Samstag, 27. Februar 2021

Ganz schön haarig

 Wir leben in haarigen Zeiten. Das macht mir der Blick in den Spiegel deutlich. Meine Haare werden lang und länger. Auch Mitmenschen, die sonst eher häufiger als seltener zum Friseur gingen, begegnen einem jetzt mit zum Teil haarsträubenden Frisuren. Nur als Glatzenträger kann man in diesen Corona-Tagen noch frisurtechnische Kontinuität und Fassung bewahren. Was mich immer wieder verwundert, ist der Anblick unserer medial omnipräsenten und immer gut frisierten Spitzenpolitiker und Top-Manager. Sollten diese so gut bezahlten Spitzen von Staat und Wirtschaft am Ende auch noch begnadete Friseure sein, die nicht nur anderen, sondern auch sich selbst daheim den Kopf waschen und eben nicht nur Bilanzen und Statistiken frisieren können?! Bei genauer Betrachtung wird es aber wohl so sein, dass man gerade in haarigen Zeiten, wie diesen, den sozialen Status der Menschen an ihrer Haarmähne erkennt. Wer uns jetzt noch schnittig begegnet, muss entweder genug Geld für einen gut maskierten Haus- und Hoffriseur oder gute Beziehung zu einem solchen haben. Nun sollen die Friseursalons ja bald wieder öffnen. Doch schon jetzt dürften ihre Wartelisten länger als so mache Haarmähne sein. Mal sehen, ob die Friseure mit dem Haareschneiden schneller vorankommen, als die Gesundheitsbehörden mit dem Impfen. Zur Not lassen wir unsere Haare einfach weiter wachsen und gehen nächstes Jahr als Hippies im Mülheimer Rosenmontagszug mit! Und als Kostüm Prämie beantragen wir dann beim Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval einen Friseurgutschein.


aus der NRZ vom 25. 02. 2021

Freitag, 26. Februar 2021

Bedingt dienstbereit

Service ist nicht gleich Service. Das lernte ich jetzt bei meinem jüngsten Bankbesuch. Ich wollte nur mal eben mein Sparbuch durchlaufen lassen und schauen, ob sich in der Zwischenzeit eine wunderbare Geldvermehrung ergeben hätte. Als mich die Zahlen in meinem Sparbuch auf den Boden der fiskalischen Tatsachen zurückholten, war ich nicht enttäuscht. Enttäuschend fand ich nur, dass ich nach geraumer Zeit in der ersten Warteschlange vor dem Service-Schalter von der Bank-Mitarbeiterin zum Kassenschalter verwiesen wurde: mit dem Satz abgefertigt wurde: “Sie wollen nur ihr Sparbuch durchlaufen lassen? Dann müssen Sie zur Kasse gehen!” Während ich ihrer wenig serviceorientierten Aussage irritiert Folge leistete und mich in die nächste Warteschlange vor dem Kassenschalter eingereihte, hatte ich das Gefühl, dass der Service-Schalter meiner Bank nicht das hält, was seine Name verspricht. Schade, dass die Kollegin am Serviceschalter sich ihre Dienstauffassung vor die Dienstleistung stellte. Hatte ich als Kunde zu viel verlangt, mein Sparbuch von ihr durchlaufen und so aktualisieren zu lassen?

Als Mitarbeiterin einer Bank, die ihre Kunden dazu aufruft: “Wenn es um’s Geld geht” den Weg zu ihr zu finden, hätte sie vielleicht eine Sekunde lang daran denken können, dass auch die Zeit der Kunden Geld  wert ist. Vielleicht ist die Service-Kollegin noch in der Zeit ausgebildet worden, als ihre Bank ein städtisches Amt war, in dem man vom Amts Wegen in bester Beamten-Manier erst mal die Zuständigkeit prüfen musste, ehe man zur Tat schritt. Wie schön, dass der Busfahrer der Ruhr-Bahn, der mich zu meinem nächsten Termin bringen sollte, eine Sekunde länger als nötig seine Bustüre offen hielt, um mir eine weitere Wartezeit zu ersparen. Danke, Herr Kollege, fürs Mitdenken und Mitfühlen. Das schloss an diesem Tag mein Service-Defizit und versöhnte mich mit der Menschheit. Gut, wenn man Menschen begegnet, die ihren Dienst am Mitmenschen und ihn nicht nur nach Vorschrift leisten.


