Samstag, 23. April 2022
Seit zehn Jahren bietet Donum Vitae auch in Mülheim nicht nur im Schwangerschaftskonflikt Rat und Hilfe: Ein Gespräch mit Beraterin Ulla Höhne
Freitag, 7. Januar 2022
Barrierefrei denken
Seit 100 Jahren gibt es in Mülheim einen Blinden- und Sehbehindertenverein. In seinem Jubiläumsjahr wird er von einer Frau geführt. Maria St. Mont ist spät erblindet, Doch das hat ihr nicht den Lebensmut geraubt. Wer ihr begegnet, begegnet einer lebensbejahenden und energiegeladenen Frau, die aus ihrer Not eine Tugend gemacht hat, in dem sie sich für blinde und sehbehinderte Menschen stark macht.
"Wir müssen barrierefrei denken", sagt St. Mont. Auch wenn sie der Stadtverwaltung zubilligt, in den vergangenen Jahre für die Belange behinderter Menschen sensibler geworden zu sein und als Beispiel dafür die Einführung von akustischen Ampeln und taktilen Leitsystemen nennt, macht sie auch klar. "Es bleibt noch viel zu tun, um wirklich barrierefrei zusammenleben zu können."
Die Barrieren im Kopf erlebt sie, wenn Autofahrer ihre PKWs auf den Bürgersteigen parken, E-Scooter-Enthusiasten ihre Elektroroller links liegen lassen oder Kaufleute mit ihren Auslagen und Werbeschildern die Gehwege zustellen. "Vieles von dem ist kein böser Wille, sondern nur Unkenntnis", glaubt St. Mont. Zugespitzt könnte man aber auch von Ignoranz sprechen.
Diese Ignoranz bekommen nicht nur Blinde und Sehbehinderte, sondern fast alle Menschen mit Handicap auch auf dem Arbeitsmarkt zu spüren, wenn sie trotz guter Qualifikation lieber nicht eingestellt werden, weil Arbeitgeber mit Ausgleichzahlungen fihre nicht erfüllte 6-Prozent-Behinderten-Quote lieber Ausgleichszahlungen leisten, weil sie Angst haben, dass nicht nur blinde und sehbehinderte Mitarbeitende zum Bremsklotz auf dem Weg zum wirtschaftlichen Erfolg werden könnten, den sie nie wieder los werden.
Auch hier herrscht mehr Unwissenheit statt Bosheit, weil man auch als inklusiver Arbeitgeber Mitarbeitende mit Handicap sehr wohl kündigen kann, noch besser aber mit Fördermitteln der öffentlichen Hand und mit fachkundiger Unterstützung durch den Integrationsfachdienst in seinen Betrieb integrieren kann.
St. Mont verweist in diesem Zusammenhang nicht nur auf vielfältige Hilfsmittel und finanzielle Nachteislausgleiche, sondern auch auf das ermutigende Beispiel, dass uns blinde und sehbehinderte Juristen, Musiker, Physiotherapeuten und Pädagogen geben. Sie zeigen unserer menschlich oft blinden oder zumindest stark sehbehinderten Leistungsgesellschaft, dass Menschen mit Behinderung weitaus mehr leisten können und wollen, als ihnen viele zutrauen, wenn sie denn nicht behindert und durch Barrieren im Kopf daran gehindert werden.
Man wünscht dem unter: www.bsv-muelheim.de auch im Internet zu findenden Blinden- und Sehbehindertenverein zweifellos mehr als seine aktuell 81 Mitglieder, wenn man seine tatkräftige Vorsitzende vom geselligen und informativen Vereinsleben berichten hört, das von sehenden und ehrenamtlich aktiven Helfern unterstützt wird. Sie beweisen, was uns Antoine de Saint-Exupéry bereits 1943 mit seiner Geschichte vom Kleinen Prinzen wissen ließ: "Man sieht nur mit dem Herzen gut!"
Donnerstag, 16. Dezember 2021
Zeit zu verschenken?
Das wertvollste, was wir uns und anderen Menschen, nicht nur zur Weihnachtszeit, schenken können, ist unsere Zeit und Zuwendung.
Das erlebt- und erfährt auch Werbetexterin Christine Stehle aus der Stadtmitte, wenn sie dort ihre 92-jährige Mutter in einer Pflegewohngemeinschaft für demenziell veränderte Menschen besucht.
Leider stellt Stehle, die vor Jahren aus Hamburg in ihre Heimatstadt an der Ruhr zurückgekommen ist, um ihre Mutter daheim zu pflegen, ehe diese jetzt, ihrer Krankheit geschuldet, in eine Pflege-WG umziehen musste.
Gemeinsam gegen Einsamkeit
In Gesprächen und bei Besuchen, die Stehle auch in andere Mülheimer Pflegeeinrichtungen führen, stellt sie immer wieder erschrocken und betroffen fest, dass es gerade unter den demenziell veränderten Senioren, die dort leben müssen, viele Menschen gibt, die niemals Besuch bekommen.
"Das sind nicht nur Menschen ohne Familienangehörige", betont Stehle. Diesen menschlichen Missstand in Zeiten des voranschreitenden demografischen Wandels will die tatkräftige und herzliche Frau mithilfe eines ehrenamtlichen Besuchsdienstes beheben. "Auch wenn demenzkranke Menschen vielleicht später wieder vergessen, dass sie besucht worden sind, erleben sie Besuchskontakte, die auch mit Vorsingen, Vorlesen, Basteln und Erzählen verbunden sein können, doch als Glücksmomente. Und darum geht es mir. Zusammen mit Gleichgesinnten möchte ich für diese zu oft vernachlässigten Menschen, auf deren Schultern wir stehen und von deren Lebensleistung wir heute profitieren, Glücksmomente schaffen", sagt Christine Stehle.
Beim einschlägig erfahrenen Peter Behmenburg vom gleichnamigen Pflegedienst und bei dem in der Müga ansässigen und von Reiner Krafft geführten Familienbildungswerk Eltern werden - Eltern sein e.V. hat Stehle kompetente und organisatorische Unterstützung gefunden.
Weil das 1990 gegründete Familienbildungswerk Eltern werden-Eltern sein als gemeinnütziger Verein organisiert ist, kann Stehle auch Spendenquittungen ausstellen, um damit den Zeitschenkerinnen und Zeitschenkern, die sie auf diesem Weg zahlreich anzusprechen und zu gewinnen hofft, zumindest die Fahrtkosten erstatten kann, die den ehrenamtlichen Besucherinnen und Besuchern im Rahmen ihres Ehrenamtes entstehen könnten.
