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Sonntag, 12. April 2020

Journalismus 2.0

„Die Menschen haben sich in den letzten 100 Jahren nicht verändert. Sie waren immer schon so dumm und so klug, wie sie es sind. Wir haben das vergessen. Aber jetzt wird das alles durch das Internet und die Sozialen Medien öffentlichkeistwirksam hochgespült.“ So bringt ein Zuhörer im Kardinal-Hengsbach-Saal der katholischen Akademie Die Wolfsburg die Konsequenzen der digitalisierten Medienwelt des Jahres 2020 auf den Punkt.


Auf dem Podium beleuchten die Journalisten Jürgen Domian (WDR), Joachim Frank (Kölner Stadtanzeiger), Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing, der Politikwissenschaftler und Publizist Andreas Püttmann und die Kommunikationswissenschaftlerin und Bloggerin Daniela Sprung die Sonnen- und Schattenseiten der digitalen Medienwirklichkeit, die den Journalismus in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Die Diskussion zeigt: Es gibt kein Schwarz. Es gibt kein Weiß, sondern viele Grautöne und eine große Buntheit mit vielen Baustellen.

„Wir sind noch in einem Übergangs- und Lernprozess. Die Digitalisierung hat auch uns schreibenden Journalisten ungeahnte Reichweiten verschafft. Aber bisher ist die Frage unbeantwortet, wie Qualitätsjournalismus im Print-Bereich angemessen bezahlt werden soll, da die Verlage bisher nicht an der Solidarabgabe für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk partizipieren“, sagt Joachim Frank, Mitglied des Zentralkommitees Deutscher Katholiken und Vorsitzender der mitveranstaltenden Gesellschaft katholischer Publizisten. Er weist darauf hin, dass die Digitalisierung den Aufstieg von Politikern á la US-Präsident Donald Trump, die die Politik in die 140 Zeichnen einer Twitter-Nachricht ordnen, erst möglich gemacht habe. Nach Ansicht des Journalisten und Buchautoren wird die Computertatstatur in Zeiten von Twitter, Facebook und Instagram immer öfter wie ein mittelalterlicher Morgenstern eingesetzt. Frank plädiert für „spürbare Folgen“, auch in Form eines SEK-Einsatzes, wenn Internetnutzer die Anonymität des Netzes zum Beispiel dazu benutzen, um Politiker mit dem Tod zu bedrohen.


WDR-Mann Jürgen Domian hat angesichts mancher erschreckend menschenverachtenden Zuhörer- und Zuschauer-Tweets den Eindruck gewonnen, „dass manche Menschen in der Anonymität des Netzes ihren Anstand verlieren und Dinge rausrotzen, die sie sich im normalen Leben niemals zu sagen trauten. Mit Blick auf den Medienkonsum der jungen Generation, weg von Fernsehen, Hörfunk und Zeitung, hin zu Internet und Netz-Plattformen á la Youtube, sieht Domian die klassischen Medien unter einem verstärkten Digitalisierungsdruck, „weil unsere Medienangebote heute internetkompatibel sein müssen, um auch das junge Publikum noch zu erreichen.“ Kritisch sieht Domian, dass der Einfluss zum Teil extremer Ansichten, die durch das Internet in die Öffentlichkeit transportiert werden, auch differenziert und solide arbeitende Medienmacher „nervöser gemacht hat.“ Auch markanten Politiker-Persönlichkeiten wie Franz-Josef Strauß, Herbert Wehner und Helmut Schmidt wären, so glaubt Domian, in Zeiten der digitalen „Empörungswellen heute schnell wieder von der Bildfläche verschwunden. Auf der anderen Seite räumt der Hörfunk- und Fernsehmoderator ein, „dass das Internet und die Sozialen Medien unsere Gesellschaft demokratischer gemacht haben und wir deshalb eine neue Meinungsvielfalt aushalten müssen.“


„Wir brauchen mehr Medienkompetenz und einen Minimal-Kodex für das im Internet publizierende Publikum“, fordert Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing. In der digitalisierten Medienwelt sieht sie nicht nur Journalisten, sondern auch Mediennutzer in der Verantwortung. strafwürdige Entgleisungen im Internet dürften nicht nur gelöscht, sie müssten auch angezeigt und verfolgt werden. Generell ist die Medienwissenschaftler im Angesicht der multimedialen Welt davon überzeugt, „dass wir heute in unserer Demokratie mehr denn je einen fundierten Journalismus brauchen, der in der Lage ist, Fakten zu bewerten und einzuordnen.“ Positiv sieht die Professorin, „dass die Digitalisierung auch mehr Recherche- und Vermittlungsmöglichkeiten geschaffen“ habe.

Auch der im Kurznachrichtendienst Twitter sehr aktive Journalist und Politikwissenschaftler Andreas Püttmann möchte die Vorteile des Internets nicht mehr missen. Dennoch fordert er einen wehrhafteren Staat, der die Demokratie auch mit dem Mittel der ausgedehnten Datenvorratsspeicherung vor Extremisten schützt, „die mit ihrem im Netz verbreiteten Hass-Botschaften unsere Gesellschaft vergiften und selbst in bildungsbürgerlichen und christlichen Kreisen die Radikalisierung fördern.“ Ein Staat kann nach Ansicht Püttmanns „genauso kippen wie ein See, wenn seine Ökologie vergiftet wird.“ Wie Professorin Prinzing, die die von ihm geforderte Ausweitung der Datenvorratsspeicherung ablehnt, sieht Püttmann die mit einer Personalausdünnung, zunehmend prekären Arbeitsverhältnissen und Arbeitsverdichtung einhergehende Strukturveränderung der Medienlandschaft als existenzielle Gefahr für die journalistische Qualität. 


Die Bloggerin und Kommunikationswissenschaftlerin Daniela Sprung sieht seriöse Medien, aber auch staatliche Behörden, heute in der Pflicht, ihre Internetseiten so publikumswirksam und interaktiv zu gestalten, dass sie in der Meinungs- und Informationsvielfalt des Netzes auch bestehen und ihre Botschaften an die Frau und den Mann bringen könnten. Eine gute und breite Medienbildung auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in allen Altersgruppen ist für Sprung die in der digitalen Mediengesellschaft lebensnotwendige „Fähigkeit, Informations- und Meinungsquellen gegeneinander abwägen und einordnen zu können.“ Die Probleme des Internets sieht sie als menschengemacht an und warnt deshalb auf einer grundsätzlichen Ablehnung des Internets. Vielmehr fehle es, so Sprung, bei vielen Medienmachern und Plattform-Betreibern zu oft an „Haltung, Führung und klaren Ansagen.“ Unabhängig von der journalistischen Qualität sieht sie in der digitalen Medienwelt einen Trend zu kurzen und schnellen Informationen. Dies, so Sprung, habe zum Beispiel die CDU bei ihrer Reaktion auf die Angriffe des Video-Bloggers Rezo sträflich mussachtet.