aus der NRZ vom 22.02.2021

Dienstag, 23. Februar 2021

Immer wieder sonntags

Gestern habe ich an dieser Stelle über den Aschermittwoch philosophiert. Und heute hatte ich im Supermarkt eine Begegnung der besonderen Art. Mir begegnete der Osterhase, der aus Schokolade, um genau zu sein. Aus dem Regal blinzelte mich der schokoladige Meister Lampe, gewandet in der signalfarbenen Verpackung eines bekannten Schokoladen-Herstellers verführerisch an. “Nimm mich jetzt, ehe es zu spät ist!” schien mir das süße und kurvige Geschöpf aus Schokolade zu zuraunen. Vor solchen Situationen von Versuchung und Begierde hat mich Mutter immer gewarnt. Ich habe ihren Rat im Ohr: “Geh niemals hungrig einkaufen. Das wird teuer!” Tatsächlich ist es ja schon manchem Mann nicht nur beim Einkauf teuer zu stehen gekommen, wenn er scheinbar süßen und unwiderstehlichen Hasen vernascht hat, der nachher nicht gehalten hat, was er versprochen hat. Aber bleiben wir lieber bei den Süßigkeiten aus Schokolade, ehe wir auf Abwege geraten. Tatsache ist: Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Und da passt so ein Schokoladenhase nicht wirklich rein. Es denn, man vernascht ihn sonntags. Denn die Sonntage sind kirchenrechtlich betrachtet fastenfrei. So gibt es von jeder Regel eine Ausnahme. Gott sei Dank. Denn jede Moral, auch die in Sachen Ernährung, ist nur zu ertragen, wenn Sie an der einen oder anderen Stelle mit doppeltem Boden gelebt werden kann. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Pfarrer, Ihren Hausarzt oder ihre Waage. Oder fragen Sie niemanden und genießen Sie aller Stille, immer wieder sonntags.


aus der NRZ vom 18.02.2021

Sonntag, 21. Februar 2021

Mölmscher Aschermittwoch

Heute ist Aschermittwoch. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Doch was ist eigentlich vorbei. Der Karneval hat bestenfalls punktuell und digital stattgefunden. Also haben wir auch keinen Grund, in Sack und Asche zu gehen und um den Hoppeditz zu trauern. Der hat ja in dieser Session gleich durchgeschlafen. So mancher Zeitgenosse, dem auch schon vor Aschermittwoch die Heiterkeit abhanden gekommen ist, würde es ihm sicher gerne gleichtun und erst wieder aufwachen, wenn der Coronavirus und seine Folgen Geschichte sind. Das gleiche ermüdende Gefühl mag auch manchen Gewerbetreibenden beschleichen, den der Lockdown ins Schleudern bringt. Und auch als glatteis-geschädigter Fußgänger, der auf Mülheims Gehwegen immer wieder in einen Schleudergang gerät, möchte gerne mal mit den Eisheiligen Schlitten fahren, die die Gehwege nicht vom Eis befreien, obwohl sie vom Amts- und Rechtswegen dazu verpflichtet sind. Mülheim, frei nach Heinrich Heine ein Wintermärchen: “Denk nicht in Mülheim an der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht!” Besser nicht. Denn wir brauchen unseren Schlaf gerade jetzt, um am Tag hellwach zu sein und die Unebenheiten des Lebens mit dem Humor zu ertragen, der, wie wir durch Joachim Ringelnatz wissen: Nicht nur zur fünften Jahreszeit “verhindert, dass uns der Kragen platzt!” Und weil wir spätestens ab dem 11.11.2021 wieder jeck, aber keine Narren sein wollen, sollten wir uns mit Erich Kästner sagen: “Wird’s besser? Wird’s schlecht? So fragt man sich alljährlich. Doch seien wir ehrlich. Das Leben ist immer lebensgefährlich.” In diesem Sinne wünsche ich uns allen Hals und Beinbruch. Aber bitte! Nehmen wir’s nicht zu wörtlich. 


aus der NRZ vom 17.02.2021

Freitag, 19. Februar 2021

Eine Mülheimer Familiengeschichte

 Eigentlich dreht der Journalist Marcel Kolvenbach dokumentarische Filmbeiträge für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Oder er unterrichtet als Professor die Studierenden der Kunst- und Medien-Hochschule Köln. Doch jetzt schaute der Dokumentarfilmer auf einen Dreh im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße vorbei. Bisher hatte er von Mülheim nur das Theater an der Ruhr gesehen.

Seine filmreife Hauptdarstellerin war Stadtarchivarin Annett Fercho. Denn Kolvenbach dreht einen Film über seine Familiengeschichte. Und Fercho hat ihm bei der Recherche geholfen. Sie lieferte ihm die Standesamts- und Einwohnermeldekarteikarten. Die beleuchten das Leben und Schicksal seines "Großvaters" Fritz Kann, der am 31. Dezember 1898 in Mülheim das Licht der Welt erblickt hat und hier die heutige Karl-Ziegler-Schule besucht hat. Seine Eltern Simon und Lina betrieben an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße, die damals noch Hindenburgstraße hieß, eine Metzgerei. Doch in Mülheim begann, nach 13 Lebensjahren in Düsseldorf am 21. April 1942 auch seine Fahrt in den Tod. Denn Fritz Kahn, dessen Einwohnermeldekarte den Beruf Arbeiter anzeigt, war Jude und er wurde wie 270 Mülheimer Juden zum Holocaust-Opfer. Von den 290 Juden, die ab 1941 aus Mülheim deportiert wurden, kehrten 27 ab 1945 nach Mülheim zurück. Als junger Mann war Fritz Kann Teil einer damals aus 700 jüdischen Bürgern bestehenden Gemeinde, die sich 1907 eine sehr repräsentative Synagoge am Viktoriaplatz bauen konnte. Der Platz heißt seit 2009 Platz der Alten Synagoge und erinnert daran, dass diese Synagoge, die bei ihrer Einweihung im August 1907 von der Lokalpresse als "eine Zierde der Stadt" gefeiert wurde, in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in den Flammen des nationalsozialistischen Hasses auf alles Jüdische verbrannte. Mülheims Feuerwehrchef Alfred Fretr half dienstbeflissen mit, obwohl das jüdische Gotteshaus bereits im Oktober 1938 in den Besitz der Stadtsparkasse übergegangen war.