Und weil der Umgang mit demenziell veränderten Menschen gelernt sein will, werden Stehle und Behmenburg die freiwilligen Zeitschenkerinnen und Zeitschenker vor ihrem ersten Einsatz schulen. Christine Stehle legt Wert darauf, dass sich Menschen aus allen Generationen für dieses menschlich bereichernde Ehrenamt melden können und sollen. Außerdem macht sie klar, "dass jeder Zeitschenker und jede Zeitschenkerin ganz flexibel über den zeitlichen Umfang ihres ehrenamtlichen Besuchsdienstes entscheiden können!"
Wer Christine Stehle als Zeitschenkerin oder als Zeitschenker unterstützen kann und will, erreicht sie unter der Rufnummer: 0173-2417266 oder per E-Mail an: stehle@stehle-text.de
MW, 15.12.2021
Samstag, 11. Dezember 2021
Mehr als nur ein Lächeln für Ghana
Per Schiffscontainer will Akoto Hilfsgüter, wie zum Beispiel Kleidung, Schulmaterial, haltbare Lebensmittel oder auch Spielsachen in seinen Heimatort Kumasi bringen. Der liegt im Westen Ghanas. „Dort gibt es sehr viele alleinerziehende Mütter, die trotz Arbeit kaum in der Lage sind, das Schulgeld und andere Dinge des täglichen Bedarfs zu bezahlen“, berichtet Akoto. Ihnen will er helfen, hat bereits erste Sachspenden auf eigene Kosten und mit finanzieller Unterstützung von Kollegen und anderen Spendern nach Ghana bringen können.
„In Ghana kennt man keinen Sozialstaat und keine Sozialverbände, wie in Deutschland. Wenn eine alleinerziehende Mutter ihre Kinder zum Beispiel als Putzfrau, als Wasser- oder als Imbissverkäuferin durchbringt, kann sie höchstens 100- bis 150 Euro pro Monat verdienen. Aber allein der Schulbesuch pro Kind und Monat kosten 50 Euro“, beschreibt der zweifache Familienvater die Situation in seinem Heimatland.
Der studierte Marketingfachmann und ausgebildete Altenpfleger verließ Ghana vor zehn Jahren und folgte einer in Deutschland lebenden und arbeitenden Landsfrau.
„Ich habe zuerst als Marketingfachmann gearbeitet, aber irgendwann war mir das zu oberflächlich und ich habe mir einen Beruf gesucht, in dem man wirklich Gutes tun und Menschen helfen kann“, erklärt Akoto seinen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Wechsel vom Marketing in die Pflege. Auch wenn er in seiner Ausbildung viele Sprachhürden überwinden musste, hat er diesen Wechsel nie bereut.
In seiner alten Heimat sieht er vor allem ein Problem: „Viele Frauen leben unverheiratet mit Männern zusammen und wenn sie dann Kinder bekommen und der Mann sie wieder verlässt, haben die Frauen keinen Anspruch auf Unterhalt. Denn diesen Anspruch haben in Ghana nur verheiratete Mütter.“ Hinzu komme, so Akoto, dass die Lebenshaltungskosten in den letzten Jahren stark angestiegen seien. Was ihm in der Seele weh tut, ist die Tatsache, dass auch begabte Kinder oft nicht die Schule besuchen können, wenn ihren alleinerziehenden Müttern das Schulgeld fehlt.
Sein Verein „Ein Lächeln für Ghana“ will hier mit Bildungspatenschaften und Sachspenden aus der Not der sozialen Perspektivlosigkeit heraushelfen.
Dieser Text erschien am 20. oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Zentral, erreichbar, bezahlbar
Wie wollen Sie selbst wohnen, wenn Sie alt sind?
Ich bin schon alt. Und ich möchte so wohnen, wie ich jetzt wohne: zentral und mit Blick auf meine Nahversorgung fußläufig. Allerdings wohne ich derzeit in der 2. Etage eines Hauses ohne Aufzug. Vielleicht muss ich da noch einmal umziehen.
2025 werden bereits 27 Prozent der Mülheimer 65 und älter sein. Was bedeutet das für die Wohnkultur in unserer Stadt?
Wir brauchen Wohnquartiere, die sich durch Erreichbarkeit und Zugänglichkeit auszeichnen, wenn es um den Besuch des Hausarztes, des Friseurs, um den Einkauf oder um eine Physiotherapie geht. Auch Bring- und Holdienste werden keine Frage der Bequemlichkeit, sondern der Notwendigkeit sein.
Wie bereitet sich die Stadt auf diese Herausforderung vor?
In dem wir schon heute Netzwerke der Generationen initiieren, in denen wir alle relevanten Akteure eines Stadtteils zusammenbringen, damit sie eigene Initiativen entwickeln und Bedarfe formulieren. Solch eine Entwicklung kann man nicht von oben herab für die gesamte Stadt verordnen. So etwas muss sich von unten aus den Stadtteilen heraus aufbauen.
Wie können die mehr werdenden Alten und die weniger werdenden Jungen auch 2030 friedlich zusammenwohnen?
Wir brauchen Orte, an denen sich Menschen begegnen können und wir brauchen bezahlbaren Wohnraum. Dort, wo alte und junge Menschen sich begegnen, können persönliche Bindungen entstehen, die zum Beispiel dazu führen kann, dass die alte Frau dem kleinen Kind von nebenan vorlesen und der junge Familienvater den einen oder anderen Einkauf für die alte und alleinstehende Nachbarin erledigen könnte.
Welche Wohnformen wird es im Mülheim von Morgen geben?
Wir werden weiterhin eine sehr differenzierte Wohnlandschaft haben. Weil auch eine ältere Stadtgesellschaft aus unterschiedlichen Menschen mit individuellen Bedürfnissen bestehen wird. Da werden wir Mehrgenerationen-Häuser und Alten-WGs ebenso haben wie die kleinen Apartments, in denen alleinstehende Senioren leben, die ganz bewusst allein wohnen und ihre Ruhe haben wollen. Angesichts langfristig sinkender Renten wird es auch mehr arme Rentner geben. Die soziale Spaltung der Stadt wird sich fortsetzen und sie wird nur durch das Beibehalten der jetzt erreichten Achtsamkeit für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Wohn- und Stadtquartiere abgefedert werden können. Mülheim wird eine Stadt mit weniger Menschen und mehr kleinen Haushalten werden.
NRZ, 03.06.2016
Mittwoch, 10. November 2021
Außer man tut es
Der Förderverein, den Paul Heidrich und Manfred Rixecker vor viereinhalb Jahren aus der Taufe gehoben und für den sie inzwischen 70 Mitglieder gewonnen haben, bringen die Menschen mit Behinderung, die im Selbecker Dorf der Theodor-Fliedner-Stiftung zuhause und behütet sind, voran.
