Donnerstag, 28. Dezember 2023

Asterix und Obelix lassen grüßen

 Kultur funktioniert auch ohne Kommerz. Das beweisen die Regler seit 20 Jahren in der Freilichtbühne an der Dimbeck. Seit zehn Jahren managen sie dort den Bühnenbetrieb. Chefregler Hans Uwe Koch, der selbst aus der Musikszene kommt, spricht angesichts der 250 eingeschriebenen Regler und ihrer etwa 25 aktiven Helfer und Helfershelfer mit einem Augenzwinkern von einem "gallischen Dorf" in einer weitgehend kommerziellen oder steuerfinanzierten Kulturlandschaft. Asterix und Obelix lassen grüßen.

Allein in der zurückliegenden Spielzeit haben die Regler 62 Kulturveranstaltungen über die 1936 eröffnete Freilichtnühne gehen lassen und damit 65.000 Besucher begeistert. Konzerte unterschiedlicher Musikrichtungen, Theater, Comedy, Feste, Lichtkunst und naturwissenschaftliche Experimentalshows. "Wir sind auf kein Genere festlegt", erklärt Hans Uwe Koch einen Startvorteil der Regler.

Einen weiteren Vorteil sieht er darin, "dass wir keine finanziellen Entscheidungsschranken aufrichten und damit kulturinteressierte Menschen ausschließen und statt dessen auf den Hut spielen."

Statt festgelegter Eintrittsgelder gilt bei Veranstaltungen in der Freilichtbühne: "Der Hut geht rum!" Jeder Gast gibt, was er will. Dass 2023 auf dieser Geschäftsgrundlage 148 Künstler aus dem In- und Ausland in der Freilichtbühne aufgetreten sind, spricht für den Erfolg des Systems.

"Die Menschen sind offener. Sie kommen ohne festgelegte Erwartungshaltung und lassen sich deshalb auch positiv überraschen", beschreibt Koch das Erfolgsrezept des Der-Hut-geht-rum-Prinzips.

Allerdings lässt er auch keinen Zweifel daran, dass der Kultur Freilichtbühne, der seine historischen Höhepunkte als Theater- und Orchesterbühne in den 1950er Jahren und als Schauplatz der Karl-May-Festspiele im Sommer 1971 erlebte, nicht nur mithilfe des kreisenden Hutes und des Ehrenamtes funktioniert. Ohne Sponsoren aus der lokalen und regionalen Wirtschaft, siehe: Regler Produktion e.V. | Freilichtbühne Mülheim an der Ruhr – OpenAir Germany (wordpress.com), die die Regler mit Geld- und Sachleistungen unterstützen, wäre die Kulturlandschaft in der grünen Innenstadt-Oase nicht aufrechtzuerhalten.


 Autor

Sonntag, 24. Dezember 2023

Blick ins Heilige Land

Weihnachten 2023 ist leider nicht nur im Heiligen Land kein Fest des Friedens. 

Mit einem Schwarz-Weiß-Denken kann man den Nahost-Konflikt nicht begreifen, geschweige denn lösen. Das begreift man wenn man mit Dr. Ribhi Yousef über eben diesen Konflikt der nun schon 75 Jahre wert ins Gespräch kommt. Angesichts des Terroraktes in der Hamas vom 7 Oktober 2023 gibt es auch im Gespräch mit dem 67-Jährigen Chemiker, der als Sohn einer liberalen muslimischen Familie im Westjordanland geboren worden ist und seit 1977 in Deutschland lebt, keine zwei Meinungen. 

Die Abscheulichkeit und Menschenverachtung der Gräueltaten vom 7 Oktober stehen für den Vizepräsidenten der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft außer Frage. Auch wenn seine Gesellschaft den Terrorakt der Hamas auf ihrer Internetseite: www.dpg-netz.de verurteilt hat, wird Yousef nachdenklich, wenn er mit der Forderung konfrontiert wird, dass sich alle Palästinenser vom Hamas-Terror distanzieren müssen, weil das in seinen Augen suggeriert, dass alle Palästinenser mit der Hamas sympathisieren würden. "Das Gegenteil ist aber der Fall. Nur die wenigsten haben Sympathien für Hamas", sagt Yousef. 

Der Terrorakt der islamistischen Organisation, die seit 2006 den Gazastreifen regiert und die ebenso verheerende Reaktion der israelischen Armee können nach seiner Ansicht keinen Frieden, sondern nur zum Entstehen neuer Gewalt und zu neuem Extremismus führen. "Gewalt und Extremismus sind aber kein Teil der Lösung, sondern ein Teil des Problems", unterstreicht Yousef, der bis zu seiner Pensionierung beim Umweltamt der Stadt Duisburg gearbeitet hat und seit 40 Jahren mit einer deutschen Frau verheiratet ist. 

In der Zivilgesellschaft nimmt Yousef die Bereitschaft wahr, "das Problem so differenziert und komplex zu betrachten, wie es ist, während die Regierungspolitik auf deutscher und israelischer Seite leider sehr einseitig zu Lasten der Palästinenser agiert." Wer den Nahostkonflikt wirklich friedlich lösen will, davon ist Ribhi Yousef überzeugt, "muss nicht nur das Unrecht das islamistischen Terrorismus, sondern auch das Unrecht der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik in den palästinensischen Gebieten überwinden." Entscheidend ist für ihn, "dass Israelis und Palästinenser auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch kommen und sich als gleichberechtigt akzeptieren und dementsprechend auch die existenziellen Interessen des jeweils anderen anerkennen." Einen Versöhnungsweg, wie er 1990 bei der Überwindung der Apartheid in Südafrika eingeschlagen wurde, hält Yousef auch mit Blick auf den Nahen Osten für denkbar und wünschenswert. Ob ein solches friedliches Miteinander oder eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern am Ende dann in einem gemeinsamen oder in zwei voneinander unabhängigen Staaten organisiert werden könnte, ist für ihn zweitrangig.

Mit Sorge sieht der Mann, dessen Familie nach dem Sechstagekrieg 1967 ihre Heimat in Richtung Jordanien verlassen musste, die Polarisierung, die der jüngste Nahostkrieg auch in der deutschen  Gesellschaft ausgelöst hat. Deshalb würde er, der sich über viele Jahre in Mülheimer Friedensforum und für eine Städtepartnerschaft zwischen Mülheim, dem israelischen Kfar Saba und dessen palästinensischer Nachbargemeinde Qalqilia eingesetzt hat, auch in unserer Stadt einen interreligiösen deutsch-israelisch palästinensischen Friedensdialog anregen wollen.


Derr Autor & Die DPG

Samstag, 23. Dezember 2023

Systemrelevant

 Viele Menschen treten aus der Kirche aus, auch wenn sie sich mit dem christlichen Glauben verbunden fühlen. "Ich kann auch für mich alleine glauben. Mein Glaube ist unabhängig von der Kirche." Sie haben recht. Und doch sehen sie nur die halbe Wahrheit. Das heute nur noch 80.000 der 175.000 Mülheimer Mitglied einer christlichen Kirche sind, hat seine Gründe. Reformunfähigkeit der römischen Kurie und der moralische GAU des  sexuellen Missbrauchs durch Priester sind in der katholischen Kirche nur zwei zentrale Ursachen dafür, dass selbst bisher aktive Kirchenmitglieder über Austritt nachdenken oder ihn schon vollzogen haben. Was viele KirchenaustreterInnen nicht sehen ist, dass sie mit ihren verständlichen Schritt gesellschaftspolitische Organisation schwächen, die in Wort und Tat der zunehmenden Ökonomisierung unserer Gesellschaft eine soziale Ethik der Menschenwürde entgegenhalten und damit, all ihren unbestreitbaren Defiziten zum Trotz, einen aktiven Beitrag zum Schutz der Menschenwürde leisten, der nicht von ungefähr im Artikel 1 unseres Grundgesetzes steht und in dessen Artikel 79 mit einer Ewigkeitsklausel versehen ist. 

Mit der katholischen Caritas und dem evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr haben im Dezember gleich zwei wichtige kirchliche Akteure einen Führungswechsel vollzogen. Damit haben sie das Personal gewechselt. Aber die Aufgaben bleiben. Dass die neuen Caritas-Vorstände Stefani Harrenberg und Georg Jöres von ihren in den Ruhestand verabschiedeten Vorgängerinnen Regine Arntz und Martina Pattberg einen Sozialverband übernehmen, dessen hauptamtliche Mitarbeiterzahl in ihrer Amtszeit von 72 auf 400 angestiegen ist, die zum Beispiel in der Familienhilfe, in der Erziehungsberatung, in der Betreuung psychisch kranker Menschen sowie in der Kindertagesstätten,- Schul- und Jugendarbeit aktiv sind, zeigt, dass es sich hier nicht um einen kirchlichen Selbstzweck, sondern um ein zunehmendes gesellschaftliches Bedürfnis handelt. Und was für die 1920 vom Ruhrpastor Konrad Jakobs gegründete Caritas gilt, gilt auch für den seit 1870 bestehenden Evangelischen Kirchenkreis. Der hat gerade mit dem Styrumer Pfarrer Manfred Manz seinen 17. Superintendenten ins Amt eingeführt. 

Der Präses der Rheinischen Landeskirche, Dr. Thorsten Latzel, tat gut daran, bei dieser Gelegenheit den Auftrag der Bergpredigt Jesu in Erinnerung zu rufen: "Ihr seid das Licht der Welt und das Salz der Erde." Daran schloss der in 30 Pfarrerjahren kampferprobte Michael Manz an, "der sich selbst als einen positiven Unruhestifter, der sich gesellschaftspolitisch einmischen wird, auch wenn uns das als Kirche nicht immer nur beliebt machen wird." Auch die Sozialarbeit der Evangelischen Kirche, wie sie etwa im Rahmen der Diakonie, des Diakoniewerkes und der Evangelischen Altenhilfe geleistet wird, ist ebenso ein Kontrapunkt und ein Kontrastprogramm zur Ökonomisierung unserer Gesellschaft, wie sie die jetzt von Georg Jöres und Stefani Harrenberg geleitete Sozialarbeit der Caritas ist.


Nicht vergessen werden darf, dass die christlichen Kirchen auch eine soziale und ethische Plattform sind, in der sich Menschen mit ihren Talenten zu aktiven und kreativen Gemeinschaften zusammenfinden. Die Lila Feen, die seit 13 Jahren als ehrenamtliche Zeitschenkerinnen alleinerziehende Eltern entlasten und dafür beim ökumenischen Jahresempfang der christlichen Stadtkirchen zurecht mit deren Hoffnungspreis ausgezeichnet worden sind, sind ein Beispiel dafür. Die 150 ehrenamtlich aktiven Caritas-Mitarbeiter und die von der Caritas und der Neuen Ruhrzeitung im Advent durchgeführte Wunschbaum- und Paketaktion, bei der mithilfe großherziger Menschen 1500 Pakete voller guter Gaben an die bedürftige Frau und den bedürftigen Mann gebracht wurden, ist ein weiteres Beispiel für viele.


