Samstag, 28. Januar 2023

Die Schöpfung bewahren! Aber wie?

Wir erleben es am eigenen Leib. Das Klima wandelt sich. Wir haben mehr Extremwetterlagen als in früheren Jahrzehnten. Dafür stehen nicht nur die 182 Menschen, die beim Sommerhochwasser 2021 in Nordrheinwestfalen und Rheinlandpfalz ums Leben gekommen sind. Die Bewahrung der Schöpfung hat mit dem Klimawandel, dessen Folgen seit 50 Jahren diskutiert werden, eine neue Dimension und Dringlichkeit. Darauf hat Ruhrbischof Franz Josef Overbeck 2021 mit der Einrichtung eines Bistumsrates für Ökologie und Nachhaltigkeit reagiert. Dieser Rat lud jetzt zu seiner ersten Jahrestagung in die Katholische Akademie ein.

Im Auditorium das Wolfsburg diskutierte Bischof Overbeck mit den Wissenschaftlern Harald Welzer und Beate Küpper darüber, wie wir die ökologische und soziale Transformation unserer Gesellschaft im Klimawandel so gestalten können, dass unsere freiheitliche Demokratie und der soziale Frieden keinen dauerhaften Schaden nehmen.

Coronabedingt fand auch diese Tagung, die vom Akademiedozenten Mark Radtke moderiert und von der Mercator Stiftung unterstützt wurde als hybride Veranstaltung statt. Neben den Gästen in dem Wolfsburg diskutierten auch via Livestream online zugeschaltete Teilnehmer mit.

Und damit war man auch schon im Thema: „Viele Menschen wissen nicht wie energieintensiv Livesstreaming ist. Es hat einen großen ökologischen Fußabdruck, weil es in letzter Konsequenz auch zu CO-2-Emissionen führt“, unterstrich Küpper. Bischof Overbeck wies darauf hin, „dass der Klimawandel nur dann sozial und demokratieverträglich gestaltet werden kann, wenn wir auch die sozialethischen Aspekte des Klimaschutzes und der Energiewende nicht aus dem Blick verlieren.“ Der Bischof bezog sich auf die Umweltenzyklika Laudato Si, die Papst Franziskus 2015 veröffentlicht hat. Overbeck erinnerte daran, „dass die Menschen vor dem Hintergrund der biblischen Schöpfungsgeschichte, die uns Menschen auffordert, uns die Welt untertan zu machen, sich nicht mehr als Teil der Natur, sondern als über der Natur stehend betrachten.“

Der Bischof machte klar: „Hier müssen wir umdenken und erkennen, dass wir als Menschen Teil der Natur sind und die Natur nichts ist, was ausschließlich den heut acht Milliarden Menschen zur Verfügung steht.“

Der Sozialpsychologe Harald Welzer schaute angesichts der aktuellen internationalen Konferenzen über Klimaschutz und Artenschutz kritisch auf die gesellschaftspolitische Wirklichkeit. Er stellte fest: „Die Leugner des menschengemachten Klimawandels spielen in unserer Diskussion heute keine Rolle mehr, auch wenn sie sich zum Beispiel auf den Schattenseiten der AFD zu Wort melden. Die Einsicht in die Notwendigkeit des Klimaschutzes ist in der politischen Diskussion vorhanden, nicht aber nein die Bereitschaft, aus dieser Einsicht Konsequenzen zu ziehen. Dabei jeder Mensch einsehen, dass wir den Klimawandel durch eine neue Lebensweise aktiv begegnen müssen. Nur die Ökonomen, die weiter an grenzenloses Wirtschaftswachstum glauben und davon ausgehen, dass wir die ökologischen Probleme ist 21. Jahrhunderts mit den sozialen und wirtschaftlichen Methoden des 20. Jahrhunderts lösen können, wollen diese Wahrheit nicht begreifen.“

Das der allgemeinen Einsicht in die Notwendigkeit des Klimaschutzes in der sozialen Wirklichkeit nur wenige Taten folgen, führt Welzer darauf zurück, „dass die Horrorbotschaften über die Folgen des Klimawandels in der politischen Diskussion das Gegenteil ihres Zieles erreichen. Wenn zum Beispiel der UNO-Generalsekretär Antonio Guterres angesichts des Klimawandels vor einer Klimahölle und kollektivem Selbstmord warnt, führt das in der Gesellschaft zu einer angstgetriebenen Schockstarre und nicht zur Bereitschaft und zur Einsicht, das wird den Klimawandel als Gesellschaft annehmen und gestalten müssen und können, so dass wir eben nicht die letzte Generation auf diesem Planeten sein werden.“

Dass ich junge Klimaschutzaktivisten aus der letzten Generation genötigt sehen, Flughäfen und Straßen zu blockieren, um auf die Notwendigkeit des Klimaschutzes hinzuweisen, sieht Welzer als kontraproduktive Folge „einer mißlungenen politischen Kommunikation.“

Mit Beate Küpper war sich Welzer einig, „dass wir mit dem Tun beginnen müssen.“ Mit Blick auf Ihre Studienergebnisse machte Küpper deutlich, „dass etwa 80% unserer Bevölkerung, unabhängig von ihrem sozialen Status und ihrem Alter konkrete Maßnahmen zum Klimaschutz begrüßen und unterstützen.“ Küpper: „Wichtig ist, dass wir in der öffentlichen Diskussion deutlich machen, dass es auch Spaß machen kann und zu mehr Lebensqualität führt, wenn wir gemeinsam etwas für den Schutz des Klimas tuen. Unsere Befragungen zeigen, dass die Menschen in unserem Lande viel progressiver sind, als sie von der Politik eingeschätzt werden. Die Menschen sehnen sich nach Sinn und Gemeinschaft. Sie wollen nicht isoliert vor sich hinleben, sondern sind gerne bereit in der Gemeinschaft zusammen mit anderen etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu leisten und sich damit als Teil eines Ganzen zu erleben, das größer ist, als sie selbst. Anders würden die vielen Ehrenämter in unserer Gesellschaft nicht funktionieren.“ Küpper wies darauf hin, „dass die aktuelle Energiekrise, die aus dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und den daraus resultierenden EU- Sanktionen gegen den Energierohstofflieferanten Russland entstanden ist, dazu geführt hat, dass Privathaushalte und Wirtschaft in Deutschland innerhalb weniger Monate ihren Energieverbrauch um 20 Prozent gesenkt haben.

Als nachahmenswertes Beispiel führte sie eine Sendung des französischen Fernsehens an, „in der täglich vor den abendlichen Hauptnachrichten über den tagesaktuellen Energieverbrauch das Landes informiert wird und den Zuschauern konkrete Energie Spartipps gegeben werden.“

Anders, als Welzer, glaubt Küpper mit Blick auf Rechtsextremisten nicht, dass diese sich aus der Klimaschutzdiskussion verabschiedet haben. Vielmehr geht soe davon aus, dass die extreme Rechte in Deutschland „die sozialen Folgen der aus dem Klimaschutz resultierenden und notwendigen Maßnahmen zu delegitimieren und damit eine antidemokratische Protestbewegung anzuheizen.“ Deshalb muss der Klimaschutz nach Küppers Ansicht sozialpolitisch flankiert werden.

