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Samstag, 23. April 2022

Seit zehn Jahren bietet Donum Vitae auch in Mülheim nicht nur im Schwangerschaftskonflikt Rat und Hilfe: Ein Gespräch mit Beraterin Ulla Höhne

Wo sich eine Türe schließt, öffnet sich eine andere." Diese Weisheit des französischen Dichters Moliere bewahrheitete sich am 2. Januar 2001. Denn damals öffnete sich die Türe der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle des Vereins Donum Vitae (Geschenk des Lebens), nachdem sich die Türen der katholischen Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen durch den von Papst Johannes Paul II. angeordneten Ausstieg aus der gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatung geschlossen hatten. Für die NRZ sprach ich mit Donum-Vitae-Beraterin Ulla Höhne über die Arbeit, die sie mit ihrer Kollegin Bettina Bubat van Hasseln und Verwaltungsfachkraft Ilse Roberts leistet.

Angesichts der Vorgeschichte war die Gründung von Donum Vitae und die Eröffnung einer eigenen Beratungsstelle durchaus heikel. Wer hat Sie in der Anfangszeit unterstützt?
Wir sind von ganz vielen engagierten Christen unterstützt worden, die der Meinung waren, dass die katholische Kirche die Frauen im Schwangerschaftskonflikt nicht allein lassen darf. Es gab aber auch Menschen aus dem Bereich der Caritas, die sich für uns stark gemacht haben. Ich denke dabei zum Beispiel an Annegret Terhorst, die sich bis heute ehrenamtlich im Vorstand unseres Trägervereins engagiert.
Was qualifiziert Sie und Ihre Kollegin für die schwierige Aufgabe der Schwangerschaftskonfliktberatung?
Ich bin Sozialpädagogin und meine Kollegin Sozialwissenschaftlerin. Ich habe darüber hinaus eine Zusatzausbildung als systemische Familienberaterin. Und meine Kollegin ist zusätzlich als Gesprächstherapeutin ausgebildet.
Wie wird Ihre für Ratsuchende kostenlose Arbeit finanziert?
80 Prozent unseres Etats werden vom Land finanziert. Die restlichen 20 Prozent setzen sich aus kommunalen Zuschüssen sowie aus den Mitgliedsbeiträgen unseres zurzeit 60 Mitglieder zählenden Trägervereins und aus Spenden zusammen.
Was macht das Profil der Schwangerschaftskonfliktberatung bei Donum Vitae aus?
Wir haben ein christliches Angebot, was vielen Frauen wichtig ist. Wir beraten aber auch muslimische Frauen, die gerne zu uns kommen. Wir profitieren von positiver Mund-zu-Mund-Propaganda und davon, dass wir nicht nur Schwangerschaftskonfliktberatung, sondern auch Rat und Hilfe bei Partnerschaftskonflikten, häuslicher Gewalt, in Verhütungs- und Aufklärungsfragen und bei der Begleitung von Frauen bieten, die sich nach der Beratung für ihr Kind entschieden haben.
Wie viele Frauen suchen bei Ihnen Rat?
Im letzten Jahr haben wir 570 Beratungsgespräche mit 315 Frauen geführt. Zum Vergleich: Im ersten Jahr wurde unsere Beratungsstelle von 97 Frauen aufgesucht, mit denen wir damals 179 Beratungsgespräche geführt haben. Wir können uns also über einen stetig wachsenden Zuspruch freuen.
Wie hat sich Ihre Beratungsarbeit seit 2001 verändert?
Sie ist schwieriger und aufwendiger geworden, weil die meisten Frauen mehr und vielschichtigere Probleme haben. Ich kann mich zum Beispiel nicht daran erinnern, dass im ersten Jahr eine Frau mit einem Gewaltproblem in ihrer Partnerschaft zu uns gekommen wäre. Mittlerweile häuft sich dieses Problem, vor allem im Zusammenhang mit ungewollten Schwangerschaften. Früher kamen auch keine Frauen zu uns, die eine Trauerbegleitung brauchen, weil sie ein Kind verloren haben oder mit der Belastung eines Schwangerschaftsabbruches nicht klar kommen.
Worin sehen Sie den Grund für diese Akzentverschiebung?
Ich glaube, dass sich Frauen heute mehr trauen, mit ihren Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen und über ihre Probleme zu sprechen. Und wir selbst haben heute auch Probleme im Blick und sprechen sie an, an die wir vor zehn Jahren nicht gedacht haben.
Suchen auch Männer Ihren Rat?
Ganz selten. Pro Jahr habe ich vielleicht einen oder zwei Männer in der Beratung, die zum Beispiel mit der Entscheidung ihrer Partnerin nicht klar kommen. Etwa 75 Prozent unserer Beratungsgespräche führen wir ausschließlich mit Frauen und etwa 25 Prozent mit Paaren. Oft kommen Frauen aber auch bewusst zunächst alleine in unsere Beratung, um sich, unabhängig von ihrem Partner über ihre eigene Entscheidung klar werden zu können.
Die Beratungsstelle von Donum Vitae an der Schloßstraße 8 bis 10 ist montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr und freitags von 9 bis 14 Uhr unter der Rufnummer: 969 15 15 oder per E-Mail an: muelheim@donumvitae.org erreichbar

 

Freitag, 7. Januar 2022

Barrierefrei denken

 Seit 100 Jahren gibt es in Mülheim einen Blinden- und Sehbehindertenverein. In seinem Jubiläumsjahr wird er von einer Frau geführt. Maria St. Mont ist spät erblindet, Doch das hat ihr nicht den Lebensmut geraubt. Wer ihr begegnet, begegnet einer lebensbejahenden und energiegeladenen Frau, die aus ihrer Not eine Tugend gemacht hat, in dem sie sich für blinde und sehbehinderte Menschen stark macht.

"Wir müssen barrierefrei denken", sagt St. Mont. Auch wenn sie der Stadtverwaltung zubilligt, in den vergangenen Jahre für die Belange behinderter Menschen sensibler geworden zu sein und als Beispiel dafür die Einführung von akustischen Ampeln und taktilen Leitsystemen nennt, macht sie auch klar. "Es bleibt noch viel zu tun, um wirklich barrierefrei zusammenleben zu können."

Die Barrieren im Kopf erlebt sie, wenn Autofahrer ihre PKWs auf den Bürgersteigen parken, E-Scooter-Enthusiasten ihre Elektroroller links liegen lassen oder Kaufleute mit ihren Auslagen und Werbeschildern die Gehwege zustellen. "Vieles von dem ist kein böser Wille, sondern nur Unkenntnis", glaubt St. Mont. Zugespitzt könnte man aber auch von Ignoranz sprechen.

Diese Ignoranz bekommen nicht nur Blinde und Sehbehinderte, sondern fast alle Menschen mit Handicap auch auf dem Arbeitsmarkt zu spüren, wenn sie trotz guter Qualifikation lieber nicht eingestellt werden, weil Arbeitgeber mit Ausgleichzahlungen fihre nicht erfüllte 6-Prozent-Behinderten-Quote lieber Ausgleichszahlungen leisten, weil sie Angst haben, dass nicht nur blinde und sehbehinderte Mitarbeitende zum Bremsklotz auf dem Weg zum wirtschaftlichen Erfolg werden könnten, den sie nie wieder los werden.

Auch hier herrscht mehr Unwissenheit statt Bosheit, weil man auch als inklusiver Arbeitgeber Mitarbeitende mit Handicap sehr wohl kündigen kann, noch besser aber mit Fördermitteln der öffentlichen Hand und mit fachkundiger Unterstützung durch den Integrationsfachdienst in seinen Betrieb integrieren kann. 

St. Mont verweist in diesem Zusammenhang nicht nur auf vielfältige Hilfsmittel und finanzielle Nachteislausgleiche, sondern auch auf das ermutigende Beispiel, dass uns blinde und sehbehinderte Juristen, Musiker, Physiotherapeuten und Pädagogen geben. Sie zeigen unserer menschlich oft blinden oder zumindest stark sehbehinderten Leistungsgesellschaft, dass Menschen mit Behinderung weitaus mehr leisten können und wollen, als ihnen viele zutrauen, wenn sie denn nicht behindert und durch Barrieren im Kopf daran gehindert werden.

