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Dienstag, 25. Februar 2020

Unterwegs mit en närrische Nachwuchsregenten


Ohne Prinzessin Sarah-Katharina müssen die Kindertollitäten am Samstag das Finale des Saalkarnevals bestreiten. Denn die närrische Nachwuchsregentin liegt erkältet und fiebrig im Bett. Bei jedem ihrer sechs Auftritte nehmen Prinz Simon I., Pagin Celina und Page Serafino die besten Genesungswünsche mit. Alle Karnevalisten und Jecken drücken Sarah-Katharina die Daumen, dass sie beim Rosenmontagszug wieder mit von der närrischen Partie sein kann.


Zumindest mit ihrer Stimme auf dem Playback-Tonband ihrer Tanzshow mit den Liedern „Wir malen die Welt bunt an und lassen sie erstrahlen in Regenbogenfarben“ und: „Wir feiern das Leben“ ist Sarah-Katharina auch am Samstag mit dabei. Bevor am Nachmittag die erste Saalveranstaltung im Speldorfer Pflegeheim Marienhof auf dem Programm steht, chauffieren die beiden Adjutanten Christian Krebber und Sabine von Zitzewitz die kleinen Tollitäten zum Närrischen Biwak am Kurt-Schumacher-Platz. Beim regnerischen und fast vom Winde verwehten Auftritt vor dem Forum zeigt sich, wie gut es ist, dass die kränkelnde Kinderprinzessin an diesem Tag zuhause geblieben ist.

Nach der ersten Bühnenshow des Tages stellen sich Simon, Serafino und Celina als Losverkäufer im Forum noch in den Dienst der Rosenmontagstombola. Nicht nur beim Gang durchs Forum, sondern auch bei der Fahrt durch die Stadt und natürlich bei den Auftritten in den Sälen merkt man, den Kindertollitäten fliegen die Herzen und Symapthien zu. Das Prinzenmobil wird bei seiner Fahrt durch die Stadt immer wieder erkannt und angehupt. Menschen am Straßenrand winken den Kindertollitäten zu.


Auf dem Weg von einem Termin zum nächsten studiert Prinz Simon seine von Sabine von Zitzewitz vorbereiteten Sprechkarten. Bei seinen Auftritten spricht er dann frei. Die Erzieherin Sabine von Zitzewitz und Simon kennen sich bereits aus der geneinsamen Kindergartenzeit. Nicht nur beim Biwak und bei den Bewohnern des Marienhofs, sondern auch bei den abendlichen Karnevalsveranstaltungen der KG Blau Weiß im Altenhof, der MüKaGe und der Gemeinden St. Engelbert und St. Mariae Rosenkranz im Autohaus Extra und der Mölmschen Houltköpp im Wintergarten der Stadthalle zeigen sich die Kindertollitäten, trotz ihrer ersatzgeschwächten Besetzung an diesem Tag erstaunlich souverän, locker und gut aufeinander eingespielt. Das gesprochene Wort und die getanzte Show kommen beim Publikum an und lassen den Funken überspringen. Auch im Marienhof schauen die Kindertollitäten in fröhliche Gesichter und einige der Senioren vollziehen die Showgesten Simons, Celinas und Serafinos mit ihren Händen und Armen nach. „Es ist schön, dass wir den alten Menschen in ihrem wenig abwechslungsreichen Alltag, etwas Freude bringen können. Auch wir werden irgendwann so alt sein wie sie“, sagt Kinderprinz Simon. Später, auf der Fahrt zur Geburtstagsfahrt des Karnevals-Geschäftsführer Hans Klingels, der an diesem Karnevalssamstag 70 Jahre alt wird, macht sich der zwölfjährige Kinderprinz, der das Gymnasium Broich besucht,  Gedanken wie der Mülheimer Karneval mehr Nachwuchs gewinnen könnte: „Man sollte an den Schulen mehr Werbung machen, zum Beispiel durch Flyer und durch die Gemeinschaftsveranstaltungen, damit mehr Kinder und Jugendliche den Karneval nicht nur am Rosenmontag kennen lernen. Gut wäre es auch, wenn mehr moderne und auch englischsprachige Lieder im Karneval gespielt würden, die bei Jugendlichen besser ankommen. Außerdem könnte man die Gardeuniformen moderner designen“


Mehr als 100 Bühnenauftritte haben offensichtlich ihre Wirkung getan und die Nachwuchsregenten nicht nur auf der Bühne wachsen lassen. Page Serafino kann sich jetzt vorstellen, wie Simon in einer der kommenden Sessionen den Sprung vom Pagen zum Prinzen zu machen. Gustav-Heinemann-Schüler Serafino (11) und Simon sind nicht nur tänzerisch gut aufeinander eingestimmt. Beide spielen im Fanfarenzug der Mölmschen Houltköpp Trompete und begeistern auch an diesem Karnevalssamstag ihr Publikum mit dem Trompeten-Solo: „Ach wäre ich nur ein einzig mal ein schmucker Prinz im Karneval.“ Für Simon ist dieser Traum bereits in Erfüllung gegangen. Und unermüdlich tauschen Serafino und Simon nach ihrem letzten Auftritt bei den Holtköpp im Wintergarten der Stadthalle um 21.30 Uhr ihr Tollitäten-Ornat gegen das Outfit ihres Fanfarenkorps, um noch mal eben dessen Show-Block mitzuspielen. 


Adjutanten sprangen ein



Nicht nur die Kindertollitäten, sondern auch ihre im Hintergrund fleißigen Adjutanten Christian Krebber und Sabine von Zitzewitz bekommen am Samsatgabend bei den Karnevalisten viel Lob und Applaus: „Wir sind euch sehr dankbar für euren Einsatz“, sagt Blau-Weiß-Präsident Thomas Straßmann im Altenhof. „Ihr habt eure Aufgabe, von der ihr drei Tage vor der Kinderprinzenproklamation noch nichts wusstet, bravourös gemeistert“, lobt MüKaGe-Geschäftsführer Rolf Völker und lässt die Jecken im Autohaus Extra für die Adjutanten, die im Januar kurzfristig für den verstorbenen Hofmarschall Hermann-Josef Hüßelbeck eingesprungen sind, eine Saal-Rakete zünden. „Wir sind dankbar, dass nicht nur unsere Arbeitgeber, sondern auch die Kinder, die wir schon von früheren gemeinsamen Auftritten her kennen, so toll mitgezogen haben“, betont das Adjutanten-Paar. Ein wichtige Station für das Team der Kindertollitäten ist nicht nur an diesem Karnevalssamstag das von Martin Hesse geführte Hotel Handelshof. Hier können sich die närrischen Regenten während ihrer Auftrittspausen auf Kosten des Hauses stärken, und im Billardzimmer des Traditionshauses ihrem neuen Lieblingsspiel nachgehen. „Nach dem plötzlichen Tod von Hermann-Josef Hüßelbeck, habe ich den Handelshof gerne als Hofburg zur Verfügung gestellt, um das Team damit zu unterstützen und zu entlasten“, erklärt Hesse.