Caritas & Kirchenkreis & Autor

Freitag, 22. Dezember 2023

Ehrenamt bildet

 „Man merkt, was im Leben wirklich wichtig ist.“ So  beschreiben die Schülerinnen Paula Bakum und Alma Weddiege  die wichtigste Erfahrung ihres ehrenamtlichen Engagements in dem vom Deutschen Roten Kreuz betreuten Flüchtlingsdorf an der Mintarder Straße in Saarn. Immer wieder mittwochs gehen die beiden Oberstufenschülerinnen ins Saarner Flüchtlingsdorf, um dort vor allem mit Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine zu malen und zu basteln. „Es macht Freude zu sehen,“ dass die Kinder und Jugendlichen für eine kurze Zeit ihren schwierigen Alltag ausblenden können und uns auch aus ihrem Familienleben erzählen“, erklärt Paula Bakum. Sie möchte nach ihrem Abitur Architektur studieren.

„Wir haben die Kinder und Jugendlichen, mit denen wir im Gemeinschaftsraum des DRK-Dorfes malen und basteln gebeten etwas zu malen, was sie glücklich macht“, schildert ihre Mitschülerin Alma Weddiege, wie es zum Kinderkunst-Adventskalender kam, der jetzt die Wand vor dem Schulsekretariat schmückt. Die letzten beiden Bilder des gemalten und in Herzform aufgehängten Kalenders packten am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien Schulleiterin Angela Huestegge und ihre Stellvertreterin Tanja Weymann aus. Auch Paulas Bruder, der SPD- Landtagsabgeordnete Rodion Bakum machte sich auf Einladung seiner Schwester vor Ort ein Bild.

„Wir sind nicht allein mit unserem ehrenamtlichen Engagement. Auch andere Mitschülerinnen und Mitschülern aus der 12. Jahrgangsstufe machen vergleichbare Angebote zum Beispiel im Raphaelhaus oder in der Grundschule Krähenbüschken. Sie geben Kindern und Jugendlichen zum Beispiel Nachhilfe, zeigen ihnen, wie man sich mithilfe von Yoga entspannt oder spielen mit Ihnen Hockey und Fußball“, erklärt Alma Weddiege,  die nach ihrem Abitur erst mal ins Ausland gehen und dann wahrscheinlich Meeresbiologie studieren möchte.

 Die beiden Schülerinnen haben ihren Adventskalender auch Mitschülern und Mitschülerinnen aus den jüngeren Jahrgängen präsentiert und ihnen dabei auch kleine Texte vorgelesen, in denen Kinder und Jugendliche aus der Ukraine beschreiben, was sie glücklich macht. „Mich hat das Bild eines Jungen besonders betroffen gemacht, das einen großen schwarzen Fleck zeigt, wozu der Junge geschrieben hat: Mich macht nichts mehr glücklich, wodurch er die Traumatisierung durch den Krieg in seiner Heimat zum Ausdruck bringt, sagt Schulleiterin Angela Huestegge, deren Schule zurzeit von 1100 Kindern und Jugendlichen besucht wird.

Paula Bakum und Alma Weddiege sind ihrem Sport- und Spanischlehrer Jörn Schulz dankbar dafür, dass er als Mitglied des Vereins Be strong for Kids das Ehrenamtsprojekt für die Oberstufe am Gymnasium Broich zusammen mit dem Verein ins Leben gerufen hat und koordiniert. „Für uns war es wichtig, dass wir in einem Workshop auf unsere Kurse vorbereitet wurden und pädagogisches Handwerkszeug mitbekam um zu wissen wie wir in bestimmten Situationen mit den Kindern und Jugendlichen, die uns für eineinhalb Stunden pro Woche anvertraut werden, umgehen müssen und können, sagt Paula Bakum im Rückblick auf ihre Ehrenamtsprojekt. Ihr war es auch wichtig, bei den Präsentationen des Adventskalenders mit den jüngeren Mitschülerinnen und Mitschüler darüber ins Gespräch zu kommen, was für sie im Leben wirklich wichtig ist. Besonders oft bekamen sie und ihre Mitschülerin den Wunsch nach Frieden, Freundschaft und Liebe in der Welt und in der eigenen Familie zu hören. 

Weitere Informationen über den Verein Be strong for Kids findet man im Internet unter: www.bestrongforkids.de  Weitere Informationen über Schulprojekte am Gymnasium Broich findet man ebenfalls im Internet unter: www.gymnasium-broich.de 


Gymnasium Broich & Be strong for kids & Über mich



Donnerstag, 21. Dezember 2023

Da ist Musik drin

 "Kinder, die Geige spielen, werfen keine Steine!" An diese Worte der 2023 verstorbenen Kulturpolitikerin Renate Sommer musste ich denken, als ich am Vorabend des dritten Adventes als einer von 1000 Menschen im Theatersaal der Stadthalle das großartige und musikalisch vielseitige Weihnachtskonzert der Musikschule miterleben und darüber in der Mülheimer Presse berichten durfte. Musik verbindet Generationen. 

Das konnte man an diesem wohltuenden Konzertabend auf der Bühne und im Auditorium der Stadthalle sehen und hören. "Wie hätten wir unser Jubiläumsjahr besser ausklingen lassen können, als mit einem Weihnachtskonzert!", stellte Musikschulleiterin Celia Spielmann während einer Konzertpause fest. Das gut zweistündige Konzert, bei dem rund 90 Musizierende auf der Bühne stand und vier von ihnen auch als Moderatoren von sich hören ließen, war nicht nur ein schöner Ausklang der 1953 gegründeten Musikschule, sondern auch eine denkbar gute Einstimmung auf das Weihnachtsfest. 

Darüber hinaus zeigte das von Ruth Ansorge geleitete Concertino, das von Maximilian Becker geleitete Blasorchester und das von Hyun Sun Kwon geleitete Sinfonieorchesters, dass die 28.000 Euro, die der Förderkreis der städtischen Musikschule allein während des Jubiläumsjahres in Instrumente und Probenwochenenden investiert hat, bestens angelegt waren.


Musikschule der Stadt Mülheim an der Ruhr


Über mich

Sonntag, 17. Dezember 2023

Lichte Momente

Der Dezember ist dunkel. Natürlich. Die Tage werden kürzer. Die anhaltende und zunehmende Dunkelheit schlägt Menschen aufs Gemüt, vor allem dann wenn ihnen, wie jetzt, auch die aktuelle Weltlage dunkel erscheint. "Mehr Licht!" sollen Gotehes letzte Worte gewesen sein. Mehr Licht in der Dunkelheit. Das erhellt nicht nur Raum und Zeit, sondern auch die menschliche Seele. Das spüre ich selbst, wenn ich mich in diesen dunklen Dezembertagen instinktiv über vorweihnachtliche Illuminationen in Vorgärten in Fenstern und auf Straßen freue. Auch wenn die Schloßstraße heute nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, strahlt der dort von der MST aufgestellte Weihnachtsbaum in angenehm vertrauter Weise. Wie sehr die Menschen gerade jetzt des Lichts und der Wärme bedürfen, wurde mir auch überraschend deutlich, als ich jetzt als Pressevetreter am offenen Adventssingen in der bis auf den letzten Platz besetzten Saarner Dorfkirche und an der Chanukka-Feier der Jüdischen Gemeinde auf dem Synagogenplatz teilnehmen konnte. Ich spürte dabei die Sehnsucht der Menschen nach Licht, Wärme, Gemeinschaft und Hoffnung.

Anna, eine Pfadfinderin aus der freikirchlich-evangelischen Credo-Gemeinde brachte es beim Adventssingen in der Dorfkirche anschaulich zum Eindruck, wenn sie von der Frohen Botschaft des Jesus von Nazareth sprach, die wie ein Licht unsere Herzen und Seelen gerade dann erhellen und erwärmen könne. wenn wir das Gefühl hätten, in einer dunklen Welt zu leben. Auch der Präses der Rheinischen Landeskirche, Dr. Thorsten Latzel, zitierte im Festgottesdienst für den alten und für den neuen Superintendenten nicht von ungefähr das Jesus-Wort vom "Salz der Erde und vom Licht der Welt", dass Menschen für ihre Mitmenschen sein sollte. Deshalb entzünden Christen die Kerzen an ihren Adventskränzen und Weihnachtbäumen. Deshalb entzünden Juden, in Erinnerung an die Einweihung des zweiten Jerusalemer Tempels im 2. Jahrhundert vor Christus, die Kerzen auf ihrem achtarmigen Chanukka-Leuchter. 

Wo Menschen guten Willens vorurteilsfrei sich begegnen, entstehen  lichte Momente, in denen alles möglich ist. Das wurde deutlich, als mir zwei Mülheimer Muslima bei der Chanukka-Feier auf dem Synagogenplatz sagten: "Wir müssen uns mehr begegnen und uns kennenlernen, um zu sehen, dass Juden, Christen und Muslime mehr gemeinsam haben, als sie trennt." Oberbürgermeister Marc Buchholz brachte es bei der gleichen Gelegenheit so auf den Punkt: "Indem wir die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit verteidigen, verteidigen wir auch unsere Demokratie und unser aller Freiheit."


Über mich

Freitag, 15. Dezember 2023

Als der Krieg zu Ende war

 Zum 8. Mai 2005 konnte ich für die Mülheimer Tagespresse ein Zeitzeugenumfrage zum Kriegsende am 8. Mai 1945 machen. Auch wenn die Menschen, die ich damals befragen konnte, heute nicht mehr unt er uns sind, bleiben ihre Erinnerungen als zeitlos aktuelle Zeitzeugnisse in einer Zeit, in der Krieg leider immer noch auf der weltpolitischen Tagesordnung steht und kein Phänomen von gestern ist.

Elli Küppers (*1920): „Wir waren alle froh, dass es vorbei war. Das Kriegsende erlebte ich nicht zuhause in Styrum, sondern im Teutoburger Wald. Dorthin war meine Familie bereits Ende März 1945 evakuiert worden. Ich erinnere mich noch genau daran, dass wir in die gute Stube einer Familie in Pivitsheide bei Detmold einquartiert worden waren. Weil die eigenen Lebensmittelkarten nicht anerkannt wurden, mussten wir bei Bauern um Brot bitten. Dass der Krieg zu Ende war, merkte ich, als ich mit einer Freundin zum Hermannsdenkmal wanderte und plötzlich Zwangsarbeiter auftauchten.“

Wilhelm Janßen (*1924): „Ich hatte die Nase voll vom Krieg. Ich erlebte das Kriegsende als Kriegsgefangener im alliierten Wiesenlager von Rheinberg. Meine letzten Kriegstage hatte ich als Eisenbahn-Flakhelfer er lebt. Die Nächte im Rheinberger Wiesenlager waren kalt und wir mussten unter freiem Himmel in einem nur bedingt wetterfesten Zehn-Mann-Zelt schlafen. Ich hatte Glück im Unglück, weil ich für die Alliierten zwischenzeitlich Küchendienst schieben und als gelernter Elektriker Maschinen reparieren musste. So konnte ich dem  harten Lageralltag immer wieder entfliehen. Am 8. Mai 1945 flog eine US-Maschine über das Lager und warf Flugblätter ab. Und plötzlich war überall der Ruf zu hören: Der Krieg ist aus. Wirklich vorbei war der Krieg für mich aber erst am 6. Juni 1945; als mich ein amerikanischer Lastwagen auf der Mülheimer Rathausmarkt absetzte. Einen Monat später wurde ich in einem Kino an der Schloßstraße dann zum ersten Mal mit den Bildern aus einem Konzentrationslager konfrontiert.“

Werner Dreesen (*1921): „Kurz vor Kriegsende habe ich mich selbst aus der Wehrmacht entlassen. Ich war schon wieder in Mülheim, als mich ein amerikanischer Straßenposten gefangen nahm und nach Rheinberg brachte. Dort haben wir in einem Wiesenlager in Erdlöchern krank und hungrig kampiert. Das war das Schlimmste, an das ich mich erinnernen kann.“

Heinz Schemkes (*1927) „Ich erlebte die letzten Kriegstage als Angehöriger des Reichsarbeitsdienstes im Hunsrück. Dort geriet ich in Gefangenschaft und wurde nach Frankreich gebracht. Im Lager von Toray la Fleche erfuhr ich am 8. Mai 1945 von der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Wir haben gejubelt und uns gesagt: Hoffentlich kommen wir jetzt bald wieder nach Hause. Und dann hat irgendjemand die deutsche Nationalhymne angestimmt.