Man wünscht dem unter: www.bsv-muelheim.de auch im Internet zu findenden Blinden- und Sehbehindertenverein zweifellos mehr als seine aktuell 81 Mitglieder, wenn man seine tatkräftige Vorsitzende vom geselligen und informativen Vereinsleben berichten hört, das von sehenden und ehrenamtlich aktiven Helfern unterstützt wird. Sie beweisen, was uns Antoine de Saint-Exupéry bereits 1943 mit seiner Geschichte vom Kleinen Prinzen wissen ließ: "Man sieht nur mit dem Herzen gut!"

Donnerstag, 16. Dezember 2021

Zeit zu verschenken?

 Das wertvollste, was wir uns und anderen Menschen, nicht nur zur Weihnachtszeit, schenken können, ist unsere Zeit und Zuwendung.


Das erlebt- und erfährt auch Werbetexterin Christine Stehle aus der Stadtmitte, wenn sie dort ihre 92-jährige Mutter in einer Pflegewohngemeinschaft für demenziell veränderte Menschen besucht.

Leider stellt Stehle, die vor Jahren aus Hamburg in ihre Heimatstadt an der Ruhr zurückgekommen ist, um ihre Mutter daheim zu pflegen, ehe diese jetzt, ihrer Krankheit geschuldet, in eine Pflege-WG umziehen musste.

Gemeinsam gegen Einsamkeit


In Gesprächen und bei Besuchen, die Stehle auch in andere Mülheimer Pflegeeinrichtungen führen, stellt sie immer wieder erschrocken und betroffen fest, dass es gerade unter den demenziell veränderten Senioren, die dort leben müssen, viele Menschen gibt, die niemals Besuch bekommen.

"Das sind nicht nur Menschen ohne Familienangehörige", betont Stehle. Diesen menschlichen Missstand in Zeiten des voranschreitenden demografischen Wandels will die tatkräftige und herzliche Frau mithilfe eines ehrenamtlichen Besuchsdienstes beheben. "Auch wenn demenzkranke Menschen vielleicht später wieder vergessen, dass sie besucht worden sind, erleben sie Besuchskontakte, die auch mit Vorsingen, Vorlesen, Basteln und Erzählen verbunden sein können, doch als Glücksmomente. Und darum geht es mir. Zusammen mit Gleichgesinnten möchte ich für diese zu oft vernachlässigten Menschen, auf deren Schultern wir stehen und von deren Lebensleistung wir heute profitieren, Glücksmomente schaffen", sagt Christine Stehle.

Beim einschlägig erfahrenen Peter Behmenburg vom gleichnamigen Pflegedienst und bei dem in der Müga ansässigen und von Reiner Krafft geführten Familienbildungswerk Eltern werden - Eltern sein e.V. hat Stehle kompetente und organisatorische Unterstützung gefunden.

Weil das 1990 gegründete Familienbildungswerk Eltern werden-Eltern sein als gemeinnütziger Verein organisiert ist, kann Stehle auch Spendenquittungen ausstellen, um damit den Zeitschenkerinnen und Zeitschenkern, die sie auf diesem Weg zahlreich anzusprechen und zu gewinnen hofft, zumindest die Fahrtkosten erstatten kann, die den ehrenamtlichen Besucherinnen und Besuchern im Rahmen ihres Ehrenamtes entstehen könnten.

Und weil der Umgang mit demenziell veränderten Menschen gelernt sein will, werden Stehle und Behmenburg die freiwilligen Zeitschenkerinnen und Zeitschenker vor ihrem ersten Einsatz schulen. Christine Stehle legt Wert darauf, dass sich Menschen aus allen Generationen für dieses menschlich bereichernde Ehrenamt melden können und sollen. Außerdem macht sie klar, "dass jeder Zeitschenker und jede Zeitschenkerin ganz flexibel über den zeitlichen Umfang ihres ehrenamtlichen Besuchsdienstes entscheiden können!"

Wer Christine Stehle als Zeitschenkerin oder als Zeitschenker unterstützen kann und will, erreicht sie unter der Rufnummer: 0173-2417266 oder per E-Mail an: stehle@stehle-text.de

MW, 15.12.2021

Samstag, 11. Dezember 2021

Mehr als nur ein Lächeln für Ghana

Kofi Akoto hat eine starke Stimme. Wenn er Gospels singt, bleibt kein Zuhörer unberührt. Der 35-Jährige könnte als Sänger Karriere machen. Aber er arbeitet, und das gerne, seit sechs Jahren als Altenpfleger im Altenheim Haus Ruhrgarten. Dennoch will der Mann mit der starken Stimme seine Kunst in den Dienst einer guten Sache stellen. Zusammen mit Kollegen aus dem Ruhrgarten hat er jetzt den Verein „Ein Lächeln für Ghana“ ins Leben gerufen. Am kommenden Samstag will er zusammen mit den Ablaze Gospel Singers und den Markus Gospel Singers ein Benefizkonzert geben. Der Erlös soll in die Finanzierung eines Hilfstransportes einfließen.

Per Schiffscontainer will Akoto Hilfsgüter, wie zum Beispiel Kleidung, Schulmaterial, haltbare Lebensmittel oder auch Spielsachen in seinen Heimatort Kumasi bringen. Der liegt im Westen Ghanas. „Dort gibt es sehr viele alleinerziehende Mütter, die trotz Arbeit kaum in der Lage sind, das Schulgeld und andere Dinge des täglichen Bedarfs zu bezahlen“, berichtet Akoto. Ihnen will er helfen, hat bereits erste Sachspenden auf eigene Kosten und mit finanzieller Unterstützung von Kollegen und anderen Spendern nach Ghana bringen können.

„In Ghana kennt man keinen Sozialstaat und keine Sozialverbände, wie in Deutschland. Wenn eine alleinerziehende Mutter ihre Kinder zum Beispiel als Putzfrau, als Wasser- oder als Imbissverkäuferin durchbringt, kann sie höchstens 100- bis 150 Euro pro Monat verdienen. Aber allein der Schulbesuch pro Kind und Monat kosten 50 Euro“, beschreibt der zweifache Familienvater die Situation in seinem Heimatland.

Der studierte Marketingfachmann und ausgebildete Altenpfleger verließ Ghana vor zehn Jahren und folgte einer in Deutschland lebenden und arbeitenden Landsfrau.

„Ich habe zuerst als Marketingfachmann gearbeitet, aber irgendwann war mir das zu oberflächlich und ich habe mir einen Beruf gesucht, in dem man wirklich Gutes tun und Menschen helfen kann“, erklärt Akoto seinen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Wechsel vom Marketing in die Pflege. Auch wenn er in seiner Ausbildung viele Sprachhürden überwinden musste, hat er diesen Wechsel nie bereut.

In seiner alten Heimat sieht er vor allem ein Problem: „Viele Frauen leben unverheiratet mit Männern zusammen und wenn sie dann Kinder bekommen und der Mann sie wieder verlässt, haben die Frauen keinen Anspruch auf Unterhalt. Denn diesen Anspruch haben in Ghana nur verheiratete Mütter.“ Hinzu komme, so Akoto, dass die Lebenshaltungskosten in den letzten Jahren stark angestiegen seien. Was ihm in der Seele weh tut, ist die Tatsache, dass auch begabte Kinder oft nicht die Schule besuchen können, wenn ihren alleinerziehenden Müttern das Schulgeld fehlt.

Sein Verein „Ein Lächeln für Ghana“ will hier mit Bildungspatenschaften und Sachspenden aus der Not der sozialen Perspektivlosigkeit heraushelfen.


Wer Kofi Akto helfen möchte, erreicht ihn unterden Rufnummern 0208/74 05 099 oder unter 0152/1515 0910.

Dieser Text erschien am 20. oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Zentral, erreichbar, bezahlbar

Wie wird es sich 2025 in Mülheim wohnen? Sozialdezernent Ulrich Ernst (59) wagt einen Blick in die Zukunft. Er beschreibt seine Idee vom Zusammenleben der Generationen im Mülheim von morgen.

Wie wollen Sie selbst wohnen, wenn Sie alt sind?
Ich bin schon alt. Und ich möchte so wohnen, wie ich jetzt wohne: zentral und mit Blick auf meine Nahversorgung fußläufig. Allerdings wohne ich derzeit in der 2. Etage eines Hauses ohne Aufzug. Vielleicht muss ich da noch einmal umziehen.

2025 werden bereits 27 Prozent der Mülheimer 65 und älter sein. Was bedeutet das für die Wohnkultur in unserer Stadt?
Wir brauchen Wohnquartiere, die sich durch Erreichbarkeit und Zugänglichkeit auszeichnen, wenn es um den Besuch des Hausarztes, des Friseurs, um den Einkauf oder um eine Physiotherapie geht. Auch Bring- und Holdienste werden keine Frage der Bequemlichkeit, sondern der Notwendigkeit sein.

