Dienstag, 24. August 2021

Konzert in toller Kulisse

Ein Hauch von Berliner Waldbühne und Night oft he Proms machte sich am Samstagabend bei einem Freiluftkonzert im Styrumer Schlosspark breit. 260, mehrheitlich reife Musikfreunde Semester, kamen dort 70 Minuten lang in den Klanggenuss von Beethovens „Violinenromanze“ und seine 6. Sinfonie, die „Pastorale.“

Der Abend, zu dem der Verein Klangwelten und dessen Sponsoren Kulturbetrieb, MST und Leonhard-Stinnes-Stiftung eingeladen hatten wurde auch deshalb zu einem musikalischen Sommerabendtraum, weil das Wetter mitspielte. Die 32 Musiker auf der Bühne, die sich eigens für das erste Open-Air-Sinfoniekonzert im Styrumer Schlosspark zu einem Projekt-Orchester zusammengefunden hatten und ihre Zuschauer, die in Korbsesseln, auf Klappstühlen und auf Biertischbänken Platz genommen hatte, wurden nicht nur von märchenhaften Klängen, sondern auch von einem lauen Sommerlüftchen und den angenehmen Strahlen der Abendsonne gestreichelt. Märchenhaft wirkte auf den Betrachter der musikalischen Samstagabendidylle auch das Schloss Styrum, das mit dem Picknick-Konzert des Fördervereins Klangwelten wie aus einem Dornröschenschlaf geweckt wurde. Noch im 19. Jahrhundert hätten an gleicher Stelle bestenfalls der letzte Graf von Styrum und die nach ihm im Schloss residierenden Thyssen-Direktoren eine vergleichbare Lustbarkeit erleben können. Wie gut, dass in hier und heute in demokratischen Zeiten ein solches Kultur- und Naturerlebnis der Extraklasse allen interessierten Musikfreunden zugänglich war, die sich am Samstagabend auf den Weg nach Styrum machten und ihren Corona-Impfausweis in Papierform oder elektronisch auf dem Smartphone dabeihatten.

Nur die Tonanlage sorgte beim Picknickkonzert mit Konfekt und einem Glas Sekt für zwischenzeitlich für Misstöne und böse Blicke des Dirigenten. Alberto Hold-Garrido. Doch das war nur eine Fußnote an einem rundum gelungenen Open-Air-Abend, an dem Konzertmeisterin Zsuzsa Debre und ihre Mit-Musizierenden nach einer langen Corona-Zwangspause ihre ganze Meisterschaft zu Gehör brachten. In den Applaus des begeisterten Publikums mischten sich vereinzelt auch „Toll“,- „Super“ und „Bravo“-Rufe. Konzertbesucherin Ilse Büllmann,  meinte nach dem Konzert: „Ich weiß schon heute, dass dieser Abend für mich das schönste Erlebnis des Jahres gewesen sein wird.“

Auch die 1240 Euro, die nach dem letzten Takt in einer Spendenbox des Fördervereins Klangwelten landeten, waren ein Tribut an die eintrittsfrei gebotene Klangkunst. Der Fördervereinsvorsitzende Gerd Dühr freute sich über die Spendenfreudigkeit des Publikums, machte aber auch deutlich, dass ein solches Konzert, von dem sich alle befragten Konzertbesucher eine Neuauflage mit längerer Spielzeit wünschten, trotz zahlreicher ehrenamtlicher Helfer hinter den Kulissen eine Investition von mehreren 1000 Euro erfordere. Wer sich also eine Fortsetzung der Styrumer Schlossparkkonzerte wünschte, sollte vielleicht über eine Mitgliedschaft im oder über eine Spende an den Förderverein Klangwelten e.V. nachdenken. Mehr Informationen zum Thema findet man auf der Internetseite: www.zsuzsa-klangwelten.com


NRZ/WAZ, 23.08.2021

Donnerstag, 12. August 2021

Wie Willy Brandt in Mülheim wirkte

 Vor 60 Jahren geht Mülheim im Schatten des Berliner Mauerbaues zur Bundestagswahl. Was Willy Brandt als „deutscher Kennedy“ damit zu tun hatte.

