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Es werden Posts vom Februar, 2021 angezeigt.

Ganz schön haarig

  Wir leben in haarigen Zeiten. Das macht mir der Blick in den Spiegel deutlich. Meine Haare werden lang und länger. Auch Mitmenschen, die sonst eher häufiger als seltener zum Friseur gingen, begegnen einem jetzt mit zum Teil haarsträubenden Frisuren. Nur als Glatzenträger kann man in diesen Corona-Tagen noch frisurtechnische Kontinuität und Fassung bewahren. Was mich immer wieder verwundert, ist der Anblick unserer medial omnipräsenten und immer gut frisierten Spitzenpolitiker und Top-Manager. Sollten diese so gut bezahlten Spitzen von Staat und Wirtschaft am Ende auch noch begnadete Friseure sein, die nicht nur anderen, sondern auch sich selbst daheim den Kopf waschen und eben nicht nur Bilanzen und Statistiken frisieren können?! Bei genauer Betrachtung wird es aber wohl so sein, dass man gerade in haarigen Zeiten, wie diesen, den sozialen Status der Menschen an ihrer Haarmähne erkennt. Wer uns jetzt noch schnittig begegnet, muss entweder genug Geld für einen gut maskierten Haus- und

Bedingt dienstbereit

Service ist nicht gleich Service. Das lernte ich jetzt bei meinem jüngsten Bankbesuch. Ich wollte nur mal eben mein Sparbuch durchlaufen lassen und schauen, ob sich in der Zwischenzeit eine wunderbare Geldvermehrung ergeben hätte. Als mich die Zahlen in meinem Sparbuch auf den Boden der fiskalischen Tatsachen zurückholten, war ich nicht enttäuscht. Enttäuschend fand ich nur, dass ich nach geraumer Zeit in der ersten Warteschlange vor dem Service-Schalter von der Bank-Mitarbeiterin zum Kassenschalter verwiesen wurde: mit dem Satz abgefertigt wurde: “Sie wollen nur ihr Sparbuch durchlaufen lassen? Dann müssen Sie zur Kasse gehen!” Während ich ihrer wenig serviceorientierten Aussage irritiert Folge leistete und mich in die nächste Warteschlange vor dem Kassenschalter eingereihte, hatte ich das Gefühl, dass der Service-Schalter meiner Bank nicht das hält, was seine Name verspricht. Schade, dass die Kollegin am Serviceschalter sich ihre Dienstauffassung vor die Dienstleistung stellte. Hatte

Immer wieder sonntags

Gestern habe ich an dieser Stelle über den Aschermittwoch philosophiert. Und heute hatte ich im Supermarkt eine Begegnung der besonderen Art. Mir begegnete der Osterhase, der aus Schokolade, um genau zu sein. Aus dem Regal blinzelte mich der schokoladige Meister Lampe, gewandet in der signalfarbenen Verpackung eines bekannten Schokoladen-Herstellers verführerisch an. “Nimm mich jetzt, ehe es zu spät ist!” schien mir das süße und kurvige Geschöpf aus Schokolade zu zuraunen. Vor solchen Situationen von Versuchung und Begierde hat mich Mutter immer gewarnt. Ich habe ihren Rat im Ohr: “Geh niemals hungrig einkaufen. Das wird teuer!” Tatsächlich ist es ja schon manchem Mann nicht nur beim Einkauf teuer zu stehen gekommen, wenn er scheinbar süßen und unwiderstehlichen Hasen vernascht hat, der nachher nicht gehalten hat, was er versprochen hat. Aber bleiben wir lieber bei den Süßigkeiten aus Schokolade, ehe wir auf Abwege geraten. Tatsache ist: Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. U

Mölmscher Aschermittwoch

Heute ist Aschermittwoch. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Doch was ist eigentlich vorbei. Der Karneval hat bestenfalls punktuell und digital stattgefunden. Also haben wir auch keinen Grund, in Sack und Asche zu gehen und um den Hoppeditz zu trauern. Der hat ja in dieser Session gleich durchgeschlafen. So mancher Zeitgenosse, dem auch schon vor Aschermittwoch die Heiterkeit abhanden gekommen ist, würde es ihm sicher gerne gleichtun und erst wieder aufwachen, wenn der Coronavirus und seine Folgen Geschichte sind. Das gleiche ermüdende Gefühl mag auch manchen Gewerbetreibenden beschleichen, den der Lockdown ins Schleudern bringt. Und auch als glatteis-geschädigter Fußgänger, der auf Mülheims Gehwegen immer wieder in einen Schleudergang gerät, möchte gerne mal mit den Eisheiligen Schlitten fahren, die die Gehwege nicht vom Eis befreien, obwohl sie vom Amts- und Rechtswegen dazu verpflichtet sind. Mülheim, frei nach Heinrich Heine ein Wintermärchen: “Denk nicht in Mülheim an der Nacht,