Overbeck Küpper und Welzer waren sich auch einig, das vor allem die sozial und wirtschaftlich privilegierten Menschen in unserer Gesellschaft sowie die hochindustrialisierten Gesellschaften des globalen Nordens in besonderer Weise den Klimawandel durch ihren wachsenden Co-2-Ausstoß verursacht haben und deshalb auch eine besondere Verantwortung übernehmen müssen, um dessen Folgen für die Menschheit zumindest einzugrenzen. „Wenn sie zum Beispiel in einem großen Haus leben, können Sie schon viel damit erreichen, dass Sie nicht alle Zimmer gleichzeitig beheizen. Das ist aktiver Klimaschutz, den sie noch nicht einmal negativ spüren. Das gilt auch dann, wenn wir uns im Winter einen dicken Pullover anziehen und gleichzeitig unsere Heizung herunterdrehen.“

Wie weit wir in unserer Wohlstandsgesellschaft noch von der Einsicht entfernt sind, dass unserem Bekenntnis zum aktiven Klimaschutz Taten folgen lässt, machte Harald Welzer an einer Anekdote deutlich: „Nach einer Klimaschutzdiskussion stand ich mit dem Veranstalter an der Theke. Und plötzlich erzählte er mir, dass er sich gerade einen neuen PS-starken Geländewagen gekauft habe. Als er meine Irritation darüber bemerkte, sagte er mir: ‚Wenn Sie und Ihre Kollegen mit ihren Vorhersagen Recht haben, kann man solche Wagen nicht mehr lange fahren. Deshalb wurde es für mich höchste Zeit, mir das Fahrzeug anzuschaffen.“

In der Diskussion Werte Andreas-Andrea Doaro , Autor des Buches „Nach mir die Energiewende“, dafür, „Prominente für eine landesweite und damit publikumswirksamer Werbekampagne zugunsten des aktiven Klimaschutzes zu gewinnen, um das Bewusstsein für die Dringlichkeit das Klimaschutzes in die Köpfe der Bevölkerung hineinzutragen.“ Doaro betonte; „Wir halten uns als Menschen für besonders intelligente Wesen und vergessen, dass wir instinktgesteuert sind, wenn wir zum Beispiel als Autofahrer, Fluggäste, Fleischesser, Industrieproduzenten und Industriefacharbeiter, Teil eines umweltzerstörenden Wirtschaftssystems sind, die mehr Angst vor dem greifbaren Wohlstandsverlust als vor der unfassbaren Bedrohung unserer menschlichen Existenz durch den Klimawandel.“

Ein Vertreter der in der Diskussion gescholtenen Wirtschaft plädierte dafür, auf die wirtschaftliche Wiederaufbaustrategie des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard zurückzugreifen. „Er hat damals begriffen, dass wir als Gesellschaft, alle technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten ausnutzen müssen, um unsere gesellschaftlichen Herausforderungen mit den Instrumenten einer marktwirtschaftlichen, liberalen und sozialpolitisch abgepufferten Ordnungspolitik zu bewältigen. Deshalb müssen wir auch heute mit dem Instrument der Abschreibungen Investitionen in wirtschaftliche und technische Innovation zugunsten des Klimaschutz fördern, indem wir als Staat deutlich machen: ‚Investiere oder zahle Steuern!‘“

Bischof Overbeck unterstrich, „dass schon viel gewonnen wäre, wenn der Bund und die Länder die Kommunen aktiver bei der Finanzierung von praktischen Klimaschutzprojekte vor Ort unterstützen würden.“ Solche Projekte wurden auch in der Diskussion angesprochen. „Die Menschen müssen vor Ort in den Städten erleben, so Politikstudent Florian Pannen von Fridays for Future, „dass aktiver Klimaschutz für sie auch ein Gewinn sein kann, indem sie auch an den wirtschaftlichen Gewinnen der Energiewende beteiligt werden. Wenn zum Beispiel durch Energieeinsparungen Gelder für andere kommunale Projekte, wie den Bau einer Turnhalle frei werden, sind Menschen auch bereit, Maßnahmen zum Klimaschutz mitzutragen. Doaro, der hauptberuflich Windkraftanlagen verwaltet, plädierte dafür, „alle bürokratischen Hemmnisse abzuschaffen, die zurzeit noch den Ausbau der erneuerbaren Energie Infrastruktur hemmen.“ Mit dem Hinweis auf vorhandene technische Möglichkeiten wie etwa Kraftwärmekopplung, Geothermie, grüner Wasserstoff, Photovoltaikanlagen und Windkraftanlagen, wurde deutlich, dass wir als hochtechnisierte Gesellschaft dem Klimawandel und seinen verheerenden Folgen für unsere Lebensqualität nicht wehrlos und tatenlos zuschauen müssen.

Zur Person:

Der 1964 in Marl geborene Franz Josef Overbeck ist seit 2009 Bischof von Essen und war bis 2021 Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz. Im September 2021 hat er mit Blick auf die dringliche Klimaschutzdiskussion einen neuen Rat für Ökologie und Nachhaltigkeit ins Leben gerufen, um sich Umwelt und sozial ethisch besser beraten zu lassen. Diesem Rat gehören an: Ex-NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser, Tobias Clermont (LEG Immobilien SE), Nina Frense (RVR-Regionalverband), Bernhard Osburg (Thyssenkrupp Steel Europe AG), Dr. Lars Grotewold (Stiftung Mercator GmbH), Friedrich Steinmann (Landwirtschaftlicher Kreisverband Recklinghausen), Dr. Carsten Gerhardt (A.T. Kearney GmbH), Prof. Dr. Uli Paetzel (Emschergenossenschaft Lippeverband), Prof. Dr. Susanne Moebus (Institut für Urban Public Health), Prof. Dr.-Ing. Ruben-Laurids Lange (Westfälische Hochschule), Dr. Christiane Schell (Bundesamt für Naturschutz), Stefan Schulte (Verwaltungsgericht Arnsberg), Prof. Dr. Thomas Happe (Ruhr-Universität Bochum), Julian Pannen (Fridays for Future), und die Leiterin der Wolfsburg Dr. Judith Wolf. In der von Overbeck zitierten Umwelt Enzyklika des Papstes komm mal stellt Franziskus unter anderem fest, dass die natürlichen Ressourcen der der Erde zunehmend erschöpft und sozial ungerecht verteilt sind, was ein globales Umdenken und Handeln erfordern, um durch konkreten Klima- und Umweltschutz die Schöpfung und damit die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit zu bewahren.

Der Soziologe und Sozialpsychologe Prof. Dr. Harald Welzer (Jahrgang 1958) setzt sich auch publizistisch und in Vorträgen seit Jahrzehnten mit dem Klimawandel, seinen Folgen und unserem Verhalten auseinander. 2008 veröffentlichte er sein Buch: „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ 2022 gewann er als Koautor der Bücher: „Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“ und: „Zu spät für Pessimismus: Das FUTURZWEI-Anti-Frust-Buch für alle, die etwas bewegen wollen“ eine starke öffentliche Resonanz. Welzer ist Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futur Zwei die im Sinne gesellschaftlicher Zukunftsfähigkeit alternative Lebensstile und Wirtschaftsformen aufzeigt und fördert.

 

Prof. Dr. Beate Küpper hat im Rahmen des vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung geleiteten Projekts DemoKon zu einer demokratischen Konfliktkultur in der Energiewende geforscht. Sie lehrt und forscht im Bereich Soziale Arbeit in Gruppen und Konfliktsituationen an der Hochschule Niederrhein mit Sitz in Krefeld. 2017 war sie Fellow der Mercartorstiftung, die auch die erste Jahresveranstaltung des Bistumsrates für Ökologie und Nachhaltigkeit unterstützt hat.


Neues Ruhrwort und: Die Wolfsburg

Donnerstag, 26. Januar 2023

Was gibt es noch zu tun?

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sind im Ruhrgebiet aktuell 253.000 Menschen ohne Erwerbsarbeit. Mit 9,3 Prozent liegt die Arbeitslosenquote in unserer Region um vier Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Das ist die Gegenwart. Doch wie entwickelt sich der Arbeitsmarkt im Ruhrgebiet? Und wie muss er sich entwickeln., wenn unsere Region Zukunft haben will. Diese Fragen diskutierte Ruhr Bischof Franz-Josef Overbeck jetzt mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern sowie Fachleuten aus Wissenschaft Wirtschaft und Gewerkschaften in der katholischen Akademie.