Schaut man auf die Mülheimer Bundestagswahlgeschichte, fällt auf, dass die SPD seit 60 Jahren das Mülheimer Direktmandat gewonnen hat, bei der Bundestagswahl 2017 aber nur noch mit einem Vorsprung von 3,5 Prozentpunkten. Vor 60 Jahren gehen die Mülheimerinnen und Mülheimer im Schatten des Berliner Mauerbaues vom 13. August 1961 zur Wahl. Die SPD und ihr Direktkandidat Otto Striebeck können von der Popularität des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin und SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt profitieren.

Bei den Bundestagswahlen von 1953 und 1957 haben die CDU-Kandidaten Gisela Prätorius und Max Vehar von der Popularität des amtierenden Bundeskanzlers Konrad Adenauer profitieren können und den damaligen Mülheimer Stadtwahlkreis 88 mit relativer Mehrheit gewonnen. Vor allem die Wahl 1957 wird angesichts des wachsenden Wohlstandes in der Bundesrepublik und der von Adenauer erreichten Heimkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion zum Triumph für die Christdemokraten. Bundesweit gewinnen sie damals die absolute Mehrheit.

Doch der Berliner Mauerbau mischt die Wahlkampfkarten 1961 neu. Der Regierende Bürgermeister Westberlins, Willy Brandt, kann sich als Fürsprecher der geteilten Stadt profilieren und mit einem Brief an den damaligen US-Präsidenten Kennedy die Forderung nach einer entschiedenen Antwort der Westmächte auf den Mauerbau formulieren.

Konrad Adenauer, der erst zehn Tage nach dem Mauerbau nach Berlin reist, weil er die Situation deeskalieren und einen Krieg verhindern will, wirkt in den Augen vieler Deutscher zögerlich. Obwohl der 1913 geborene Brandt vier Jahre älter als der 1960 gewählte US-Präsident Kennedy ist, stellt die SPD ihren Kanzlerkandidaten Willy Brandt 1961 wie einen „deutschen Kennedy“ als jungen und dynamischen Reformpolitiker dar.

Der 1876 geborene Adenauer und seine CDU setzen dagegen im Wahlkampf auf den wirtschaftlichen Wohlstand der Bundesrepublik und erinnern die Bürger daran, dass die Bundesrepublik gerade in weltpolitischen Krisenzeiten eine starke und erfahrene Regierung unter der Führung von Konrad Adenauer und seinem populären Wirtschaftsminister Ludwig Erhard brauche.

Vor diesem Hintergrund führen auch die Hauptaspiranten auf das Mülheimer Direktmandat, Max Vehar (CDU) und Otto Striebeck (SPD), einen harten Wahlkampf. Das Argument der Jugend kann in Mülheim aber eher der 1910 geborene Vehar als der 1894 geborene Striebeck für sich in Anspruch nehmen. Bei einer Diskussion, zu der der Deutsche Gewerkschaftsbund zehn Tage vor der Wahl in die Stadtteile einlädt, verteidigt Max Vehar Adenauers Regierungspolitik und will unter dem Eindruck des Mauerbaus eine mögliche Verlängerung der Wehrpflicht nicht ausschließen. Er warnt davor, die seit 1949 von Adenauer erreichten Erfolge aufs Spiel zu setzen.

Sein Hauptkontrahent Otto Striebeck lehnt dagegen eine weitere Verlängerung der Wehrpflicht ab und kritisiert die Pläne der Bundesregierung für eine Notstandsgesetzgebung, die im Krisenfall das Streikrecht einschränken sollte. Auf der Linie seiner Partei erklärt Striebeck die Deutschlandpolitik Adenauers als gescheitert und empfiehlt Willy Brandt als den jüngeren, aktiveren und zeitgemäßeren Bundeskanzler.

Während Otto Striebeck Unterstützung vom SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt bekommt, der 1961 fordert „Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden!“, schickt die CDU ihren Bundesverteidigungsminister Kai Uwe von Hassel als Wahlkampfhelfer für Max Vehar in die Ruhrstadt.

Der Journalist Otto Striebeck und der Speditionskaufmann Vehar gehören 1961 dem Stadtrat und dem Bundestag an. Ihr FDP-Mitbewerber, der Jurist und Industriekaufmann Dr. Heinz Lange, sitzt damals im Landtag. Vehar engagiert sich als Verkehrs- und Striebeck als Umweltpolitiker. 1959 hat Vehar vergeblich versucht, die Schließung des seit 1874 bestehenden Eisenbahnausbesserungswerkes Speldorf zu verhindern.

