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Montag, 15. April 2024

Heiße Nächte

 "Heiße Nächte"! So heißt die neueste Komödie aus der Feder von Martina Rudziok, die am 13 April im Zimmertheater des Arteliers Rudziok am Heelweg 10 in Winkhausen Premiere hatte. Wer diesen Abend mit den Schauspielerinnen Andrea Hagemeier-Gilga (als Brunnhilde), Ines Klappers (als ihre Nichte Jennifer) und Martina Rudziok (als Brunhildes beste Freundin Karla) erleben durfte, kann die von ihrem Wortwitz und ihrer temporeichen Situationskomik lebende Komödie dem geneigten Publikum nur wärmstens empfehlen.

In den "Heißen Nächten" geht es um Wunsch und Wirklichkeit dreier Frauen, von denen zwei als Mittfünfzigerinnen mit den Risiken und Nebenwirkungen der Wechseljahre zu kämpfen haben. Während sie die Hitze der Nacht in ihrem Liebesleben schmerzlich vermissen müssen, machen ihnen ihre Hitzewellen und ihre Schlaflosigkeit das Alltagsleben schwer. Als Dritte im Frauenbunde versucht die Nichte ihre Tante und deren beste Freundin auf Trab zu bringen und das Beste aus ihrem fortgeschrittenen Leben zu machen. Es mangelt ihr nicht an guten und wohlfeilen Ratschlägen, die manchmal auch als Schläge und manchmal auch als Bumerang daher und zurückkommen.
Denn auch als Frau, die noch weit von den Wechseljahren entfernt ist, erlebt man in Liebesdingen und anderen Lebenslagen nicht nur angenehme Überraschungen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn es um die Risiken und Nebenwirkungen des anderen Geschlechts geht.

Kurzweilige Unterhaltung

90 Theaterminuten vergehen im kleinen und feinen Zimmertheater, in dem 25 Zuschauerinnen und Zuschauer Platz finden, vergehen angesichts der weiblichen Spitzfindigkeiten und Raffinessen wie im Flug. Sie trainieren die Lachmuskeln und sorgen damit beim geschätzten Publikum für die Erhöhung der sozialen Resilienz im Sinne der Erkenntnis, die der Schriftsteller und Satiriker Joachim Ringelnatz einst so formuliert hat: "Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt." Insofern erkennen auch die Protagonistinnen der jüngsten Rudziok-Komödie, dass das Leben eine Baustelle ist und bleibt. Egal, wie schön man es sich redet, so muss man auf der Baustelle des Lebens immer wieder erkennen, dass der Mensch, ob weiblichen oder männlichen Geschlechts, alles andere als perfekt ist. Und so zeigen und die drei großartigen Darstellerinnen auf der keinen Bühne des Zimmertheaters am Heelweg, mit ihren urkomischen Schlagfertigkeiten, dass die größte Lebenskunst darin besteht, in jeder Lebenslage und in jedem Lebensalter, aus dem allzu menschlich imperfekten hier und jetzt das Beste zu machen. Nicht von ungefähr war es ein Komödienregisseur, Billy Wilder, der aus seinen fröhlichen Lebensweisheiten, zu denen auch die Erkenntnis gehört: "Altern ist nichts für Feiglinge", unsterblich schöne Filmkomödien, wie: "Manche mögen's heiß auf die Kinoleinwand und in die Herzen seiner Zuschauerinnen und Zuschauer zauberte. Hätte Wilder die Premiere von "Heiße Nächte" im Artelier Rudziok noch miterleben können, hätte er sich sicher die Filmrechte der Komödie gesichert.

Gut zu wissen

Die Komödie "Heiße Nächte" ist am im Atelier Rudiok an der Hellweg 10 in Mülheim-Winkhausen noch einmal an folgenden Terminen zu sehen.

- Freitag, 26.04.24, um 19:30 Uhr
- Sonntag, 26.05.24, um 15:00 Uhr
- Freitag, 07.06.24, um 19:30 Uhr

Der Eintritt ins Theatervergnügen kostet 14 €. Aufgrund des begrenzten Platzangebotes ist eine telefonische Anmeldung bzw. Reservierung unter der Rufnummer 0208 444 209 48 oder online unter: www.artelier-rudziok.de erforderlich.

Zum Artelier Rudziok



Montag, 1. April 2019

Eine himmlische Karriere


Hauptdarstellerin Nadine Reuth (als Doloris
van Cartier) und Martin Lennertz (als Lieutnant Parker)
Foto: Walter Schernstein
„Das war ganz großes Theater“, lobt der Verwaltungschef des Evangelischen Krankenhauses, Nils Krog, die Schauspieler des Backsteintheaters, nachdem sie die Premiere der musikalischen Komödie „Eine himmlische Karriere“ über die Bühne gebracht haben. Die Zuschauer im vollbesetzten Krankenhaus-Kasino bestätigen mit stehenden Ovationen für das Ensemble um Regisseur Michael Bohn Krogs Urteil.

Die Theaterfreunde erleben an diesem Abend eine temporeiche Komödie, die mit urkomischen und emotionalen Momenten alles zu bieten hat, was Kinofans aus dem 1992 gedrehten Welterfolg „Sister Act“ mit Whoopi Goldberg in der Hauptrolle der Doloris kennen und lieben. An diesem Abend verkörpert Nadine Reuth wunderbar die Gangster-Braut, die sich als Kronzeugin als Nonne in einem Kloster verstecken muss und dort zunächst einen Kulturschock erleidet, ehe sie für ein Kulturwunder sorgt und den erstaunlich schräg singenden Klosterchor ihrer Mitschwestern in eine mitreißende Girls-Group verwandelt, „die die Bude vollkriegt wie in Las Vegas“.

Dass die professionellen Amateur-Schauspieler des Backsteintheaters an den musikalischen Herausforderungen der fröhlich-frommen Komödie nicht scheitern, sondern über sich hinauswachsen, ist das Verdienst von Marie Zipp-Timmer. Sie kann als Schwester Mary Robert, etwa mit ihrem Lied „Meine Sehnsucht brachte mich hier her“ ihre Gesangsausbildung ausspielen und ihre Mitspieler mit ihrem Können musikalisch fit machen. So wird nicht nur der Sister-Act-Ohrwurm „I will follow him“ auch auf der Backstein-Bühne im Evangelischen Krankenhaus ein himmlisches Klangerlebnis Marke Gänsehaut.

Ein echter Hingucker auf der Kasino-Bühne ist nicht nur Anna-Joy Yeboah, die wie geschaffen für die Rolle der immer fröhlichen Schwester Mary Patrick ist. Das Hinschauen lohnt sich auch bei den von Charlotte Leimbrock gemalten und per Videobeamer auf eine Leinwand geworfenen Bühnenbilder, die das bewusst minimalistisch gestaltete Bühnenpanorama wie das Tüpfelchen auf dem i abrundet. Ein I-Tüpfelchen lieftert an diesem Abend auch Susanne Zambelly, die als indignierte Mutter Oberin Zeit braucht, um über ihren Schatten zu springen.

Und wo bleiben die Herrn der Theaterschöpfung? Sie sorgen zum Beispiel in einer skurrilen Doppelrolle als Gangster und Geistlicher (Klaus Wehling), als Gangsterboss (Wolfgang Bäcker) oder als Winkeladvokat (Martin Iwanow) für Lacher. Es sind Lacher einer heiteren Selbsterkenntnis, die uns zeigt, dass das Leben nicht schwarz-weiß, sondern mal grau und mal bunt ist, weil auf dieser Erde jenseits von Eden nichts so ist wie es uns auf den ersten Blick erscheinen mag. Sicher erscheint aber nach der gelungenen Premiere von „Eine himmlische Karriere“, dass ein Wiedersehen im und mit dem Backsteintheater Freude macht.

Weitere Aufführungen


Wiedersehen kann man „Eine himmlische Karriere“ am 6. April, am 11. Mai, am 12. Mai, am 18. Mai, am 29. Juni, am 30. Juni und am 6. Juli.

Alle Aufführungen beginnen um 19 Uhr im Kasino im Haus D des Evangelischen Krankenhauses. Der Eintritt ist frei. Spenden an das Ensemble, das ein Spendenkonto bei der Sparkasse Mülheim eingerichtet hat, sind aber willkommen. Aus Platzgründen müssen die Theaterkarten am Empfang des Evangelischen Krankenhauses, im Restaurant Die Schatulle am Muhrenkamp 7 oder unter der Rufnummer 0208-3092067 reserviert werden. Weitere Informationen finden Interessierte im Internet unter: www.evkmh.de/kultur/grosse-buehne oder unter: www.backsteintheater.de


Dieser Text erschien am 1. April 2019 in NRZ & WAZ

Dienstag, 12. März 2019

Wenn eine Familie Theater macht


Das Ensemble bei der Probe
Wenn eine Familie Theater macht, kann das heiter werden. Das Ensemble Komödchen Sorglos zeigte es am Wochenende mit dem Dreiakter „Krimi für ein Schlossgespenst.“ Die Zuschauer im Theater an der Dimbeck hatten zurecht ihren Spaß an dem Familiendrama der besonderen Art. Ab dem zweiten Akt nahmen die Schauspieler um Regisseur Andreas Pawlowski richtig Fahrt auf. Jetzt konnten alle Darsteller die pointenreiche Situationskomik ausspielen, die sich daraus ergab, dass unwillige Familienmitglieder auf Teufel komm heraus für ein Theaterstück proben mussten, das ihnen die reiche Erbtante und Schlossbesitzerin für das nächste Familientreffen ins Drehbuch diktiert hatte.