Montag, 2. Dezember 2019

Heiterer Ernst

"Sie haben gezeigt, dass Sie beide würdige Preisträger der Spitzen Feder sind", sagt der Präsident des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, Markus Uferkamp, bevor er dem RTL-Fernsehmoderator Wolfram Kons die Urkunde zur Spitzen Feder 2019/20 überreicht. Zuvor haben Stadtprinz Dennis I. und Stadtprinzessin Josephine I. Kons bereits die Spitze Feder und den dazugehörigen Orden verliehen.
Das Lob des Mülheimer Chefkarnevalisten gilt nicht nur dem Preisträger, der unter anderem das RTL-Frühstücksfernsehen und den RTL-Spendenmarathon für Kinder in Not moderiert. Zu Dank verpflichtet ist er auch der Journalistin Carmen Thomas, die als erste Moderatorin des ZDF-Sportstudios und als Hörfunkmoderatorin des WDR-Bürgerdialogs "Hallo Ü-Wagen" Wege bereitet und Maßstäbe gesetzt hat. Nicht mit einer Laudatio, sondern mit einem kurzweiligen Interview stellt die Trägerin der Spitzen Feder für die Session 1987/88 den 450 Gästen im Festsaal der Stadthalle ihren Ordensbruder im freien Geiste vor.
Die am Vorabend heiter bis besinnlich gestimmten Zuschauer und Zuhörer erfahren, dass Wolfram Kons Jura studiert hat, sich aber schon als Schülerzeitungsredakteur zum Journalismus verführen ließ. Er berichtet von seinem Vater, der als Stadtdirektor in Neuss auch von Carmen Thomas interviewt wurde und von seinem Sohn, der mit seinen sieben Jahren als Lego-Baumeister des Pariser Eiffelturms schon heute weiß, dass er Architekt werden will. "Ist vielleicht ein Architekt im Saal. Man kann ja nicht früh genug mit der Suche nach einem Praktikumsplatz beginnen", flachst Kons.

Ernste Zwischentöne

Doch beim Thema Kinder wird Kons dann auch mal ernst. Er berichtet von einem Gespräch mit einem Jungen, der ein Auge an den Krebs verloren hat und der ihm sagte: "Weißt du, wenn ich mein Glasauge herausnehme, dann weht mir der Wind durch den Kopf!" In diesem Moment, sagt Kons, habe er begriffen, "dass es wichtigeres im Leben als Ruhm und Anerkennung gibt. Es geht darum, dass wir uns gegenseitig Liebe schenken und Verantwortung füreinander übernehmen." Das Kons als Moderator des RTL-Spendenmarathons und als ehrenamtlicher Vorstand der Stiftung RTL - Wir helfen Kindern e.V. genau das leistet und dafür sorgt, dass in den vergangenen 24 Jahren 182 Millionen Euro in Kinderhilfsprojekte investiert werden konnten, würdigt nicht nur seiner Ordensschwester Carmen Thomas, sondern auch der später am Abend per Video-Botschaft zugeschaltete Vor-Jahres-Preisträger. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Er entschuldigt sein Fernbleiben mit der Silber-Hochzeit seines Bruders. Derweil gibt Carmen Thomas dem aktuellen Träger der Spitzen Feder die goldenen Worte mit auf den Weg,
"dass Sie sich als Journalist auch weiterhin ihre Fähigkeit bewahren sollten, sich aus einer lernenden Grundhaltung heraus für Menschen zu interessieren."  (Carmen Thomas)
Genau das unterstützen die 450 Gäste im Festsaal der Stadthalle, in dem sie applaudieren und zum Teil spontan die SIM-Nachricht "Kinder" an die 44844 senden und damit 10 Euro für  die Stiftung RTL - Wir helfen Kindern e.V. spenden.
Derweil spendiert Preisträger Wolfram Kons dem Stadtprinzen Dennis und der Stadtprinzessin Josephine für ihre Gesangsshow ein Kompliment der Extraklasse. Mit Blick auf die Fernsehshow "Deutschland sucht den Superstar" sagt er:
"Wir suchen sie, aber ihr in Mülheim habt sie schon!"
Nicht nur die Tollitäten, sondern auch die Ruhrgarde, die Blue Sensations der KG Blau Weiß, die Gemeinschaftsgarde der Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die singenden Power Ladies, Edwina und Corinna De Pooter, die kölsche Stimmungsband Die Räuber und Schlagerstern Jörg Bausch zauberten am Vorabend des 1. Advents ein glamouröses Showprogramm der Extraklasse auf die Festsaalbühne der Stadthalle. 
Dieser Text erschien am 1. Dezember 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Samstag, 30. November 2019

Auf ein Wort zum Freien Wort

Seit 1984 zeichnet der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval im Rahmen seines Prinzenballs in der Stadthalle. Journalisten, Politiker und Komiker für ihre Verdienste um das freie Wort mit dem Ehrenpreis der Spitzen Feder aus. Am 30. November 2019 wird der RTL-Fernsehmoderator Wolfram Kons geehrt. Im Vorfeld der Auszeichnung ließ sich Kons von der Redaktion auf ein freies Wort ein.

Woran denken Sie, wenn Sie an Mülheim denken?
Mir fällt das schöne Kunstmuseum in der Alten Post ein, das zurzeit renoviert wird. Ich denke an Helge Schneider, den Wasserbahnhof und die Weiße Flotte. Und mir gefällt sehr gut wie grün und hügelig es in Mülheim ist.

Worüber können Sie lachen?
Kons:          Darüber, dass ich bei der Spitze Feder Nachfolger von Woozle Goozle werde. Gegen diese Puppe , alias Martin Reinl, habe ich bei meinem Jungs (5 und 7) daheim on air keine Chance.

Wo hört für Sie der Spaß auf?
Kons: Wenn die Rechte von Kindern verletzt werden.

Muss man als Fernsehmoderator eine Spitze Feder im Gepäck haben?
Kons: Immer! Und die Kunst besteht darin, mit der Spitzen Feder zu piksen, ohne dabei zu verletzen. Es gab in der öffentlichen Kommunikation noch nie so viele Verletzungen wie jetzt in der Zeit der oft asozialen Medien. Ich habe das Privileg, als Fernsehmoderator Menschen mitteilen zu können, was mir wichtig ist. Aber privat habe ich keine Lust irgendetwas über mich persönlich zu posten. Ich nutze das Internet nur als Informationsmedium für meine Sendungen, für den RTL – Spendenmarathon und Guten Morgen Deutschland , für NTV und die Kunst .

