Mittwoch, 23. November 2022

Schein und Sein

 Heuchler wurden im antiken Griechenland und im alten Rom Hypokrit genannt. Jetzt hatte mit „Hypocrites“ die neue Volxbühnenproduktion im Theaterstudio an der Adolfstraße gleich dreimal eine gut bis sehr gut besuchte Premiere. Wer sie verpasst hat, bekommt am 27., 28. und 29. Januar 2023, jeweils um 19.30 Uhr, eine zweite Chance, das von Jörg Fürst inszenierte und von seinem 18-köpfigen Ensemble auf die Bühne gebrachte Stück anschauen und daraus seine Schlüsse für die eigene Existenz zu ziehen. „Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben heute Fragen transportiert, mit denen sich jeder auseinandersetzen sollte: Was ist Sein? Was ist Schein? Was ist Wahrheit? Was ist Lüge? Wie funktioniert unsere Gesellschaft? Wie sollte sie funktionieren? Wie beeinflusst Digitalisierung unser Leben?“, fanden Julia Cornelius und Kosta Thönneßen nach der Aufführung, der sich eine Premierenfeier anschloss.

Minimalistisch gestaltet und im existenziellen Schwarz gehalten. So sieht man, die Volxbühne, auf der sich die grau gewandeten Darstellerinnen und Darsteller als Hypocrites, wie du und ich, bewegen. Wer ist hier Profi, wer Amateur? Was ist Choreografie? Was ist Improvisation? Das ist kaum zu erkennen. Und das macht die Qualität des Ensembles aus. Aus dem Theater Mülheimer Spätlese hervorgegangen gehört es als Bürgertheater heute zum Theater an der Ruhr. In einigen Passagen kann man am Stimmvolumen am ehesten den Unterschied zwischen Profi und professionellem Amateur erahnen. Wie im antiken Theater stehen deklamierende Chöre und Solisten im Dialog. Die Damen und Herrn in Grau erinnern an Michael Endes Romanfigur Momo, die den grauen Herren, die den Menschen die Zeit stehlen wollen, einen Strich durch die Rechnung macht. Auch an das Bild der „grauen Maus“ oder der „grauen Masse“, kann denken, der die grau gekleideten und barfuß auf der Bühne stehenden und gehenden Männer und Frauen der Volxbühne sieht.

Die Musiker Peter Eisold und Max Wehner bewegen sich mit Posaune, Sousaphon und einem fahrbaren Schlagwerk. Mal sind sie Teil der Handlung, mitten auf der Bühne, und dann wieder verborgen, aber hinter der Bühne hörbar. Ihre Töne verschmelzen mit dem Takt der auf der Bühne gehenden und stehenden Schauspielerinnen und Schauspieler.

Wie ein Dirigent im Orchestergraben muss Ton- und Lichttechniker Dirk Lohmann am Pult in der letzten Reihe des Auditoriums, Computermonitore, Mischpult und die, Partitur der Regieanweisung im Blick behalten. Seine Jonglage gelingt. Er zaubert eine Sinfonie aus Klang und Licht auf die Bühne. Sie fordert das Publikum heraus, will es irritieren. Warum? Vielleicht, um es aus scheinbaren Gewissheiten herauszureißen, um dem Kern des eigenen Seins zu erkennen. Weitere Informationen zur Volxbühne und ihrer aktuellen Produktion, die vom NRW-Kulturministerium, von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft und von der Rheinenergie-Kulturstiftung gefördert wird, finden sich im Internet unter: www.volxbuehne.de


Zu meinen Texten in NRZ & WAZ

Freitag, 18. November 2022

Reden wir über Tod und Trauer

Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag. Der November ist der Monat des Jahres, der unter dem Vorzeichen von Tod, Trauer und Gedenken steht. Vor diesem Hintergrund trafen sich die beiden ehrenamtlichen Begräbnisleiter, Bernd Heßeler und Annegret Tewes aus der Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt und die ebenfalls in der ökumenischen Trauerbegleitung Links der Ruhr und im Trauernetzwerk Mülheim aktive Psychotherapeutin Dr. Britta Dickoff am Rande der Buchausstellung im Kloster Saarn mit dieser Zeitung zu einem Gespräch darüber, warum sie sich in einem Themenfeld engagieren, das die meisten Menschen meiden und tabuisieren.

Warum treffen wir Sie heute bei einer Buchausstellung?

Bernd Heßeler: Wir stellen hier Literatur zum Thema Tod und Trauer vor, weil wir festgestellt haben, dass es zumindest nach der ersten Phase der Trauer hilfreich sein kann, etwas darüber zu lesen, wie andere Menschen ihren Trauerprozess erlebt und gemeistert haben. So erfahren die Trauernden: Das ist ja wie bei mir. Ich bin ja gar nicht verrückt, sondern durch meine Trauer nur verrückt in eine andere Welt. Zudem ist die hiesige Bibliothek ein guter Treffpunkt, um aus seiner Isolation heraus- und mit anderen Menschen ins Gespräch und in Kontakt zu kommen.

Warum engagieren Sie sich, neben ihrem Beruf als Krankenschwester und Heilpraktikerin, als ehrenamtliche Begräbnisleiterin?

Annegret Tewes: Ich möchte als Begräbnisleiterin, auch vor dem Hintergrund meiner eigenen Trauererfahrungen, sowohl den Verstorbenen als auch den Hinterbliebenen einen würdigen Abschied gestalten, mit dem sie gut weiterleben können und ihnen im Gespräch das gute Gefühl geben, dass ich offen und bereit bin, mit ihnen über ihre Trauer zu sprechen. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Das wird von den Menschen dankbar angenommen. Das gilt auch für das Gleichnis vom Regenbogen, das ich gerne nutze, um den Trauernden zu zeigen, dass der Regenbogen, als ein göttliches Hoffnungszeichen, dort am Himmel steht, wo die Wolken am dunkelsten sind.

Warum werden Tod, Trauer, Abschied und Bestattung in unserer modernen Gesellschaft tabuisiert?

Bernd Heßeler: Wir Deutschen sind sehr regelfixiert. Wir fragen zuerst: Was darf ich? Doch wenn es um Tod, Trauer und Abschied geht, sollten wir uns zunächst mal fragen: Was brauche ich in dieser Ausnahmesituation? Deshalb ist es uns auch wichtig, die Bestattet in unser Trauernetzwerk mit einzubeziehen. Und wir sehen, dass immer mehr Bestatter dafür sensibel sind, wie man einen Abschieds- und Bestattungsprozess so individuell gestalten kann, um damit auch die Trauer zu ermöglichen und nicht zu verdrängen.

Heute sterben viele Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Müssen wir zurück in die Vergangenheit, in der die Menschen zuhause im Kreise ihrer Familien starben und dann auch zuhause aufgebahrt wurden?

Annegret Tewes: Ich glaube, dass wir wieder einen anderen Umgang mit dem Tod brauchen. Sicher wäre das auch aus christlicher Sicht wünschenswert. Aber wir sollten nicht bewerten, sondern Menschen in der Trauer Mut machen und ihnen aufzeigen, was möglich ist, wenn es um Tod, Trauer und Abschied geht.

Kann eine gute Trauerfeier Hinterbliebene trösten?

Bernd Heßeler: Das Kondolenzgespräch ist hier wichtig. Hier geht es für mich vor allem um das Zuhören. Was war das für ein Mensch? Wie haben seine Hinterbliebenen mit ihm gelebt und ihn erlebt? Das ist viel wichtiger als die Klärung, welches Lied bei der Trauerfeier gespielt werden soll. Nur so kann eine Trauerfeier für die Hinterbliebenen authentisch und tröstlich werden.

Annegret Tewes: Ich versuche den Menschen, persönlich etwas mitzugeben, was sie berührt und tröstet. Gerne erinnere ich mich an eine Trauerfeier, vor der ich die handgeschriebene Lebensgeschichte des Verstorbenen lesen durfte. Dies konnte ich in meine Ansprache und in die Fürbitten mitnehmen. Und es hat mich damals sehr angerührt, dass die Hinterbliebenen meine Worte immer wieder zustimmend kommentiert haben und mir im besten Sinne ins Wort gefallen, sind: „Ja. Genau so war es. Genauso war er!“ Mir erscheint es besonders wichtig, dass die Hinterbliebenen eine Brücke zueinander finden und anerkennen, dass jeder anders trauert.

Und was kommt nach der Trauerfeier?

Bernd Heßeler: Wichtig ist es, Trauernde nicht allein zu lassen, mit ihnen im Gespräch zu bleiben und sie immer wieder in die Gemeinschaft hineinzuholen, ob im Rahmen eines Trauer Cafés oder eines Trauerseminars oder auch in der Gemeinde, in der Nachbarschaft und auch am Arbeitsplatz. Auch hier sollte man den Trauernden nicht aus dem Weg gehen, sondern mit ihnen im Gespräch bleiben. Deshalb ist es dem Bundesverband der Trauerbegleiter auch ein Anliegen, dass in jedem Betrieb mindestens ein Mitarbeiter zum Trauerbegleiter qualifiziert wird.

Ist der November mit seinen Trauertagen für Trauerende ent- oder belastend?

Bernd Heßeler: Wir haben bei unserer Allerheiligenandacht, bei unseren Grabsegnungen, aber auch bei unseren Gesprächen am Grab erlebt, dass es Hinterbliebenen ein tröstliches Bedürfnis ist.

Was sagen Sie Trauernden als Psychotherapeutin mit eigenen Trauererfahrungen?

Britta Dickkoff: Jeder Mensch muss seine eigenen Trauererfahrungen machen. Die kann einem niemand abnehmen. Aber ein Gespräch kann helfen, wenn man keine guten Ratschläge gibt, sondern zusammen mit dem Trauernden Ideen entwickelt, wie sie Leben ohne den Verstorbenen weitergehen kann und ihn darin zu ermutigen, seinen eigenen Weg der Trauer, aber auch des Lebens weiterzugehen. Leider kommt es in der Trauerphase immer wieder zu belastenden Streitigkeiten zwischen Hinterbliebenen, wenn zum Beispiel ein Erbe oder die Gestaltung der Trauerfeier im Raum steht. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Literatur, zum Beispiel die Gedichte von Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Hilde Domin und Mascha Kaleko, Trauernde sehr gut trösten und ihnen Mut zum eigenen Weiterleben machen können.