Was tut man nicht alles für die Aussicht auf das große Geld. Was die 120 Spielminuten kurzweilig machte, war, dass jeder Darsteller in seiner Rolle mit Wortwitz glänzen konnte. Jürgen Loss begeisterte zum Beispiel als entnervter Regisseur Ulrich Sperling, Jürgen Tobergte als sein stoischer und begriffsstuziger Assistent Bruno Nagler, Desire Növermann als gelangweilte Tochter Birgit Sperling, die möglichst bald einen Platz an der Sonne haben möchte, Heidi Trojahn als mannstolle Amanda Katz, Dagmar Schauerte als dominante und mit ihrer Wahl unzufriedene Ehefrau Jutta Fink sowie ihr Pantoffelheld Reiner, der urkomisch von Horst Kleinert verkörpert wurde. Und das Tüpfelchen auf dem i – der unerwartete Knalleffekt zum guten Schluss, setzte der, technisch hervorragend von Alexander Liebich ins Bild gesetzten Inszenierung die Krone auf.

Nicht nur Gerhild Tombergte hatte im Publikum gut lachen. Sie feierte mit ihrem auf der Bühne stehenden Mann Jürgen am Premierentag ihren 25. Hochzeitstag. Wer die Premiere von: „Krimi für ein Schlossgespenst“ verpasst hat, bekommt am 17., 24. Und 31. März (jeweils um 15 Uhr) im Theater des Seniorenparks an der Dimbeck eine zweite Chance auf zwei vergnügliche Theaterstunden. Für 11 Euro sind Theaterfreunde dabei. Mehr Infos bei Jürgen Loss unter 0208-51261 oder online unter: www.komoedchen-sorglos.de 

Dieser Text erschien am 11. März 2019 in NRZ & WAZ

Dienstag, 10. Juli 2018

Fremd sind immer die anderen:

Fremd sind nicht nur die anderen. Fremd, dass sind auch wir. Man muss nur die Perspektive wechseln, um es zu erkennen. Diese Einsicht führte das Volxbühnen-Ensemble um Regisseur Jörg Fürst seinem Publikum im Theaterstudio an der Adolfstraße am Wochenende mit seiner neuen Produktion „Fremd sind die anderen“ eindrucksvoll und kurzweilig mit einer Wort, Klang- und Szenencollage vor Augen. „Das schaue ich mir morgen noch mal an“, meinte ein begeisterter Zuschauer nach der 1. Premiere am Freitag.

Was begeisterte, war die homogene Bühnenpräsenz und darstellerische Leistung eines heterogenen Ensembles. Schüler und Lehrer der Förderschule an der Rembergstraße standen gemeinsam mit dem generationsübegreifenden Ensemble der Volxbühne auf der selbigen.


Wo die Sprach- und Ausdrucksmöglichkeiten der Schauspieler extrem unterschiedlich ausgeprägt waren, wurden Musik und Rhythmus, hervorragend initiiert vom Ein-Mann-Orchester Peter Eisold zum roten Faden der 45-minütigen Inszenierung. Treffend wurde die künstlerische Ausdrucksform der Verfremdung angewandt, in dem die Schauspieler, halb Mensch, halb Tier, mit Tiermasken, vom Affen bis zum Pferd, auf ihre Tonnenpodeste stiegen, um zu sagen, was sie fremd werden lässt. Dass passiert, wie die dort berichteten Geschichten zeigten, schneller als man denkt. Eine neue Klasse, in der man niemanden kennt, ein anderer Spielplatz, auf dem man sich nicht auskennt oder neue Nachbarn, die einem fremd sind, reichen schon aus, um aus der eben noch erlebten Vertrautheit Fremdheit werden zu lassen. Was hilft, um das Fremdsein zu überwinden? Auch das verriet das integrative und Grenzen überwindende Stück der Volxbühne, sich kennen lernen.

Dieser Text erschien am 9. Juli 2018 in NRZ & WAZ

Sonntag, 18. Februar 2018

Überzeugende Premiere am Raffelberg: Authentisch und emotional inszenierte das Junge Theater an der Ruhr Kleists „Die Marquise von O“

Rupert Seidl und Thomas Schweibeeer
in Kleists  "Die Marquise von O"
Foto: Theater an der Ruhr
Was hat uns Heinrich von Kleist mit seiner „Marquise von O“ heute noch zu sagen? Eine Menge. Das  zeigte jetzt die Premiere im Jungen Theater an der Ruhr. Esther Hattenbach (Regie) und Sven Schlötcke (Dramaturgie) machten die Bühne zum Laufsteg. Die Schauspieler traten zum Teil aus dem Publikum heraus auf die Bühne.

Trotz eines minimalistischen Bühnenbildes, das letztlich nur aus einigen Stühlen bestand, sorgten Joanna Kitzi, Gabriella Weber, Nico Ehrenteit, Oliver Kerstan, Thomas Schweiberer und Rupert Seidl mit ihrer überzeugenden Schauspielkunst für eine Emotionalität und eine packende Atmosphäre, der man sich als Zuschauer nicht entziehen konnte und wollte. Der Applaus und die Bravo-Rufe zum guten Schluss waren der konsequente Lohn für den leidenschaftlichen Einsatz auf der Bühne.

Dass die Schauspieler mit ihren Charakteren so authentisch rüberkamen und deren Zerrissenheit zu spüren war, hatte auch mit der gut eingestellten Ton- und Lichttechnik zu tun. Scheinwerfer und Standmikrofone entlang des Bühnenstegs sorgten dafür, dass alle Zuschauer alles und jeden zu jedem Zeitpunkt sehen und hören konnten. Dem Ton- und Lichtteam aus Franz-Josef Dumcius, Gerd Posny, Frederik Loef, Jochen Jahnke und Fritz Dumcius sei Dank.
 Auch die musikalische Begleitung durch Oliver Kerstan zeigte sich als dramaturgischer Gewinn, der die emotionalen Wellenbewegungen der Inszenierung untermalte.

Was das Stück und seine Inszenierung zeitlos aktuell und sehenswert machen, ist die gelungene Darstellung der menschlichen und moralischen Zerrissenheit zwischen dem, was Menschen tatsächlich sind und brauchen und dem, was sie nach außen als Teil der Gesellschaft sein wollen.
Diesem Dilemma zwischen dem sozialen Anspruch und der daraus resultierenden Rolle und den urmenschlichen Sehnsüchten und Bedürfnissen sind wir heute genauso ausgesetzt, wie zu Kleists Zeiten.

Dieser Text erschien am 17. Februar 2018 in NRZ & WAZ

Dienstag, 6. Februar 2018

Spaß und Spötter auf der Kleinen Bühne des Backsteintheaters



Günter Johann auf der Kleinen Bühne
Foto: Walter Schernstein
Stadtmitte „Alles Theater - Spaß und Spötter!“ Das kann ja heiter werden und das soll es auch, wenn das 18. Programm der Kleinen Bühne des Mülheimer Backstein-Theaters am 16., 17. und 18. Februar gleich dreimal Premiere hat.
Wer sich ab dem 5. Februar an der Information des Evangelischen Krankenhauses ein Ticket für die eintrittsfreie Aufführung sichert, kann am 17. oder 18. Februar (jeweils um 19 Uhr) im Studio 1 an der Schulstraße 10 mit von der Kleinkunstpartie sein. Wer die Vorpremiere erleben möchte, die am 16. Februar um 19 Uhr im Petrikirchenhaus miterleben möchte, muss sich unter s 43 72 801 eine Karte vorbestellen.

Freuen dürfen sich die Zuhörer auf ein Literarisches Kabarett mit szenisch rezitierten und gespielten Spitzfindigkeit über Simples und Gereimtes, Gott und Glauberei, Spötteleien für Jung und Alt, Behutsamkeiten und das Eheglück.
Neben Klassikern, wie Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern und Robert Gernhardt, werden auch sprachliche Leckerbissen aus der Feder des Mülheimer Autoren und Journalisten Lars von der Gönna vorgetragen. Weil mit Musik alles, und deshalb auch kurze und kurzweilige Literatur besser geht, lässt sich das Ensemble der Kleinen Bühne musikalisch von Petra Stahringer, Bärbel Bucke, Ulrike Donner und Wolfgang Bruns mit Akkordeon, Bratsche, Klavier und Percussion begleiten. „Wir sind die musikalische Schmiere im 100-minütigen Programm“, sagt Petra Stahringer und verspricht einen leichtfüßigen und wohltuenden Mix aus „Der Haifisch, der hat Zähne“ über „Land of Hope and Glory“ bis zum Jazz-Walzer.

