Donnerstag, 30. Juni 2022

Am Rathaus gestrandet

 In den vergangenen Tagen hat ein Street-Beach-Festival den Rathausmarkt zum Ruhrstrand gemacht. Sechs Tonnen Sand und gut 100 Liegestühle machten es möglich. Nach dem das Wetter den Veranstaltern von der Dortmunder Just-Festivals GmbH zeitweise einen Strich durch die Rechnung machte, stimmten am Samstag alle äußeren Bedingungen.

Mit Livemusik der Band Latino Total, die leider mit 45 Minuten Verspätung erst ab 18.45 Uhr aufspielte, ließen sich mehrere 100 Besucher aus allen Generationen in hochsommerlichen Schwung und vereinzelt sogar zum Tanzen bringen. Die Temperaturen und kühle Getränke taten ihr übriges. „Ich lasse hier meinen Mallorca-Urlaub, aus dem heute zurückgekommen bin, noch etwas nachwirken“, meinte ein 25-jähriger Mülheimer, der in seinem Liegestuhl unter einer Palme und mit südlichen Rhythmen im Ohr sichtbar entspannt die Leichtigkeit des Seins genoss.


Insgesamt bekamen die Veranstalter von ihren Beachparty-Gästen viel Lob. „Toll, das bringt Leben Innenstadt!“ und: „Die Leute sind entspannt und nicht mehr so aggressiv, wie während der Corona-Lockdowns“ war unter den Feiernden ebenso zu hören, wie: „Das sollte man öfter machen. Das ist wie Urlaub vor der Haustür“ oder: „Wann haben wir mal so viele Leute auf dem Rathausmarkt?“ Einige Beachboys- und Girls brachten aber auch den Stadthafen an der Ruhrpromenade oder den Stadthallengarten am Broicher Ruhrufer als vermeintlich bessere Location für eine Beachparty ins Gespräch.


Zwei Vegetarierinnen hätten sich etwas mehr kulinarische Auswahl gewünscht: „Hier gibt es ja fast nur Burger“, stellten sie enttäuscht fest. Tatsächlich gab es auf dem gestrandeten Rathausmarkt auch jenseits der Burger klassische Beach-Bissen, wie Eis, Poffertjes, Pommes und Pasta. An der Frage, ob die Getränke- und Imbisspreise „akzeptabel“ oder „zu teuer“ waren, schieden sich die Geister des Party-Publikums.

Eine Mutter hätte sich „eine Spielfläche für Kinder gewünscht“. Tatsächlich hatten sich einige Kinder ihre Eimer, Schippen und Förmchen mitgebracht, um wie an der Waterkant im Sand zu spielen. Doch fürs Burgenbauen reichte der reichlich aufgeschüttete Sand am Rathaus dann doch nicht.


Neben den Strand- und Partyfans schauten auch Extra-Schicht-Touristen am Rathausstrand vorbei, um sich für die nächste Kulturetappe inspirieren und stärken zu lassen. Der auffälligste Strandgast war am Samstagabend der Youtube-Video-Blogger Ralf Stolle, der für seinen Video-Blog „Erlebnistouren mit Ralf und Patty“ das gesellige Strandleben zwischen Rathaus-Kolonnaden und Bahnbögen einfing. „Das macht Spaß hier. Das Flair stimmt. Aber das Gelände ist zu klein für solches Strand-Festival. Da bietet ein vergleichbares Strandfest auf der König-Heinrich-Straße in Duisburg dem Publikum deutlich mehr“, findet Event-Chronist Stolle.


Meine Beiträge in NRZ und WAZ

Mittwoch, 29. Juni 2022

Kultur für Alle!

 "Kultur ist ein Lebensmittel, das wir täglich brauchen", hat der ehemalige Bundespräsident und NRW-Minister-Präsident Johannes Rau gesagt. Die im Kulturhauptstadtjahr 2010 in Gelsenkirchen gegründete Initiative Kulturpott setzt sein Wort bis heute in die Tat um, auch in Mülheim! 


Die Mülheimer Ortsgruppe der Kulturpott-Initiative hat sich jetzt personell und organisatorisch neu aufgestellt. Die ehemalige CBE-Mitarbeiterin, Marlies Rustemeyer, hat als Sprecherin der Gruppe die Nachfolge von Renate Vetter angetreten und gleichzeitig neue Netzwerkpartner gewonnen. Zu denen gehören unter anderem der am Löhberg ansässige Buchhändler Michael Fehst und die vom Mülheimer Ehepaar Wilfried Stascheit und AnnelieLöber ins Leben gerufene Kulturstiftung Selbst.Los.

Mit Fehsts Unterstützung wird die Stiftung kostenlose Bücher an Kinder und Jugendliche bringen, deren Eltern sich den Kauf von Büchern finanziell nicht leisten können.

Dass passt zum Programm der Initiative Kulturpott, die mit Hilfe ihrer zahlreichen Sponsoren im Kulturgebiet Ruhrgebiet seit 2010 kostenlos 140.000 Eintrittskarten an Menschen vermittelt hat, die trotz ihres schmalen Budgets Kultur- und Sport live mit anderen zusammen erleben konnten. Kulturgäste sind Menschen, die zum Beispiel als Klein-Rentner, ALG-II- und Grundsicherungsbezieher, als Wohngeld,- Sozialhilfe- oder Bafög-Empfänger sehr wohl Interesse, aber kein Geld übrig haben für den Besuch von Kultur- und Sportveranstaltungen.

Hier vermitteln die ehrenamtlich tätigen Kulturpottler, die man jetzt nicht mehr nur im Medienhaus am Synagogenplatz, sondern auch in der Evangelischen Ladenkirche an der Kaiserstraße 4 finden kann, mithilfe ihrer Ticket-Geber das zusammenkommt, was zusammengehört. Zu den Kulturpott-Sponsoren gehören auch Mülheimer Kulturinstitutionen, wie das Theater an der Ruhr, der Ringlokschuppen, der Verein Art Obscura oder die Volxbühne. 

Kein einsamer Kulturgenuss


"Wir vermitteln immer jeweils zwei Eintrittskarten, damit unsere Kulturgäste, von denen sich inzwischen einige auch selbst ehrenamtlich in unserer Initiative engagieren, immer eine Begleitung zum Theater,- Kabarett,- Kino,- Konzert,- Literaturabend,- Museums,- Ausstellungs- oder Stadionbesuch mitnehmen können", erklärt Marlies Rustemeyer.

Die vielfach bekundete und durch eigene ehrenamtliche Mitarbeit dokumentierte Dank der Kulturpott-Gäste spornt die Mülheimer Kulturpottlerinnen und ihre Gleichgesinnten in bisher 16 weiteren Ruhrstädten immer wieder an.

Wer Kulturpott-Gast werden möchte kann sich online unter: www.kulturpott.ruhr anmelden. Persönlich informieren und anmelden kann man sich, wenn man dienstags zwischen 15 und 17 Uhr den Weg ins Medienhaus am Synagogenplatz oder freitags zwischen 15 und 17 Uhr den Weg in die Evangelische Ladenkirche an der Kaiserstraße 4 findet. Dort bekommt man auch, die "Eintrittskarte", auf der man seine persönlichen Daten notiert und der jeweilige Sozialpartner die eigene Bedürftigkeit bestätigt.

Meine Beiträge für die Mülheimer Woche

Dienstag, 28. Juni 2022

Sicher kommt besser an

 Beim Radverkehr in der Innenstadt läuft es nicht rund. Davon konnten sich der Vorsitzende der Mülheimer Verkehrswacht Gunter Zimmermeyer und seine Verkehrswacht-Kolleginnen Susanne Kluge und Ursula Schröder am Samstag ein Bild machen. Allein zwischen 11 Uhr und 12.30 Uhr sprachen sie mehr als 60 Geisterfahrer auf dem Radweg an der Leineweberstraße an.