Dieser Text erschien am 23. Februar 2020 in NRZ & WAZ

Montag, 5. Dezember 2016

Eine Frau teilt aus: DHL-Zustellerin Rebecca Kapelski und ihre 39 Mülheimer Kollegen verteilen vor Weihnachten täglich bis zu 9500 Pakete aus. An normalen Tagen sind es rund 7500: Online-Handel lässt Zustellzahlen steigen

Ein Blick auf den Artikel in der Mülheimer
NRZ-Lokalausgabe
Wer einen Menschen kennen lernen möchte, dem seine Arbeit offensichtlich Freude macht, sollte die DHL-Paketzustellerin Rebecca Kapelski auf ihrer Tour durch Winkhausen und Holthausen begleiten. Für jeden, den sie an der Haustür antrifft, hat die 26-Jährige ein freundliches Wort und ein bezauberndes Lächeln, das bei ihr kein bisschen aufgesetzt wirkt.

Die allermeisten Menschen in ihrem Paket-Revier kennt sie beim Namen. Kein Wunder, dass es ihr nicht schwerfällt, bei Bedarf auch einen Nachbarn zu finden, der die Paketsendung für den gerade abwesenden Empfänger entgegen nimmt. Dann muss dieser nicht den langen Weg zum Postbank-Center am Hauptbahnhof in die Stadt auf sich nehmen, um das Paket dort am nächsten Tag abzuholen.

Manchmal braucht Kapelski ihren Charme aber auch nicht bei Nachbarn spielen lassen, weil die Empfänger einen Ablagevertrag mit der DHL geschlossen hat. Dann weiß die Paketzustellerin, wo sie das Paket abzulegen hat, wenn der jeweilige Empfänger nicht zu Hause ist. Meistens handelt es sich um einen geschützten und nicht einsehbaren Platz auf dem Grundstück des jeweiligen Hauseigentümers.

Kapelski wirkt körperlich stabil, aber auch nicht gerade, wie die weibliche Antwort auf Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Body-Builder-Zeiten. Dennoch hievt sie auch das schwere Paket mit der Aufschrift: „Vorsicht, Glas!“ gekonnt über die Straße und die Treppe hinauf bis zum Hauseingang. Schon das Zuschauen  verursacht Rückenschmerzen. Doch Kapelski geht mit Schwung an das nächste Paket heran. 150 bis 200 Pakete wollen zwischen 9 und 16 Uhr verteilt sein. Die junge Frau, die seit zwei Jahren als Paketzustellerin für die DHL arbeitet, hat einen schnellen Schritt.
Anfangs war es gewöhnungsbedürftig

Auch ihren bulligen Kastenwagen, der knapp 3,5 Tonnen Ladegewicht transportieren kann, steuert sie geschickt, durch die zum Teil engen und zugeparkten Straßen. „Das war anfangs aber schon gewöhnungsbedürftig“, gibt Kapelski zu. Wie man solch ein Spezialfahrzeug steuert und bei jedem Ein- und Ausstieg sachgerecht schließt, wie man Pakete hebt, ohne sich gleich das Kreuz zu ruinieren, wie man den kleinen Handscanner handhabt, der Empfänger-Unterschriften speichert oder Rechnungen und Benachrichtigungen für DHL-Kunden ausdruckt und was man als Paketzustellerin rechtlich darf und was nicht, hat sie  während einer zweijährigen Ausbildung gelernt.

Damals fuhr sie in dem Paketlieferwagen, den sie heute selbst steuert, als Auszubildende  auf dem Klappsitz mit, auf dem an diesem Tag ihr Begleiter von der NRZ Platz genommen hat.
„Ich mache meine Arbeit gerne, weil man sehr selbstständig arbeiten kann, viel an der frischen Luft unterwegs ist und viel mit Leuten zu tun hat“, sagt Kapelski, die als Paket-Zustellerin mit einem monatlichen Netto-Gehalt von 1400 Euro nach Hause kommt, wo ihr Hund, ihr Freund und dessen Katze auf sie warten.

Ihre natürliche Freundlichkeit wird von den Kunden gespiegelt. „Schön, dass Sie da sind. Sie strahlen ja mit der Sonne um die Wette“, sagt eine Dame. Eine andere Kundin schenkt ihr ein Stück Seife, weil sie findet, „dass sie ihre schwere Arbeit wirklich gut macht und dafür eigentlich viel mehr verdienen müsste“. Ein Mann scherzt: „Ich brauche eigentlich gar nichts mehr, aber ich bestelle immer wieder Pakete, damit Frau Kapelski bei mir vorbeikommt.“
In der Woche vor Weihnachten kommen Kapelski und ihre 40 Mülheimer DHL-Kollegen besonders häufig vorbei. Denn dann steigt die Zahl der  täglich von ihnen ausgelieferten Pakete von rund 7500 auf rund 9500 an. „Die Zahl der von uns zugestellten Pakete hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt“, weiß DHL- und Post-Sprecher Dieter Pietruck zu berichten.

Wer Rebecca Kapelski morgens um 8.30 Uhr beobachtet, wie viele Pakete sie in ihren Lieferwagen packt und später von Haustür zu Haustür, treppauf, treppab, bergauf, bergab trägt, dem wird schwindelig. Und man bekommt plötzlich eine Ahnung davon, wie sehr der Online-Handel heute dem stationären Einzelhandel in der Stadtmitte und in den Stadtteilen zusetzt.
Regina Kapelski, die schon einmal als Schülerin bei einem anderen Kurierdienst gearbeitet hat, bei dem auch ihre Eltern damals tätig waren, kauft selbst gerne klassisch in Geschäften ein. Nur einmal hat sie einen Kratzbaum für die Katzen ihres Freundes im Internet gekauft und dann auch durch einen ihrer Kollegen als Paket zugestellt bekommen.

Und was macht die Paket-Zustellerin, wenn sie keine Pakete transportiert? „Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, dann lege ich mich erst mal auf eine Wärmedecke, um meinen Rücken zu entspannen. Entspannen kann ich mich aber auch, wenn ich mit meinem Freund und meinem Hund spazieren gehe oder zuhause Heavy-Metal-Musik höre“, erzählt Rebecca Kapelski über ihr Leben jenseits ihrer Arbeit.      

Dieser Text erschien am 3. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 25. Oktober 2016

Ein Mann packt an: Unterwegs mit dem Möbeltransproteur Jan Sensky

Jan Sensky vor seinem Dienswagen
Wenn Sie ein altes Möbel- oder Kleidungstück oder auch Geschirr zu Hause stehen haben, die noch gut zu gebrauchen sind, aber die Sie nicht mehr brauchen, weil sie nicht mehr zu Ihnen und zu Ihrem Leben passen, dann sollten sie das Diakoniewerk Arbeit und Kultur (Trlefon 0208/45 95 30) anrufen. Dann könnte es sein, dass sie schon bald Bekanntschaft mit Jan Sensky und Nikolai Bock machen, die Ihre alten Schätzchen abholen, damit sie im Diakoniewerk für einen guten Zweck aufgemöbelt und an die Frau oder den Mann gebracht werden können. Der gute Zweck heißt: Arbeit, Arbeit für langzeitarbeitslose Menschen, die keine oder noch keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben.