Von der Heimatstadt in den Holocaust

Als Fritz Kann 1941 in seine Heimatstadt zurückkehrte tat er das nicht freiwillig. Als Jude hatte er sich von seiner katholischen Ehefrau Christine Caroline, die er 1927 in Düsseldorf geheiratet hatte, scheiden lassen müssen. Die Scheidung wurde von den NS-Machthabern auf der Grundlage ihrer 1935 in Nürnberg verabschiedeten Rassegesetze von Staats wegen aufgelöst. Denn jüdische und andersgläubige Frauen und Männer durften in Hitlers Deutschland kein Liebespaar und schon gar kein Ehe- oder Elternpaar sein. Weil Fritz Kann seine katholische Ehefrau und die gemeinsamen Kinder Horst und Albert vor der politisch von den Nationalsozialisten gewollten Verfolgung und Vernichtung schützen wollte, ließ er sich scheiden und kehrte in seine Heimatstadt Mülheim zurück. Dort wurde er in sogenannte Judenhäuser, zunächst an der Düsseldorfer Straße 16 und dann am Scharpenberg 42 mit Glaubens- und Leidensgenossen einquartiert. Es waren zwei von stadtweit zehn Judenhäusern. Von hier aus wurde nicht nur er am 21. April 1942 von der Polizei abgeholt und zum damaligen Hauptbahnhof, dem heutigen Bahnhof West an der Friedrich-Ebert-Straße eskortiert. Es passte in die Zeit, dass diese heute nach dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten der Weimarer Republik benannte Straße damals noch den Namen seines Nachfolgers Paul von Hindenburg trug. Denn Hindenburg hat sich als General im Ersten Weltkrieg die Anerkennung seiner Landsleute verdient. 1933 hatte der Stadtrat ihn und den von ihm ernannten Reichskanzler Adolf Hitler zu Ehrenbürgern Mülheims gemacht. Doch ihren jüdischen Mitbürger Fritz Kann wollten die Mülheimer 1942 nicht mehr unter sich haben. Seine Deportation begann am Mülheimer Hauptbahnhof und führte ihn, wie seine jüdischen Mitbürger, zunächst nach Düsseldorf. Dort mussten sich Kann, dessen Geburtsurkunde den ab 1941 staatlich verordneten Zusatznamen "Israel" auswies, mit seinen Leidensgenossen im Schlachthof zur Abfahrt ins polnische Transit-Ghetto Izbica einfinden. Von Izbica aus führt ihn sein Leidensweg dann ins Vernichtungslager Auschwitz. Wann Fritz Kann dort ermordet wurde, lässt sich nicht mehr feststellen. Seine Einwohnermeldekarte weist nur aus, das er 1957 auf Beschluss des Amtsgerichtes Mülheim rückwirkend zum 31. Dezember 1945 für tot erklärt worden ist.

Marcel Kolvenbach sagt angesichts seiner schwierigen Spurensuche, die ihn auch für Zeitzeugen-Interviews nach Argentinien geführt hat: "Die Hollywood-Variante sieht so aus: Mein Großvater und meine Großmutter haben sich vor seiner Deportation noch einmal getroffen und in einer letzten gemeinsamen Liebesnacht meinen Vater Hans-Jürgen gezeugt, der genau neun Monate nach Fritz Kanns Deportation zur Welt kam. Wahrscheinlicher ist aber die profane Variante, dass mein Vater der leibliche Sohn des Mannes war, den ich als meinen Großvater kennengelernt habe. Mein Großvater Johann Jakob Maria Kolvenbach hatte meine Großmutter, die nach der Zwangsscheidung mit zwei Jungs alleine stand und als Kellnerin ihren Lebensunterhalt verdienen musste, geheiratet und sich so um sie und ihre Kinder gekümmert. Und wahrscheinlich hat meine Großmutter damals schon die Hoffnung verloren, ihren ersten Ehemann und den Vater ihrer erstgeborenen Söhne noch einmal lebend wiederzusehen," beschreibt Marcel Kolvenbach die Geschichte seiner aus der Not heraus entstanden Patchworkfamilie."


Finanzielle und fachliche Förderung

Kolvenbach betont mit Blick auf seinen 90-minütigen Film, der zunächst in Kinos und bei Film-Festivals gezeigt werden soll: "Ich bin kein Historiker. Ich will nicht die große Weltgeschichte und eine ganz persönliche und menschliche Familiengeschichte erzählen." Es ist eine Familiengeschichte, die die menschliche Tragödie zeigt, die der Nationalsozialismus über Deutschland und die Welt gebracht hat. Insofern ist Kolvenbachs filmische Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte auch ein historisches und politisches Lehrstück. Deshalb wird es auch eine 45-minütige Filmfassung für Schulen geben. Die fachliche Unterstützung aus dem Mülheimer Stadtarchiv und die finanzielle Unterstützung des Filmstiftung NRW und der zum Deutschen Gewerkschaftsbund gehörenden Stiftung BGAG Walter Hesselbach haben es möglich gemacht.