Es handelte sich dabei um Verkehrssünder, die entgegen der Ausschilderung den Radweg in Richtung Eppinghofer Straße befuhren und damit nicht nur sich selbst, sondern auch korrekt entgegenkommende Radfahrer und querende Fußgänger akut gefährdeten. Eigentlich, so klärten die Verkehrswächter immer wieder freundlich, aber bestimmt auf, müssten sie in Richtung Eppinghofer Straße und Dickswall den eigens von der Stadt markierten Radfahrstreifen auf der gegenüberliegenden Straßenseite benutzen.

Sie müssen aber angesichts der Straßenverkehrsrealität im Gespräch mit Radfahrern, Fußgängern und Anwohnern einräumen, dass der Verkehrsmix an der Leineweberstraße theoretisch gut gemeint, aber praktisch schlecht und damit für alle Verkehrsteilnehmer riskant gemacht worden ist. Denn der Radfahrstreifen, der nur auf die Fahrbahn aufgemalt worden ist, ist ohnehin schmal und wird rechtmäßig, aber offensichtlich sehr riskant von Rad- und Autofahrern gemeinsam benutzt. Der vorgeschriebene Sicherheitsabstand von 1,5 Metern wird nur selten von Autofahrern beachtet. Hinzu kommt, dass Fußgänger die Leineweberstraße nicht nur auf den dafür vorgesehenen Übergängen queren.

Ein zusätzliches Unfallrisiko sieht ein Anwohner der Leineweberstraße täglich darin, „dass immer wieder Autofahrer, die von der Eppinghofer Straße kommen, regelwidrig auf den Straßenbahngleisen in die Leineweberstraße abbiegen, um dann weiter stadteinwärts über die Leineweberstraße in Richtung Innenstadtkreuzung zu fahren oder gleich nach links in die Bachstraße einzubiegen.“

Der Vorsitzende der Verkehrswacht gibt sich keinen Illusionen hin. „Wir müssten hier nicht nur am Tag der Verkehrssicherheit, sondern regelmäßig hier stehen, um Verkehrsteilnehmer für mehr Rücksicht und Vorsicht im Straßenverkehr zu sensibilisieren, der auch ökologisch dann am wenigsten umweltschädlich ist, wenn er störungsfrei fließt“, sagt Gunter Zimmermeyer. Dass die Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten des Ordnungsamtes begrenzt sind, macht dessen Mitarbeiterin, Nicole Knospe, mit dem Hinweis deutlich: „Wir haben gerade einmal acht Verkehrsüberwacher in Mülheim, die rechtlich aber auch nur für den ruhenden Verkehr zuständig sind, während die Polizei für die Kontrolle des fließenden Verkehrs verantwortlich ist.“

Am Tag der Verkehrssicherheit wurden zwei weitere Schwachstellen im Mülheimer Radverkehrsnetz angesprochen. „Die dort aufgestellten Poller sind unzureichend. Denn sie werden in ihrer verkehrsführenden Funktion von vielen Verkehrsteilnehmern nicht richtig wahrgenommen, so dass manchmal sogar Fußgänger auf den eigentlich nur für Radfahrer vorgesehenen Fahrbahnabschnitten laufen“, stellt der Vorsitzende der Verkehrswacht, Gunter Zimmermeyer, mit Blick auf die Tempo-30-Zone auf der durch Poller für den motorisierten Verkehr stark eingeengte Mendener Straße fest.

Und der ehemalige FDP-Stadtrat Wolf D. Hausmann weist darauf hin, dass der regelmäßige Defekt des Aufzugs am Radruhrschnellweg-Zugang Bahnstraße dessen Nutzung massiv behindert. Als Grund für die häufigen technischen Störungen des Radweg-Lifts sieht der Diplom-Ingenieur, „dass der hier von der Stadtverwaltung installierte Aufzugtyp nur für Innenräume, aber nicht für Außenräume mit starken Witterungs- und Temperaturschwankungen“ geeignet sei.




Montag, 27. Juni 2022

Mehr Frieden!

 Angesichts der Kriegsbilder aus der Ukraine Konnten Mülheimer Zeitzeugenberichte aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren in Deutschland nicht aktueller sein. Ursula Ulrike Storks, Jutta Lose und Horst Heckmann berichteten im evangelischen Gemeindezentrum am Scharpenberg einem interessiert zuhörenden und mitdiskutierenden Publikum ihre Erinnerungen, die ihnen gerade jetzt wieder ins Bewusstsein kommen und manchmal auch zu Tränen führen.

Eingeladen hatten Harald Karutz, Merit Tinla und Iris Schmidt  vom Psychosozialen Krisenmanagement der Stadt und von der Vereinen Evangelischen Kirchengemeinde.

„Vieles,  was ich heute vom Krieg in der Ukraine sehe und höre, erinnert mich an die NS-Zeit. Wie in Russland, so wurden wir auch wir damals von gleichgeschalteter Staatspropaganda indoktriniert. Über kritische Themen wurde die Decke des Schweigens gelegt. Das Hören der deutschen BBC war während des Zweiten Weltkrieges streng verboten. Wer es trotzdem tat, konnte dafür hingerichtet werden“, erinnert sich der 1928 geborene Styrumer Horst Heckmann.

Auch die politische Instrumentalisierung der Geschichte,  wie der russische Präsident Putin vorexerziert, erinnert Heckmann an seine Kindheit und Jugend. „Nur weil viele Deutsche den Versailler Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Reparationen und seinen wirtschaftlichen Folgen nicht als gerecht empfanden, wurde der Boden für den politischen Aufstieg Hitlers bereitet.“,  ist der heute 94-Jährige überzeugt. Als junger Wehrmachtssoldat erlebte er 1945 in Mecklenburg den Beschuss von Flüchtlingstracks durch die sowjetische Luftwaffe und die massenhafte Vergewaltigung deutscher Frauen durch sowjetische Soldaten, denen sich viele Frauen durch Suizid entzogen.

Er sagt  angesichts der aktuellen politischen Weltlage: „Wir müssen heute wachsam sein und uns gute Argumente für den Frieden bewahren. Wir dürfen nicht der Propaganda folgen.“

Die 1939 am Schildberg geborene und aufgewachsene Ursula Ulrike Storcks wurde durch die Corona-bedingten Warteschlangen vor den Supermärkten und durch die Kriegsbilder aus der Ukraine an ihre Kindheit erinnert,

Stocks berichtete eindrucksvoll vom Einmarsch der amerikanischen Soldaten am 11. April 1945. „Jetzt ist Frieden!“ sagte ihr damals die Mutter. Und sie fragte zurück: „Was ist denn Frieden?“ Darauf antwortete die Mutter: „Frieden ist, wenn wir nachts ruhig schlafen können und wenn du draußen auf der Straße spielen kannst, ohne Angst zu haben. Stork berichtete: „Die amerikanischen Soldaten waren freundlich zu uns Kindern. Sie winken uns zu sich und gaben uns, was wir gar nicht kannten, Bananen Schokolade und Kaugummi. Wir recherchierten uns mit einem Lied. Dann zeigten uns manche Soldaten Fotos mit ihren Kindern und Frauen. Manche haben auch geweint und wir haben sie getröstet. Es gab Erwachsene, die nicht wollten dass wir zu den Amerikanern gingen, aber die Gis haben darauf bestanden. Die britischen Besatzungssoldaten die den Amerikanern im Juni 1945 folgten, war nicht so freundlich. Sie haben uns oft beschimpft oder mit Steinen beworfen.“

Angesichts der unfriedlichen werdenden Zeiten war sich das Publikum einig, dass der Wert der Zeitzeugen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit unschätzbar ist. Viele Zuhörer berichteten Kriegsgeschichten aus ihren Familien und machten klar, dass die Kriege über Generationen psychisch nachwirken.