Overbeck sieht mit Blick auf das Ruhrgebiet viele Baustellen, „wenn es darum geht Menschen und Familien in unserer Region zu halten“. Schaffung und Erhalt eines bezahlbaren Wohnraums ist für ihn ebenso entscheidend wie die nachhaltige Verbesserung der Mobilitätsinfrastruktur. „Gerade junge Menschen möchten auch am späten Abend mal nur zehn Minuten und nicht gleich 45 Minuten auf Bus oder Bahn warten müssen“, betonte Overbeck im vergleichenden Blick auf andere deutsche Großstadtregionen. „Auch an der Möglichkeit, auf eine gute soziale und medizinische Infrastruktur zurückzugreifen, wenn es darum geht Familie von der Kindererziehung bis zur Pflege Angehöriger mit dem Berufsleben verbinden zu können“, entscheidet sich für ihn die Zukunftsfähigkeit des Ruhrgebiets. „Wir haben eine lange Erfahrung, wenn es um Strukturwandel geht“, sagte Michelle Kywas vom Jungen Initiativkreis Ruhr. Sie wies darauf hin, „dass wir vor 60 Jahren im Ruhrgebiet nur eine Universität (die Ruhruniversität Bochum), aber 300.000 Bergleute hatte, während wir heute 22 Hochschulen mit 260000 studierenden haben, so dass heute sein Studium im Ruhrgebiet absolviert, mit Blick auf den demografisch bedingten Fachkraeftemangel machte sie der jungen Generation Mut. „Ihr könnt eigentlich nichts falsch machen, wenn ihr eine gute Ausbildung macht. Dann werdet ihr auf jeden Fall einen Arbeitsplatz finden, auch dann, wenn es vielleicht mal nicht klappt und ihr euren Arbeitsplatz verliert. Auch dann werdet ihr schnell wieder einen neuen Arbeitsplatz finden.“ Diesen Optimismus und die Aussicht auf den schönen neuen Arbeitsmarkt, auf dem Arbeitnehmern die gebratenen Tauben, in den in den Mund fliegen, wollten der Gewerkschafter Francesco Grioli von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie und der Schweizer Sozialforscher Franz Lehner, der „gerne in Gelsenkirchen lebt und arbeitet“, so nicht teilen. Lehner sieht vor allem bei der Integration der Zuwanderer in den Arbeitsmarkt eine ganz große Baustelle. „Man hat das zu lange einfach so laufen lassen und jetzt haben wir in unseren Städten Parallelgesellschaften mit perspektivlosen jungen Leute, die von sich sagen: Ich werde Hartz IV.. Im Ruhrgebiet gibt es viele Schulen mit einem Zuwandereranteil von bis zu 90 Prozent, in denen viele Schülerinnen und Schüler die deutsche Sprache nicht beherrschen.“

Einen weiteren Arbeitsauftrag der Arbeitsmarktpolitik sieht er darin, prekäre, weil schlecht bezahlte und befristete Arbeitsplätze durch sozialversicherungspflichtige Festanstellungen zu ersetzen. Lehner: „Da müssen wir unsere Politiker am Schlafittchen nehmen. Sonst dürfen wir uns nicht darüber wundern, dass die jungen Leute keine Kinder in die Welt setzen und keine Familien gründen.“ Das sah Gewerkschafter Francesco Grioli genauso. „Wie wollen Sie denn mit einer befristeten Arbeit eine Familie gründen?“, fragte er und führte weiter aus: „Ich kann die junge Generation sehr gut verstehen, wenn sie sich nicht nur einen kreativen und sinnvollen, sondern auch einen sicheren Arbeitsplatz wünscht, der ihnen Planungssicherheit fürs Leben verschafft, weil man vom ihm auch leben kann. Darüber hinaus sieht der Vorstand der IGBCE die Notwendigkeit, „dass wir nicht nur über die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte nachdenken, sondern auch die stille Reserve aktivieren, die bis heute erwerbslos vor den Werkstoren stehen. Denn in einer Sozialen Marktwirtschaft muss es möglich sein, dass wir auch jenen Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen lange dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung gestanden haben, durch Qualifizierung eine zweite Chance zu geben, damit sie auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen und eine Arbeit finden, von der sie und ihre Familien auch leben können.“ Der Strukturwandel wird im Ruhrgebiet nach Griolis Ansicht „nur dann kein Strukturabbruch, wenn wir im Rahmen einer konzertierten Aktion die politisch notwendigen Entscheidungen treffen, um den wirtschaftlichen Strukturwandel auch sozial zu flankieren.“

Mit Blick auf die Homeoffice- und Homeschooling-Erfahrungen der Corona-Zeit ließ Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck keinen Zweifel daran, „dass die Digitalisierung bei uns noch nicht so funktioniert, und auch nicht so sozialarbeiterisch unterstützt wird, wie sie es müsste, um in Beruf und Bildung eine digitale Chancengleichheit beim Lernen und Arbeiten zu gewährleisten.“ Für Michelle Kywas steht mit Blick auf den Renteneintritt der Babyboomer fest, „dass wir die Digitalisierung so vorantreiben müssen, dass mit ihrer Hilfe Arbeit, die bisher von drei Menschen erledigt worden ist, künftig von nur noch zwei Menschen geleistet werden kann.“ Sozialforscher Lehner warnte aber auch vor dem sozialen und ethischen Sprengstoff eines digitalisierten Arbeitsmarktes, indem immer mehr arbeitslose Menschen, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen seien, immer weniger arbeitenden Menschen gegeüberstünden und von diesen als „unnütz“ angesehen würden.

Für Julia Frohne von der Business-Metropole-Ruhr-GmbH ist die Zukunft des Ruhrgebietes nicht schwarz, sondern grün. Ein hoher Grünflächenanteil, kurze Wege und eine Kulturlandschaft sorgen in ihren Augen für eine hohe Lebensqualität im Ruhrgebiet. Auch die hochkarätigen Forschungsinstitute, wie zum Beispiel die Mülheimer Max-Planck-Institute für Kohlenforschung und Energiekonversion, die mit Karl Ziegler (1963) und Benjamin List (2021) gleich zwei Nobelpreisträger hervorgebracht hätten, seien ein Pfund, mit dem das Ruhrgebiet als innovativer Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort wuchern könne. Positiv festgehalten wurde die Tatsache, dass viele Menschen in der nachberuflichen Phase ihres Lebens ihr Fach- und Erfahrungswissen in Betrieben oder mit Unterstützung kommunaler Freiwilligenagenturen, etwa als Ausbildungspaten, an junge Menschen weitergäben, die am Anfang ihres Berufslebens stünden. „Unsere Bewerbungszahlen zeigen, dass Jugendliche, die am Anfang ihres Berufslebens stehen, das Mentoringprogramm des Jungen Initiativkreis Ruhr gerne und gut annehmen“, unterstrich Michelle Kywas. Auch das Erfahrungswissen der älteren Generation, so war man sich im Plenum das Wolfsburg einig, müsse von Verwaltungen, Bildungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen noch viel stärker und gezielter als bisher zum Vorteil der Menschen am Standort Ruhrgebiet genutzt werden. Deshalb riet Gewerkschafter Griolli den Unternehmen, in ihrem eigenen Interesse, rentennahe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „zeitweise dafür freizustellen, ihr Wissen an die jungen Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben.“

In der Diskussion wurden aber auch die Schwächen des Ruhrgebietes deutlich benannt. Dazu wurden eine fehlende oder zu wenig effektive politische Lobby im bundesweiten Wettbewerb der Standorte und ein im Ruhrgebiet immer noch stark wirkendes kommunales Kirchturmdenken. Im Angesicht dessen resümierte Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck: „Wir müssen unsere Kräfte bündeln und aus den 53 Städten des Ruhrgebietes muss eine Großstadt werden. Der erste Schritt dahin sollte eine stärkere Kooperation der Stadtverwaltungen sein.“ Auch Julia Frohne bedauerte es sehr, „dass viele Menschen in Bochum oder Essen gar nicht wissen, was es zum Beispiel Tolles in Gelsenkirchen oder Dortmund gibt. Da brauchen wir einfach mehr Transparenz und mehr Mobilität.“ 

Zur Person:

Die 1983 in Gelsenkirchen geborene Wirtschaftswissenschaftlerin Michelle Kwyas verantwortet als Prokuristin den Bereich Personal und Unternehmensentwicklung bei der in Bottrop ansässigen Innovation City Management GmbH, wenn die sich auf die fachliche Begleitung von Quartiersentwicklungsprojekten spezialisiert hat. Kwyas gehört zu einem Team von insgesamt 50 Mitarbeitenden aus verschiedenen Fachrichtungen. Nebenberuflich engagiert sich die Prokuristin und Mutter einer Tochter als Mentorin im Jungen Initiativkreis Ruhrgebiet.