Erinnerung wachhalten

Wenn Marcel Kolvenbach im April seinen Film nach siebenjähriger Produktionszeit dem interessierten Publikum präsentieren kann, wird er dabei auch an Mülheim denken. Und schon jetzt denkt er mit Stadtarchivarin Annett Fercho darüber nach, seinen Dokumentarfilm über seinen Mülheimer Großvater Fritz Kann im Rahmen der Reihe zur Mülheimer Geschichte im Haus der Stadtgeschichte zu zeigen und seine Biografie auf der Internetseite des Stadtarchivs und mit einem Stolperstein vor seinem letzten frei gewählten Mülheimer Wohnsitz an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße 73 vor dem Vergessen zu bewahren.

aus dem Lokalkompass der Mülheimer Woche vom 09.02.2021

Montag, 15. Februar 2021

Närrischer Neuanfang

 Elli Schott, Vorsitzende der Röhrengarde, und Markus Uferkamp, Präsident des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, sind sich mit Blick auf die Zukunft des Karnevals einig: "Wir fangen wieder bei Null an!"

Bei den Karnevalisten stellen sie vor dem Beginn der Tollen Tage, die an diesem Jahr keine sein werden, eine Traurigkeit und Niedergeschlagenheit fest. Am 15. Februar wäre Rosenmontag. Normalerweise würde dann ein großer Narrenzug mit Tollitäten, Kamelle und Co durch die Innenstadt ziehen. 

Nicht zum ersten Mal Schluss mit lustig

1957 gründeten die damaligen Gesellschaften MüKaGe, Blau Weiß, Mölmsche Houltköpp und Mölm Boowenaan den Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval. Ihr Ziel: Einen Rosenmontagszug auf die Straßen der Mülheimer Innenstadt zu bringen. Am Rosenmontag 1958 war es soweit. Prinz Erich I. (Ibing) und sein Gefolge konnten beim ersten Mülheimer Rosenmontagszug Kamelle und gute Laune unter das mölmsche Narrenvolk bringen. Wenn der Rosenmontagszug am 15. Februar Corona-bedingt ausfällt, wird dies nicht das erste Mal sein. 1990 und 2015 sorgten Stürme für einen Ausfall des Narrenzuges. 1991 mussten die Jecken vor dem Golfkrieg kapitulieren. Auch während des Zweiten Weltkriegs war für die Narren der 1937 gegründeten ersten Mülheimer Karnevalsgesellschaft MüKaGe Schluss mit lustig. Dass sich bereits zwei Jahre nach Kriegsende 1947 mit Blau Weiß eine neue Karnevalsgesellschaft gründete, mag den heutigen Karnevalisten Mut machen, dass der organisierte Frohsinn in Mülheim auch die Corona-Pandemie überleben wird.

Ohne Geselligkeit geht es nicht

Davon gehen auch Elli Schott und Markus Uferkamp überzeugt: "Der Karneval lebt von der Geselligkeit und den sozialen Kontakten. Wir wollen mit den Menschen feiern und ihnen Freude machen", sagen Sie im Gespräch mit dem Lokalkompass und mit der Mülheimer Woche.
Beide Karnevalisten machen sich aber keine Illusionen darüber, dass "wir wieder klein und bodenständig anfangen müssen, weil einige Sponsoren nach der Corona-Krise vielleicht nicht mehr da sein werden oder zumindest kein Geld mehr für Karnevalssponsoring übrig haben."
Deshalb freut sich Uferkamp über ein hoffnungsvolles Gespräch mit dem Groß-Sponsor Metro, "der uns auch in der nächsten Session unterstützen möchte."

Manche sind ausgestiegen

Elli Schott berichtet aus ihrer Gesellschaft, das zehn der bisher 85 Mitglieder abgesprungen sind, weil sie ihr Hobby Karneval zurzeit nicht mehr aktiv ausüben können." Schott und Uferkamp glauben aber angesichts der im Karneval nicht ungewöhnlichen Mitglieder-Fluktuation trotzdem daran, "dass wir auch wieder neue Freunde für den Karneval gewinnen können, sobald wir wieder mit Präsenzveranstaltungen öffentlich in Erscheinung treten können." Das aus der Corona-Not heraus geborene "Karnevalsstreaming" erkennen Schott und Uferkamp als eine gute Notlösung und als eine zusätzliche Kommunikationsmöglichkeit des Karnevals an. Doch beide sich sich sicher: "Das digitale Video-Streaming ist kein Ersatz für den gemeinsam und live erlebten Karneval im Saal oder auf der Straße."