Was würden Sie wem gerne mit spitzer Feder ins Stammbuch schreiben?
Kons: Ich glaube, dass wir Deutschen oft nicht zu schätzen wissen, in welch großartigem Land wir leben, in dem wir große Freiheiten und viele Möglichkeiten haben. Ich plädiere für mehr Toleranz und Gelassenheit in unserem Land und auch für die Bereitschaft, uns auch mal Fehler zuzugestehen und zu verzeihen. Wenn wir Deutsche 98 von 100 Punkten erreichen, diskutieren wir vor allem über die zwei Punkte, die uns noch fehlen. Das macht uns manchmal dann noch perfekter, nimmt uns aber auch viel Lebensfreude. Mein Wunsch: Lasst uns nicht immer so eng und spießig denken.

Braucht man in unserer Demokratie Mut für das freie Wort?
Kons: Wir brauchen vor allem Mut zur Demokratie. Man kann nicht nur meckern und selbst nichts machen. Man muss auch selbst Verantwortung übernehmen. Das beginnt in den Kindergärten und Schulen, wenn es darum geht, wer da die Schulpflegschaft übernimmt. Ich engagiere mich sehr im und für das Ehrenamt. Ohne würde unsere Gesellschaft ärmer und kälter.

Was würden Sie durchsetzen, wenn Ihr Sender Sie zum Chefredakteur, Programmdirektor und Intendant in einer Person ernennen würde?
Kons: Ich würde jeden Monat einen Spendenmarathon starten. Letzte Woche konnten wir rund elf Millionen Euro Spenden für Kinder in Not sammeln. Ein Rekord der verpflichtet. Dabei ginge es mir nicht nur um das Geld , sondern vor allem darum das Bewusstsein für Kinder in Not zu schaffen, auch bei uns hier in Deutschland gibt. Ich möchte die Menschen motivieren, sich nicht nur um sich selbst und die eigenen Probleme zu kümmern, sondern auch ihre kleinen und großen Mitmenschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Zur Person
Der 1964 in der Karnevalshochburg Düsseldorf geborene und heute in Neuss lebende Wolfram M. Kons moderiert das Morgenmagazin und den Spendenmarathon des Kölner Privatsenders RTL. Er engagiert sich als ehrenamtlicher Vorstand der Stiftung RTL Wir helfen Kindern e.V., die mit Hilfe des Spendenmarathons seit 1996 mehr als 182 Millionen Euro für Kinderhilfsprojekte in Deutschland und aller Welt investieren konnte. Seine journalistische Karriere begann er nach einem Jura-Studium und einem Volontariat beim Münchener Radio Gong in den 1980er Jahren als Reporter beim Südwestfunk, beim Bayerischen Rundfunk und bei Radio Luxemburg. 1991 stieg er als Redakteur und Moderator beim RTL-Morgenmagazin ein. Darüber hinaus machte er sich als Reisereporter, Autor, Moderator und Produzent  für verschiedene Sender sowie als Synchronsprecher einen Namen. 2004 wurde sein soziales Engagement mit der Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens ausgezeichnet. Der Ehemann und zweifache Vater, der als Produzent und Moderator auch für die NTV-Kunstsendung „NTV Inside Art“ verantwortlich ist, sagt über sich selbst: „4K - TV heißt für mich: K  wie Kunst bei NTV , K wie Kinder und für Deutschland morgens Kaffee bei RTL und K wie Kons.“


Donnerstag, 5. September 2019

Alt? Na, und!

Anfang September wird die 114. Ausgabe der Mülheimer Senioren Zeitung alt Na und gratis verteilt. Eine Finanzierung durch die Heinrich-Thöne-Volkshochschule und die Stiftung Kultur & Bildung machen es möglich. Seit 30 Jahren schreiben reife Redaktionsmitglieder unter dem Titel Alt, Na und!? was sie und ihre Altersgenossen interessiert oder zumindest interessieren könnte.

In der Jubiläumsausgabe erwartet die „Alt, na und!?“-Leser zum Beispiel ein Interview mit Alt-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, in dem sie von ihrem neuen Leben außerhalb der politischen Scheinwerfer. „Das war wirklich ein tolles Gespräch, dass wir sehr genossen haben“, erinnert sich Redaktionsleiterin Gabriele Strauß-Blumberg. „Aber auch für die prominenten Gesprächspartner der 1989 unter dem Dach der Heinrich-Thöne-Volkshochschule von Peter Michael Schüttler und Marianne Seger aus der Taufe gehobenen Seniorenzeitung gilt die eherne Redaktionsregel: Kein Beitrag darf länger als eine DIN-A4-Seite lang sein.

Das sorgt seit 30 Jahren für ein lesefreundliches Magazinformat. „Natürlich hätten wir auch viel mehr über unser Gespräch mit Frau Kraft schreiben können und wir hatten auch schon Redaktionsmitglieder, die uns schnell wieder verlassen haben, weil sie sich durch diese Begrenzung in ihrer Kreativität ausgebremst sahen“, räumt Strauß-Blumberg ein.

Doch die Leseresonanz, die die zurzeit aus 17 Mitgliedern bestehende Redaktion erreicht und die regelmäßigen Anfragen: „Wann kommt denn die nächste Ausgabe?“ zeigen den kreativen und reifen Zeitungsmachern aus der Heinrich-Thöne-Volkshochschule, die alle zur Generation 60 plus gehören, dass ihre Themenmischung, die so bunt ist wie das Leben, bei ihren Lesern ankommen. Wer durch die 6500-fach gedruckten und von den Redaktionsmitgliedern zum Beispiel in Arztpraxen, Apotheken, Büchereien, Pflegeheimen und Buchhandlungen verteilten Ausgaben blättert stößt auf historischen und aktuelles, auf informatives und literarisches.

Im Gespräch mit den Blattmachern, die ihre Zeitung nicht nur schreiben, sondern auch fotografisch illustrieren und layouten, erfährt man, was die Pensionäre, die ihr Berufsleben zum Beispiel als Sekretärin, als Chemie-Ingenieur, als Verlagsangestellter oder als Finanz- und Justizbeamter bestritten haben, in ihrem Ruhestand zu ehrenamtlichen Redakteuren hat werden lassen. Von sozialen Kontakten und Kreativität ist das ebenso die Rede wie von einem Jungbrunnen für Geist und Seele. Von „Gehirn-Jogging“ spricht Seniorredakteurin Rosemarie Mink. Und ihr Kollege Gerd Harder zitiert Gotthold Ephraim Lessing mit der zeitlos aktuellen Erkenntnis: „Alt macht nichts das graue Haar alt macht nicht Die Zahl der Jahre bald ist Wer den Humor verliert und sich für nichts mehr interessiert.“

Und was haben die Reifen Redakteure der Senioren Zeitung für die Zukunft vor? Wir wollen den schon begonnenen Dialog mit der jungen Generation fortführen und intensivieren. Und Wir wünschen uns für die Zukunft noch mehr Leserbriefe und immer wieder neue nette und kreative Kollegen“, ist man sich in der Alt, na und?!-Runde einig. Was den Dialog zwischen Alt und Jung angeht, ist der Anfang bei „Alt, Na und?!“ schon gemacht. Denn nach bereits erschienen Beiträgen darüber, was junge Menschen an alten Menschen nervt und was alte Menschen an jungen Menschen nervt und mit einem Bericht über einen Schülerbesuchsdienst für Senioren befasst sich die im September erscheinende Jubiläums Ausgabe unter anderem mit einem Jugend Workshop zur künstlerischen Gestaltung von Stromkästen rund um den Hans-Böckler-Platz.