„Die Arbeit ist gut“, sagt Nikolai, der bereits seit sieben Jahren beim Diakoniewerk arbeitet. Der Russlanddeutsche, der seit 14 Jahren in Deutschland lebt, arbeitet seit sieben Jahren für das Diakoniewerk. Er wüsste auch gar nicht, was er sonst tun sollte. Denn seine deutschen Sprachkenntnisse sind sehr bescheiden. In seinem früheren Leben war er Pferdepfleger und Traktorist: „Aber in Deutschland gibt es nicht so viel Landwirtschaft“, sagt er.
„Das ist für mich eine Chance, in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen“, sagt Jan. Er ist seit zehn Monaten beim Diakoniewerk und ist dort vor allem fürs Möbel-Schleppen zuständig. Die notwendige Statur und die richtige Hebetechnik bringt er mit. „Ich habe früher mal Gewichte gehoben und weiß, dass man nie aus dem Rücken, sondern immer aus den Beinen heraus heben muss, wenn man sich keinen  Bandscheibenvorfall einfangen will“, erzählt der freundliche junge Mann.

„Den ganzen Tag mit einem Notizblock in der Hand herumrennen, das könnte ich nicht“, sagt er dem Begleiter von der NRZ. Und diesem geht es mit umgekehrten Vorzeichen genauso. Wer zwischen 8 und 15 Uhr Jan und Nikolai zuschaut, wie sie Möbelstück Trepp auf, Trepp ab schleppen und in ihren Transporter wuchten. möchte am liebsten gleich einen Termin mit seinem Orthopäden vereinbaren.


Leichte Schicht - schwere Schicht

Dabei haben die Möbeltransproteure, die an diesem Tag acht Haushalte zwischen Saarn und Dümpten ansteuern, Glück. Der große Buffettisch oder die in einen Tisch versenkbare Nähmaschine mit gusseisernem Fuß, die schon mal 100 Kilo und mehr auf die Waage bringen, bleiben Nikolai und Jan erspart.

Zwischendurch werden sie aber vom Betriebsleiter Michael Farrenberg in die Zentrale des Diakoniewerkes zurück beordert, um ein Schippendale-Wohnzimmer vom Möbellager an der Georgstraße zum unbedingt besuchenswerten Diakonie-Ladenden „Sonderbar“ an der Kaiserstraße zu transportieren. Dort trifft man auf alte, um nicht zu sagen antike, Möbel aus Großelterns Zeiten und auf moderne, gradlinige und funktionale Möbelstücke, die in ihrem früheren Leben auch schon mal eine Euro-Palette oder eine Gerüstbohle waren. Die Kunsthandwerker aus der Schreinerei des Diakoniewerkes machen es möglich.

In der „Sonderbar“ kommen nicht nur die Möbeltransporteure, die werktäglich für das Diakoniewerk unterwegs sind und anpacken, ins Schwitzen. Denn die Verkaufsräume an der Kaiserstraße sind mit jeder Menge Spots ausgestattet, die die alten Schätze lichttechnisch hervorragend in Szene setzen, aber auch Hitze abstrahlen.


Ganz schön schweißtreibend


Auch beim Heruntertragen eines Kühlschranks, der aus einer neu bezogenen Wohnung verschwinden soll, verliert Jan Sensky den einen oder anderen Schweißtropfen. Und beim Vitrinenschrank, den sein Fahrer und er aus dem fünften Stock eines Mehrfamilienhauses (ohne Aufzug) abholen, ist das Rangieren im engen Treppenhaus Millimeter-Arbeit.

Leichter haben es die beiden Möbeltransporteure dagegen bei zwei Damen aus Saarn. Die eine, eine ehemalige Geschäftsfrau und Firmeninhaberin, gibt ihnen zwei Müllsäcke voller eleganter Business-Kleidung mit. Die andere trennt sich von dem Elektrorollstuhl und dem Bücherschrank ihres kürzlich mit 101 Jahren verstorbenen Vaters. Beides steht bereits ebenerdig in der Garage ihres Hauses für die Abholer bereit.

„Ich könnte die Sachen vielleicht auch per Kleinanzeige verkaufen. Aber das ist mir mit zu viel Aufwand verbunden. Und so weiß ich, dass die Sachen noch einem guten Zweck dienen können und nicht einfach auf der Müllkippe landen“, sagt sie.
Auch wenn man Jan Sensky anmerkt, dass er nicht nur ein kräftiger, sondern auch ein kommunikativer und verbindlicher Mensch ist, der sich auch mal gerne die Geschichte seiner Kunden anhört, lässt der Mittzwanziger keinen Zweifel daran, dass er seinen Arbeitsplatz, der bei genauerem Hinsehen nur eine Arbeitsgelegenheit ist, zwiespältig sieht.

„Die Arbeit hier hilft mir, meine Tag zu strukturieren. Sie motiviert mich morgens aufzustehen. Auch die Kollegen hier sind alle echte Kumpel. Auf der anderen Seite haue ich hier jeden Tag richtig rein und mache meinen Rücken krumm und verdiene doch nur 1,30 Euro pro Stunde.“


Etwas Dauerhaftes müsste her


Der junge Mann, der gerne eine feste Arbeit bei einer Möbelspedition oder als Lagerhelfer hätte, weiß, dass seine jetzige Arbeit, finanziell flankiert vom Arbeitslosengeld 2, keine dauerhafte Perspektive ist. „Wenn ich die feste Zusage einer Ausbildungsstelle und einer damit verbundenen Berufsperspektive hätte, würde ich vielleicht sogar die Kraft finden, meinen Hauptschulanschluss nachzuholen“, glaubt Sensky. Denn heute weiß er, dass es ein Fehler war, seine Schule nach der achten Klasse zu verlassen und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten, weil er den Druck der Schule und des Elternhauses nicht mehr aushielt.

Dieser Text erschien am 22. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 16. Oktober 2016

Die Frau vom Land - Als Landwirtin hat man nicht nur auf dem Acker alle Hände voll zu tun: Ein Arbeits-Tages-Besuch bei Christiane in der Beeck-Bolten im ländlichen Dümpten zeigt es

Christiane in der Beeck-Bolten und ihr Hofteam bieten jetzt auch
Kürbisschnitzkurse an
Der Tag fängt früh an für Christiane in der Beeck-Bolten. Um vier Uhr steht die Landwirtin zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen bereits in der Betriebsküche und backt in vier Öfen. Das sieht gut aus und riecht herrlich. Nicht nur Kuchen, auch Brot kommt aus dem Ofen. Erst in der letzten Woche hat die 36-jährige Landfrau ein Brotbackseminar absolviert. Sie will ja auf dem Laufenden bleiben und den Geschmack ihrer Kunden treffen, die freitags und samstags ihren Hofladen besuchen.

Um sieben Uhr bringt in der Beeck-Bolten ihre Kinder Marlene und Clemens in den Kindergarten. Anschließend befüllt sie den an der Oberheidstraße aufgestellten Automaten des Dümptener Bauernhofes. Hier kann man mit dem nötigen Kleingeld Eier und Kartoffeln im Vorbeifahren oder Vorbeigehen mitnehmen.