Im September 1957 hat Vehar mit 844 Stimmen Vorsprung das Mülheimer Direktmandat gewonnen. Doch am 17. September 1961 holt sein SPD-Gegenkandidat Striebeck mit einem Zehn-Prozent-Vorsprung das Mülheimer Direktmandat zurück, das er bei der ersten Bundestagswahl im August 1949 gewonnen hatte. Vehar und Lange landen weit hinter ihm auf den Plätzen 2 und 3.

„Wir haben im Wahlkampf Aufwind und Vertrauen gespürt, aber mit so einem großen Erfolg konnte man nicht rechnen“, freut sich Striebeck, nachdem sein Parteifreund Oberstadtdirektor Bernhard Witthaus am 17. September 1961 um 21.17 Uhr das Wahlergebnis und die fast 88-prozentige Wahlbeteiligung bekannt gegeben hat.

„Wir sind enttäuscht, aber wir sind Demokraten, die vor der Wahl ihre Pflicht getan haben. Wir gratulieren Otto Striebeck und bereiten jetzt die nächste Wahl vor“, sagt der unterlegene Vehar, der später über die CDU-Landesliste doch noch in den Bundestag einziehen wird.

Striebeck hat seinen Wahlsieg 1961 mit der Wahlkampfhilfe des populären SPD-Oberbürgermeisters Heinrich Thöne errungen. Thöne ist zur Symbolfigur des Mülheimer Wiederaufbaus geworden und hat im Frühjahr 1961 die Kommunalwahl mit absoluter Mehrheit gewonnen.

So wählten die Mülheimer 1961

Bei der Bundestagswahl 1961 haben 118.000 der 134.000 Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, davon 9000 als Briefwähler. Wahlberechtigt ist man 1961 erst mit 21 Jahren.

Neben SPD, CDU und FDP stehen auch der kaufmännische Angestellte Gustav Bressert von der nationalkonservativen Gesamtdeutschen Partei, die Lehrerin Rosemarie Steinvorth von der linken Deutschen Friedensunion und Herbert Wohlgemut von der rechten Deutschen Reichspartei als Direktkandidaten auf dem Mülheimer Wahlzettel.

Die SPD gewinnt 48 Prozent der Erst- und 52 Prozent der Zweitstimmen. Die CDU gewinnt 38 Prozent der Erst- und 35 Prozent der Zweitstimmen. Die FDP gewinnt 9 Prozent der Erst- und 11 Prozent der Zweitstimmen. Die anderen Parteien erhalten deutlich weniger als 5 Prozent der Erst- und Zweitstimmen.

Bundesweit verliert die CDU 1961 5 Prozent ihrer Stimmen und damit ihre absolute Mehrheit. Die FDP gewinnt 5 Prozent Stimmen mehr als 1957. Eine sozialliberale Koalition wäre rechnerisch möglich. In der Stinnes-Villa an der Bismarckstraße führen SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt und FDP-Chef Erich Mende zehn Tage nach der Wahl am Ende erfolglose Sondierungsgespräche.

Weil die FDP sich für eine Koalition mit der Union entscheidet, bleibt die SPD in der Opposition, obwohl sie bei der Bundestagswahl am 17. September 1961 4,5 Prozent zugelegt hat. Zum Vergleich: Lag die Wahlbeteiligung im Mülheimer Wahlkreis 1961 bei 87,6 Prozent, so waren es bei der letzten Bundestagswahl 2017 nur 76,1 Prozent.