Die 1949 in Dümpten geborene und aufgewachsene Zeitzeugin Jutta Loose hat als Mädchen aus der Nachkriegszeit in Erinnerung behalten, „dass mein Vater als Kriegsversehrter heimkehrte und ich damals sogar Kriegsversehrte gesehen habe, die auf der Straße gebettelt haben, um zu überleben.“

Der große und mit Obst und Gemüse ertragreiche Garten ihrer Großeltern war das Paradies ihrer Kindheit, auch wenn sie „mit meinen Eltern bis 1954 in einem Zimmer leben musste und wir nur ein Plumpsklo hatten.“

Sie berichtete, dass ihr Vater seinen rechten Arm gar nicht mehr und seine linke Hand nur sehr eingeschränkt benutzen konnte.

Lose: „Ich konnte mit meinem Vater keine Ballspiele machen, nur Karten und Knobel waren drin. Meine Mutter musste meinem Vater das Essen mundgerecht zubereiten. Und ich musste schnell selbstständig werden. Deshalb habe ich auch schon früh mit Messer und Gabel gegessen und mir selbst die Schuhe geschnürt.“

Der Krieg holte sie und ihre Spielkameraden aber ein, als sie beim „Rodeln in der Russenkuhle Skelette entdeckten, die von russischen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern stammten. Loose sagt heute: „Ich weiß nur eins: Wir brauchen Frieden.“

Horst Heckmann kann sich erinnern, als Kind in der Stadt Männer in Häftlingskleidung gesehen zu haben. Er gibt zu: „Wir haben damals mit ihnen kein Mitleid,  weil wir sie aufgrund der NS Propaganda für Verbrecher hielten.“

Nach dem Zeitzeugengespräch bekannte der 17-jährige Bezirksschülersprecher und Jugend Stadtrates Samuel Bilak: „Vielen Dank.  Was Sie leisten, kann kein Geschichtsbuch und kein Geschichtslehrer leisten. Es ist etwas  anderes historische Tatsachen zu lesen oder von Zeitzeugen erzählt zu bekommen. Das ist für mich überwältigend. Das muss ich erst mal sacken lassen.“

Sonntag, 26. Juni 2022

Schlag nach bei Kant

 Philosophie ist nicht nur etwas für den akademischen Elfenbeinturm. Deshalb luden der Leiter des kommunalen psychosozialen Krisenmanagements, Harald Karutz und Diakonin Iris Schmidt aus der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim jetzt den Mülheimer Philosophen und Pädagogen, Peter Leitzen, ins Evangelische Gemeindezentrums am Scharpenberg ein, im Rahmen der Informationsreihe "Mülheim: Gemeinsam stark! - Leben, lernen und helfen in der Krise" die Frage zu beantworten: "Was sagen die Philosophen zu Krieg und Frieden?" 


In der keineswegs akademisch, sondern am aktuellen Beispiel des Ukraine-Krieges geführten Diskussion zeigte sich: Auch heute sollten wir in die Schule der Philosophen gehen, frei nach der Maxime des von Peter Leitzen zitierten Philosophen Ernst Bloch: "Not lehrt denken!"


In beeindruckender Anschaulichkeit machte der Gastgeber des Philosophischen Cafés zum Beispiel die erstaunliche Aktualität des Königsberger Philosophen Immanuel Kant und seiner 1795 veröffentlichten "Schrift zum ewigen Frieden" deutlich. Kant, der von 1724 bis 1804 im Norden Ostpreußens lebte, dachte und arbeitete, der seit 1945 Teil Russlands ist, formulierte Grundsätze des Staats- und Völkerrechtes, die bis heute als Grundlage einer vernunftgeleiteten Friedenspolitik dienen können und sollten, wenn uns unser Zusammenleben und Überleben im Globalen Dorf lieb ist.


Die für jede Demokratie elementaren Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung standen ebenso auf Kants Agenda, wie die Idee einer völkerrechtlichen Schiedsgerichtbarkeit, die Kriege beenden und einen gerechten und dauerhaften Frieden schaffen kann.

Leitzen ging gleich in medias res, in dem er Kants (erstmals 1920 und dann noch einmal 1945 realisierten) Vorschlag eines das Völkerrecht und die nationale Souveränität der Staaten garantierenden Völkerbundes aufgriff.  "Die Vereinten Nationen können heute auch in der Ukraine nur dann im Sinne Kants zu einem internationalen Schiedsrichter und Friedensgaranten werden, wenn wir im Sicherheitsrat der UNO das Veto-Recht der Atommächte USA, Frankreich, Großbritannien, Russland und China zugunsten des Prinzips der Mehrheitsentscheidung abschaffen", betonte Leitzen.

Kontrovers wurde darüber diskutiert, "ob das Völkerrecht nicht ein zahnloser Tiger bleiben muss, wenn ein Autokrat, wie Putin, mit der ihm zur Verfügung stehenden militärischen Macht entschlossen ist, völkerrechtswidrig zu agieren." In diesem Zusammenhang wies Leitzen aber auf Erfolgsbeispiel der 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Europäischen Union hin. "Trotz all ihrer unbestreitbaren strukturellen Mängel und dem Fehlen einer Mehrheitsentscheidung im Rat der EU-Regierungen", so Leitzen, "hat die EU als Gemeinschaft demokratischer Staaten dafür gesorgt, dass ihre Mitgliedsstaaten ihre Interessengegensätze nur noch friedlich regeln und keine Kriege gegeneinander führen."

Samstag, 25. Juni 2022

Rathenau mahnt

 Zwischen Gracht und Görlitzer Straße erinnert die Rathenaustraße an den 1867 geborenen jüdischen Industriellen, Publizisten und liberalen Politiker Walther Rathenau, der vor 100 Jahren von Rechtsextremisten ermordet wurde, weil er als Außenminister der Weimarer Republik für eine europäische Verständigungspolitik eintrat, obwohl das im Ersten Weltkrieg militärisch geschlagene Deutschland damals unter harten Reparationen der Siegermächte zu leiden hatte. Auch in der Mülheimer Industrie mussten damals Doppelschichten gefahren und Löhne gesenkt werden, um die Reparationsforderungen Frankreichs und Belgiens erfüllen zu können.

Dennoch erkannten auch die Arbeiter die politische Gefahr, die am 24. Juni 1922 von dem Mord an Walther Rathenau für die noch junge deutsche Demokratie ausging. Deshalb traten 65.000 Arbeiter nach dem Mord in einen 24-stündigen Generalstreik. Viele Mülheimer kamen am 28. Juni zu einer Protest- und Gedenk-Kundgebung auf den Rathausmarkt, um gegen für die demokratische Republik von Weimar und gegen eine Machtübernahme der extremen Rechten zu demonstrieren. Dazu aufgerufen hatten nicht nur Rathenaus Mülheimer Parteifreunde von den linksliberalen Deutschen Demokraten, sondern auch Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Kommunisten. 


Am Tag nach der Demonstration empört sich sich die bürgerliche Mülheimer Zeitung darüber, dass Unbekannte den in den Ruhranlagen aufgestellten Mamorbüsten Bismarcks und Königin Luises die Köpfe abgeschlagen hätten. Der erste Reichskanzler und die preußische Königin, die als junge Prinzessin ihr Großmutter Marie-Luise Albertine von Hessen-Darmstadt auf Schloss Broich besucht hatte, gelten als Gallionsfiguren des  deutschnationalen Bürgertum. das sich auch im Jahr Vier der Republik von Weimar nach der Wiederherstellung der Hohenzollern-Monarchie sehnt.