Hans Joachim Neuhaus (*1929): „Das Kriegsende habe ich mit meiner Mutter in Daspe an der Weser erlebt. Wenige Wochen zuvor hatte ich als junger Luftwaffenhelfer bei einem Tieffliegerangriff einen Arm verloren. Weil meine Mutter damals dort als Sekretärin des Bürgermeisters arbeitete und ich der englischen Sprache mächtig war, wurde mir die unerwartete Aufgabe übertragen, das Dorf an die einrückenden US-Truppen zu übergeben. Ich bin mit einem weißen Taschentuch den Amerikanern mit einem weißen Taschentuch entgegengegangen,  um meine Friedfertigkeit zu zeigen.“

Margarete Pferdmenges (*1923): „Mein Vater Edwin Hasenjäger war damals Mülheimer Oberbürgermeister. Das Kriegsende erlebte ich in Oerlinghausen in der Nähe von Bielefeld. Dort lebte meine Schwägerin. Drei Ereignisse aus der Zeit des Kriegsendes sind mir besonders in Erinnerung geblieben: Der Schrei der Erleichterung, den meine Mutter ausstieß, als mein Bruder Gisbert heimkehrte, der ebenso wie der 1943 in Russland gefallene Bruder Günther Soldat gewesen war sowie das Glück, das mein damals gerade ein Jahr alter Sohn Günther unverletzt blieb, nachdem ein Gewehrschuss der einmarschierenden Amerikaner das Küchenfenster durchschlagen und die Glasscherben in den darunter stehenden Kinderwagen geregnet waren. Und schließlich ist mir der amerikanische Militärpolizist unvergessen geblieben, der während des Mittagessens ins Haus kam, sich wie selbstverständlich eine Flasche Wein aus der Vorratskammer holte und dann der Familie zum Abschied noch einen guten Appetit wünschte.“

Dr. Hans Fischer (*1931):“Ich erlebte das Kriegsende als dreizehnjähriger Schüler in Bayrisch Eisenstein. Dort kampierte ich mit Mitschülern auf Strohballen in einem ehemaligen Kinosaal, als sich plötzlich wie eine Mund-zu-Mund-Propaganda die Nachricht vom Frieden ausbreitete. Bayrisch Eisenstein war für mich und meine erschöpften Altersgenossen nur eine Etappe auf dem langen Weg aus der Kinderlandverschickung in Böhmen und Mähren zurück nach Mülheim.


Über mich

Montag, 4. Dezember 2023

Mülheim nach dem Krieg

Der Zweite Weltkrieg endet in Mülheim am 11. April 1945 mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen. In den Tagen zuvor hat die US-Artillerie die Stadt mit ihren 88.000 verbliebenen Bewohnern sturmreif geschossen. Oberbürgermeister Edwin Hasenjäger hat die Lebensmittelvorräte der Stadtverwaltung aufgelöst und an die Bevölkerung verteilen lassen. Er wird von den GIs, die Mülheim besetzen, verhaftet und interniert. Am 5. Juni 1945 wird Mülheim teil der britischen Besatzungszone. 

Die britische Militärregierung setzt Hasenjäger wieder als OB ein und ernennt im August 1945 zwölf politisch unbelastete Mitglieder eines Bürgerausschusses. Dieser konstituiert sich am 3. August 1945 im Standesamt des kriegsbeschädigten Rathauses. Der Bürgerausschuss berät die britische Militärregierung und wir wenig später von einer, ebenfalls ernannten. Stadtvertretung abgelöst. Ihr gehören 43 Frauen und Männer an. Im Mai 1946 veröffentlicht die britische Militärregierung einen Aufruf, der die Mülheimer dazu auffordert, wieder Herr im eigenen Haus zu werden. Damit bereiten die Briten die Bürger der Stadt, auf deren Straßen fast eine Million Kubikmeter Trümmerschutt liegen, auf die ersten Nachkriegs-Kommunalwahlen vor. Diese werden am 13. Oktober 1946 abgehalten und nach dem britischen Mehrheitswahlrecht abgehalten. Die im August 1945 gegründete CDU, die als Christlich-Demokratische Union  evangelische und katholische Christen in einer Volkspartei vereinen will, geht aus diesen Wahlen als stärkste Partei hervor. Die 1945 wieder begründeten Sozialdemokraten werden zweitstärkste Kraft im neuen Stadtrat, der sich am 4. November in der Schulaula an der Von-Bock-Straße konstituiert. Auch Liberale und Kommunisten sind im neuen Stadtparlament vertreten, das den Christdemokraten Wilhelm Diederichs zum ersten Oberbürgermeister der Nachkriegszeit wählt. 

Dem Vorbild der britischen Kommunalverfassung folgend, ist der selbstständige Kaufmann Diederichs, der vor 1933 im Zentrum politisch aktiv war, ehrenamtliches Stadtoberhaupt und Vorsitzender des Stadtrates. An die Spitze der Stadtverwaltung tritt mit dem parteilosen Josef Poell ein hauptamtlicher Oberstadtdirektor. Poell, der zuvor Personalchef und stellvertretender Oberbürgermeister der Stadt war, wird dieses Amt bis zu seinem Tod 1953 ausüben. 

Ebenfalls 1953 wird Mülheim für trümmerfrei erklärt. Dennoch prägen die Kriegsschäden, ein Drittel der Wohnbebauung wurde durch den Krieg zerstört und rund 7000 Mülheimerinnen und Mülheimer getötet, noch etliche Jahre das Stadtbild. Der Wiederaufbau hat erst mit der Währungsreform vom 20. Juni 1948 Fahrt aufgenommen. Der Währungsschnitt und die Einführung der D-Mark, die anfangs nur in Banknoten ausgegeben wird, bedeutet für die Menschen in unserer Stadt, dass ihre alten Reichsmark-Sparguthaben im Verhältnis von 1:10 abgewertet werden. Neben den politischen Parteien haben die Briten auch Gewerkschaften und Zeitungen lizensiert und zugelassen. Unter dem Vorsitz von Heinrich Melzer gründen 1500 Mitglieder am 12. August 1946 im Speldorfer Tengelmann-Saal den Freien Gewerkschaftsbund (FDGB), der sich ab 1949 Deutscher Gewerkschaftsbund nennt. Erstmals sind mit dem FDGB und dem DGB partei- und konfessionsübergreifende Einheitsgewerkschaften entstanden. 

Pressetechnisch setzen die Briten zunächst auf ihre eigene Ruhrzeitung, die sie als lokales Mitteilungsblatt nutzen. Doch 1946 erhalten Dietrich Oppenberg (Rhein Echo/Neue Ruhr Zeitung) und Anton Bertz (Rheinische Post) erstmals politisch unbelastete Neu-Verleger Lizenzen für die Herausgabe einer parteinahen Zeitung, die die gesellschaftspolitische Debatte fördern und moderieren sollen. Während die NRZ der SPD nahe steht, versteht sich die Rheinische Post als Sprachrohr der CDU. In Mülheim treten die CDU-nahen Ruhrnachrichten 1949 an die Stelle der Rheinischen Post. Die zunächst als Mülheimer Tageblatt erscheinenden Ruhrnachrichten sind bis 1976 Teil der lokalen Presselandschaft. Für die NRZ gilt das bis 2018, während die Westdeutsche Allgemeine Zeitung bis heute eine Mülheimer Lokalredaktion unterhält. Die WAZ wird 1948 von der britischen Militärregierung als unabhängige Zeitung für das 1946 gegründete Bundesland Nordrhein-Westfalen lizensiert. Herausgegeben wird sie vom Sozialdemokraten Erich Brost und vom Christdemokraten Jakob Funke. Bemerkenswerterweise ist es 1949 ein Lokalredakteur der NRZ, der als  Sozialdemokrat Otto Striebeck, der als Mülheims erster Abgeordneter in den Deutschen Bundestag gewählt wird. Ein Jahr später, leben in Mülheim 150.000 Menschen, 62.000 mehr als 1945 und 13.000 mehr als 1939. Etwa 15.000 von ihnen sind nach dem Krieg als Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Mülheim gekommen.


Über mich

Sonntag, 3. Dezember 2023

Blick in den Nahen Osten

Ein 50 Geburtstag ist ein guter Grund zum Feiern. Und wenn man gleichzeitig einen 75 Geburtstag zur feiern hat, ist das eigentlich ein doppelter Grund zum Feiern. Trotzdem war den geladenen Gäste der Deutsch-Israelische Gesellschaft im Duisburger Ratssaal nicht wirklich zum Feiern zumute, als die regionale DIG-Gesellschaft jetzt zum Doppel-Festtag: 50 Jahre Deutsch-Israelische Gesellschaft und 75 Jahre Staat Israel einlud.

Der Grund lag auf der Hand, dass Hamas-Massaker in Israel, bei dem mehr als 1200 Menschen ums Leben gekommen sind. Schon ein Besuch im jüdischen Gemeindezentrum am Springwall zeigte, dass die Verunsicherung auch unter den 2500 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Duisburg-Oberhausen-Mülheim angesichts des Hammer Terrors unter seiner Folgen, die auch auf unseren Straßen zu sehen sind, groß ist. Auch der Appell an Bildung, Begegnung und Verständigung, um gegenseitige Vorurteile zwischen muslimischen und jüdischen Menschen in Deutschland und weltweit abzubauen, konnte eine gewisse Hilflosigkeit angesichts des menschenverachtenden Terroraktes der Hamas nicht kaschieren.