Sie sind online und möchten alte Ausgaben der Mülheimer Senioren Zeitung „Alt, na und?!“ nachlesen oder selbst für das quartalsweise erscheinende Magazin schreiben: Dann werden sie auf den Internetseiten: www.alt-na-und.de/ und: www.alt-na-und.de/archiv/ fündig. Außerdem können Sie die zuständige Fachbereichsleiterin der Heinrich-Thöne-Volkshochschule, Nicole Linau, per E-Mail an: nicole.linau@muelheim-ruhr.de kontaktieren. Sie sind nicht online und suchen aber trotzdem den Kontakt zur Redaktion der Senioren Zeitung alt Na und, dann erreichen sie die zuständige fachbereichsleiterin der Heinrich Töne Volkshochschule Nicole Linau unter der Rufnummer: 0208-455 4317.


Donnerstag, 22. August 2019

Zuhause ist es am schönsten

Kennen sie Daniel Aßmann? Der Journalist aus der Ruhrgebietsnachbarschaft ist mein neuer Fernsehheld. Seine WDR-Sendung „Ausgerechnet“ ist ein echter Hingucker. Zuletzt klärte er seine Zuschauer über die Kosten eines ganz normalen Urlaubs auf der schönen deutschen Nordsee-Insel Norderney und an dem nicht minder schönen und bei vielen deutschen Touristen beliebten Gardasee in Italien auf.
Was mir an ihm und seiner Sendung gut gefällt, ist der mit bodenständigem Ruhri-Humor gewürzte Informationswert. Ausgerechnet mitten in der Urlaubssaison deckt er die finanziellen Schattenseiten des teuren Ferien Vergnügens auf. O Ton in Sirmione am Gardasee: „Sehe ich das richtig, dass die Kugel Eis hier 3,50 Euro kostet?“ O Ton auf Norderney: „Habe ich das richtig gesehen, dass die 0,5 Liter Flasche Norderney-Bier 7,50 Euro kostet?“ Damit gibt Daniel Aßmann seinen daheim gebliebenen Zuschauern das gute Gefühl, dass sie sich eigentlich glücklich schätzen dürfen, zu Hause oder vor der Haustür ihr vergleichsweise billiges Eis oder Feierabendbier genießen zu können. Noch nie fand ich Made in Mülheim so klasse wie angesichts des Urlaubs-Kosten-Checks von Daniel Aßmann. 

Dieser Text erschien am 22. August 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 18. August 2019

Tatort Mülheim



Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass es auf unseren Fernsehbildschirmen immer mörderischer zugeht. Es reicht nicht, dass uns die Nachrichten mit mörderischen Bildern aus Kriegen und Bürgerkriegen überfluten. Auch der Mord- und Totschlag in den TV Krimis hat ein inflationäres Ausmaß angenommen. Wo einst der Halstuch-Mörder die gesamte Fernsehnation vor dem Bildschirm versammeln konnte und sich später im Wochentakt der Tatort, Der Alte oder Derick bei ihren Ermittlungen ablösen, dürfen wir uns heute sicher sein, dass wir täglich auf allen Kanälen gleich mehrere Fernsehkrimis serviert bekommen. Ich warte nur noch darauf, dass wir bald auch einen Tatort aus Mülheim zu sehen bekommen. Menschen, die sich über die Zustände in unserer Stadt kriminell ärgern, gibt es ja schon genug. Und unser Polizeipräsident Frank Richter und seine Beamten könnten sicher auch mit einer ausreichenden Zahl von Tatorten aufwarten. Auf der Suche nach einem Kommissar-Darsteller oder einer Hauptdarstellerin würde man sicher schnell beim Theater an der Ruhr oder im Backsteintheater fündig. Zur weiteren Inspiration könnten die Tatort-Regisseure und Drehbuchautoren die Mülheimer Lokalpresse studieren. Ich fürchte aber, dass Mülheim derzeit eher für eine Brennpunkt-Dokumentation: „Der Sparkommissar ermittelt“ als für einen fiktiven TV-Tatort reif ist. Auch so ein Polit-Krimi könnte sicher spannend werden.

Dieser Text erschien am 14. August 2019 in der NRZ

Montag, 24. Juni 2019

Wo die Mülheimer Zeitung entstand


Das Mülheimer Pressehaus 1025
Postkartenansicht aus dem Mülheimer Stadtarchiv
Heute schauen wir auf das alte Pressehaus an der Eppinghofer Straße. Entworfen vom Architekten Franz Hagen, wurde es 1925 mit seinen sieben Stockwerken als erstes „Hochhaus“ Mülheims in unmittelbarer Nähe des heutigen Hauptbahnhofes errichtet. Damals firmierte dieser Bahnhof mit seinem 1910 errichteten Gebäude noch als Bahnhof Eppinghofen. Auf der linken Bildseite erkennen wir die Brücke, unter der wir auch heute noch zum Haupteingang des Hauptbahnhofes am Dieter-aus-dem-Siepen gehen.

Wo das 1943 von alliierten Bomben zerstörte Pressehaus stand, sehen wir heute den Gebäude-Komplex, in dem die Sparda-Bank und die städtische Sozialagentur einquartiert sind. Dass der Architekt Franz Hagen, der in Mülheim die eine oder andere Villa entworfen hat, auch das Pressehaus plante, hatte einen guten Grund. Denn er war über viele Jahre Geschäftsführer der Mülheimer Zeitung, die seit 1873 der Familie seiner Frau Antonie Marks gehörte.

In den 1920er Jahren, das Radio, steckte noch in seinen Kinderschuhen, war die Zeitung noch das Leitmedium. Auch die zweite Mülheimer Zeitung, dieser Zeit, der Generalanzeiger gehörte, wenn auch in einem anderen Verlag erscheinend der Familie Marks. Hinter dem Generalanzeiger stand bis 1911 die Druckerfamilie Blech, deren Vorfahre Gerhard Wilhelm Blech ab 1797 für wenige Jahre eine erste Mülheimer Zeitung herausgegeben hatte. Dann übernahm der Verleger Wilhelm Marks diese Zeitung, während seine Schwestern Antonie und Wilhelmine Marks die Mülheimer Zeitung herausgaben.