Mittwoch, 22. Juni 2022

Tours hatte die Wahl

 Im Tourainer Wahlergebnis spiegelt sich der nationale Trend der französischen Parlamentswahlen. Das zeigt ein Blick in die Regionalzeitung Nouvelle Republique. Künftig wird die französische Partnerstadt vom Linken Charles Fournier und von der Liberalen Sabine Thillaye in der aus 577 Abgeordneten bestehenden Nationalversammlung vertreten. Der Raumplaner Fournier setzte sich im Tourainer Wahlkreis Zentral mit 54:46 Prozent der Stimmen gegen den bis liberalen Parlamentsabgeordneten Philippe Chalumeau durch. Im Nordwest-Wahlkreis konnte die liberale Amtsinhaberin Sabine Thillaye mit 59:41 Prozent ihr bei der Parlamentswahl 2017 gewonnenes Mandat gegen die rechtsextreme Kandidatin Ambre Louisin verteidigen. Die deutsch-französische Juristin gehörte in der abgelaufenen Wahlperiode dem Verteidigungsausschuss der Nationalversammlung an und unterstützte die Politik des wiedergewählten Präsidenten Emmanuel Macron. Charles Fournier wird als Abgeordneter der Nationalversammlung die Fraktion des neuen rot-grünen Bündnisses verstärken, das sich als Opposition gegen die Politik des Präsidenten versteht und von Jean-Luc Melenchon angeführt wird, der bei der Präsidentschaftswahl mit 20 Prozent der Stimmen auf dem dritten Platz gelandet war. Die Wahlbeteiligung lag mit 41 Prozent um drei Prozent über der Wahlbeteiligung von 2017.

Den Wahlkampf hatten die Themen soziale Gerechtigkeit, Zuwanderung und Anhebung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre bestimmt. Nur in fünf der 577 französischen Wahlkreise, hatte ein Bewerber, anders, als in den beiden Tourainer Wahlkreisen bereits im ersten Wahlgang die für den Einzug in die Nationalversammlung notwendige absolute Mehrheit gewinnen können.


Meine Texte in NRZ und WAZ

Montag, 20. Juni 2022

Zu Gast in Mülheim

Die Mülheimer Hotelbetriebe bewerten die Lage nach den Corona-Einbrüchen unterschiedlich. Die Übernachtungszahlen steigen wieder langsam an.

Die Ruhr-Tourismus-Gesellschaft zieht für 2021 eine durchwachsene Bilanz. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen nach ihren Angaben die Übernachtungszahlen in der Region im Vergleich zum ersten Corona-Jahr um 6,5 Prozent, blieben aber mit 45,8 Prozent noch deutlich hinter den Übernachtungszahlen des Vor-Corona-Jahres 2019.

Deutlich positiver fällt das von IT-NRW ausgewiesene Übernachtungs-Plus von 122 Prozent im Vergleich der ersten Quartale 2021 und 2022 aus, wobei die aktuellen Übernachtungszahlen immer noch um 36 Prozent geringer sind als im Vergleichszeitraum des Vor-Corona-Jahres 2019. Mülheimer Hoteliers schildern ihre Lage.

Claudia Thiesmann, Inhaberin des gleichnamigen 44-Zimmer-Hotels an der Dimbeck, konnte die Auslastung ihrer Zimmer im Jahresvergleich 2020/2021 von 5,5 auf 11,6 Prozent steigern. Sie bestätigt die Tendenz der Ruhr-Tourismus-Zahlen und sagt mit Blick auf ihren Betrieb und ihre Branchenkollegen: „Durch Corona sind wir genügsam geworden. Wir konnten 2021 davon profitieren, dass mehr Menschen nicht ins Ausland gereist sind und stattdessen als Radtouristen an der Ruhr übernachtet haben.“

Traurig, aber wahr: „Wir konnten davon profitieren, dass in den letzten beiden Jahren mit NoyHandelshof, Ruhrufer und Lederfabrik vier Mülheimer Hotelbetriebe schließen mussten und sich deren Gäste auf die vorhandenen Hotelbetriebe verteilt haben“, erklärt Thiesmann, die Ende Juni nach zwei Jahren Corona-Pause erstmals wieder Messegäste in ihrem Haus beherbergen kann.

„Die Zahlen der Ruhr-Tourismus-GmbH beinhalten auch Zahlen der Metropolen Essen und Düsseldorf sowie aus dem Sauerland. Deshalb sind sie für uns nicht aussagekräftig, weil wir in Mülheim von Geschäftskunden abhängig sind und nur wenige touristische Gäste haben“, erklärt Moncef Mahmoudi vom 51-Zimmer-Hotel Best Western im Forum die Ausgangslage. 2019 waren die Zimmer seines Hauses zu fast 63 Prozent ausgelastet. 2020 ging die Auslastung auf 27 % und 2021 auf etwas mehr als 10 Prozent zurück, um, Stand heute, wieder auf 22 Prozent anzusteigen.

Mahmoudi freut sich, dass er im Mai und Juni wieder Messe-Gäste in Mülheim begrüßen kann. Auch Centro-Touristen steigen regelmäßig bei ihm ab. Nach dem Sommerloch, „nachdem man in Mülheim die Uhr stellen kann“, hat er für den Oktober 2022 wieder Buchungen von Messegästen vorliegen. Doch mit Sorge sieht der Hotelier aus dem Forum, „dass die Oktoberbuchungen vielleicht wieder dem Corona-Virus zum Opfer fallen könnten.“ Auch das zunehmende Phänomen des Homeoffice macht Mahmoudi und seinen Kollegen das Leben nicht leichter, ebenso wie die umfangreichen Arbeitsplatzverluste, die Mülheim in jüngster Zeit hinnehmen musste.

Nur ungern denkt Falk Sassenhof vom gleichnamigen 18-Betten-Hotel am Schellhockerbruch an die Corona-Lockdown-Phasen, in denen sein Hotel nur zu 10 bis 15 Prozent ausgelastet war. „Es hat sich aber gelohnt, dass wir – anders als manche anderen Hotels – auch im Lockdown keinen Tag geschlossen hatten. So haben wir unter den Technikern und anderen Außendienstlern auch in dieser schwierigen Zeit neue Kunden gewinnen können“, betont Sassenhof. Doch auch außerhalb der Lockdowns blieb die Corona-Zeit für den Hotelbetrieb mager. „In dieser Phase haben uns nur die Geschäftsreisenden gerettet“, erinnert sich der Hotelier und Gastronom.

Zurück in die große Freiheit- So starten Camper in MülheimInzwischen haben er und sein Team aber wieder eine „so gute Auslastung wie im Vor-Corona-Jahr 2020.“ Dafür sorgen seit der Aufhebung der Maskenpflicht im März vor allem Geschäftsreisende, aber auch Rad- und Ruhrtouristen sowie Übernachtungen, die mit Familienfesten in Verbindung stehen. Jetzt hofft Sassenhof nur, „dass die politische und pandemische Großwetterlage nicht wieder alles zunichtemacht.“

Für Marion Kuhn vom gleichnamigen 63-Zimmer-Hotel an der Mellinghofer Straße stellt sich die Buchungslage aktuell „schleppend und schlecht“ dar. Ob sie in einigen Wochen wieder mehr Rad- und Ruhrtouristen in ihrem Haus beherbergen kann, ist für sie „jetzt noch reine Spekulation.“ Was ihr das Leben schwer macht, „sind die in Homeoffice-Zeiten rückläufigen Buchungen der reisenden Kaufleute.“ Auch die Messegäste, die bei ihr buchen, übernachten jetzt oft nur noch zwei Tage bei ihr, weil das Messeangebot wesentlich kleiner sei als vor Corona.