Der 1964 in Marl geborene Theologe Dr. Franz-Josef Overbecl ist seit 2009 Bischof von Essen und seit 2011 Militärbischof der Bundeswehr. Bis 2021 war er Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche Fragen bei der Deutschen Bischofskonferenz. Heute arbeitet er dort in den Kommissionen für Fragen des Glaubens und der Weltkirche. Darüber hinaus ist er Adveniatbischof und Vizepräsident der EU-Bischofskonferenz.

Der 1946 in Zürich geborene Franz Lehner hat als Professor an der Ruhruniversität Bochum angewandte Sozialforschung gelehrt und als geschäftsführender Direktor das Institut für Arbeit und Technik an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen geleitet. Von 1990 bis 2006 stand er als Präsident an der Spitze des Institutes für Arbeit und Technik, dass er bis heute als Sozialforscher wissenschaftlich begleitet und berät.

Der 1972 im Taunus geborene Francesco Grioli, ist seit 1998 Gewerkschaftssekretär und seit 2017 Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE). Der verheiratete Vater und Sozialdemokrat sind gelernter Energieelektroniker und Aufsichtsratsmitglied bei Bayer, Gerresheimer und Continental.

Die 1969 in Köln geborene Julia Frohne ist Vorsitzende der Geschäftsführung der in Essen ansässigen Business Metropole Ruhr GmbH. Als Professorin lehrt sie Kommunikationsmanagement an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen.


Neues Ruhrwort & Die Wolfsburg


Mittwoch, 25. Januar 2023

Brechts Blick auf Mülheim

 Das Theater an der Ruhr hat sich das Brecht-Fragment „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer vorgenommen und mit Regisseur Philipp Preuss und den Schauspielern Leonhard Hugger, Fabio Menendez, Steffen Reuber, Rupert Seidl und Gabriella Weber am 13. Januar eine Premiere auf seine Bühne am Raffelberg gebracht, die sich sehen lassen konnte.

„Das war ein sinnlicher Theaterabend“, kommentierte eine Zuschauerin ihren Eindruck. Und ein anderer Zuschauer fragte sich: „Hat Brecht seine Handlung tatsächlich in Mülheim an der Ruhr spielen lassen oder ist das ein Werbegag?“ Das Publikumsgespräch mit Regisseur Philipp Preuss und dem ebenfalls zur Theaterleitung gehörenden Helmut Schäfer klärte auf: „Bert Brecht hat die im Kriegswinter 1917/18 spielende Handlung seines in den Jahren 1927 bis 1931 geschriebenen, aber zu seinen Lebzeiten nie aufgeführten 400-Seiten Fragments tatsächlich in Mülheim an der Ruhr spielen lassen!“ Warum? Darüber können Preuß und Schäfer nur spekulieren. An wahrscheinlichsten erscheint ihnen die Tatsache, dass Mülheim, die damalige Garnisonsstadt an der Ruhr, in der Stinnes und Thyssen für die kriegswichtige Ruhrindustrie standen, „ein Symbol für das Ruhrgebiet war, in dem viele kriegsmüden Arbeiter und Soldaten von einer sozialistischen Revolution und von einer Räterepublik träumten, die im März 1920 dann auch hier errichtet werden sollte.“

Die mit sicht- und spürbarer Leidenschaft vom Ensemble auf die Bühne gebrachte Handlung spielte sich vor und hinter einem hauchdünnen und fast durchsichtigen Stoffvorhang ab. Ein Reporter, der mit seinem Mikrofon immer wieder vor den Vorhang trat, um die Handlungen der zwischen Solidarität und Verrat schwankenden vier Deserteure und einer ihrer nach Frieden, Alltagsnormalität und nach sexueller Befriedigung verlangenden Ehefrau kommentierte, erinnerte an die Fernsehkriegsreporter heutiger Tage. Ihn hatten Preuß und Schäfer in das von ihnen gemeinsam erarbeitete, etwa 40 Seiten starke Inszenierungsskript, hineinkomponiert.

Aus gutem Grund. Denn nicht nur der Krieg in der Ukraine machte die Fatzer-Inszenierung des Theaters an der Ruhr auf bedrückende Weise aktuell. Das Premierenpublikum erlebte eine buchstäblich filmreife Inszenierung. Die Bühnen- und Tontechniker Ramallah Aubrecht und Uwe Muschinski machten es möglich.

Auch wenn die Darsteller und Protagonisten sich für ihr konspiratives Tun hinter ihren Vorhang zurückzogen, konnten die Zuschauer sie aus der Vogelperspektive genau beobachten. Dass hatte etwas von Big Brother.  Der Einsatz von Mikrofon- und Kameratechnik machte es möglich. Hinzu kam der eingespielte (entfernt zu hörende) Geschützdonner.

Insgesamt gelang es der Inszenierung, die auch am 14. Januar und dann noch einmal am 26. Februar (jeweils um19.30 Uhr) im Theater an der Akkazienallee 61 am Raffelberg zu sehen sein wird, ihr Publikum in die Handlung hineinzuziehen und es jederzeit auf Höhe des Schauspiels zu halten.

Weitere Informationen zu der vom NRW-Kulturministerium und vom Kultursekretariat NRW geförderten Fatzer-Produktion finden Theaterfreunde im Internet unter: www.theater-an-der-ruhr.de oder telefonisch unter: 0208/5990188. 


Zu meinen Texten in der Mülheimer Tagespresse



Sonntag, 22. Januar 2023

Wer soll das bezahlen?

 Schluss mit Lustig im Mülheimer Karneval, zumindest finanziell. Eigentlich wollten die im Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval organisierten Narren am morgigen Sonntag (22. Januar) ihre Veranstaltungspremiere in der Alten Dreherei feiern und damit aus ihrer Saal-Not eine Tugend machen. Doch daraus wird nichts.

„Wir haben alle Veranstaltungen in der Alten Dreherei aus heizungstechnischen Gründen kurzfristig abgesagt. Wir hätten die Halle mit Diesel-Generatoren aufheizen müssen. Das wäre teuer und uneffektiv geworden. Probeläufe haben uns gezeigt, dass wir auch dann die Halle der Akten Dreherei nicht wirklich warm bekommen, hätten“, erklärt der Präsident des Hauptausschusses, Markus Uferkamp,  im Gespräch mit dieser Zeitung.

Hintergrund des Veranstaltungssaalproblems, von dem nicht nur die Karnevalsvereine betroffen sind, ist der Wegfall von geeigneten und bezahlbaren Veranstaltungsorten. „Als ich vor 22 Jahren in den Mülheimer Karneval kam, gab es in der Stadthalle sieben Karnevalsveranstaltungen. Heute sind es mit dem Prinzenball und der inklusiven Karnevalsparty Grenzenlos gerade noch zwei“, schildert der Geschäftsführer des Hauptausschusses, Hans Klingels, im gleichen Gespräch mit dieser Zeitung die Entwicklung. „Auch der Altenhof und der Handelshof stehen uns als Veranstaltungsorte nicht mehr zur Verfügung“, nennt Uferkamp ein verschärfendes Momentum.