Der Grund für die beiden miteinander konkurrierenden Presseverlage mit dem gleichen Familiennamen, man ahnt es, war ein Erbstreit unter Geschwistern, deren Vater Ernst die 1872 von Julius Wacker gegründete Mülheimer Zeitung 1873 erworben hatte.
Erst unter dem politischen und wirtschaftlichen Druck einer von der NSDAP beherrschten und politisch gleichgeschalten Presse bündelte die Verlegerfamilie Marks 1934 ihre Kräfte und fusionierte die beiden Lokalblätter unter dem Titel Mülheimer Zeitung. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmten die Alliierten die Pressepolitik in Deutschland. Sie schlossen die sogenannten Altverleger aus dem Pressemarkt aus und vergaben ihre Lizenzen zur Herausgabe von Zeitungen stattdessen an politisch unbelastete Neu-Verleger. So erschien ab 1946 in Mülheim die von dem Sozialdemokraten Dietrich Oppenberg herausgegebene Neue Ruhr Zeitung. Ab 1948 kam die von Erich Brost und Jakob Funke gegründete Westdeutsche Allgemeine Zeitung hinzu, die bis 1965 mit der Verlegerfamilie Marks und ihren alten Lokaltitel Mülheimer Zeitung eine Redaktion- und Anzeigengemeinschaft bildete. Doch auf lange Sicht stiegen die Erben der Mülheimer Verlegerfamilie Marks aus dem Pressegeschäft aus und verlegten sich auf die Herausgabe von Büchern und Kalendern sowie auf den Handel mit Druckereibedarf. 

Heute steht hier an der Eppinghofer Straße die Sozialagentur
Dieser Text erschien am 24. Juni 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 4. Mai 2019

Apropos Pressefreiheit


Warum sind am 1. Mai nur 750 Menschen auf dem Rathausmarkt und keine 7500? Geht es uns heute zu gut als das wir noch massenhaft für unsere Rechte auf die Straße gehen würden oder haben wir schon resigniert? Der Blick in den grauen Mai-Himmel war auch nicht so verlockend als das man am Tag der Arbeit einfach ins Grüne statt auf den Rathausmarkt hätte gehen müssen. „Viele Menschen interessieren sich nicht mehr für den anderen. Keiner will mehr zu einem organisierten Kollektiv gehören. Aber ohne Kollektiv funktioniert eine Gesellschaft eben nicht“, antwortet mir der 88 Jahre alte Sozialdemokrat Hans Meinolf auf meine am 1. Mai im Vorbeigehen gestellte Frage. Er selbst geht trotz seines Alters am Tag der Arbeit noch auf die Straße und setzt damit ein ermutigendes Zeichen gegen die Resignation des Schweigens und der Vereinsamung.
Dazu fällt mir nach dem Tag der Arbeit und am Tag der Pressefreiheit ein, wie gut es ist, dass wir als Zeitungsmenschen, die wir diese Zeitung machen und lesen Gott sei Dank noch ein Kollektiv bilden, dass miteinander kommuniziert und sich nicht nur für sich selbst interessiert. Denn eines bleibt wie es schon immer war. Am Anfang ist das Wort, dem die Tat folgen muss. Denn nur redenden Menschen, die ersatzweise auch schreiben, senden oder lesen, kann geholfen werden. Gönnen wir uns diese Freiheit, die Mut macht, nicht nur heute am Tag der Pressefreiheit. 

Dieser Text erschien am 3. Mai 2019 in der Neuen Ruhrzeitung

Donnerstag, 2. August 2018

Der Journalist Theodor Wolff würde heute 150 Jahre alt

Herausragende Leistungen im Bereich des Zeitungsjournalismus zeichnet der Bundesverband der deutschen Zeitungsverleger mit dem Theodor-Wolff-Preis aus. Der Namensgeber dieser Auszeichnung war selbst ein hervorragender Journalist, der mit Weitsicht und Scharfsinn seine Zeit beobachtete und beschrieb.

Der jüdische Journalist Theodor Wolff wurde am 2. August 1863 als Sohn eines Tuchhändlers in Berlin geboren. Nach seiner Schulzeit, Wolff verließ das Berliner Wilhelmsgymnasium ohne Abitur, fand der 19-Jährige durch seinen Vetter Richard Mosse den Weg zur Zeitung und damit zu seiner Lebensaufgabe.

Zunächst schrieb Wolff vor allem Theater- und Literaturkritiken. Doch schon früh, zwischen 1894 und 1906 hatte Wolff als Korrespondent in Paris die Gelegenheit seinen geistigen Horizont zu erweitern. Seine Berichterstattung über die Intrigen gegen den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus und Emil Zolas vergebliches Eintreten für dessen Rehabilitation, wurden für den Journalisten Wolff zum Schlüsselerlebnis.

Mit der Berufung zum Chefredakteur des linksliberalen Berliner Tageblatts, erreichte Wolff 1906 den Höhepunkt seiner publizistischen Karriere. Er selbst sollte die Arbeit eines Chefredakteurs später einmal mit der eines Dompteurs im Zirkus vergleichen. Als Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, im November 1918, vom Kaiserreich zur Republik wurde, gehörte der Chefredakteur des Berliner Tageblatts, als Mitgründer der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei.

Anders, als viele seiner deutschen Zeitgenossen, erkannte Wolff in seinen Leitartikeln, die Politik Kaiser Wilhelm II. als Ursache für den Untergang des Deutschen Kaiserreiches und die NSDAP als eine elementare Bedrohung der ersten deutschen Demokratie. Obwohl das Berliner Tageblatt unter seiner Führung (bis 1933) eine Auflage von 250.000 Exemplaren erreichte, konnten Wolff und seine leider zu wenigen demokratischen Mitstreiter den Untergang der Weimarer Republik und den Aufstieg Adolf Hitler zum Diktator nicht aufhalten.

So schrieb Wolff etwa im November 1918: "

"Wilhelm II. war nicht der alleinige Urheber, aber der Repräsentant einer aberwitzig kurzsichtigen, alle Kräfte und Ideen des Auslandes falsch einschätzenden Politik, und er war das Symbol einer Zeit und eines Geistes, der, in Machtbegehren und Selbstüberhebung, die Katastrophe herbeigeführt hat."

Und 1930 hieß es in einem seiner Leitartikel zum Aufstieg der NSDAP:


"Keine geschliffene Phrase, keine dunstige Ideologie kann darüber hinwegtäuschen, dass er mit seinem Geschrei nach umstürzender Gewalt und mit einer Rassenverhetzung die Rohheit, die Verblödung und die gemeinsten Pöbeltriebe anreizt und zu verbrecherischen Ausbrüchen treibt."

Der jüdische Journalist teilte das Schicksal vieler regimekritischen Intellektuellen. Seine Schriften wurden im Mai 1933 in Berlin öffentlich verbrannt. Er selbst musste und fand in Frankreich Exil. Doch nach dem militärischen Sieg, den Hitler-Deutschland 1940 über die Französische Republik erringen konnte, war sein Leben dort nicht mehr sicher. 1943 wurde er in Nizza von italienischen Soldaten verhaftet und an Deutschland ausgeliefert. Es begann ein Leidensweg, der in ins Konzentrationslager Sachsenhausen und schließlich, schwer erkrankt, ins Jüdische Krankenhaus von Berlin führte. Dort starb Theodor Wolff, der nicht nur Zeitungsartikel, sondern auch Theaterstücke geschrieben hatte, am  23. September 1943.