„Nach dem Ende des Lockdowns liefen die Buchungen wieder gut an, dann aber kam die Omikron-Welle und hat uns alles wieder kaputt gemacht“, bilanziert Kuhn das Hotel-Jahr 2021, „2019 hatten wir vor Corona in der Regel eine Auslastung von 80 bis 90 Prozent, während wir uns in den letzten beiden Corona-Jahren, die von starken Buchungsschwankungen und kurzfristigen Stornierungen geprägt sind, auf einem Auslastungsniveau zwischen 5 und 25 Prozent bewegen“, beschreibt Marion Kuhn den Vor- und Nach-Corona-Effekt, unter dem ihre Branchenkollegen und sie zu leiden haben.


Meine Beiträge in NRZ und WAZ


Sonntag, 19. Juni 2022

Schulsport 4.0.

 Zum Austragungsort eines besonderen Sportereignisses wurde die Westenergie-Halle am Samstag. Es war eine Denksportveranstaltung. Denn beim 16 Roboter-Wettbewerb der vom NRW-Wissenschaftsministerium finanzierten Initiative Zukunft durch Innovation (ZDI) waren es 18 Schülerteams aus Nordrhein-Westfalen, die die von ihnen programmierten Roboter ins Rennen schickten und damit um die ausgelobten Siegprämien zwischen jeweils 300 und 500 Euro kämpften.

160 Schülerinnen und Schüler zwischen 8 und 16 stellten sich in den Kategorien Robot Game und Robot Performance den Schiedsrichtern. Im Game-Wettbewerb mussten die mit Greifarmen ausgestatteten Mini-Roboter einen Lego-Parcours durchlaufen und Sortieraufgaben ausführen.

In der Kategorie Performance ging es um das Thema Abfall-Kreislaufwirtschaft. Hier mussten die Roboter einen Recycling-Parcours durchlaufen und entsprechende Müllsortierungsaufgaben erfüllen. Obwohl es sich dabei um einen intellektuellen Wettbewerb handelte, kam in der Halle schnell sportive Wettkampfatmosphäre auf. Denn die durch ihre Trikots sofort identifizierbaren Teams, mussten auf den Parcours-Matten nicht nur mit den Aufgabenstellungen, sondern auch mit der Zeit um Wertungspunkte kämpfen.


Vom Lehrer zum Trainer


Jedes Team, das von einem Lehrer gecoacht wurde, und aus Mitgliedern einer Schularbeitsgemeinschaft für Robotik und Informatik bestand, hatte drei Durchläufe, von denen die zwei besten gewertet wurden. Wie an einer Formel-1-Rennstrecke herrschte an den Parcoursmatten hektische Betriebsamkeit, wenn die jungen und ehrgeizigen Programmierer-Teams die Greifarme ihres Schützlings auswechseln oder diesen neu starten mussten, weil er aus der Spur gefahren war.


Da konnte man dann auch schon mal das eine oder andere Fluchen an der Matte hören. Aber auch Jubel und Beifall gab es nach gelungenen Aktionen, von den Rängen zu hören, wo Mitschüler, Eltern und Lehrer, die gerade nicht als Teammitglied gefordert waren, das Geschehen in der Wettkampfzone verfolgten.

„Der Wettbewerb ist wirklich gut organisiert. Das spornt uns an. Unser erster Durchlauf war katastrophal, aber die Durchläufe Zwei und Drei liefen wirklich gut, so dass wir ganz zufrieden sind“, ziehen die Siebtklässler Aron und Julius vom Team der Steinheim-Realschule im Kreis Höxter ihre Bilanz. „Dass man Roboter zusammenbauen und so programmieren kann, dass sie tun, was man will“, begeistert beide. Die größte Herausforderung im Wettbewerb war für sie, „dass man hier unter Zeitdruck steht.“


Begeisterung und Disziplin


Bärbel Zippenfennig, die als Rektorin das Team der Gillbach-Grundschule aus Rommerskirchen coacht, ist „stolz darauf, dass unsere Kinder mit einer solchen Begeisterung und Disziplin bei der Sache sind.“ Zippenfennig bescheinigt den Wettbewerbsmachern von ZDI „auf dem richtigen Weg zu sein, wenn sie Kinder spielerisch an so große Sachen wie die Programmierung von Robotern heranführen.“ Pädagogisch stellt sie immer wieder fest, „dass Mädchen besonders ehrgeizig und diszipliniert an die Sache herangehen und so einen guten Einfluss auf die Jungs haben!“


„Es ist gar nicht so schwer, wenn man es einmal begriffen hat“, sagt Moritz aus dem Dritt- und Viertklässler Team der Gillbach-Schule. Seine Team-Kollegin Laura stellt aber fest: „Das jede Situation auf der Matte wieder unterschiedlich ist, obwohl man den Roboter gleich programmiert hat.“ Was sie aber tröstet, ist die Tatsache, „dass das den größeren Schülern im Wettbewerb auch so geht.“ Auch der Sechstklässler Tobias vom Team des Weseler Andreas-Vesalius-Gymnasiums hat bei diesem Wettbewerb die Schock-Momente miterleben müssen, „wenn der eigentlich richtig programmierte Roboter mit seinen Greifarmen Dinge nicht so anhebt, wie er das soll.“ Sein Team schickte gleich zwei Roboter auf den Performance-Recycling-Parcours, die miteinander kommunizieren mussten und sich dabei nicht berühren durften. „Zu sehen, wie das am Ende auch funktioniert hat, war wirklich ein schönes Erlebnis“, findet Tobias.

Neben den Wettkampfzonen gab es in der Halle auch Ruhe- und Programmierzonen. Hier arbeiteten Schülerinnen und Schüler zwischen den Wertungsläufen mit ihren Notebooks an der einen oder anderen Nachprogrammierung ihres Renn-Roboters.

Die beiden Informatikerinnen Birgit Koch-Sickmann und Sophie Charlotte Keunecke begutachten an diesem Samstag die Wettbewerbsbeiträge in der Kategorie Performance: „Alle Teams waren wirklich sehr gut. Man hat gemerkt, dass sie nach der Regionalrunde noch einmal nachgearbeitet und nachgerüstet haben. Außerdem werden die Teilnehmer auch immer jünger, weil Kinder heute ganz selbstverständlich mit digitaler Technik aufwachsen“, sagt Koch-Sickmann. Und ihre Kollegin Keunecke stellt fest: „Hier verlieren Kinder spielerisch die Angst vor Künstlicher Intelligenz und begreifen, dass wir als Menschen bestimmen, was KI können soll und was nicht. Kinder kann man vor allem dann mit Robotik begeistern, wenn man sie in Bereichen einsetzt, die sie aus ihrem Alltag kennen.“ Kuenicke, die zurzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Universität Aachen promoviert, bestätigt den Eindruck, dass vor allem im Grundschulalter Mädchen und Jungen gleichermaßen für Robotik begeistern lassen, „während es mit der Pubertät für viele Mädchen nicht mehr cool ist, Roboter zu programmieren, weil sie dann in eine bestimmte Rolle gepresst werden.“


Spielerische Mathematik


Für Zenit-Co-Geschäftsführer Dr. Karsten Lemke, in dessen Haus an der Bismarckstraße die Landesinitiative ZDI beheimatet ist, stellt angesichts der Wettbewerbsdurchläufe in der Westenergie-Halles fest: „Hier wird spielerisch mathematisches Wissen gefördert.“ Und Georg Mertens  vom gastgebenden NRW-Wissenschaftsministerium resümierte: „Ich bin beeindruckt von der Dynamik dieses Wettbewerbstages! So viele junge Menschen an einem Ort, die sich für Robotik begeistern. Zudem war es schön zu sehen, wie Teamgeist, Kreativität und MINT ineinanderfließen. Eine tolle Sache für die Förderung unseres MINT-Nachwuchses.“ 


Ausgezeichnet


 

In diesem Jahr hatte es leider kein Mülheimer Team über die 24 Lokal- und Regionalwettbewerbe hinaus in der Landesfinale des Roboter-Schülerwettbewerbs geschafft. Insgesamt 1600 Schülerinnen und Schüler haben am Roboter-Wettbewerb der Landesinitiative ZDI teilgenommen. Alle teilnehmenden Schülerinnen und Schüler erhielten bei der abschließenden Siegerehrung eine Medaille. Über Siegprämien zwischen 300 und 500 Euro konnten sich am Ende die Teams vom Albert-Schweitzer- und Geschwister-Scholl-Gymnasium in Marl, von der von-Galen-Schule in Südlohn-Oeding, von der Burgschule in Ottenstein und vom. Rheinkamp-Gymnasium in Moers freuen. Das Team der Gillbachschule aus Rommerskirchen belegte unter den teilnehmenden Grundschulen den zweiten Platz.