Wie bereitet sich die Stadt auf diese Herausforderung vor?
In dem wir schon heute Netzwerke der  Generationen  initiieren, in denen wir alle relevanten Akteure eines Stadtteils zusammenbringen, damit sie eigene Initiativen entwickeln und Bedarfe formulieren. Solch eine Entwicklung kann man nicht von oben herab für die  gesamte Stadt verordnen. So etwas muss sich von unten aus den Stadtteilen heraus aufbauen.

Wie können die mehr werdenden Alten und die weniger werdenden Jungen auch 2030 friedlich zusammenwohnen?
Wir brauchen Orte, an denen sich Menschen begegnen können und wir brauchen bezahlbaren Wohnraum. Dort, wo alte und junge Menschen sich begegnen, können persönliche Bindungen entstehen, die zum Beispiel dazu führen kann, dass die alte Frau dem kleinen Kind von nebenan vorlesen und der junge Familienvater den einen oder anderen Einkauf für die alte und alleinstehende Nachbarin erledigen könnte.

Welche Wohnformen wird es im Mülheim von Morgen geben?
Wir werden weiterhin eine sehr differenzierte Wohnlandschaft haben. Weil auch eine ältere Stadtgesellschaft aus unterschiedlichen Menschen mit individuellen Bedürfnissen bestehen wird. Da werden wir Mehrgenerationen-Häuser und Alten-WGs ebenso haben wie die kleinen Apartments, in denen alleinstehende Senioren leben, die ganz bewusst allein wohnen und ihre Ruhe haben wollen. Angesichts langfristig sinkender Renten wird es auch mehr arme Rentner geben. Die soziale Spaltung der Stadt wird sich fortsetzen und sie wird nur durch das Beibehalten der jetzt erreichten Achtsamkeit für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Wohn- und Stadtquartiere abgefedert werden können. Mülheim wird eine Stadt mit weniger Menschen und mehr kleinen Haushalten werden.


NRZ, 03.06.2016

Mittwoch, 10. November 2021

Außer man tut es

Der Förderverein, den Paul Heidrich und Manfred Rixecker vor viereinhalb Jahren aus der Taufe gehoben und für den sie inzwischen 70 Mitglieder gewonnen haben, bringen die Menschen mit Behinderung, die im Selbecker Dorf der Theodor-Fliedner-Stiftung zuhause und behütet sind, voran. 


Auf dem Platz vor dem Dorfrathaus übergaben Rixecker, dessen Bruder im Fliedner-Dorf gelebt hat und Heidrich, dessen Sohn dort zuhause ist, übergaben jetzt ein Fahrzeug, dass die Fliedner-Mitarbeiter Friedhelm Thissen und Andreas Hesse, stellvertretend für ihre Kollegen und die aktuell 162 Bewohner des Wohnbereiches für Menschen mit Behinderung in Empfang nahmen. "Mit dem neuen, sehr behindertenfreundlich, weil barrierearm konfigurierten Fahrzeug können wir seinen in die Jahre gekommenen Vorgänger ersetzen und zum Beispiel für Arzt- und Einkaufsfahrten oder auch für Ausflüge nutzen," freut sich Thissen, der den Wohnbereich für Menschen mit Behinderung leitet.

Für ein Stück vom Glück


Mit seinem für den Sozialen Dienst verantwortlichen Kollegen Hesse ist sich Thissen darüber einig, "dass uns der Förderverein mit seinem segensreichen Engagement dafür sorgen können, dass die Dorfbewohner mit Behinderung im Geiste der UN-Menschenrechtskonvention all das tun und erleben können, was wir als nicht-behinderte Menschen im Rahmen unserer sozialen Teilhabe auch erleben.

Es sind nicht die riesigen Summen, sondern das von Herzen kommende und deshalb auch viele Spender, Stifter und Sposnoren überzeugende Engagement, mit dem der Förderverein den Selbecker Dörflern zum Beispiel Pizza und Eis für alle, ein Gartenzaunkonzert der Friends of Dixieland, ein Menschenkicker-Turnier oder einen Tagesausflug ins Dortmunder Fußballmuseum des DFBs ermöglichen.

"Wir unterstützen mit unseren Spenden die Theodor Fliedner Stiftung, ohne sie aus ihrer finanziellen Verantwortung zu entlassen, in dem wir ihr immer nur Zuschüsse gewähren.", betont Rixecker. So stellte der Förderverein jetzt 7500 der 12.000 Euro bereit, die notwendig waren, um das neue Fahrzeug für den individuellen Bewohner-Fahrdienst anzuschaffen. Das gilt auch für alle anderen Aktivitäten und Projekte, die der Förderverein des 1992 eröffneten und von insgesamt rund 600 Menschen bewohnten Fliedner-Dorfes mit seinen Finanzspritzen möglich macht.

Der Fördervereinsvorsitzende, Manfred Rixecker und sein Stellvertreter, Paul Heidrich, wünschen sich als Mitglieder der Generation U80 jüngere Menschen, die sich im Förderverein engagieren und damit ihr Anliegen fortführen, indem sie es zu ihrem machen.

Wer die Fliedner-Freunde materiell und ideell unterstützen kann und will, erreicht Manfred Rixecker unter seinen Rufnummern: 0208/96 00 745 oder per E-Mail an: manfred.rixecker@web.de


MW/LK, 09.11.2021

Samstag, 9. Oktober 2021

In Würde leben, bis zuletzt!

 "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." So steht es im Artikel 1 des Grundgesetzes. Dieses große Versprechen unserer Verfassung wird in der sozialen Wirklichkeit nicht immer eingelöst. Umso beachtlicher ist das ehrenamtliche Engagement, das die aktuell 40 Begleiter des Ambulanten Hospizes leisten.

"Unsere Ehrenamtlichen sind unser großer Schatz", sagt die Vorsitzende des Ambulanten Hospizes, Ursula König. Vor 25 Jahren waren ihr Ehemann Henning, sie, der damalige Caritas-Geschäftsführer Klemens Anders und der damalige Stadtdechant Manfred von Schwartzenberg die  treibenden Kräfte bei der Gründung des Hospizvereins, aus dem 2008 das Ambulante Hospiz hervorgegangen ist.

Pionierarbeit geleistet

In der Rückschau stellt Ursula König fest: "Wir haben Pionierarbeit geleistet, das Tabu um Sterben und Tod aufgebrochen und wir sind heute gut etabliert." Schwerstkranke und sterbende Menschen nicht allein zu lassen, ihnen Zeit, Zuwendung, Trost und ein offenes Ohr zu schenken und damit auch die in Mitleidenschaft gezogenen Angehörigen zu unterstützen, das ist der christliche Kern des Ambulanten Hospizes.
Diese Arbeit, die vornehmlich von Frauen und mehrheitlich von Menschen aus der lebenserfahrenen Generation der Über-50-Jährigen geleistet wird, zeigt: Nächstenliebe ist nicht nur ein frommer Wunsch. Allein in den Jahren 2019 und 2020 haben die ehrenamtlich Begleitenden des Ambulanten Hospizes jeweils 46 sterbende Menschen daheim und in Pflegeheimen betreut. Nach dem ersten Corona-Lockdown musste das Ambulante Hospiz zwischen März und Juni seine ambulante Begleitung Sterbender auf telefonische Kontakte beschränken. Inzwischen kann die persönliche Begleitung, unter Einhaltung der Corona-Schutz-Maßnahmen, wieder persönlich und vor Ort durchgeführt werden.

Für Ursula König steht fest: "Unser Ladenlokal am Kohlenkamp/Ecke Leineweberstraße, in dem wir Anlaufstelle für Ratsuchende sind, aber auch die regelmäßigen Treffen und die Aus- und Fortbildung unserer Begleiter durchführen können, haben die Arbeit des Ambulanten Hospizes ebenso vorangebracht wie unsere enge und gute Verbindung mit den Mülheimer Krankenhäusern, Pflegeheimen und mit der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV)." Hinter der SAPV steht ein ärztliches und schmerztherapeutisches Netzwerk.