Die beiden Chefkarnevalisten legen mit Blick auf den Festsaal der Stadthalle Zahlen auf den Tisch. Die Gesamtkosten, die bei einer Veranstaltung im Festsaal der Stadthalle anfallen, beziffern sie auf insgesamt 6500 Euro! Davon entfallen 1486 Euro auf die reine Saalmiete. Der größere Teil der Gesamtkosten besteht aus veranstaltungstechnischen Personalkosten. Klingels und Uferkamp nennen 184 Euro für die Lichttechnik, 850 Euro für die Tontechnik, 60 Euro für Computertechnik, 24 Euro für die Bestuhlung des Festsaales, der maximal 600 Sitzplätze bietet, 925 Euro für den Veranstaltungstechniker, 1429 Euro für alle Dienstleistungen, die mit der Bewirtschaftung der Stadthalle und ihres Parkplatzes zusammenhängen.

„Das ist für uns nicht mehr finanzierbar“, betonen Klingels und Uferkamp. Daran ändere auch der 40-prozentige Vereinsrabatt auf die reine Saalmiete und die kostenlose Unterstützung beim Bühnenbau nichts.

Angesichts dieser Ausgangslage sind die Chefkarnevalisten umso dankbarer, dass sie mit den Autohäusern Wolf und Extra sowie mit dem Gastronomiebetrieb Frankys Sponsoren an ihrer Seite haben, die ihre Räumlichkeiten mietfrei für Veranstaltungen bereitstellen. „So lange die Stadthalle für Vereine als Veranstaltungsort unbezahlbar bleibt, sollte die Stadt ein zentralgelegenes Haus der Vereine errichten, dass sie gemeinnützigen Vereinen als Treffpunkt und Veranstaltungsort zu vertretbaren Mieten zur Verfügung stellt“, sind sich die Chefkarnevalisten einig. Doch sind sie sich darüber im Klaren, dass ihr Wunsch angesichts einer städtischen Schuldenlast von zwei Milliarden Euro vorerst ein Wunsch bleiben dürfte.

Zuständig für den Betrieb der Stadthalle, mit deren Bau vor 100 Jahren begonnen wurde, ist die Mülheimer Stadtmarketing- und Toruismusgesellschaft MST. In deren Aufsichtsrat sitzen auch Stadtverordnete und Verwaltungsvorstände. Klingels und Uferkamp weisen darauf hin, dass „viele Ratsmitglieder Ehrensenatoren des Mülheimer Karnevals sind.“

Im Gespräch mit dieser Zeitung unterstreichen MST-Geschäftsführer Michael Birr und Stadthallenleiterin Sylvia Thum, „dass wir als Stadthallenbetreiber betriebswirtschaftlich unterwegs sein müssen und die steigenden Personal- und Energiekosten nicht beeinflussen können.“ Thum weist darauf hin, „dass wir die steigenden Energiekosten nur zu 15 Prozent an unsere Kunden weitergeben.“ Hinzu kommt, so Birr, „dass wir Corona-bedingt zwischenzeitlich als Stadthallenbetreiber faktisch ein Berufsverbot hatten und dennoch in die Instandhaltung der Stadthalle investieren müssen, um am Markt wettbewerbsfähig zu bleiben.“ Thum geht davon aus, „dass wir derzeit noch 40 Prozent unter der Auslastung liegen, die wir vor der Coronapandemie hatten.“ Birr betont: „Als Ehrensenator der Moerser Karnevalsgesellschaft Fidelio kenne ich das Problem der Veranstalter, denen nur ein gutes Sponsoring helfen kann.“ Immerhin erklären Thum und Birr, dass sie an einem neuen Veranstaltungskonzept für das Stadthallenrestaurant Caruso arbeiten, „der es wieder mehr Vereinen erlauben wird die Stadthalle als Veranstaltungsort nutzen zu können.“


Meine Texte in der Tagespresse und: Zum Mülheimer Karneval

Donnerstag, 19. Januar 2023

Geschichte im Vorbeigehen

 Wer durch Styrum geht, der kann im Vorbeigehen auf die Spuren einer Zeit stoßen, die vor 150 Jahren mit der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum deutschen Kaiser begann. Damals, in der Zeit des Kaiserreiches war Styrum von 1878 bis 1903 eine eigenständige, von Theodor Tschoepke angeführte, Landbürgermeisterei, zu der neben Styrum auch Dümpten und Alstaden gehörte. Die Einwohnerzahl der Landbürgermeisterei stieg während ihres Bestehens von 21.000 auf 31.000. Ab 1893 hatte die Bürgermeisterei auch ein Rathaus, das am Marktplatz auf dem Grundstück der heutigen Gebrüder-Grimm-Schule stand stand und am 23. Juni 1943 den Bomben des Zweiten Weltkrieges zum Opfer fallen sollte.

Mit seinen Straßenamen entsprach Styrum dem patriotischen und nationalistischen Zeitgeist der sogenannten Gründerzeit, in der August Thyssen 1871 in Styrum sein erstes Stahlwerk gründete und damit eine massive Zuwanderung arbeitssuchender Menschen auslöste. Die Thyssen-Brücke, die die ab 1909 die 1862 angelegte Eisenbahnstrecke überbrückt, versteht sich in Styrum also schon mal von selbst. Anders ist das aus heutiger Sicht zum Beispiel mit der Sedanstraße, die die Hauskamp- mit der Moritzstraße verbindet. Als die Straße 1900 ihren Namen erhielt, kannte jedes Kind nicht nur in Styrum den Namen der ostfranzösischen Stadt, in dem sich am 2. September 1870 mit einer Schlacht der deutsch-französische Krieg mit der Gefangennahme des französischen Kaisers Napoleon III. zugunsten der deutschen Staaten entschied. Damit war der Weg frei für die deutsche Reichsgründung. Und deshalb wurde der 2. September als Sedanstag gefeiert. Neben dem Sedanstag, der die Kaiserproklamation vom 18. Januar 1871 im Schloss von Versailles erst möglich machte, wurde im Kaiserreich auch der Geburtstag des jeweils amtierenden Kaisers als Nationalfeiertag begangen. Ebenfalls im Jahr 1900 widmeten die Styrumer ihre vormalige Bahnhofstraße dem ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. (1797-1888). Zeitgleich machte man aus der Luisenstraße die Augustastraße, an der heute unter anderem ein Schulzentrum und die Feldmannstiftung zu finden sind. Die Namengeberin war die als liberal denkende Gemahlin des ersten deutschen Kaisers Augusta Marie Luise Katharina von Sachsen-Weimar-Eisenach  (1811-1890). Sie hatte ihren Gatten schon früh dazu gedrängt, Preußen eine liberale Verfassung zu geben, war damit aber am konservativen Hof der Hohenzollern nicht durchgedungen. Auch die Roonstraße zwischen Moltkestraße und Oberhausener Straße  erinnert seit 1900 in Styrum an einen preußischen General und Minister, Albrecht Graf von Roon (1803-1879), der mit seinen Heeresreformen eine wichtige Grundlage für die militärischen Erfolge in den deutschen Einigungskriegen von 1864, 1866 und 1870/71 geschaffen hatte

Aus heutiger Sicht fremd ist uns auch die Begeisterung für das Militär, die das gesellschaftspolitische Klima zwischen 1871 und 1918 prägte. Der preußisch-deutsche Militarismus, der später in den Ersten Weltkrieg und zum Ende der deutschen Monarchie führte. Die Euphorie für des Kaisers Soldaten ist nur zu verstehen, wenn man sich vor Augen führt, dass es ein Krieg und ein militärischer Sieg über die französischen Nachbarn war, der zur ersten Vollendung der ersten Deutschen Einheit und zu einem nationalen Selbstbewusstsein geführt hatte. Indem Styrumer Straßen nach dem ersten deutschen Kaiser und nach preußischen Generälen benannt wurden, demonstrierte der kaiserliche und konservative Obrigkeitsstaat auch seine Macht gegenüber den zahlreichen katholischen und sozialdemokratischen Arbeitern, die mit ihren Familien in Styrum lebten. Diese Bevölkerungsgruppe, die politisch dem Zentrum und der SPD nahestanden, standen dem Staat der preußisch-protestantischen Hohenzollern aus gutem Grund kritisch gegenüber. Denn sie hatten während der 1870er und 1880er Jahre im Kulturkampf und in Folge der Sozialistengesetze staatlich und rechtlich legitimierte Repressalien erlitten.