Auf dem Platz vor dem Dorfrathaus übergaben Rixecker, dessen Bruder im Fliedner-Dorf gelebt hat und Heidrich, dessen Sohn dort zuhause ist, übergaben jetzt ein Fahrzeug, dass die Fliedner-Mitarbeiter Friedhelm Thissen und Andreas Hesse, stellvertretend für ihre Kollegen und die aktuell 162 Bewohner des Wohnbereiches für Menschen mit Behinderung in Empfang nahmen. "Mit dem neuen, sehr behindertenfreundlich, weil barrierearm konfigurierten Fahrzeug können wir seinen in die Jahre gekommenen Vorgänger ersetzen und zum Beispiel für Arzt- und Einkaufsfahrten oder auch für Ausflüge nutzen," freut sich Thissen, der den Wohnbereich für Menschen mit Behinderung leitet.
Für ein Stück vom Glück
Mit seinem für den Sozialen Dienst verantwortlichen Kollegen Hesse ist sich Thissen darüber einig, "dass uns der Förderverein mit seinem segensreichen Engagement dafür sorgen können, dass die Dorfbewohner mit Behinderung im Geiste der UN-Menschenrechtskonvention all das tun und erleben können, was wir als nicht-behinderte Menschen im Rahmen unserer sozialen Teilhabe auch erleben.
Es sind nicht die riesigen Summen, sondern das von Herzen kommende und deshalb auch viele Spender, Stifter und Sposnoren überzeugende Engagement, mit dem der Förderverein den Selbecker Dörflern zum Beispiel Pizza und Eis für alle, ein Gartenzaunkonzert der Friends of Dixieland, ein Menschenkicker-Turnier oder einen Tagesausflug ins Dortmunder Fußballmuseum des DFBs ermöglichen.
"Wir unterstützen mit unseren Spenden die Theodor Fliedner Stiftung, ohne sie aus ihrer finanziellen Verantwortung zu entlassen, in dem wir ihr immer nur Zuschüsse gewähren.", betont Rixecker. So stellte der Förderverein jetzt 7500 der 12.000 Euro bereit, die notwendig waren, um das neue Fahrzeug für den individuellen Bewohner-Fahrdienst anzuschaffen. Das gilt auch für alle anderen Aktivitäten und Projekte, die der Förderverein des 1992 eröffneten und von insgesamt rund 600 Menschen bewohnten Fliedner-Dorfes mit seinen Finanzspritzen möglich macht.
Der Fördervereinsvorsitzende, Manfred Rixecker und sein Stellvertreter, Paul Heidrich, wünschen sich als Mitglieder der Generation U80 jüngere Menschen, die sich im Förderverein engagieren und damit ihr Anliegen fortführen, indem sie es zu ihrem machen.
Wer die Fliedner-Freunde materiell und ideell unterstützen kann und will, erreicht Manfred Rixecker unter seinen Rufnummern: 0208/96 00 745 oder per E-Mail an: manfred.rixecker@web.de
Samstag, 9. Oktober 2021
In Würde leben, bis zuletzt!
"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." So steht es im Artikel 1 des Grundgesetzes. Dieses große Versprechen unserer Verfassung wird in der sozialen Wirklichkeit nicht immer eingelöst. Umso beachtlicher ist das ehrenamtliche Engagement, das die aktuell 40 Begleiter des Ambulanten Hospizes leisten.
"Unsere Ehrenamtlichen sind unser großer Schatz", sagt die Vorsitzende des Ambulanten Hospizes, Ursula König. Vor 25 Jahren waren ihr Ehemann Henning, sie, der damalige Caritas-Geschäftsführer Klemens Anders und der damalige Stadtdechant Manfred von Schwartzenberg die treibenden Kräfte bei der Gründung des Hospizvereins, aus dem 2008 das Ambulante Hospiz hervorgegangen ist.
Pionierarbeit geleistet
In der Rückschau stellt Ursula König fest: "Wir haben Pionierarbeit geleistet, das Tabu um Sterben und Tod aufgebrochen und wir sind heute gut etabliert." Schwerstkranke und sterbende Menschen nicht allein zu lassen, ihnen Zeit, Zuwendung, Trost und ein offenes Ohr zu schenken und damit auch die in Mitleidenschaft gezogenen Angehörigen zu unterstützen, das ist der christliche Kern des Ambulanten Hospizes.
Diese Arbeit, die vornehmlich von Frauen und mehrheitlich von Menschen aus der lebenserfahrenen Generation der Über-50-Jährigen geleistet wird, zeigt: Nächstenliebe ist nicht nur ein frommer Wunsch. Allein in den Jahren 2019 und 2020 haben die ehrenamtlich Begleitenden des Ambulanten Hospizes jeweils 46 sterbende Menschen daheim und in Pflegeheimen betreut. Nach dem ersten Corona-Lockdown musste das Ambulante Hospiz zwischen März und Juni seine ambulante Begleitung Sterbender auf telefonische Kontakte beschränken. Inzwischen kann die persönliche Begleitung, unter Einhaltung der Corona-Schutz-Maßnahmen, wieder persönlich und vor Ort durchgeführt werden.
Für Ursula König steht fest: "Unser Ladenlokal am Kohlenkamp/Ecke Leineweberstraße, in dem wir Anlaufstelle für Ratsuchende sind, aber auch die regelmäßigen Treffen und die Aus- und Fortbildung unserer Begleiter durchführen können, haben die Arbeit des Ambulanten Hospizes ebenso vorangebracht wie unsere enge und gute Verbindung mit den Mülheimer Krankenhäusern, Pflegeheimen und mit der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV)." Hinter der SAPV steht ein ärztliches und schmerztherapeutisches Netzwerk.
Hauptamtliche Koordination
Die ehrenamtliche Arbeit des spendenfinanzierten Ambulanten Hospizes kann aber nur mithilfe von Andrea Guntermann funktionieren, die als hauptamtliche Mitarbeiterin die Einsätze der Begleiter koordiniert, fachlich gestaltet und für Ratsuchende, auch in der Trauerbegleitung, als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht. Das Ladenlokal des Ambulanten Hospizes am Kohlenkamp 7 ist telefonisch unter den Rufnummern: 0208 - 30 448 680 und 0160 - 78 688 45 erreichbar und montags, dienstags, donnerstags und freitags zwischen 9 und 12 Uhr geöffnet:
"Die ehrenamtlich Mitarbeitenden wissen, dass sie sich mit allen Problemen, die bei ihrer sensiblen Arbeit auftauchen können, jederzeit an uns wenden können. Außerdem gibt es neben den Austauschtreffen auch das Angebot einer professionellen Supervison, um das Erlebte zu reflektieren und zu verarbeiten", erklärt Guntermann.