Eine Mülheimer Familiengeschichte

  Eigentlich dreht der Journalist Marcel Kolvenbach dokumentarische Filmbeiträge für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Oder er unterrichtet als Professor die Studierenden der Kunst- und Medien-Hochschule Köln. Doch jetzt schaute der Dokumentarfilmer auf einen Dreh im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße vorbei. Bisher hatte er von Mülheim nur das Theater an der Ruhr gesehen. Seine filmreife Hauptdarstellerin war Stadtarchivarin Annett Fercho. Denn Kolvenbach dreht einen Film über seine Familiengeschichte. Und Fercho hat ihm bei der Recherche geholfen. Sie lieferte ihm die Standesamts- und Einwohnermeldekarteikarten. Die beleuchten das Leben und Schicksal seines "Großvaters" Fritz Kann, der am 31. Dezember 1898 in Mülheim das Licht der Welt erblickt hat und hier die heutige Karl-Ziegler-Schule besucht hat. Seine Eltern Simon und Lina betrieben an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße, die damals noch Hindenburgstraße hieß, eine Metzgerei. Doch in Mülheim begann,

Närrischer Neuanfang

  Elli Schott , Vorsitzende der Röhrengarde, und   Markus Uferkamp , Präsident des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, sind sich mit Blick auf die Zukunft des Karnevals einig: "Wir fangen wieder bei Null an!" Bei den Karnevalisten stellen sie vor dem Beginn der Tollen Tage, die an diesem Jahr keine sein werden, eine Traurigkeit und Niedergeschlagenheit fest. Am 15. Februar wäre Rosenmontag. Normalerweise würde dann ein großer Narrenzug mit Tollitäten, Kamelle und Co durch die Innenstadt ziehen.  Nicht zum ersten Mal Schluss mit lustig 1957 gründeten die damaligen Gesellschaften MüKaGe, Blau Weiß, Mölmsche Houltköpp und Mölm Boowenaan den Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval. Ihr Ziel: Einen Rosenmontagszug auf die Straßen der Mülheimer Innenstadt zu bringen. Am Rosenmontag 1958 war es soweit. Prinz Erich I. (Ibing) und sein Gefolge konnten beim ersten Mülheimer Rosenmontagszug Kamelle und gute Laune unter das mölmsche Narrenvolk bringen. Wenn der Rosenmontagszug am 1

Einmal Clown zu sein

  Rollenwechsel: Oder wie NRZ-Mitarbeiter Thomas Emons den Rosenmontagszug unter einer roten Perücke und mit Theaterschminke im Gesicht erlebte. Früher, in der Schule, war ich manchmal Klassenclown. Doch damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich eines Tages als Clown durch die Stadtmitte spazieren würde. Dabei hätte meine Mutter, ein waschechtes kölsches Mädchen, ihren Sohn früher gerne mal im Clownskostüm gesehen: „Das sieht doch so schön aus.” Die Saarner Clowns und der Rosenmontag machten es jetzt möglich. Was macht einen Clown zum Clown? Natürlich braucht er ein buntes Kostüm mit weiten Hosen, eine Perücke und Schminke im Gesicht. Letzterem sah ich mit besonderer Skepsis entgegen. Doch vor dem Kostümieren und Schminken bekam der Clownslehrling von der erfahrenen Clownsfrau Ramona Baßfeld erst mal den Rat: „Zieh dich warm an.” Tatsächlich waren die Wetterprognosen für den Rosenmontagszug: „Nass und kalt”, alles andere als zum Lachen. Also schaute ich erst mal, was der Klei

Närrische Ansichten

  "Wir es besser? Wird es schlimmer? So fragt man alljährlich. Doch seien wir ehrlich. Leben ist immer lebensgefährlich!" Nie waren diese Zeilen Erich Kästners (1899-1974) so aktuell wie heute. Das gilt auch für die Erkenntnis seine literarischen Kollegen Joachim Ringelnatz (1883-1934): "Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt." Im Lichte dieser zeitlos wahren Lebensweisheiten grüße ich alle Närrinnen und Narren und jene, die darauf hoffen und daran glauben, dass der Corona-Virus den Bazillus Carnevalensis und damit den Spaß an der Freude nicht auf Dauer besiegen wird, mit einer in dieser Form noch nicht gehaltenen Büttenrede, frei nach dem Motto: "Ein Schelm, der Böses dabei denkt!" Es gibt kein Zaudern und kein Harren. In dieser Session müssen kürzer treten die Narren. Auch wenn man's nicht mehr hören mag. Der Bazillus Carnevalensis ist leider nicht so stark. Der Corona-Virus, was für ein Stuss sorgt dafür, dass man in dieser

Ungewöhnlich gewöhnlich

Ich fahre mit der Straßenbahnlinie 104 von der Innenstadt bis zur Tilsiter Straße. Nichts daran ist für mich als Fahrgast ungewöhnlich. Nur die Corona-Schutzmaske ist und bleibt für mich gewöhnungsbedürftig. Richtig durchatmen kann man erst nach dem Aussteigen. Doch dann lässt mich eine kleine Dame, die mit ihrem Vater unterwegs ist, aufhorchen. Nachdem die elektronische Lautsprecher- Ansage die nächste Haltestelle Stift-Straße angesagt hat, jubiliert das kleine Mädchen: „Stift-Straße! Da wohne ich ja. Deshalb müssen wir jetzt auch aussteigen“, sagt der Vater. Er wundert sich über die spontane Begeisterung seiner Tochter. Ihr: „Stift Straße! Da wohne ich ja“, kommt so fasziniert und begeistert rüber, als staune das kleine Mädchen darüber, das der Straßenbahnfahrer der Ruhrbahn- Linie 104 ausgerechnet in der Nähe ihres Zuhauses anhält und dieser  geradezu großartige Leistung ihr ein großartiges Geschenk gemacht habe. Die Szene in der Straßenbahn erinnert mich daran, dass ich als kleiner