Hauptamtliche Koordination

Die ehrenamtliche Arbeit des spendenfinanzierten Ambulanten Hospizes kann aber nur mithilfe von Andrea Guntermann funktionieren, die als hauptamtliche Mitarbeiterin die Einsätze der Begleiter koordiniert, fachlich gestaltet und für Ratsuchende, auch in der Trauerbegleitung, als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht. Das Ladenlokal des Ambulanten Hospizes am Kohlenkamp 7 ist telefonisch unter den Rufnummern: 0208 - 30 448 680 und 0160 - 78 688 45 erreichbar und montags, dienstags, donnerstags und freitags zwischen 9 und 12 Uhr geöffnet:

"Die ehrenamtlich Mitarbeitenden wissen, dass sie sich mit allen Problemen, die bei ihrer sensiblen Arbeit auftauchen können, jederzeit an uns wenden können. Außerdem gibt es neben den Austauschtreffen auch das Angebot einer professionellen Supervison, um das Erlebte zu reflektieren und zu verarbeiten", erklärt Guntermann.

Wer seelisch stabil ist und sich vorstellen kann, im Rahmen seiner zeitlichen Möglichkeiten, sterbende und schwerstkranke Menschen zu begleiten, sollte mit dem Ambulanten Hospiz Kontakt aufnehmen. Im kommenden Frühjahr startet dort eine neue 120-Stunden-Ausbildung für ehrenamtliche Sterbebegleiter, die mit einem Praktikum in einer Pflegeeinrichtung abschließt. Seit 1997 hat das Ambulante Hospiz 89 Frauen und 17 Männer zu ehrenamtlichen Sterbebegleitern ausgebildet. Weitere Informationen bietet die Internetseite des Ambulanten Hospizes: www.ambulantes-hospiz-mh.de


MW/LK, 08.10.2021

Sonntag, 27. Dezember 2020

Kein Platz für Drogenabhängige?

 Die Corona-Pandemie hat die Themen Hygiene und Infektionsschutz zum Allgemeingut und zum Politikum werden lassen. Da schockt der Anblick von benutzten Spritzen, die auf einer Grünfläche zwischen Georg- und Auerstraße herumliegen. Besonders pikant: Die Grünfläche, auf der sich regelmäßig Drogenabhängige treffen, um sich auszutauschen und gemeinsam ihre Sucht zu befriedigen, liegt in unmittelbarer Nähe eines Jugendzentrums und einer Kindertagesstätte. Auch das Amtsgericht ist nicht weit.

Eine anonyme E-Mail aus der Mülheimer Drogenszene, die der Mülheimer Woche vorliegt, zeigt: Dieser Zustand wird selbst innerhalb der Drogenszene als unhaltbar angesehen. Die Diplom-Pädagogin Jasmin Sprünken, die die Drogenhilfe der Arbeiterwohlfahrt leitet, kennt das Problem. Vor dem Hintergrund ihrer Beratungserfahrung schätzt sie die Größe der Mülheimer Drogenszene auf etwa 800 Personen. Sie geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus.

Die Arbeiterwohlfahrt hilft

Sprünken und ihre Kollegen betreiben an der Gerichtsstraße 11 das Café Light der Arbeiterwohlfahrt. Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie fanden hier täglich 80 Drogenabhängige Rat, Hilfe und eine Anlaufstelle. Hier bekommen sie nicht nur guten Rat und ein offenes Ohr. Hier können sie essen und trinken, natürlich keinen Alkohol. "Im Café Light haben Drogenabhängige auch die Möglichkeit, ihre gebrauchten Spritzen zu entsorgen zu lassen und von uns kostenlos eine neue Spritze zu bekommen", erklärt Jasmin Sprünken. Der Automat, aus dem man sich frische Spritzen ziehen kann, erinnert an einen Zigarettenautomaten.

Nicht alle halten sich an die Regeln

Sie weiß aus ihrer Praxis: "Leider gibt es auch in der Drogenszene Menschen, die sich an Regeln halten und solche, die das nicht tun." Daran können nach Sprünkens Erfahrung auch die Säuberungsaktionen, die das Café-Light-Team regelmäßig mit seinen Klienten durchführt, auf Dauer nichts ändern. "Wir kennen das Problem und suchen seit Jahren mit dem Ordnungsamt, dem Stadtplanungsamt und mit der Polizei und mit den in der Szene aktiven Streetworkern, einem alternativen Ort, an dem sich Drogenabahängige treffen können, ohne zu einem öffentlichen Ärgernis zu werden", betont die Leiterin der AWO-Drogenhilfe. Auch der Leiter des Stadtplanungsamtes, Felix Blasch, war schon im Café  Light, um mit den Drogenabhängigen über einen alternativen Treffpunkt für die Szene zu diskutieren. "Die Stadt ist aufgeschlossen und betreibt keine Vetreibungspolitik", stellt Sprünken anerkennend fest. Zuletzt war ein zügiger Parkplatz an der Friedrich-Wilhelms-Hütte als alternativer Treffpunkt der Szene im Gespräch. Hier wollte die Ruhrbahn Haltestellen-Häuschen als Windschutz und Sitzgelegenheit aufstellen. Letzteres scheiterte daran, dass die Ruhrbahn aufgrund der vielen Mülheimer Baustellen ihre Ersatz-Wartehäuschen selbst brauchte, um Ersatz-Haltestellen einrichten zu können. "Auch wenn Drogenabhängige nirgendwo gerne gesehen werden, so sind sie doch ein unbestreitbarer Teil unserer Gesellschaft, der, wie alle anderen Bürgerinnen und Bürger das Recht hat, sich in der Öffentlichkeit zu treffen und soziale Kontakte zu pflegen, ohne dass sie dabei immer von hauptamtlichen Sozialmenschen beobachtet werden", macht die Leiterin der AWO-Drogenhilfe deutlich.

Alternative Treffpunkte gesucht

Sie weist darauf hin, dass auch frühere Treffpunkte der Drogenszene, wie etwa die 2008 zugunsten des neuen Ruhrquartiers beseitigten Ostruhranlagen oder die Fußgängerbrücke zwischen Kohlen- und Charlottenstraße zum öffentlichen Ärgernis geworden seien. Auch sogenannte Druckräume, die von medizinisch und sozialarbeiterisch qualifizierten Fachkräften betreut werden, sieht Sprünken angesichts der Lebenswirklichkeit der Szene nicht als Allheilmittel an. Sie lässt keinen Zweifel daran, "dass wir keine Räume betreiben können, an denen harte und illegale Drogen, wie zum Beispiel Heroin, gehandelt und gespritzt werden. Außerdem würden auch öffentlich betreute Druckräume nichts daran ändern, dass viele Drogenabhängige ihre Sucht lieber zuhause oder an anonymeren und weniger einsehbaren öffentlichen Plätzen befriedigen würden." Mit Blick auf das Café Light, das aufgrund der Corona-bedingten Abstandsregeln seine Innenraum-Plätze stark reduzieren und statt dessen mit Zelt-Pavillons auf seinen Hof ausweichen musste, macht sich die Leiterin der AWO-Drogenhilfe keine Illusionen: "Die  Suche nach einem weniger exponierten öffentlichen Treffpunkt der Drogen-Szene muss weitergehen, aber das Corona-Jahr 2020 ist für dieses schwierige Unterfangen leider ein verlorenes Jahr, weil wir im aktuellen Lockdown ohnehin keine größeren Menschenansammlungen auf Plätzen oder in Räumen zulassen können. Und die Drogenabhängigen haben besonders große Angst davor, mit dem Corona-Virus infiziert zu werden, weil sie wissen, dass sie zu einer Risikogruppe gehören."


Dieser Text erschien am 16. Dezember 2020 im Lokalkompass Mülheim

Dienstag, 24. November 2020

"Wir wollen die Welt ein bisschen besser machen!"

 Der nun beginnende Advent ist die Hochzeit der Grußkarten. Normalerweise trifft man jetzt die 22 Mitglieder der Unicef-Gruppe Mülheim-Oberhausen auf Adventsmärkten oder in Einkaufszentren. Da diese Verkaufsmöglichkeit Corona-bedingt wegfällt und viele der örtlichen Unicef-Mitglieder als Über-60-Jährige zur Risiko-Gruppe gehören, sind die lokalen Botschafter des Kinderhilfswerkes der Vereinten Nationen umso mehr auf den direkten Grußkarten-Verkauf in ihrem Unicefladen an der Dimbeck 57 (Ecke Wittekindstraße) angewiesen.

Seit 15 Jahren haben die Unicefler in der vormaligen Metzgerei und Schneiderei ihr Quartier. "Wir haben hier eine sehr günstige Miete. Denn eine Miete in der Stadtmitte könnten wir uns nicht leisten", sagt Traudel Emde. Mit ihrer Unicef-Kollegin Ursula Schlösser, die wie sie praktizierende Mutter und Großmutter ist, ist sich Traudel Emde einig: "Wenn wir uns für unsere eigenen Kinder und Enkel engagieren, dann können wir uns auch für Unicef engagieren. Kinder sind die Schwächsten der Gesellschaft. Da müssen wir etwas tun."