„Wir haben ein Faible für das Wort und die Sprache, dass wir gerne mit Rhythmus, Timing und Pointen in Szene setzen“, erklärt Regisseur Volkmar Spira , was die Mitglieder seit zehn Jahren und 200 Auftritten zusammenhält und immer wieder neu anfangen und weitermachen lässt.
„Ich stehe, spiele und spreche am liebsten im Duett auf der Bühne, weil man sich dabei so schön die Bälle zuspielen kann. Das macht unheimlich frei“, sagt Ensemble-Mitglied 

Justus Cohen, der als Pfarrer von Berufs wegen eine gewisse Bühnenerfahrung mit bringt. „Im Laufe der Jahre und Aufführungen haben wir natürlich auch an Bühnenpräsenz und Sprachgefühl gewonnen“, resümiert sein Bühnenkollege Günter Johann. Für seine Bühnen-Kollegin Monika Gruber „ist das sich Vertrautmachen und Interpretieren von Texten ein Elixier geistiger Frische.“ Dabei geben ihr der Einsatz von Bildern, Moderationskarten und Paravents auf der Bühne eine gewisse choreographische und dramaturgische Hilfestellung, ohne das Kopfkino der Zuhörer und Zuschauer zu stören.

Auch mit seinem neuen Programm wird das vom Requisiteur und Redakteur Joachim Oberpeilsteiner inszenierte Team der Kleinen Bühne nicht nur daheim, im Studio 1 an der Schulstraße 10, sondern auch an vielen Gastspielstätten, vom Altenheim bis zum Kulturzentrum auftreten. „Als Kleine Bühne sind wir ja flexibel und können auch zu den Menschen kommen“, freut sich Justus Cohen.

iWeitere Informationen zur Kleinen Bühne findet man auch im Internet unter: www.evkmh.de

Dieser Text erschien am 1. Februar 2018 in NRZ & WAZ

Freitag, 14. Juli 2017

Fünte-Hof wird zum Burg-Theater: 15-köpfiges Ensemble um Regisseurin Karin Müller-Fischbach führt am kommenden Wochenende Frank Bruns’ Stück Königin Genevier auf

Szenefoto aus der Generalprobe
Gabriele Schimdt als Königin Genevier und
der Sohn des Lancelots.
Die anheimelnde Gartenhof des Heißener Kulturzentrums Fünte an der Gracht 209 wird am kommenden Wochenende zur Theaterbühne. Frank Bruns und sein 15-köpfiges Ensemble machen es möglich und bringen dort sein Stück „Königin Genevier“ zur Aufführung.

Das 90-minütige Schauspiel mit starken Darstellern, sehenswerten Kostümen und tollen Requisiten führt seine Zuschauer in die 70er Jahre des fünften Jahrhunderts zurück. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Witwe des gefallenen König Artus, Königin Genevier, die sich mit 150 Kämpferinnen, dem Wikinger Boltar und dem  Heer des Lancelot-Sohnes Galahad tapfer und am Ende mit Erfolg gegen den Angriff des ausgesprochen unsympathischen und machtgierigen Merowinger-Königs Childerich wehrt. Es braucht nicht allzu viel Phantasie, um sich den Gartenhof der Fünte als die frühmittelalterliche Burg San Salvador de Verdera in den Pyrenäen vorstellen zu können.

„Mystische Geschichten aus der Vergangenheit haben zurzeit Hochkonjunktur. Hier geht es um die elementaren Themen des Lebens, wie Liebe, Kampf und Tod. Und auch heute müssen Frauen kämpfen und sich behaupten, um ihre Ziele zu erreichen“, sagt Regisseurin Karin Müller-Fischbach. Die gelernte Hotelfachfrau hat neben ihrem Berufsleben unter anderem mit dem Theaterregisseur Peter Zadek gearbeitet. 2008 brillierte sie in einer Theaterproduktion von Regisseur Michael Bohn und Autor Wolfgang Geibert in der Rolle als Äbtissin des Klosters Saarn.

„Sie hat einfach ein tolles Gespür für Menschen und holt das beste aus den Darstellern heraus“, lobt Autor Frank Bruns seine Regisseurin. Sie hat er, ebenso, wie seine Schauspieler als Gäste und Kulturschaffende im Kulturzentrum Fünte kennen gelernt.

„Da stecken 23 Jahre Recherche  drin“, sagt Bruns mit Blick auf sein Theaterstück. Es basiert auf einer Romantriologie über das Leben der Königin Genevier, die er in den Jahren 2000 und 2001 geschrieben und beim Verlag Romantruhe veröffentlicht hat.

„Ich wollte ursprünglich eine Schauspielerschule besuchen, habe dann aber, dem Wunsch meiner Eltern folgend, etwas ordentliches gelernt“, erzählt die Darstellerin der Königin Genevier. Gabriele Schmidt. Sie arbeitet im richtigen Leben als Chemisch-Technische Assistentin und liebt „das besondere Flair dieses Spielortes.“ Außerdem reizt es sie „einmal in eine andere Rolle zu schlüpfen und Menschen damit eine gute Unterhaltung zu schenken“.
Infos im Internet unter: www.fuente-kulturzentrum.de

Dieser Text erschien am 11. Juli 2017 in NRZ & WAZ   

Dienstag, 4. Juli 2017

Volxbühne überspringt mit "heiMat" spielend Generationsgrenzen und Handicaps

Heimat. Ist darüber nicht alles gesagt? Vielleicht. Aber noch nicht von allen. Und so wagte sich die Volxbühne mit "heiMat" an dieses Menschheitsthema, das angesichts von weltweit 65 Millionen Flüchtlingen brennend aktuell ist.

Nach 45 dichten und berührenden Minuten, in denen Schauspieler der Volxbühne zusammen mit Lehrern und Schülern der Förderschule an der Rembergstraße ihr Heimatgefühl mit starken Bildern in Szene setzten, hatten die 70 Zuschauer im vollbesetzten Theaterstudio an der Von-Bock-Straße das Gefühl: Gewagt und gewonnen. Entsprechend begeistert fiel der Applaus des Publikums aus.

Wie bringt man ein Theaterstück auf die Bühne, wenn man mit Schülern arbeiten will deren sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten eingeschränkt sind. Regisseur Jörg Fürst nahm diese Herausforderung mit einer Inszenierung an, die nicht viele Worte machte, sondern auf starke Bilder und einfache Botschaften setzte. So zauberten die Darsteller zwischen 13 und 85, ob sie nun mit oder ohne Handicap agierten, eine sinnliche Heimat-Sinfonie auf die Volx-Bühne.

"Heimat ist, wo wir wir sein können!" "Heimat. Das ist meine Wohnung und mein Balkon!" "Heimat ist, wo meine Freunde sind!" "Heimat ist, wo ich mit meinem Mann glücklich sein kann!" "Heimat ist da, wo meine Eltern sind." "Meine Heimat Westpreußen, in der ich geboren und aufgewachsen bin, habe ich verloren. Aber jetzt ist Mülheim an der Ruhr, in dem ich seit 60 Jahren lebe, meine Heimat." "Heimat ist für mich das Stadion von Borussia Dortmund!" "Heimat ist für mich da, wo ich spielen und herumtoben kann."

Neben diesen gesprochenen oder auf Tonbändern vorgespielten Botschaften überzeugte die Inszenierung schönen Bildern. Wo die Sprache nicht ausreichte oder gar nicht zur Verfügung stand, füllten Musik, Tanz, Film und Gestik problemlos die Lücke,
Alles in allem überzeugte "heiMat" als ein gelungenes Beispiel dafür, das Theater Generationsgrenzen und Handicaps spielend überspringen kann. Dass nicht nur die Schauspieler, sondern auch die Zuschauer nach der Vorstellung ein kleines Topfpfänzchen mit nach Hause nehmen durfte, zeigte: Jeder Mensch ist wie eine ganz eigene Pflanze, die nur gedeihen kann, wenn sie eine Heimat findet, in der sie geerdet wird und Wurzeln scjlagen kann.


Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.voelxbuehne.de 

Dieser Text erschien am 3. Juli 2017 in NRZ und WAZ

Dienstag, 20. Juni 2017

Ein flotter Dreier macht in Styrum Schule und sorgt für ganzheitliche Quartiersentwicklung

In der Mitte sehen wir von links nach rechts: Den Theaterpädagogen
Andreas Petri, Sven Schlötcke (Geschäftsführer des Theaters an der Ruhr)
Willy-Brandt-Schulleiterin Ingrid Lürig und den SWB-Geschäftsführer
Ulf Lennermann (Foto: @Grittner)
Ein Schüler lässt zum Auftakt des Theaterstücks „Götter. Wie die Welt entstand“ 13 Milliarden Jahre Universalgeschichte Revue passieren. Etwa 170 Sechst- und Siebtklässler der Styrumer Willy-Brandt-Schule schauen ihm dabei zu. Im Publikum sitzen auch Sven Schlötcke, der künstlerische Leiter und Geschäftsführer des Theaters an der Ruhr, SWB-Geschäftsführer Ulf Lennermann und Willy-Brandt-Schulleiterin Ingrid Lürig.
Abseits der Inszenierung macht diese Szene deutlich, welchen Lerneffekt aktives Theaterspielen haben kann. Da werden Inhalte erarbeitet und vor einem großen Publikum dargestellt. Das erfordert intellektuelle Disziplin, Konzentration und Rhetorik. Keine Frage. Wer eine solche Aufgabe bewältigt, gewinnt an Selbstbewusstsein und persönlicher Statur.

