Sonntag, 8. März 2026

Warum sich der Sozialstaat auszahlt

Wer Helga Albrecht-Faßbender begegnet, trifft eine starke, ausgeglichene und lebensbejahende Frau.

Wenn sie es nicht selbst erzählen würde, käme man nicht darauf, dass sie eine familiäre und eine eigene Alkohol- und Drogengeschichte hinter sich hat.

Heute kann die 67-Jährige EDV-Dozentin von sich sagen: "Ich bin  seit 25 Jahren trocken und rauchfrei." Ihre Lebenserfahrung gibt sie heute als ehrenamtliche Vorsitzende des Mülheimer Kreuzbundes an Menschen weiter, die eine vergleichbare Suchtgschichte mit ihr teilen.

Aufgewachsen ist Helga Albrecht-Faßbender mit drei Geschwistern in einem Elternhaus, das von der Alkoholsucht ihres vom Zweiten Weltkrieg traumatisierten Vaters geprägt war. "Die Generation meiner Eltern hätte nach dem Krieg komplett auf die Couch gehört. Aber damals hat sich niemand um die seelische Gesundheit der Menschen gekümmert, die im Krieg traumatisiert worden waren", erinnert sich Albrecht-Faßbender an ihre Kindheit und Jugend.

Mit 16 hielt sie es zu Hause nicht mehr aus und kam mit Hilfe des Jugendamtes in einem Mädchenwohnheim unter. Von da an schien es, auch mit Hilfe engagierter Erzieherinnen und Erzieher, für Sie bergauf zu gehen. Sie besuchte die Berufsschule und machte das Fachabitur nach. Aber dann kam sie mit falschen Männern und mit falschen Menschen zusammen und lebte ein Leben zwischen Cannabis und Alkohol. "Ich wundere mich noch heute, dass mich die Erfahrung meiner Kindheit nicht so weit sensibilisiert hat, um nicht in die Sucht abzugleiten!" Das sagt Albrecht-Faßbender im Rückblick auf ihre nassen und durchrauchten Jahre.

Doch dann, vor etwa 27 Jahren, traf sie einen Schicksalsgenossen, mit dem Sie den Mut und die Kraft zum Neuanfang hatte. Rat und Hilfe fanden sie bei der Caritas, die zusammen mit der Diakonie in Mülheim seit Jahrzehnten eine professionelle Suchtberatung betreibt.

"Ich habe hier Menschen getroffen, die mich so genommen haben wie ich bin und mir keine Vorwürfe gemacht haben. Gemeinsam haben wir überlegt, wie unser Leben ohne Alkohol und Cannabis aussehen könnte. Eine Alternative, die wir gefunden haben war das Fahrradfahren."

Trocken und rauchfrei fand Albrecht-Faßbender auch die Kraft zum beruflichen Durchstarten. Sie machte ihr Abitur nach und absolvierte anschließend eine Ausbildung zur technischen Redakteurin.

Ihre wichtigsten Lebenserfahrung lautet: "Ich hatte das Glück im Unglück, dass ich in einer Zeit aufgewachsen bin, in der der Sozialstaat ausgebaut und nicht, wie heute, zusammengeschrumpft wurde. Ohne diesen Sozialstaat hätte ich nicht die professionelle Hilfe bekommen, die es mir erlaubt hat, aus meiner Lebenskrise gestärkt hervorzugehen und auch als berufstätige Frau wieder in die Sozialsysteme unserer Gesellschaft einzahlen zu können. Schicksalsgenossen rät sie, "sich den eigenen Hilfebedarf einzugestehen und sich die professionelle Hilfe zu holen, die es Gott sei Dank immer noch in unserem Land gibt. Ohne die professionelle Beratung durch die Caritas hätte mein Leben einen ganz anderen Verlauf genommen", ist sich Albrecht- Faßbender sicher.

Weitere Informationen über die Suchtberatung in Mülheim finden Sie hier und hier.

Mittwoch, 25. Februar 2026

Ein Hauch von Venedig

 Als die Stadthalle vor 100 Jahren eröffnet wurde, ließen die "Bunten Blätter" auf ihrem Titel eine Gondel an dem neuen Bauwerk vorbeifahren. Der Altbau der Stadthalle erinnert an einen venezianischen Palazzo und brachte Mülheim 1926 den Ruf eines "Ruhrvenedigs" ein.