Hilfe für den Nachwuchs im Globalen Dorf

Der Sprecher der Unicef-Ortsgruppe, Hubertus Troska, bringt die Motivation der Mülheimer und Oberhausener Unicef-Botschafter auf den Punkt, wenn er sagt: "Wir wollen die Welt ein bisschen besser machen." Wie Unicef die Welt der Kinder weltweit besser macht, etwa durch akute Nothilfe, durch Brunnen,- Toiletten- und Wasserleitungsbau oder durch Investitionen in Schul- und Bildungsprojekte, berichten und zeigen Troska und seine Mitstreiter der interessierten Öffentlichkeit normalerweise nicht nur im Unicef-Laden an der Dimbeck 57, sondern auch vor Ort in Schulen, bei Ausstellungen, Sportveranstaltungen und Festen, am Weltkindertag oder als Vortragende und Werbende in diversen Multiplikatoren-Gruppen. Gerade in den Gruppen, in denen die Unicefler auf sozial aktive Mitbürger treffen, wird ihre Botschaft gehört. "Es gibt auch Mülheimer, die uns ehrenamtlich unterstützen, obwohl sie keine Unicef-Mitglieder sind", freut sich Hubertus Troska.

Ursula Schlösser macht keinen Hehl daraus, "das 70 bei uns in der Gruppe schon jung ist und wir gerne auch jüngere Unterstützer finden würden, die aber oft beruflich und familiär so eingespannt sind, dass ihnen die Zeit für ehrenamtliches Engagement fehlt."
 
Die 22 Mitglieder der Unicef-Gruppe Mülheim-Oberhausen teilen sich die Arbeitsschichten beim Kartenverkauf, mit dem sie im vergangenen Jahr 15.000 Euro für Unicef einnehmen konnten. Das Geld wird an die Kölner Bundesgeschäftsstelle von Unicef in Köln und vor dort aus an die Unicef-Zentrale in New York überwiesen. "Unsere Grußkarten, inklusive Briefumschlag kosten zwischen 1,40  Euro und 1,60 Euro. Davon fließen 80 % direkt in die Kinder-Hilfsprojekte von Unicef", erklärt Hubertus Troska das Prinzip. Wer sich im Unicef-Laden umschaut, stellt schnell fest, dass die dortige Vielfalt der Kartenmotive, von klassisch bis extravagant, keinen Grußkarten-Geschmack unberücksichtigt lässt. "Unseren älteren Stammkunden, die nicht mehr so gut zu Fuß sind," bringen wir die Grußkarten-Päckchen auch gerne nach Hause", sagt Traudel Emde. Und Hubertus Troska möchte nicht unerwähnt lassen, dass die Unicefler den Firmen dankbar sind, die ihre Weihnachtsgrüße an Kunden und Geschäftspartner im großen Stil auf Unicef-Karten versenden oder als Außen-Verkaufsstellen des Unicef-Ladens Unicef-Grußkarten in Kommission nehmen. So kann man Unicef-Karten zum Beispiel auch in der Saarner Buchhandlung Hilberath an der Düsseldorfer Straße 111 oder in der der Schloss-Apotheke an der Schloßstraße 4  sowie in den Thalia-Buchhandlungen im Rhein-Ruhr-Zentrum und im Centro bekommen.

Im Dezember auch mittwochs offen

Der unter der Rufnummer: 0208-383828 telefonisch erreichbare Unicef-Laden an der Dimbeck 57 ist im Dezember dienstags, mittwochs und donnerstags zwischen 9.30 Uhr und 12.30 Uhr sowie donnerstags zusätzlich zwischen 15 und 18 Uhr geöffnet. Per E-Mail kann man unter: info@muelheim.oberhausen.unicef.de Kontakt mit der örtlichen Unicef-Gruppe und ihrem Ladenteam aufnehmen.


Dieser Text erschien am 24. November 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Mittwoch, 26. August 2020

Damit das Kind nicht in den Brunnen fällt

 42 Anrufe haben das Sorgen-Telefon der Arbeiterwohlfahrt, das sogenannte Elephone, seit seinem Neustart Mitte März unter der kostenfreien Rufnummer 0 800 666 777 6 erreicht. Kinder und Jugendliche haben die kostenfreie Beratung und Hilfe Hotline der AWO ebenso angerufen wie Erwachsene, die sich Sorgen um Kinder und Jugendliche in ihrem Umfeld machen. Das Spektrum der Telefongespräche, die derzeit von 4 hauptamtlichen und neun ehrenamtlichen, aber auch qualifizierten  Mitarbeitern der Awo geführt werden, reicht von Stress mit den Eltern oder mit Klassenkameraden über Mobbing und Beziehungsprobleme bis hin zum sexuellen Missbrauch.

„Wir wollen Kinder und Jugendliche durch unsere Beratungsarbeit stark machen , damit sie verinnerlichen, dass sie in einem übergriffigen Moment, der sie in Bedrängnis bringt, Nein sagen können, Nein sagen dürfen und Nein sagen müssen, um ihre Grenzen aufzuzeigen,“ sagt die Diplom-Pädagogin und Awo-Beraterin Kirsten Schumacher.

Die Awo-Vorstandsvorsitzende Elke Domann-Jurkiewicz lässt keinen Zweifel daran, dass das Sorgen-Telefon der Arbeiterwohlfahrt, das sich eben auch, aber nicht nur um sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche kümmert, nur deshalb wiederbelebt werden konnte, weil sich ein zurzeit 80-köpfiger Patenkreis um den ehemaligen Chef-Karnevalisten Heiner Jansen und die von Thomas Weise geführte Polizei-Stiftung David und Goliath für diese Unterstützungsarbeit zugunsten von Kindern und Jugendlichen finanziell engagieren. Die bisher 80 Paten, die Heiner Jansen für das Elephone gewonnen hat, zahlen jährlich 200 €. Hinzu kommen 35.000 €, die die Stiftung David und Goliath bereitgestellt hat. Stiftungspräsident Thomas Weise und Polizeipräsident Frank Richter unterstreichen, „dass wir als Polizei sehr dankbar für diese partnerschaftliche und qualifizierte Zusammenarbeit sind, die uns dabei hilft, Verbrechen an Kindern und Jugendlichen zu verhindern, die ihre Seelen für immer prägen und beeinträchtigen würden.“

„Deshalb wollen wir wollen uns nicht nur einmalig, sondern langfristig für die Unterstützung des Elephones engagieren“, betont Thomas Weise .

Im jetzt begonnen Schuljahr wollen Kirsten Schumacher und ihre hauptamtlichen Kollegen der an der Heinrich Melzer Straße 17 ansässigen Awo-Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte, Partnerschaft und Sexualität auch wieder in Mülheimer Schulen gehen. Dort wollen sie mit Kindern und Jugendlichen aus den vierten und siebten Klassen nicht nur darüber reden, was sie tun können und was zu tun ist, wenn sie von Erwachsenen aus ihrem sozialen Umfeld zum Beispiel sexuell bedrängt werden.

 

„Wir werden als Tandems in die Schulen gehen. Dabei ist es uns wichtig, nicht nur die Kinder und Jugendlichen mit unserer qualifizierten und zum Teil auch als Rollenspiel daherkommenden Aufklärungsarbeit zu erreichen. Mindestens genauso wichtig ist die Information und Aufklärung, die wir zum Beispiel im Rahmen von Elternabenden rund um das Thema sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und wie man ihn erkennen oder verhindern kann, leisten. Als erste Schule hat sich bereits die Gustav-Heinemann-Schule für einen Besuch des Abo Aufklärungs-Tandems angemeldet. Weitere Schulen haben ihr Interesse signalisiert. Das Geld der Elephone-Unterstützer fließt nicht nur in Personalkosten, sondern auch in Werbekosten. So soll eine großangelegte Plakataktion das Präventionsprojekt Elephone zum Schutz vor sexueller Gewalt stadtweit bekannter machen. Wer das rund um die Uhr erreichbare Elephone der Arbeiterwohlfahrt finanziell oder durch seine ehrenamtliche Mitarbeit unterstützen möchte, erreicht Kirsten Schumacher unter der Rufnummer: 0208 45 003 225 oder per Email an: k.schumacher@awo-mh.de.