Poetry Slam in der Talentwerkstatt


Deshalb unterschreiben Theatermann Schlötcke, Schulfrau Lürig und SWB-Mann Lennemann an diesem Tag im Theater am Raffelberg einen zunächst auf drei Jahre angelegten Kooperationsvertrag, der das kreative und kommunikative Element des Theaterspiels ins Schulleben einbringen soll. Theaterpädagoge und Schauspieler Andreas Petri macht es möglich. „Das ist ein Teil unserer sozialen Verantwortung als großes Wohnungsbauunternehmen, dem es vor allem um eine gute Quartiersentwicklung geht. Und dazu gehört aus meiner Sicht auch eine gute Bildungslandschaft“, erklärt SWB-Chef Ulf Lennermann, warum sich sein Unternehmen als Geldgeber und Gastgeber in ungewöhlichen „Spielräumen“ für das Kooperationsprojekt engagiert, bei dem sich Theater und Schule verbinden, um im besten Sinne Synergie-Effekte zu erzielen. So ermöglich die SWB am 8. Juni (18 Uhr) einen Poetry-Slam-Abend in der gleich neben der Willy-Brandt-Schule gelegenen Talentwerkstatt.

Berührungsängste abbauen


„Schüler nehmen Eltern mit ins Theater, die sonst vielleicht nie ein Theater besuchen würden und bauen so Berührungsängste gegenüber der Kultur ab. Schüler und Lehrer können nicht nur im Deutsch-Unterricht, sondern auch in unserem Fach Darstellen und Gestalten von der Zusammenarbeit mit dem Theater an der Ruhr profitieren“, beschreibt Schulleiterin Ingrid Lürig den pädagogischen Mehrwert des Projektes. Theatermann Sven Schötcke sieht die Zusammenarbeit als einen Beitrag zur sozialen und kulturellen Netzwerkbildung vor Ort. Er unterstreicht: „Wenn Jugendliche durch das Theaterspielen in eine andere Rolle schlüpfen und die Welt damit durch andere Augen sehen, erfahren sie ästhetische und kulturelle Bildung, die eine Anstiftung zur Freigeisterei darstellt.“ 

Dieser Text erschien am 17. Juni 2017 in der Mülheimer Woche

Donnerstag, 6. April 2017

Die Zeitdiebe sind unter uns

Als Kind konnte ich noch über Michael Endes Geschichte über Momo und die Zeitdiebe lachen. Als Knirps war mir nicht klar, dass diese lustige Geschichte tatsächlich eine toternste war und ist.

Denn die Zeitdiebe sind mitten unter uns und stehlen und angesichts unserer irdischen Vergänglichkeit das Wichtigste, das wir als Menschenkinder haben.

Als ich lange nach meiner Begegnung mit Momo und den  Zeitdieben von den  Wise Guys das Lied hörte: „Das Leben ist zu kurz für dumme Laberei und RTL Zwei“ war mir schon klarer, was die Stunde geschlagen hatte. Zum Glück sind wir ja nicht auf volksverdummende private Fernsehsender angewiesen, um uns preiswert zu vergnügen. Denn wir haben ja in Mülheim das Backsteintheater, das und eintrittsfrei schöne Stunden voller Vergnügen schenkt. Doch kaum kommt man beschwingt aus den durchlachten und damit sinnvoll genutzten Theaterstunden heraus, da hat man auch schon wieder Theater mit den Zeitdieben, weil sie zum Beispiel unter dem Vorwand der Energieeinsparung an der Uhr gedreht und uns eine Stunde unseres Schönheitsschlafes geraubt haben. Kein Wunder, wenn man danach am Morgen alt aussieht.

Dieser Text erschien am 27. März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 31. März 2017

Zwischen Hysterie und Humor: Mit der Premiere der Komödie „Frauenzimmer“ machte das Backstein-Ensemble Lust auf ein Wiedersehen

Marie Zipp-Timmer (als Sally Fischer) und Martin Lennert als Page Tom
Foto: Walter Schernstein
Wenn zwei sich streiten, lacht der Dritte. Der Dritte war an diesem Theaterabend das Publikum im Kasino des Evangelischen Krankenhauses, das bei der Premiere der Komödie „Frauenzimmer“ gut lachen hatte und zwei kurzweilige Stunden erlebte, weil die bewährten und die neuen Schauspieler des Backsteintheaters  ihr Bestes gaben.

Bemerkenswert, wie souverän Newcomerin Ulrike Kroker ihre Hauptrolle als französische Chanson-Diva meisterte und ihrer bereits bekannten und gut eingespielten Kollegin Marie Zipp-Timmer im Zickenkrieg der Show-Gigantinnen in Sachen Situationskomik, Wortgewalt und Bühnenpräsenz nichts schenkte.

Die Situationskomik kam auch bei Klaus Wehling, der den von einer Hysterie in die nächste fallenden Hotel-Direktor Maximilian Alfons Paschke verkörperte und mit dem erblondeten Wolfgang Bäcker (in seiner Rolle als geprügelter Assistent der französischen Chansonnette alle Hände voll zu tun hatte das Chaos in der von den beiden Diven doppelt gebuchten Präsidentensuite zu verhindern.
Weil Männer aber nicht fürs Multitasking gemacht sind, machen die beiden urkomischen Herrn in all ihren verzweifelten Bemühungen das Chaos perfekt. Kein Wunder, dass Hoteldirektor Paschke-Wehling sagt: „Willkommen in der Hölle!“ und sein Leidensgenosse mit dem Schoßhund seiner Chefin in der Hand meint: „Hätte ich doch auf meine Mutter gehört und wäre Baguetteausträger in  Aix-en-Provence geworden.“

Schon mancher Mann hat in schwierigen Lebenslagen bereut, nicht auf seine Mutter gehört zu haben. Doch was hilft es. Das Leben ist kein Kinderzimmer, sondern eine Bühne, auf der jeder seinen Mann stehen muss. Das gilt auch dann, wenn einem, wie dem Hoteldirektor Paschke-Wehling nicht nur zwei Diven, sondern auch noch eine verdammt wohltätige Gattin des Hotel-Vorstandsvorsitzenden in die Quere kommt. Diese dumm-dreiste und zugleich naive Persönlichkeit, die „verlorene Jungs“ mit einem Resozialisierungswochenende im Grandhotel zu retten versucht, bis nichts mehr zu retten ist und die Bundeswehr anrücken muss, erweckte die  zauberhafte Ursula Bönte am Premierenabend zu Leben.

Dieser Text erschien am 28. März 2017 in NRZ/WAZ

Freitag, 24. März 2017

Wenn Frauen komisch werden: Diesmal wollen Regisseur Michael Bohn und seine Schauspieler ihr Publikummit der turbulenten Komödie „Frauenzimmer“ zum Lachen bringen

Ulrike Kroker als französische Chansonette und Marie Zipp-Timmer
als amerikanische Countrysängerin (Szene-Foto: Walter Schernstein)
Wenn eine Chansonnette und eine Countrysängerin, die sich nicht ausstehen können und beide an übersteigertem Selbstbewusstsein leiden, in einem Hotel versehentlich in der selben Suite einquartiert werden, kann das heiter werden. Man wird es sehen, wenn das Backstein-Theater ab dem 25. März seine neue Produktion „Frauenzimmer“ auf die Bühne bringt.

„Die Zuschauer bekommen eine witzige, spritzige und turbulente Komödie mit jeder Menge Situationskomik zu sehen“, verspricht Regisseur Michael Bohn. Ein Jahr lang haben Bohn und sein Ensemble von der Großen Bühne des Backstein-Theaters das Stück des amerikanischen Autor Michael McKeever geprobt. „Wir haben bei den Proben viel gelacht und glauben deshalb, dass das Stück auch dem Publikum gefällt“, erzählt Bohn. Allerdings hat der Regisseur die Journalistin und Prosa-Text-Autorin Anna Blaswich an den Originaltext gesetzt und ihn für das Mülheimer Publikum etwas geschmeidiger machen lassen.

Blaswich, die auch als Souffleuse das Ensemble unterstützt, hat das Stück im besten Sinne zivilisiert. Aus der Benefiz-Gala für die GIs an den Fronten des Zweiten Weltkrieges hat sie eine Benefizveranstaltung für „verlorene Jungs“ gemacht, die hinter den Kulissen das Fünf-Sterne-Hotel im Berlin unserer Tage ganz schön aufmischen und damit dem vom Backstein-Altmeister Klaus Wehling gespielten Hotelmanager das Leben zusätzlich schwer machen.