Meine Beiträge in der Mülheimer Tagespresse



Donnerstag, 17. November 2022

Tante Emmas Erben

 Einkaufen ist ein Politikum. Das machte ein Zeitzeugengespräch rund ums Einkaufen deutlich, zu der die Mülheimer Zeitzeugenbörse, rechtzeitig zum Wochenendeinkauf, in den Dümptener Seniorenclub an der Oberheidstraße eingeladen hatte. Brigitte Reuß, die die Zeitzeugenbörse zusammen mit Manfred Zabelberg leitet, schlug zum Einstieg den ganz großen historischen Bogen von den tönernen Einkaufslisten alten Römer bis zu den personalfreien Kassenscannern und dem Interneteinkauf, der die Existenz des stationären Einzelhandels bedroht. Auch den sozialen Bogen schlug sie vom Higtech-Smarthome, in dem der Kühlschrank die Einkaufliste erstellt bis hin zur zunehmenden Zahl materiell armer Menschen, die auf die Lebensmittelspenden der Tafel des Diakoniewerkes an der Georgstraße oder auf Kleidung aus den Schenk- und Secondhandläden der Wohlfahrtverbände angewiesen sind.

Die 1926 geborene Eva Timm berichtete aus ihrer Jugend: „Natürlich gab es früher auch schon Kaufhäuser, zum Beispiel das der jüdischen Familie Tietz, das nach der Machtübernahme von den Nationalsozialisten in den 1930erJahren als Kaufhof arisiert wurde. Aber die Auswahl und Vielfalt war früher bei weitem nicht so groß wie heute. Stattdessen gab es sehr viel mehr Stoffgeschäfte als heute und den Beruf des Zuschneiders, den mein Vater ausübte.“ Zuschneider schnitten den Stoff zu, den ihre Kunden bei ihnen kauften, um sich daheim an der Nähmaschine ein Kleid, eine Hose oder einen Anzug zu nähen. Auch das damals noch florierende Gewerbe der Hutmacherinnen und Hutmacher gehört zu Timms Kindheitserinnerungen, „weil die Damen und auch die Herren viel mehr Hut trugen als heute.“ Unvergessen bleiben für Timm auch ihr erste blaues Jäckchenkleid und die dazu passenden Schuhe, die ihr älterer Bruder ihr im Kriegsjahr 1942 im Heimaturlaub, aus dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Paris mitgebracht hatten.

Wie Timm, konnten sich auch die 1939 geborene Ursula Storks, die 1936 geborene Ilse Diekhönner und die 1938 geborene Gisela Fuß an die Mangelwirtschaft der Kriegs- und Nachkriegsjahre erinnern. „Wir kauften in einem kleinen Tante-Emma-Laden ein. Gekauft wurde, was gerade da war. Lebensmittel wurden unverpackt und wurden in einem Henkelmann, in einer mitgebrachten Flasche oder im Einkaufskorb- oder Beutel nach Hause getragen.“ Die Kriegs- und Nachkriegszeit verbinden Storks, Fuß und Diekhönner mit rationierten Lebensmitteln, die man monatlich auf einer Karte zugeteilt bekam und meistens erst nach einem langen Stehen in der Warteschlange ausgehändigt bekam. „Damals gab es oft Maisbrot und Steckrüben. Die schmeckten furchtbar. Aber wir hatten Hunger“, erinnern sich Storks und Fuß. Unvergessen bleibt Storks, „dass meine Mutter den Bunker verließ und im Bombenhagel nach Hause lief, um dort einen Fleischtopf zu holen, den sie auf der Fensterbank hatte stehen lassen und dass ich einmal den Henkelmann mit unserer gesamten Milchration vergossen habe, weil ich auf dem Heimweg von einem Tiefflieger überrascht wurde und mich sofort flach hinwerfen musste.“ Obwohl Bergleute als „Schwerstarbeiter“ Lebensmittelzulagen erhielten, weiß Diekhönner zu berichten, „dass mein Vater nach seiner Schicht als Bergmann am Wochenende bei einem Bauern arbeitete, um zusätzliche Lebensmittel heimbringen zu können.“

„Nach dem Krieg mussten unsere Eltern uns immer wieder bei Nachbarn einquartieren, um in überfüllten Zügen zum Hamstern an den Niederrhein zu fahren. Die Reichsmark war nichts mehr wert. Der Schwarzhandel blühte. Zigaretten waren damals die Hauptwährung. Unsere Eltern haben bei den Bauern alles, was nicht niet- und nagelfest war gegen Lebensmittel eingetauscht.“ Als ein Privileg empfand es Ursula Storks, „dass meine Mutter zuhause einen Teil der Milchsuppe kochen konnte, die wir nach dem Krieg als Schulspeisung von den Quäkern bekamen, so dass ich in der Schule und zuhause essen konnte.“ Und auch ein waghalsiger Kohlenklau auf einem Eisenbahnwaggon am Styrumer Bahnhof gehörte für Storks zu ihren etwas anderen „Einkaufserlebnissen“ in der Nachkriegszeit.

Erst nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 füllten sich die Schaufenster der zum Teil noch kriegsbeschädigten Geschäfte wieder mit Waren, die jetzt mit der knappen D-Mark bezahlt werden mussten.

„In der DDR gab es noch bis 1958 Lebensmittelkarten. Eingekauft wurde in den HO-Läden der staatlichen Handelsorganisation. Grundnahrungsmittel und Wohnungsmieten waren sehr preiswert, aber alles was über den Grundbedarf hinausging, war sehr teuer. Während ein 1500-Gramm-Brot 78 Pfennig kostete, kosteten eine Bockwurst 5 Mark und ein Stück Torte 7,50 Mark. Später konnte man viele hochwertige Waren nur in Exquisit-Läden und Intershops zu überhöhten Preisen kaufen. Manche Waren, wie etwa ein Kühlschrank waren nur gegen einen inoffiziellen Aufpreis unter der Hand zu bekommen“, erinnert sich der 1939 in Halle an der Saale geborene Mülheimer Dieter Schilling.

Aber auch für die 1949 im damals noch ländlichen Teil Dümptens, der an Oberhausen grenzt, geborene Jutta Lose kam das Wirtschaftswunder erst Mitte der 1960er Jahre an, als sie als Arzthelferin ihr erstes eigenes Geld verdiente und damit erstmals in einer Boutique schick einkaufen konnte. Lose erinnert sich: „In meiner Kindheit hatten wir einen großen Garten, in dem wir als Selbstversorger Obst und Gemüse anbauten. Einkaufen konnten wir damals nur in einem kleinen Tante-Emma-Laden mit einer sehr begrenzten Auswahl. Kartoffeln, Eier und Milch lieferte uns ein Bauer mit seinem Pferdefuhrwerk. Brot, Brötchen und Kuchen kauften wir aus dem Lieferwagen eines Bäckers. Ein Einkauf in der Mülheimer oder Oberhausener Innenstadt war für uns mit einem mindestens 40-minütigen Fußmarsch verbunden. Erst 1962 eröffnete in der Nähe meines Elternhauses ein Aldi-Markt.“


Mülheimer Zeitzeugen

Dienstag, 15. November 2022

Kinder: Es ist Karneval

 Mehr als 1000 Menschen sind im Mülheimer Karneval aktiv. Ein Drittel von ihnen feierte am 11.11. im Dümptener Autohaus Extra den Start in die Fünfte Jahreszeit. Chefkarnevalist Markus Uferkamp konnte nicht mit von der närrischen Partie sein, weil das Corona-Virus bei ihm stärker war als der Bazillus Carnevalensis war.

Die Jecken, die gesund und munter feiern konnten, bekamen von.

Tollitäten, Tanzgarden und Musikzüge eine Karnevalsshow geboten,, die Lust auf mehr machte. Da das große Prinzenpaar, Tamara und Kevin, bereits am 11.11.2021 proklamiert worden war und jetzt einen zweiten Anlauf wagt, nachdem die vergangene Session Corona-bedingt abgebrochen werden musste, standen an diesem 11.11. die Kindertollitäten, Kinderprinz Louis, Kinderprinzessin Emily, Pagin Marie und Page Felix Antonio im Rampenlicht.

Das närrische Publikum, zu dem auch Mülheims rheinischer Oberbürgerbürgermeister Marc Buchholz gehörte, wurde mit kleinen Glückbringern und selbstgestrickten Wollbeuteln überrascht, die Louis, Emily und ihr Gefolge wie Kamelle am Rosenmontag unters Narrenvolk brachten.

Und nach der Verleihung der närrischen Insignien, Zepter, Amtskette und Federn, kam der Moment der Wahrheit, als Louis und Emily ihr närrisches Regierungsprogramm verkündeten. Nach ihrem Willen, müssen Miesepeter, die im Karneval nicht mitsingen und mittanzen 11,11 Euro in die Kasse der Karnevalisten zahlen. OB Buchholz wurde verdonnert, an den Tollen Tagen alle Baustellen der Stadt mit Luftschlangen und Luftballons schmücken zu lassen, die Müga an den Tollen Tagen in ein Kinder-Karnevalsparadies umzuwandeln, leerstehende Ladenlokale in der Innenstadt als kindgerechten Freizeiteinrichtungen zu nutzen, den Karnevalsgesellschaften mietfreie Feste in der Stadthalle zu gewähren und am Altweiberdonnerstag im Clownskostüm zu erscheinen.