Samstag, 31. März 2018

Lassen wir uns nicht begrenzen

Rosrot glänzte der Mobilfunk-Werbeprospekt, der jetzt in meinem Briefkasten steckte. Gut, wir haben Ostern und in Zeiten, in denen wir uns bunt gefärbte Eier schmecken lassen, will die Werbewirtschaft auch farbenfroh auftrumpfen. „No Limits“ prankte auf dem Handy-Angebot, das ob seiner Farbgestaltung die rosarote Brille überflüssig machte. „No  limits!“ also: „Keine Grenzen!“ Das hört sich nach der  großen Freiheit an: Wer möchte heute schon begrenzt sein, zumal wenn es um seine Kommunikationsfähigkeit geht.

Dabei habe ich manchmal den Eindruck, dass wir gerade in dem Maße an zwischenmenschlicher Kommunikationsfähigkeit einbüßen und begrenzter werden, je grenzenloser unsere technischen Kommunikationsmittel, a´la E-Mail, SMS, Twitter, Whatsapp und Co werden. Gilt noch das gesprochene Wort, wie es auf so manchem Redemanuskript heißt. Tatsächlich hat man bei einer gewissen Sorte von politisch und wirtschaftlich mächtigen, aber menschlich und ethisch begrenzten Zeitgenossen, das Gefühl, dass sie das Blaue vom Himmel reden, aber doch nichts zu sagen haben. Da lobe ich mir mein buntes Osterei, gewürzt mit Salz und einem guten Frühstücksgespräch.

Dieser Text erschien am 31. März 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 11. Dezember 2017

EU-Korrespondentin auf der Petri-Kanzel: Journalistin Anne Gellinek in ihrer alten Heimat

Anne Gellinek bei ihrer Kanzelrede in der Petrikirche
„Richtet euch auf. Erhebt eure Häupter. Denn eure Erlösung naht.“ Ausgehend vom Bibelvers des 2. Adventssonntags ging die Leiterin des ZDF-Studios Brüssel, Anne Gellinek, in ihrer Kanzlerrede vor den voll besetzten Bänken in der Petrikiche auf die aktuelle Lage der Europäischen Union ein.

Die „welterfahrene und weitgereiste“ Journalistin, so hatte sie Ulrich Schreyer begrüßt, machte deutlich, „dass die Europäische Union im Vergleich zu anderen Regionen der Erde immer noch ein 
Hort des gesunden Menschenverstandes ist.“

Die 1962 als Tochter des späteren Bau- und Planungsdezernenten Philipp Otto Gellinek in Mülheim geborene Journalistin, sieht den Brexit „als einen heilsamen Schock und Wendepunkt für die EU.“
In den mit einer Stimme geführten Brexit-Verhandlungen der 27 EU-Mitglieder, in den gemeinsamen Sanktionen gegen Russland und dessen Vereinnahmung der ukrainischen Krim und in dem gestern von den EU-Außenministern vereinbarten Aufbau einer gemeinsamen Verteidigungspolitik, sieht sie die innerhalb der Europäischen Union gereifte Erkenntnis, „dass wir in Europa nur dann etwas erreichen können, wenn wir mit erhobenen Häuptern auf die Einhaltung der vereinbarten EU-Regeln bestehen und international mit einer Stimme sprechen.“ Aus Sicht der ZDF-Korrespondentin, muss die EU stärker als bisher, „deutlich machen, dass es besser ist, in der EU zu sein, als außerhalb der EU.“

In seinen Dank für Gellineks gelungene Kannzelrede, verband Ulrich Schreyer die Bitte: „Versorgen Sie uns weiter mit freien und gut recherchierten Nachrichten, die unsere Demokratie stärken.“

Dieser Text erschien am 12. Dezember 2017 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 16. November 2017

Der Mann mit der Spitzen Feder: Auch wenn der Karikaturist Thomas Plaßmann kein Jeck ist, freut er sich über die Spitze Feder der Mülheimer Karnevalisten

Thomas Plaßmann bei der Arbeit.
Thomas Plaßmann bekommt nicht nur die Spitze Feder. Der Karikaturist der Neuen Ruhr Zeitung arbeitet auch mit ihr. Mit einer klassischen Feder und Tusche zeichnet er auf Papier und sorgt mit seinen Karikaturen für Aha-Effekte am Frühstückstisch. „Als Karikaturist muss man zuspitzen, Dinge auf den Punkt bringen, frei nach dem wahren Wort: ‘Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte’“, unterstreicht der 57-Jährige.

Manchmal hat er, der sich schon immer dafür interessiert hat, „wie wir unser gesellschaftliches Leben positiv gestalten können“, ein schlechtes Gewissen. „Denn ich profitiere als Karikaturist von den Missständen dieser Welt und von fragwürdigen politischen Charakteren“, weiß Plaßmann. So ist ein Donald Trump, den er politisch gar nicht mag, für ihn als Karikaturisten ein Glücksfall. „Der US-Präsident bietet mit seinen plakativen Gesten und mit seinen oft haarsträubenden Äußerungen viele Angriffsflächen.“ Das gilt auch für Trumps weltpolitischen Gegenspieler, Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. „Manchmal weiß man als Karikaturist nicht mehr, wie man die Realität noch toppen soll“, gibt Plaßmann zu. 

Doch er arbeitet sich nicht nur an Politikern ab, sondern nimmt mit seiner Feder auch soziale Themen wie Rente, Armut oder Pflege unter die Lupe. „Politik ist kein Schauspiel von und für die da oben, sondern bestimmt ganz konkret unsere Lebensverhältnisse“, beschreibt Plaßmann, was ihn beim Zeichnen antreibt.  Täglich entstehen so im Zimmer unter dem Dach seines Hauses die aktuellen Karikaturen zum Geschehen in der Welt und vor der Haustür. Der studierte Historiker und gelernte Schreiner, der schon als Schüler gerne seine Lehrer zeichnete, entschied sich vor 30 Jahren dazu, als freiberuflicher Karikaturist zu leben und zu arbeiten. Nun schon seit vielen Jahren für die NRZ und andere Tageszeitungen und Publikationen. „Nicht nur Zeitungsredaktionen haben erkannt, dass man mit der Bildsprache der Karikatur viele Themen besser kommunizieren kann, als wenn man dies nur mit dem geschriebenen Wort täte“, erklärt Plaßmann. Er selbst versteht sich als Journalist und Künstler.