Den Plänen der Architekten Hans Grossmann und Artur Pfeifer sei Dank. Großmann und Pfeifer hatte auch das im Ersten Weltkrieg fertiggestellte Rathaus geplant. Doch der Erste Weltkrieg ließ keine Zeit und kein Geld mehr übrig für den schon lange geplanten Stadthallenbau am Broicher Ruhrufer.

Gebaut wurde dann von 1923 bis 1925 auf dem ehemaligen Grundstück der Mülheimer Papierfabrikanten Vorster, aus deren Familie auch Mülheims erster Bürgermeister Hermann Vorster hervorgegangen war.

Mitten in der Hyperinflation begann der Stadthallenbau als Notstandsmaßnahme, finanziert mit Notgeld, dass sich die damals vom Oberbürgermeister Paul Lembke geführte Stadt selbst gedruckt hatte.

Das erste Konzertpublikum, das im Dezember 1925 in der neuen Stadthalle Platz nahm, bestand nicht aus den Mülheimer Honoratioren, sondern aus den Arbeitern, die den Bau bewerkstelligt hatten. Die Lokalpresse sprach damals vom "demokratischsten Konzert der Stadtgeschichte."

Bei der Eröffnung der Stadthalle am 5. Januar 1926 nahmen dann aber doch die üblichen Honoratioren im Theatersaal der Stadthalle Platz. Die Duisburger Sinfoniker spielten zur Feier des Tages Werke von Brahms und Wagner.

Gustaf Gründgens, Sven Hedin, Max Planck, Wilhelm Furtwängler und die Berliner Philhamoniker waren nur einige Prominente, die auf der Stadthallenbühne gastierten, ehe "Mülheims gute Stube" 1943 ein Opfer des Luftkriegs wurde.

Der Wiederaufbau der Stadthalle, der unter anderem mit einer Lotterie finanziert wurde, sollte sich bis ins Jahr 1957 hinziehen und vom Hannoveraner Architekten Hermann Graubner geplant. Der moderne Westflügel der Stadthalle atmet den Zeitgeist der 1950er Jahre. Der Theodor-Heuss-Platz vor der Stadthalle erinnert daran, dass sie am 11. Oktober 1957 im Beisein des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss mit Werken Beethovens und Goethes Egmont wiedereröffnet wurde. In der Hauptrolle war damals Klausjürgen Wussow zu sehen, der auch später mehrfach in der Stadthalle gastierte und als "Professor Brinkmann aus der Schwarzwalklinik" einem Millionenpublikum bekannt werden sollte.

Götz George, Horst Tappert, OW Fischer, Joachim Kuhlenkampf, Joachim Fuchsberger, Hedi Kabel, Willi Millowitsch, Dieter Hildebrand, Juliette Greco, Thomas Gottschalk, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder waren nur einige von vielen Prominenten, die nach 1957 als Schauspieler, Sängern, Kabarettisten und Politiker auf den Bühnen der Stadthalle ihr Publikum fanden.

Sei 2001 wird die Stadthalle von der Mülheimer Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft MST als Veranstaltungsort vermarktet. Zur Geschichte der Stadthalle gehört auch, dass sich viele gemeinnützige Organisationen, trotz eines Saalmietenrabatts, aus finanziellen Gründen die Stadthalle heute meiden und auf andere Veranstaltungsorte ausweichen, die für sie bezahlbarer sind als die Stadthalle.

Mehr über die Mülheimer Stadthalle erfahren Sie unter anderem hier.

Samstag, 21. Februar 2026

Für Umsicht, Rücksicht und Vorsicht

Mit Vorsicht, Umsicht und Rücksicht kommen wir auch im Straßenverkehr gemeinsam besser ans Ziel. Für die Verbreitung dieser Einsicht arbeitet die Verkehrswacht in Mülheim an der Ruhr seit 100 Jahren. Seit ihrer Gründung am 12 Februar 1926 hat sich die Zahl der in Mülheim an der Ruhr registrierten Fahrzeuge von rund 500 auf mehr als 90.000 erhöht. Nach Solingen ist sie die an Rhein und Ruhr älteste Verkehrswacht Deutschlands.