Im Kaiserreich, in dem Mülheim ab 1899 Garnisonsstadt war, wurden viele Gespräche nicht mir der Frage: „Was machen Sie beruflich?“, sondern mit der Frage: „Wo haben Sie gedient?“ eröffnet. Dieser militärische Grundton des ersten deutschen Nationalstaates spiegelt sich bis heute auch in den Styrumer Straßennamen wider. So wurde die alte Styrumer Rathausstraße 1914 nach dem preußischen General und Minister Friedrich-Wilhelm von Zastrow (1752-1830) benannt. Auch die Goebenstraße, die am Sültenfuß in die Oberhausener Straße einmündet, hat mit General August von Goeben (1818-1880) einen militärischen Namenspatron, dessen Heeres-Kariere in den deutschen Einigungskriegen gegen Dänemark (1864), gegen Österreich (1866) ihren Höhepunkt erreichte. Das gilt auch für seinen preußischen Generalskollegen uns Stabschef des Heeres, Leonhardt Graf von Blumenthal (1816-1900), der 1914 niemanden Geringeres als den Dichter Johann Wolfgang von Goethe als Namensgeber für die Straße verdrängte, die heute südlich der A40 und nördlich der Schwerinstraße verläuft. Die kurz vor der Willy-Brandt-Schule von der Oberhauener Straße abzweigende Alsenstraße und die nahe der Siegfriedbrücke von der Hauskampstraße abzweigende Düppelstraße erinnern an 1864 erkämpfte deutsche Siege im Krieg gegen Dänemark. Und wir ahnen es schon: Die Schwerinstraße zwischen Heidestraße und Rosenkamp ist nicht nach der mecklenburgischen Landeshauptstadt, sondern nach dem Grafen Carl Christoph von Schwerin (1684-1757) benannt, der dem preußischen Soldaten-König Friedrich II. als Generalfeldmarschall in beiden Schlesischen und im Siebenjährigen Krieg diente. In diesen Kriegen des 18. Jahrhunderts standen sich unter anderem die Hohenzollern und die Habsburger gegenüber. Dass die vormalige Meidericher Straße, die zwischen 1900 und 1914 Hohenzollernstraße geheißen hatte, ihren heutigen Namen 1937 erhielt, zeigt: Die Nationalsozialisten, die damals unter der Führung Adolf Hitlers bereits auf einen Krieg zusteuerten, der den 1919 zu Lasten  Deutschlands geschlossenen Friedensvertrag von Versailles revidieren sollte, bemächtigten sich der preußisch-deutschen Generäle, um ihre eigene Kriegspolitik im öffentlichen Bewusstsein als Fortsetzung einer Tradition militärischer Erfolge zu rechtfertigen. Sowohl unter den Hohenzollern wie unter Hitler wurden Preußens Generäle als Ikonen einen autoritären und antidemokratischen Nationalismus instrumentalisiert.

In dieser Tradition waren Generäle vor 1945 nicht nur in Styrum, dessen Thyssenwerk auch ein Rüstungsbetrieb war, selbstverständliche Namensgeber für Straßen und Plätze. Und so erinnern seit Kaisers Zeiten auch die Spichernstraße, die Moltkestraße und die Steinmetzstraße im Styrumer Ortsteil, nördlich der Oberhausener Straße an eine für die deutschen Truppen siegreiche Schlacht vom 6. August 1870 im lothringischen Spichern sowie die in den deutschen Eingungskriegen erfolgreichen Generäle Karl-Friedrich von Steinmetz (1796-1877) und Helmuth von Moltke (1800-1891). Es ist eine tragische Ironie der deutschen Geschichte, dass der namensgleiche Großneffe des Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke, Hellmuth James Graf von Moltke (1907-1945) zu den Mitgliedern des Widerstandes gehörte, die ihren Kampf gegen Adolf Hitler nach dem am 20. Juli gescheiterten Attentat mit dem Leben bezahlen mussten. Moltke und seine Mitstreiter, die versucht hatten, mit einem Staatsstreich hatten, die NS-Diktatur und mit ihr den Zweiten Weltkrieg zu beenden, wurden damit auch zu Opfern des deutschen Militarismus und Nationalismus . Nach dem Zweiten Weltkrieg, der mit seinen Luftangriffen erstmals auch die Zivilbevölkerung zum massenhaften Opfer des Krieges gemacht hatte, kam nicht nur in Styrum niemand mehr auf die Idee, eine Straße nach einem militärisch erfolgreichen General zu benennen. Waren im Deutsch-Französischen Krieg etwa 30 Mülheimer als Soldaten gefallen, so waren es in den beiden Weltkriegen insgesamt rund 7000. Hinzu kamen noch einmal mehr als 1000 Zivilopfer des Luftkrieges. Schaut man in Mülheim, das während der NS-Zeit auch eine Adolf-Hitler-Straße (heute Friedrichstraße), einen Platz der SA (heute Kaiserplatz) und eine Hermann-Göring-Brücke (heute Mendener Brücke) hatte, auf die politisch motivierte Straßenbenennung, so ist die heutige Friedrich-Ebert-Straße, die Styrum mit der Stadtmitte führt ein Beispiel für den demokratischen Paradigmenwechsel, der nach 1945 durch die Alliierten erzwungen und erst allmählich von immer mehr Deutschen nachvollzogen wurde. Denn die nach dem Sozialdemokraten und ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert (1871-1925) benannte Straße, hatte zwischen 1916 und 1946 den Namen des kaiserlichen Generalfeldmatschalls Paul von Hindenburg (1847-1934) getragen, jenem Hindenburg, der Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt und damit den Nationalsozialisten den Weg zur Macht freigemacht hatte. Sowohl Hitler als auch Hindenburg waren zwischen 1933 und 1945 Ehrenbürger Mülheims.

An der Frage, ob man die politisch überholte, aber historisch symbolträchtigen Straßennamen beibehalten oder ersetzen sollte, scheiden sich die Geister. Das zeigte zuletzt auch die Kontroverse um die seit 1967 so genannte Fritz-Thyssen-Straße, die Dümpten und Styrum miteinander verbindet. Der Industrielle Fitz Thyssen (1873-1951) hatte Hitler erst gefördert und sich dann angesichts seiner Terror- und Kriegspolitik von ihm abgewendet. Von ihm stammte das legendäre Geständnis: „Ich bezahlte Hitler!“


Zur Feldmannstiftung

Mittwoch, 18. Januar 2023

Trotz allem närrisch

2023 ist für den Karneval ein besonderes Jahr. Das Komitee Kölner Karneval feiert als Mutter aller Karnevalsvereine seinen 200. Geburtstag. Dagegen ist der Mülheimer Karneval eine junge Veranstaltung. Die älteste existierende Mülheimer Karnevalsgesellschaft ist die Erste große Mülheimer Karnevalsgesellschaft MÜKAGE.

1937 wurde sie in der Saarner Gaststätte Rosendahl unter dem Vorsitz von Willi Enaux ins Leben gerufen. Auch in der NS-Zeit verlangten die Menschen in unserer Stadt nach fröhlicher Geselligkeit.

Tatsächlich ist der Karneval in Mülheim wesentlich älter als die MÜKAGE, die in den letzten Sessionen vor allem durch ihre närrischen Hausfrauennachmittage und durch die Gemeinschaftssitzung mit den Mülheimer Kirchengemeinden St Engelbert und St Mariä Rosenkranz („Firlefanz im Engelkranz“) in Erscheinung getreten ist.