Zurück am Hof und seinem Laden, der genauso alt ist wie die junge Landwirtin und Mutter, macht sich in der Beeck-Bolten daran, dass Herbstlaub vor dem Hofladen wegzukehren, Äpfel und Kartoffeln im Laden einzuräumen und anschließend die Kürbisse vor dem Laden zu drapieren. Man merkt sofort: Kürbis ist nicht gleich Kürbis. 25 Kürbissorten finden sich vor und im Hofladen. Ihre Namen Jack be Little, Buffy, Jack O’Latern oder Hokaido klingen vielversprechend. Ihre Farbpalette reicht vom klassischen Orange über Gelb und Grün bis zum cremefarbenen Weiß. Manche überzeugen mit ihrem schmackhaften Fruchtfleisch. Andere lassen sich aufgrund einer weichen Schale besonders gut schnitzen.

Und damit die Kinder, die am nächsten Tag zu einem Kürbis-Schnitz-Seminar mit Zaubertrank, Kürbiskuchen, magischen Geschichten und vier flotten Schnitzerhexen wissen, wie es geht, gibt sie mit ihren Schnitzwerkzeugen gleich drei großen Halloween-Kürbissen ein Gesicht. Die Frau ist vielseitig und arbeitet verdammt flott.

Im Laufe des Vormittags wechselt sie vom Hofladen in ihr Büro. „Ich lebe und arbeite gerne mit und von der Natur, aber ich komme an der Schreibtischarbeit nicht vorbei. Tendenziell wird sie eher immer mehr“, erzählt die Landwirtin, die den Hof ihrer Eltern Edith und Heinz in der Beeck vor zehn Jahren übernahm und heute zusammen mit ihrem Mann Andreas leitet. Auch ihr Schreibtisch sieht nach viel Arbeit aus. Die Buchführung muss erledigt, Statistiken für das Land auf den Weg gebracht, das aktuelle Wochenrezept (Kürbis-Rösti) für den Hofladen geschrieben, Bestellungen aufgegeben und angenommen werden.

Der Filialleiter eines Supermarktes, der vom Dümptener Bauernhof an der Bonnemannstraße beliefert wird, bespricht mit in der Beeck die Einzelheiten einer gemeinsamen Werbeaktion, bei der sie den Kunden eine Maschine vorstellen soll, die bei der Kartoffelernte zum Einsatz kommt. Auch wenn die Landwirtin dadurch für einige Stunden von ihrem Hof abgezogen wird, nimmt sie solche Gelegenheiten gerne wahr, „weil man so mit Kunden und denen, die es vielleicht noch werden wollen, ins Gespräch kommen und auch auf unseren Hofladen hinweisen kann.“
Während Christiane auf dem Hof, dessen Ursprünge bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen, nicht nur für die Büroarbeit, sondern auch für die Obstgewächse und die Freilandhühner zuständig ist - um 12 Uhr sammelt sie die frisch gelegten Eier ein - beackert ihr Mann Andreas die Felder des Betriebs. Bevor er an diesem Tag zur Weizenaussaat für die Ernte 2017 aufbricht, baut er mit seinem Auszubildenden Janosch Sonntag Fenster und Türen in eine Garage, die jetzt mit Tischen, Bänken und einer anheimelnden Strohecke zum Reich der kleinen und großen Kürbisschnitzer geworden ist. „Unser neues Angebot wird erstaunlich gut angenommen, vor allem wenn es um die kreative Gestaltung von Kindergeburtstagen geht“, freut sich Christiane in der Beeck.

Besonders dankbar ist in der Beeck ihren Eltern, dass sie auch im Rentenalter bei der Hofarbeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit anpacken. „Auf ihre tatkräftige Hilfe und ihren lebenserfahrenen Rat kann und möchte man nicht verzichten“, betont die 36-jährige Landwirtin. Mutter Edith hilft im Hofladen mit und bereichert dessen Angebot mit ihren wunderschönen Blumenstrauß-Kreationen. Außerdem hat sie für alle Kunden auch jenseits des Verkaufsgespräches immer ein offenes Ohr. Vater Heinz ist heute mit dem Pflug aufs Feld gefahren, um den Boden für die Weizenaussaat umzugraben und aufzulockern. Auf den Hof zurückgekehrt tauscht er die mit der Zeit abgewetzten und deshalb nicht mehr voll funktionsfähigen Pflugscharspitzen aus.

Ihren Nachmittag und den frühen Abend hält sich Christiane in der Beeck-Bolten für ihre Kinder frei. Marlene (5) wird an diesem Tag zum Leichtathletiktraining gebracht. Und Clemens (3) sammelt mit seiner Mutter an diesem Nachmittag die reiche Frucht der hofeigenen Walnussbäume ein. Dabei übt der kleine Mann auf seinem Kindertrecker schon mal, wie es sich anfühlt, wenn man als Landwirt ein weites Feld zu beackern hat. 

Dieser Text erschien am 15. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 22. September 2016

Der Mann, der die Brötchen bringt: Unterwegs mit dem Bäckereifahrer Maik Elbers

Maik Elbers bei der Arbeit
„Wer früh anfängt, hat früh Feierabend“, stand in der Stellenausschreibung der Bäckerei Hemmerle, auf die sich Maik Elbers vor 13 Jahren bewarb. Damals fuhr der gelernte Tischler für einen Gemüse- und Obst-Großhandel. Mit seinen dortigen Arbeitsbedingungen und seiner Entlohnung war er überhaupt nicht zufrieden. „Das ging so nicht mehr weiter. Es musste sich was tun“, erinnert sich Elbers an die Zeit des Umbruchs.

Ein Glücksfall
Dass er bei Hemmerles einen neuen Arbeitsplatz fand, an dem „er mit entspannten Chefs zusammenarbeiten kann und fair bezahlt wird,“ sieht der in einer festen Partnerschaft geborgene Familienvater als einen Glücksfall seines Lebens. „Meine Lebenspartnerin sorgt dafür, dass ich abends rechtzeitig ins Bett und morgens wieder herauskomme“, sagt Elbers. Das ist auch dringend erforderlich. Denn der Arbeitstag des Dümpteners beginnt schon um 2 Uhr in der Nacht. Dann steht er zusammen mit Junior-Chef Sven Hemmerle in der Versandhalle der Groß-Backstube an der Neckarstraße im Hafen. Seine Hände sind durch griffige Handschuhe gut geschützt. Denn die Brötchen, das Brot oder die Stuten, die in Kunststoffkörben auf die dort bereitstehenden Rollwagen verteilt werden, kommen frisch aus dem Ofen und sind entsprechend warm. Auch beim schnellen Verteilen und Aufstellen der Versandkörbe könnte sich Elbers ohne Handschuhe schnell die eine oder andere Schramme holen.

Elbers geht die Listen der 13 Hemmerle-Filialen durch und kennzeichnet jede Korb-Rollwagenladung mit dem Namen der jeweiligen Filiale. Um 3.30 Uhr treffen die ersten Fahrer ein. Vier Lieferwagen mit einem Ladegewicht von jeweils 3,5 Tonnen warten an der Rampe, um beladen zu werden.