Bevor er zur Tuschefeder greift, informiert er sich via Zeitung, Radio und Internet über die aktuelle Nachrichtenlage. „Das Zeichnen ist der geringste Teil meiner Arbeit. Entscheidend ist für mich, erst mal herauszufinden, was das Thema des Tages sein könnte und wie ich es kommentierend ins Bild setzten könnte“, beschreibt Plaßmann seine kreative, oft aber auch geistig mühevolle und anstrengende Arbeit. Im digitalen Zeitalter könnte er seine Karikaturen auch mit Hilfe eines Computerprogramms erstellen. Doch das will er nicht. „Ich will mir den künstlerisch handwerkliche Teil meiner Arbeit bewahren und zeichne lieber nach alter Väter Sitte“, sagt er.  Auch wenn er heute von seiner künstlerischen und journalistischen Arbeit “gut leben kann“, erinnert er sich auch noch an die Zeit des großen Klinkenputzens. 

„Das muss man tun, wenn der Vater kein Verleger und der Schwiegervater kein Chefredakteur ist“, scherzt Plaßmann. Mit Sorge sieht er, dass immer mehr Kollegen nur noch schlecht oder gar nicht mehr von ihrer Arbeit leben können. „Dabei zeigen die aktuellen Erfahrungen mit den sogenannten Fake-News in den sozialen Medien, dass wir heute mehr denn je einen guten und kritischen Journalismus brauchen, zu dem auch die Karikatur gehört. Aber dieser gute Journalismus kann nur dann existieren, wenn er auch bezahlt wird und Journalisten und Karikaturisten von ihrer Arbeit leben können“, sagt Plaßmann. 

Obwohl der in der Nachbarstadt Essen lebende Plaßmann „kein geborener Jeck ist“, freut er sich sehr darüber, „dass die Mülheimer Karnevalisten mit der Verleihung der Spitzen Feder nicht nur meiner Arbeit, sondern auch der für unsere Demokratie so wichtigen Arbeit meiner zeichnenden Kolleginnen und Kollegen Respekt und Anerkennung zollen.“  

Bleibt die Frage, ob man als Karikaturist, der mit dem künstlerischen Stilmittel der Satire arbeitet, frei nach Kurt Tucholsky, alles darf. „Es war für uns Zeichner wohl das einschneidendste Erlebnis ,als unsere Kollegen von Charlie Hebdo im Januar 2015 von islamistischen Terroristen ermordet wurden, weil sie den Propheten Mohammed karikiert hatten. Für einen Moment erstarb uns allen die Feder in der Hand“, erinnert sich Plaßmann. Doch sie wurde schnell wieder ergriffen und geführt. „Es wäre der falsche Weg, sich wegzuducken und darauf hin nur noch Blumenwiesen und röhrende Hirsche zu zeichnen. Karikaturen müssen die Probleme benennen und auf den Punkt bringen. Das erregt natürlich Anstoß, Widerspruch und ärgert mitunter natürlich auch. Aber das ist ja auch Ihre Aufgabe, um aufzurütteln, und zum Nachdenken anzuregen.“, sagt Plaßmann. Und so karikiert der praktizierende Christ auch seine eigene Kirche, wenn er das für notwendig hält. Dieser öffentlichen Kritik, so meint er, müssten sich, bei allem Respekt vor religiösen Gefühlen, nicht nur die christlichen Kirchen, sondern alle Religionsgemeinschaften stellen.  “Die spitze Feder”, so unterstreicht Plaßmann,”ist nicht nur Symbol, sondern unverzichtbares Werkzeug unserer Demokratie und unserer geistigen und kulturellen Freiheit.“

Dieser Text erschien am 14. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 17. April 2016

Begleiterin in schwerer Zeit: Die NRZ erscheint seit 70 Jahren

Auch Stadtarchiv-Nutzer Martin Müller
schaut regelmäßig in die alten Ausgaben der
Mülheimer NRZ
„Es war der Tag, an dem man endlich wieder sagen und schreiben konnte, was wahr ist“, hat Elfriede Rosorius einmal in einem Gespräch mit der NRZ gesagt. Sie meinte damit den Tag, an dem zum ersten Mal in Mülheim eine Lokalausgabe der NRZ erschien, der 13. Juli 1946. Die 2013 verstorbene Elfriede Rosorius war die Tochter des ersten Mülheimer Redaktionsleiters, Otto Striebeck. Sie lief vor 70 Jahren von Haus zu Haus, um die ersten Abonnenten für die Neue Ruhr Zeitung zu werben.

Das Abonnement kostete damals 1,50 Reichsmark pro Monat. Aufgrund des akuten Papiermangels erschien die von der britischen Militärregierung als SPD-nahe Tagezeitung lizenzierte NRZ, nur mittwochs und samstags. Die erste Lokalausgabe war mit einer Zeitungsseite sehr überschaubar.

Striebeck und seine freien Mitarbeiter berichteten in der ersten Lokalausgabe zum Beispiel über ein Rettungsschwimm- und Boxtraining, das 45 Polizeibeamte am Entenfang absolviert hatten. Außerdem liest man in der ersten Mülheimer NRZ-Ausgabe über die Lebensmittelhilfe, die das Schwedische Rote Kreuz in Mülheim leistet.

Bei einer Dankveranstaltung im Hotel Handelshof sagt der damalige Oberbürgermeister Wilhelm Diederichs mit Blick auf die schwedischen Helfer: „Ihr unermüdlicher und mit großen Opfern verbundener Einsatz hat zur Verständigung und zu neuem Vertrauen zwischen den europäischen Nationen geführt und er hat viele Freunde unter uns gewonnen. Er hat manchen Familien ein großes Glück beschert und geholfen, eine Hungerkatastrophe von uns fernzuhalten.“

Auch andere Berichte zeigen, wie stark der Mülheimer Alltag 1946 von den Kriegsfolgen geprägt wird. So liest man zum Beispiel von einer Gehschule für beinamputierte Kriegsversehrte, die in der katholischen Volksschule an der Eduardstraße (der heutigen Martin-von-Tours-Schule) von der städtischen Kriegsbeschädigten-Fürsorge angeboten wird. Ihr Ziel: Die Kriegsversehrten sollen möglichst schnell wieder in den Arbeitsprozess integriert werden.

Dass der große Luftangriff, der weite Teile Mülheims am 22. und 23. Juni 1943 in Schutt und Asche gelegt hat, erst drei Jahre und das Ende des NS-Regimes erst gut ein Jahr zurückliegen, zeigt ein Bericht über den Mangel an unzerstörten Schulräumen und politisch unbelasteten Lehrern. Deshalb müssen sich damals 70 Mülheimer Schüler eine Lehrkraft teilen.