Wer seelisch stabil ist und sich vorstellen kann, im Rahmen seiner zeitlichen Möglichkeiten, sterbende und schwerstkranke Menschen zu begleiten, sollte mit dem Ambulanten Hospiz Kontakt aufnehmen. Im kommenden Frühjahr startet dort eine neue 120-Stunden-Ausbildung für ehrenamtliche Sterbebegleiter, die mit einem Praktikum in einer Pflegeeinrichtung abschließt. Seit 1997 hat das Ambulante Hospiz 89 Frauen und 17 Männer zu ehrenamtlichen Sterbebegleitern ausgebildet. Weitere Informationen bietet die Internetseite des Ambulanten Hospizes: www.ambulantes-hospiz-mh.de
Sonntag, 27. Dezember 2020
Kein Platz für Drogenabhängige?
Die Corona-Pandemie hat die Themen Hygiene und Infektionsschutz zum Allgemeingut und zum Politikum werden lassen. Da schockt der Anblick von benutzten Spritzen, die auf einer Grünfläche zwischen Georg- und Auerstraße herumliegen. Besonders pikant: Die Grünfläche, auf der sich regelmäßig Drogenabhängige treffen, um sich auszutauschen und gemeinsam ihre Sucht zu befriedigen, liegt in unmittelbarer Nähe eines Jugendzentrums und einer Kindertagesstätte. Auch das Amtsgericht ist nicht weit.
Eine anonyme E-Mail aus der Mülheimer Drogenszene, die der Mülheimer Woche vorliegt, zeigt: Dieser Zustand wird selbst innerhalb der Drogenszene als unhaltbar angesehen. Die Diplom-Pädagogin Jasmin Sprünken, die die Drogenhilfe der Arbeiterwohlfahrt leitet, kennt das Problem. Vor dem Hintergrund ihrer Beratungserfahrung schätzt sie die Größe der Mülheimer Drogenszene auf etwa 800 Personen. Sie geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus.
Die Arbeiterwohlfahrt hilft
Sprünken und ihre Kollegen betreiben an der Gerichtsstraße 11 das Café Light der Arbeiterwohlfahrt. Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie fanden hier täglich 80 Drogenabhängige Rat, Hilfe und eine Anlaufstelle. Hier bekommen sie nicht nur guten Rat und ein offenes Ohr. Hier können sie essen und trinken, natürlich keinen Alkohol. "Im Café Light haben Drogenabhängige auch die Möglichkeit, ihre gebrauchten Spritzen zu entsorgen zu lassen und von uns kostenlos eine neue Spritze zu bekommen", erklärt Jasmin Sprünken. Der Automat, aus dem man sich frische Spritzen ziehen kann, erinnert an einen Zigarettenautomaten.
Nicht alle halten sich an die Regeln
Sie weiß aus ihrer Praxis: "Leider gibt es auch in der Drogenszene Menschen, die sich an Regeln halten und solche, die das nicht tun." Daran können nach Sprünkens Erfahrung auch die Säuberungsaktionen, die das Café-Light-Team regelmäßig mit seinen Klienten durchführt, auf Dauer nichts ändern. "Wir kennen das Problem und suchen seit Jahren mit dem Ordnungsamt, dem Stadtplanungsamt und mit der Polizei und mit den in der Szene aktiven Streetworkern, einem alternativen Ort, an dem sich Drogenabahängige treffen können, ohne zu einem öffentlichen Ärgernis zu werden", betont die Leiterin der AWO-Drogenhilfe. Auch der Leiter des Stadtplanungsamtes, Felix Blasch, war schon im Café Light, um mit den Drogenabhängigen über einen alternativen Treffpunkt für die Szene zu diskutieren. "Die Stadt ist aufgeschlossen und betreibt keine Vetreibungspolitik", stellt Sprünken anerkennend fest. Zuletzt war ein zügiger Parkplatz an der Friedrich-Wilhelms-Hütte als alternativer Treffpunkt der Szene im Gespräch. Hier wollte die Ruhrbahn Haltestellen-Häuschen als Windschutz und Sitzgelegenheit aufstellen. Letzteres scheiterte daran, dass die Ruhrbahn aufgrund der vielen Mülheimer Baustellen ihre Ersatz-Wartehäuschen selbst brauchte, um Ersatz-Haltestellen einrichten zu können. "Auch wenn Drogenabhängige nirgendwo gerne gesehen werden, so sind sie doch ein unbestreitbarer Teil unserer Gesellschaft, der, wie alle anderen Bürgerinnen und Bürger das Recht hat, sich in der Öffentlichkeit zu treffen und soziale Kontakte zu pflegen, ohne dass sie dabei immer von hauptamtlichen Sozialmenschen beobachtet werden", macht die Leiterin der AWO-Drogenhilfe deutlich.
Alternative Treffpunkte gesucht
Sie weist darauf hin, dass auch frühere Treffpunkte der Drogenszene, wie etwa die 2008 zugunsten des neuen Ruhrquartiers beseitigten Ostruhranlagen oder die Fußgängerbrücke zwischen Kohlen- und Charlottenstraße zum öffentlichen Ärgernis geworden seien. Auch sogenannte Druckräume, die von medizinisch und sozialarbeiterisch qualifizierten Fachkräften betreut werden, sieht Sprünken angesichts der Lebenswirklichkeit der Szene nicht als Allheilmittel an. Sie lässt keinen Zweifel daran, "dass wir keine Räume betreiben können, an denen harte und illegale Drogen, wie zum Beispiel Heroin, gehandelt und gespritzt werden. Außerdem würden auch öffentlich betreute Druckräume nichts daran ändern, dass viele Drogenabhängige ihre Sucht lieber zuhause oder an anonymeren und weniger einsehbaren öffentlichen Plätzen befriedigen würden." Mit Blick auf das Café Light, das aufgrund der Corona-bedingten Abstandsregeln seine Innenraum-Plätze stark reduzieren und statt dessen mit Zelt-Pavillons auf seinen Hof ausweichen musste, macht sich die Leiterin der AWO-Drogenhilfe keine Illusionen: "Die Suche nach einem weniger exponierten öffentlichen Treffpunkt der Drogen-Szene muss weitergehen, aber das Corona-Jahr 2020 ist für dieses schwierige Unterfangen leider ein verlorenes Jahr, weil wir im aktuellen Lockdown ohnehin keine größeren Menschenansammlungen auf Plätzen oder in Räumen zulassen können. Und die Drogenabhängigen haben besonders große Angst davor, mit dem Corona-Virus infiziert zu werden, weil sie wissen, dass sie zu einer Risikogruppe gehören."