NRZ/WAZ, 06.08.2021

Dienstag, 10. August 2021

Der Ton macht die Musik

 Manchmal hat man das Gefühl, dass man in die falsche Richtung fährt, obwohl man in der richtigen Buslinie sitzt. Dieses Gefühl beschlich mich, als ich jetzt im richtigen Bus, aber offensichtlich im falschen Film saß. Denn ich musste unfreiwillig folgenden Dialog zwischen zwei jungen Männern und einer alten Dame mit anhören. Da die jungen Herren allzu lautstark schwadronierten, bat sie eine in ihrer Nähe sitzenden, aber Welten von ihnen entfernte alte Dame zu Recht um eine moderatere und somit sozialverträgliche Tonlage. Einer der jungen Männer antwortete ihr darauf flapsig und unverschämt: „Wenn Sie Ruhe haben wollen, können Sie sich ja auf den Friedhof legen. Daraufhin kam es zu lautstarken Wortgefechten zwischen der alten Dame und den jungen Herren, die offensichtlich keine gute Kinderstube hatten oder sie schlicht vergessen hatten. Auch die Mehrheit der Mitfahrenden zeigte sich mit der verunglimpften Seniorin solidarisch. Die jungen Herren zeigten sich derweil überrascht, ob des Gegenwindes, der ihn rhetorisch ins Gesicht blies. Der Schlagabtausch, in dem leider auch rassistische Zwischentöne mischten, weil es sich offensichtlich um zwei junge Zuwanderer handelte, machte deutlich, dass Respekt und Rücksichtnahme keine Einbahnstraße sind. Mir wurde klar: Wenn wir gut zusammenleben wollen, müssen wir auch unsere Nachbarn leben lassen und eine Menge Toleranz im Tank haben, wenn wir mit unserer offensichtlich bunter werdenden Gesellschaft nicht auf den Holzweg und in eine Sackgasse geraten wollen. Das wird nur gelingen, wenn wir uns alle so behandeln, wie wir selbst gerne behandelt werden möchten. Nur so können wir auf eine gemeinsame goldene Zukunft hoffen, in der niemand schwarz-weiß denken und niemand Rot oder Schwarz sehen sollte. Denn der Ton macht auch unsere Zukunftsmusik

NRZ, 09.08.2021

Montag, 9. August 2021

Politischer Plausch

 99 unmaskierte Mülheimer nehmen sich am Sonntagnachmittag die Zeit für einen politischen Plausch zwischen Sigmar Gabriel. Der Ex-SPD-Chef und Ex-Bundesminister und SPD-Bundestagskandidat Sebastian Fiedler, seines Zeichens, Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, nehmen in der Alten Dreherei auf zwei roten Ledersesseln Platz. 90 Minuten diskutieren sie vor einem alten Straßenbahnwaggon der Linie 17, wohin die Fahrt politisch gehen soll, nach der Bundestagswahl am 26. September.


"Fiedler will's wissen" heißt das Veranstaltungsformat. "Den Titel hat sich meine Frau ausgedacht", verrät der Kandidat. "Ich will mich mit unserem Gesprächsformat als politischer Seiteneinsteiger auf den Gebieten schlau machen, auf denen ich noch keine Expertise habe", sagt Fiedler. Doch im Gespräch mit Parteifreund Gabriel sucht Fiedler dann doch immer wieder mit Themen der Inneren Sicherheit das politische Heimspiel. 

Wenn er zum Beispiel die Datenvorratsspeicherung im Kampf gegen Kinderpornografie und für die Abschöpfung kriminell erwirtschafteter Gelder oder grenzüberschreitende Ermittlungsbefugnisse für Europol, die Polizeibehörde der Europäischen Union fordert. Die 90-minütige Diskussion zeigt den Zuhörern anschaulich, wie auch in der Politik alles mit allem zusammenhängt und dass die Innere und die Äußere Sicherheit unseres Landes auch Weichen für dessen soziale und wirtschaftliche Stabilität stellt. Mit Blick in die USA und den dort zurzeit politisch untersuchten Sturm aufs Kapitol, der am 6. Januar die Welt erschütterte, sagt Gabriel, aktuell Präsident der Atlantik-Brücke: "Wir dürfen es bei uns nie so weit kommen lassen, dass die politischen Lager, wie zurzeit in den USA, miteinander verfeindet und deshalb nicht gesprächsbereit sind. Wir sind als Parteien, bei allen politischen Parteien, immer nur Mitbewerber, aber keine Feinde!"

Leider kommt das Publikum mit seinen Fragen, erst kurz vor Schluss, mit den Politikern ins Gespräch. Der 90-jährige Ex-SPD-Fraktionschef Hans Meinolf nutzt die Fragerunde, um seine Partei daran zu erinnern, "dass wir als Sozialdemokraten nur dann die Wahlen gewinnen können, wenn wir die Arbeitnehmer zurückgewinnen, in dem wir für ihre sozialen und wirtschaftlichen Belange eintreten." Gabriel gibt Meinolf Recht: "Wir brauchen auch einen sozialen Klimaschutz."