Es verstand sich von selbst, dass sich alle Festredner beim Festakt, der kurzfristig zu einem Solidaritätsfest mit Israel ausgerufen worden war, zu eben dieser Solidarität mit den 1948 gegründeten Staat bekannten und angesichts der deutschen Holocaust Geschichte darauf hinweisen, dass das Existenzrecht Israels deutsche Staatsräson und insofern für die Bundesrepublik Deutschland nicht zu verhandeln sei. Der Mülheimer Bürgermeister und CDU Stadtrat Markus Pöhl, der zugleich auch Präsident der Regionalgesellschaft erinnerte daran, dass sich auch die Gründung der DIG in Mülheim Duisburg und Oberhausen vor 50 Jahren vor dem Hintergrund des damaligen Jom-Kippur-Krieges vollzogen habe, als Akt der Solidarität in Israel vollzogen habe. Eindringlich und eindrücklich ließ er die verschiedenen Aktivitäten der deutschen israelischen Gesellschaft passieren. Besonders anschaulich erinnerte er sich an eine Begegnung zwischen deutschen, israelischen und palästinensischen Jugendlichen, die sich am Beginn der 2000er Jahre in Mülheim bei einem internationalen Fußballturnier begegnet seien und sich darin einig waren, dass sie alle nur eins wollten: Frieden und eine Perspektive für ihr Leben. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, die im Duisburger Ratssaal auch in ihrer Funktion als örtliche Bundestagsabgeordnete das Wort ergriff, würdigte und das Engagement der DIG-Mitglieder als einen konkreten Beitrag zur Völkerverständigung, die sich auch positiv auf den sozialen Frieden in Deutschland in unserer Region auswirken. Als besonders wertvoll charakterisierte Bars in diesem Zusammenhang die von der DIG organisierten Informationsreisen für deutsche Schülerinnen und Schüler nach Israel. Mit Blick auf den letzten dies er Informationsbesuche erinnerte sich Markus Püll daran, dass die deutschen Jugendlichen kaum verstanden, dass ihre israelischen Altersgenossen ohne wenn und aber zur Wehrpflicht in der israelischen Armee stehen. Diese grundsätzlich positive Einstellung zum Dienst in der eigenen Armee. Die sei heute, angesichts der traumatischen Erfahrungen des 7. Oktober auch viele jungen Deutschen als nur zu verständlich. Der Kölner Ionen ist und musikprofessor Igor Epstein, der den Festakt unter anderem mit der Nationalhymne Israels musikalisch begleitete zeigte sich angesichts des menschenverachtenden Hamas-Terrors vom 7. Oktober "menschlich ratlos". "Mir fehlen die Worte," betonte Epstein in wies daraufhin dass die Musik Menschen aller Nationen und Religionen miteinander verbindet und dass er beim gemeinsamen Musizieren niemand danach Frage woher er komme und was er glaube. Gabriele Durak vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft wies daraufhin, "dass die im Detail durchaus berechtigte Kritik an der Politik der aktuellen israelischen Regierung niemanden das Recht gibt jüdische Menschen abzuschaffen. Mit Sorge sieht sie die zunehmend polarisierende schwarz-weiß-diskussion wenn es um das Verhältnis zwischen Israel und Palästina gehe. Der Mülheimer Holocaust Überlebende und Mitgründer der deutschen israelischen Gesellschaft sag max sieht die Auswirkungen des auf Deutschland illusionslos. Er sagt der Antisemitismus zu Tage. Das hat mich nicht überrascht. Antisemitische Menschen, die jetzt auch den Hamas-Terror gegen Menschen in Israel feiern, wollen mit mir nichts zu tun haben und ich will nichts mit ihnen zu tun haben. Der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen, Alexander Drehmann, zeigt sich angesichts der Demonstrationen für Solidarität mit Israel, die nur einige 100 Menschen auf die Straße brächten, während Demonstrationen für den Klimaschutz mehrere tausend Menschen auf die Straße brächten.


Jüdische Gemeinde & Deutsch-Israelische-Gesellschaft & Über mich

Samstag, 2. Dezember 2023

Wo wünschen noch hilft

Seit Mitte des 19 Jahrhunderts hat es sich in Deutschland eingebürgert zum Weihnachtsfest einen Weihnachtsbaum aufzustellen und darunter gute Gaben für seine Liebsten und vor allem für seine Kinder zu platzieren. Auch in Mülheim ist das für viele Menschen ein unerschwinglicher Luxus. Nach Angaben der Caritas ist ein Fünftel der deutschen Bevölkerung materiell arm. Das bedeutet: Diese Menschen haben weniger als 60 Prozent des deutschen Jahresdurchschnittseinkommens von 40.000 Euro zur Verfügung. 

Deshalb haben sich der in Mülheim 1920 von Pastor Konrad Jakobs gegründete katholische Sozialverband und die Neue Ruhrzeitung zusammengetan, um mit ihrer gemeinsamen Wunschbaumaktion auch jenen mit einem Geschenk Freude zu machen, die selbst kein Geld für Geschenke zum Weihnachtsfest übrig haben. Die Zusammenarbeit zwischen der Lokalpresse und den Sozialverbänden hat Tradition. Sie kann man auch während der Nachkriegsjahre in der Lokalpresse nachlesen. Die Wunschbaumaktion von NRZ und Caritas geht im Advent 2023 in ihre 15. Runde.

Sie hat sich schon zu einer kleinen Tradition entwickelt. In den vergangenen Jahren konnten jeweils 100 Bedürftige Mitbürgerinnen und Mitbürger, dank der Wunschbaumaktion und großzügiger Bürger, mit einem Geschenk erfreuen. Und so geht es: Man pflückt sich einen Wunschzettel vom Wunschbaum in der MST-Touristinfo im Stadtquartier Schlossstraße, nimmt sich ein Paket mit nach Hause, packt "sein" gespendetes Geschenk weihnachtlich darin ein und legt es bis zum 15. Dezember wieder unter dem Wunschbaum in der MST-Touristinfo ab. 

So können die Mitarbeitenden der Caritas den bedürftigen und dankbaren Empfängerinnen und Empfängern ein Päckchen zu Weihnachten übergeben.

Auch in diesem Jahr rechnen Monika Schick-Jöres und ihre Kollege Rüdiger Pilotek, die die Aktion für die Caritas organisieren damit, dass der katholische Sozialverband stadtwald 1000 Pakete mit guten Gaben für sozial benachteiligte Menschen verschenken kann. Schick-Jöres sieht in der vorweihnachtlichen Aktion "eine kleine Insel der Menschlichkeit, die schönes Symbol, dafür ist das in unserer Stadtgesellschaft die Menschen nicht nur an sich selber sondern auch an ihren Nächsten denken. Die aufgeschriebenen Wünsche, die Pilotek und Schick-Jöres jetzt am Wunschbaum festgemacht haben, reichen von der Playstation bis zum Lebensmittelpaket und vom Fahrrad bis zum Wintermantel.

Rund 75% aller Wünsche kommen von Kindern aus sozial benachteiligten Familien. Vor allem die inflationären Tendenzen der jüngsten Zeit treffen alle, die schon vorher jeden Euro dreimal umdrehen mussten, bevor sie ihn ausgeben konnten, besonders hart. 

Hinzu kommen Krankheit, Sucht, Arbeitslosigkeit oder die Folgen einer Trennung, die das Armutsrisiko erhöhen. Karitative Projekte wie die der Wunschbaumaktion von Caritas und NRZ können das soziale Not in unserer Stadt nicht beheben. Sie können aber Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen einen hellen Funken der Hoffnung und der Nächstenliebe schenken. 

Wer sich an der Wunschbaumaktion von Caritas und NRZ beteiligen möchte hat bis zum 15. Dezember Gelegenheit dazu. Weitere Informationen bekommt man bei der Caritas an der Hingbergstraße 176 unter der Rufnummer 0208 3 0 0 0 8 84 sowie per E-Mail an: paketaktion@caritas-mülheim.de


Caritas Mülheim

Mittwoch, 29. November 2023

Protestantischer Führungswechsel

 In stürmischen Zeiten wechselt der aus sechs Gemeinden bestehende Kirchenkreis An der Ruhr seine Führung. Die Kreissynode hat den 61-jährigen Michael Manz zum neuen Superintendenten des 40.000 Gemeindemitglieder zählenden Kirchenkreises gewählt. Manz, der seit 30 Jahren als Pfarrer in Mülheim arbeitet, tritt am 16. Dezember die Nachfolge des 67-jährigen Pfarrers Gerald Hillebrand an. Zum Amtswechsel, der mit einem Gottesdienst in der Petrikirche gefeiert wird, wird auch der rheinische Landesbischof Thorsten Latzel erwartet.

Gehörten um 1810 mehr als 80 Prozent der Bürgerschaft zur evangelischen Kirche, so waren es Mitte der 1920er Jahre noch 64 Prozent und Mitte der 1970er Jahre noch 54 Prozent und Ende der 1990er Jahre noch 36 Prozent, während es heute nur noch 23 Prozent der Bürgerschaft. Der auf den geellschaftlichen und den demografischen Wandel zurückzuführende Schrumpfungsprozess der christlichen Stadtkirchen fordert auch dem evangelischen Kirchenkreis strukturelle Reformen ab.


Weniger und größere Kirchengemeinden. Weniger Gotteshäuser. Das war und ist der Trend. Dennoch sehen weder der noch amtierende noch der designierte Superintendent in dieser Herausforderung ein KO-Kriterium für das christliche Leben in unserer Stadt. Aktuell beschäftigen die Mülheimer Gemeinden 21 hauptamtliche Theologinnen und Theologen. Im Durchschnitt betreut ein Pfarrer oder eine Pfarrerin 3000 Kirchenmitglieder. Vor 30 Jahren gab es in Mülheim auch noch Gemeinden mit gut 1000 Mitgliedern. Die größeren Gemeindeeinheiten verlangen den Pfarrern und Pfarrerinnen heute eine deutlich erhöhten Anteil von Verwaltungsarbeit ab.


Dennoch sehen Hillebrand und Manz Seelsorge und Diakonie weiterhin als die zentralen Aufgaben kirchlicher Arbeit. Das Tauffest in Raffelbergpark und die Kirchenkreis-Freiluft-Gottesdienste zum Pfingstfest sehen sie in diesem Zusammenhang als wegweisend an. Auch Videobotschaften und Online-Gottesdienste sind seit der Corona-Pandemie Teil der evangelischen Verkündigung. Dennoch sind sich der scheidende und der designierte Superintendent darin einig, dass die gute alte analoge 1:1-Seelsorge durch nichts zu ersetzen ist.

Der in Essen aufgewachsene Michael Manz, der sowohl in Heißen als auch in Styrum Gemeinden geleitet hat bzw. dies noch tut, hat eine klare Vorstellung, von dem was die Evangelische Kirche vor Ort auch in Zeiten mit weniger Mitgliedern und weniger materiellen und personellen Mitteln leisten muss. Er sagt dazu: "Wir müssen öffentlichkeitswirksamer darstellen, was wir als Kirche Menschen anzubieten haben. Wir müssen mit unseren personellen Ressourcen fürsorglich umgehen, um sie nicht langfristig zu überreizen. Und wir müssen als Kirche auch gesellschaftspolitisch im Sinne der Frohen Botschaft relevant bleiben und weiterhin Partei für sozial benachteiligte Menschen ergreifen, auch wenn wir uns damit nicht immer bei allen beliebt machen."

In seiner eigenen seelsorgerischen und liturgischen Praxis macht Manz immer wieder die Erfahrung, "dass Menschen gerade an den Wendepunkten ihres Lebens Sinn, Orientierung und Begleitung suchen, die ihnen gut tut und sie für ihr Leben stärkt."


Kirchenkreis An der Ruhr  &  Über mich

Dienstag, 28. November 2023

Eine unvergessliche Frau

Sie war eine menschliche Institution. Die Elisabeth-Schwester Ingeborg halt als Krankenschwester am St. Marien-Hospital 20.000 Mülheimerinnen und Mülheimer auf die Welt geholt. Sie war nicht nur Krankenschwester, sondern auch Seelsorgerin, und dass auch weit jenseits einer 40-Stunden-Woche und einer Rentengrenze. Als sie 2010 für ihre Verdienste mit der Nikolaus-Groß-Medaille der katholischen Stadtkirche ausgezeichnet wurde, charakterisierte sie Stadtdechant Michael Janßen als „einen charismatischen Menschen, der selbstverständlich im Leben stehend die Frohe Botschaft Jesu Christi bezeugt und die damit verbundene Hoffnung weitergibt.“ Besser kann man das Lebenswerk Schwester Ingeborgs nicht beschreiben. Am 23. Mai 1930 in Schernbeck am Niederrhein geboren, kam sie 1952 als junge Kranken- und Ordensschwester ist 1887 gegründete St. Marien-Hospital. Damals war sie dort eine von 48 Elisabethschwestern. 2016 war sie die letzte Ordensschwester, die das katholische Krankenhaus verließ, um sich im Essener Mutterhaus ihrer Ordensgemeinschaft zur Ruhe zu setzen. Dort ist sie am 27. Oktober im Alter von 93 Jahren verstorben und damit ihrer Hoffnung auf ein ewiges Leben in Gottes Herrlichkeit entgegengegangen.