Das feierten ihre derzeit 100 Mitglieder mit ihren Gästen jetzt im Casino an der Delle. Neben Oberbürgermeister Marc Buchholz gehörten auch Nordrhein-Westfalens Vrkehrsminister Oliver Krischer und die Bundespräsidentin der Verkehrswacht Kerstin Lühmann zu den Gratulanten, die der Vorsitzende der Ortsvereinigung Prof Dr Gunter Zimmermeyer zur Jubiläumsfeier willkommen heißen konnte.
Altersgerechte Verkehrserziehung in Kindertagesstätten und Grundschulen, Fahrtraining für Fahranfänger, Elektrofahrrad- und Rollator-Training für Senioren und leuchtende Rucksäcke und Westen, die auch bei Dunkelheit dafür sorgen, dass man als Verkehrsteilnehmer unübersehbar ist. Mit Blick auf all diese ehrenamtlichen Aktivitäten der Verkehrswacht sagte NRW-Verkehrsminister Krischer: "Ihre Arbeit hat viele Leben gerettet. Er betonte aber auch angesichts von bundesweit rund  2800  Verkehrstoten im Jahr 2025: "Wir sind noch weit von der Vision Zero entfernt". Und die Präsidentin der Verkehrswacht Deutschland machte mit Blick auf den Anstieg der Verkehrsunfälle auf dem Schulweg, zuletzt um rund 5%, deutlich, dass die Verkehrswacht und ihre ehrenamtliche Aktiven weiterhin gebraucht werden.

Schon vor dem Festakt hatte der Vorsitzende der Verkehrswacht Mülheim Professor Dr. Gunter Zimmermeyer im Gespräch mit der Mülheimer Lokalredaktion auf wesentliche Baustellen der Verkehrswacht hingewiesen. Mit Sorge betrachtet er die dramatisch zunehmenden Unfälle, in die E-Scooter verwickelt sind, die mit bis zu 25 km/h über Gehwege fahren dürfen. Ebenso kritisch betrachtet er das Phänomen der Elterntaxis. "Kinder müssen frühzeitig lernen, selbstständig ihren Schulweg zurückzulegen, um damit ihre Bewegungsfähigkeit zu trainieren und gleichzeitig auf dem Schulweg soziale Kontakte zu Altersgenossen knüpfen zu können."  Positiv bewertet Zimmermeyer, dass die Fahrzeugsicherheit sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verbessert habe. Zum Vergleich: Vor 50 Jahren kamen fast 15.000 Menschen allein in der damals westlichen Bundesrepublik Deutschland im Straßenverkehr ums Leben, obwohl damals nur ein Viertel der heutigen Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs war.

Zimmermeyer nutzte den Festakt im Casino auch dafür, darauf hinzuweisen dass die Verkehrswacht nicht nur auf Spenden, sondern auch auf ehrenamtlich Aktive angewiesen sei um ihre Arbeit effektiv fortsetzen zu können.

Weitere Informationen über die Arbeit der Mülheimer Verkehrswacht finden Sie unter anderem hier,

Freitag, 20. Februar 2026

Närrische Nachlese

 Auch in der jetzt abgelaufenen Session hat der aktuell in 11 Gesellschaften und im Hauptausschuss Groß-Mülheimer-Karneval organisierte Frohsinn unter dem Vorzeichen von Lebensfreude und Gemeinschaft Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen und Generationen miteinander vereint. 

Mit einem aus Uruguay stammenden Stadtprinzen (Lucas Leonard Lungo-Laporta) und einem aus der Türkei stammenden Hofmarschall (Hakan Zileli) spiegelte sich im Tollitätenteam der demografische Wandel einer zunehmend multikulturellen Stadtgesellschaft, in der heute Menschen aus 145 Nationen zusammenleben.

Das die Karnevalsjugend des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval in dieser Session mit einem neuen Social-Media-Auftritt, inklusive ihres Podcast "Kappes und Kokolores" an der Start gegangen ist, um mehr Menschen aus der Generation U30 für die Fünfte Jahreszeit zu gewinnen spiegelt die Digitalisierung unserer Gesellschaft ebenso wider, wie die Tatsache, dass die Mülheimer Lokalredaktion den diesmal leider arg verregneten Rosenmontagszug, via Livestream ins Internet übertragen hat und damit rund 1900 Online-Zuschauer gefunden hat. 