Dieser Text erschien am 16. Dezember 2020 im Lokalkompass Mülheim
Dienstag, 24. November 2020
"Wir wollen die Welt ein bisschen besser machen!"
Der nun beginnende Advent ist die Hochzeit der Grußkarten. Normalerweise trifft man jetzt die 22 Mitglieder der Unicef-Gruppe Mülheim-Oberhausen auf Adventsmärkten oder in Einkaufszentren. Da diese Verkaufsmöglichkeit Corona-bedingt wegfällt und viele der örtlichen Unicef-Mitglieder als Über-60-Jährige zur Risiko-Gruppe gehören, sind die lokalen Botschafter des Kinderhilfswerkes der Vereinten Nationen umso mehr auf den direkten Grußkarten-Verkauf in ihrem Unicefladen an der Dimbeck 57 (Ecke Wittekindstraße) angewiesen.
Seit 15 Jahren haben die Unicefler in der vormaligen Metzgerei und Schneiderei ihr Quartier. "Wir haben hier eine sehr günstige Miete. Denn eine Miete in der Stadtmitte könnten wir uns nicht leisten", sagt Traudel Emde. Mit ihrer Unicef-Kollegin Ursula Schlösser, die wie sie praktizierende Mutter und Großmutter ist, ist sich Traudel Emde einig: "Wenn wir uns für unsere eigenen Kinder und Enkel engagieren, dann können wir uns auch für Unicef engagieren. Kinder sind die Schwächsten der Gesellschaft. Da müssen wir etwas tun."
Hilfe für den Nachwuchs im Globalen Dorf
Der Sprecher der Unicef-Ortsgruppe, Hubertus Troska, bringt die Motivation der Mülheimer und Oberhausener Unicef-Botschafter auf den Punkt, wenn er sagt: "Wir wollen die Welt ein bisschen besser machen." Wie Unicef die Welt der Kinder weltweit besser macht, etwa durch akute Nothilfe, durch Brunnen,- Toiletten- und Wasserleitungsbau oder durch Investitionen in Schul- und Bildungsprojekte, berichten und zeigen Troska und seine Mitstreiter der interessierten Öffentlichkeit normalerweise nicht nur im Unicef-Laden an der Dimbeck 57, sondern auch vor Ort in Schulen, bei Ausstellungen, Sportveranstaltungen und Festen, am Weltkindertag oder als Vortragende und Werbende in diversen Multiplikatoren-Gruppen. Gerade in den Gruppen, in denen die Unicefler auf sozial aktive Mitbürger treffen, wird ihre Botschaft gehört. "Es gibt auch Mülheimer, die uns ehrenamtlich unterstützen, obwohl sie keine Unicef-Mitglieder sind", freut sich Hubertus Troska.
Ursula Schlösser macht keinen Hehl daraus, "das 70 bei uns in der Gruppe schon jung ist und wir gerne auch jüngere Unterstützer finden würden, die aber oft beruflich und familiär so eingespannt sind, dass ihnen die Zeit für ehrenamtliches Engagement fehlt."
Die 22 Mitglieder der Unicef-Gruppe Mülheim-Oberhausen teilen sich die Arbeitsschichten beim Kartenverkauf, mit dem sie im vergangenen Jahr 15.000 Euro für Unicef einnehmen konnten. Das Geld wird an die Kölner Bundesgeschäftsstelle von Unicef in Köln und vor dort aus an die Unicef-Zentrale in New York überwiesen. "Unsere Grußkarten, inklusive Briefumschlag kosten zwischen 1,40 Euro und 1,60 Euro. Davon fließen 80 % direkt in die Kinder-Hilfsprojekte von Unicef", erklärt Hubertus Troska das Prinzip. Wer sich im Unicef-Laden umschaut, stellt schnell fest, dass die dortige Vielfalt der Kartenmotive, von klassisch bis extravagant, keinen Grußkarten-Geschmack unberücksichtigt lässt. "Unseren älteren Stammkunden, die nicht mehr so gut zu Fuß sind," bringen wir die Grußkarten-Päckchen auch gerne nach Hause", sagt Traudel Emde. Und Hubertus Troska möchte nicht unerwähnt lassen, dass die Unicefler den Firmen dankbar sind, die ihre Weihnachtsgrüße an Kunden und Geschäftspartner im großen Stil auf Unicef-Karten versenden oder als Außen-Verkaufsstellen des Unicef-Ladens Unicef-Grußkarten in Kommission nehmen. So kann man Unicef-Karten zum Beispiel auch in der Saarner Buchhandlung Hilberath an der Düsseldorfer Straße 111 oder in der der Schloss-Apotheke an der Schloßstraße 4 sowie in den Thalia-Buchhandlungen im Rhein-Ruhr-Zentrum und im Centro bekommen.
Im Dezember auch mittwochs offen
Der unter der Rufnummer: 0208-383828 telefonisch erreichbare Unicef-Laden an der Dimbeck 57 ist im Dezember dienstags, mittwochs und donnerstags zwischen 9.30 Uhr und 12.30 Uhr sowie donnerstags zusätzlich zwischen 15 und 18 Uhr geöffnet. Per E-Mail kann man unter: info@muelheim.oberhausen.unicef.de Kontakt mit der örtlichen Unicef-Gruppe und ihrem Ladenteam aufnehmen.
Dieser Text erschien am 24. November 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche
Mittwoch, 26. August 2020
Damit das Kind nicht in den Brunnen fällt
42 Anrufe haben das Sorgen-Telefon der Arbeiterwohlfahrt, das sogenannte Elephone, seit seinem Neustart Mitte März unter der kostenfreien Rufnummer 0 800 666 777 6 erreicht. Kinder und Jugendliche haben die kostenfreie Beratung und Hilfe Hotline der AWO ebenso angerufen wie Erwachsene, die sich Sorgen um Kinder und Jugendliche in ihrem Umfeld machen. Das Spektrum der Telefongespräche, die derzeit von 4 hauptamtlichen und neun ehrenamtlichen, aber auch qualifizierten Mitarbeitern der Awo geführt werden, reicht von Stress mit den Eltern oder mit Klassenkameraden über Mobbing und Beziehungsprobleme bis hin zum sexuellen Missbrauch.