Mitglieder ihrer langjährigen Heimatgemeinde St. Mariae Geburt haben sich am 26. November im Rahmen eines Gedenkgottesdienstes dankbar an Schwester Ingeborg erinnert. Sie wird auch in den Herzen all jener Menschen weiterleben, die sie kennen und schätzen lernen durften.

Montag, 27. November 2023

Medien in Mülheim

In den letzten beiden Jahrzehnten ist das Internet, inklusive Google und Facebook zu Leitmedium aufgestiegen und hat damit unsere Medienlandschaft einer digitalen Revolution unterzogen. Auch Zeitungsverlage wie die in Mülheim aktive Funke Mediengruppe sind heute crossmedialen Unternehmen.

Der Westen machte 2007 als Internet Portal der damaligen WAZ Mediengruppe in Sachen digitaler Nachrichten und Informationsverbreitung in unserer Region den Anfang. Schon 1989 war die heutige Funke Mediengruppe mit Antenne Rühr in den lokalen Hörfunk eingestiegen. 2007 würde aus Antenne Rühr Radio Mülheim und Radio Obernhausen. Gab es zwischen 1950 und 1976 in Mühlheim mit NRZ, WAZ und den Ruhr Nachrichten drei eigenständige Lokalredaktionen, so ist heute allein die Lokalredaktion der WAZ übriggeblieben. Die seit 1946 in Mülheim erscheinende NRZ hat ihre Lokalredaktion 2018 geschlossen. Die 1976 als unabhängige lokale Wochen Zeitung gegründete und 1981 von der damaligen WAZ Mediengruppe übernommene Mülheim Woche schloss ihre Lokalredaktion im Februar 2023.

Die NRZ und die Mülheimer Woche, die, wie die WAZ, Teil der 2012 gegründeten Funke Mediengruppe sind, haben sich mit einer personell deutlich abgespeckten Regionalredaktion nach Essen zurückgezogen.

Die erste Mülheimer Zeitung erschien unter eben diesen Titel am 3. Januar 1797, 192 Jahre nach dem Erscheinen der ersten deutschen Wochenzeitung (Relation) in Straßburg und 147 Jahre nach dem Erscheinen der ersten deutschen Tageszeitung (Einkommende Zeitungen) in Leipzig. Ihr Herausgeber war der Buchdrucker Gerhard Wilhelm Blech. Dass er seine Zeitung nach nur vier Jahren wieder einstellen musste, hatte mit den politischen Verhältnissen im Spätabsolutismus zu tun. 

Denn die Landesherren, in diesem Falle war es die Broicher Landgräfin Maria Luise Albertine von Hessen-Darmstadt, konnte jederzeit die Genehmigung zur Herausgabe einer Zeitung wieder entziehen, sobald ihr Beiträge aus dieser Zeitung nicht gefielen. Dennoch blieben Gerhard Wilhelm Blech und seine Nachfahren dem Buch- und dem Zeitungsdruck treu. So gaben sie zwischen 1835 und 1851 den Boten für Stadt und Kreis Duisburg und ab 1886 denn Generalanzeiger für Mülheim heraus. Ein nur kurzes und revolutionsbedingtes Erscheinen war 1848/49 dem "Wächter an der Ruhr" beschieden.

Neben der Familie Blech war auch die Familie Julius Bargel eine wichtige Verlegerfamilie. Sie gab nicht nur Bücher, sondern ab 1857 auch die Rhein-Ruhr-Zeitung heraus. Und zwei Jahre nach der Reichsgründung erschien erstmals ab 1873 wieder eine Mülheimer Zeitung, zunächst unter der Regie von Julius Wacker und ab 1880 im Besitz der Familie Ernst Marks. Die Familie Marks blieb bis 1945 die tonangebende Verlegerfamilie der Stadt. Ihr Verlag übernahm 1911 auch den General-Anzeiger für Mülheim. Das zweite Mülheimer Lokalblatt wurde unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Pressegleichschaltung 1933 mit der Mülheimer Zeitung zwangsfusioniert. Zwischenzeitlich hatten mit der Mülheimer Volkszeitung (1908-1923) und der Freiheit (1918/19) in Mülheim auch eine katholische und kommunistische Zeitung existiert. Darüber hinaus berichtete zwischen 1919 und 1933 auch die in Duisburg herausgegebene Volksstimme als sozialdemokratische Tageszeitung auch über das Geschehen in Mülheim. 

Neben der Mülheimer Zeitung erschien in der NS-Zeit auch die von der NSDAP herausgegebenen Nationalzeitung, die ihre Zentralredaktion in Essen hatte. Mit dem zweiten Weltkrieg und der NS-Diktatur endete auch die Geschichte der Mülheimer Zeitung. Die Alliierten verboten den sogenannten Altverlegern, die vor 1945 und damit während der NS-Herrschaft publizistisch tätig gewesen waren, die weitere Betätigung als Zeitungsverleger. 

Stattdessen gab die britische Armee, zu deren Besatzungszone ab Juni 1945 auch Mülheim gehörte en sie mit der Ruhrzeitung (1945/46) die von Hans Habe und Stefan Heym geleitete Ruhrzeitung heraus, die als lokales Veröffentlichungsblatt diente. Ab 1946 vergaben die Alliierten, und in Mülheim die britische Besatzungsmacht, Lizenzen an politisch unbelastete Neuverleger. Zu Ihnen gehörten unter anderem die Sozialdemokraten Dietrich Oppenberg und Erich Brust sowie der ehemalige Zentrumsmann Anton Berz. Der Sozialdemokrat Dietrich Oppenberg, der während des Dritten Reiches zeitweise im Gefängnis gesessen hatte, gab ab 1946 die auch in Mülheim erscheinende Neue Ruhr Zeitung heraus. Diese Zeitung war von den Briten als SPD nahe Zeitung lizenziert worden. Zeitgleich erhielt Anton Berz in Düsseldorf die Lizenz für die CDU-nahe Rheinische Post. Beide Zeitungen hatten zwischen 1946 und 1949 auch lokale Redaktionen in Mülheim. Die Rheinische Post zog sich 1949 aus Mülheim zurück und wurde ab 1950 durch die ebenfalls CDU-nahen Ruhrnachrichten des Verlegers Lambert Lensing ersetzt. Der ehemalige Chefredakteur der NRZ, Erich Brost, wurde zusammen mit dem vormaligen Redakteur der Rheinisch-Westfälischen Zeitung in Essen, Jakob Funke, 1948 Lizenzträger für die unabhängige Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ). 

Die WAZ konnte im Gegensatz zu NRZ und zu den Ruhrnachrichten ihre Auflage stetig steigern und damit auch mehr Anzeigen gewinnen. Sie profitierte von der übernahme des Zeitungsverlages Marks, die ihr ermöglichte mit dem Untertitel Mülheimer Zeitung erscheinen zu können. 

Die Folge des zunehmenden WAZ-Erfolgs 1976 die Gründung der WAZ-Mediengruppe. Zu ihr gehörten jetzt auch die NRZ, die Westfälische Rundschau und die Westfalenpost. ihre Redaktionen blieben zwar eigenständig. Aber alle Blätter hatten einen gemeinsamen Anzeigenteil. Nach dem Rückzug der Ruhrnachrichten 1976, gründete sich die zunächst unabhängige Mülheimer Woche als lokales Wochenblatt, das allerdings 1981 von der WAZ-Mediengruppe übernommen wurde. Damit hatte die WAZ-Mediengruppe eine eine mediale Monopolstellung in unserer Stadt gewonnen. Im Jahr 2012 wurde aus der WAZ-Mediengruppe die Funke Mediengruppe. Hintergrund war die Übernahme der Anteile der Familie Brost durch die Familie Funke-Grothkamp  Jakob Funke (1901 bis 1975) war Mit-Herausgeber und kaufmännischer Leiter WAZ. Anders, als sein Mit-Herausgeber und langjähriger Chefredakteur Erich Brost war Funke kein Sozialdemokrat. Er hatte auch während der NS-Zeit für die Rheinisch-Westfälische Zeitung des zwischenzeitlichen nationalsozialistischen Essener Oberbürgermeisters Theodor-Reismann-Grone als Redakteur gearbeitet und war 1941 Mitglied der NSDAP geworden und arbeitete für das Deutsche Nachrichtenbüro. 1945/46 war er für die Ruhrzeitung tätig und wurde Mitglied der neu gegründeten CDU.
Bevor er mit Brost ab 1948 die WAZ herausgab, hatte er als Redakteur Dietrich Oppenbergs für das Rhein Echo und die NRZ gearbeitet.  Seit Mit-Verleger Erich Brost (1903 bis 1995) war als Sozialdemokrat während der NS-Zeit im Exil journalistisch aktiv. Vor 1933 hatte der aus Ostpreußen stammende Brost als Redakteur für die Danziger Volksstimme gearbeitet. 

Sonntag, 26. November 2023

Teurer Spaß

Mit einer Doppelproklamation ihrer Prinzenpaare starteten die Mülheimer Jecken am 11.11 in die Fünfte Jahreszeit. Motto: Karneval für jedermann jetzt sind mal die jungen dran. Aber ohne die älteren und zahlungskräftigeren Jecken funktioniert der Karneval auch nicht. Das macht ihn jetzt der Vorsitzende des Hauptausschusses des großen Karneval Markus Uferkamp und sein Geschäftsführer Hans Klingels deutlich, als sie darauf verwiesen dass der kommende Rosenmontagszug der am 12 Februar 2024 ab 14 Uhr durch die Innenstadt rollen wird mit etwa 35.000 € zu Buche schlägt. Noch vor einigen Wochen da ließen sie keinen Zweifel stand der Mülheimer Rosenmontagszug, den der Hauptausschuss Groß-Mülheimer-Karneval seit 1958 als größte Mülheimer Freiluftveranstaltung organisiert, finanziell auf der Kippe.

Oberbürgermeister Marc Buchholz konnte als Verwaltungschef einer hochverschuldeten statt zwar keine eigenen Finanzmittel zur Verfügung stellen dafür organisierte er aber ein Frühstück mit aktiven und potenziellen Sponsoren. Das zusammentreffen Chefkanalisten schon jetzt gelohnt. Denn neben der Warsteiner Brauerei konnten auch die AZ klinikgruppe und der Reisemobilanbieter RS der an der Kölner Straße in Selbeck ansässig ist als neuer Unterstützer des Mülheimer Karnevals gewonnen werden. Genauso wichtig ist es klingelt und Uferkamp, dass die bisherigen Sponsoren bei der Stange geblieben sind. Dazu gehören die Ruhe durchgruppe und die wolfgruppe die Sparkasse  die reine westfälische Wasserwerksgesellschaft der Hagebaumarkt und Westenergie. Hinzu kommen aber auch das Deutsche Rote Kreuz, die Polizei, das Ordnungsamt die Mülheimer Entsorgungsgesellschaft MEG und das Technische Hilfswerk, die den Rosenmontagszug mit seinen im Schnitt 35.000 Besuchern und 1000 aktiven Teilnehmern begleiten. Hinzu kommt außerdem ein 80-köpfiger Förderkreis der im Januar beim Jubiläumsempfang des Hauptausschusses Groß-Mülheimer-Karneval um vier Ehrensenatoren erweitert wird.