NRZ/WAZ, 02.08.2021

Sonntag, 8. August 2021

Die Dosis macht das Gift

 Früher hört man schon mal die Flöhe husten. Heute reagiert man auf jeden Wassertropfen allergisch, der vom Himmel fällt. "Regnet es schon wieder?" fragt man heute, wenn man auch nur den Hauch eines Schauers hört. Jetzt hörte ich sogar das meiner Ansicht nach besonders laute und heftige Wasserrauschen in der Kanalisation, als ich an einer Haltestelle auf meinen Bus wartete. Unheimlichkeit machte sich in mir breit. Das nennt man wohl eine posttraumatische Belastungsstörung. Dabei sind wir in Mülheim mit dem Ruhrhochwasser ja noch vergleichsweise glimpflich davongekommen. Sicher. Wasser ist lebenswichtig. Aber wenn es einem bis zum Hals steht, ist eben auch lebensgefährlich. Mit dem Wasser ist eben, wie mit allen Lebensmitteln und Lebensmitteln. Die Dosis macht das Gift. Und während ich das so schreibe, ahne ich, dass wir noch auf so manche Öko-Diät in Sachen Häuslebau, Flächenverbrauch, Urlaubsreisen und Automobilität gesetzt werden, um uns mit einer Überdosis umwelt- und klimaschädlicher Konsumfreude am Ende nicht selbst umzubringen, in dem wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstören.


NRZ, 03.08.2021

Samstag, 7. August 2021

Impfen im Vorbeigehen

Corona-Impfung zwischen Klamottenkauf und Einkaufsbummel: Im Rhein-Ruhr-Zentrum erhalten Kurzentschlossene den Piks. Wer samstags im Rhein-Ruhr-Zentrum einkauft, sucht besondere Angebote. Ein solches Angebot hielten am letzten Juli-Samstag auch Feuerwehr, Rotes Kreuz, Kassenärztliche Vereinigung, die Vollmergruppe und das kommunale Impfzentrum auf der Shopping-Mall bereit. 

Auch am ersten Samstag im August gibt es das Angebot noch einmal. Das improvisierte Impfzentrum in der Nähe des Osteingangs im ehemaligen Esprit-Ladenlokal kann man nicht verfehlen. Dort, wo früher Kunden neue Modetrends anprobierten, werden Bürger während der normalen Ladenöffnungszeiten zwischen 10 und 20 Uhr mit dem Impfstoff Johnson und Johnson gegen eine mögliche Covid-19-Erkrankung gewappnet. Impfwillige sehen Vorteile: Den Piks gibt’s ohne Termin im Rhein-Ruhr-Zentrum Jeanette Ayvaz und Manuel Rettweiler, die zum Impfen ins Rhein-Ruhr-Zentrum gekommen sind, waren sich einig: „So ein niederschwelliges Impfangebot ist wirklich eine gute Sache. Das nimmt einige Hürden. Man ist flexibel und muss nicht extra einen Termin vereinbaren. Und beim Impfstoff Johnson und Johnson braucht man auch nur eine Impfung.“

Für Jeanette Ayvaz kommt hinzu, „dass ich heute arbeitsfrei und deshalb genug Zeit habe. Zudem befürchte ich, dass die Corona-Tests für die Bürger bald nicht mehr kostenfrei angeboten werden. Das soll auch nicht billig werden. Deshalb ist es besser, wenn man sich rechtzeitig vor dem Urlaub auch noch mit einer Impfung gegen das Coronavirus schützen lässt.“ Für Impfärztin Viola Ronge steht nach ihrem Einsatz fest: „Das hat sich gelohnt!“ Besonders häufig musste die Allgemeinmedizinerin in den Gesprächen vor der Impfung die Frage beantworten, „ob bei Johnson und Johnson wirklich eine Impfung für den vollen Impfschutz ausreicht und wann der Impfschutz eintritt.“ 

Ihr ärztlicher Kollege, Chirurg Thomas Frigge, hat bei seinem Impfeinsatz in dem Einkaufszentrum den Eindruck, „dass es sich angesichts der aktuell rückläufigen Impfzahlen im Zentrum an der Wissollstraße bewährt hat, wenn wir jetzt hier im Rhein-Ruhr-Zentrum mit der Impfung auf die Menschen zugehen und ihnen so die Schwellenangst nehmen.

