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Unter dem Hakenkreuz

  Man könnte das Foyer der alten Augenklinik, die nach ihrem Umbau 2013 zum Haus der Stadtgeschichte und zur städtischen Musikschule geworden ist, als einen leeren und zwecklosen Raum erleben, wenn das Stadtarchiv diesen Raum und seine Betonwände nicht regelmäßig zu einer geschichtsträchtigen Ausstellungsfläche machen würde. Jetzt haben Archivleiter Dr. Stefan Pätzold, Inge Ketzer und Karl-Heinz Zonbergs, beide Vorstandsmitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und des Bundes der Antifaschisten (VVN-BDA) im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37 eine neue stadtgeschichtliche Ausstellung vorgestellt, die das dunkelste Kapitel der Mülheimer Geschichte, dessen Jahre unter dem Hakenkreuz beleuchtet. Nicht nur für Schulklassen und Geschichtskurse ist es interessant, in Wort und Bild die zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 aus der lokalen Perspektive vor Augen geführt zu bekommen. Wer sich die Ausstellung anschaut begreift schnell, warum Oberbürgermeister Marc Bu

Tonangebend

  Die gute Nachricht zuerst: Der Linksruhrkantor Detlef Hilder wird auch künftig die Orgeln der Saarner Dorfkirche und der Kirche an der Wilheminenstrasse in Broich spielen. Die schlechte Nachricht für die Freunde seiner kirchenmusikalischen Arbeit, und davon gibt es nicht nur links der Ruhr viele, der 63-Jährige verabschiedet sich als Kantor der Evangelischen Kirchengemeinde Broich-Saarn am 30. Januar um 17 Uhr mit einem Konzert in der Kirche an der Wilheminenstrasse vorzeitig in den Ruhestand.  Der Grund dafür ist der Sparzwang der Evangelischen Kirchengemeinde Broich-Saarn. Hilders Stelle wird nicht neu besetzt. Künftig spielt der gebürtige Mülheimer aus Heißen die Linksruhrorgeln nur noch in 35 Gottesdiensten im Jahr, als musikalischer Minijobber auf 450_Eurobasis. Seine Arbeit als evangelischer Kirchenmusiker, die er vor 40 Jahren in Duempten begann, ehe er vor 24 Jahren auf die linke Ruhrseite wechselte, wird Hilder seinen gut eingespielten Kollegen Daphne Tolzmann und Sven Schne

Eine gute und wichtige Wahl

Macht, Sie verbindet man aus gutem Grund nicht mit dem Bundespräsidenten. Die schlechten Erfahrungen mit dem zweiten und letzten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg, der mit seinen Notverordnungen am handlungsunfähigen Reichstag vorbeiregieren und Hitler die Tür zum Reichskanzleramt und damit zur Macht öffnete, bewogen die 61 Väter und vier Mütter des Grundgesetzes, 1948/49 dem Staatsoberhaupt nur die Macht des Wortes und die eines Staatsnotars ins Grundgesetz zu schreiben. Diese Macht hat der aktuelle Amtsinhaber in seinen Reden immer wieder vorbildlich genutzt. Ihm ist auch zu verdanken, dass nach der Bundestagswahl 2017 eine handlungsfähige Bundesregierung zustande kam. Darüber hinaus fällt dem Juristen Steinmeier auch die in der Gesetzgebung zentrale Aufgabe des Staatsnotars zu, der die von Bundestag und Bundesrat verabschiedeten Gesetze auf ihre Verfassungskonformität prüft und sie erst dann mit seiner Unterschrift in Kraft treten lässt. Darüber hinaus hat

Mein Freund, der Baum

„O, Tannenbaum! O, Tannenbaum! Du kannst mir sehr gefallen.“ So haben wir noch kürzlich gesungen. Und jetzt begegnen mir an jeder zweiten Straßenecke ausgesetzte Weihnachtsbäume. So schnell geht das: Gestern stand man noch glanzvoll im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses und heute landet man schon abgetakelt auf dem Müllhaufen der Geschichte. Das geht nicht nur Euch, so liebe Tannenbäume. Auch so manches Pflänzchen im Garten der menschlichen Naturen wurde gestern noch umarmt und hochgelobt und heute schon abgesägt und auf die Straße gesetzt. Gut zu wissen und am Beispiel der abgehalfterten Christbäume gut zu sehen. Weder Lob noch Tadel sollten uns im menschlichen Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel zu sehr beeindrucken, weil neben dem Amen in der Kirche, der Steuer und dem Tod nichts so sicher ist, wie das „Kreuzigt ihn“, das auf das „Hosianna“ folgt. „O, Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren!“ NRZ, 10.01.2022

