Montag, 14. November 2022

Traurige Aktualität

 Am Volkstrauertag 2022 waren deutlich mehr Bürgerinnen und Bürger zum Mahnmal des unbekannten Soldaten gekommen, um den vergangenen und den gegenwärtigen Opfern von Krieg Gewalt Herrschaft und Terrorismus zu gedenken. Vorsichtig geschätzt waren es 100 Bürgerinnen und Bürger, die sich vor dem Mahnmal an der Kettwigerstraße versammelt hatten.

Der Volkstrauertag wurde auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1919 ins Leben gerufen und 1922 zum staatlichen Gedenktag erklärt. Bürgermeister Markus Püll zitierte in seiner Funktion als Kreisvorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge unter anderem aus einer vor 100 Jahren gehaltenen Reichstagsrede des Sozialdemokraten Paul Löbe: „Wir brauchen Versöhnung und Verständigung, um Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch, um Tote zu ehren und Verlorene zu beklagen. Das bedeutet Abkehr vom Hass und Heimkehr zur Liebe. Und unsere Welt hat die Liebe nötig!

Der Superintendent der evangelischen Kirche Pfarrer Gerald Hillebrand und der Stadtdechant der katholischen Kirche Pfarrer Michael Janßen setzten mit einer Dialogansprache ein Zeichen der Ökumene. Sie machten deutlich, dass die Erinnerung an Krieg und Gewaltherrschaft in Deutschland auch heute und künftig notwendig sei, um die Werte der christlichen Botschaft, die auch die Werte der freiheitlichen Demokratie und des Grundgesetzes seien, zu bewahren, zu leben und, wo nötig, zu verteidigen. Hillebrand sagte: „Es gibt heute viele Menschen, die das gemeinsame Gedenken am Volkstrauertag, viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Frage stellen. Doch wir sollten an diesem gemeinsamen Gedenken am Volkstrauertag festhalten. Denn es hat seinen Sinn, in dem es die Toten ehrt, die Lebenden mahnt und die Kommenden warnt!“ Und Janßen betete: „Gott, wir bitten dich: Schenk uns Aufmerksamkeit und Zivilcourage, damit wir protestieren, wo wir Unrecht wahrnehmen, dass wir helfen, wo die menschliche Würde mit Füßen getreten wird und dass wir Menschen auf der von dir so wunderbar geschaffenen Mutter Erde erkennen, dass wir alle deine Kinder sind.“

Der vom Musiklehrer Stephan Adam-Glagovsek  geleitete Oberstufenchor der Gesamtschule Saarn und das Bläserensemble um den Rathaus-Mitarbeiters, Alexander Vogtmann, begleiteten die Kundgebung zum Volkstrauertag musikalisch und gaben ihr damit einen würdigen und berührenden Charakter. Die Lieder, die die Saarner Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschüler sangen, „Flashlight“ und „Time“ erzählten von der Widersprüchlichkeit unseres menschlichen Lebens und unserer Welt, die so wunderbar und zugleich auch so grausam sein können. Und sie erzählten von der vergehenden Zeit, die es uns möglich machen kann, aus Fehlern zu lernen, Schuld zu vergeben und sich mit sich selbst und mit anderen Menschen zu versöhnen. Die Bläser um Alexander Vogtmann setzen mit der Internierung des 1841 von Hoffmann von Fallersleben gedichteten Deutschlandliedes den Schlussakkord, dessen dritte Strophe von allen Anwesenden gemeinsam gesungen, mit dem Dreiklang von Einigkeit und Recht und Freiheit den Kern unserer Demokratie, in Erinnerung rief, der am Volkstrauertag 2022, angesichts der inneren und äußeren Anfechtungen unserer Demokratie eine tiefere Bedeutung bekam.

Zu den Mülheimerinnen und Mülheimern, die an diesem Sonntagmittag den Weg zum Mahnmal des Unbekannten Soldaten gefunden hatten, gehörten auch Oberbürgermeister Marc Buchholz und der ehemalige Bürgermeister und FDP-Stadtrat Paul Gerhard Bethge. Er gehört mit seinen 98 Lebensjahren zur Generation, die als Soldaten der deutschen Wehrmacht vom Hitler Regime missbraucht wurden und nach dem erlebten und überlebten Krieg von Werkzeugen der NS-Diktatur zu politischen Mitgestaltern der neuen westdeutschen Nachkriegsdemokratie geworden sind. Bethge erinnerte sich: „Ich habe die Errichtung des Mahnmals des Unbekannten Soldaten an der Kettwiger Straße in meinem ersten Ratsjahr 1964 vorgeschlagen und seine Realisierung im Jahr 1968 miterleben können. Nachdem dem Vertreter der politischen Parteien und andere gesellschaftliche Organisationen am Mahnmal Kränze niedergelegt hatten machte Bürgermeister Markus Püll deutlich, dass sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem in Mühlheim rund 50 Bürgerinnen und Bürger angehören, über zusätzliche Unterstützer und Mitglieder freuen würde. In diesem Zusammenhang erinnerte er daran, „dass die Pflege von Kriegsgräbern gerade für Jugendliche, die im Frieden aufgewachsen sind, eine anschauliche und praktische Form der Erinnerungskultur darstellt.“ Sie zeige Ihnen, so Püll, „was Krieg für Menschen bedeutet, und was getan werden muss, um auch heute und morgen Kriege zu verhindern oder zu beenden.“ Laut Püll gibt es in Mülheim acht Gräber von Mülheimer Soldaten, die in den beiden Weltkriegen gefallen sind. Nicht nur an die 10.000 Mülheimer Soldaten, die in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts ihr Leben verloren haben, wurde am Volkstrauertag erinnert, sondern auch an die 59 Bundeswehrsoldaten, die während des Afghanistan-Einsatzes zwischen 2001 und 2021 gefallen sind.

 Zum Volksbund Duetsche Kriegsgräberfürsorge

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