Maik Elbers packt wieder an. Zehn Rollwagen mit jeweils zehn großen Kunststoffkörben samt leckerem Inhalt verstaut er im Laderaum seines Lieferwagens. Die rollenden Korbtürme und die Kühlwagen mit den Teigrohlingen, die als Brötchen in den Bäckereien frisch aufgebacken werden, werden mit Stangen und Gummiriemen gesichert. „Damit es nachher nicht einen Kuchensalat gibt. Das ist mir einmal passiert, aber nie wieder“, sagt Elbers mit einem spitzbübischen Lächeln.

Er übernimmt an diesem Tag die Innenstadt-Tour, steuert die Filialen am Dickswall, im Forum, an der Leineweberstraße, an der Schloßstraße und an der Zeppelinstraße an. Bis zu seinem Feierabend, kurz nach 11Uhr, wird er diese Tour viermal fahren und dabei rund 80 Kilometer zurücklegen. Außerdem stehen diesmal auch eine Trinkhalle am Max-Planck-Institut, der Senioren-Wohnpark an der Dimbeck und die RWE-Sporthalle auf seiner Fahrt- und Lieferliste. Auch dort werden Brot, Brötchen, Kuchen und Brezeln gebraucht, um Kunden, Bewohner und Teilnehmer eines europäischen Dartturniers zu verpflegen.

In der RWE-Sporthalle muss Elbers länger warten, als ihm lieb ist, weil ein Catering-Mitarbeiter über die Anlieferung offensichtlich nicht informiert ist und sich erst mal durchfragen muss, ob er die 300 Brötchen und 20 Brezeln annehmen und quittieren darf. Elbers bleibt ruhig und freundlich. Der Mann vom Catering bekommt grünes Licht, gibt seine Unterschrift. Und die Tour kann weitergehen.

Eine Kunst für sich
„Durch die Innenstadt zu fahren, ist eine Kunst für sich“, gibt Elbers zu. Man sieht es, je mehr der Morgen voranschreitet. Umso mehr muss der Bäckereifahrer mit seinem bulligen und hinten fensterlosen Lieferwagen an der Schloß- und Leineweberstraße zwischen Fußgängern, Radfahrern, Autofahrern und Außengastronomie rangieren. Nur eine Kamera am Heck des Wagens und ein Monitor neben dem Lenkrad lassen Elbers erkennen, was sich hinter seinem Fahrzeug abspielt. „Einmal habe ich erlebt, dass eine Mutter ihr Kind im Kinderwagen gleich hinter meinem Lieferwagen abgestellt hat und in den Laden gegangen ist, so dass ich den Kinderwagen um ein Haar im Rückwärtsgang angeschubst hätte“, erinnert sich Elbers an eine brenzlige Situation, die Gott sei Dank gut ausging.

Ladefläche öffnen, die Rollwagen mit den Körben und die Kühlwagen mit den Teigrohlingen über eine kleine Rampe aus dem Lieferwagen und dann in die Bäckerei bugsieren. Einsteigen, aussteigen, weiterfahren. Das wiederholt sich im Minutentakt. Besonders sehenswert ist, wie Elbers gleich zwei Rollwagen, je einen mit einer Hand durch die engen Gänge hinter den Verkaufsräumen hindurch laviert und nebenbei von den Verkäuferinnen mit Fragen, wie: „Hast du den Pflaumenkuchen und das Schwarzbrot mitgebracht?“ konfrontiert wird. Aber auch kleine Streicheleinheiten, wie: „Schön, dass du da bist“ oder „du bist der Beste“ bekommt der Fahrer zu hören und freut sich darüber. Man glaubt ihm sofort, wenn er sagt: „Wer diese Arbeit macht, braucht keinen Sport mehr zu machen.“

Dabei ist Borussia-Dortmund-Fan Maik Elbers eigentlich ein sportlicher Typ. Früher hat er bei Dümpten 13 und dem DTV selbst aktiv Fußball gespielt und sich bis ins letzte Jahr als Jugendtrainer beim RSV engagiert. Doch das hat er inzwischen, auch mit Rücksicht, auf seine Arbeitszeiten, sechs Tage die Woche von 2 bis 11 Uhr, aufgegeben.

Doch Elbers hadert nicht. „Jeder muss arbeiten und seine Kosten bestreiten. Ich bin kein Typ, der zwischen 7 und 16 Uhr im Büro sitzen könnte. Ich muss anpacken und körperlich arbeiten, damit ich am Ende des Tages weiß, was ich gemacht habe“, sagt Elbers. Und wenn er sich mit Lebengefährtin und Kindern einen gemütlichen Abend vor einem freien Tag, einen Urlaub oder das erfrischende Bad im eigenen Swimmingpool gönnt, weiß der Familienvater und Bäckereifahrer, dass sich sein Einsatz lohnt.

Dieser Text erschien in der Neuen Ruhr Zeitung vom 17. September 2016

Sonntag, 20. März 2016

Eine Dienstfahrt fürs Leben: Unterwegs mit der ambulanten Altenpflegerin Ricarda Jörißen

Ricarda Jörißen beim Anziehen der
Stützstrümpfe
Nichts ist selbstverständlich. Das merkt man, wenn man mit der Altenpflegerin Ricarda Jörißen unterwegs ist. Um 6 Uhr beginnt ihr Arbeitstag. Im Auftrag des ambulanten Pflegedienstes Pflege zu Hause fährt sie mit ihrem Dienstwagen kreuz und quer durch die Stadt. Sie hilft Menschen, die sich selber nicht mehr oder nur eingeschränkt helfen können, weil sie behindert, krank, alt oder alles zusammen sind.

Die meisten Patienten, die sie zwischen 6 und 13 Uhr aufsucht, sind zwischen 80 und 90. Doch an diesem Tag ist ihr erster Kunde ein geistig behinderter junger Mann, der mit regelmäßiger Betreuung, ansonsten aber selbstständig, in einer kleinen Wohnung an der Paul-Essers-Straße lebt. Bevor er mit der Straßenbahn zur Arbeit in eine beschützende Werkstatt der Fliednerstiftung fährt, verabreicht ihm Schwester Ricarda Medikamente. Schnell schaut sie sich noch eine kleine Verletzung an seinem Fuß an, die sie schon am Vortag mit einem Pflaster versorgt hat.

"Ich würde es ja gerne selbst machen"

Und dann geht es auch schon weiter zu einer älteren Dame. Ihr und einigen weiteren Senioren zieht die Mitarbeiterin des von Andrea und Martin Behmenburg betriebenen Pflegedienstes Kompressionsstrümpfe an. „Ich würde es ja gerne selber machen. Aber durch das Rheuma in meinen Fingern habe ich nicht mehr die Kraft dazu“, erzählt die aus Schlesien stammende Frau, ehe sie sich wieder ihrer Zeitungslektüre zuwendet und Schwester Ricarada schon auf dem Weg zur nächsten Patientin ist. Die Dame, die in einem alten Haus auf einem Reiterhof in Menden lebt, ist  noch gar nicht so alt und geistig fit, aber durch eine Augenkrankheit fast blind. Schwester Ricarda und ihre Kollegen kommen dreimal täglich vorbei, um ihr Augentropfen zu geben.