Außerdem forderten die Nachwuchsregenten von Politik und Wirtschaft, auch außerhalb der Fünften Jahreszeit, mehr Gehör und Unterstützung, natürlich nicht, ohne sich zuvor bei allen zu bedanken, die das närrische Brauchtum schon jetzt unterstützen. Und sein Sessionslied: „Wir sind die Kindercrew,  die Krone, die euch aufrecht hält, wo nur die Freundschaft zählt. Ihr seid der Karneval und der Karneval sind wir!“, will das Kinderprinzenteam während der Fünften Jahreszeit mindestens einmal pro Tag im Radio Mülheim hören.

Nicht nur vom Oberbürgermeister bekamen die Kindertollitäten viel Lob für ihren ersten Sessionsauftritt. Der ohnehin kostümaffine OB erklärte sich sofort bereit, im Clownskostüm zur Schlüsselübergabe zu erscheinen. Aber mit Blick auf die hohe Verschuldung der Stadt lehnte er es ab, den närrischen Nachwuchsregenten eine mietfreie Stadthalle für Karnevalsfeste zu versprechen. Stattdessen gab es vom Stadtoberhaupt nur einen symbolischen Null-Euro-Schein und die Absichtserklärung: „Was nicht ist, kann vielleicht noch werden. Wir arbeiten daran.“


Zum Mülheimer Karneval und: Zu NRZ/WAZ



Montag, 14. November 2022

Traurige Aktualität

 Am Volkstrauertag 2022 waren deutlich mehr Bürgerinnen und Bürger zum Mahnmal des unbekannten Soldaten gekommen, um den vergangenen und den gegenwärtigen Opfern von Krieg Gewalt Herrschaft und Terrorismus zu gedenken. Vorsichtig geschätzt waren es 100 Bürgerinnen und Bürger, die sich vor dem Mahnmal an der Kettwigerstraße versammelt hatten.

Der Volkstrauertag wurde auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1919 ins Leben gerufen und 1922 zum staatlichen Gedenktag erklärt. Bürgermeister Markus Püll zitierte in seiner Funktion als Kreisvorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge unter anderem aus einer vor 100 Jahren gehaltenen Reichstagsrede des Sozialdemokraten Paul Löbe: „Wir brauchen Versöhnung und Verständigung, um Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch, um Tote zu ehren und Verlorene zu beklagen. Das bedeutet Abkehr vom Hass und Heimkehr zur Liebe. Und unsere Welt hat die Liebe nötig!

Der Superintendent der evangelischen Kirche Pfarrer Gerald Hillebrand und der Stadtdechant der katholischen Kirche Pfarrer Michael Janßen setzten mit einer Dialogansprache ein Zeichen der Ökumene. Sie machten deutlich, dass die Erinnerung an Krieg und Gewaltherrschaft in Deutschland auch heute und künftig notwendig sei, um die Werte der christlichen Botschaft, die auch die Werte der freiheitlichen Demokratie und des Grundgesetzes seien, zu bewahren, zu leben und, wo nötig, zu verteidigen. Hillebrand sagte: „Es gibt heute viele Menschen, die das gemeinsame Gedenken am Volkstrauertag, viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Frage stellen. Doch wir sollten an diesem gemeinsamen Gedenken am Volkstrauertag festhalten. Denn es hat seinen Sinn, in dem es die Toten ehrt, die Lebenden mahnt und die Kommenden warnt!“ Und Janßen betete: „Gott, wir bitten dich: Schenk uns Aufmerksamkeit und Zivilcourage, damit wir protestieren, wo wir Unrecht wahrnehmen, dass wir helfen, wo die menschliche Würde mit Füßen getreten wird und dass wir Menschen auf der von dir so wunderbar geschaffenen Mutter Erde erkennen, dass wir alle deine Kinder sind.“

Der vom Musiklehrer Stephan Adam-Glagovsek  geleitete Oberstufenchor der Gesamtschule Saarn und das Bläserensemble um den Rathaus-Mitarbeiters, Alexander Vogtmann, begleiteten die Kundgebung zum Volkstrauertag musikalisch und gaben ihr damit einen würdigen und berührenden Charakter. Die Lieder, die die Saarner Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschüler sangen, „Flashlight“ und „Time“ erzählten von der Widersprüchlichkeit unseres menschlichen Lebens und unserer Welt, die so wunderbar und zugleich auch so grausam sein können. Und sie erzählten von der vergehenden Zeit, die es uns möglich machen kann, aus Fehlern zu lernen, Schuld zu vergeben und sich mit sich selbst und mit anderen Menschen zu versöhnen. Die Bläser um Alexander Vogtmann setzen mit der Internierung des 1841 von Hoffmann von Fallersleben gedichteten Deutschlandliedes den Schlussakkord, dessen dritte Strophe von allen Anwesenden gemeinsam gesungen, mit dem Dreiklang von Einigkeit und Recht und Freiheit den Kern unserer Demokratie, in Erinnerung rief, der am Volkstrauertag 2022, angesichts der inneren und äußeren Anfechtungen unserer Demokratie eine tiefere Bedeutung bekam.

Zu den Mülheimerinnen und Mülheimern, die an diesem Sonntagmittag den Weg zum Mahnmal des Unbekannten Soldaten gefunden hatten, gehörten auch Oberbürgermeister Marc Buchholz und der ehemalige Bürgermeister und FDP-Stadtrat Paul Gerhard Bethge. Er gehört mit seinen 98 Lebensjahren zur Generation, die als Soldaten der deutschen Wehrmacht vom Hitler Regime missbraucht wurden und nach dem erlebten und überlebten Krieg von Werkzeugen der NS-Diktatur zu politischen Mitgestaltern der neuen westdeutschen Nachkriegsdemokratie geworden sind. Bethge erinnerte sich: „Ich habe die Errichtung des Mahnmals des Unbekannten Soldaten an der Kettwiger Straße in meinem ersten Ratsjahr 1964 vorgeschlagen und seine Realisierung im Jahr 1968 miterleben können. Nachdem dem Vertreter der politischen Parteien und andere gesellschaftliche Organisationen am Mahnmal Kränze niedergelegt hatten machte Bürgermeister Markus Püll deutlich, dass sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem in Mühlheim rund 50 Bürgerinnen und Bürger angehören, über zusätzliche Unterstützer und Mitglieder freuen würde. In diesem Zusammenhang erinnerte er daran, „dass die Pflege von Kriegsgräbern gerade für Jugendliche, die im Frieden aufgewachsen sind, eine anschauliche und praktische Form der Erinnerungskultur darstellt.“ Sie zeige Ihnen, so Püll, „was Krieg für Menschen bedeutet, und was getan werden muss, um auch heute und morgen Kriege zu verhindern oder zu beenden.“ Laut Püll gibt es in Mülheim acht Gräber von Mülheimer Soldaten, die in den beiden Weltkriegen gefallen sind. Nicht nur an die 10.000 Mülheimer Soldaten, die in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts ihr Leben verloren haben, wurde am Volkstrauertag erinnert, sondern auch an die 59 Bundeswehrsoldaten, die während des Afghanistan-Einsatzes zwischen 2001 und 2021 gefallen sind.

 Zum Volksbund Duetsche Kriegsgräberfürsorge

Freitag, 11. November 2022

Ein Fest der Freiheit

 Am 11.11. starten die Karnevalisten, die Fünfte Jahreszeit. Jubel, Trubel, Heiterkeit!? Geht das in Zeiten von Corona, Inflation und Ukraine-Krieg? Am Tag vor dem Start in die Session 2022/2023 trafen sich Stadtprinz, Kevin Bongarts (34) und Stadtprinzessin Tamara Bongarts (31) in einem Mülheimer Restaurant, noch ganz zivil, zum Gespräch mit dieser Zeitung. Beide Tollitäten kommen aus den Reihen der Roten Funken. Abseits des karnevalistischen Rampenlichtes, wo man sich im Ernst des Lebens beruflich nicht nur seine Kamelle, sondern auch seine Lorbeeren und seine Brötchen verdienen muss, arbeitet der Prinz bei der Müllabfuhr der MEG und die Prinzessin als Altenpflegerin für einen ambulanten Pflegedienst.

Einmal Prinz zu sein, davon habe ich immer schon geträumt. So heißt es in einem Karnevalsschlager. Wie fühlt es sich an, wenn Sie nach der Corona-bedingt ausgefallenen Session 2021/2022 jetzt zum zweiten Mal als närrisches Regentenpaar ins närrische Rampenlicht treten?

Kevin und Tamara: Ganz ehrlich. Nach der Absage der letzten Session hatten wir erst mal keine Lust mehr. Aber dann haben wir, auf Einladung des Oberbürgermeisters Marc Buchholz, zusammen mit dem Kinderprinzenpaar im Sommer einen Freizeitpark in Kevelaer besucht. Das war ein tolles Gemeinschaftserlebnis. Und danach haben wir uns entschlossen, zwei neue Lieder für unsere zweite Session als Prinzenpaar zu schreiben und dann haben wir wieder Feuer gefangen. Und jetzt kommt bei uns auch schon wieder Lampenfieber auf.

Was bekommt das närrische Publikum von Ihnen zu hören?

Kevin und Tamara: Unsere neuen Sessionsschlager tragen die Titel: „Was für eine geile Session“ und: „Lange nicht genug. Was für ein guter Tag!“

Was werden Sie denken, wenn Sie das als Tollitäten am 11.11. auf der Bühne singen?

Kevin und Tamara: Zugegeben. Wir haben da zwiespältige Gefühle. Denn niemand kann im Moment die Gedanken an die Corona-Pandemie, den Krieg in der Ukraine und die daraus erwachsene Inflation abschalten. Aber vielleicht kommen wir ja gerade jetzt mit dem Karneval, der die Gemeinschaft, die Toleranz, die Freiheit und die Lebensfreude feiert, zu den rechten Zeiten, um mit unseren Auftritten und Festen unseren grauen und trüben Alltag wenigstens für einige Stunden wieder bunt und fröhlich machen, gemäß unserem Motto: „Kunterbunte Mölmsche Welt. Wir machen Sie, wie es uns gefällt!“ Ohne Karneval ginge es den Menschen in unserer Gesellschaft sicher noch schlechter. Auch wenn wir jetzt nicht nur in der Ukraine Krieg und Krisen erleben, haben die einfachen Menschen, die keine Schuld an der aktuellen Weltlage, es sich gerade jetzt verdient, richtig Karneval zu feiern und damit, allen schrecklichen Nachrichten zum Trotz, etwas Freude, Gemeinschaft und Hoffnung zu erleben.