Meine Texte in NRZ und WAZ

 

Samstag, 18. Juni 2022

Ein schweres Geschäft

 Margarete Schwörer gehört zu den aktuell 35 Mülheimerinnen und Mülheimern, die 100 Jahre alt und älter sind.

Am vergangenen Freitag, 10. Juni, konnte die Heißenerin ihren 102. Geburtstag feiern. Nicht nur ihre Nachbarn, ehemalige Kollegen, Freunde und Familienangehörigen gratulierten der Jubilarin und stießen mit ihnen auf ihren Ehrentag an. Auch Manfred Mons und Helmut Schmidt von der Ruhr River Jazzband kamen mit ihrer Posaune und ihrem Banjo vorbei, um Frau Schwörer ein Geburtstagsständchen der swingenden Art zu bringen. Margarete Schwörer hat offensichtlich gute Gene. „Meine Mutter, die ich nach meiner Pensionierung gepflegt habe, ist fast 103 Jahre alt geworden“, berichtet Schwörer.

Als sie 1937 ihre Ausbildung bei der Sparkasse begann, hieß diese noch Stadtsparkasse und war ein Amt der Stadtverwaltung. „Ich war als Sparkassenrätin in der Kreditabteilung tätig und gehörte 1982 zu den letzten Sparkassen-Beamtinnen, die in den Ruhestand gingen“, erzählt Schwörer.

Die Jubilarin, die an der Ottostraße zu Hause ist, war verheiratet, ist aber früh verwitwet und deshalb kinderlos geblieben. Denn ihr Mann Walter, musste als Soldat in Hitlers Wehrmacht kämpfen und 1941 am deutschen Überfall auf die Sowjetunion teilnehmen. Er gilt seit 70 Jahren als vermisst. Damit gehört er zu den insgesamt 2700 vermissten Mülheimer Soldaten, die nach dem Kriegsende 1945 „für tot“ erklärt worden sind. „Als der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer 1955 in Moskau die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion erreichte, hatte ich noch einmal Hoffnung, meinen Walter wiederzusehen. Aber diese Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt“, erinnert sich die heute auf einen Rollstuhl und einen Treppenlift angewiesene Seniorin. Doch Schwörer, die mit 80 Jahren noch einmal die Schulbank drückte und einen Computerlehrgang absolviert hat, ist technisch auf dem Laufenden. „Ich habe ein tolles I-Pad und eine E-Mail-Adresse. Damit kann ich alles machen und mit der Welt in Kontakt bleiben“, freut sich Schwörer. Auch wenn das betagte Geburtstagskind, das im Jahr des Mülheimer Ruhrkampfes und damit ein Jahr nach Ausrufung der Weimarer Republik, das Licht der Welt erblickt hat, „sehr dankbar für mein hohes Lebensalter ist“, lässt es doch keinen Zweifel daran, „dass Altwerden ein schwieriges Geschäft ist.“


Meine Beiträge in NRZ/WAZ

Montag, 13. Juni 2022

Gut zu sehen

 Dr. Beate Reese, die das städtische Kunstmuseum Alte Post leitet, hofft, die Sammlung des Kunstmuseums bis Ende des Jahres in der Alten Post präsentieren zu können. Das vor 125 Jahren eröffnete Haus wird zurzeit noch umgebaut. Seit 1994 ist es Sitz 1909 von Robert Rheinen gegründeten städtischen Kunstmuseums.


Schon jetzt konnte Reese und der Vorsitzende des Förderkreises für das Kunstmuseum der Stadt, Dr. Carsten Küpper, im Kunstmuseum Temporär an der Schloßstraße den neuen Sammlungskatalog vorstellen, der für 24 Euro im Museumsshop zu bekommen ist. Darüber hinaus konnten sie ein neues Kunstwerk präsentieren, dass jetzt die städtische Kunstsammlung bereichert.

"Mit ihre Stil-Pluralismus war die Künstlerin Hannah Höch eine kalkulierte Vagabundin der klassischen Moderne!" (Beate Reese)

Es handelt sich bei diesem Exponat um die 1957 von Hannah Höch mit Tusche und Deckweiß geschaffene Zeichnug "Abgesplittert"! Eine Spende ihres Großneffen und Nachlassverwalters, Helmut Rössner, hat es möglich gemacht: "Wir sehen und schätzen, dass man sich im Mülheimer Kunstmuseum um das Werk meiner Großtante bemüht", erklärte der aus Tübingen angereiste Rössner im Namen der Höch-Erben. Die 1889 geborene und 1978 verstorbene Künstlerin lebte und arbeitete in Berlin. Sie gilt als eine herausragende Vertreterin der klassischen Moderne. Ihr stilistisch vielseitiges Werk wurde aber erst während ihres letzten Lebensjahrzehnt vom Kunstmarkt entdeckt und gewürdigt, Heute erreichen ihre Arbeiten bei Kunstauktionen sechsstellige Summen.

Umso glücklicher sind Reese und Küppers über die unverhoffte Schenkung der Höch-Erben. Tatsächlich ist Hannah Höch, die nach dem Ersten Weltkrieg zu den Dadaisten gehörte und während der NS-Zeit Werke ihrer Künstlerfreunde versteckte, die das Hitler-Regime als "entartete Kunst" aus den Museen und Galerien verbannt hatten, im städtischen Kunstmuseum eine bekannte Größe.

Der Förderkreis des Kunstmuseums hat 2013 und 2015 zwei Höch-Werke erworben und 2016 ein Symposium und eine Werkschau der Künstlerin ermöglicht. Bei den Höch-Erwerbungen des Förderkreises handelt es sich um ihre Ölgemälde "Die schönen Reusen" und "Erinnerung an Volterra", mit denen sie 1932 den Aufstieg der Nationalsozialisten und 1949 die Kriegszerstörungen verarbeitete.

"Über die jetzige Schenkung freuen wir uns deshalb ganz besonders, weil wir damit unser Engagement für das Werk von Hannah Höch gewürdigt sehen", betont der Förderkreisvorsitzende des städtischen Kunstmuseums.

"Meine Großtante hat einmal gesagt: 'Picasso hat drei Schlösser und drei Häuser, um seine Werke zu sammeln und auszustellen. Aber ich habe nur zwei Zimmer'" (Helmut Rössner)

Als Hannah Höch 1978 starb, war ihr heute als Rechtsanwalt tätiger Großneffe 21 Jahre alt. Er erinnert sich an seine Tante als "einen eigenwilligen, aber auch sehr zugewandten und diszipliniert arbeitenden Menschen, dem Freiheit und Toleranz besonders wichtig waren."
Dr. Beate Reese, die das städtische Kunstmuseum Alte Post leitet, hofft, die Sammlung des Kunstmuseums bis Ende des Jahres in der Alten Post präsentieren zu können. Das vor 125 Jahren eröffnete Haus wird zurzeit noch umgebaut. Seit 1994 ist es Sitz 1909 von Robert Rheinen gegründeten städtischen Kunstmuseums.