Auch vor 1937 gab es in Mülheim karnevalistisches Leben. Wer in die alten Mülheimer Zeitungen schaut, stößt auf Anzeigen, die zu Kostüm- und Maskenbällen, Karnevalsfesten oder zu einer Karnevalskirmes auf dem Viktoriaplatz einladen, den wir heute als Synagogenplatz kennen.

"Als ich 1955, als Cowboy verkleidet, mit der Straßenbahn zu einer Karnevalssitzung fuhr, haben mich die Leute wie einen Außerirdischen angeschaut!" (Horst Ludwig + Ehrenvorsitzender der Mölmschen Houltköpp)

Im Stadtarchiv findet sich zum Beispiel auch ein Heft mit rheinischen Karnevalsliedern aus dem Jahr 1914 und Presseberichte über alte Karnevalsgesellschaften, wie die Lustigen Leute, die Aula, oder die 1955 neui gründete Karnevalsgesellschaft Mölm Boovenaam („Mülheim obenauf“).

Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten Menschen noch nicht automobil. Sie suchen deshalb nicht nur zur Fünften Jahreszeit ihre Gelegenheiten zur fröhlichen Geselligkeit vor allem in der eigenen Stadt. Auch in den ersten Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg, ließen sich die närrisch gesonnenen Mülheimer das Lachen und Feiern nicht verbieten. So gründeten die Broicher und Speldorfer Kolpingsgeschwister 1947 eine Karnevalsgesellschaft. Weil sie versehentlich blauweiße Narrenkappen geliefert bekamen, benannten sie sich spontan als KG Blau Weiß.

Auch die dritte Karnevalsgesellschaft im närrisch-mölmschen Bund entsprang einer Kolpingfamilie, die 1950 in der Heimaterde die inzwischen aufgelöste KG Knatsch Geck aus der Taufe hob. Gefeiert wurden Karnevalssitzungen damals am Karnevalssonntag, weil die meisten Menschen 6x8 Stunden pro Woche arbeiten mussten. Die Verbindung zwischen Kirche und Karneval, zwischen frohe Botschaft und Frohsinn, die bis heute unter anderem durch karnevalistische Gottesdienste gefeiert wird, kommt nicht von ungefähr. Denn der Karneval ist die frech-fröhliche und opulente Zeit vor dem Aschermittwoch, der die vorösterliche Fastenzeit einläutet.

Gefeiert wurde vor 1939 und nach 1945 vor allem in Gaststätten. Große Prunksitzungen im Festsaal des Handelshofes und der 1957 wiedereröffneten Stadthalle, wurden erst mit dem voranschreitenden westdeutschen Wirtschaftswunder in den 1960er Jahren zum karnevalistischen Standard. Die 1950er Jahre waren eine Hochzeit des Mülheimer Karnevals. Die Menschen hatten nach Zwei Weltkriegen, zwei Geldentwertungen und einer Diktatur viel Nachholbedarf in Sachen Lebensfreude. Deshalb wurden in diesem Jahrzehnt mit Knattsch Geck, Mölm Boowenaan, Mölmsche Houltköpp, den Roten Funken, dem Mülheimer Carnevalsclub und der Röhrengarde gleich fünf Karnevalsgesellschaften ins Leben gerufen.

Vergleichbar dem Komitee Kölner Karneval, konstituierte sich 1957 im Hotel Handelshof der Hauptausschuss Groß Mülheimer Karneval. Die Bündelung der karnevalistischen Kräfte machte 1958 den ersten Mülheimer Rosenmontagszug möglich. Bis dahin waren die meisten Mülheimer Karnevalisten im Duisburger Rosenmontagszug mit von der närrischen Partie gewesen. Als erster Karnevalsprinz ging der Mülheimer Brauereibesitzer Erich Ibing in den närrische Stadtgeschichte ein. Jetzt bürgerten sich die öffentliche Prinzenproklamation und der närrische Rathaussturm ein. Eine Stadtprinzessin und ein Kinderprinzenpaar gönnten sich die Mülheimer Narren aber erst seit den späten 1960er Jahren.

In den 1960er Jahre veränderte sich mit der Gesellschaft auch der Karneval. Aus dem Karneval Marke Eigenbau, der nur ehrenamtliche Karnevalskünstler aus den Reihen der Mülheimer Gesellschaften kannte, wurde ein Saalkarneval, der mit dem Fernsehkarneval konkurrieren und deshalb professionelle, aber teure Unterhaltungskünstler einkaufen musste.

Mit Ihren Prunksitzungen zogen die Karnevalsgesellschaften zunehmend in die Stadthalle ein und ließen sich nicht mehr nur von ihren eigenen Musikern und Büttenrednern unterhalten. So wurde der Mülheimer Saalkarneval attraktiver, aber auch teurer und damit zum wirtschaftlichen Risiko.

Hinzu kam der wirtschaftliche Strukturwandel, der seit den späten 70er Jahren die öffentlichen und privaten Finanzen schwinden ließ. Jetzt suchten die Karnevalsgesellschaften verstärkt nach preiswerten Veranstaltungsorten und Veranstaltungsformen. So feierte die KG Blau Weiß ihre Prunksitzungen zwischenzeitlich in einem Zelt an der Duisburger Straße. Neben dem Rosenmontagszug versuchten die Namen auch mit öffentlichen und eintrittsfreien Biwaks unter freiem Himmel Lust auf Karneval zu machen.

Hatte zuerst der Zweite Weltkrieg den Karneval unterbrochen, so wurde der Straßenkarneval auch später durch tragische Ereignisse, wie durch einen Flugzeugabsturz im Mendener Ruhrtal am 8. Februar 1988, die Rosenmontagsstürme (1990 und 2015), den Irakkrieg im Januar und Februar 1991 oder zuletzt durch die im März 2020 begonnene Corona-Pandemie und den im Februar 2022 begonnen Krieg in der Ukraine beeinträchtigt oder verhindert.

Schon  in den 1950er Jahren suchten die Karnevalisten den Schulterschluss mit der Stadt und mit anderen Vereinen. Die Mölmenschen Houltköpp (ihr Namenswahl war Ausdruck närrischer Selbstironie), gingen 1957 aus dem Bund der Hirnverletzten hervor. Die 1959 gegründete Röhrengarde war ein Produkt der Mülheimer Röhrenwerke. Seit den 1960er Jahren verbreiteten die Karnevalsgesellschaften ihren närrischen Frohsinn auch in Mülheimer Pflegeheimen und ab 1992 mit der Röhrengarde auch im Dorf der Theodor-Fliedner-Stiftung. Außerdem knüpften die Mülheimer Karnevalisten in den 1970er Jahren, etwa mit dem 1972 gegründeten Mülheimer Karnevalsverein, den Mölmschen Houltköpp, den Roten Funken und dem MCC internationale Kontakte in die Niederlande, in die französische Partnerstadt Tours und nach New York, wo Mülheimer Karnevalisten in den 1970er Jahren an der Steuben-Parade teilnahmen. Internationalen Show-Glamaour ala Broadway hat auch die 2001 von Sylvia und Peter Heibel in Broich gegründete Ruhrgarde in den mölmschen Karneval gebracht, während die MüKaGe seit den 1970er Jahren unter anderem als Gastgeberin der Tanzturniere des Bundes Deutscher Karneval in der Stadthalle und in der Sporthalle an der Mintarder Straße für Furore sorgte.