Was haben Sie sich als närrische Regenten vorgenommen?

Kevin und Tamara: Wir wollen bei unseren Auftritten wir selbst sein und den Karneval fröhlich und authentisch mit möglichst vielen Menschen feiern. Damit wollen wir uns bei den Karnevalsgesellschaften, ihren Sponsoren und Oma Alex, Opa Udo und Tante Jasmin bedanken, die uns auf der Bühne, hinter den Kulissen und zuhause mit unseren Töchtern Shalia (5) und Lavinia (8) den Rücken freihalten und uns so eine zweite Regentschaft ermöglichen.

Was gehört zur Agenda ihrer Regentschaft?

Kevin und Tamara: Unser am 11.11.2021 verkündetes Regierungsprogramm bleibt in Kraft: Keine Erhöhung der Getränkepreise, keine Knöllchen für das Prinzenmobil und gebührenfreie Entsorgung von elf Tonnen Müll durch die MEG für alle aktiven Karnevalisten. Und: Männer verzichten auf das letzte Bier und Frauen auf das letzte Wort Das sind unsere Beiträge zur Dämpfung der Inflation und zum Erhalt des sozialen Friedens..

Und wenn Sie als närrische Regenten reale Macht hätten, was würden Sie in unserer oft närrischen, aber nicht immer heiteren Welt gerne durchsetzen?

Kevin und Tamara: Alle Kriege beenden und alle Diktatoren entmachten. Sofort!

Wie politisch ist der Karneval?

Kevin und Tamara: Der Karneval feiert die Freiheit und die Toleranz. Er lädt Menschen aller Generationen ein, egal, wer sie sind und woher sie kommen. Er schließt niemanden aus und macht keine sozialen Unterschiede. Besonders wichtig ist für uns, dass wir als Prinzenpaar auch behinderte, alte und pflegebedürftige Menschen besuchen, um ihnen Aufmerksamkeit, Zuwendung, Gemeinschaft und Freude zu bringen. Und bitte, nicht vergessen: Der Karneval mit seinen Tanzgarden und Musikzügen ist immer auch ein Stück Sozial- und Jugendarbeit, und dass nicht nur zur Fünften Jahreszeit. 


Meine Beiträge für NRZ & WAZ

Zum Mülheimer Karneval 





 

Dienstag, 1. November 2022

Die Zukunft im Rücken

 Der Samstagabend Gottesdienst in Sankt Mariae Geburt war fast so gut besucht wie die Gottesdienste an Ostern und Weihnachten. Und das hatte seinen guten Grund. Denn 19 Mädchen und Jungen wurden als neue Messdiener feierlich in ihr Amt eingeführt. 

Sie verstärken das Team Messdiener von Sankt Mariae Geburt. „In diesem Gottesdienst fühle ich mich besonders wohl, weil ich die Kirche der Zukunft im Rücken habe“, sagte Pfarrer und Stadtdechant Michael Janßen. Er hob in seiner Predigt die besondere Bedeutung der Messdienerinnen und Messdiener hervor. „Sie tragen das Kreuz vorweg, bringen Brot und Wein zum Alltar und tragen die Kerzen als Symbol des Lichtes, das Jesus als eingeborener Sohn Gottes mit seinem Leben und Leiden in die Welt gebracht hat, um uns zu erlösen. Kreuz, Brot und Wein stehen für das Leiden aber auch für die Auferstehung Jesu Christi. Sie geben uns Hoffnung und Zuversicht und zeigen uns, dass kein Weg zum Ostersonntag am Karfreitag vorbeiführt, dass aber unsere frohe christliche Botschaft uns Mut macht und uns Kraft gibt, auf das Wort Gottes zu hören und danach zu handeln. So können wir selbst zum Licht für andere Menschen werden.“ Janßen bedankte sich nicht nur für das Engagement der acht bis zehn Jahre jungen Messdienerinnen und Messdiener, die sich nach ihrer ersten Heiligen Kommunion vor den Sommerferien für eine Ausbildung zum Messdiener entschieden, hatten. Ausdrücklich bedankte sich Jansen auch bei den Eltern, Freunden und Verwandten, die die neuen Messdienerinnen und Messdiener durch ihr eigenes christliches Lebensbeispiel begleitet und inspiriert hätten. Alle neuen Messdiener wurden einzeln mit ihrem Namen aufgerufen, verbunden mit ihrem geistlichen Wahlspruch. Da war zum Beispiel zu hören: „Nichts soll dich erschrecken. Denn dein Gott und Herr bin bei dir!“ Oder: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.“ Alle neuen Messdienerinnen und Messdiener traten aus der ersten Kirchenbank heraus und sagten vor dem Altar stehend: „Hier bin ich. Anschließend erhielten sie ihr vollständiges Messdienergewand und den Segen des Pfarrers und Stadtdechanten. „Als ich so alt war, wie ihr heute, bin ich auch Messdiener geworden. Damals hat mich unser inzwischen heiliggesprochener Papst Johannes XXIII. inspiriert“, erinnerte sich Janßen.

Warum entscheiden sich heute Kinder für den Messedienst am Altar? Die neunjährige Lena Bülte erklärt ihre Motivation so: „Meine Geschwister sind auch Messdiener. Und ich habe sie schon oft im Gottesdienst beobachtet. Und das, was sie tun, hat mir so gut gefallen, dass ich auch Messdienerin werden wollte.“ Der inzwischen 31-jährige Marketingfachmann, Lukas Lamberty gehört ebenfalls zum Messdienerteam von St. Mariae Geburt. Er sagt: „Ich kam nach meiner Erstkommunion durch einen Freund zu den Messdienern und habe mich seitdem in dieser tollen Gemeinschaft, die auch durch die Leute in der Gemeinde getragen wird, so wohlgefühlt, dass ich bis heute dabeigeblieben bin und meinen Dienst, auch als Ausbilder, solange weiter tun möchte, wie mir das möglich ist. Mich begeistert es, mitzuerleben, wie die jungen Messdienerinnen und Messdiener in unserer Gemeinschaft zu Persönlichkeiten heranreifen, die dann auch selbst wieder unseren Messdienernachwuchs ausbilden können. In unserer Ausbildung haben wir nicht nur mit Erklärgottesdiensten, sondern auch mit Lehrvideos, die man sich bei Youtube herunterladen kann, sehr gute Erfahrungen gemacht.“


Meine Beiträge für den Lokalkompass der Mülheimer Woche

Samstag, 29. Oktober 2022

Närrischer Nachwuchs

 Bei der Prinzenproklamation am Elften im Elften wird diesmal nicht das Stadtprinzenpaar, sondern das Kinderprinzenpaar im Mittelpunkt stehen.

„Das Stadtprinzenpaar Kevin und Tamara, das in der kommenden Session erneut antreten wird,  haben wir ja schon am 11.11.2021 proklamiert“, erklärt der Präsident des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, Markus Uferkamp. Normalerweise wird das Stadtprinzenpaar am 11.11. im Festsaal der Stadthalle und das Kinderprinzenpaar am ersten Januar-Sonntag im Dümptener Autohaus Extra inthronisiert.


Dort, im Autohaus Extra, an der Fritz-Thyssen-Straße 6 wird am 11.11. ab 18.30 Uhr der Sessionsauftakt gefeiert. Kinderprinz, Louis Ossmann, Kinderprinzessin, Emily Westhoven (11), und ihre Pagen Felix Antonio Tremel (11) und Marie Stehen (13) trainieren schon, zusammen mit ihren Adjutanten, Josphine Stachelhaus, und Aunes-Ees-Geschäftsführer Bastian Wahl für den ersten ihrer 150 geplanten Sessionsauftritte. Verraten wird aber noch nichts.  Kinderprinz Louis (12) und Kinderprinzessin Emily (11) geben aber schon mal die Richtung vor: „Wir wollen den Menschen zeigen, dass Karneval nicht nur Spaß macht, sondern das man im Karneval auch Gemeinschaft und Freundschaft erleben kann!“, sagen sie.


Das designierte Kindertollitätenteam kommt aus den Reihen der inklusiven Karnevalsgesellschaft Aunes Ees, die in der kommenden Session ihr fünfjähriges Bestehen feiern kann. Aunes ees ist Mölmsch Platt und bedeutet: „Anders als“. Emily, Louis und Marie haben als Tanzmariechen und als Tanzmajor bereits Bühnenerfahrung. Felix ist der einzige Karnevalsneuling im Team. Aber auch er, der mit Louis befreundet ist, sagt mit Blick auf seinen ersten Sessionsauftritt: „Ich habe kein Lampenfieber!“


„Mal sehen, wie das am 10. und 11.11. aussieht“, sagt Adjutantin und Ex-Stadtprinzessin, Josephine Stachelhaus mit einem Augenzwinkern. Seinen zweiten Sessionsauftritt wird das Team der Kindertollitäten am 26. November im Festsaal der Stadthalle haben, wenn dort der Prinzenball und die Verleihung der Spitzen Feder an den Comedian, Dave Davis, alias Motombo Umbokko, gefeiert wird.

Darüber hinaus werden die Karnevalisten in der kommenden Session, von der sie mit närrischem Zweckoptimismus hoffen, dass sie trotz Corona-Pandemie ein vollständige werden möge, den Spaß an der Freud im Dümptener Autohaus Extra und in den Räumen der Alten Dreherei feiern. Im November und Dezember soll dort eine närrische Hochburg mit Bühne und Sitzreihen entstehen. Dort wird am 20. Januar auch der Mölmsche Narr an Jörn Backhaus verliehen, der als Geschäftsführer des Autohauses Extra zu den wichtigsten Sponsoren des Mülheimer Karnevals gehört und in dieser Funktion auch das Kinderprinzenmobil zur Verfügung stellt.