Schon jetzt konnte Reese und der Vorsitzende des Förderkreises für das Kunstmuseum der Stadt, Dr. Carsten Küpper, im Kunstmuseum Temporär an der Schloßstraße den neuen Sammlungskatalog vorstellen, der für 24 Euro im Museumsshop zu bekommen ist. Darüber hinaus konnten sie ein neues Kunstwerk präsentieren, dass jetzt die städtische Kunstsammlung bereichert.

"Mit ihre Stil-Pluralismus war die Künstlerin Hannah Höch eine kalkulierte Vagabundin der klassischen Moderne!" (Beate Reese)

Es handelt sich bei diesem Exponat um die 1957 von Hannah Höch mit Tusche und Deckweiß geschaffene Zeichnug "Abgesplittert"! Eine Spende ihres Großneffen und Nachlassverwalters, Helmut Rössner, hat es möglich gemacht: "Wir sehen und schätzen, dass man sich im Mülheimer Kunstmuseum um das Werk meiner Großtante bemüht", erklärte der aus Tübingen angereiste Rössner im Namen der Höch-Erben. Die 1889 geborene und 1978 verstorbene Künstlerin lebte und arbeitete in Berlin. Sie gilt als eine herausragende Vertreterin der klassischen Moderne. Ihr stilistisch vielseitiges Werk wurde aber erst während ihres letzten Lebensjahrzehnt vom Kunstmarkt entdeckt und gewürdigt, Heute erreichen ihre Arbeiten bei Kunstauktionen sechsstellige Summen.

Umso glücklicher sind Reese und Küppers über die unverhoffte Schenkung der Höch-Erben. Tatsächlich ist Hannah Höch, die nach dem Ersten Weltkrieg zu den Dadaisten gehörte und während der NS-Zeit Werke ihrer Künstlerfreunde versteckte, die das Hitler-Regime als "entartete Kunst" aus den Museen und Galerien verbannt hatten, im städtischen Kunstmuseum eine bekannte Größe.

Der Förderkreis des Kunstmuseums hat 2013 und 2015 zwei Höch-Werke erworben und 2016 ein Symposium und eine Werkschau der Künstlerin ermöglicht. Bei den Höch-Erwerbungen des Förderkreises handelt es sich um ihre Ölgemälde "Die schönen Reusen" und "Erinnerung an Volterra", mit denen sie 1932 den Aufstieg der Nationalsozialisten und 1949 die Kriegszerstörungen verarbeitete.

"Über die jetzige Schenkung freuen wir uns deshalb ganz besonders, weil wir damit unser Engagement für das Werk von Hannah Höch gewürdigt sehen", betont der Förderkreisvorsitzende des städtischen Kunstmuseums.

"Meine Großtante hat einmal gesagt: 'Picasso hat drei Schlösser und drei Häuser, um seine Werke zu sammeln und auszustellen. Aber ich habe nur zwei Zimmer'" (Helmut Rössner)

Als Hannah Höch 1978 starb, war ihr heute als Rechtsanwalt tätiger Großneffe 21 Jahre alt. Er erinnert sich an seine Tante als "einen eigenwilligen, aber auch sehr zugewandten und diszipliniert arbeitenden Menschen, dem Freiheit und Toleranz besonders wichtig waren."

Zu meinen Beiträgen für die Mülheimer Woche

Freitag, 10. Juni 2022

Darlington blickt nach London

 Der konservative Abgeordnete der nordenglischen Partnerstadt Darlington, Peter Gibson, hat am Montag beim Misstrauensvotum der konservativen Parlamentsfraktion für den durch die Party-Gate-Affäre politisch angeschlagenen Premierminister Boris Johnson gestimmt. Gibson, der die Partnerstadt seit 2019 im Unterhaus vertritt, folgte damit der Mehrheitslinie, die von 211 Mitgliedern der konservativen Fraktion vertreten wurde. 

In der Regionalzeitung sagte Gibson zu seiner Entscheidung: „Boris Johnson hat Fehler gemacht. Er ist nicht perfekt, sondern ein Mensch, wie wir alle, und das macht seine Popularität aus. Als mich Boris Johnson kürzlich gefragt hat, was wir tun sollten, habe ich ihm gesagt: ‚Wir müssen das Vertrauen der Menschen in die Politik wiederherstellen. Und diese Meinung vertrete ich nach wie vor. Auf dieses Ziel arbeite ich jeden Tag hin. Die Fortschritte, die wir in den letzten zweieinhalb Jahren in Donington gesehen haben, sind wesentlich auf die politische Führung des Premierministers zurückzuführen und deshalb genießt er zum Wohle der Stadt und der Region zu diesem Zeitpunkt weiterhin mein Vertrauen. Er hat seine Fehler anerkannt und sich dafür öffentlich entschuldigt.“ Die Konservativen hatten mit dem heute 47-jährigen Anwalt Peter Gibson bei der letzten Parlamentswahl 2019 die Labour Hochburg Darlington zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren gewinnen können. Bei einer aktuellen Straßenumfrage des Northern Echo erntete Premierminister Johnson für sein Verhalten harsche Kritik. Einer der befragten Darlingtoner Bürger sagte der Regionalzeitung über Boris Johnson: „Er hat mehr, als einmal bewiesen, dass er für sein Amt nicht geeignet ist. Er hat gelogen und so getan, als seien wir zu dumm, um es zu merken.“


Meine Text in NRZ und WAZ



Mittwoch, 8. Juni 2022

Liebe befreit

 700 wetterfeste Christinnen und Christen versammelten sich am Pfingstsonntag zum Gottesdienst in der Freilichtbühne. Eingeladen hatte der Evangelische Kirchenkreis An der Ruhr, technisch und organisatorisch unterstützt von der Regler-Produktion. Unter den Gottesdienstbesucherinnen und Besuchern waren auch auswärtige Gäste.

Bis zu den Fürbitten kamen sie trocken durch den „Geburtstags“-Gottesdienst der christlichen Kirchen, an dem sich die katholische Stadtkirche jedoch nicht beteiligte. Immerhin in den Fürbitten bekam der Wunsch nach lebendiger Ökumene seinen Platz, verbunden mit dem Appell an die katholische Kirche, 74 Jahre nach dessen Gründung dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) beizutreten. Pfarrerin Ursula Thomé wies darauf hin, dass der ÖRK in diesem Sommer erstmals in Deutschland tagen wird.

Die Gottesdienstbesucher, unter denen Christen aller Konfessionen waren, erlebten einen inspirierenden Pfingstimpuls, der sie begeistern und ermutigen konnte. Dazu trug nicht nur bei, dass das Pfingst-Evangelium in verschiedenen Sprachen vorgetragen wurde, um von den Jüngern Jesu zu berichten, die sich nicht länger einschließen, sondern, erfüllt vom Heiligen Geist, auf die Straßen Jerusalems gehen und in allen Sprachen von der Hoffnung ihres Glaubens an den auferstandenen Jesus von Nazareth berichten.


Meine Beiträge in NRZ & WAZ

Montag, 6. Juni 2022

Ukraine: So nah und doch so fern?

Die aus der Ost-Ukraine stammende Juristin Natalia Thoma gewährte Mülheimern jetzt einen Blick in die geschundenen Seelen ihrer Landsleute.