Die Krise als Chance

Markus Uferkamp übt sich in Zweckoptimismus. "Vielleicht führt die Erfahrung der Corona-Pandemie ja auch dazu, dass wir alle wieder bodenständiger und zufriedener werden und nicht alles immer noch größer, noch schöner oder noch teurer werden muss, um beim Publikum anzukommen."

Auch hier kann ein Blick in die Geschichte den Corona-geschädigten Karnevalisten Mut machen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Karneval nicht in großen Sälen, sondern in Lokalen und mit kleinen Stadtteilumzügen gefeiert. Doch ein Fragezeichen setzten Schott und Uferkamp hinter die kommende Session 2021/2022. Deren Durchführung hängt nach ihrer Ansicht vom Erfolg und vom zeitlichen Ablauf der jetzt begonnen Impfkampagne ab. Zumindest eine Frage müssen sich die Karnevalisten vor dem 11.11.2021 nicht mehr stellen, nämlich die nach dem Prinzenpaar. Denn die im November 2020 und im Januar 2021 nicht proklamierten mölmschen Prinzenpaare werden nach dem Motto: "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben" mit zwölfmonatiger Verspätung für Spaß an der Freude sorgen.

Virtuelle Karnevalserlebnisse

Karnevalsfans müssen aber auch in diesen nicht stattfindenden Tollen Tagen nicht ganz auf den Karneval verzichten. Denn die für Mülheimer Pflegeeinrichtungen und für die karnevalsbegeisterten Bewohner des Theodor-Fliedner-Dorfes aufgenommene Karnevals-Memory-Show der mölmschen Jecken wird am Karnevalssonntag (14. Februar) zwischen 14 und 16 Uhr unter: www.livestream-karneval.de. auch für andere Interessierte zu sehen und zu hören sein. Auf der gleichen Internetseite kann man am Karnevalssamstag (13. Februar) zwischen 14 und 16 Uhr eine Kinderkarnevalsparty und am Rosenmontag von 11.11 Uhr bis 19.19 Uhr einen digitalen Rosenmontagszug miterleben. Der noch amtierende Stadtprinz und neue Senatspräsident Dennis Weiler macht es mit seinem veranstaltungstechnischen Fachwissen möglich. Er bringt den Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval ins Netz. Und die KG Blau Weiß, die den Beginn der ausgefallenen Session 2020/2021 im vergangenen November mit einem karnevalistischen Hoppeditz-Video eröffnete, wird auch am Karnevalssamstag (13. Februar) um 19.11 Uhr mit einer digitalen Prunksitzung auf ihrer Internetseite www.kgblauweiss1947kf.de sowie via Facebook und Youtube ins Netz gehen und so digital von sich hören und sehen lassen.

aus dem Mülheimer Lokalkompass vom 10.02.2021

Sonntag, 14. Februar 2021

Einmal Clown zu sein

 Rollenwechsel: Oder wie NRZ-Mitarbeiter Thomas Emons den Rosenmontagszug unter einer roten Perücke und mit Theaterschminke im Gesicht erlebte.

Früher, in der Schule, war ich manchmal Klassenclown. Doch damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich eines Tages als Clown durch die Stadtmitte spazieren würde. Dabei hätte meine Mutter, ein waschechtes kölsches Mädchen, ihren Sohn früher gerne mal im Clownskostüm gesehen: „Das sieht doch so schön aus.” Die Saarner Clowns und der Rosenmontag machten es jetzt möglich.

Was macht einen Clown zum Clown? Natürlich braucht er ein buntes Kostüm mit weiten Hosen, eine Perücke und Schminke im Gesicht. Letzterem sah ich mit besonderer Skepsis entgegen. Doch vor dem Kostümieren und Schminken bekam der Clownslehrling von der erfahrenen Clownsfrau Ramona Baßfeld erst mal den Rat: „Zieh dich warm an.” Tatsächlich waren die Wetterprognosen für den Rosenmontagszug: „Nass und kalt”, alles andere als zum Lachen.