Die schillernsten Rollen dürfen diesmal Neuzugang Ulrike Kroker (als französische Chansonnette) und das bereits mehrfach bewährte Multitalent Marie Zipp-Timmer (als amerikanische Countrysängerin) spielen. Routinier und Charmeur Wolfgang Bäcker sehen wir als Assistenten der französischen Diva wieder. Ein Wiedersehen gibt es auch mit Altmeisterin Ursula Bönte, die sich als Stiftungspräsidentin dem Wohl der verlorenen und oft auch ungezogenen Jungs verschrieben hat.

Mit ihnen bekommt auch Susanne Zambelly in ihrer Rolle als Klatschkolumnistin öfter zu tun, als ihr lieb sein kann. Nach über zehn Jahren Backstein-Theater-Pause wieder mit dabei ist Martin Lennertz als Hotelpage Tom, der freiwillig oder unfreiwillig während der 100-minütigen Aufführung reichlich küssen darf.

iInternet-Informationen rund um das neue Stück des Backstein-Theaters und dessen Aufführungstermine (bis Januar 2018) finden Theaterfreunde unter www.backsteintheater.de


Dieser Text erschien am 11. März 2017 in der NRZ und in der WAZ

Dienstag, 7. Juni 2016

Wenn aus dem Ihr ein Wir wird Die Ruhrorter vom Theater an der Ruhr bringen mit ihren Inszenierungen im leerstehenden Woolworth-Gebäude alte und neue Mülheimer zusammen

Szenenfoto Theater an der Ruhr
Man kann Leerstände in den Innenstadt auch mit Theater füllen. Das beim Theater an der Ruhr angesiedelte Ensemble Ruhrorter machte es am Wochenende im ehemaligen Woolworth-Gebäude vor.

Der Theaterenthusiast und ehrenamtliche Regisseur Adem Köstereli inszenierte mit seinem elfköpfigen Ensemble auf drei Kaufhausetagen eine starkes Stück über das Menschsein zwischen Leben, Liebe, Angst, Freiheit, Freude, Wünschen, Warten und Hoffen.

Zuschauer und Schauspieler bewegten sich buchstäblich immer auf gleicher Ebene und erlebten Theater auf Augenhöhe. Da die Schauspieler aus Indien, Iran, Syrien und Afghanistan in ihrer Muttersprache, aber auch von vollem Körpereinsatz spielten, trat die Sprache zusehens in den Hintergrund. Die deutschsprachigen Zuschauer verstanden nichts und doch alles, weil sie, wie in einem Ballett, durch ausdruckstarke und unwiderstehliche Bilder in die Handlung hineingezogen wurden.
Dazu passte auch, dass Zuschauer Eberhard Heinrich an einer Stelle aufgefordert wurde, einen deutschsprachigen Gedichttext vorzutragen, was ihm eindrucksvoll gelang, wodurch er zum Teil einer gelungenen Inszenierung wurde. O-Ton Autor Alexander Weinstock: „Es wird ganz still sein. Totenstill. Trocken wird es sein, sehr trocken.Es wird Sonnestrahlen geben bis ins Herz. Und Nebelfelder zum Ruhen. Und eine Feuchtigkeit bis unter die Haut. Es wird Regen geben.“

Besonders eindrucksvoll gelang das letzte Drittel der Inszenierung von „Als gestern noch jedes Heute  noch das Morgen war und jedes Heute morgen schon zum Gestern wird.“ Denn im dritten Obergeschoss des um 1930 errichteten Woolworth-Gebäudes hatten die Schauspieler 1500 Kilo Erdboden verteilt, in dem die erst schwarz und dann in engelsgleichem Weiß gekleideten Schauspieler versuchten, sich einzugraben und Wurzeln zu schlagen. Und am Ende wurden die Zuschauer von einer der engelsgleichen Schauspielerinnen auf um die Ecke auf eine angedeutete Waldlichtung gelockt.
Sie folgten nur zu gerne und gingen über den angenehmen Erdboden und schauten plötzlich auf eine in grünes Licht getauchte Wand mit der Aufschrift Wald.

„Der Wald steht für ein freies und selbstbestimmtes Leben im Einklang mit unserer Lebensgrundlage, der Natur“, erklärte später Regisseur Adem Köstereli. Außerdem machte der Theatermann, der seinen Lebensunterhalt als Einkaufsplaner in einem Industriekonzern verdient, mit Blick auf die von Dijana Brnic, Maximilian Brands, Julia Rautenhaus und Wanja van Suntum mitgestaltete Inszenierung deutlich: „Für uns stehen Kunst und Ästhetik im Mittelpunkt des Theaters. Wir wollen keine Asylmonologe, sondern eine Inszenierung, in deren Verlauf sich Schauspieler und Zuschauer als Teil eines Ganzen begreifen.“

Die Gespräche und Begegnungen am improvisierten Premieren-Buffet zeigten, dass diese Mission der Ruhrorter gelungen war. Für den Anthropologen und wissenschaftlichen Begleiter der Ruhrorter, Jonas Tinius, von der Berliner Himboldt-Hochschule, zeigt „nicht nur diese Inszenierung, wie nachhaltig internationale Theaterarbeit wirken kann.“

Dieser Text erschien am 6. Juni 2016 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 24. März 2016

Spannungsreiches Spiel der Erinnerungen: Das Ensemble des Theaters an der Ruhr macht die Charaktere der „Glasmenagerie“ gegenwärtig

Albrecht Hirche als Tom, Simone Thoma als
seine Mutter Amanda und Gabriella Weber als
seine behinderte Schwester Laura
(Presse-Foto: Theater an der Ruhr)


Kleines Bühnenbild. Große Bühnenpräsenz. Damit zogen Simone Thoma, Gabriella Weber, Albrecht Hirche und Klaus Herzog ihre Premierenzuschauer im Theater an der Ruhr in die Handlung von Tennessee Williams Sozialdrama „Die Glasmenagerie“ hinein und ließen sie bis zur letzten Sekunde des von Schauspielerin und Regisseurin Simone Thoma inszenierten „Spiels der Erinnerungen“ nicht mehr los.

Zum Beispiel Albrecht Hirche als Tom Wingfield, der mit seiner Gitarre und seinem Hippie-Look den Typ des Aussteigers verkörpert und seinen Ausbruch aus der Familie und seiner unbefriedigenden Existenz als Schuhverkäufer und manischer Konogänger wortreich begründet und dennoch zwischen den Zeilen der Abrechnung so etwas wie Trauer und Wehmut erkennen lässt.

Zum Beispiel Simone Thoma, die als gleichermaßen verzweifelte wie ehrgeizige und dominante Mutter Amanda Wingfield die vom Vater und Ehemann verlassene Familie in eine bürgerliche Existenz zu hiefen versucht. Doch weil die starke und zugleich schwache Mutter ihre Wünsche auf ihre Kinder projiziert und sie damit überfordert, verliert sie nach ihrem Mann auch ihren Sohn.

Gabriella Weber hat als verkrüppelte und scheinbar in ihrer Traumwelt gefangene und behinderte Tochter und Schwester Laura die vielleicht komplexeste und eigenwilligste Rolle zu meistern. Sie hat diese schauspielerische Prüfung bestanden. Ihre wortlose Präsenz in den Szenen, in denen sich Mutter und Sohn über ihren Kopf hinweg Gedanken um ihre Zukunft machen, überzeugt ebenso, wie der verzweifelte und am Ende doch erfolglose Versuch, ihren Bruder zu einer dauerhaften Aussöhnung mit der beherrschenden Mutter zu überreden.

Und wie seinen Ensemblekollegen gelingt es auch Klaus Herzog mit seiner Darstellung den Charakter des halbseidenen Beinahe-Schwiegersohns Jim O’Connor gegenwärtig zu machen. O’Connor spielt mit Laura wie mit einer Puppe, ohne sie als einen besonderen Menschen jenseits der Realität zu begreifen.

Nach zwei spannungsreichen Theaterstunden verlässt der Zuschauer das Bühnenhaus am Raffelberg mit der Erkenntnis, dass auch er, wie die 1944 von Tennessee Williams geschaffenen Charaktere, ein Teil des Spiels ist, in dem sich täglich Wunsch und Wirklichkeit begegnen und sein Leben prägen.


Weitere Informationen gibt es unter www.theater-an-der-ruhr.de

Dieser Text erschien am 21. März 2016 in der NRZ und in der WAZ

Dienstag, 8. März 2016

Der Mensch als Witzfigur: Das Backsteintheater bringt Richard Beans Typenkomödie "Ein Mann, zwei Chefs" auf die Bühne

Jost Schenck (links) als Francis Henshall und
Simonde Adelhütte als Kellner Alfie.
(Foto: Walter Schernstein)

„Das war witzig und schnell“, fand nicht nur der Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses, Nils Krog. Das Backsteintheater hatte auch bei seiner 27. Premiere die Lacher auf seiner Seite. Dem Wortwitz des englischen Autors Richard Bean sei Dank.