Sowohl zum Beginn, wie zum Ende der Session stieg der Ex-Stadtprinz Jürgen Wisniewski als Hoppeditz der KG Blau Weiß dankenswerterweise in die Bütt und zeigte damit, dass der Karneval seine politischen Spitzen noch nicht verloren hat und eben mehr ist als nur Party.

Sowohl bei der Mädchensitzung der Roten Funken als auch beim Kostümball des Mülheimer Carnevalsclubs und beim Gemeindekarneval, made by St. Mariae Rosenkranz und MüKaGe zeigten sich sonst auch schon mal kostümmuffeligen mölmschen Jecken kostümtechnisch von ihrer buntesten und besten Seite.

Alle drei Saalveranstaltungen gingen im Dümptener Autohaus der Ruhrdeichgruppe über die Bühne. Sie zeigten, ebenso, wie der zweite Karnevalsempfang mit den kleinen und großen mölmschen Tollitäten, dass auch im mölmschen Karneval ohne Moos, sprich Sponsoren, nichts los ist, auch wenn das ehrenamtliche Engagement der mehr als 1000 aktiven Karnevalisten und Karnevalistinnen, etwa in den Musikzügen und Tanzgarden oder beim Wagenbau für den Rosenmontagszug Geld und Gold wert und gar nicht zu überschätzen ist. 

Aus gutem Grund wurden in der Session 2025/26 mit dem Prinzenführer Detlef Michael Klapper ein seit Jahrzehnten ehrenamtlicher Karnevalist zum Ritter vom Schiefen Turm und die Sparkassenstiftung als Karnevalssponsor mit dem Mölmschen Narr ausgezeichnet.

Und weil der Karneval auch ohne Musik undenkbar wäre, wurde mit Horst Herrmann ein Ein-Mann-Orchester mit dem Ehrenzeichen des Bundes Deutscher Karneval ausgezeichnet, der den Mülheimer Saalkarneval seit 1974 begleitet.

Undenkbar wäre der organisierte Frohsinn in Mülheim natürlich auch ohne die Mutter aller Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die MüKaGe, die mit einem weiblichen Führungsquartett in seine 88. Session ging, während die ebenfalls von einer starken Frau (Gisela Claus) angeführte Ruhrgarde aus gutem Grund feiern durfte, dass sie seit inzwischen 50 Jahren, nicht nur auf Mülheims Bühnen, mit glamourösen Showtanz für Furore sorgt, der an den Broadway, das Moulin Rouge und das Crazy Horse erinnert. 

Mehr über den Mülheimer Karneval erfahren Sie unter anderem hier

Mittwoch, 4. Februar 2026

Lassen wir die Kirche im Dorf

 Wer die Kirche im Dorf lässt, bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Die Betrachtung der Tatsachen, führt jetzt dazu, dass die christlichen Stadtkirchen ihre Kräfte bündeln. Ihre Mitgliederzahl ist in den vergangenen 50 Jahren von 165.000 auf aktuell 78.000 zurückgegangen. Die Gründe dafür sind im Demografischen Wandel. aber auch im gesellschaftlichen Wandel zu suchen. Sozialwissenschaftlich erhobene Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz zeigen: 56% der deutschen Bevölkerung bezeichnen sich als säkular. Nur 13% der Menschen in Deutschland sehen sich als kirchliche und religiös gebunden.


In Mülheim gehören heute noch jeweils 39.000 Menschen zur katholischen und evangelischen Kirche. Das sind 45% der Stadtbevölkerung. Vor 50 Jahren gehörten noch 85% Stadtgesellschaft einer der beiden großen christlichen Kirchen an. Damit liegt unsere Stadt im nationalen und regionalen Trend. Lebten bei der Gründung des Ruhrbistums noch 1,1 Millionen Katholiken an der Ruhr, so sind es heute noch 638.000. Bundesweit ist die Zahl der evangelischen Kirchenmitglieder in den vergangenen 25 Jahren von 26 auf 18 Millionen und die Zahl der katholischen Kirchenmitglieder von 27 auf 20 Millionen zurückgegangen.


Das beide große christlichen Kirchen von Austritten und Überalterung betroffen sind, zeigt das nicht allein der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche für den dramatischen Mitgliederschwund in der römischen katholischen Kirche verantwortlich zu machen ist.