Hintergrund

Die polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2019 für Deutschland mehr als 4000 Kindesmisshandlungen und rund 16.000 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen aus. Das waren 1300 Fälle mehr als im Jahr zuvor. Hinzu kommen 12.200 Delikte aus dem Bereich der Kinderpornographie. Hier wurde ein Anstieg um 65% verzeichnet . Bei etwa einem Fünftel der Straftäter handelt es sich um Jugendliche.

Um sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen vorzubeugen, rät die Polizei NRW Erwachsenen und Eltern:

Unterstützen Sie Ihre Kinder dabei, selbstbestimmt mit ihrem Körper und ihren Gefühlen umzugehen und auf ihre eigenen Grenzen zu achten.

Sprechen Sie offen und altersgerecht mit ihren Kindern über Sexualität .

Machen Sie ihren Kindern klar, dass man über schlechte Geheimnisse reden kann und das das kein Petzen und kein Verrat ist.

Nutzen Sie für ihre Kinder die Angebote von Selbstsicherheitstrainings .

Machen sie ihren Kindern auch im Alltag deutlich, dass Sie sie in jeder Lebenslage unterstützen, damit sie im Ernstfall auch ihre Hilfe suchen.


Dieser Text erschien am 24. August im Lokalkompass der Mülheimer Woche 

Dienstag, 18. August 2020

Hilfe fürs Frauenhaus

„Wir wollen als Bürgerstiftung da sein, wo man unsere Hilfe besonders dringend braucht. Und wir wissen, dass unser Geld im Frauenhaus gut investiert ist. Weil die Arbeit, die hier geleistet wird den von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen und ihren Kindern nachhaltig hilft, können wir uns auch vorstellen, weiterhin Geld in diesen Bereich nachzuschießen“, erklären die Stiftungsvorstände Bettina Gosten und Anke Dieberg-Hemmerle, warum die 2004 gegründete Bürgerstiftung in diesem Fall Geld für Schulmaterial, Lebensmittel und Hygieneartikel zur Verfügung gestellt hat. „Das entlastet uns finanziell und erweitert unseren Handlungsspielraum“, sind sich die Vorsitzende des Vereins Hilfe für Frauen, Annette Lostermann-DeNil und ihre Stellvertreterin Kim Ehring einig.

Was bedeutet diese konkrete Hilfestellung für die betroffenen Frauen und ihre Kinder? Eine Mitdreißigerin, die mit ihren beiden schulpflichtigen Kindern Zuflucht in dem von derDiplom-Sozialwissenschaftlerin Gülsüm Erden geleiteten Frauenhaus gefunden hat, erklärt dazu im Gespräch mit dieser Zeitung:

??? Was bedeutet die Hilfe der Bürgerstiftung für Sie?

!!! Ich bin der Bürgerstiftung sehr dankbar für ihre Hilfe, weil sie dafür sorgt, dass meine Kinder genauso gut mit Schulsachen ausgestattet in das neue Schuljahr starten können wie ihre Klassenkameraden. Und niemand merkt, dass sie mit mir im Frauenhaus leben müssen. Da ich aufgrund der Kindererziehung in den letzten Jahren nicht mehr berufstätig war und finanziell vom Einkommen meines Ehemanns abhängig bin, habe ich zur Zeit keine Rücklagen, auf die ich zurückgreifen kann, um meinen Kindern zum Beispiel einen Ranzen, Stifte, Hefte , ein Geo-Dreieck, ein Lineal , eine Butterbrotdose, Stifte und Füller zu kaufen .

??? Warum haben Sie  Zuflucht im Frauenhaus gesucht?

!!! Die Rufnummer 0208 997086 des Frauenhauses habe ich von einer Freundin bekommen. Ich habe dort vor vier Wochen angerufen, weil ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten habe. Mein extrem eifersüchtiger Ehemann hat mich immer wieder gedemütigt, geschlagen und sexuell genötigt. Und jetzt war das Fass einfach übergelaufen. Obwohl ich von meinem Ehemann finanziell abhängig bin, habe ich begriffen, dass ich so nicht weitermachen kann. Und ich will das auch meinen Kindern nicht antun. Sie mussten die Gewalt, die mein Ehemann mir angetan hat, immer wieder mit ansehen. Die seelischen Schmerzen, die das bei meinen Kindern und bei mir ausgelöst hat, waren mindestens so schlimm, wie die körperlichen Schmerzen, die ich erleiden musste .

??? Wie wird Ihnen im Frauenhaus geholfen?

!!! Die beiden Sozialarbeiterinnen, die sich dort um uns kümmern, haben mein am Boden zerstörtes Selbstbewusstsein wiederaufgebaut. Mit ihrer Hilfe habe ich begriffen, dass ich etwas wert bin und Rechte habe, auch wenn ich von meinem Ehemann finanziell abhängig bin. Anfangs habe ich die Schuld immer bei mir gesucht und mich gefragt, was ich falsch gemacht habe, dass unsere Ehe so aus dem Ruder gelaufen ist. Durch die Beratung und Hilfe, die ich im Frauenhaus bekommen habe, weiß ich jetzt, dass ich mit konkreten Forderungen auf meinem Ehemann zu gehen kann und muss und dass sein Verhalten durch nichts zu rechtfertigen war und ist . Auch bei den Ämtergängen und beim Papierkrieg rund um Fragen des Kindergeldes, des Erziehungsgeldes, der sozialen Grundsicherung und des Unterhalts, den mein Mann zu leisten hat, haben mir die Leiterin des Frauenhauses, Gülsüm Erden und ihre Kollegin sehr geholfen und mir die Angst genommen, dass meine Kinder und ich ohne meinen Ehemann nicht überleben können. Sie haben mich auch ermutigt, meinen Schulabschluss nachzuholen und eine Berufsausbildung anzustreben, damit ich dauerhaft finanziell auf eigenen Beinen stehen kann. Ich will endlich selbstbestimmt leben und meinen Kindern ein gutes Vorbild sein.

??? Wie lange müssen und wollen Sie im Frauenhaus bleiben?

!!! Das kann ich noch nicht genau sagen. Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses unterstützen mich jetzt auch bei der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Aber als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern und ohne Job, habe ich es auch bei den Vermietern natürlich besonders schwer. Von Frau Erden weiß ich, dass manche Frauen das Frauenhaus schon nach wenigen Wochen wieder verlassen haben, während andere mit ihren Kindern dort ein halbes Jahr oder sogar ein ganzes Jahr bleiben mussten. Ich könnte zwar einen polizeilichen Wohnungsverweis meines gewalttätigen Mannes erwirken, aber das würde das Problem nur zeitlich aufschieben. Meine Kinder und ich brauchen einen echten Neuanfang in einer neuen Wohnung.

Hintergrund:

Das Frauenhaus finanziert sich mit Landesmitteln und mit Tagessätzen für die Unterkunft. Letztere werden überwiegend von der Stadt, vom Jobcenter, von besser situierten Frauen auch selbst gezahlt. Bei Bedarf gibt es einen städtischen Zuschuss. Und zu einem erheblichen Teil wird das Frauenhaus durch Spenden finanziert. Das Frauenhaus wurde 1994 eröffnet. 1997 setzte der Deutsche Bundestag den Tatbestand „Vergewaltigung in der Ehe“ und 2002 den Tatbestand der häuslichen Gewalt unter Strafe. Das Frauenhaus bietet Platz für 8 Frauen und 14 Kinder. Allein im August haben 10 Frauen und 14 Kinder zwischenzeitlich Zuflucht im Frauenhaus gefunden. 2019 fanden insgesamt 41 Frauen und 56 Kinder dort eine Zuflucht. Die Hälfte der Frauen hatten die deutsche Staatsangehörigkeit. Seit Jahresbeginn haben 35 Frauen und 50 Kinder im Frauenhaus ein Obdach gefunden. Nach Angaben der Einrichtungsleiterin Gülsüm Erden hat der corona-bedingte Lockdown bisher keinen Anstieg der Hilfeanfragen bewirkt. Sie rechnet allerdings mit einem zeitverzögerten Anstieg, da sich von ihren gewalttätigen Ehemännern abhängige Frauen in der Corona-Krise besonders schwer damit täten, die häusliche Lebensgemeinschaft zu verlassen. Neben seiner werktags von 9 bis 12 Uhr geöffneten Beratungsstelle am Hans-Böckler-Platz 9, wo auch Termine außerhalb dieses Zeitfensters vereinbart werden können, wird der Verein Hilfe für Frauen in Kürze eine weitere Beratungsstelle an der Kämpchenstraße 8 eröffnen. Das Frauenhaus ist werktags unter der Telefonnummer 0208/ 997086, die Beratungsstelle vormittags unter 0208 305 68 23

zu erreichen und das überörtliche Hilfetelefon gegen Gewalt gegen Frauen steht rund um die Uhr kostenfrei unter der Rufnummer 08000 116 016 zur Verfügung. Hier kann auch in 17 weiteren Sprachen telefonische Hilfe geleistet werden. Der Träger- der Verein Hilfe für Frauen e.V. ist auch über die Internetseite: www.hilfe-fuer-frauen-ev.de erreichbar.