Barrierefrei denken

 Seit 100 Jahren gibt es in Mülheim einen Blinden- und Sehbehindertenverein. In seinem Jubiläumsjahr wird er von einer Frau geführt. Maria St. Mont ist spät erblindet, Doch das hat ihr nicht den Lebensmut geraubt. Wer ihr begegnet, begegnet einer lebensbejahenden und energiegeladenen Frau, die aus ihrer Not eine Tugend gemacht hat, in dem sie sich für blinde und sehbehinderte Menschen stark macht. "Wir müssen barrierefrei denken", sagt St. Mont. Auch wenn sie der Stadtverwaltung zubilligt, in den vergangenen Jahre für die Belange behinderter Menschen sensibler geworden zu sein und als Beispiel dafür die Einführung von akustischen Ampeln und taktilen Leitsystemen nennt, macht sie auch klar. "Es bleibt noch viel zu tun, um wirklich barrierefrei zusammenleben zu können." Die Barrieren im Kopf erlebt sie, wenn Autofahrer ihre PKWs auf den Bürgersteigen parken, E-Scooter-Enthusiasten ihre Elektroroller links liegen lassen oder Kaufleute mit ihren Auslagen und Werbeschild

Corona macht einen Strich durch die Rechnung

 Corona ist nicht nur ein gesundheitliches Problem. Das Virus lässt auch unsere Wirtschaft kränkeln. Das gilt zumindest für die allermeisten Gewerbe. Das Gastgewerbe ist von der Pandemie besonders hart betroffen. Im Gespräch mit Gastronomen war im Durchschnitt von einem Corona-Minus von rund 50 Prozent die Rede. Auch ein zusätzliches Cateringangebot konnte nur bedingt die Corona-Ausfälle der beiden Lockdowns ausgleichen,  Nach einem Wiederaufschwung im Sommer verhagelte jetzt die Omikron-Variante des Corona-Virus vielen Gastleuten ihr eigentlich besonders starkes November- und Dezember-Geschäft. Hauptgrund dafür war die fast vollständige Absage aller Vereins- und Betriebsweihnachtsfeiern. Nur die Stammkunden blieben für die Gastronomen eine feste Bank. Doch jetzt geht die Angst vor einem dritten Lockdown um. Ohne staatliche Hilfen wäre in vielen Gasthäusern bereits der Ofen aus. Doch die Frage steht im Raum, wie lange der deutsche Steuerzahler, nicht nur in der Gastronomie, Ausfallhilf

Die Aktienstraße - Vom Kohlenweg zur Hauptverkehrsstraße

Viele Wege führen heute von Mülheim nach Essen und umgekehrt. Einer der meistgenutzten ist wohl die auf Mülheimer Seite 3,4 Kilometer lange Aktienstraße. Zwischen Sandstraße und Friedrich-Ebert-Straße wird sie täglich von insgesamt 44.000 Fahrzeugen überrollt. Angesichts solcher massenhaften Verkehrsströme hätte der alte Mathias Stinnes wohl nur den Kopf geschüttelt. Denn er kam bereits in den 1820er Jahren auf die Idee, eine Straße zu bauen, die Mülheim und Essen möglichst schnurstracks verbinden sollte, um die in Essener und Mülheimer Zechen zutage geförderte Kohle möglichst schnell an die Ruhr zu bringen und dort per Schiff zum Beispiel in die Niederlande zu transportieren. Heute kann man es sich gar nicht mehr vorstellen, dass der Weg von Mülheim nach Essen vor der Eröffnung der Aktienstraße am 5. August 1839 abenteuerlich war und zum Teil durch morastige Schluchten und Gräben führte. Das empfanden Stinnes und andere Zechenbesitzer und Kohlenhändler als unerträgliches Handelshemm