Kostentreiber beim Spaß an der Freud sind mit Blick auf den Rosenmontagszug vor allem das Baumaterial für die Wagenbauer, das Wurfgut, das längst nicht mehr nur aus Kamelle besteht, die Zugmaschinen sowie die Ordnungskräfte, die im Auftrag eines privaten Sicherheitsdienstleisters den Zug mit seinen 30 Wagen und Fußgruppen absichern. Ha Präsident Markus Uferkamp lässt keinen Zweifel daran, dass ihm ein Stein vom Herzen gefallen ist, nachdem klar war dass der Rosenmontagszug auch im Jahr 2024 kommen kann. Denn für eine Stadt mit 170.000 Menschen gehört ein Rosenmontagszug am Rosenmontag einfach dazu findet nicht nur Uferkamp.

Auch wenn der Festsaal der Stadthalle vorerst nur für die inklusive Karnevalsveranstaltung Grenzenlos in Frage kommt, weil sie vom städtischen Kulturbetrieb finanziert wird, hat sich die die Saallage für den Mülheimer Karneval in dieser Session entspannt. Einerseits stehen die Autohäuser Extra und Wolf in Dümpten und Saarn Veranstaltungsstätten zur Verfügung. Andererseits wird auch der Altenhof der evangelischen Kirche in dieser Session wieder für drei Karnevalsveranstaltungen zur Verfügung stehen. Dabei handelt es sich um die klassischen Prunksitzungen der Roten Funken und der KG Blau-Weiß sowie um das neue Veranstaltungsformat Mölmsch Jeck, mit dem der Hauptausschuss Groß-Mülheimer-Karneval am Karnevalsfreitag sein 66-jähriges Bestehen feiern wird.

Optimistisch stimmen Markus Uferkamp und Hans Klingels auch die Pläne der karnevalsnahen Wasseraufbereitungsfirma Baierlorzer, die am Langekamp in Dümpten den Bau einer Eventhalle planen, in der nicht nur aber auch Karnevalsveranstaltungen mit bis zu 300 Gästen über die Bühne gehen können. Darüber hinaus gehen die Mülheimer Chefkarnevalisten davon aus, dass das Forum nach seinem Umbau in der kommenden Session wieder als Veranstaltungsort für einen Kinderkarneval und eine modernisierte Rosenmontagstombola zur Verfügung stehen wird.

Mittwoch, 22. November 2023

Denk ich an Kennedy

Heute vor 60 Jahren wurde der damalige US-Präsident John F. Kennedy bei einer Autofahrt durch Dallas (Texas) ermordet. Er teilte dieses Schicksal mit seinen Vorgängern Abraham Lincoln (1865), James Garfield (1881) und William McKinley (1901). Das Attentat in Dallas ist nicht nur in das kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingegangen.

Auch in Mülheim gingen junge Menschen nach seiner Ermordung auf die Straße, um ihre Trauer auszudrücken. Wenige Monate vor seinem gewaltsamen Tod, dessen Hintergründe bis heute nicht lückenlos aufgeklärt worden sind, hatte Kennedy in der Bundesrepublik Deutschenland einen triumphalen Staatsbesuch erlebt. Zwei Jahre nach dem Berliner Mauerbau konnte John F. Kennedy mit seinem Bekenntnis: "Ich bin ein Berliner!" die Herzen der Westdeutschen zurückgewinnen, die er nach dem durch Washington akzeptierten Mauerbau 1961 verloren hatte. "Solche Tag werden wir nie wieder erleben!", sagte Kennedy nach dem Ende seines Deutschlandbesuches auf dem Heimflug in die USA. Kennedy, der 1937 als Student und 1945 als Journalist Deutschland schon einmal bereits hatte, erlebte im Juni 1963, denkbar eindrucksvoll, dass sich die Menschen im Westen Deutschlands endgültig als Teil des demokratischen Westens verstanden und 18 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur in der liberalen Demokratie angekommen waren.

Das Kennedy vor allem die junge Generation begeisterte, hatte nicht nur mit seinem Charisma und seiner Rhetorik zu tun. Neben dem damals 85-jährigen Bundeskanzler Konrad Adenauer wirkte der damals 46-jährige Kennedy geradezu jugendlich. Kennedy war bei seiner Wahl im Jahr 1960 mit 43 Jahren der jüngste gewählte Präsident der USA und er war der erste Katholik im Weißen Haus. Er war der erste US-Präsident, der im 20. Jahrhundert geboren wurde. Und er war der erste Präsident, der auch deshalb mit knapper Mehrheit ins Amt gewählt wurde, weil er in den Fernsehdebatten mit seinem Kontrahenten Richard Nixon eine bessere Figur gemacht hatte. Legendär wirkt bis heute auch die in seiner Antrittsrede am 20. Januar 1961 formulierte Aufforderung: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann. Frage, was du für dein Land tun kannst!" nach. Sein kongenialer Redenschreiber und Berater Ted Sorensen, ein Journalist, ist ein Beispiel dafür, dass sich Kennedy bewusst mit intellektuellen Beratern umgab. Die Tatsache, dass seine Regierung die Kuba-Krise 1962 friedlich beilegen konnte, war auch auf die von ihm gepflegte Beratungs- und Diskussionskultur zurückzuführen. Rückblickend war Kennedy kurze Präsidentschaft geprägt vom Kalten Krieg, aber auch von dem Versuch nationale und internationale Probleme neu zu betrachten und zu lösen. Unter seiner Führung stiegen die USA mit der Gründung eines Friedenskorps und einer Allianz für den Fortschritt in die Entwicklungshilfe ein. Sie brachten eine Bürgerrechtsgesetzgebung auf den Weg und versuchten mit einem Abkommen über den Stopp von Atombombentests den Kalten Krieg zu entschärfen. Allerdings bleibt auch die Verstärkung der US-Präsenz in Vietnam, die sich nach seinem Tod zu einem langjährigen Stellvertreterkrieg des Ost-West-Konfliktes ausweiten sollte, mit der Amtszeit des 35. Präsidenten der USA verbunden. 

In der ARD- und in der ARTE-Mediathek sowie in der DLF-Audiothek findet man interessante und tiefgründige Dokumentationen über John F. Kennedy und seine Familie. 

Sonntag, 19. November 2023

Heute ist Volkstrauertag

 Heute ist Volktrauertag. Wir denken heute an die Menschen, die in zwei Weltkriegen, aber auch in den vielen Kriegen nach 1945 und bis auf den heutigen Tag verloren haben und weiterhin verlieren. Krieg ist ein menschlicher Offenbarungseid. "Frieden ist nicht alles. Aber ohne Frieden ist alles nichts", hat der Kölner Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll einmal gesagt. 1917 in Köln geboren hat Böll als Soldat der deutschen Wehrmacht am Zweiten Weltkrieg teilgenommen an dieser traumatischen Lebenserfahrung seinen Pazifismus geschult.

Ich denke am heutigen Volkstrauertag an meinen Großonkel Josef Overmeyer. Wie Böll, wurde auch er in Köln geboren. Wie Böll, musste auch er als Soldat der deutschen Wehrmacht am Zweiten Weltkrieg teilnehmen. Ich habe zwei Fotos aus unserem Familienalbum vor Augen. Das eine zeigt ihn als Zwölfjährigen in einem Matrosenanzug im Kreise seiner Schwestern Maria, Zitta und Jutta. Das zweite zeigt ihn jung verheiratet mit seiner Ehefrau Anneliese. Auf beiden Fotos sieht er eher ernst aus. Das ist wohl den Zeitumständen geschuldet. Denn sein Jungenfoto wurde 1923, im Jahr der Hyperinflation und sein Verlobungsfoto im Kriegsjahr 1941 aufgenommen. Damals war er in Zeiten des Unrechts ein gerade zum Doktor der Rechte promovierter Jurist. Sein 1875 in Osnabrück geborener Vater Franz-Josef Overmeyer war zu diesem Zeitpunkt ein nach 28 Dienstjahren seit 1933 zwangspensionierter Schulrat, der während des Kaiserreiches und der Weimarer Republik der katholischen Zentrumspartei angehört hatte. Auf beiden Fotos mag mein Großonkel Josef Overmeyer auf bessere Zeiten gehofft haben. Vergeblich. Am 16. September 1944 fiel er als Soldat der Wehrmacht im sogenannten Kurlandkessel bei Resses in Lettland. Sein Leichnam wurde in einem Massengrab beigesetzt. Mit seiner Frau hinterließ er einen Sohn, der später in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters treten sollte. Zum Zeitpunkt seines von der NS-Propaganda sogenannten "Heldentodes" war er gerade mal 33 Jahre alt. Er war eines von insgesamt 60 Millionen Opfern des Zweiten Weltkrieges. Das ist eine unvorstellbare Zahl, die erst begreifbar wird, wenn man sie anhand individueller Schicksale betrachtet. 

14 Tage vor seinem eignen Tod hatte mein Großonkel im Rahmen eines Heimaturlaubs seine 1877 in Trier als Franziska Weber geborene Mutter, mit seiner Familie zu Grabe getragen. "Dr. jur. Josef Overmeyer, Amtsgerichtsrat, zurzeit im Felde" hatte im Totenbrief seiner Mutter gestanden. Sein Vater Franz-Josef Overmeyer sollte seine Frau und seinen Sohn um acht Jahre überleben. 1944 schreibt er: "Abschied von meinem Sohn: Jetzt hast auch du uns schnell verlassen, nach der Mutter jähem Tod. Gott sei's geklagt. Sie indes trug schon den Kranz des Alters. Du erstrahltest noch im Glanz der Jugend. Ach, der Krieg riss dich von hinnen, aus dem Arm der treuen Gattin und von der Seite deines Knaben, der des Schicksals Wucht nicht kennt. Deinem Vater, dessen Stolz und Freude du warst, quält der Schmerz um dich, denn einzig, kehrst du nimmer wieder zu dem, dem sein ganzes Hoffen galt, dem er Opfer brachte, viele Jahre um Jahre. Möge der Himmel es dir lohnen, teurer Gast, dass du starbst für Volk und Land, fern der Heimat, fern der Lieben, die dir gedenken, bis Freund Hein sie mit dir vereint.“

Was können wir heute aus den Lebenserfahrungen unserer Vorfahren lernen? Vielleicht das, was der Mülheimer Bundestagsabgeordnete Dr. Wilhelm Knabe (1923-2021) im Jahr 2004 so formuliert hat: "Nur wenn es unseren Nachbarn gut geht, geht es auch uns gut." Das gilt nicht nur für den Weltfrieden.

Die Hoffnung auf weltweiten Frieden hat Stephen Vincent Benet im Kriegsjahr 1942 in Worte gefasst, die heute als das Gebet der Vereinten Nationen gesprochen werden.

Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall.
An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen,
dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden,
nicht von Hunger und Furcht gequält,
nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung.
Gib uns Mut und Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen,
damit unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen. Amen.


 Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 

Donnerstag, 16. November 2023

Schau mal an

Styrum ist weit mehr als ein industriell geprägter Stadtteil. Das zeigt der Bild Kalender des Styrumer Geschichtsgesprächskreises, liebevoll und professionell gestaltet von Ulrike Nottebohm, die viele Mülheimerinnen und Mülheimer noch als Chorleiterin der Stürmer Feldmann Stiftung kennen. Kunstvoll kombiniert der Stadtteilkalender aktuelle Und historische Ansichten Styrums, das seit 1904 ein Stadtteil Mülheims ist. 


In den Folgejahren er hilft dir rum 1909 seinen Bahnhof 1911 die Thyssen Brücke und 1908 und die katholische Volksschule an der Oberhausener Straße, die wir seit 1986 als Willy-Brandt-Gesamtschule kennen. Zuvor war es eine eigenständige Landbürgermeister ei. Wo zwischen 1889 und 1943 das Styrumer Rathaus stand, sehen wir heute das Jugendzentrum cafe4you und die Gebrüder Grimm Schule. Das Schloss Styrum, der Aquarius und die Röhrenwerke erzählen von der industriellen und vorindustriellen Geschichte Styrums. Styrum blieb auch nach der Reformation katholisch und war bis 1806 unter den Grafen von Limburg Styrums mit einer Grundfläche von 60 Hektar der kleinste Staat des Heilrömische Reiches Deutscher Nation war. Nach den Grafen kamen die Direktoren August Thyssens, die ab 1890 im Schloss residierten, ehe es ab 1960 als erste Altentäter Westdeutschlands und als Ausstellungsraum für die städtische Kunst Sammlung genützt wurde. 

Mit der Landesgartenschau MÜGA zogen das interaktive Wasser Museum der rheinischen westfälischen Wasser Werks Gesellschaft RWW, Künstler Gastronomen in Thyssen s Wasserturm Aquarium und. Ins Schloss Styrums ein. Bis heute beherbergt das Schloss Künstlerateliers und eine Bürger Begegnungsstätte. Außerdem kann man dort und im Aquarius feiern und heiraten, Letzteres natürlich nur, wenn man sich traut. Wer sich für den Styrums Kalender 2024 interessiert, bekomm ihn für drei Euro in der Feldmannvilla an der Augusta Straße in der Stadtteilbücherei in der Willy-Brandt-Schule an der Oberhausen Straße oder in der Buchhandlung Fehst am Löhberg. 


Über mich und: Styrumer Feldmannstiftung

Dienstag, 14. November 2023

Aktuelle Erinnerung

 85 Jahre nach der Reichspogromnacht war es besonders vielen Menschen in Mülheim ein Bedürfnis sich auf dem Platz der ehemaligen Synagoge zu versammeln. Unter ihnen war auch der 1936 geborene Holocaust-Überlebende und 2021 ernannte Mülheimer Ehrenbürger Jacques Marx. Mit seiner Mutter hatte er sich während der NS-Zeit in französischen Wäldern versteckt, um der Ermordung zu entgehen. Rabbiner David Moshe Geballe schloss in sein Gebet für die Holocaust-Opfer auch jene 1250 Menschen mit ein, die am 7. Oktober 2023 in Israel von den radikalislamischen Terroristen der Hamas ermordet worden sind. "Seit dem Ende des Holocaust sind noch nie so viele jüdische Menschen ermordet worden, wie am 7. Oktober", schlug Oberbürgermeister Marc Buchholz eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. "Nie wieder ist jetzt", sagte er mit Blick auf die "Menschen, die unsere Meinungsfreiheit missbrauchen, um auf unseren Straßen antisemitische Parolen zu rufen und den Terror der Hamas zu feiern." Ihnen, so Buchholz: "müssen wir entschieden entgegentreten, um unsere Demokratie vor Schaden zu bewahren." Für den Stadtdechanten Michael Janßen führt nur ein Weg zum Frieden, ob in Nahost oder bei uns: "Reden, Reden, Reden!!!" 

Besonders bereichert wurde die Gedenkveranstaltung vor dem Medienhaus von Jugendlichen der Gustav-Heinemannschule. Sie zeigten historische Fotos der 1907 eingeweihten und 1938 niedergebrannten Synagoge. Sie lasen ein Gedicht und Zeitzeugenberichte aus der Reichspogromnacht vom 8. auf den 9, November 1938. In dieser Nacht erreichte die seit 1933 staatlich gelenkte Judenverfolgung einen weiteren traurigen Höhepunkt. Nicht nur die Synagoge, die die Jüdische Gemeinde bereits im Oktober 1938, weit unter Wert an die Stadtsparkasse verkauft hatte, wurde niedergebrannt. Der braune Mob misshandelte jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Er zerstörte ihre Geschäfte und Wohnungen. Allein in dieser Nacht wurden 80 jüdische Mülheimerinnen und Mülheimer verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. 

Besonders perfide: Den in Mülheim verbliebenen Jüdinnen und Juden wurde eine sogenannte Sühnesteuer auferlegt, mit deren Ertrag die Schäden der Reichspogromnacht bezahlt werden sollten. So wurden Opfer zu Tätern gemacht. Dies widerfuhr auch jenen 300 jüdischen Mülheimerinnen und Mülheimern, die ihre Flucht ins Ausland mit einer sogenannten Reichsfluchtsteuer bezahlen mussten. Oberbürgermeister Marc Buchholz brachte die heute und morgen mahnenden historischen Tatsachen auf den Punkt, wenn er feststellte: "Uns alle erfüllt es mit tiefer Scham, dass die Zivilcourage auch in unserer Stadt nicht stark genug war, um der Ausgrenzung der jüdischen Nachbarn entgegenzutreten." 1933 zählte die jüdische Gemeinde Mülheims 626 Mitglieder. Von ihnen konnten 300 fliehen und nur 20 im Machtbereich der Nationalsozialisten, gut versteckt oder in einem Konzentrationslager überleben. 270 jüdische Mülheimerinnen und Mülheimer wurden ab 1941 in Konzentrationslager deprotiert und dort ermordet. Heute zählt die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen rund 2700 Mitglieder, von denen etwa 800 aus Mülheim kommen.

Mittwoch, 8. November 2023

Starke Kunst

 Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Zwei Ausstellungen, die man zurzeit eintrittsfrei besuchen kann, zeigen es uns. In der Galerie 46 an der Aktienstraße 46 sehen wir unter dem Titel: "Torsi" Bilder und Skulpturen des Mülheimer Malers und Bildhauers Jochen Leyendecker. Der Name ist Programm. Torsi. Der 1957 in Mülheim geborene Leyendecker zeigt sich als Meister der Torsi. "Sie zeigen alles, auch wenn sie nicht alles zeigen", beschreibt der die Kunst der Andeutung, in der sich das Kunstobjekt durch die Phantasie seines Betrachters vervollständigt. Johannes Leendecker wurde durch seinen Kunstlehrer an der heutigen Otto-Pankok-Schule, Johannes Rickert, und durch den Mülheimer Bildhauer Ernst Rasche auf den Weg der bildenden Kunst gebracht. Er selbst hat die Kunst als Lehrer am Gymnasium Heißen der jungen Generation nahegebracht und in den Jahren 1998 bis 2015 im Bismarckturm am Kahlenberg gearbeitet und ausgestellt und damit den Dialog mit den Freunden der Kunst gesucht. 

Im Vorbeigehen und eintrittsfrei kann man in der katholischen Ladenkirche an der Wallstraße 22 zurzeit die gemalten "Seelenwelten" der 1981 geborenen und seit 1991 in Mülheim lebenden Künstlerin Monika Nemet betrachten. Wir sehen Werke einer vielseitigen Künstlerin, die offensichtlich gerne und gut mit verschiedenen Mischtechniken und realen bis surrealen Motiven experimentiert. Besonders beeindrucken sind dabei ihre ausdrucksstarken Portraits von Menschen, die offensichtlich vom Leben gezeichnet sind. Nicht nur der Teamleiter der katholischen Ladenkirche, Johannes Brands, wünscht den technisch wie inhaltlich bemerkenswerten Bildern Nemets, eine Publizität und Aufmerksamkeit, die über den Radius der katholischen Ladenkirche hinaus geht.


Jochen Leyendecker   Monika Nemet   Über mich


Montag, 6. November 2023

Verstehen wir uns noch?

In Zeiten des Wiedererstarkenden Rechtspopulismus und Rechtsextremismus nahmen sich 130 Menschen aus verschiedenen Bereichen der Bürgerschaft einen halben Tag Zeit, um über unsere Demokratie zu sprechen. Das Zentrum für bürgerschaftliches Engagement CBE und die katholische Akademie Die Wolfsburg hatten zur Demokratiekonferenz geladen.

Den ersten Impuls lieferte der langjährige WDR-Hörfunkjournalist Tom Hegermann. Er ging mit seiner Zunft hart ins Gericht. Interviews, die vor 20 Jahren noch 7 Minuten dauern dürften, müssen heute schon nach 2 Minuten 30 beendet werden beschrieb er den allgemeinen Trend zum Häppchenjournalismus. Darin sieht Hegermann der heute als Kommunikationstrainer arbeitet, eine für unsere Demokratie gefährliche Wirklichkeits- und Komplexitätsverweigerung der Medien.

Auch Mülheims Bildungsdezernent David Lüngen konstatierte: „Wir erreichen mit unseren Informationsveranstaltungen, bei denen oft mehr Mitarbeitende aus der Stadtverwaltung als interessierte Bürgerinnen und Bürger vertreten sind, längst nicht mehr alle Bevölkerungsgruppen.

Auch Bürgermeister Markus Püll räumte ein, „dass das an die Substanz unserer Demokratie geht, , weil Demokratie mit dem Dialog beginnt.“ Mediatoren Dr. Evgenja Sayko  plädierte für eine neue Gesprächs- und Diskussionskultur, die das Gegenüber mit der anderen Meinung respektiere und nicht als Gegner abwehrte.“

Steffen Ludwig, Jugendredakteur des Recherchenetzwerks Korrektiv, gab hilfreiche Faustregeln für die persönliche Medienanalyse. „Schauen Sie sich genau an, ob sie bestimmte Nachrichten nur in einem oder in mehreren Medien finden. Gucken Sie sich bei jeder Medienquelle das Impressum an, um zu sehen, wer redaktionell hinter der Nachricht steckt. Überprüfen Sie fragwürdige Fotos mit der Google-Rückwärtssuche, die Ihnen automatisch Fotos zu vergleichbaren Themen liefert. Wenn Sie auf Quellen stoßen, die besonders reißerisch und in schlechtem Deutsch formuliert worden sind, kann das ein Hinweis auf Influencer sein, die es darauf anlegen, im Netz Fake News zu verbreiten“, betonte Ludwig.

Die Diskussion machte deutlich: In Zeiten, in denen sich unsere Gesellschaft mit immer komplexeren Fragen konfrontiert sieht, wächst die Sehnsucht nach immer einfacheren Antworten, die vermeintlich nicht nur von Rechtsextremisten und Rechtspopulisten, sondern auch von Internet Influencern oder durch angeblich gut informierte Freunde in sozialen Gruppen verbreitet werden. „Die Sehnsucht nach einfachen Antworten, hat oft nichts mit mangelnder Intelligenz, sondern mit einer mangelnden emotionalen Resilienz zu tun“, unterstrich Tom Hegermann.