"Ziehen Sie sich bloß warm an"

„Ziehen Sie sich bloß warm an und trinken sie viel, damit Sie sich bei diesem Wetter durch das ständige Raus und Rein nicht erkälten“, rät ihr nicht nur eine hochbetagte Frau, die Ricarda Jörißen an der Tilsiter Straße besucht, um ihren Blutzucker zu messen und Insulin zu spritzen. Weil die Dame schwerhörig ist, hat Schwester Ricarda den Schlüssel für ihre Wohnungstür. Dennoch schellt sie an, bevor sie die Wohnung betritt. Jörißen hat viele Wohnungstürschlüssel an ihrem Schlüsselbund. „Viele Menschen leben allein und fühlen sich sicherer, wenn sie wissen, dass wir ihren Wohnungsschlüssel haben und im Notfall nach dem rechten schauen können“, erzählt sie. Wer Hilfe braucht, muss Menschen vertrauen.
Die 25-jährige Altenpflegerin, die ursprünglich mal Tischlerin werden wollte, dann aber während eines Freiwilligen Sozialen Jahres beim Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes merkte, „dass es mir Freude macht, mit und für Menschen zu arbeiten, die meine Hilfe brauchen“, strahlt mit ihrer ruhigen und freundlichen Art dieses Vertrauen aus.
Auch von dem etwas ärgerlichen alten Herrn, den sie heute außerplanmäßig von einer Kollegin übernommen hat, lässt sie sich nicht aus ihrer Ruhe bringen, als sie ihm den schmerzenden Rücken einreibt. „Ich kann den Mann verstehen. Er hatte uns früher erwartet und ärgert sich jetzt darüber, dass er so lange auf mich warten musste“, sagt die Altenpflegerin verständnisvoll.
Wer mit Ricarda Jörißen unterwegs ist, muss sich an einen flotten Schritt gewöhnen. Rund 10 bis 20 Patienten mit ganz unterschiedlichem Pflegebedarf wollen in einer Schicht versorgt und etwa 60 Kilometer gefahren werden. „Einen Parkplatz zu finden, ist manchmal das größte Problem“, weiß Schwester Ricarda.

"Haben Sie gut geschlafen?"

Nächste Haustür. Ein pensionierter Studienrat mit Wasser in den Beinen bekommt Kompressionsstrümpfe angezogen. „Haben Sie gut geschlafen?“ fragt Jörißen. „Ja, das habe ich. Gut schlafen ist eines der Dinge, die noch sehr gut kann“, antwortet der Mann mit einem Anflug von Galgenhumor.

Die nächste alte Dame, die gleiche Dienstleistung und ihre Lebensweisheit: „Egal, wie es kommt, man darf seinen Humor nie verlieren!“ Mit dieser moralischen Schubkraft aufgerüstet, kann der nächste Auftrag kommen. Ricarda Jörißen wäscht eine Mittachtzigerin und kleidet sie an. Dann ein geübter griff unter die Achseln. Und schon sitzt die alte Dame in ihrem Rollstuhl und darf sich auf das Frühstück freuen, dass ihr Sohn zubereitet hat. So kann der Tag anfangen und weitergehen. Weiter geht es für Schwester Ricarda mit dem Anlegen von Kompressionsstrümpfen, einer Medikamentengabe, einer Wundversorgung, dem Anlegen eines Verbandes und dem Austausch eines Urinbeutels. Menschen, die aufgrund einer Blasenkrebs-Erkrankung einen künstlichen Blasenausgang benötigen, sind für Schwester Ricarda ebenso Alltag, wie Gespräche über Krankheits- und Lebensgeschichten. Die Altenpflegerin muss manchmal lachen, wenn sie an die oft gegensätzlichen Ratschläge denkt, die ihre manche Senioren mit auf den Weg geben: „Heiraten Sie bloß nicht.“ oder: „Heiraten Sie bloß und bekommen Sie Kinder, damit Sie im Alter nicht allein sind!“ Natürlich erlebt Schwester Ricarda auch Situationen, in denen ihr das Lachen vergeht.

Bewusster leben

Es sind Hausbesuche, wie die bei einem 37-jährigen Mann, der nach einem Verkehrsunfall querschnittsgelähmt ist oder bei einem hochbetagten und pflegebedürftigen Ehepaar, das ihr unter Tränen von der Krebserkrankung ihrer 49-jährigen Tochter erzählt, die Jörißen eines zeigen: „Man muss seine Lebenszeit nutzen. Denn schon morgen kann alles ganz anders sein.“
Ganz anders wurde das Leben auch für den 81-jährigen ehemaligen Personalleiter eines Industrieunternehmens. Erst erlitt er einen Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte und dann verlor er seine treu sorgende Ehefrau an den Krebs. „Wenn man früher alles selbst gemacht hat, muss man sich erst daran gewöhnen, dass man plötzlich auch für alltägliche Dinge Hilfe braucht“, sagt der Senior. Heute gehören die mit dem Besuch des Pflegedienstes verbundenen sozialen Kontakte und die noch mobile Freunde, die ihn hier oder dorthin mitnehmen, zu den Höhepunkten im Alltag des klassik-begeisterten Ex-Managers, der früher gerne im Kirchenchor seiner Heimatgemeinde St. Mariae Geburt gesungen hat.

Dieser Text erschien am 19, März 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 12. März 2016

An der Müll-Front: Wer zwischen 7 und 15 Uhr mit den beiden MEG-Müllmännern Tommy Maschollek und Benny Schmidt unterwegs ist, erlebt einen Knochenjob und viel Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr

Mit solch einem Fahrzeug sind
Tommy Marschollek und sein Kollege
Benny Schmidt an jedem
Werktag unterwegs.
Morgens um Sieben bei der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft MEG. Im Büro des Disponenten Siegfried Fink herrscht bereits ein reges Kommen und Gehen. Ein letzter Blick auf seinen Computerbildschirm zeigt ihm, wer heute welche Tour fährt, wer da ist und wer sich krank gemeldet hat. Tommy Maschollek und sein Kollege Benny Schmidt sind zur Stelle. Sie werden heute mit ihrem zehn Meter langen und zweieinhalb Meter breiten Presswagen durch das Revier 8 fahren, um acht Altpapier-Container-Standorte und rund 300 Blaue Tonnen zu entleeren. Das Revier 8 umfasst etwa das gesamte Stadtgebiet, mit Ausnahme von Styrum und Speldorf. Diese Stadtteile stehen erst am folgenden Tag auf ihrem Fahrplan. Doch bevor es los geht, stärken sie sich mit einer Tasse Kaffee und steigen in ihre orange-blau-reflektierende Arbeitsmontur. Zu der gehören neben dicken Arbeitschuhen mit Stahlkappe und Stahlsohle auch Handschuhe mit rauer Oberfläche.