Das Ensemble um Regisseur Heribert Lochthove und Hauptdarsteller Jost Schenck konnte mit seiner Premierenleistung zufrieden sein, auch wenn man an der einen oder anderen Stelle merkte, dass die professionellen Amateurschauspieler noch nicht das Optimum ihrer Möglichkeiten erreicht haben und hier, wie dort, noch etwas mehr Spritzigkeit, Tempo und Spontanität hätte überspringen können.

Dennoch muss man es aufrichtig bewundern, dass Menschen, die nebenberuflich auf einem hohen Niveau Theater spielen, die doppelte Herausforderung der Komödie „Ein Mann, zwei Chefs“ meisterten, in dem sie immer wieder zwischen Sprechtheater und Gesang wechseln mussten. Vor allem Hauptdarsteller Jost Schenck, alias Francis Henshall und das junge Multitalent Jonatan Blomeier meisterte
n diese Herausforderung in bemerkenswerter Weise. Zweifelsohne wäre die Typenkomödie über den Irrwitz menschlicher Charaktere und ihrer Widersprüche auch ohne musikalische Einlagen unterhaltsam gewesen. Aber dann hätte man Jonatan Blomeiers Spontan-Band und die beiden sehens- und hörenswerten Sängerinnen Jenny Baran und Saana Heidelberg in ihren hübschen Petticoats vermissen müssen. Das wäre schade gewesen. Und man hätte auch die kleine aber urkomische Rolle verpasst, die Backstein-Routinier Simone Adelhütte als Oldie-Kellner Alfie einfach herrlich auf die Bühne zauberte.

Überhaupt ist das Backsteintheater mit „Ein Mann, zwei Chefs“ offensichtlich zu einem Mehr-Generationen-Theater herangereift, in dem nicht nur junge Talente, wie Jonatan Blomeier (als überspannter Jüngling) und Anna Lena Höhne als seine begriffsstutzige Verlobte Pauline ihr aufbaufähiges schauspielerisches Potenzial aufblitzen ließen.

Auch der doppelbödige Winkeladvokat Harry Dagle, herrlich doppelbödig von Backstein-Routinier Andre Spira gespielt und der intellektuell begrenzte, aber dafür doppelt und dreifach gerissene und Selbstbewusstsein vortäuschende Gangsterboss Charlie Clench, dargestellt von Frank Bollhöfer, wurden dank ihrer Verkörperung im besten Sinne des Publikums zu Witzfiguren.

Klein, aber fein und unverzichtbar war auch die von Alexandra Glienke wunderbar schnoddrig gespielte Clench-Freundin und Wirtin Loretta. O-Ton mit Blick auf Charlie: „Wenn du schon mal die Wurstbrötchen bestellt hast, kannst du alter Geizhals auf keinen Fall die Hochzeit deiner Tochter ausfallen lassen.“ Nach der Premiere dankte Regisseur Lochthove dem gar nicht geizigen Ev. Krankenhaus dafür, „dass es uns immer wieder eine tolle Theater-Infrastruktur zur Verfügung stellt.“

Weitere Informationen zum Theater- und Kulturprogramm des Evangelischen Krankenhauses finden Sie unter: www.evkmh.de/kultur

Dieser Text erschien am 7. März 2016 in NRZ & WAZ

Sonntag, 8. November 2015

Beutner spielte Beckett Und hielt seinem Publikum damit den Spiegel der Lebensträume vor: Mit Regisseur Jörg Fürst gelang dem Volxbühnen-Debütanten Andreas Beutner eine kleine und leise Inszenierung mit starkem Rhythmus

Szene-Foto Volxbühne: Andreas Beutner in Becketts "Das letzte Band"
Weniger ist mehr. Die Zuschauer der Volxbühne sehen es und sind begeistert. Mehr als 100 Zuschauer haben am Wochenende im Theaterstudio an der Adolfstraße Samuel Becketts „Das letzte Band“ gesehen.

Tenor des Publikumsgespräches: „Erstaunlich, wie man mit einem einzigen Schauspieler und einem minimalistischen Bühnenbild 55 Minuten Theater so kurzweilig und spannend gestalten kann.“

Andreas Beutner, der erst seit Jahresbeginn zum Ensemble um Jörg Fürst gehört, überzeugt als Krapp im clownesken Kostüm von Monika Odenthal und spielt einen alternden Mann, der Tonbänder abhört, auf denen er sein Leben aufgezeichnet hat. Immer wieder springt er von einer Spule zur nächsten. Da fliegen die Tonbandkartons und auch die Banane, mit der sich Krapp stärkt, im hohen Bogen auf den Bühnenboden.

Beutner stellt Krapp nicht nur dar. Wenn er im vor allem tiefschwarzen Bühnenraum um seinen Tisch herumtänzelt, auf dem seine Lebens-Bänder liegen, verkörpert der 65-Jährige Becketts tragig-komischen Solisten. Von einer Sequenz zur nächsten wird der Zuschauer auf die Folter gespannt. Man will es wissen. Zu welchem Ergebnis wird Krapp kommen, wenn er seine Momentaufzeichnungen aus verschiedenen Lebensphasen anhört? Immer wieder schüttelt Krapp alias Beutner seinen Kopf und rauft sich das licht gewordene Haar. Ein Leben voller Liebschaften und Leidenschaften rauscht mit seinen Höhen und Tiefen schemenhaft am Zuschauer vorbei. „Wie konnte ich nur so blöd sein“, hört man Krapp immer wieder sagen, egal, ob er auf seine Jugendzeit oder auf seine vermeintlich besten Jahre zurückschaut. „Ich habe meine Zweifel daran, ob Krapp am Ende irgendetwas dazu gelernt hat“, meint sein Darsteller Beutner im Publikumsgespräch. „Insofern ist das Stück für mich kein bisschen autobiografisch“, betont er.

Und dann schimmert im Publikumsgespräch doch noch etwas Biografisches hinter dem Schauspieler und seiner Figur hervor: Der Mann, der jetzt auf der Volxbühne Becketts skurrilen Mann mit den Tonbändern gibt, hat sein Berufsleben lang als Tonmeister beim Westdeutschen Rundfunk unter anderem auch mit Tonbändern gearbeitet.

„Ich fand das Stück schon amüsant, als ich es zum ersten Mal Mitte der 60er Jahre im Fernsehen sah. Solche Stücke liefen damals noch im Fernsehen“, erinnert sich der pensionierte Tonmeister mit der Passion fürs Theaterspielen.

„Meine unregelmäßigen Dienstpläne ließen das Theaterspielen nicht zu“, erklärt Beutner, warum er seine Leidenschaft, „sich als Theaterschauspieler unter professionellen Rahmenbedingungen auf der Bühne zu exponieren“, erst als Rentner ausleben kann.

Doch so ganz unbedarft kommt Beutner, der in Wuppertal lebt, aber jetzt täglich auf der Volxbühne in Mülheim probt und spielt, nicht daher. Denn schon während seines Berufslebens in der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt hat er nach Feierabend in einer freien Theaterwerkstatt und bei einer freiberuflichen Spracherzieherin seine alte Leidenschaft über Jahrzehnte jung und lebendig erhalten. Denn anders als Becketts Krapp verleugnet und verhöhnt der 65-Jährige seine Jugendträume nicht, sondern macht sie im Rahmen seiner Möglichkeiten wahr.


Dieser Text erschien am 19. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ

Sonntag, 12. April 2015

Michael Bohn: Der Mann mit dem karierten Maiglöckchen

Erst ehrenamtlicher Schauspieler, dann hauptamtlicher Leiter: Michael Bohn erlebt beim Backstein-Theater am Evangelischen Krankenhaus in Mülheim sein Happy End.

Michael Bohn ist sehr entspannt. Kein Wunder. Der hauptamtliche Leiter des Backsteintheaters schaut auf eine erfolgreiche Premiere zurück. Der Auftakt zum Jubiläumsjahr ist gelungen. Seit 25 Jahren leistet sich das Evangelische Krankenhaus einen eignen Kulturbetrieb . „Das ist ein kariertes Maiglöckchen, das es so nicht noch einmal gibt“, sagt der Mann, der vor 25 Jahren als ehrenamtlicher Schauspieler zum Backsteintheater kam, das er seit 2008 hauptamtlich leitet.
Bohn ist Regisseur und Manager der Großen Bühne. Ob Inszenierung, Bühnenbild, Technik, Programmheft oder Pressearbeit. Bohn ist beim Backsteintheater als Mann für alle Fälle gefordert. „Bei uns stehen nicht nur 30 Leute auf der Bühne, sondern auch 30 Leute hinter der Bühne, die im Bereich Maske, Technik und Produktionsassistenz mitarbeiten.“ Sie arbeiten ehrenamtlich und er organisiert den gesamten Theaterbetrieb, zu dem seit 2012 auch eine Junge Bühne mit theaterbegeisterten Schülern gehört, als hauptamtlicher Koordinator.