Zum Mülheimer Karneval und: Zur Mülheimer Tagespresse

Freitag, 28. Oktober 2022

Viel zu tun im Weinberg des Herrn

 Der Stadtkatholikenrat, die Vertretung der 43.000 katholischen Laien in Mülheim, wird erstmals von einer Doppelspitze geführt. Die katholische Stadtkonferenz, die aus den haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden des Stadtdekanates besteht, wählte den Arzt Dr. Martin Linssen und den Ingenieur Dr. Raimund Bülte zu gleichberechtigten. Sie treten die Nachfolge des bisherigen Stadtkatholikenratsvorsitzenden, Rolf Völker, aus der Pfarrgemeinde St. Barbara.


Bülte ist Vorsitzender des Pfarrgemeinderates von St. Mariae Geburt. Linssen gehört dem Pfarrgemeinderat von St. Mariä Himmelfahrt. „Wir wollen nicht in die Pfarrgemeinden hineinregieren, sondern Impulse aus den Pfarrgemeinden aufnehmen und diese als Vertreter und Koordinatoren der katholischen Laien in den Dialog mit deren weltlichen und geistlichen Vertretern in die Stadtgesellschaft hineintragen“, sagten Bülte und Linssen nach ihrer Wahl.

Beitrag für Reformen


Beide möchten mit ihrem Engagement in ihrer vierjährigen Amtszeit „einen Beitrag zur strukturellen Reform unserer Kirche“ leisten. „Wer Kirche positiv verändern will, darf nicht austreten, sondern muss sich in der Kirche für ihre Erneuerung engagieren, damit unsere Kirche weniger hierarchisch und dafür geschwisterlicher und demokratischer werden kann“, betont Martin Linssen.

Mit Blick auf den Synodalen Weg und die Deutsche Bischofskonferenz sieht Linssen, einschließlich des Ruhrbischofs Dr. Franz-Josef Overbeck, die reformbereiten Kräfte in einer deutlichen Mehrheitsposition.

Mit einer christlichen Stimme sprechen


Das Laien heute in der katholischen Kirche beerdigen und Wortgottesdienste leiten können, dass gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften gesegnet werden und dass es auch in unserer Stadt mit Sigrid Geiger (in St. Mariae Rosenkranz) eine Gemeindeleiterin gibt, sehen Bülte und Linssen als Beleg dafür, „dass sich etwas in der katholischen Kirche bewegt.“
„Wir müssen mit einer christlichen Stimme sprechen, wenn wir uns im Sinne der Frohen Botschaft als Kirchen in der Stadtgesellschaft zu politischen, sozialen, wirtschaftlichen und ethischen Fragen zu Wort melden“, betont Stadtdechant Michael Janßen mit Blick auf die ökumenische Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr, die ihm sehr am Herzen liegt.
Auf der Grundlage des Votums der erweiterten katholischen Stadtkonferenz ist der Pfarrer von St. Mariae Geburt vom Ruhrbischof für sechs weitere Jahre zum Stadtdechanten ernannt worden.

Zu Beginn seiner nunmehr dritten Amtszeit hat Janßen seinen Amtsbruder, Christian Böckmann, der als Pfarrer an der Spitze von St. Barbara und St. Mariä Himmelfahrt steht, zu seinem Stellvertreter ernannt. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck hat Böckmann inzwischen auch in das Essener Domkapitel berufen. Darüber hinaus arbeitet dem Stadtdechanten, mit Miriam Weinert-Al-Jubori eine neue Assistentin zu. Die studierte Betriebswirtin und dreifache Mutter sehen ihren Schwerpunkt in der Öffentlichkeitsarbeit. „Wir können hier in Mülheim nicht die Welt verändern. Aber wir können tun, was uns möglich ist, um die Welt hier ein etwas besser zu machen. Und ich möchte das, was Gemeinden und Stadtkirche in diesem Sinne tun in das Bewusstsein der Öffentlichkeit hineintragen“, sagt Miriam Weinert-Al-Jubori.
Aktuell sehen die beiden Mülheimer Pfarrer und die beiden neuen Vorsitzenden des Stadtkatholikenrates die Umsetzung der 2015 angestoßenen und 2018 durch die Voten der dreien Mülheimer Pfarreien konkretisierten Pfarreientwicklungspläne als dringlichste Aufgabe an. Dazu erklärt der Stadtdechant: „Die Entscheidungsfindung in den Gemeinden ist durch die Corona-Pandemie verszögert worden, nimmt aber jetzt wieder Fahrt auf, so dass wir der Öffentlichkeit mittelfristig auch konkrete Veränderungen mitteilen können, wobei ich davon ausgehe, dass Mülheim auch langfristig mit St. Mariae Geburt, St. Mariä Himmelfahrt und St. Barbara drei Pfarrgemeinden behalten wird. Mit Blick auf die Gemeindeverwaltung könnte ich mir aber durchaus eine Zentralisierung auf dem Kirchenhügel vorstellen.“

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Helfen und handeln, wo es notwendig isr

 Was kann unsere Stadtgesellschaft stark machen? Der Vorsitzende des Mülheimer Caritasverbandes und des Seniorenbeirates, Paul Heidrich, der sich als Christdemokrat seit sechs Jahrzehnten auch sozial- und kommunalpolitisch engagiert, appelliert im Gespräch mit der Mülheimer Woche an das soziale und politische Gewissen seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger.


Was hat Ihr sozialpolitisches Engagement inspiriert?
Paul Heidrich: Das hatte mit dem Vorbild meines Vaters Hubert zu tun, der sich im Kolpingwerk und in der Katholischen Arbeitnehmerbewegung engagiert hat. Hinzu kamen meine beruflichen Erfahrungen im Bereich der Krankenkassen.
Was hat Sie angetrieben?
Paul Heidrich: Mein berufliches und mein ehrenamtliches Engagement ist an vielen Stellen ineinander übergegangen und wurde auch durch meinen christlichen Glauben gestärkt. Ich wollte immer helfen, wo es notwendig war.

Was konnten Sie bewirken?

Paul Heidrich: Ich nenne nur zwei Beispiele: Als stellvertretender Vorsitzender der Schulpflegschaft an der Grundschule Bruchstraße konnte ich den lange geplanten, aber nie in Angriff genommenen zweiten Bauabschnitt realisieren helfen. Und später konnte ich als CDU-Fraktionsvorsitzender in der Landschaftsversammlung des Landschaftsverbandes Rheinland erreichen, dass der LVR 1,5 Millionen Euro für die Einrichtung des Mülheimer Ledermuseums an der Düsseldorfer Straße bereitstellte. Beides hat viel Zeit und Arbeit gekostet, aber wenn man am Ende den Erfolg auf seiner Seite hat, freut man sich über den Mehrwehrt des eigenen Einsatzes.

Wie kann die Kommunalpolitik den sozialen Zusammenhalt und das bürgerschaftliche Engagement in unserer Stadt fördern?

Paul Heidrich: Aufgrund der hohen Verschuldung der Städte hat die Kommunalpolitik hier nur einen sehr begrenzten Spielraum. Deshalb brauchen wir eine Sonderregelung zur Übernahme bzw. Tilgung der Altschulden. Aber abgesehen davon, muss Kommunalpolitik die Bürgerinnen und Bürger bei ihren Entscheidungen mitnehmen, so dass sie erkennen und nachvollziehen können, dass dort, wo etwas gemacht wird, es auch wirklich notwendig ist. Es darf nicht so laufen, wie bei der Hauptschule an der Bruchstraße, die erst zur Zukunftsschule ausgebaut werden sollte und dann geschlossen wurde. Und es darf auch nicht so laufen, wie nach dem Bürgerentscheid zugunsten der Volkshochschule an der Bergstraße, bei dem die Bürgerinnen und Bürger, die sich für den Erhalt des VHS-Standortes ausgesprochen haben, mit dem Gefühl zurückgelassen werden, dass ihr Votum keine praktischen Konsequenzen hat.

Wie würden Sie für ein bürgerschaftliches Engagement in unserer Stadtgesellschaft werben?

Paul Heidrich: Es geht darum, zu helfen, wo es notwendig ist. Das geschieht leider viel zu selten. Deshalb bin ich auch sehr dankbar für die Arbeit der Sozialverbände, ohne die es in unserer Stadtgesellschaft noch schlechter aussähe, als es jetzt schon der Fall ist. Deshalb beklage ich auch die Kirchenaustritte, weil die Sozialarbeit der katholischen Caritas und der evangelischen Diakonie die Unterstützung durch Kirchensteuern zahlende Kirchenmitglieder braucht und verdient.

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Starke Hilfe

 Die Kriegsbilder aus der Ukraine schockieren. 15 Frauen und Männer aus Mülheim haben sich aus ihrer Schockstarre herausbewegt. Sie engagieren sich nach einem Aufruf in dieser Zeitung seit März in der Ukraine-Hilfe der Arbeiterwohlfahrt (AWO), indem sie für die rund 2000 ukrainischen Flüchtlinge in unserer Stadt einen Schenkladen am Dickswall 98 einen Schenkladen betreiben.

 

Es sind größtenteils ukrainische Frauen und ihre Kinder, die von heute auf morgen, mit nichts oder nur wenig, Zuflucht in Mülheim gefunden haben. Kleidung, Spielsachen, Schulmaterial und Hygieneartikel haben hilfsbereite Mülheimerinnen und Mülheimer in der ergotherapeutischen Praxis der AWO an der Hauskampstraße 58 abgegeben. Hier befindet sich die provisorische Lage der Ukraine-Hilfe, in der die Sachspenden bei Bedarf von den Ehrenamtlichen gewaschen und aufgearbeitet werden, bevor sie zur Ausgabe in den Schenkladen gehen.