"Meine Zukunftsperspektive ist eine christliche", betont denn auch die Leiterin der katholischen Akademie Die Wolfsburg, Dr. Judith Wolf, die zum Moderatorenteam des Reformprozesses "Christlich Leben. Mittendrin." gehört. 

Stadtdechant Michael Jansen hinterfragt die von Wolf präsentierten Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz, indem er fragt: "Wer sind die Säkularen?" Er stellt fest: "Meine Erfahrung ist, dass es keine Atheisten, sondern nur suchende Menschen gibt. Und aus meinen Gesprächen weiß ich, dass die Sehnsucht nach einem sinnvollen und zielführenden Leben im Sinne der Frohen Christlichen Botschaft größer denn je ist."

Die jetzt zu Ende gehenden Volkskirchen sieht Jansen als Ergebnis von zwei Weltkriegen. Not lehrt beten und die Not der Kirchen lehrt sie, sich zu reformieren.
Auch Jansen und sein evangelischer Amtsbruder Superintendent Michael Manz sehen und praktizieren die Ökumene als christliches Zukunftsmodell, etwa beim Kirchenfest auf dem Kirchenhügel oder beim Jahresempfang der christlichen Kirchen im Altenhof, durch ihr gemeinsames Engagement im Mülheimer Karneval und durch die enge Zusammenarbeit in den Bereichen Krankenhausseelsorge, Notfallseelsorge und Trauerbegleitung.
Nimmt die katholische Stadtkirche für das Jahr 2028 die Gründung einer Stadtpfarrei in den Blick, die von christlichen Orten, wie etwa Schulen, Kindertagesstätten und der Caritas flankiert werden soll, so haben sich im evangelischen Kirchenkreis an der Ruhr zum Jahresbeginn 2026 die Gemeinden Broich-Saarn und Vereinte Evangelische Kirchengemeinde (VEK) zur Brückengemeinde Mühlheim zusammengeschlossen.

Mit Blick auf den jüngsten Reformprozess "Christlich Leben. Mittendrin." (CLM) diskutierten jetzt 82 aktive Mitglieder der katholischen Stadtkirche im Pfarrsaal von St. Barbara darüber, ob man den Vorstand der künftigen Stadtpfarrei aufgrund ihrer großen Trägerverantwortung ausschließlich hauptamtlich oder sowohl hauptamtlich als auch ehrenamtlich besetzen sollte. Die strukturellen Reformvorschläge, die das Moderatorenteam, zu dem auch Judith Wolf gehört, präsentierte, ersetzt eine ehrenamtlich gewählte oder berufene Pfarrversammlung die bisherigen Pfarrgemeinderäte.

Angesichts der Frage, wie gesellschaftlich relevant die christlichen Kirchen in Zukunft noch sein werden, wurden unter anderem eine verstärkte ökumenische Zusammenarbeit der christlichen Stadtkirchen und der Aufbau einer hauptamtlichen und professionellen Presse und Öffentlichkeitsarbeit für die katholische Stadtkirche eingefordert.  Letzteres wurde allerdings durch die Gegenfrage konterkariert: "Woher soll das Geld dafür kommen?"

Positiv bewertete Stadtdechant Janßen, dass beim CLM Auftakt am Schildberg viele junge Menschen dabei gewesen seien und damit Ihr Interesse an der Zukunft der Stadtkirche dokumentiert hätten.

Weitere Informationen rund um den Reform- und Konsultationsprozess Christlich Leben. Mittendrin." finden sich im Internet unter: www.clm.bistum-essen.de 

Sonntag, 1. Februar 2026

Im närrischen Zug der Zeit

 Jecken aufgepasst. Die Session ist kurz. Der Rosenmontagszug kommt diesmal schon am 16. Februar, Zwischen 14 und 17 Uhr wird er zwischen Kaiserstraße und Schloßbrücke durch die Innenstadt ziehen. 1000 Aktive, 30 Wagen und 15 Fußgruppen sind mit von der närrischen Partie. Wenn Petrus mit den Narren ist, werden rund 30.000 Menschen zur größten Veranstaltung der Stadt erwartet. 