Viele, die heute den Weg zu uns gefunden haben, wollten sich auch vor ihrem Urlaub von der Testpflicht befreien.“ Der Koordinator der Impfaktion, Florian Lappe von Berufsfeuerwehr zeigte sich bei einer Zwischenbilanz der Aktion zufrieden. „Allein in der ersten Stunde hatten wir über 50 Leute hier, die sich impfen ließen. Die meisten kamen gezielt zum Impfen, manche aber auch spontan im Vorbeigehen“, berichtet Lappe und ordnet ein: „Mit einer solchen niederschwelligen Aktion an einem Ort, an dem viele Menschen vorbeikommen, wollen wir noch möglichst viele Menschen mitnehmen, die bisher noch keinen Impfschutz haben. 

Nachdem wir im Impfzentrum Mitte Mai einen Höchststand von rund 900 Impfungen pro Tag hatten, schwankte die Zahl der im städtischen Impfzentrum zuletzt täglich Geimpften zwischen 80 und 200 Personen.“ In der kommenden Woche, so Lappe, erwarte man im kommunalen Impfzentrum auf dem ehemaligen Tengelmann-Areal noch einmal Zweitimpfungsdurchgänge für die Mitarbeiter der Hochschule Ruhr West und der Stadtverwaltung. Aber danach werde es sicher ruhiger, meint Lappe. Man habe auch schon bei den vorangegangen Impfaktionen in Supermärkten gemerkt, dass die Leute niederschwellige Impfangebote ohne Terminvereinbarung gerne annähmen. Gleich viele Männer wie Frauen lassen sich bei der Aktion impfen Eine Nachfrage bei den Mitarbeiterinnen der Kassenärztlichen Vereinigung, die die Formulare mit den persönlichen Daten der Impfkandidaten registrierten, zeigt, dass Männer und Frauen zu gleichen Anteilen zu der Impf-Aktion gekommen waren. 

„Ich denke, dass inzwischen eine gewisse Sättigung erreicht worden ist, weil die, die entschlossen sind, sich impfen zu lassen, bereits seit längerem genug Möglichkeiten dazu bekommen haben, nachdem die Priorisierung aufgehoben worden ist und man auch ohne Terminvereinbarung zum Impfen ins Impfzentrum kommen kann“, sagt Brandamtmann Florian Lappe. „Dort und auch in den Arztpraxen, die fleißig mitgeimpft haben, haben wir inzwischen mehr Impfstoff als Impfwillige“, erklärt der in seinem normalen Berufsleben für die Einsatzleitung der Feuerwehr zuständige Mitarbeiter. Seinen mehrmonatigen und oft turbulenten Koordinationsansatz im Rahmen des kommunalen Impfzentrums – daran lässt Florian Lappen keinen Zweifel – möchte er „als eine interessante und spannende Lebenserfahrung auf keinen Fall missen.“ 

Insgesamt waren am Samstag rund 15 Ärzte, Helfer, medizinische Fachangestellte und Pharmazeutisch-Technische Assistentinnen im Einsatz. Die aktuell im städtischen Impfzentrum tätige PTA Rebbecca Linnig von der Barbara-Apotheke war mit dafür zuständig, in der ehemaligen Teeküche der Modefiliale aus den 2,5 Milliliter-Fläschchen jeweils fünf bis sechs Impfdosen in Spritzen einzufüllen. Die Fachfrau erklärt: „Der Vorteil des Impfstoffes Johnson und Johnson besteht darin, dass wir ihn nicht verdünnen müssen und ihn problemlos bei 2 bis 8 Grad Celsius im Kühlschrank lagern können. Er ist zudem erheblich länger haltbar, als die anderen Corona-Impfstoffe.“ Die meisten Menschen, die zum Impfen ins Rhein-Ruhr-Zentrum gekommen sind, waren über die Zeitung auf die Sonderaktion des kommunalen Impfzentrums aufmerksam geworden. 