 

„Der Winter steht vor der Tür. Deshalb brauchen wir jetzt Winterkleidung. Aber auch Schulmaterial, Spielzeug und Hygieneartikel sind weiterhin vonnöten“, sagt AWO-Geschäftsführerin Michaela Rosenbaum. Sie macht klar: „Auch kleine Spenden, etwa ein Mantel, eine Mütze, ein Schal, ein Pullover oder Handschuhe, können für die Flüchtlinge aus der Ukraine eine große Hilfe sein! Dabei sollte man bitte nur Kleidung spenden, die man selbst auch noch tragen würde.“ Wie Rosenbaum engagiert sich auch ihre AWO-Kollegin Stephanie Marschall in ihrer Freizeit ehrenamtlich in der Ukraine-Hilfe. „Auch Einkaufsgutscheine und Geldspenden sind natürlich hilfreich“, sagt Marschall. Auf diesem Weg möchte sie sich für die 6400 Euro, die bisher unter dem Stickwort „Ukraine-Hilfe“ auf dem Konto der AWO eingegangen sind. „Nicht nur Menschen aus Mülheim, sondern auch Essener Schüler, die von unserer Hilfsaktion gehört haben, haben uns mit einer Spende unterstützt“, erklärt sie.

 

Warum engagieren sich Frauen und Männer zwischen 18 und 82 für die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine?

 

„Geben gibt! Wir können den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nicht beenden. Aber wenn wir etwas für die Menschen tun können, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hat, ist das Gefühl der eigenen Ohnmacht nicht ganz so groß und schmerzlich.“, betont Rosenbaum.

 

„Ich war vorher schon auf der Suche nach einem sinnvollen ehrenamtlichen Engagement. Und als ich den Aufruf der AWO las, wusste ich: ‚Das ist das Richtige für mich!‘“, erklärt Martina Lauermann, die beruflich bei der Stadtverwaltung arbeitet.

 „Ich unterstütze meine Frau“, sagt Nadim El Masri. Jacqueline El Masri vom Tageseltern-Verein Kinder aus Mülheim erkannte den Aufruf der AWO als einen guten Anknüpfungspunkt für die Hilfspläne in ihrem Verein. Ursula Busch, Mitarbeiterin der Mülheimer SPD, die sich ehrenamtlich im Verein Brigs for the Kids engagiert, „musste mit den Tränen kämpfen“, als sie in dem vom Deutschen Roten Kreuz betreuten Flüchtlingscamp an der Mintarder Straße, in die ungläubigen Augen der ukrainischen Kinder schaute, denen sie das gespendete Spielzeug in die Hand drückte und immer wieder zu hören bekam: „Ich habe heute doch gar keinen Geburtstag!“ Elke von der Aue, die sich auch im Elefon-Team der AWO für Kinder in Not engagiert, bestätigt Buschs Erfahrung: „Wenn man die unglaubliche Dankbarkeit der Mütter und ihrer Kinder sieht und ihr ‚Dankeschön!‘ hört, können einem schon die Tränen kommen.“ Unf f+r Helga Jungnickel, die bereits seit 2008 zum ehrenamtlichen Mitarbeiterteam der AWO gehört, kann sich als DDR-Flüchtlingskinder, das 1960 in den Westen Deutschlands kam, kann sich nur zu gut in die Lage der Mütter und Kinder aus der Ukraine hineinversetzen. Für sie steht fest: „Den Menschen muss doch geholfen werden.“ Kontakt und Information zur Ukraine-Hilfe der AWO gibt es unter: www.awo-mh.de und per E-Mail an: schenkladen@awo-mh.de 


Zu meinen Beiträgen in NRZ und WAZ

Sonntag, 23. Oktober 2022

Reden wir über Rassismus

 Aus dem jüngsten Jahresbericht der Antidiskriminierungsberatungsstelle der Bundesregierung geht hervor, dass sich im vergangenen Jahr 37 Prozent der 5600 Ratsuchenden aufgrund rassistischer Diskriminierung unter der kostenfreien Rufnummer 0800-5465465 an die Beratungsstelle des Bundes gewandt haben. „Neben der Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes sei außerdem der Ausbau flächendeckender, auch zivilgesellschaftlicher Beratung gegen Diskriminierung wichtig“

 

 Im Gespräch mit dieser Zeitung beschreibt, die aus dem Senegal stammende Pädagogin ihre Sicht nicht nur auf den Alltagsrassismus in unserer Stadt, sondern auf unterschiedliche Diskriminierungsformen und was man aus ihrer Perspektive dagegen tun kann. Derzeit leben in Mülheim Menschen aus 150 Nationen.

Überrascht Sie der hohe Rassismus-Anteil der Ratsuchenden, die sich an die Diskriminierungsstelle des Bundes gewandt hat?

Nein. Ich gehe beim Thema Alltagsrassismus von einer hohen Dunkelziffer aus, weil sich viele Betroffene nicht an öffentliche Beratungsstellen, sondern zuerst an Freund*innen, Familien und Betroffenen und an Migranten-Organisationen wenden, um Unterstützung zu bekommen.

Macht eine Antidiskriminierungsstelle auch auf lokaler Ebene Sinn?

Auf jeden Fall. Und ich freue mich, dass wir wahrscheinlich bis Ende des Jahres eine solche Antidiskriminierungsstelle bekommen. Die Stellenausschreibung läuft. Damit erfüllen CDU und Grüne eine Vereinbarung ihres Koalitionsvertrages. Wichtig ist, dass diese Antidiskriminierungsstelle, die nicht nur Beratung,- sondern auch Bewusstsein schaffende Öffentlichkeitsarbeit nicht im Rathaus, sondern in unabhängigen neutralen Strukturen einfließen vielleicht beim Centrum für bürgerschaftliches Engagement oder bei den Sozialverbänden angesiedelt wird. Die Ratsuchenden sind von unterschiedlichen Diskriminierungsformen wie Homophobie, Antisemitismus, Ableismus, Altersdiskriminierung, Klassismus, Sexismus, antimuslimischen/ antischwarzer Rassismus .. etc

Warum ist eine unabhängige Beratungsstelle auf neutralem Boden wichtig?

Weil viele von Rassismus betroffene Menschen, die zum Beispiel in Kindertagesstätten, Schulen, bei der Polizei, in Gerichten oder in der Stadtverwaltung rassistisch diskriminiert worden sind mit ihrer Beschwerde dort kein Gehört finden, weil sie dort auf eine kollegiale Abwehrhaltung treffen, die sagt: „Wir sind nicht rassistisch. Bei uns gibt es das nicht.“ Deshalb kann hier nur eine neutrale, zivilgesellschaftliche Beratungsstruktur den Betroffenen wirklich helfen, damit sie zu ihrem Recht verhelfen, das im Diskriminierungsverbot des Grundgesetz-Artikels 3 verankert ist.

Wo und wie erleben Sie Rassismus?

Ich nenne Ihnen drei Beispiele: Ich sitze mit zwei weißen Fahrgästen im Bordrestaurant der Deutschen Bahn. Die Servicekraft kommt und fragt die weiß positionierten Fahrgäste, was sie essen und trinken wollen. Mich fragt sie aber nicht. Ich frage sie: „Darf ich hier nichts essen und trinken?“ Die Servicekraft antwortet: „Ich habe Sie nicht gesehen!“ Ich erwidere: „Das kann doch gar nicht sein!“ Ich lasse den Leiter des Bordrestaurants kommen und spreche ihn auf das rassistische Verhalten der Servicekraft an. Er bietet mir einen Gutschein als Entschuldigung an. Ich aber sage ihm: „Ich brauche nicht Ihren Gutschein, sondern Ihre Sensibilität!“ Das war auch schön zu erfahren, dass die weißen Gäste meine Aussage bekräftigt haben.

Beispiel 2: Als Studentin stand ich vor einer deutschsprachigen Universität, als mir eine alte Dame zurief: „Du bist eine Schmarotzerin. Geh nach Hause.“ Ich habe ihr dann höflich geantwortet: „Ich bin keine Schmarotzerin. Ich studiere hier als Stipendiatin. Habe ich als Mensch nicht das Recht mich frei zu bewegen und dort zu lernen und zu arbeiten, wo ich es will?“ Sind die Europäer nicht auch ungefragt nach Afrika gekommen, um uns als Kolonialisten auszubeuten und zu unterdrücken? Dann bin ich nach Hause gegangen und habe geweint. Oder ich besuche als Mutter zweier Kinder den Tag der Offenen Tür eines Mülheimer Gymnasiums und bekomme als Einzige in der Gruppe keine Informationsbroschüre, weil man nicht davon ausging, dass Kinder einer schwarzen Frau das Gymnasium besuchen können.

Was kann und soll man gegen Rassismus tun?

Nur gemeinsam können wir gegen Rassismus und andere Diskriminierungsformen kämpfen, weil den Machtverhältnissen eine große Rolle spielen. Bildung, menschliche Bindung, Einfühlungsvermögen, Gemeinsinn, Begegnung und Dialog sind die besten Mittel gegen Rassismus. Wir brauchen mehr Wissen über Frieden, Menschenrechte, Kolonialismus und globale Zusammenhänge.  Das gilt nicht nur für Schulen, sondern für alle gesellschaftlichen Ebenen und Institutionen, die externe Unterstützung anfordern können und müssen. Wer Rassismus erleidet oder auch nur miterlebt, darf nicht darüber schweigend hinweggehen. Man muss das Ansprechen und sich Verbündete suchen, die Unterstützung geben. Man muss von Rassismus betroffene Menschen in der Beratung ernstnehmen und so Vertrauen in den Rechtsstaat schaffen.


Gilberte Raymonde Driesen lebt seit 2007 in Deutschland. Sie hat Germanistik und Romanistik studiert und als Gymnasiallehrerin im Senegal gearbeitet. Heute ist sie hauptberuflich für das Centrum für bürgerschaftliches Engagement tätig und arbeitet nebenamtlich als Diversitätstrainerin, etwa in Vereinen, Gemeinden, Kindertagesstätten und Schulen aber auch im Rahmen deutsch-afrikanischer Schulpartnerschaften für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Ehrenamtlich gehört sie dem Vorstand des Integrationsrates an und leitet den deutsch-senegalesischen Bildungs-, -Kultur- und Sozialverein Axatin e.V. www.axatin.de


Meine Texte in NRZ/WAZ

Donnerstag, 20. Oktober 2022

Mit Styrum durchs neue Jahr

 In Styrum hat das neue Jahr 2023 schon begonnen. Denn am 15. Oktober stellten dort der Geschichtsgesprächskreis und seine Chef-Layouterin Ulrike Nottebohm den vierten Stadtteil-Kalender aus ihrer gemeinsamen Produktion der interessierten Öffentlichkeit vor.