Also schaute ich erst mal, was der Kleiderschrank daheim hergab. Wie gut, dass ich die von Mutter gestrickten Wollpullover in den milden Wintern der Vorjahre nicht ausgemustert hatte. Drei Pullover, zwei lange Unterhosen, sowie ein Paar Skisocken und ich fühlte mich, wie in einem Backofen. Da kam ich schon ins Schwitzen, ehe die Clownerie begonnen hatte. Doch bevor sich der so gegen alle Wetterkapriolen gewappnete Pressemann von Clownsfrau Monika Ulrich mit roter, weißer und ein wenig blauer Theaterschminke bunt anmalen lassen musste, durfte er sich erst mal im Kreise der rund 20 Saarner Clowns mit einem zünftigen Frühstück stärken. Karnevalsschlager aus dem Radio: „Da sind wir dabei. Das ist prima” stimmten ihn auf die kommenden Ereignisse ein. Außerdem führten Monika Ulrichs gleichnamige Mutter und Erika aus der Wieschen den Neuzugang in die Geschichte der Saarner Clowns ein, die sie mit ihren jecken Gesinnungsgenossinnen Margot Brinkmann und Anneliese Neuhoff 1975 aus der Taufe hoben. Alles begann im Saarner Friseursalon von Mutter Ulrich. Die gebürtige Kölnerin, die der Liebe wegen nach Mülheim gezogen war, wollte auch in ihrer neuen Heimat nicht auf den Spaß an der Freude verzichten. Anfangs gingen die Saarner Clowns auch schon mal als Babys oder Gartenzwerge. Für die mölmschen Kostümmuffel wurden sie zunächst nur bei der Saarner Weiberfastnacht und später auch beim Rosenmontagszug zu einem echten Hingucker. So stellte sich bald auch männliche Verstärkung, wie von selbst ein. Detlef Ulrich, Wilfried aus der Wieschen, Guido Freese, Michael Winkelströter und Hermann Gerntges bilden inzwischen die Männerfraktion im Frauenclub. Die Männer haben derweil zwei Bagagewagen gebaut, die gestern randvoll mit selbst gekauften Kuscheltieren, Trillerpfeifen, Kekspaketen, Kamelle und Miniclowns randvoll bepackt wurden. Bevor sich die Saarner Clowns und ihre Wagen gegen 14.30 Uhr am Südbad in Bewegung setzten, schunkelten sie sich erst mal mit ihrem Erkennungslied warm: „Saarn, Saarn. Du bist für uns der schönste Ort. Drum wollen wir hier niemals fort. Rosenmontag geht es dann richtig los, im Zug durch die Stadt. Das ist famos.”


aus der NRZ vom 23.02.2009

Samstag, 13. Februar 2021

Närrische Ansichten

 "Wir es besser? Wird es schlimmer? So fragt man alljährlich. Doch seien wir ehrlich. Leben ist immer lebensgefährlich!" Nie waren diese Zeilen Erich Kästners (1899-1974) so aktuell wie heute. Das gilt auch für die Erkenntnis seine literarischen Kollegen Joachim Ringelnatz (1883-1934): "Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt." Im Lichte dieser zeitlos wahren Lebensweisheiten grüße ich alle Närrinnen und Narren und jene, die darauf hoffen und daran glauben, dass der Corona-Virus den Bazillus Carnevalensis und damit den Spaß an der Freude nicht auf Dauer besiegen wird, mit einer in dieser Form noch nicht gehaltenen Büttenrede, frei nach dem Motto: "Ein Schelm, der Böses dabei denkt!"

Es gibt kein Zaudern und kein Harren. In dieser Session müssen kürzer treten die Narren. Auch wenn man's nicht mehr hören mag. Der Bazillus Carnevalensis ist leider nicht so stark. Der Corona-Virus, was für ein Stuss sorgt dafür, dass man in dieser Session als Narr zu Hause bleiben muss.
Deshalb, liebe Jecken, seid schlau und grüßt euch mit Maske: Uss Mölm, Helau!
Doch dem Trübsinn gehen wir nicht auf den Leim und feiern fröhlich daheim.
Und zieh ich allein an meine Narrenkappe, weiß ich doch wir überleben auch diese schreckliche Etappe, in der der Corona-Frust uns will rauben die Lebenslust. Doch der echten Narr war klar, was in der Pandemie zu tuen war. Deshalb grüßen wir euch, liebe Leute via Video heute.

Behaltet euren Humor

Unter meiner bunten Narrenkappe reiß ich deshalb auf meine Klappe und rufe euch zu: Seid kein Thor und behaltet euren Humor.

Denn nur so kann man heute das Leben wagen, ohne das einem platzt der Kragen.
Auch wenn der Rosenmontag 2021 nicht so ist wie man ihn mag. Es ist unser Jecken Naturell. Wir geben nicht auf, so schnell und feiern deshalb virtuell. Glaubt mir: Ich habe keinen Vogel unter meiner Narrenkappe, wenn ich euch sage heute, liebe Leute: Es kommt nach all dem Ernst der letzten Zeit auch mal wieder eine heitere Etappe.

Auch wenn viele auf die Politik tun schimpfen: Es hilft uns nichts, uns gegenseitig zu verunglimpfen. Dur statt Moll ist angesagt, wenn man sich vor Augen führt, wie schnell die Forschung einen Impfstoff gegen Corona hat gekürt. Trotz aller Anlaufschwierigkeiten, wollen wir uns lieber impfen statt uns gegenseitig zu beschimpfen, damit wir bald über den Coronavirus können sagen klar: Er ist nicht mehr. Er war.

Und wenn wir für wahr überstehen die gemeinsame Lebensgefahr, dann können wir uns auch wieder Seit an Seit erfreuen und müssen keine Feier bereuen.

Vorfreude ist die schönste Freude

Denkt dran, liebe Narren Scharr. Es ist wie es war. Die Vorfreude ist die schönste Freude. Das ist klar. Wenn wir in unserem mölmschen Nest erst haben überstanden die moderne Pest, dann sind wir vielleicht so weit und mal gemeinsam gescheit. Wenn wir einsehen, dass wir nur gemeinsam sind stark, dann trifft uns so schnell auch nichts ins Mark und niemand muss mehr fristen sein Leben karg. Darauf trinke schon jetzt mit euch, zur Not auch einen Kaffee Hag.