Dieser Text erschien am 16. August 2020 in NRZ & WAZ

Sonntag, 19. Juli 2020

Verbündete gesucht

Der Polizei-Mord an dem 46-jährigen Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis hat auch hierzulande die Diskussion darüber befördert, wie rassistisch unsere Gesellschaft ist und was man gegen Rassismus tun kann und muss. Dass in Mülheim Menschen aus 140 Nationen zusammenleben, unterstreicht die lokale Relevanz und die strategische Bedeutung des Themas, zu dem die im Senegal geborene Mülheimerin Gilberte Raymonde Driesen uns viel zu sagen hat.

Wie und wo erleben Sie im Alltag Rassismus?
Gilberte Raymonde Driesen: Überall. Zum Beispiel, wenn mir jemand sagt: ‚Sie sprechen aber gut Deutsch, dafür, dass Sie eine Schwarze sind‘ oder darüber staunt, dass ich als schwarze Frau eine akademische Ausbildung absolviert habe. Nicht nur ich erlebe Rassismus, wenn ich als Schwarze bei Bewerbungen, trotz gleicher Qualifikation, schneller aussortiert werde als weiße Bewerber. Ich erlebe Rassismus, wenn meine Kinder in der Schule als Neger bezeichnet werden und Lehrer das als harmlose Kinderspielerei abtun, wenn mich der Fahrkartenkontrolleur in der Straßenbahn als erstes anspricht und die Kellnerin im Bordrestaurant der Deutschen Bahn, alle fragt, was sie essen oder trinken möchten und mich nicht. Rassismus erlebte ich auch, als neue Nachbarn nur mit Herrn Driesen sprechen wollten, weil sie mich in meinem eigenen Haus für die Putzfrau hielten.

Kennen Sie durch Ihre Beratungsarbeit für Zuwandererfamilien auch einen amtlichen Rassismus, zum Beispiel bei der Polizei oder in Schulen?
Ja. Auch das gibt es: Ich denke an einen schwarzen Schüler, der von einem Lehrer zu hören bekam: „Für dich ist eine Drei gut genug, weil du Ausländer bist!“ oder: „Du kannst ja beim Kistenschleppen helfen. Das können Neger gut, weil sie kräftig sind!“ Auch eine schwarze Mutter und ihr Sohn suchten meinen Rat, nachdem sie auf einer Polizeiwache vergeblich versucht hatten, einen Diebstahl anzuzeigen. Statt angehört zu werden und Hilfe zu bekommen, wurden Sie von den Beamten handgreiflich hinauskomplimentiert.

Das hört sich schlimm an.
Ja. Aber man darf angesichts dieser Negativbeispiele auch nicht die vielen sensiblen und engagierten Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter, Erzieherinnen, Sozialpädagogen und Nachbarn vergessen, die unter anderem meinen Rat suchen, weil sie den alltäglichen Rassismus den sie mit ansehen und mit anhören müssen, nicht einfach tatenlos hinnehmen, sondern etwas dagegen unternehmen wollen.

Was kann man gegen Alltagsrassismus unternehmen?
Die Betroffenen müssen sich Verbündete unter den Bio-Deutschen suchen, die bereit und in der Lage sind, sie zu unterstützen und Partei für sie zu ergreifen. Wir brauchen auf allen Ebenen eine intensive Bildungsarbeit, die nicht nur Rassismus aufdeckt und seine Ursachen beleuchtet, sondern eine antirassistische Haltung und die Menschenrechte fördert. Diese Bildungsarbeit muss den eurozentristischen Blickwinkel durch eine globale Multiperspektivität ersetzen. Nur so kann sich die faktische Vielfalt der Weltgesellschaft auch in den Schulbüchern, Klassenzimmern, Hörsälen, Behörden, Parlamenten und Ministerien, kurzgesagt in unserer sozialen Wirklichkeit widerspiegeln.

Warum haben wir mit Rassismus zu kämpfen?
Die Sklaverei und das koloniale Erbe der Imperialistischen Epoche, das von einer Überlegenheit der weißen Europäer ausgeht, steckt immer noch in den Köpfen. In Deutschland kommt das rassistische Erbe des Nationalsozialismus hinzu. Und natürlich geht es beim Rassismus auch um eine Mehrheit, die ihre Privilegien nicht mit einer Minderheit teilen möchte. Auch wenn Medien hier nur sehr einseitig über Afrika, Lateinamerika und Asien berichten, wenn es um Exotik oder um Armut, Krankheit, Gewalt und Krieg geht, aber nur selten einen Blick für die kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leistungen in diesen Regionen der Erde und für deren strukturelle wirtschaftliche Benachteiligung haben, begünstigt das Rassismus.

 Zur Person:
Gilberte Raymonde Driesen wurde 1973 in der Hauptstadt des Senegals, Dakar, geboren und lebt seit 2007 in Mülheim. Die Pädagogin und zweifache Mutter kandidiert am 13. September 2020 bei der Wahl zum Mülheimer Integrationsrat auf der Grün-Bunten Liste. Als Stipendiatin hat sie in Dakar und Graz Germanistik und Romanistik auf Lehramt studiert und anschließend sieben Jahre als Gymnasiallehrerin im Senegal unterrichtet. Als Pädagogin arbeitet sie heute mit den Themenschwerpunkten Vielfalt des Engagements ,Migration und Flucht für das Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) und nebenberuflich ist sie als entwicklungspolitische Trainerin bei Engagement Global (für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit) tätig und begleitet internationale Schulpartnerschaften .Seit 2015 führt sie als Gründungsvorsitzende den deutsch-senegalesischen Bildungsverein Axatin e.V.

Donnerstag, 9. April 2020

Ulrich Schreyer geht in die Verlängerung

Eigentlich wollte der durch ein Augenleiden gehandicapte Ulrich Schreyer als Geschäftsführer des Diakoniewerks Arbeit und Kultur Ende April in den Ruhestand gehen. Doch nachdem sich das Diakoniewerk aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen nach nur drei Monaten von seiner Nachfolgerin Nadine Soth getrennt hat, übernimmt Schreyer jetzt wieder Verantwortung in der ersten Reihe.
„Ich hatte zuletzt im Background gearbeitet und bin über die jetzige Situation nicht beglückt. Aber sie ist wie sie ist. Und deshalb habe ich mich nach eingehender Beratung mit meinen Ärzten dazu entschlossen, der intensiven Bitte des Aufsichtsrats zu folgen und bis Ende des Jahres erneut die Geschäftsführung zu übernehmen.“, erklärt Schreyer.
Das Diakoniewerk an der Georgstraße, das insgesamt 280 Mitarbeiter beschäftigt, davon 35 im Festangestellten-Verhältnis, wurde wie andere Unternehmen von der Corona-Krise, hart getroffen. „Alle Geschäfte und Werkstätten sind zu“, schildert Schreyer die aktuelle Lage. Für einige der 35 festangestellten Mitarbeiter hat er inzwischen Kurzarbeitergeld beantragt. Wohnungsauflösungen, Möbelmontage und Renovierungsservice finden derzeit ebenso wenig statt wie der Verkauf von upgecycelten Möbeln, Büchern Hausrat und Secondhand-Kleidung.