Wie fühlt sich der russische Angriffskrieg auf die Ukraine für einen Menschen an, der aus der Ukraine kommt und wie konnte es zu diesem Krieg kommen? Das konnten und wollten interessierte Mülheimerinnen und Mülheimerinnen jetzt im Rahmen der Inforeihe des psychosozialen Krisenmanagements um Merit Tinia und Harald Karutz von Natalia Thoma erfahren. Die ehemalige Chefin des Mülheimer DRK stammt selbst aus der umkämpften ostukrainischen Region Luhansk.

Mit Blick auf die Landkarte der Ukraine, machte die Natalia Thoma deutlich, dass die Ukraine mit ihren 44 Millionen Einwohnern und ihrem seit der Staatsgründung 1991 völkerrechtlich anerkannten 577.000 Quadratkilometern das größte Flächenland Europas ist, weil die Ukraine, anders als Russland, zur Gänze in Europa liege. Zum Vergleich: In Deutschland leben 83 Millionen Menschen auf 357.000 Quadratkilometern. „In friedlichen Zeiten könnte man von Düsseldorf aus in zwei Flugstunden in Kiew sein“, veranschaulichte Thoma die Nähe des von Putins Truppen überfallenen Landes.

„Glücklich das Volk, dessen Geschichte langweilig ist“, zitierte sie den französischen Philosophen Charles de Montesquieu und fügte hinzu: „In der Ukraine ist das nicht der Fall!“ Thoma gewährte ihren deutschen Zuhörerinnen und Zuhörern einen aufschlussreichen Einblick in die über 1000-jährige Geschichte, die im 9. Jahrhundert mit der Gründung des Großfürstentums Kiewer-Rus begonnen hat und in der Folge ein fast immerwährender Kampf um nationale Unabhängigkeit und die Bewahrung der ukrainischen Sprache und Kultur gewesen ist.

Thoma, von 2018 bis 2021 Geschäftsführerin des Deutschen Roten Kreuzes in Mülheim jetzt wieder als Rechtsanwältin in Düsseldorf tätig, beleuchtete den basisdemokratischen Kosaken-Staat in der Ukraine und die langen Phasen der mehr oder weniger repressiven Fremdherrschaft unter Russland, dem Osmanischen Reich, Polen, Litauen und Österreich-Ungarn. Ausgehend von der ersten ukrainischen Staatsgründung zwischen 1917 bis 1919 beleuchtete die in einem ukrainischen Trachtenhemd auftretende Natalia Thoma die leidvolle Geschichte der Ukraine in der Zeit des Stalinismus und des Zweiten Weltkrieges, als zwölf Millionen Ukrainer an den Folgen von Terrorherrschaft, organisierter Aushungerung und als Opfer des 1941 von Hitler begonnenen Angriffskrieges starben.

Mit Blick auf die Orangene Revolution und den Euromaidan (2014) machte Thoma deutlich, dass sich die große Mehrheit der Ukrainer nach einer freiheitlichen Demokratie im Rahmen der Europäischen Union sehnt.

Und aktuell? „Ich nutze alle Informationsquellen und halte via Facebook und WhatsApp Kontakt mit meinen Freunden in der Ukraine“, erzählte Thoma. „Ich stehe morgens mit dem Krieg auf und gehe abends mit ihm zu Bett. Ich kann verstehen, dass viele Deutsche die schrecklichen Nachrichten aus der Ukraine nicht mehr sehen und hören wollen. Ich aber kann mich dem nicht entziehen.“

Nach ihrer Einschätzung geht es im Krieg Putins nicht nur um einen Angriff auf die Ukraine, sondern auf die liberalen Demokratien des Westens. Deshalb müsse Russland, ähnlich wie Deutschland 1945, eine totale militärische Niederlage erleiden, um sich danach demokratisch erneuern zu können.

„Wir haben durch ihren Vortrag verstanden, mit welchem emotionalen Paket auf dem Rücken die Ukrainer in diesem Krieg um ihr Überleben kämpfen“, lautete eine Publikumsresonanz auf Natalia Thomas Ausführungen. „Ich habe Angst um den Frieden und tue mich schwer mit dem Gedanken an die Lieferung schwerer Waffen“, lautete ein andere.

Ein intensiverer Austausch entwickelte sich zwischen Thoma, die zurzeit ehrenamtlich als ukrainischsprachige Lehrkraft an Schulen arbeitet, und einer Grundschullehrerin, die von ihrer sprachlichen Überforderung berichtete und mit ihrem Bericht aus der Schulwirklichkeit deutlich machte, dass es auch in Mülheim eine strukturelle Überforderung in der pädagogischen Betreuung und Begleitung von Flüchtlingskindern aus der Ukraine gibt.

Natalia Thoma ließ den Abend in der Familienbildungsstätte nicht zu Ende gehen, „ohne auf meinen Landsmann Sergio Sirik hinzuweisen, der das Restaurant Walkmühle betreibt und mithilfe von Geld- und Sachspenden konkrete Hilfe für die Menschen in der Ukraine organisiert.


Meine Texte in NRZ und WAZ

Samstag, 4. Juni 2022

Kinder in der Krise

 Kinder sind die großen Verlierer der Krise, weil ihnen die Lebenserfahrung der Erwachsenen fehlt, um Krisen einordenen und relativieren zu können und weil sie der krisenbedingte Verlust von Alltagsnormalität in ihrer Persönlichkeitsentwicklung besonders hart trifft. Sie brauchen deshalb in Zeiten der Pandemie und des Krieges die besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung der Erwachsenen, auch der Erwachsenen, die politische Entscheidungen treffen und Strukturen schaffen müssen.


Das war das zentrale Ergebnis einer Informationsveranstaltung, zu der die Pädagogen Harald Karutz und Merit Tinia in die Evangelischen Familienbildungsstätte am Scharpenberg eingeladen hatten. Zusammen mit den beiden Schulpsychologinnen Nina Schönegg und Jasmin Moning diskutierten sie mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern darüber, was Kinder und Jugendliche in der anhaltenden Dauerkrise zwischen Corona und Krieg stärken kann.

Was stärkt Kinder in der Krise?

Pädagogen, Eltern und Bezirksschülersprecher Samuel Bielak trugen mit den Referenten und Referentinnen des anregenden und informativen Abends hilfreiche Handlungsstrategien zusammen. Zu den Ergebnissen des Gedankenaustausches gehörten unter anderem diese Erkenntnisse:

Eltern sollten Nachrichten über Krieg und Corona altersgerecht dosieren und mit ihren Kindern offen besprechen.
Familienaktivitäten, wie gemeinsames Kochen, Spielen, Vorlesen, Spiel, Sport und Ausflüge schaffen in der Krise wichtige Auszeiten der Normalität.
In den Schulen bräuchte es mehr Zeit und Geduld und weniger Leistungs- und Zeitdruck. Dort müsste mit mehr Pädagogen in kleineren Klassen gelernt und gelehrt werden. Für die Integration der Flüchtlingskinder bedarf es einer größeren Zahl von sprachkundigen Assistenzkräften.

Eltern sollten sich frühzeitig fachkundige Hilfe holen, wenn sie bei ihren Kindern psychische Probleme feststellen und dabei die Lotsfunktion der Schulsozialarbeiter und der schulpsychologischen Beratungsstelle im Gesundheitsamt an der Heinrich-Melzer-Straße nutzen.

Für unsere demokratische Gesellschaft, darauf wiesen Harald Karutz und Samuel Bielak besonders nachdrücklich hin, sei für Kinder und Jugendliche die Erfahrung, dass ihre Belange politisch ernst genommen und im politischen Handeln berücksichtigt würden, um ihr Vertrauen in die Demokratie nicht nachhaltig zu schwächen und damit langfristig Politik- und Parteienverdrossenheit zu erzeugen

Schein und Sein

 Heuchler wurden im antiken Griechenland und im alten Rom Hypokrit genannt. Jetzt hatte mit „Hypocrites“ die neue Volxbühnenproduktion im Th...