Kaum zu glauben, aber wahr. Während die Mutter aller Rosenmontagszüge schon 1823 durch Köln zogen, erlebten die Mölmschen erst 1958 ihren ersten Rosenmontagszug in der eigenen Stadt. Im Dezember 1957 hatte sich im Hotel Handelshof der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval gegründet, um den Mülheimer Rosenmontagszug ins Rollen zu bringen.

Bis dahin konnten mölmsche Jecken nur in den Nachbarstädten Duisburg und Oberhausen am Rosenmontag zum Zug gehen. Auch die 1937 in Saarn gegründete Erste Große Mülheimer Karnevalsgesellschaft MÜKAGE war nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst im Duisburger Rosenmontagszug mit von der närrischen Partie.

Und aus der von 1872 bis 1945 erscheinenden Mülheimer Zeitung wissen wir, das am Mülheimer Hauptbahnhof, der damals noch am Notweg und am Froschenteich, der heutigen Friedrich-Ebert-Straße gelegen war und heute als S-Bahnhof West ein Schattendasein fristet, schon ab 1890 Rosenmontagssonderzüge von der Ruhr an den Rhein fuhren um die Freunde des Frohsinns der Karnevalsumzüge in Düsseldorf und Köln teilhaftig werden zu lassen.

Damals wie heute waren es Sponsoren aus der Mülheimer Wirtschaft, die den Rosenmontagszug, samt Kamelle und Co ins Rollen brachten, weil sie nicht nur närrisch, sondern auch pfiffig waren und die Werbewirksamkeit des Karnevals erkannten, der bis heute Menschen aus unterschiedlichen Generationen und gesellschaftliche Gruppen im Spaß an der Freude vereint. Vor diesem Hintergrund überrascht es auch nicht, dass der erste Mülheimer Stadtprinz, Erich I. (Ibing) der im Rosenmontagszug 1959 mitfuhr, ein Mülheimer Bierbrauer war. Ein Prosit der närrischen Gemütlichkeit. Das lag ebenso in der Natur der Dinge, wie die Tatsache, dass der Mülheimer Rosenmontagszug in den Jahren 1990, 1991, 2016 und 2021 wetter- kriegs- und corona-bedingt ausfallen musste.


Mehr zum Mülheimer Karneval



 

Freitag, 23. Januar 2026

Als Mülheim noch mahlte

Mülheim, die Stadt der Mühlen. So ist sie seit 1093 urkundlich nachweisbar. Allein im Rumbachtal standen einst sieben Mühlen. Bis heute steht dort die Walkmühle aus dem 14. Jahrhundert, die seit dem 19. Jahrhundert als Gasthaus betrieben wird. Vor dem Zweiten Weltkrieg konnten dessen Gäste auf dem ehemaligen Mühlenteich Bootspartien unternehmen. Auch Straßennamen, wie Mühlenstraße, Walkmühlenstraße und Wetzmühlenstraße erinnern uns an die Zeit, in der Mülheim noch mahlte. 

Auch auf dem 1875 angelegten Kaiserplatz stand einst eine Mühle. Die vielleicht berühmteste Mühle der Stadt stand zwischen der Mitte des 17. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts am Broicher Ruhrufer, wo seit 1928 die 1912 gegründete Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft (RWW) mit ihrer von dem Architekten Hans Grossmann geplanten Hauptverwaltung ansässig ist.

Die Familie Vorster, die mit Hermann Vorster 1808 Mülheims ersten Bürgermeister stellte, produzierte hochwertiges Kanzleipapier, das in ganz Europa gefragt war. Und mit Wilhelm Rettinghaus nahm einer ihrer Gesellen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sein Fachwissen und sein Handwerk mit in die Neue Welt, um in Germantown, heute ein Stadtteil von Philadelphia, als William Riddenhouse die erste Papiermühle Nordamerikas zu gründen. Auf deren Papier wurde im frühen 18. Jahrhundert auch die erste Zeitung Nordamerikas, die American Weekly gedruckt wurde.


Mehr über die Mülheimer Geschichte erfährt man auf den Internetseiten des Mülheimer Geschichtsvereins



 

Warum sich der Sozialstaat auszahlt

Wer Helga Albrecht-Faßbender begegnet, trifft eine starke, ausgeglichene und lebensbejahende Frau. Wenn sie es nicht selbst erzählen würde, ...