7.10 Uhr Tommy (bei der MEG ist man per Du) startet den Motor seines 15-Tonners. Sein Kollege Benny nimmt auf der Beifahrerseite Platz. Die Aufgaben sind klar verteilt. Tommy (55) ist der Fahrer und Benny (25) sein Lader. Doch schon beim ersten Containerstandort springt Tommy auch aus dem Wagen, um seinem Kollegen zu helfen, die 1100 Liter fassenden Altpapier-Roll-Container über den Bürgersteig zur Schüttung ihre blauen Presswagens zu bugsieren. Einen Knopfdruck später hängt der Container am Haken der Schüttung, die sich, wie von Geisterhand hebt und den Container nach vorne in die Tiefe des Laderaumes entleert. „Je nachdem, wie voll so ein Container ist, kann er schon mal 180 bis 220 Kilo schwer sein“, weiß Tomi. Die elektrische Schüttung schlägt den Container noch einmal nach vorn. „Papier rutscht eigentlich sehr leicht in den Laderaum. Da braucht man nur einen Schlag einzustellen“, erklärt Benny.

Schon beim nächsten Containerstandort bewähren sich die stahlverstärkten Arbeitsschuhe, als die Müllmänner über ein Scherbenmeer zum Altpapiercontainer stapfen müssen. „Hätte wir jetzt normale Straßenschuhe, wären die Sohlen schon durch“, stellt Tommy fest.

Eigentlich sollte die Bezeichnung Altpapier- und Altglascontainer eindeutig und von jedem zu verstehen sein. Doch offensichtlich entledigen sich einige Zeitgenossen vom Stamme Dreckspatz an den Containerstandorten gleich ihres halben Hausstandes. „Wir haben auch schon mal Bauschutt in den Altpapiercontainern“, berichtet Tommi.

Der gelernte Dachdecker, der nach einer Job-Flaute in seiner alten Branche vor 21 Jahren zur MEG kam, schüttelt immer wieder den Kopf: „Man kann kostenfrei den Sperrmüll bestellen und für weniger als 10 Euro bei der MEG an der Pilgerstraße in Dümpten Bau- und Schadstoffe entsorgen oder diese auch zum Schadstoffmobil bringen. Doch leider gibt es viele Typen, die denken: Hauptsache, ich habe meinen Mist weg und nach mir die Sintflut“, beschreibt Tommy die Situation.

In der Dunkelheit des frühen Januar-Morgens wird auch deutlich, warum die Männer von der MEG leuchtende Westen und Hosen tragen müssen. Obwohl ihr stehendes Pressfahrzeug mit seinen Rundumwarnleuchten auch in der Dunkelheit nicht zu übersehen ist, rauschen die Autos nur Zentimeter und manchmal sogar nur Millimeter an dem Koloss und den beiden Müllwerkern vorbei. Vorsicht, Rücksicht und Geduld scheinen bei den Herrschaften hinter dem PKW-Steuer unbekannt zu sein.

Auch später am Tag, als Benny und Tommy mit ihrem blauen Müllriesen die Containeranlagen hinter sich gelassen haben und zum Teil im Schritttempo von einer blauen Tonne zur nächsten fahren, erleben sie immer wieder ihr blaues Wunder. Weil Fahr- und Gehwege zugeparkt sind oder eilige Autofahrer partout nicht warten wollen und noch eben schnell auf dem Bürgersteig am blauen MEG-LKW vorbeirauschen, wird Fahrer Tommy immer wieder zu waghalsigen Manövern gezwungen. Trotz Servolenkung und einer dritten, mitsteuernden Achse, die den Wendekreis des Presswagens minimiert, muss Tommy immer wieder kräftig kurbeln und gleichzeitig in alle Außen,- Rück- und Seitenspiegel schauen, um Sach- und Personenschaden zu vermeiden.

Auch wenn Benny aussteigt oder hinten auf einem Trittbrett mit zwei Haltegriffen mitfährt, um möglichst schnell eine nach der nächsten Blauen Tonne auf den Haken zu nehmen und in die Tiefe des Laderaumes entleeren zu lassen, muss er immer wieder höllisch aufpassen, nicht von den Rasern auf vier und zwei Rädern mitgenommen zu werden. „Das ist für uns Alltag“, sagt Tommy mit einem leicht resignativen Unterton. „Viele Menschen stehen heute unter einem wahnsinnigen Zeitdruck. Sie sind oft hektisch und fühlen sich getrieben. Oft ist auch die Angst vor dem Job-Verlust mit im Spiel“, versucht sich Tommy in einer Erklärung der offensichtlich „normal“ gewordenen Unverschämtheiten und Rücksichtslosigkeiten im Straßenverkehr.

Doch Tommy muss nicht nur fahren. Neben seinem Lenkrad liegt eine Liste, auf der er genau nachhält und ankreuzt, welcher Haushalt eine Blaue Tonne hat und wo diese im Rahmen eines sogenannten Vollservice am Haus stehengelassen werden darf. Oder aber im Rahmen eines Gebührenrabatts am Straßenrand abgestellt werden muss, damit dort die blaue Tonne dann entleert wird. „Manchmal stellen die Leute auch nur deshalb nicht an den Straßenrand, weil sie einfach noch halbleer sind“, weiß Benny. Neben seiner Liste hat es Fahrer Tommy auch noch mit einem kleinen Bordcomputer zu tun, in den er die Kennnummern der verschiedenen Containerstandorte eintippen muss, damit die jeweiligen Füllmengen genau registriert werden können. Am Ende eines Arbeitstages haben Tommy und Benny 88 Kilometer zurück gelegt und 8,7 Tonnen Altpapier eingesammelt, die sie bei MEG-Reimondis in Oberhausen abliefern, und dort auf den Papierbergen abladen, die auf dem Gelände der Oberhausener Müllverbrennungsanlage auf ihren Abtransport und ihre weitere Verwertung warten. Am Ende eines Arbeitstages, an dem sich die Müllabfuhr auch beim Altpapier als Knochenjob gezeigt hat, meint Tommy: „Eigentlich wäre es sinnvoll, die blaue Tonne für alle Haushalte verpflichtend einzuführen, um sich die Containerstandorte, die nur Dreck fabrizieren, sparen zu können.“


Dieser Text erschien am 13. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 29. Februar 2016

Das Rhein-Ruhr-Zentrum ist sein Revier: Unterwegs mit dem Haustechniker Christian Wolff

Noch bevor die Geschäfte im Rhein-Ruhr-Zentrum öffnen, ist Haustechniker Christian Wolff dort schon unterwegs. Sein Arbeitstag beginnt um 7 Uhr.

Er läuft und läuft und läuft. Zunächst geht es von einem Aufzug zum nächsten. Ist jeder Lift fahrtüchtig? Funktioniert der Notruf? Die 70.000 Quadratmeter des Einkaufszentrums und die 200.000 Quadratmeter des Grundstücks kennt der gelernte Energieanlagenelektroniker nach über 25 Jahren, wie seine Westentasche. Bevor der gebürtige Mülheimer 1990 in seine Heimat zurückkam, arbeitete er als Haustechniker für eine deutsche Hotelkette in Kassel.

Was beim Rundgang durchs Einkaufszentrum überrascht, sind die kilomterlangen Wirtschafts- und Versorgungsgänge, die der normale Besucher des 1973 eröffneten Rhein-Ruhr-Zentrums nie zu sehen bekommt. Sie wirken, wie eine Mall hinter der Mall.