Unter Führung des Unternehmers Heiner Jansen verstärkte der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval seit Ende der 1990er Jahre seine Vernetzungsstrategie und die Einwerbung von Sponsorengeldern zur Finanzierung des närrischen Treibens. Die Karnevalisten mussten in den 200er Jahren aber auch hinnehmen, dass die 1998 gegründete Mülheimer Stadtmarketing- und Toruismusgesellschaft MST die Stadthalle zunehmend als gewinnbringendes Vermarktungsobjekt einsetzte und sie damit als Veranstaltungsort für das bürgerschaftliche Engagement der Karnevalisten fast unbezahlbar gemacht hat. Hinzu kam die Schließung des Handelshofsaales. Dort, wo das möglich war, schufen sich die Karnevalisten jetzt eigene Räume, etwa die Wagenbauhalle im Speldorfer Hafen. Auch Sponsoren, wie das Forum, die Sparkasse, das Dümptener Autohaus Extra oder das Saarner Autohaus Wolf sprangen als Gastgeber der Narretei für die vor 100 Jahren von der Stadt für die Stadt gebaute Stadthalle ein. Hier schließt sich der Kreis des Karnevals, wenn in dieser Session erstmals auch die Alte Dreherei in Broich zur Närrischen Hochburg wird. Immerhin können die Karnevalisten bis dato ihre Prinzenproklamation, ihren Prinzenball, die Kür ihres närrischen Ritters vom Schiefen Turm und die das zusammen mit dem Verein für Bewegungsförderung und Gesundheitssport VBGS durchgeführte inklusive Musik- und Tanzfest Grenzenlos im Festsaal der Stadthalle feiern. Geschichte dagegen ist die 1970 ins Leben gerufene Seniorensitzung im Theatersaal der Stadthalle, die diesen oft bis auf den letzten ihrer 1100 Sitzplätze füllen konnte.

Zum Mülheimer Karneval und: Zu meinen Presseberichten

Sonntag, 15. Januar 2023

Filmreife Spurensuche

 Fritz Kann war einer von 270 Mülheimer Juden, die ab 1941 gen Osten in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten deportiert wurden und dort ermordet wurden. Der Enkel seiner Frau Lina, der 1969 geborene Dokumentarfilmer Marcel Kolvenbach, hat ihm und seinen jüdischen Leidensgenossen den 100-minütigen Film: „Auf der Suche nach Fritz Kann“ gewidmet, der am 16. Januar um 19.30 Uhr im Kino Rio zu sehen sein wird.

Hier schließt sich ein historischer Kreis. Denn dort, wo seit 2009 das Medienhaus mit dem Kino Rio steht, stand bis zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 die Synagoge der Jüdischen Gemeinde. Deshalb heißt der ehemalige Viktoriaplatz heute Synagogenplatz oder Platz der ehemaligen Synagoge.

„Sie wurden über Nacht zu Fremden im eignen Land gemacht, enteignet und ausgebürgert. Und am Ende mussten sie sogar ihre Deportation ins Vernichtungslager mit dem Kauf einer Fahrkarte selbst zahlen“, sagt Kolvenbach über Fritz Kann und seine jüdischen Glaubensgenossen, die sich zuerst als Deutsche sahen. Die rund 650.000 jüdischen Staatsbürger im Deutschen Reich des Jahres 1933 waren trotz eines schon langen vorher vorhandenen Antisemitismus gesellschaftlich ebenso gut integriert wie die damals rund 700 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Mülheims.

Als die Synagoge auf dem Viktoriaplatz 1907 eingeweiht wurde, sprach die Mülheimer Zeitung von einer „Zierde der Stadt“! 31 Jahre später sollte diese Zierde der Stadt in den Flammen des Hasses untergehen, angesteckt vom damaligen Feuerwehrchef Alfred Freter.

Diesen Flammen des gewaltbereiten und menschenverachtenden Hasses sollte auch Fritz Kann zum Opfer fallen. An ihn und seine Familie erinnern seit dem 4. Mai 2022 Stolpersteine vor seinem Elternhaus an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße 73 erinnert. Dort betrieben seine Eltern Simon und Lina Kann eine Metzgerei. Am 31. Dezember 1898 geboren, wuchs Fritz Kann mit sechs Geschwistern auf und besuchte die heutige Karl-Ziegler-Schule. Seine Schwestern Selma und Jannette besuchten die Luisenschule. 1927 heiratete Kann seine evangelische Frau Christine Caroline Kremer. Die Ehe wurde 1941 von Staats wegen geschieden, weil die sogenannten Nürnberger Rassegesetze aus dem Jahr 1935 sogenannte „Mischehen“ zwischen Christen und Juden verboten. Zuletzt in einem „Judenhaus“ am Scharpenberg interniert, wurde Fritz Kann mit 60 anderen Mülheimer Juden am 22. April 1942 mit der Reichsbahn ins polnische Izbica deportiert, wo sich seine Spur verliert. Seine letzte Mülheimer Meldekarte weist ihn als Arbeiter aus erklärt ihn am 31. Dezember 1945 für tot.

„Wir sehen überall, dass Hass, Gewalt, Diskriminierung und Rassismus auch heute nicht überwunden sind“, sagt Annett Fercho. Über die Mitarbeiterin des Stadtarchivs, die ihn seit 2018 mit ihren Recherchen unterstützt und ihn in Kontakt mit Berliner Verwandten seiner Großmutter Lina Kann zusammengebracht hat, sagt Kolvenbach. „Ohne sie wäre mein Film nicht möglich geworden!“ Fritz und Lina Kanns Berliner Verwandte, Elke Tischer und Hans-Joachim Gutmann, die auch schon die Verlegung der Stolpersteines für Fritz Kann, seine Schwester Jannette Gutmann, seine Mutter Lina und seine Neffen Hans, Fritz und Kurt begleitet haben, werden nicht nur bei der Kinopremiere im Rio, sondern auch bei dort geplanten Schulaufführungen für Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschüler der Luisenschule, des Gymnasiums Heißen, des Gymnasiums Broich, der Gesamtschule Saarn und der Gustav-Heinemann-Schule als nachgeborene Angehörige und Zeitzeugen mit dem Filmemacher und der Stadtarchivarin Rede und Antwort stehen. „Das ist kein Film, nach dem man einfach gut unterhalten ist. Da wird es sicher Gesprächsbedarf geben. Und ich würde mich darüber freuen, wenn mein Film dazu motivieren könnte, sich selbst auf die Spurensuche nach der eigenen Familiengeschichte zu begeben“, sagt Kolvenbach, der auch aktuelle und investigative Dokumentarfilme für das öffentlich-rechtliche Fernsehen dreht. Ihm war wichtig: „dass Schicksal des Fritz Kann und seiner Familie, die zum Teil ermordet und zum Teil durch Flucht aus Nazi-Deutschland in Argentinien und Schottland überleben konnte von einer politischen auf eine persönliche und biografische Ebene zu heben, um es vor allem menschlich und emotional nachvollziehbar zu machen.“

Das begeistert auch die aus Siebenbürgen stammende Pädagogin Andrea Stern vom Kommunalen Integrationszentrum. Deshalb freut sie sich, „dass auch Schülerinnen und Schüler diesen Film nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft sehen können, um damit ihr eigenes Leben, Denken und Handeln zu reflektieren, weil das Thema Diskriminierung, Rassismus, Gewalt und Vorurteile in unserem zunehmend multikulturell geprägt Schulalltag ein durchgängiges Thema ist.“

Diese Aspekte eines nicht nur historischen, sondern auch aktuellen Dokumentarfilms war wohl auch Grund dafür, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund in Nordrhein-Westfalen und die Film- und Medienstiftung des Landes Nordrhein-Westfalen die Produktion des nicht nur dokumentarisch, sondern auch choreografisch gestalteten Films über Fritz Kann finanziell unterstützt hat, ebenso wie das Publikum des Filmfestes Lünen, das Kolvenbachs 2022 mit seinem Preis gewürdigt und honoriert hat. Außerdem werden die Schulveranstaltungen rund um die Mülheimer Kinopremiere im Rahmen der Landes- und Bundesprogramme Schule ohne Rassismus und Demokratie leben finanziell gefördert.


Zu meinen Texten in der Mülheimer Tagespresse

Die Schöpfung bewahren! Aber wie?

Wir erleben es  am eigenen Leib. Das Klima wandelt sich. Wir haben mehr Extremwetterlagen als in früheren Jahrzehnten. Dafür stehen nicht nu...