Denken wir heute, liebe Leute, an manche Mölmsche Kamelle aus der Vergangenheit, die uns will sagen: Es hilft nicht, nur zu klagen. Man muss das Leben immer wieder wagen, egal, was andere dazu sagen.

Vielleicht ist schon binnen Jahresfrist vorbei der blöde Corona-Mist. Das wünsche ich uns allen, das wir mal wieder können singen, tanzen und schunkeln in vollen Hallen und unsere frohen Lieder durch die ganze Stadt tun schallen. Dann wissen wir, was im Leben wirklich wichtig ist, dass nicht nur Ich, sondern auch DU glücklich bist.

Dann kommt wieder die Zeit, wo unter der Narrenkappe beginnt des Jahres fröhlichste Etappe.
Dann können wir mitten im Winter wieder frohlocken und sind gemeinsam von den Socken, denn wenn es dann auch draußen ist dunkel, kalt und nass, haben wir doch drinnen im Saal viel Freude und Spaß.

Dann sagen wir uns wieder ohne zu klagen: "Kreist über unserer Stadt auch der Pleitegeier: In der 5. Jahreszeit gönnen wir uns die eine oder andere Feier."

Rauf und runter, aber immer munter

Geht es auf Mülheims Straße, Loch an Loch, auch rauf und runter: Am besten ist: Wir bleiben munter.
Sicher Auch morgen bleiben uns die Sorgen. Denn auch als frohgemute Jecken können wir uns vor den mölmschen Baustellen nicht verstecken. Wenn wir in unserer schönen Stadt sehen so manche fiesen Ecken, dann tun wir uns nach guten Ideen für unsere Stadt die Finger lecken. Wir brauchen wieder Spaß am Machen, damit wir uns wieder freuen können an tollen Sachen.

Ja. Angesichts von vielen Schulden müssen wir Bürger uns nicht erst heute gedulden. Gute Straßen, gute Schulen, schönes Grün, gepflegte Plätze ohne Hetze, Bäder, in denen man noch schwimmen kann sowie Bus und Bahn, die noch ganz profan fahren nach Plan. All das brauchen wir so sehr. Doch die Stadtkasse ist leer und das Geld wird nicht mehr.

Wer soll das bezahlen?

Da stellt man sich die Frage: „Wer soll das bezahlen?“ Wir können uns unsere Stadt doch nicht malen.
Und angesichts so vieler roter Zahlen verkündet der Stadtkämmerer das Motto: „Leute spielt Lotto!“
Am besten gleich mehrfach 6 Richtige auf dem Lottoschein. Das wäre fein. Aber auch im Rathaus darf’s mal etwas mehr sein. Es ist banal. Aber die Stadt braucht auch nach der Wahl gutes Personal, damit Verwaltung und Politik werden nicht zur Qual.

Wer unsere Stadt will leiten, der darf nicht nur streiten. Er muss den Blick weiten und das am besten nach allen Seiten.

Wer nur will die Steuersätze heben, der riskiert noch manches Beben.
Wir wollen in unserer Stadt nicht nur ein blaues Wunder erleben.
Im besten Falle gilt Ludwig Erhards Gebot: Maß halten und Wohlstand für alle. Nur so kommen wir heraus aus der Not.

Doch wenn das mölmsche Pflaster für alle Bürger und Unternehmer wird zu teuer, dann sind die Folgen ungeheuer.

Denn wir wollen ja mal wieder raus aus dem alten Gemäuer der Schuldenlast. Doch das klappt nur, wenn du einen Arbeitsplatz hast. Mutter, Vater, Tochter und Sohn brauchen Arbeit und guten Lohn. Sonst ist die Rede vom gerechten Leben nur blanker Hohn.

Warten wir nicht auf Lotto-Feen

Warten wir nicht auf Lotto-Feen. Wir brauchen für unsere Stadt gute Ideen.
Da können wir nicht nur warten und schlafen, sondern müssen handeln, zum Beispiel am Flughafen. Dort ist es jetzt soweit. Investoren stehen bereit. Was sie sagen, klingt gescheit. Wer hier die Chancen nicht erkennt, hat Mülheims Zukunft verpennt.

Auch beim Klimaschutz kämen wir weiter und wären gescheiter, wenn wir hätten einen guten Plan für unsere Ruhrbahn. Auch sichere Fußgänger und Radfahrer auf allen Wegen wären für die Umwelt ein Segen. Soll das Auto öfter stehen, muss man gute Alternativen in Bus und Bahn sehen.
Doch bis jetzt ist nichts passiert. Den Kahlschlag bei Bus und Bahn, den keiner mag, hat der Regierungspräsident kassiert. Nur wenn Bus  und Bahn günstiger fahren, kommen die Fahrgäste in Scharen. Sie lassen bei der Ruhrbahn gerne klingeln die Kassen! Doch Preis und Leistung müssen passen! Genug Fahrer müssen bei der Ruhrbahn öffnen und schließen die Türen, doch keine zwei Chefs müssen ihre Geschäfte führen.