Massive Verluste

Die monatlichen Verluste beziffert Schreyer auf 120.000 Euro. „Noch sind wir liquide, weil wir in den letzten Jahren gut gewirtschaftet haben. Aber lange können wir diese Situation nicht durchhalten“, sagt Schreyer. Besonders schmerzt ihn die Situation der Mitarbeiter, die mithilfe der vom Diakoniewerk organisierten und mit Steuergeldern geförderten Beschäftigungsprojekte des sozialen Arbeitsmarktes aus der Langzeitarbeitslosigkeit herausgekommen sind. „In Zeiten, in denen der Staat riesige Rettungsschirme für Unternehmen aufspannt, finde ich schade, dass man diesen Menschen ihren Mehraufwand von 1,50 Euro pro Arbeitsstunde streicht und sie auf den Arbeitslosengeld-II-Regelsatz zurückfallen lässt“, betont der neue und alte Geschäftsführer des Diakoniewerks. „Wann können wir wiederkommen?“ fragen ihn diese Mitarbeiter. Doch Schreyer muss ihnen die Antwort schuldig bleiben, ebenso wie die nach den langfristigen Perspektiven der in den 1980er Jahren gegründeten gemeinnützigen GmbH. „Wir müssen jetzt sehen, wie wir durch die Krise durchkommen und welche Prüfungen uns noch bevorstehen. Klar ist für mich nur, dass es nach dieser Krise eher weniger als mehr Arbeitslose geben wird und das das Diakoniewerk deshalb auch in Zukunft gebraucht wird“, skizziert Schreyer seine Handlungsperspektive und die seiner Nachfolger.
Derzeit hält Schreyer mit zwei Mitarbeiterinnen in der Verwaltung an der Georgstraße die Stellung. Er kümmert sich um Buchungen, beantwortet telefonische Anfragen und managt darüber hinaus das zum Diakoniewerk gehörende stationäre Hospiz an der Friedrichstraße. „Hier geht es vor allem darum wie man die Gäste und Mitarbeiter im Hospiz vor den Folgen der Corona-Pandemie schützen kann“, erklärt Schreyer. Zwei hauswirtschaftliche Mitarbeiterinnen des Diakoniewerkes kochen weiterhin für das Hospiz. Zwei Fahrer entleeren täglich die Altkleider-Container des Diakoniewerkes. Und drei weitere Mitarbeiter nehmen täglich von 9 bis 12 Uhr an der Georgstraße kleine Sachspenden wie Hausrat und Kleidung entgegen.


Mittwoch, 1. April 2020

Menschliche Nähe & Soziale Distanz


„Ich vermisse die täglichen Spaziergänge mit meiner Frau an der Ruhr. Das macht mich sehr traurig. Damit kann ich schlecht umgehen“, sagt Karl-Heinz Sell. Der 80-Jährige ist seit drei Monaten im Franziskushaus am Leinpfad zuhause, zusammen mit 115 anderen pflegebedürftigen Senioren. Normalerweise ist das Ruhrufer nur wenige Schritte entfernt. Doch seit dem 13. März ist es für die Bewohner des Franziskushauses unerreichbar.


Jetzt müssen Sell und seine Mitbewohnerinnen Gisela Bormann (80) und Ursula Heidermann (92) telefonisch Kontakt mit den Menschen halten, die ihnen am Herzen liegen. Sell telefoniert täglich mit seiner Frau und einmal pro Woche mit seinen drei Kindern, die in Norwegen und Hessen leben. „Natürlich sprechen wir darüber, wie sich die Dinge in der Welt entwickeln und wünschen uns gegenseitig, dass wir gesund bleiben“, sagt Sell. Ursula Heidermann telefoniert täglich mit einer alten Freundin, die sie noch aus der Wandergruppe der Naturfreunde kennt. Kraft schöpft sie auch, wenn sie mit ihrem Rollator in den gut abgeschirmten Garten auf der Rückseite des Franziskushauses geht. „Ich arbeite, zupfe und pflanze dort ein bisschen am Hochbeet. Die Arbeit in der frischen Luft und der Sonnenschein tun mir gut und erinnern mich an den großen Garten, den ich früher hatte“, sagt Heidermann. Die Corona-Krise kommentiert sie gelassen: „Ich bin hier gut versorgt und was kommen soll, das kommt!“


Ihre Mitbewohnerin Gisela Bormann (80) hat inzwischen die neueste telekommunikative Errungenschaft des Franziskushauses, einen mit Videotelefonie ausgerüsteten Tablet-PC genutzt, um etwas von ihrer Tochter zu sehen und zu hören, die mit ihrer Familie in Boston an der US-Ostküste lebt. „Sie und ihr Mann arbeiten im Homeoffice und gehen nur zum Einkaufen raus“, erzählt sie und fügt noch hinzu: „Wir sind uns einig, dass Herr Trump auf die Corona-Krise völlig falsch reagiert hat.“


Gerade weil die Bewohner bis auf weiteres keine Besucher empfangen können, ist man in dem zur Contilia-Gruppe gehörenden Pflegeheim darum bemüht, auf diesem Weg und durch das sogenannte “Fensterln“ Bewohnern und ihren Angehörigen auch einen Blickkontakt zu ermöglichen. Das Fensterln findet dabei auf der Café-Terrasse des Franziskushauses statt, wobei Bewohner und ihre Angehörigen sich auf einen Sicherheitsabstand von drei bis vier Metern sehen und hören können.

 „Wir dürfen die Türen nicht aufmachen und keine Besucher hereinlassen. Unsere Mitarbeiter müssen jeden Tag neue Kleidung anziehen. Sie dürfen die Bewohner nur noch mit Mundschutz pflegen. Viele der entsprechenden Masken sind von Mitarbeiterinnen und ehrenamtlichen Helfern genäht und mit freundlichen Motiven, vom Einhorn bis zum Smiley versehen worden. Außerdem haben wir alle Gemeinschaftsveranstaltungen, wie das Kegeln, Bingo oder den Gymnastikkreis abgesagt und arbeiten nur noch auf den Gruppen. Auch in den Speiseräumen sitzen die Bewohner jetzt in einem Sicherheitsabstand zueinander“, beschreibt die Einrichtungsleiterin Jennifer Lützenburg die Folgen der Corona-Krise und der damit verbundenen Kontaktsperre für den Pflegealltag im Franziskushaus.

In der ersten Woche der Kontaktsperre musste Lützenburg vor allem die Angehörigen der Bewohner am Telefon beruhigen. „Viele hatten Angst, dass ihre Angehörigen nicht mehr genug Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie nicht mehr selbst ins Haus kommen und ihre Verwandten besuchen können“, sagt Lützenburg. Doch diese Befürchtungen konnten inzwischen durch eine entsprechende Kommunikation und Information zerstreut werden. „Denn wir machen das, was wir vorher im größeren Kreis gemacht haben, jetzt im individuellen Einzelkontakt oder im kleineren Kreis von zwei oder drei Bewohnern mit einem entsprechenden Sicherheitsabstand“, erklärt die unter anderem für den sozialen Dienst im Franziskushaus zuständige Mitarbeiterin Jessica Hagemeier. Und so gibt es in den Wohngruppen des Franziskushauses auch weiterhin kleine Zeitungs,- Handarbeits- oder Gymnastikkreise. Besonders gut kam bei den Bewohnern das Gartenkonzert eines Musikers an, der den bei dieser Gelegenheit an den Fenstern des Franziskushauses zuschauenden und zuhörenden Bewohnern mit alten Schlagern die Zeit vertrieb. „Bei: ‚Rote Lippen sollst du küssen‘ und: ‚Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt‘, wurden schöne Erinnerungen wach“, erzählt Ursula Heidermann.


Mit ihr freuen sich nicht nur Gisela Bormann und Karl-Heinz Sell auf einen Clown, der sich für die kommende Woche zum nächsten Garten-Open-Air am Franziskushaus angesagt hat. Darüber hinaus sucht Einrichtungsleiterin Jennifer Lützenburg schon nach einer kleinen Theatergruppe, die im Garten des Pflegeheims dessen Bewohner vielleicht mit Sketchen oder einem kleinen Lustspiel zum Lachen bringen könnte. Wer Lust auf ein Gastspiel hat kann sich per Mail (franziskushaus@contilia.de) gerne an das Franziskushaus wenden.

„Die Mitarbeiterinnen leisten hier wirklich unglaubliches und begegnen uns derzeit besonders freundlich und zugewandt“, sind sich Gisela Bormann und Ursula Heidermann einig. Und Einrichtungsleiterin Jennifer Lützenburg freut sich „über die spürbare Solidarität unter den Pflegekräften, die jetzt alle Querelen beiseitelassen und mit erhöhter Stundenzahl Hand in Hand arbeiten.“ Als Teil dieser Solidarität erlebt sie auch die Pflegeschüler, die ihre durch die Corona-Krise erzwungenen Schulferien nutzen, um ihren Kollegen im Franziskushaus unter die Arme zu greifen. „Das zeigt mir, dass diese jungen Leute sich ihren Beruf nicht zufällig ausgesucht haben“, lobt Jennifer Lützenburg.

Dieser Text erschien am 1. April 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche


Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...