Viele hatten die entsprechende Ankündigung etwa über die Sozialen Medien auch an Freunde und Verwandte weitergeleitet, die bisher noch keine Zeit oder Lust für eine Impfung gehabt hatten. Thomas Franke, der als leitender Arzt die Impfaktion im Einkaufszentrum leitete, freute sich vor allem darüber, „das wir heute auch viele Menschen aus der muslimischen Gemeinschaft impfen konnten.“ Franke lobt zudem die gute Zusammenarbeit mit dem Rhein-Ruhr-Zentrum und den Kolleginnen und Kollegen im Impfteam. 

Am 31. Juli, konnten im ehemaligen Esprit-Ladenlokal am Osteingang des Rhein-Ruhr-Zentrums insgesamt 188 Besucher geimpft werden. Bei den Impfungen über dem Bundesdurchschnitt Laut der Stadt haben bisher 93.763 Mülheimer (55 Prozent) eine Zweitimpfung und 113.732 Mülheimer (66,7 Prozent) eine Erstimpfung erhalten. Damit liegt Mülheim bei den Erstimpfungen und bei den Zweitimpfungen über dem Bundesdurchschnitt, die bei 62 Prozent beziehungsweise 52 Prozent liegen. Am 31. Juli, konnten im ehemaligen Esprit-Ladenlokal am Osteingang des Rhein-Ruhr-Zentrums insgesamt 188 Besucher geimpft werden. 

NRZ/WAZ, 01.08.2021

Dienstag, 3. August 2021

Ein Lehrbeispiel

 Mülheim hat nicht zu viele Erfolgsgeschichte. Doch die 2009 gegründete Hochschule Ruhr-West ist eine Mülheimer Erfolgsgeschichte. Und ihr gerade mit einem vom Auswärtigen Amt finanzierten Stipendium des Deutschen Akademischen Austauchdienstes ausgezeichneter Maschinenbaustudent Adil Et-Tajani ist Teil dieser Erfolgsgeschichte, mit denen sich die Globalisierung von einer ihrer positiven Seiten zeigt. Im Gespräch mit dieser Redaktion berichtet der 27-jährige Marokkaner über seine Studienerfahrungen an der HRW und berichtet, was ihn antreibt. Die Fragen stellte Thomas Emons

 

Was fasziniert Sie am Maschinenbau und am technischen Produktionsmanagement?

 

Dass ich die Produktionsabläufe in der Automobilindustrie optimieren kann, indem, wie in vielen Bereichen, Fertigungstechniken, Produktionsschritte digitalisiert werden.

 

Warum haben Sie sich für die HRW entschieden?

 

Um meinen Schulabschluss anerkennen zu lassen und mich auf ein Ingenieurstudium an einer deutschen Hochschule vorzubereiten, musste ich nach meiner Ankunft in Deutschland zwei Semester lang das Studienkolleg in Bochum besuchen. In dieser Zeit wurde mir klar, dass es gute Gründe gibt, mein Studium im Ruhrgebiet zu beginnen. Hier sind die Lebenshaltungskosten, Mobilität und Freizeitaktivitäten sehr angenehm. Nach bestandener Feststellungsprüfung habe ich mehrere Informationsveranstaltungen an verschiedenen Hochschulen im Ruhrgebiet besucht, die Maschinenbau als Studiengang anbieten. Die Hochschule Ruhr West hat mich am meisten überzeugt, was sich auch in der Beratung und Unterstützung durch das International Office zeigte. Meine Entscheidung wurde nach Gesprächen mit anderen Studenten bestätigt. Es gab immer die Rückmeldung, dass die HRW eine gute Hochschule fürs Maschinenbaustudium sei. Es hat sich gezeigt, dass die HRW einen sehr guten Ruf unter den Studierenden hat.

 

Gab es anfangs Schwierigkeiten und wie haben Sie diese gelöst?

Ich fand den Einstieg sehr angenehm. Zwei Wochen vor Semesterbeginn besuchte ich Vorkurse für Mathe und Physik an der HRW, wo ich viele andere Erstis kennenlernte. So konnte ich mich vom ersten Studientag an mit meinen Kommilitonen austauschen und schon nach einer Woche Lerngruppen für verschiedene Fächer bilden.

 

 Wie war es mit der Sprache? Gab es Schwierigkeiten?