„Wir wollen Kinder und Jugendliche durch unsere Beratungsarbeit
stark machen , damit sie verinnerlichen, dass sie in einem übergriffigen Moment,
der sie in Bedrängnis bringt, Nein sagen können, Nein sagen dürfen und Nein
sagen müssen, um ihre Grenzen aufzuzeigen,“ sagt die Diplom-Pädagogin und Awo-Beraterin
Kirsten Schumacher.
Die Awo-Vorstandsvorsitzende Elke Domann-Jurkiewicz lässt keinen Zweifel daran, dass das Sorgen-Telefon
der Arbeiterwohlfahrt, das sich eben auch, aber nicht nur um sexuelle Gewalt
gegen Kinder und Jugendliche kümmert, nur deshalb wiederbelebt werden konnte,
weil sich ein zurzeit 80-köpfiger Patenkreis um den ehemaligen Chef-Karnevalisten
Heiner Jansen und die von Thomas Weise geführte Polizei-Stiftung David und
Goliath für diese Unterstützungsarbeit zugunsten von Kindern und Jugendlichen
finanziell engagieren. Die bisher 80 Paten, die Heiner Jansen für das Elephone
gewonnen hat, zahlen jährlich 200 €. Hinzu kommen 35.000 €, die die Stiftung
David und Goliath bereitgestellt hat. Stiftungspräsident Thomas Weise und
Polizeipräsident Frank Richter unterstreichen, „dass wir als Polizei sehr
dankbar für diese partnerschaftliche und qualifizierte Zusammenarbeit sind, die
uns dabei hilft, Verbrechen an Kindern und Jugendlichen zu verhindern, die ihre
Seelen für immer prägen und beeinträchtigen würden.“
„Deshalb wollen wir wollen uns nicht nur einmalig,
sondern langfristig für die Unterstützung des Elephones engagieren“, betont
Thomas Weise .
Im jetzt begonnen Schuljahr wollen Kirsten Schumacher
und ihre hauptamtlichen Kollegen der an der Heinrich Melzer Straße 17 ansässigen
Awo-Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte, Partnerschaft und Sexualität
auch wieder in Mülheimer Schulen gehen. Dort wollen sie mit Kindern und
Jugendlichen aus den vierten und siebten Klassen nicht nur darüber reden, was
sie tun können und was zu tun ist, wenn sie von Erwachsenen aus ihrem sozialen
Umfeld zum Beispiel sexuell bedrängt werden.
„Wir werden als Tandems in die Schulen gehen. Dabei
ist es uns wichtig, nicht nur die Kinder und Jugendlichen mit unserer
qualifizierten und zum Teil auch als Rollenspiel daherkommenden
Aufklärungsarbeit zu erreichen. Mindestens genauso wichtig ist die Information
und Aufklärung, die wir zum Beispiel im Rahmen von Elternabenden rund um das
Thema sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und wie man ihn
erkennen oder verhindern kann, leisten. Als erste Schule hat sich bereits die Gustav-Heinemann-Schule
für einen Besuch des Abo Aufklärungs-Tandems angemeldet. Weitere Schulen haben
ihr Interesse signalisiert. Das Geld der Elephone-Unterstützer fließt nicht nur
in Personalkosten, sondern auch in Werbekosten. So soll eine großangelegte Plakataktion
das Präventionsprojekt Elephone zum Schutz vor sexueller Gewalt stadtweit
bekannter machen. Wer das rund um die Uhr erreichbare Elephone der
Arbeiterwohlfahrt finanziell oder durch seine ehrenamtliche Mitarbeit
unterstützen möchte, erreicht Kirsten Schumacher unter der Rufnummer: 0208 45
003 225 oder per Email an: k.schumacher@awo-mh.de.
Hintergrund
Die polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2019 für
Deutschland mehr als 4000 Kindesmisshandlungen und rund 16.000 Fälle von sexuellem
Missbrauch von Kindern und Jugendlichen aus. Das waren 1300 Fälle mehr als im
Jahr zuvor. Hinzu kommen 12.200 Delikte aus dem Bereich der Kinderpornographie.
Hier wurde ein Anstieg um 65% verzeichnet . Bei etwa einem Fünftel der
Straftäter handelt es sich um Jugendliche.
Um sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen
vorzubeugen, rät die Polizei NRW Erwachsenen und Eltern:
Unterstützen Sie Ihre Kinder dabei, selbstbestimmt
mit ihrem Körper und ihren Gefühlen umzugehen und auf ihre eigenen Grenzen zu
achten.
Sprechen Sie offen und altersgerecht mit ihren
Kindern über Sexualität .
Machen Sie ihren Kindern klar, dass man über
schlechte Geheimnisse reden kann und das das kein Petzen und kein Verrat ist.
Nutzen Sie für ihre Kinder die Angebote von Selbstsicherheitstrainings
.
Machen sie ihren Kindern auch im Alltag deutlich, dass Sie sie in jeder Lebenslage unterstützen, damit sie im Ernstfall auch ihre Hilfe suchen.
Dienstag, 18. August 2020
Hilfe fürs Frauenhaus
„Wir wollen als Bürgerstiftung da sein, wo man unsere Hilfe besonders dringend braucht. Und wir wissen, dass unser Geld im Frauenhaus gut investiert ist. Weil die Arbeit, die hier geleistet wird den von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen und ihren Kindern nachhaltig hilft, können wir uns auch vorstellen, weiterhin Geld in diesen Bereich nachzuschießen“, erklären die Stiftungsvorstände Bettina Gosten und Anke Dieberg-Hemmerle, warum die 2004 gegründete Bürgerstiftung in diesem Fall Geld für Schulmaterial, Lebensmittel und Hygieneartikel zur Verfügung gestellt hat. „Das entlastet uns finanziell und erweitert unseren Handlungsspielraum“, sind sich die Vorsitzende des Vereins Hilfe für Frauen, Annette Lostermann-DeNil und ihre Stellvertreterin Kim Ehring einig.
Was bedeutet diese konkrete Hilfestellung für die
betroffenen Frauen und ihre Kinder? Eine Mitdreißigerin, die mit ihren beiden
schulpflichtigen Kindern Zuflucht in dem von derDiplom-Sozialwissenschaftlerin Gülsüm
Erden geleiteten Frauenhaus gefunden hat, erklärt dazu im Gespräch mit dieser
Zeitung:
??? Was bedeutet die Hilfe der Bürgerstiftung für Sie?
!!! Ich bin der Bürgerstiftung sehr dankbar für ihre
Hilfe, weil sie dafür sorgt, dass meine Kinder genauso gut mit Schulsachen
ausgestattet in das neue Schuljahr starten können wie ihre Klassenkameraden.
