr an ihren OGS-Standorten auch Schulsozialarbeiter einzusetzen.

„Da haben wir Handlungsbedarf signalisiert“, betont Jöres, Er versteht die neuen Schulsozialarbeiter auch „als Brückenbauer“, die Kindern und ihren Eltern in schwierigen Lebenssituationen (wie Scheidung, Arbeitslosigkeit oder häusliche Gewalt) Einzelfallhilfe leisten und weitergehende Hilfen vermitteln können, „damit die Kinder in der Schule den Kopf wieder frei bekommen.“

Außerdem will die Caritas im Herbst ihre Lernförderung ausbauen und auf dem Kirchenhügel ein Lernstudio einrichten.

Laut Minka Gerent, die als pädagogische Fachberaterin beim Jugendamt für die Offene Ganztagsgrundschule zuständig ist, kostet die Mülheimer OGS-Betreuung jährlich 6,9 Millionen Euro. Davon kommen 4,5 Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt, Der Rest wird über Fördermittel des Landes und durch Elternbeiträge finanziert. Im abgelaufenen Schuljahr konnten nach ihren Angaben 33,9 Prozent der 5752 Grundschüler im Rahmen der OGS und weitere 10,5 Prozent im Rahmen der verlässlichen Grundschule von 8 bis 13 Uhr betreut werden. 212 unversorgte Grundschulkinder standen noch Anfang des Jahres auf einer Warteliste. Mit jeweils mehr als 20 Kindern ist die Warteliste an der Martin-von-Tours-Schule in der Stadtmitte, an der Gemeinschaftsgrundschule Sunderplatz in der Heimaterde und an der Gemeinschaftsgrundschule Styrum besonders lang.

Hier wird deshalb, laut Ratsbeschluss, im kommenden Schuljahr jeweils eine zusätzliche OGS-Gruppe eingerichtet. Der Rat entscheidet jeweils auf der Basis der örtlichen Anmeldezahlen über die Einrichtung von OGS-Gruppen. Über die Vergabe der Plätze entscheidet die jeweilige Schulleitung auf der Grundlage eines sozialen Kriterienkataloges. Schulleitungen müssen sich zum Beispiel fragen: „Sind die Eltern berufstätig oder alleinerziehend? Und hat das entsprechende Kind einen besonderen Betreuungs- und Förderbedarf?“

Für jede erste OGS-Gruppe eines Schulstandortes stehen zwei- und für jede weitere Gruppe 1,5 Vollzeitstellen zur Verfügung. In jeder Gruppe können 20 bis 30 Kinder betreut werden, wobei Kinder mit besonderem Förderbedarf aufgrund der höheren Betreuungsintensität doppelt gerechnet werden.

Georg Jöres ist sicher, dass sich die Investitionen in die OGS langfristig auszahlen, weil sich schon jetzt zeige, dass unterstützende Sozialarbeit an den Schulen zu besseren Schulabschlüssen und Berufschancen und damit zu weniger Ausgaben für soziale Hilfeleistungen führen werde.

Dieser Beitrag erschien am 9. August 2012 in der NRZ

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