Wo ist der Held?

Gut investiert wäre aber das Steuergeld für so manchen Held, der auf unseren Straßen Raser und Dreckspatzen anhält. Diese Zeitgenossen müssten dann nicht nur heben ihre Flossen! Sie müssten auch latzen, bis die Stadtkasse tät‘ platzen.

Ob mit oder ohne Helau! Ich sehe es schon ganz genau. Viele Steuergeld bleibe auch in unserer Stadt, wenn so mancher bequeme Kunde nicht Blei im Hintern hat.
Denn wer nur im Internet tut shoppen, der darf sich nicht wundern, wenn der Einzelhandel in Mülheim tut floppen.

Floppen tat in unserer Stadt, die auch eine Volkshochschule hat, die Idee: „VHS an der Bergstraße adé!“ Beim Bürgerentscheid sagten die Meisten dazu: „Nee!“ Auch wenn viele Parteien redeten mit Engelszungen, ist ihn ein Ja zur VHS an der Aktienstraße nicht gelungen. So mancher Bürger hat dem Braten nicht getraut und gemeint: „Wir werden beklaut!“ Vor 40 Jahren hat man mit Steuergeld das Haus der Bildung und Begegnung an der Bergstraße gebaut. Doch der Brandschutz hat dort das Weitermachen versaut. „Vielleicht wird uns die VHS genommen so wie das Stadtbad und die Jugendherberge an der Ruhr. Dort gibt es heute private Bewohner nur. Von öffentlicher Nutzung keine Spur.“ So dachte wohl mancher Wähler beklommen, der zum Bürgerentscheid gekommen.

Lebt heiter und gescheiter

So manches habe ich hier nun über unsere Stadt erzählt und euch damit hoffentlich nicht gequält! Da die Zeit ist fortgeschritten, so will ich euch nur um eines bitten: „Geht es auf der Lebensleiter auch rauf und runter! Bitte, bleibt munter. Wer trotz mancher Sorgen bleibt heiter, der lebt gelassener, gesünder und gescheiter. Es wäre doch gelacht, wenn uns das Leben nicht auch Freude macht!
Ob Kind, ob Mann, ob Frau: In diesem Sinne grüße ich euch schon heute mit einem Uss Mölm, Helau!“


Karneval contra Corona: Närrische Ansichten an Tollen Tagen, die diesmal keine sein können - Mülheim an der Ruhr (lokalkompass.de)

Freitag, 5. Februar 2021

Ungewöhnlich gewöhnlich

Ich fahre mit der Straßenbahnlinie 104 von der Innenstadt bis zur Tilsiter Straße. Nichts daran ist für mich als Fahrgast ungewöhnlich. Nur die Corona-Schutzmaske ist und bleibt für mich gewöhnungsbedürftig. Richtig durchatmen kann man erst nach dem Aussteigen. Doch dann lässt mich eine kleine Dame, die mit ihrem Vater unterwegs ist, aufhorchen. Nachdem die elektronische Lautsprecher- Ansage die nächste Haltestelle Stift-Straße angesagt hat, jubiliert das kleine Mädchen: „Stift-Straße! Da wohne ich ja. Deshalb müssen wir jetzt auch aussteigen“, sagt der Vater. Er wundert sich über die spontane Begeisterung seiner Tochter. Ihr: „Stift Straße! Da wohne ich ja“, kommt so fasziniert und begeistert rüber, als staune das kleine Mädchen darüber, das der Straßenbahnfahrer der Ruhrbahn- Linie 104 ausgerechnet in der Nähe ihres Zuhauses anhält und dieser  geradezu großartige Leistung ihr ein großartiges Geschenk gemacht habe. Die Szene in der Straßenbahn erinnert mich daran, dass ich als kleiner Knirps auch immer darüber staunte, dass meine Mutter auch in der Dunkelheit den Weg nach Hause fand. Heute wundere ich mich über vieles und staune über manches. Aber das der Straßenbahnfahrer oder seine Kollegin mich mit der Ruhr Bahnlinie meiner Wahl genau dort hinbringt , wohin ich möchte, war für mich bisher nichts Besonderes. Doch das kleine Mädchen, das jetzt über die zielgenaue Heimfahrt mit der Straßenbahn jubelte, hat mir die Augen geöffnet. Denn im Leben ist nichts selbstverständlich. Es ist tatsächlich eine außergewöhnliche  Dienstleistung, dass es  bei uns einen öffentlichen Personennahverkehr gibt, der uns mit gewissen Abstrichen immer wieder umweltfreundlich und relativ pünktlich ans Ziel bringt. Kindermund tut Wahrheit kund und schaut eben ganz neu und unverbraucht auf die Details unseres Alltags, in dem es von scheinbaren Selbstverständlichkeiten nur so wimmelt, die bei genauerer Betrachtung ein Grund zum Staunen und zur Dankbarkeit sind.

aus der NRZ vom 01.02.2021

Schein und Sein

 Heuchler wurden im antiken Griechenland und im alten Rom Hypokrit genannt. Jetzt hatte mit „Hypocrites“ die neue Volxbühnenproduktion im Th...