Und niemand merkt, dass sie mit mir im Frauenhaus leben müssen. Da ich aufgrund
der Kindererziehung in den letzten Jahren nicht mehr berufstätig war und
finanziell vom Einkommen meines Ehemanns abhängig bin, habe ich zur Zeit keine
Rücklagen, auf die ich zurückgreifen kann, um meinen Kindern zum Beispiel einen
Ranzen, Stifte, Hefte , ein Geo-Dreieck, ein Lineal , eine Butterbrotdose,
Stifte und Füller zu kaufen .
??? Warum haben Sie Zuflucht im Frauenhaus gesucht?
!!! Die Rufnummer 0208 997086 des Frauenhauses habe
ich von einer Freundin bekommen. Ich habe dort vor vier Wochen angerufen, weil
ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten habe. Mein extrem eifersüchtiger Ehemann
hat mich immer wieder gedemütigt, geschlagen und sexuell genötigt. Und jetzt
war das Fass einfach übergelaufen. Obwohl ich von meinem Ehemann finanziell
abhängig bin, habe ich begriffen, dass ich so nicht weitermachen kann. Und ich
will das auch meinen Kindern nicht antun. Sie mussten die Gewalt, die mein
Ehemann mir angetan hat, immer wieder mit ansehen. Die seelischen Schmerzen,
die das bei meinen Kindern und bei mir ausgelöst hat, waren mindestens so
schlimm, wie die körperlichen Schmerzen, die ich erleiden musste .
??? Wie wird Ihnen im Frauenhaus geholfen?
!!! Die beiden Sozialarbeiterinnen, die sich dort um
uns kümmern, haben mein am Boden zerstörtes Selbstbewusstsein wiederaufgebaut.
Mit ihrer Hilfe habe ich begriffen, dass ich etwas wert bin und Rechte habe,
auch wenn ich von meinem Ehemann finanziell abhängig bin. Anfangs habe ich die
Schuld immer bei mir gesucht und mich gefragt, was ich falsch gemacht habe,
dass unsere Ehe so aus dem Ruder gelaufen ist. Durch die Beratung und Hilfe,
die ich im Frauenhaus bekommen habe, weiß ich jetzt, dass ich mit konkreten
Forderungen auf meinem Ehemann zu gehen kann und muss und dass sein Verhalten
durch nichts zu rechtfertigen war und ist . Auch bei den Ämtergängen und beim Papierkrieg
rund um Fragen des Kindergeldes, des Erziehungsgeldes, der sozialen
Grundsicherung und des Unterhalts, den mein Mann zu leisten hat, haben mir die
Leiterin des Frauenhauses, Gülsüm Erden und ihre Kollegin sehr geholfen und mir
die Angst genommen, dass meine Kinder und ich ohne meinen Ehemann nicht
überleben können. Sie haben mich auch ermutigt, meinen Schulabschluss
nachzuholen und eine Berufsausbildung anzustreben, damit ich dauerhaft
finanziell auf eigenen Beinen stehen kann. Ich will endlich selbstbestimmt
leben und meinen Kindern ein gutes Vorbild sein.
??? Wie lange müssen und wollen Sie im Frauenhaus
bleiben?
!!! Das kann ich noch nicht genau sagen. Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses unterstützen mich jetzt auch bei der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Aber als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern und ohne Job, habe ich es auch bei den Vermietern natürlich besonders schwer. Von Frau Erden weiß ich, dass manche Frauen das Frauenhaus schon nach wenigen Wochen wieder verlassen haben, während andere mit ihren Kindern dort ein halbes Jahr oder sogar ein ganzes Jahr bleiben mussten. Ich könnte zwar einen polizeilichen Wohnungsverweis meines gewalttätigen Mannes erwirken, aber das würde das Problem nur zeitlich aufschieben. Meine Kinder und ich brauchen einen echten Neuanfang in einer neuen Wohnung.
Hintergrund:
Das Frauenhaus finanziert sich mit Landesmitteln und
mit Tagessätzen für die Unterkunft. Letztere werden überwiegend von der Stadt, vom
Jobcenter, von besser situierten Frauen auch selbst gezahlt. Bei Bedarf gibt es
einen städtischen Zuschuss. Und zu einem erheblichen Teil wird das Frauenhaus durch
Spenden finanziert. Das Frauenhaus wurde 1994 eröffnet. 1997 setzte der
Deutsche Bundestag den Tatbestand „Vergewaltigung in der Ehe“ und 2002 den
Tatbestand der häuslichen Gewalt unter Strafe. Das Frauenhaus bietet Platz für
8 Frauen und 14 Kinder. Allein im August haben 10 Frauen und 14 Kinder
zwischenzeitlich Zuflucht im Frauenhaus gefunden. 2019 fanden insgesamt 41
Frauen und 56 Kinder dort eine Zuflucht. Die Hälfte der Frauen hatten die
deutsche Staatsangehörigkeit. Seit Jahresbeginn haben 35 Frauen und 50 Kinder im
Frauenhaus ein Obdach gefunden. Nach Angaben der Einrichtungsleiterin Gülsüm
Erden hat der corona-bedingte Lockdown bisher keinen Anstieg der Hilfeanfragen
bewirkt. Sie rechnet allerdings mit einem zeitverzögerten Anstieg, da sich von
ihren gewalttätigen Ehemännern abhängige Frauen in der Corona-Krise besonders
schwer damit täten, die häusliche Lebensgemeinschaft zu verlassen. Neben seiner
werktags von 9 bis 12 Uhr geöffneten Beratungsstelle am Hans-Böckler-Platz 9, wo
auch Termine außerhalb dieses Zeitfensters vereinbart werden können, wird der
Verein Hilfe für Frauen in Kürze eine weitere Beratungsstelle an der
Kämpchenstraße 8 eröffnen. Das Frauenhaus ist werktags unter der Telefonnummer 0208/
997086, die Beratungsstelle vormittags unter 0208 305 68 23
zu erreichen und das überörtliche Hilfetelefon gegen
Gewalt gegen Frauen steht rund um die Uhr kostenfrei unter der Rufnummer 08000 116
016 zur Verfügung. Hier kann auch in 17 weiteren Sprachen telefonische Hilfe
geleistet werden. Der Träger- der Verein Hilfe für Frauen e.V. ist auch über
die Internetseite: www.hilfe-fuer-frauen-ev.de erreichbar.