Wer drei Euro in den Kauf des Stadtteil-Kalenders investiert, wird mit einer interessanten Mischung aus alten und neuen Bildern aus dem Styrum von gestern und heute belohnt. Die neuen Styrumer  Ansichten präsentiert Ulrike Nottebohm mit Collagen unterschiedlicher Motive aus dem Stadtteil, die den Betrachter zum genauen Hinschauen motivieren.

Das historische Bildmaterial stammt aus den immensen Quellen der geschichtsinteressierten Styrmer. Ulrike Nottebohm nannte die "dokumentarische Vorarbeit", die der Geschichtsgesprächskreis in den letzten 31 Jahren unter anderem mit seinen Styrum-Büchern geleistet habe, "gigantisch" und versicherte den Mitgliedern des Gesprächskreises, dass sie auch in ihrem nun beginnenden Ruhestand "dem Geschichtskreis und seinen Publikationen treu bleiben" werde.

"Sie können stolz auf Ihr Engagement, dass die Styrumer Geschichte auch für die kommenden Generationen festhält. Dieser Kalender kann das Gespräch zwischen den Generationen, zuhause oder auch in der Schule oder in der Feldmann-Stiftung initiieren und inspirieren. Ich möchte Ihnen sagen, dass wir als Bezirksvertretung für den Mülheimer Norden immer an ihrer Seite stehen, wenn Sie ihre kommenden Projekte rund um die Geschichte des Stadtteils angehen werden, sagte der stellvertretende Bezirksbürgermeister Armend Plana. Der Vorsitzende des Geschichtsgesprächskreises Manfred Bogen, Styrumer des Jahrgangs 1946, warb bei den geschichtsinteressierten Mitbürgern für eine Mitarbeit im Geschichtsgesprächskreis, der sich am zweiten und vierten Freitag des Monats, jeweils von zehn bis zwölf Uhr in der Feldmann-Stiftung an der
Augusta Straße 114 trifft.

Den vierten Styrum-Kalender, der eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt, ist unter anderem in der Feldmann-Stiftung an der Augusta Straße 114, im RWW-Wassermuseum Aquarius an der Burgstraße 70 sowie in der Stadtbibliothek am Willy-Brandt-Platz 2, in den Buchhandlungen Fehst am Löhberg 4 und bei den Broicher Bücherträumen an der Prinzess-Luise Straße 7-9 und beim Uhrmacher Hennenbruch an der Oberhausener Straße 155 erhältlich.

Dienstag, 18. Oktober 2022

Neustart des Netzwerkes der Generationen

Angesichts des demografischen Wandels hat die Stadt Mülheim an der Ruhr das Netzwerk der Generationen initiiert. Seine Idee: Interessierte Bürgerinnen und Bürger treffen sich in stadtteilbezogenen Netzwerkgruppen, um in ihrer Nachbarschaft soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Die Netzwerkgruppen dienen aber auch als Forum des Informationsaustausches. Dazu gehören auch Ideen, wie man Probleme vor Ort lösen könnte und diese Bürgervorschläge in die Stadtverwaltung, in den Rat der Stadt und in die Bezirksvertretungen einzuspeisen.

Die Corona Pandemie hat die Arbeit des vom städtischen Sozialplaner Jörg Marx koordinierten  Netzwerkes der Generationen beeinträchtigt. Die Netzwerkgruppen in Dümpten, Styrum, Broich-Saarn, Stadtmitte, Eppinghofen und in Speldorf konnten sich nach dem Ausbruch der Pandemie seit März 2020 nicht mehr treffen. Doch seit Juni 2022 starten die von den Senioren- und Wohnberatern- und Beraterinnen, Ragnhild Geck, Holly Uhlendorff und Holger Förster geleiteten Netzwerkgruppen wieder durch.Mit aussagekräftigen Fotos des Mülheimer Fotografen, Volker Fecht, präsentiert sich das Netzwerk der Generationen (bis zum 21. Oktober und dann wieder im Januar und Februar 2023), in der Evangelischen Ladenkirche an der Kaiserstraße 4 mit seinen bisherigen Aktivitäten. An diese Aktivitäten, etwa Quartierswerkstätte, Stadtteilfeste, Gruppentreffen, Stadtteilspaziergänge und andere Freizeitangebote.will das Netzwerk der Generationen mit möglichst vielen interessierten Bürgerinnen und Bürgern jetzt anknüpfen und neu starten, um Menschen und Nachbarschaften zu stärken und zu stabilisieren.

Ansprechpartner: Netzwerk der Generationen

Jörg Marx, Koordination

Joerg.marx@muelheim-ruhr.de

0208-455-5012

Ragnhild Geck, Stadtmitte, Eppinghofen, Heißen

0208-455-5057

Ragnhild.geck@muelheim-ruhr.de

Holly Uhlendorff: Broich-Saarn und Speldorf

0208-455-5058

Holly.uhlendorff@muelheim-ruhr.de

0208-455-5058

Holger Förster: Dümpten und Styrum

Holger.foerster@muelheim-ruhr.de


Zur Stadt Mülheim an der Ruhr

Sonntag, 16. Oktober 2022

Mehr Rücksicht, bitte!

 Am Tag des weißen Stocks (15. Oktober) berichtet der Leiter der städtischen Hörzeitung Echo Mülheim, Ali Arslan, wie er aufgrund als spät erblindeter Mensch seinen Alltag in Müllheim erlebt. Der Tag des Weißen Stocks geht auf den US-Präsident Lyndon B Johnson zurück und wird seit 1964 begangen, um die Belange blinder Menschen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Was bedeutet der Weiße Stock für Ihren Alltag?

Der weiße Stock ist für mich ein verlängerter Zeigefinger, der mir hilft, immer einen Schritt vorauszudenken und damit Hindernisse zu umgehen und Unfälle zu vermeiden. Das bedeutet für mich Freiheit und Mobilität.

Wo treffen Sie als blinder Mensch auf Hindernisse?

Das können Autos sein, die auf dem Gehweg parken. Das können Tische und Stühle einer Außen Gastronomie sein. Das können Auslagen, Kleiderständer oder Werbeträger sein, die vor Geschäften stehen. Auch Gullideckel, Pflastersteine, Straßenbahnlinien, hochstehende Bordsteinplatten, oder Schlaglöcher können für mich zur Stolperfalle werden, wenn ich mit meinem weißen Stock dort hängen bleibe. Schwierig sind auch Menschengruppen, die sich auf dem Gehweg zusammenstellen und mit dem Rücken zu mir stehen, so dass sich mich nicht kommen sehen.

Wie reagieren Menschen, mit denen sie auf der Straße versehentlich zusammenstoßen?

Unterschiedlich. Manchmal lachen wir gemeinsam über unser Missgeschick. Manchmal werde ich aber auch angeschrien: ‚Sind Sie blind!‘ Dann sage ich: ‚Ja, das bin ich, wie Sie sehen!“ Manche Autofahrer hupen auch, weil ich ihnen mit meinem Weißen Stock nicht schnell genug über die Straße gehe.

Was sollten Menschen, die Sie kennen, machen, wenn Sie Ihnen auf der Straße begegnen?

Mich einfach kurz ansprechen und antippen, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun haben und wo Er oder Sie stehen.

Helfen Ihnen akustische Ampeln und taktile Leitlinien?

Auf jeden Fall. Solche Hilfsmittel bringen mich sicher weiter. Das gilt auch für meine Begleitpersonen oder für akustische Haltestellenansagen in Bus und Bahn und für akustische Etagenansagen im Aufzug.

Wie sieht es mit ihrer Freizeitgestaltung aus?

Als ich noch sehen konnte, habe ich gerne Stadt und Kulturreisen gemacht. Aber seit ich aufgrund meiner Glaukom-Erkrankung blind bin, fliege ich mit meiner ebenfalls erblindeten Frau im Sommer immer an denselben Ferienort in der Türkei, weil wir dort keine Sprachbarrieren haben und uns vor Ort gut auskennen. Als Fußballfan gehe ich gerne ins Stadion. Die meisten Profi-Fußballclubs bieten inzwischen auf ihren Tribünen Blocks mit für blinde und schwer sehbehinderte Menschen reservierten Sitzplätzen an. Dort sitzen auch vereinsinterne Sportreporter, die uns mit Mikro und Kopfhörer beschreiben, was gerade auf dem Spielfeld geschieht.

Sie machen hauptamtlich als Mitarbeiter der Stadtverwaltung im Medienhaus die wöchentlich erscheinende und kostenfrei an Blinde und Sehbehinderte versandte Hörzeitung Echo Mülheim mit aktuellen lokalen Informationen. Wie informieren Sie sich als blinder Mensch darüber hinaus?

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bieten eine Auto-Diskretion an, mit deren Hilfe das Geschehen auf dem Bildschirm für blinde Menschen detailliert beschrieben wird. Mein Hauptmedium ist aber das Radio.

Können Sie auch das Internet nutzen?

Ja. Das ist heute mit einer Spracherfassung-Software, die mir Texte aus dem Internet vorliest, kein Problem mehr.

Nutzen Sie weitere Hilfsmittel, die Ihnen den Alltag erleichtern?