Ich kann ausländischen Studenten nur empfehlen, vor dem Studium einen Vorbereitungskurs zu besuchen. Während meines Studiums habe ich mich nie benachteiligt gefühlt, weil ich ein ausländischer Student bin oder weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Ich konnte alles verstehen und mich ohne Probleme mit den Professorinnen und anderen Studenten verständigen. Am Anfang des Studiums war das Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten eine Herausforderung. Studierende der Ingenieurwissenschaften müssen wissenschaftlich schreiben können. Das ist etwas, das jeder Student, ob Deutsch seine Muttersprache ist oder nicht, lernen und üben muss. Da gibt es aber Angebote und Kurse an der HRW, die die Studenten unterstützen. Ich selbst habe einen Business-Englisch-Kurs belegt und fand ihn sehr nützlich. Andere Kommilitonen haben Deutsch gewählt und waren ebenfalls begeistert.

 

Was gefällt Ihnen gut am Studium an der HRW?

 

Der Praxisbezug, die Nähe zu den Professoren, das familiäre Umfeld, der moderne Campus sind die Kriterien, die mir besonders an der HRW gefallen. Auch die Angebote während der Projektwochen fand ich sehr interessant. Ich konnte mich mit Studenten aus anderen Fachbereichen austauschen und soft Skills erwerben.

 

Wie wurden Sie durch Professorinnen unterstützt?

 

Ob auf dem Campus oder schriftlich, die Professoren der HRW sind immer ansprechbar und haben immer ein offenes Ohr. Fast alle Professoren bieten Sprechstunden an, die man buchen und in denen man alle Fragen stellen kann. Es gibt immer einen Ansprechpartner an der Hochschule. Sei es bei inhaltlichen Fragen, bei der Betreuung von Projekt- und Abschlussarbeiten oder bei Fragen zum Berufseinstieg. Besonders unterstützt fühlte ich mich während meines Praxissemesters bei der thyssenkrupp Rasselstein GmbH in Koblenz, wo ich meine Bachelorarbeit schrieb. Die Professorin, die mich betreute, ließ keine der Fragen, die ich aus der Praxis mitbrachte, unbeantwortet. Die Vorgesetzten im Unternehmen waren sehr zufrieden mit dem reibungslosen Austausch mit unserer Hochschule. Ich fühlte mich wie ein Botschafter mit dem Segen der Hochschule. Daraus ergab sich eine gute These, die direkt in der Stahlindustrie angewendet wurde.

 

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

 

In naher Zukunft würde ich gerne als Prozessingenieur in der Automobilindustrie, im Maschinenbau oder im Anlagenbau arbeiten. Prozessoptimierung hat mich schon immer fasziniert, deshalb habe ich mich für das Masterstudium TechnischesProduktionsmanagement entschieden. Nach meinem Abschluss (und hierfür erhalte ich das Stipendium vom DAAD) möchte ich  Erfahrungen in der Analyse und Beseitigung von Prozessproblemen nach der LEAN-Six Sigma Methode in der deutschen Industrie sammeln. Die Ingenieurausbildung an der HRW war praxisnah und ich fühle mich bereit, loszulegen. Ich würde auch gerne auf diesem Gebiet promovieren. Ich bin sehr leidenschaftlich in der wissenschaftlichen Forschung, aber ich bin überzeugt, dass ich in meinem Fall zuerst in die Praxis gehen muss. In ferner Zukunft würde ich auch gerne nach Marokko zurückkehren. In wenigen Jahren ist das Land zu einem so großen Exporteur von Autos geworden. Marokko ist ein Land, das in den kommenden Jahren seine Führungskräfte brauchen wird, um den Sektor weiter zu verbessern. Eine Autoindustrie in Marokko, die deutschen Standards entspricht, würde ich mir für mein Land wünschen.

 

Studium & Lehre

Adil Et-Tajani. Ist seit dem 1. Juni als wissenschaftliche Hilfskraft im Fachbereich Maschinenbau angestellt. Zu seinen Aufgaben gehören die  Unterstützung des Aufbaus des Selbstlernbereichs für das Seminar „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“ und die Einarbeitung in die Funktionsweise der Moodle-Tools und eigenständige Umsetzung von Ideen und Aufgaben.


WAZ/NRZ, 21. Juli 2021

Schein und Sein

 Heuchler wurden im antiken Griechenland und im alten Rom Hypokrit genannt. Jetzt hatte mit „Hypocrites“ die neue Volxbühnenproduktion im Th...