Sonntag, 19. Juli 2020
Verbündete gesucht
Donnerstag, 9. April 2020
Ulrich Schreyer geht in die Verlängerung
Massive Verluste
Mittwoch, 1. April 2020
Menschliche Nähe & Soziale Distanz
„Ich vermisse die täglichen Spaziergänge mit meiner Frau an der Ruhr. Das macht mich sehr traurig. Damit kann ich schlecht umgehen“, sagt Karl-Heinz Sell. Der 80-Jährige ist seit drei Monaten im Franziskushaus am Leinpfad zuhause, zusammen mit 115 anderen pflegebedürftigen Senioren. Normalerweise ist das Ruhrufer nur wenige Schritte entfernt. Doch seit dem 13. März ist es für die Bewohner des Franziskushauses unerreichbar.
Jetzt müssen Sell und seine Mitbewohnerinnen Gisela Bormann (80) und Ursula Heidermann (92) telefonisch Kontakt mit den Menschen halten, die ihnen am Herzen liegen. Sell telefoniert täglich mit seiner Frau und einmal pro Woche mit seinen drei Kindern, die in Norwegen und Hessen leben. „Natürlich sprechen wir darüber, wie sich die Dinge in der Welt entwickeln und wünschen uns gegenseitig, dass wir gesund bleiben“, sagt Sell. Ursula Heidermann telefoniert täglich mit einer alten Freundin, die sie noch aus der Wandergruppe der Naturfreunde kennt. Kraft schöpft sie auch, wenn sie mit ihrem Rollator in den gut abgeschirmten Garten auf der Rückseite des Franziskushauses geht. „Ich arbeite, zupfe und pflanze dort ein bisschen am Hochbeet. Die Arbeit in der frischen Luft und der Sonnenschein tun mir gut und erinnern mich an den großen Garten, den ich früher hatte“, sagt Heidermann. Die Corona-Krise kommentiert sie gelassen: „Ich bin hier gut versorgt und was kommen soll, das kommt!“
Ihre Mitbewohnerin Gisela Bormann (80) hat inzwischen die neueste telekommunikative Errungenschaft des Franziskushauses, einen mit Videotelefonie ausgerüsteten Tablet-PC genutzt, um etwas von ihrer Tochter zu sehen und zu hören, die mit ihrer Familie in Boston an der US-Ostküste lebt. „Sie und ihr Mann arbeiten im Homeoffice und gehen nur zum Einkaufen raus“, erzählt sie und fügt noch hinzu: „Wir sind uns einig, dass Herr Trump auf die Corona-Krise völlig falsch reagiert hat.“
Gerade weil die Bewohner bis auf weiteres keine Besucher empfangen können, ist man in dem zur Contilia-Gruppe gehörenden Pflegeheim darum bemüht, auf diesem Weg und durch das sogenannte “Fensterln“ Bewohnern und ihren Angehörigen auch einen Blickkontakt zu ermöglichen. Das Fensterln findet dabei auf der Café-Terrasse des Franziskushauses statt, wobei Bewohner und ihre Angehörigen sich auf einen Sicherheitsabstand von drei bis vier Metern sehen und hören können.
„Wir dürfen die Türen nicht aufmachen und keine Besucher hereinlassen. Unsere Mitarbeiter müssen jeden Tag neue Kleidung anziehen. Sie dürfen die Bewohner nur noch mit Mundschutz pflegen. Viele der entsprechenden Masken sind von Mitarbeiterinnen und ehrenamtlichen Helfern genäht und mit freundlichen Motiven, vom Einhorn bis zum Smiley versehen worden. Außerdem haben wir alle Gemeinschaftsveranstaltungen, wie das Kegeln, Bingo oder den Gymnastikkreis abgesagt und arbeiten nur noch auf den Gruppen. Auch in den Speiseräumen sitzen die Bewohner jetzt in einem Sicherheitsabstand zueinander“, beschreibt die Einrichtungsleiterin Jennifer Lützenburg die Folgen der Corona-Krise und der damit verbundenen Kontaktsperre für den Pflegealltag im Franziskushaus.
In der ersten Woche der Kontaktsperre musste Lützenburg vor allem die Angehörigen der Bewohner am Telefon beruhigen. „Viele hatten Angst, dass ihre Angehörigen nicht mehr genug Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie nicht mehr selbst ins Haus kommen und ihre Verwandten besuchen können“, sagt Lützenburg. Doch diese Befürchtungen konnten inzwischen durch eine entsprechende Kommunikation und Information zerstreut werden. „Denn wir machen das, was wir vorher im größeren Kreis gemacht haben, jetzt im individuellen Einzelkontakt oder im kleineren Kreis von zwei oder drei Bewohnern mit einem entsprechenden Sicherheitsabstand“, erklärt die unter anderem für den sozialen Dienst im Franziskushaus zuständige Mitarbeiterin Jessica Hagemeier. Und so gibt es in den Wohngruppen des Franziskushauses auch weiterhin kleine Zeitungs,- Handarbeits- oder Gymnastikkreise. Besonders gut kam bei den Bewohnern das Gartenkonzert eines Musikers an, der den bei dieser Gelegenheit an den Fenstern des Franziskushauses zuschauenden und zuhörenden Bewohnern mit alten Schlagern die Zeit vertrieb. „Bei: ‚Rote Lippen sollst du küssen‘ und: ‚Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt‘, wurden schöne Erinnerungen wach“, erzählt Ursula Heidermann.
Mit ihr freuen sich nicht nur Gisela Bormann und Karl-Heinz Sell auf einen Clown, der sich für die kommende Woche zum nächsten Garten-Open-Air am Franziskushaus angesagt hat. Darüber hinaus sucht Einrichtungsleiterin Jennifer Lützenburg schon nach einer kleinen Theatergruppe, die im Garten des Pflegeheims dessen Bewohner vielleicht mit Sketchen oder einem kleinen Lustspiel zum Lachen bringen könnte. Wer Lust auf ein Gastspiel hat kann sich per Mail (franziskushaus@contilia.de) gerne an das Franziskushaus wenden.
„Die Mitarbeiterinnen leisten hier wirklich unglaubliches und begegnen uns derzeit besonders freundlich und zugewandt“, sind sich Gisela Bormann und Ursula Heidermann einig. Und Einrichtungsleiterin Jennifer Lützenburg freut sich „über die spürbare Solidarität unter den Pflegekräften, die jetzt alle Querelen beiseitelassen und mit erhöhter Stundenzahl Hand in Hand arbeiten.“ Als Teil dieser Solidarität erlebt sie auch die Pflegeschüler, die ihre durch die Corona-Krise erzwungenen Schulferien nutzen, um ihren Kollegen im Franziskushaus unter die Arme zu greifen. „Das zeigt mir, dass diese jungen Leute sich ihren Beruf nicht zufällig ausgesucht haben“, lobt Jennifer Lützenburg.
Dieser Text erschien am 1. April 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche
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