„Ich bin kein Regisseur, der bei den Proben auf einem Klappstuhl sitzt und den Schauspielern sagt, was sie zu machen haben. Ich gehe auch mit auf die Bühne und wir probieren gemeinsam verschiedene Dinge aus“, beschreibt er seinen Arbeitsstil. Das überrascht nicht. Denn er stand als Schauspieler fast 20 Jahre selbst auf der Bühne des Backsteintheaters. „Meine Lieblingsrolle war die als Diener zweier Herren, weil die so lebhaft ist und viel Lebensfreude ausstrahlt“, erinnert sich Bohn an die Produktion aus dem Jahr 1993.

Weil er selbst lange auf der Bühne stand und weiß, was es bedeutet, Text zu lernen und sich die Seele aus dem Leib zu spielen, weiß er auch, was es braucht, eine gleichermaßen ehrenamtliche und professionelle Schauspielertruppe zusammenzuhalten. „Wertschätzung“ ist für ihn das Schlüsselwort. „Das sind alles wilde Hengste und Fohlen, die sehr viel Zeit, Energie und Kreativität in ihre Arbeit einbringen“, weiß Bohn. Warum tun sie das? Warum investieren Ärzte, Juristen, Studenten, Pfarrer, Orthopädiemechanikerinnen oder Personaltrainer für jede Spielminute auf der Bühne 100 Proben-Minuten?“ Das hat in Bohns Augen nicht nur mit dem Gefühl von Wertschätzung und der Tatsache zu tun, „dass nichts mehr verbindet als der Erfolg“, sondern auch mit der Erfahrung, „dass man sich in einem solchen Ensemble sehr nah ist und sich gegenseitig trägt und damit selbst getragen wird.“

Das sei, so glaubt der Theatermann aus dem Evangelischen Krankenhaus, heute eine seltene und deshalb besonders wertvolle Erfahrung in „einer Wohlstandsgesellschaft, in der sich viele Menschen eher abschotten und als Einzelkämpfer unterwegs sind, weil sie Angst vor Nähe und dem Verlust ihres Wohlstandes haben.“

Dass sich „erbauliches Theater“ am und im Krankenhaus auszahlt, sieht Bohn daran, dass das mit Stiftungsmitteln finanzierte Backstein-Theater dem Evangelischen Krankenhaus nicht nur einen enormen Image-Gewinn und sogar eine Auszeichnung durch die Kultur- und Bildungsorganisation der Vereinten Nationen (Unesco) eingebracht hat.
Er sieht es auch daran, dass sehr viele Zuschauer, die das eintrittsfreie Theater im Evangelischen Krankenhaus genießen, den Fortbestand der Bühne mit zum Teil großzügigen Spenden absichern und so gleichzeitig Menschen einen Theaterbesuch ermöglichen, die sich kein reguläres Theaterticket leisten könnten, zumal, wenn sie mit ihrer ganzen Familie einen Theaterabend erleben möchten.

„Das Backstein Theater hat soziales und kulturelles Leben ins Krankenhaus gebracht. Es ist inzwischen nicht nur im Krankenhaus, sondern auch in der Bürgerschaft fest verankert“, sagt Bohn im Blick auf 25 Jahre Backsteintheater. Dafür sprechen auch die Kooperationen, die inzwischen eine regelmäßige Zusammenarbeit mit dem städtischen Kulturbetrieb und den Mülheimer Schulen haben entstehen lassen. „Auf der Bühne“, davon ist Bohn überzeugt, „lernen Jugendliche fürs Leben, weil sie dort lernen, sich selbstbewusst, authentisch und klar auszudrücken und zu bewegen.“

Michael Bohn wurde 1957 in Ost-Berlin geboren. Er kam aber schon im Jahr des Mauerbaus (1961) mit seinen Eltern und seinen drei Schwestern nach Westdeutschland, wo ihn sein Weg nach dem Abitur ins Ruhrgebiet führte. Eigentlich wollte er schon nach der Schule Schauspieler werden, traute sich diesen Weg dann aber doch nicht zu und studierte stattdessen Politikwissenschaften und Sozialarbeit ab der Universität Duisburg-Essen. Gleichzeitig nahm er an einem Schauspielkurs der Volkshochschule Essen teil. 1990 kam er durch eine Bekannte als ehrenamtlicher Schauspieler zum Mülheimer Backsteintheater und fand 1992 als Direktionsreferent am Evangelischen Krankenhaus nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern mit der Öffentlichkeitsreferentin Regina Bollinger auch die Frau fürs Leben.

Dieser Text erschien am 27. März in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 11. April 2015

Auch Shakespeare hätte gelacht: Das Artelier Rudziok feierte mit einer neuen Premiere sein zehnjähriges Bestehen

Wir haben es immer schon geahnt. Das Wort Theater kommt nicht von ungefähr. Martina Rudzioks Komödie „Viel Lärm um überhaupt nichts“, die am Samstag im Artelier Rudziok am Heelweg Premiere feierte, hat uns davon überzeugt und begeisterte 25 Zuschauer im kleinen Zimmertheater, das mit seiner 9. Produktion in sein 10. Jahr geht.

Eigentlich erinnerte nur der Titel des Stücks an den Shakespeare-Klassiker. Vielleicht schaute das von Armin Rudziok gemalte Shakespeare-Portrait ja auch deshalb so grimmig von der Bühnenwand. Doch wahrscheinlich hätte Shakespeare selbst seinen Spaß daran gehabt, wäre er an diesem kurzweiligen Abend unter den Zuschauern gewesen. „Das ist mal was anderes, als zu Hause vor dem Fernsehen zu sitzen“, freute sich Theatergängerin Patricia Paulus. Denn Martina Rudziok (alias Bella Donna), ihr Mann Armin (in der Rolle des überheblichen und misanthropischen Regisseurs) Anica Isermann (als Helena), Patrick Palamidas (als Lorenzo) und Sandra Westermann als Frau Müller, „die putzt, wie ein Knüller“, hielten der Schauspielzunft den Spiegel vor. Mit pointenreichem Wortwitz brachten sie ein Fegefeuer der Eitelkeiten auf die kleine Bühne. Da wurden „brüllend komisch“, wie Zuschauerin Sarah Brock in der Pause sagte, die Komplexe und Allüren der Kulturschaffenden auf die Schüppe genommen.

Herrlich blasiert und süffisant spielte Armin Rudziok den Regisseur, der sich für gottgleich hält und dem hautnah am Bühnengeschehen sitzenden Publikum gleich zu Beginn der Aufführung verriet: „Ich hasse Schauspieler! Sie auch?“ Nicht hassen, sondern lieben musste man Martina Rudziok, Anica Isermann und Patrick Palamidas, wie sie sich gegenseitig die Pointen und Gehässigkeiten zuspielten.

„Könnten Sie mal versuchen, nicht dick zu sein? Denn die Gefahr, dass man Sie für die schöne Helena hält, besteht bei Ihnen ja wohl nicht“, giftete Bella Donna gegen die pummelige Helena. Die ließ sich vor der ersten Probe lieber von ihrem Buch „Torten von A bis Z“ inspirieren, statt ihren Text zu lernen. „Könnten Sie mal versuchen, kein Miststück zu sein“, gab die junge Schauspielerin der schnippischen Diva zurück und überzeugte den selbstverliebten Regisseur mit ihrer Erkenntnis: „Der Regisseur hat immer Recht.“

Ihren Ex-Geliebten, den selbstbewussten Lorenzo: „Ich erwarte hier keine Konkurrenz!“ fertigte Bella Donna mit der Feststellung ab: „Wie schön, dass du deinen Humor nicht verloren hast, wenn dir schon dein Talent abhanden gekommen ist.“ Das brachte den Mann aber nicht aus dem Konzept: „Kennt man eine Miss Theatralika, kennt man alle. Du gehörst doch zu den Schauspielerinnen, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich gelassen haben,“ konterte er ihre Bosheit.

Kein Wunder, dass der Regisseur immer wieder beteuerte: „So kann ich nicht arbeiten. Ich sehe hier keine Tiefe, sondern nur Abgründe.“ Doch die offenbarte der größenwahnsinnige Meister selbst, wenn er die Handlung kurzerhand von einer Kirche in die Sparkasse verlegte, „weil wir heute sowieso nur noch den Mammon anbeten“ oder ankündigte: „Wir werden das Stück nackt spielen, weil wir nichts zu verstecken haben und so absolute Transparenz herstellen.“

Da wunderte auch nicht mehr, dass er auf die Idee verfiel, Frau Müller mit der weiblichen Hauptrolle zu betrauen. Müller, die nicht nur putzt wie ein Knüller sondern auch weiß: „Das kann man doch so nicht machen. Ihr Schauspieler habt wirklich alle einen an der Klingel.“ Denn sie hatte so schön aus Shakespeares „Romeo und Julia“ zitiert. Dass das ein ganz anderes Stück ist, spielte für ihn keine Rolle, „denn hier entsteht schließlich Hochkultur.“ Der Rest war Lachen.