Otto Striebeck (1894-1972) war der erste Mülheimer Redaktionsleiter der NRZ in Mülheim. Der gelernte Bergmann war aktiver Gewerkschafter und Sozialdemokrat. Ab 1929 arbeitete er als Redakteur für eine sozialdemokratische Zeitung in Moers. Nach der Machtübernahme Hitlers konnte er zwischen 1933 und 1945 seinen Beruf nicht mehr ausüben und wurde von den Nazis immer wieder verfolgt und verhaftet. Nach dem Kriegsende 1945 wurde er als Vorsitzender der Mülheimer SPD von der britischen Militärregierung in den Bürgerausschuss und in die anschließende Stadtvertretung berufen. Ab 13. Juli 1946 leitete er die NRZ in Mülheim und arbeitet als Ratsmitglied am Wiederaufbau der Stadt mit. 1949 wurde er als Kandidat der SPD in den ersten Deutschen Bundestag gewählt. Bei der Bundestagswahl 1953 verlor er sein Mandat an die Christdemokratin Gisela Prätorius. 1958 konnte Striebeck allerdings über die Landesliste seiner Partei erneut in den Bundestag einziehen, dem er bis 1965 angehören sollte.

Dieser Text erschien am 5. April 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 17. März 2016

Reife Leistung: Die Seniorenzeitung Alt? Na und! gibt ihre 100. Ausgabe heraus

Die Redaktionsmitglieder der Seniorenzeitung
Alt? Na und! treffen sich immer wieder
dienstags um 15 Uhr in der
Heinrich-Thöne-Volkshochschule
Ab dem 22. Februar wurde die 100. Ausgabe der Seniorenzeitung "Alt? na und!" verteilt. 6500 Exemplare werden an 150 Abgabestellen gratis ausgelegt. In Arztpraxen und Apotheken kann man die Seniorenzeitung ebenso kostenfrei mitnehmen, wie in der Volkshochschule, in Stadtbüchereien, in Bürgerbegegnungsstätten, in Altentagesstätten und Altenheimen und an vielen öffentlich zugänglichen Orten mehr.
Erschien die erste Seniorenzeitung 1989 noch im klassischen Schwarz-Weiß, so ist sie heute farbig. Und das gilt nicht nur für den Druck und das Layout, sondern auch für die Inhalte.

Sehr vielseitig

Das zeigt schon ein Blick in die 100. Ausgabe: Über Radwandern für Senioren und einen ehrenamtlichen Reisebegleitdienst der Diakonie, die ZugVögel, wird da ebenso berichtet, wie über den Mülheimer Ruhrpastor und Sozialreformer Konrad Jakobs oder den Redaktionsbesuch des neuen Oberbürgermeisters und die Reform der Pflegeversicherung. Unter der Leitung von Gabriele Strauß-Blumberg bilden derzeit 11 Frauen und 6 Männer die Redaktion von Alt? na und? "Wir wünschen uns mehr Männer in der Redaktion, weil das einfach die Vielseitigkeit unserer Themen und Ausgaben fördert. Denn Männer und Frauen schauen nun mal unterschiedlich aufs Leben", erklärt Strauß-Blumberg.

Kreatives Training für die grauen Zellen

Wer sich mi Redaktionsmitgliedern, wie Jost Fischer, Ulrich Gürtler, Hans-Dieter Strunck, Rosemarie Mink, Marianne Schrödter oder Adele Kroner darüber unterhält, warum sich Frauen und Männer zwischen 60 und Mitte 80 zu Journalisten mausern, die viermal jährlich auf 16 DIN-A4-Seiten über Alltagsgeschichten, Stadtgeschichte oder das lokale und überregionale Zeitgeschehen und vor allem über interessante Menschen im fortgeschrittenen Alter schreiben, hört von ihnen zum Beispiel: "Hier kann man sich aufregen und wird zugleich angeregt." "Das trainiert die grauen Zellen und hält einen wach!" oder: "Hier kann man sich mit Themen beschäftigen und Menschen kennen lernen, die man sonst nie bearbeitet oder kennen gelernt hätte."
Ein Blick in alte und aktuelle Ausgaben oder eine Gespräch über geplante Themen zeigt: Auch schwierige Fragen, wie Armut, Sexualität oder Einsamkeit im Alter werden aufgegriffen."
"Ich glaube, dass Senioren sehr gut über unsere Stadt schreiben können, weil sie nicht nur das heutige, sondern auch das frühere Mülheim kennen und wissen, wie und warum sich die Stadt so entwickelt hat, wie sie heute ist", unterstreicht Ulrich Gürtler. "Wir möchten über das schreiben, was uns bewegt und was andere Menschen vielleicht auch interessieren und bewegen könnte", beschreiben Marianne Schrödter und Rosemarie Mink ihre journalistische Motivation. "Wir wissen eigentlich kaum, was unsere Leser denken und was sie interessiert, weil wir nur wenig Leserbriefe erhalten", bedauert Hans-Dieter Strunck. Allerdings erfahren seine Redaktionskolleginnen und er vor allem auf der Seniorenmesse im Forum durch Rückmeldungen der Besucher, dass ihre von der Stadt und von der Stiftung Bildung und Kultur finanzierte Zeitung viele begeisterte Leser hat. "Das ist wirklich gut. Macht weiter, so!" bekommen sie dann ganz pauschales Lob zu hören. Um eine differenziertere Rückmeldung auf die eigene Arbeit zu bekommen, hat die Redaktion, die sich dienstags von 15 bis 17 Uhr in der Volkshochschule an der Bergstraße trifft, jetzt einen Leserbeirat ins Leben gerufen, dem inzwischen 5 Stammleser angehören.

Selbstbewusste Senioren

Wenn Gabriele Strauß-Blumberg, die 1997 die Leitung der Redaktion als Nachfolgerin von Marianne Seeger und Monika Gockel übernahm, darüber nachdenkt, wie sich die Redaktionsarbeit gewandelt hat, dann kommt sie zu dem Ergebnis: "Senioren können heute eine ganze Menge auf die Beine stellen. Sie sind aber auch selbstbewusster geworden. Sie wollen sich nicht einfach an irgendeine Arbeit stellen oder zeitlich unter Druck setzen lassen. Denn das haben sie in ihrem Berufsleben lange genug mitgemacht." Sie und ihre Kollegen lassen keinen Zweifel daran, dass es "auch schon mal menschelt", wenn in einer Redaktionssitzung darüber diskutiert wird, welcher Text denn jetzt in die nächste Quartals-Ausgabe kommt und welche Geschichte erst mal im reichlich gefüllten Text-Pool der Redaktion landet. Dass die Redaktionsmannschaft von Alt! na und? offensichtlich immer mehr Texte und Fotos produziert, als in eine Ausgabe der kostenfrei ausliegenden Seniorenzeitung hinein passen, zeugt von Kreativität und der Aussicht auf noch viele spannende Ausgaben. Die Leser wird es sicher freuen. Und wer Alt! Na und? nicht nur lesen, sondern vielleicht auch mitgestalten möchte, sollte sich unter der Rufnummer 0208/455-4357 an Peter-Michael Schüttler wenden, der als Fachbereichsleiter bei der Volkshochschule die Seniorenzeitung seinerzeit mit ins Leben gerufen hat

Dieser Text erschien am 9. März 2016 in der Mülheimer Woche

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...