Ja. Eine sprechende Uhr, eine sprechende Waschmaschine, ein Daisy-Player, der wie ein CD-Player aussieht, aber für Blinde sinnvolle zusätzliche Navigationshilfen hat und ein sprechendes Farberkennungsgerät, das mir beim Ankleiden hilft, machen mir das Leben leichter. Aber nicht alle Krankenkassen bezahlen alle Hilfsmittel. Hinzu kommen Begleitpersonen oder Alltagsassistenten, die ebenfalls keine Krankenkassen bezahlt. Wenn ich für eine gute na normale Waschmaschine 1000 Euro bezahle, muss, bei einer sprechenden Waschmaschine für blinde Menschen mit 4500 Euro rechnen. Auch andere akustische Hilfsmittel schlagen mit mehreren 100 Euro zu Buche. Deshalb müssen blinde Menschen einen Schwerbehindertenausweis haben, der sie berechtigt, ein monatliches Blindengeld zu beziehen. Dieses monatliche Blindengeld schwankt, altersabhängig, zwischen 300 und 600 Euro.

Gehen Sie nie allein durch die Stadt?

Früher habe ich das gemacht. Aber heute mache ich das nicht mehr. Im öffentlichen Raum bin ich immer mit einer sehenden Begleitperson unterwegs, weil der Straßenverkehr in den vergangenen Jahren zu laut und zu hektisch geworden ist und weil auch die allgemeine Rücksichtnahme leider zurückgegangen ist. Als blinder Mensch kann man auch in Bus und Bahn nicht mehr damit rechnen, dass man von Fahrgästen zu einem freien Sitzplatz geführt wird.

Wie sieht es für blinde Menschen auf dem Arbeitsmarkt aus?

Meine Frau und ich sind sehr dankbar dafür,  dass wir beide einen Arbeitsplatz haben, ich bei der Stadt Mülheim und meine Frau im Call-Center der Agentur für Arbeit. Aber es ist für blinde Menschen heute schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. Die besten Chancen haben sie noch in der Bürokommunikation, wenn Sie über computertechnische Fähigkeiten verfügen. Andere Arbeitsplätze, wie Telefonist, Masseur oder Klavierstimmer sind heute nur noch ganz selten zu finden. Das waren für klassische Berufe für blinde Menschen. Politik und Wirtschaft sollten Ausgleichszahlungen für Arbeitgeber, die keine oder zu wenige Menschen mit Handicap einstellen, abschaffen und stattdessen alles dafür tun, dass Arbeitnehmer mit Handicap einer Erwerbsarbeit nachgehen und sich so ein selbstbestimmtes Leben finanzieren können.

 

Was wünschen Sie sich zum Tag des Weißen Stocks?

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der die Menschen wieder mehr Rücksicht aufeinander nehmen und bereit sind sich gegenseitig im Alltag zu helfen, weil keiner nur für sich alleine leben kann. Nur so kann Frieden entstehen. 

Ali Arslan steht blinden und sehbehinderten Menschen gerne als Ratgeber zur Seite. Er ist unter der Rufnummer: 0208-455-4288 oder per Mail an: hoerzeitung@muelheim-ruhr.de erreichbar.


Meine Beiträge in NRZ/WAZ

Freitag, 14. Oktober 2022

Ein Krieg, der Erinnerungen weckt

 Wenn Helga (90), ihren vollen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, die Kriegsnachrichten aus der Ukraine verfolgt, werden bei ihr Erinnerungen an ihre Kindheit im Nazi-Deutschland wach. „Warum muss Krieg denn sein? Das macht doch keinen Sinn! Was der russische Präsident Putin tut, erinnert mich an Hitler“, sagt die Zeitzeugin im Gespräch mit dieser Zeitung.

 

Seit Herbst 1945 ist sie in Mülheim zu Hause. Zufällig wurde sie 1932 auch hier geboren, „weil meine hochschwangere Mutter damals in Mülheim ihre Eltern besuchte, die an der Mellinghofer Straße wohnten“, erzählt Helga. Aber ihre Heimat ist das heute zu Polen gehörende Schlesien. In Pietschen (Kreis Kreuzburg) wuchs sie auf. Von dort aus musste sie im Januar 1945 mit ihrer Mutter und ihre zwei Jahre ältere Schwester vor der heranrückenden Roten Armee fliehen. Auf der Flucht wären die Drei um Haaresbreite von tschechischen Freischärlern erschossen worden. „Deshalb kann ich mich gut in die Menschen hineinversetzen, die heute vor den russischen Truppen aus ihrer ukrainischen Heimat zu uns fliehen“, sagt Helga.

 

Während sie mit ihrer Mutter und mit ihrer Schwester den Krieg überlebte und in Mülheim mithilfe der Großeltern eine neue Heimat fanden, überlebte Helga Vater den Krieg nicht. Denn der selbstständige Schreinermeister wurde in den letzten Kriegstagen zum Volkssturm eingezogen und starb wenig später in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager.

 

Die Flucht aus dem deutschen Osten in den deutschen Westen war für Helga ihre Schwester und ihre Mutter abenteuerlich. Sie führte über Tschechien, Bayern und Ostwestfalen ins Ruhrgebiet. Zum Teil waren die Drei zu Fuß mit einem Bollerwagen unterwegs. Zum Teil fuhren Sie in offenen Zügen mit Kriegsgefangenen oder auf Kohleladungen sitzend durch das vom Krieg zerstörte Deutschland.

 

Schon als Kind erkannte Helga, was es bedeutet, wenn das eigene Land durch ein totalitäres und menschenverachtendes Regime beherrscht und ins Verderben gestürzt wird. „Als ich sechs Jahre alt war, wurden Menschen mit einem gelben Davidstern durch unsere Straße getrieben und die von Schwarzuniformierten mit Gewehrkolben geschlagen. Als ich Mutter davon berichtete, dass Verbrecher durch unsere Straße geführt worden seien, erklärte sie mir: Das sind keine Verbrecher. Das sind Juden, die so wie wir Christen an den lieben Gott glauben. Meine Frage, warum man sie dann, wie Verbrecher, behandele, beantwortete Mutter mit dem Hinweis: „Das ist Unrecht, aber du darfst keinem davon erzählen. Das muss unser Geheimnis bleiben.“

 

Helga und ihre Familie standen unter der Beobachtung der örtlichen NSDAP, weil sich ihr Vater weigerte, in die Partei Hitlers einzutreten.

„Einmal wurde unseren Eltern damit gedroht, dass man uns ihnen wegnehmen und in einem Kinderheim richtig erziehen werde, weil auf der Straße oft nicht mit dem deutschen Gruß grüßten. Unter diesem Druck haben uns unsere Eltern dann doch zum NS-Bund Deutscher Mädel geschickt, wo wir einmal in der Woche zum Fahnenappell antreten, und NS-Lieder singen mussten“, berichtet Helga.

 

Unvergessen bleibt ihr der „arme Hitlerjunge“, „dem vor der ganzen Gruppe die Abzeichen auf seinem HJ-Hemd abgerissen wurden, weil er eine jüdische Großmutter hatte.“ Mit einer List mogelte sich Helga an dem Jungen vorbei, ohne ihn, wie von den HJ-Führern befohlen, zu bespucken.

 

„Ich weiß“, schaut Helga zurück, „dass mein Vater nach der Reichspogromnacht im November 1938 einem jüdischen Schuhhändler geholfen hat, seine von SS-Leuten zerschlagenen Schaufenster mit Holzbrettern abzudichten“, sagt Helga. Beklommen erinnert sie sich auch an einen Einkauf in Breslau, bei dem sie miterlebte, wie einem Mann mit Davidstern der Kauf eines Türschlosses verweigert wurde. Das von ihm gewünschte Türschloss kaufte dann mein Vater und ließ mich dem jüdischen Mann nachlaufen, um ihm das Türschloss zu geben“

 

Im Gedächtnis geblieben ist Helga auch die Doppelmoral des Schulrektors, der angesichts der heranrückenden Roten Armee allen Einwohnern, die die Stadt räumen wollten, mit standrechtlicher Erschießung drohte, obwohl sich seine Frau mit einem Treck in Richtung Westen abgesetzt hatte.

 

Doch Helgas Vater erkannte die Lage und baute zwei große Holzkoffer für seine Frau und seine beiden Töchter, mit denen er sie auf die ungewisse Reise nach Westen schickte. „Da die Eltern meiner Mutter in Mülheim an der Ruhr lebten, wollten wir uns dorthin durchschlagen“, erinnert sich Helga.

 

Der Anfang im kriegszerstörten Mülheim war hart. „Bei der Ankunft am Bahnhof stellten wir fest, dass unsere Holzkoffer aufgebrochen und ihr Inhalt gestohlen worden war. Wir mussten also hier bei Null anfangen. Wir hatten nur das, was wir am Leibe trugen, zum Beispiel unsere Decken. Doch wir konnten erst bei unseren Großeltern an der Mellinghofer Straße und später in einem Zimmer an der Oberhausener Straße unterkommen“, berichtet Helga.

 

An der Oberhausener Straße ging sie auch zur Schule und wurde von den Quäkern mit einer Schulspeisung versorgt. „Wir bekamen Erbsen- oder Biskuitsuppe und einmal sogar Schokolade“, weiß Helga zu berichten. Bevor sie nach ihrem Schulabschluss, in der Stadtmitte eine Friseurlehre begann und diesen Beruf dann auch gerne bis zur Rente ausübte, musste Helga „als Hilfslehrerin bei den I-Dötzchen aushelfen, weil es damals zu wenige entnazifizierte Lehrer gab.“ 2003 hat Helga ihre alte schlesische Heimat Pietschen, die heute als Teil Polens Byczyna heißt, noch einmal mit ihrer Schwester besucht. Auf ihrer wehmütigen Spurensuche haben die beiden Schwestern Neues und Altbekannte entdeckt, aber vor allem die Erkenntnis mitgenommen, „dass Krieg nicht nur über unsere Familie viel Leid gebracht hat, weil zu viele Menschen extremen politischen Führern und ihrer menschenverachtenden Ideologie gefolgt sind.“


Meine Beiträge in NRZ und WAZ

Schein und Sein

 Heuchler wurden im antiken Griechenland und im alten Rom Hypokrit genannt. Jetzt hatte mit „Hypocrites“ die neue Volxbühnenproduktion im Th...