Dass dieses soziale Phänomen keine Lappalie ist, wurde daran deutlich, dass man sich einig darin war, dass eine gut funktionierende Demokratie auf gut informierte Bürgerinnen und Bürger angewiesen ist. In diesem Zusammenhang erntete die amtierende Bundesregierung denn auch scharfe Kritik für ihre Sparpläne im Budget der Bundeszentrale für politische Bildung.


Die Wolfsburg & Das CBE Über mich

Samstag, 4. November 2023

Ein Mensch, der uns fehlt

 Man erinnert sich gerne und oft an den am 3. Januar 2020 mit 66 Jahren viel zu früh verstorbenen ehemaligen Bezirksbürgermeister Hermann-Josef Hüßelbeck, der für die CDU auch im Rat der Stadt saß und sich darüber hinaus ehrenamtlich in den Reihen des Deutschen Roten Kreuzes, des Mülheimer Karnevals und des Stammtisches Aul Ssaan engagierte.

Die Wertschätzung, die Hermann-Josef Hüßelbeck auch postum in der Bürgerschaft genießt, wurde durch die zahlreichen Menschen sichtbar, die zur Enthüllung des neuen Straßenschildes an die Ecke Kölner Straße/Hermann-Joef-Hüßelbeck-Straße nach Selbeck kamen.

Hüßelbecks christdemokratische Nachfolgerin Elke Oesterwind würdigte den bodenständigen, traditionsbewussten und zugewandten Kommunalpolitiker unter anderem mit den Worten: „Viele Jahrzehnte lang hat er sich in das politische Geschehen unserer Stadt leidenschaftlich eingemischt, als Gestalter, als Kümmerer und als Menschenfreund. war er stets ansprechbar für die großen und kleinen Probleme seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger. Er gestaltete Politik fair und verbindlich, verlässlich und menschlich - und hat sich damit weit über alle parteipolitischen Grenzen hinweg hohes Ansehen und viele Sympathien erworben. Doch nicht nur die Kommunalpolitik, auch die Mülheimer Heimat- und Brauchtumspflege, insbesondere der Mölmsche Karneval, haben ihm unendlich viel zu verdanken.“

Auch Hüßelbecks Witwe Gabi Hüßelbeck und seine Tochter Alexandra verfolgten vor Ort dankbar die Ausführung, der am 24. November 2020 von der Bezirksvertretung 3 beschlossenen Würdigung ihres Ehemannes und Vaters. „Wir sind sehr stolz, finden aber auch, dass er diese Ehre verdient, hat“, betonten Gaby und Alexandar Hüßelbeck.


Über mich  

Montag, 30. Oktober 2023

Kölsche Töne

Kurz vor ihrem Auftritt in der Stadthalle traf ich für die Lokalredaktion den Sänger der Höhner, Patrick Lück, und deren Saxophonisten Jens Streifling auf ein Wort.

Was verbindet die Mülheimer an der Ruhr mit den Köln-Mülheimern am Rhein?

Patrick Lück: Neben dem Namen das kölsche Karnevalsgefühl und die Musik, in der dieses Gefühl des gemeinsamen Feierns zum Ausdruck kommt. Je nachdem, wie die Leute hier heute drauf sind, können wir Mülheim an der Ruhr nachher als 87. Kölner Stadtteil eingemeinden.

Kann man auch in Kriegs- und Krisenzeiten Spaß an der Freude haben und Karnevalslieder singen?

Jens Streifling: Auf jeden Fall. Denn man braucht den Mut und die Energie, um auch anderen Menschen zu zeigen: Wir lassen uns von all dem Schlechten nicht unterkriegen. Man muss feiern, um einen Ausgleich zu seinen Alltagssorgen zu finden. Deshalb sagen und singen wir ja auch: „Komm, lass und feiern!“ Das heißt aber nicht, dass wir an den Sorgen, über die wir uns ja auch unterhalten, einfach vorbeischunkeln.

Warum wird eine kölsche Band, wie die Höhner, mit ihren Liedern in der ganzen Republik und auch jenseits der Fünften Jahreszeit von den Menschen verstanden und gefeiert?

Patrick Lück: Das kölsche Lebensgefühl, das nicht nur im Karneval zum Ausdruck kommt, heißt Lebensfreude. Und das gefällt Menschen überall.

Jens Streiflinger: Die Menschen gehen nicht nur mit unseren Liedern durchs Jahr. Und deshalb gibt es das ganze Jahr über in vielen deutschen Städten kölsche Konzertabende, bei denen wir dann auch gerne mitmachen. 

 Ein Gefühl wie Karneval. Das zauberten die Höhner am Donnerstagabend im Theatersaal der Stadthalle auf die Bühne. Zwei Wochen vor dem 11.11. zeigten sich 400 zahlende und feiernde Höhner-Fans in ausgelassener Partylaune. Sobald das Licht im Theatersaal ausging und man die begeisterten Menschen aus allen Generationen mitsingen und zum Teil sogar mittanzen sah, konnte man vergessen, dass nicht alle der gut 1000 Sitzplätze im Theatersaal an diesem Abend besetzt waren. „Die Zahl der Konzertbesucher ist doch nicht entscheidend. Wichtig sind nur die, die da sind und die Spaß an der tollen Musik haben und deshalb auch richtig mitgehen“, fand eine Konzertbesucherin in der Pause.  Das sah auch ihre Freundin so: „Die Höhner heute hier in der Stadthalle und nicht in der Köln-Arena zu erleben, ist doch viel familiärer.“

Die meisten Höhner-Fans hielten es mit dem Keyboarder und Akkordeonisten Micky Schläger: „Das wird heute ein sportlicher Abend. Sitzen bleiben lohnt sich nicht.“

Nicht nur Manfred Friedrich war in den kölschen Stadtfarben zum Höhner-Konzert angetreten. Dem Sextett auf der Bühne gefiel es, dass ihr Mülheimer Publikum nicht mit seinem Dress-Code Farbe bekannte, sondern auch gesangstechnisch immer mehr von Ruhris zu Rheinländern mutierten, egal, ob bei: „Schenk mir dein ganzes Herz“, „Viva Colonia“, „Du bist für mich die Nummer Eins“ oder: „Die Karawane zieht weiter!“

Sänger Patrick Lück meinte am späten Konzertabend, der nach mehr als zweieinhalb Stunden und drei Zugaben ausklang: „Ihr macht Stimmung für 3000. Und wir sind froh, dass wir heute bei euch sein können. Dieses Konzert ist für uns ein großer Glücksmoment.“

Je länger das Konzert, mit seinen fröhlichen, romantischen, kritischen und sehnsuchtsvollen Liedern über Liebe, Leben, Leidenschaft, Lebensfreude, Lebensmut, Frieden und Toleranz, dauerte, desto mehr verschmolzen Musiker und Publikum zur musikalischen und emotionalen Einheit. Nach dem letzten Akkord fand nicht nur der rot-weiß-gewandete Höhner und 1.FC-Köln-Fan Manfred Friedrich: „Das war einfach eine tolle Show, bei der der Funke übergesprungen ist, weil bei den Höhnern nicht nur der Sound, sondern auch die Botschaft ihrer Lieder stimmt. Für die einzigen Misstöne des Abends sorgten zwei junge Damen in Reihe 6, die glaubten, ihre Begeisterung immer wieder mit schrillem und penetrantem Pfeifen zum Ausdruck bringen zu müssen und damit rücksichtslos die Trommelfelle ihrer Publikumsnachbarn auf das ärgste und unverschämteste strapazierten.


Die Höhner & Mülheimer Presse & Über mich

100 Jahre Leben

Fritz Heckmann ist das älteste Mitglied des Mülheimer Geschichtsvereins. Heute am 19 Oktober feiert er mit seiner Familie seinen 100. Geburtstag. Heckmann ist als langjähriges Mitglied des 1906 gegründeten Geschichtsvereins und des 1991 gegründeten Geschichtsgesprächskreises Styrum Chronist und Teil der Stadtgeschichte. Aufgewachsen ist er an der Kaiser-Wilhelm-Straße in Styrum. Das Haus hatte sein Großvater 1900 errichtet. Im Erdgeschoss betrieb die Tante ein Lebensmittelgeschäft. Dort gab es noch Wäsche-Soda aus einer Holzkiste und ein Petroleumfass mit Pumpe. Denn damals gab es noch viele Styrumer Haushalte ohne elektrisches Licht. Stattdessen erleuchteten Petroleumlampen die gute Stube. Im Jahr der Hyperinflation und des Hitler-Putsches geboren, hat Heckmann noch das ländliche Styrum kennengelernt. Im Landjahr 1938 lernte er bei einem Bauern in Styrum und Menden das Pflügen, pendelte mit Pferd und Wagen zwischen den Höfen.

In der Evangelischen Volksschule an der Augustastraße lernte er von 1929 bis 1938 fürs Leben. Seinen Lehrer Klang, der seine technische und handwerkliche Begabung förderte, lobt er voller Dankbarkeit.

Seine Leidenschaft hat er als Meister beim Mülheimer Gerätebauer Hage an der Neudecker Straße zwischen 1938 und 1988 zum Beruf gemacht. Bis heute pflegt er den Kontakt zu alten Kollegen. 

Fritz Heckmann gehört zur Kriegsgeneration. 1942 wurde er Soldat der deutschen Wehrmacht. 1943 gehörte zu den Flugzeugtechnikern, die den Lastensegler JU87 konstruierten und startklar machten, mit dem die Wehrmacht in Hitlers Auftrag den italienischen Diktator Benito Mussolini aus seiner Haft befreite.

Nach dem Krieg arbeitete er wieder bei Hage und fuhr mit der Straßenbahn zum Dienst. Damals saßen die Fahrgäste auf Holzbänken und wurden von uniformierten Schaffnern begleitet. Die Fahrt von Styrum nach Holthausen kostet 20 Pfennig. Erst, wenn jeder einen abgeknipsten Fahrschein hatte und alle ordnungsgemäß ein- und ausgestiegen war, klingelte der Schaffner und gab dem Mann an der Kurbel das Signal zur Weiterfahrt.

Für seine 2016 verstorbene Frau Helga und die vier gemeinsamen Kinder Friedrich, Martina, Hans Ulrich und Hans-Joachim hat Heckmann mit seinem Schwiegervater, Mitte der 1950er Jahre in Styrum das Haus gebaut, indem er bis heute lebt mit Tochter und Schwiegersohn lebt.

Seinen Ehrentag, zu dem der Geschichtsverein alles Glück der Welt wünscht, wird Heckmann mit seiner Familie feiern. Bezirksbürgermeister Heinz-Werner Simon-Czerczatka und Gemeindepfarrer Michael Manz werden als offizielle Gratulanten vorbeischauen. Wenig später wird er mit der Lukaskirchengemeinde in der Immanuelkirche an der Kaiser-Wilhelm-Straße seinen 85.Konfirmationstag feiern.

Konfirmiert wurde er im Oktober 1938 vom evangelischen Pfarrer Karl Falkenroth. Der gehörte damals zur regimekritischen Bekennende Kirche. Sie hatte sich vier Jahre zuvor in Wuppertal-Barmen formiert.


Mülheimer Geschichtsverein Über mich


 1929 als Gasbehälter errichtet, dient der 117 Meter hohe Gasometer in Oberhausen seit 30 Jahren als extravaganter Ausstellungsraum. Dieser ...