Komödie geht immer:Ein Rückblick auf zehn Jahre Artelier Rudziok


Warum gründet man ein Theater? „Ganz einfach. Ich wollte immer schon mal Regie führen“, sagt die Theaterwissenschaftlerin und Germanistin Martina Rudziok. Weil sie das in ihrem Beruf als PR- und Marketing-Fachfrau nur bedingt kann, eröffnete sie mit ihrem Ehemann Armin vor zehn Jahren im eigenen Haus am Heelweg in Winkhausen ein Zimmertheater, das gerne auch als Kunstgalerie genutzt wird.

Denn nicht nur Martina,- sondern auch ihr Mann Armin Rudziok, der hauptberuflich als Finanzbeamter arbeitet, ist ein kreativer Kopf. Er malt und schreibt, auch gerne mal Kurzgeschichten, bei denen man sich gruseln kann.

Ganz ohne Subventionen und mit viel Idealismus haben die Rudzioks einen kleinen Kulturbetrieb aufgezogen, der drei- bis fünfmal pro Monat mit Theateraufführungen, Ausstellungen und Lesungen von sich reden macht.

„Die Welt ist schon tragisch genug. Deshalb wollen wir unseren Gästen eine unterhaltsame Auszeit vom Alltag gönnen“, erklärt Martina Rudziok, warum sie seit zehn Jahren konsequent auf die Komödie setzt, „in der man auch ernste Themen sehr gut ansprechen kann.“

Das Konzept der Theatermacher und Kulturschaffenden, die ihre Stücke selbst schreiben und bei ihren Inszenierungen mit professionellen und semi-professionellen Schauspielern arbeiten, kommt beim Publikum an.

„Anfangs haben wir auch schon mal nur für vier Zuschauer gespielt. Später hatten wir im Durchschnitt zwölf Zuschauer pro Vorstellung. Und heute sind aufgrund positiver Mundpropaganda und auch aufgrund des lokalen Presseechos in der Regel 22 unserer insgesamt 25 Theaterplätze besetzt“, beschreibt Martina Rudziok die Entwicklung.

Inzwischen hat Rudziok bereits sieben und ihr Mann Armin zwei Komödien, deren Handlung immer aus dem echten Leben kommt, geschrieben und auf ihre kleine Bühne gebracht. „Wir schreiben unsere Stücke auch deshalb selbst, um Tantiemen zu sparen und stattdessen unseren Schauspielern zumindest eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen zu können“, betont die Autorin und Regisseurin.


Dieser Text erschien am 23. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Sonntag, 29. März 2015

Alt werden ist nichts für Feiglinge: Das Backsteintheater begeisterte mit der musikalischen Tragikkomödie "For ever young"

„26 Inszenierungen mit 364 Aufführungen in 25 Jahren. In Zeiten knapper Kassen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sich das Evangelische Krankenhaus ein Theater leistet“, sagt Backstein-Theaterleiter Michael Bohn. Damit bekommt er zurecht den ersten Applaus des Abends, an dem der Theatergründer Vokmar Spira ebenfalls zurecht in der ersten Reihe sitzt.
Und dann wird es ernst oder heiter oder beides zugleich.

Denn die Backstein-Schauspieler Robert Külpmann, Nadine Kellerberg, Klaus Wehling, Martin Iwanow, Wolfgang Bäcker und Marie Elisabeth Zipp sehen an diesem Abend, an dem Erik Gedeons Komödie „Ewig jung“ Premiere hat, verdammt alt aus. Kein Wunder. Denn sie spielen sich selbst, allerdings im Jahre 2040 als Insassen ihres ehemaligen Theaters, das den Schauspielern jetzt als Altenheim dient. Sabine Dams und Karmen Laco haben in der Maske ganze Arbeit geleistet.
Es ist für die Schauspieler, zu denen auch Schwester Ursula, alias Ursula Bönte, gehört, kein leichter Abend. Denn sie müssen in eine Rolle schlüpfen, die sie mit Alter, Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit konfrontiert. Nicht nur diese Herausforderung meistern sie. Sie singen auch und das gut. Dem Training mit der ausgebildeten Musical-Sängerin Marie Zipp sei Dank.
Mit Musik geht eben alles leichter. Und so kommt nicht nur Schwung auf die Bühne, sondern auch ins Publikum, als Herr Bäcker, Herr Wehling und Herr Iwanow bei „Saturday Night Fever“ von gebrechlichen Greisen zu Travoltas werden. Auch bei anderen Ohrwürmern, wie: „I love Rock’n roll“, „Hey, Mister Tamborin-Man“, „For ever young“ und „I will survive“ werden nicht nur bei den Oldies auf der Bühne, sondern auch bei ihren nicht mehr ganz jungen Zuschauern Lebenserinnerungen wach.

Kein Wunder, dass Frau Kellerberg, die ihre Mitbewohner schon mal gerne mit „Arschgesicht“ und anderen unzitierbaren Unflätigkeiten traktiert, plötzlich ganz weich wird. „Früher war es besser. Was war das doch geil, als wir auf einem Baum saßen, um den Bau einer Autobahn zu verhindern und ich mit einem Typen zusammen war, dessen Dreadlocks so fettig waren, dass man damit eine Fahrradkette hätte schmieren konnte.“

Die Backstein-Schauspieler überzeugen vor allem in den Momenten, in denen Zuschauern das Lachen im Halse stecken bleibt, weil sich Tragik und Komik berühren. Das ist etwa so, als Frau Kellerberg und Frau Zipp im Eifer des Gefechtes plötzlich ihr Holzbein oder ihre Perücke verlieren und „Now those days are gone“ singen. Das gilt auch für die Szene, in der Herr Wehling seinen Bühnen-Kollegen Herrn Bäcker beim abendlichen Heim-Spiel ermahnt: „Es heißt: Mein und nicht ein Königreich für ein Pferd“ und der Gescholtene trocken feststellt: „Ich bin schon froh, dass ich mich noch an das richtige Tier erinnern kann.“ Wie singt es Schwester Ursula ihren Schützlingen: „Ich sag es euch ins Gesicht: Das Leben macht Spaß, das Alter nicht.“

Dieser Text erschien am 16. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 3. April 2014

Eine Komödie über Schein und Sein: Das Backsteintheater und sein Regisseur Heribert Lochthove übersetzten Molieres Schauspiel Tartuffe sehr ambitioniert ins Hier und Heute

Die Perücken erinnern an Molière. Ansonsten lassen die Backstein-Schauspieler vergessen, dass Tartuffe, seine Komödie um Schein, Sein und die zweifelhafte Kunst der Blendung schon 350 Jahre alt ist. Habitus, Sprache und die Musik, zu der getanzt wird, erinnern über weite Strecken eher an Gegenwärtiges als an Vergangenes.


Das ist von Regisseur Heribert Lochthove auch so gewollt und wird dadurch unterstrichen, dass er in einer Videoeinspielung die Schauspieler ohne ihre Kostüm in die Rolle ihrer Charaktere schlüpfen und im Stile einer Doku-Soap erklären lässt, warum ihnen der scheinheilige Tartuffe auf die Nerven geht.

Wer nach der Berichten über den Spielverderber, der im Namen Gottes keinen Spaß versteht, geschweige denn, ihn anderen gönnt, einen predigenden Frömmler im weiten Gewand erwartet, wird ein zweites Mal überrascht und in die Gegenwart zurückgeholt.

Tartuffe tritt, sehr einnehmend und glaubwürdig von Katharina Schallenberg verkörpert, als Motivationstrainer auf, wie man ihn aus zweifelhaften Verkaufs- und Persönlichkeitsseminaren kennt.

„Seien Sie ein Siegertyp“, fordert er seine Zuschauer auf und lässt sie erst mal aufstehen und einige seiner suggestiven Coachingübungen machen: „Sagen Sie auch Ihrem Nachbarn: Du bist ein Siegertyp.“

Herrlich vorwitzig gespielt von Alexandra Glienke versucht die Zofe Dorine ihrem verblendeten Dienstherrn Orgon, wunderbar naiv gespielt von Oliver Jakowiak, die Augen über seinen scheinheiligen Günstling Tartuffe zu öffnen. „Eure Tollheit bringt euch noch um den Verstand. Die wahrhaft Frommen brüsten sich nicht mit ihrer Tugend. Vertraut nicht den falschen Frommen und den falschen Helden.“

Doch Orgon kann sich Tartuffes Charisma einfach nicht entziehen und will dem scheinbar frommen Mann, dem „nichts an den Dingen dieser Welt liegt“ zunächst nicht nur sein Vermögen, sondern außerdem auch seine verzweifelte Tochter Mariane (Andrea Krause) geben.

Auch sein Schwager Cléante (Jost Schenck), der sich mit Wasser und Traubensaft, die wie Wein und Schnaps anmuten, sehr glaubhaft fast um den Verstand trinkt, kann weder den verzückten Orgon noch den scheinheilig gerissenen Erbschleicher Tartuffe zur Vernunft bringen. Das muss am Happy End Orgons Frau Elmire (Simone Adelhütte) mit vollem Körpereinsatz erledigen.

Dieser Text erschien am  31. März 2014 in NRZ und WAZ

Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...