Manche Türen kann Wolff mit seinem Schlüssel öffnen. Andere öffnen sich nur, nachdem er einen bestimmt Tastencode eingegeben hat. Hinter den Türen im Backstage-Bereich des Rhein-Ruhr-Zentrums verbergen sich Technik- und Lagerräume der jeweiligen Geschäfte. Praktisch. Der Hintereingang der Läden ist nur wenige Schritte von der Eingangstür ihres Lagers entfernt.

In den technischen Räumen befinden sich Versorgungsanlagen und Leitungen, große Wasserpumpen, Reservetanks und Wasserbecken. Im Notfall sollen bis zu 120?000 Wassersprinkler dafür sorgen, dass im Rhein-Ruhr-Zentrum nichts anbrennt.

Zusammen mit einem Kollegen überprüft Wolff an diesem Tag die Funktionsfähigkeit und den Druck in den Wasserleitungen, die Wasserpumpen und Ventile, die im Notfall das Schlimmste verhindern sollen.

Stimmt der Druck in den Wasserleitungen? Haben die Stromleitungen die richtige Spannung? Das überprüft Wolf zum Beispiel mit Probeventilen und ihren Druckanzeigern oder mit seinem Spannungsmesser, der auf den Laien wie ein leuchtender Kugelschreiber wirkt. Auch welcher Schalter, welche Glasfaserleitung, oder welcher Leuchtknopf zu welcher Anlage gehört, erschließt sich nur dem technischen Profi, der im Zweifel auf Schaubilder und Lagepläne zurückgreifen kann.

Heizungs- und Lüftungsanlagen wollen ebenso gecheckt werden, wie Notstromaggregate und Brandmeldeanlagen oder die Lautsprechanlage. Unter einem der Glasdächer des Rhein-Ruhr-Zentrums müssen defekte LED-Leuchten ausgetauscht werden. Mit einem Hubwagen geht es in die Höhe. Gleich merkt sich Wolff die Leuchten für seine nächste Materialbestellung vor.

Aber auch am Boden der Mall muss der Haustechniker an einem Ladenlokal, dessen Fassade neu gestaltet wird, einen Blick darauf werfen, ob bei den Schleifarbeiten auch die Brandschutzbestimmungen eingehalten werden.

„Bis 2006 haben wir Haustechniker Ladenlokale auch schon mal selbst umgebaut. Doch das machen wir seitdem aus versicherungstechnischen Gründen nicht mehr“, erzählt Wolff.

Auch außerhalb des Rhein-Ruhr-Zentrums müssen Wolff und seine sechs Kollegen von der Haustechnik nach dem Rechten schauen. Vor allem in den Ladehöfen ist Seelenmassage und Augenmaß gefragt, damit jede Fracht möglichst schnell und reibungslos dort landet, wo sie hin muss. „Die Kraftfahrer stehen heute unter einem enormen Zeitdruck“, weiß Wolff. Und zwischendurch beantwortet er bei seinem Gang durch die Einkaufspassagen noch die eine oder andere Kundenfrage: „Wo ist hier die nächste Toilette? Und wo geht es bitte zur Nordsee?“

Ganz nebenbei prüft er noch einige Brandschutztüren, die völlig unauffällig wie Vorhänge an den Mallseiten eingelassen sind und im Notfall die Ausbreitung der Flammen stoppen können. An diesem Tag wird der Haustechniker Gott sei Dank von jedem Notfall verschont, muss weder Erste Hilfe leisten noch die Handhabung eines Feuerlöschers erklären und testen.

Dieser Text erschien am 20. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 27. Februar 2016

Menschen an ihr Ziel bringen: Unterwegs mit dem Texifahrer Axel Dupont

Ein Blick auf die Originalausgabe in der Mülheimer NRZ
6 Uhr in Mülheim. Axel Dupont ist schon eine Stunde auf den Beinen und wartet mit seinem Taxi am Hinterausgang des Forums und des Hotels Best Western. „An einem Morgen wollte mein erster Fahrgast gleich zum Flughafen Düsseldorf gebracht werden. Kaum war ich aus Düsseldorf zurück, stieg auch schon der nächste Hotel-Gast ein und wollte auch zum Flughafen nach Düsseldorf gebracht werden. Da hatte ich mit zwei Fahrten schon fast meinen Tagesumsatz geschafft“, erzählt der 53- Jährige von einem seiner erfolgreichsten Arbeitstage. Wie ein Sechser im Lotto Gerne erinnert er sich auch an einen Patienten aus Sachsen-Anhalt, der sich nach einer Behandlung im Evangelischen Krankenhaus von dem zweifachen Familienvater nach Hause bringen ließ. „Solche Fahrten sind wie ein Sechser im Lotto. So was erlebt man leider nicht jeden Tag“, sagt Dupont.

Dieser Arbeitstag lässt sich eher ruhig an. Zeit für einen Blick in die Tagezeitung und einen Schluck Kaffee aus der Thermoskanne. Doch dann piept es bei Dupont und das ist ein gutes Zeichen für den Taxifahrer. Denn der Piepton aus einem Minicomputer an seinem Amaturenbrett zeigt ihm an: Kundschaft wartet. In diesem Fall ist es eine Dame, die sich vom Eichenberg nach Saarn bringen 

Der Taxifahrer Axel Dupont, war in seinem ersten Berufsleben ein Mannesmann. Jetzt ist er fast täglich zwischen 6 und 15 Uhr auf Mülheims Straßen unterwegs. Als Taxifahrer muss Axel Dupont auch seelsorgerische Qualitäten beweisen und nicht nur offene Augen für den Straßenverkehr, sondern auch offene Ohren für seine Fahrgäste haben lässt, wo sie arbeitet. Hat sie vielleicht verschlafen und es deshalb besonders eilig, um noch rechtzeitig zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen? Reine Spekulation. Der Taxifahrer fragt nicht. Er fährt. Nach der Rückkehr zum Taxenstand am Forum heißt es erst mal wieder warten. Als Taxifahrer kann man nichts erzwingen und muss Geduld haben.

Zeit für ein Bütterchen und einen kurzen Plausch mit dem Kollegen Horst. So lange, bis es wieder piept. Der nächste Fahrgast. Eine alte Dame aus Dümpten muss in die geriatrische Tagesklinik des Evangelischen Krankenhauses gebracht werden. „Keine Angst. Sie kommen nicht in den Playboy. Der junge Mann auf dem Rücksitz kommt von der NRZ“, stellt Dupont seinen Begleiter vor. „Ich weiß gar nicht, was ich da soll. Blut abnehmen, Kaffee trinken, Gymnastik und mit Bällchen spielen. Das bringt doch nichts“, erzählt die alte Dame mit Blick auf ihr Ziel. Der Taxifahrer hört sich ihre Geschichte geduldig an und weist sie freundlich darauf hin, dass ihre der Besuch in der Tagesklinik doch auch soziale Kontakte und Gespräche mit anderen Senioren ermögliche.

Ein guter Taxifahrer muss nicht nur geduldig, sondern auch einfühlsam und kommunikativ sein. Die meisten seiner Stadtfahrten, die immer wieder von längeren Wartepausen am Forum unterbrochen werden, sind an diesem Tag Patientenfahrten. Dupont hört sich nicht nur an diesem Tag viele Kranken- und Lebensgeschichten an. „Viele alte Menschen leben allein und sind froh, wenn sie ihr Herz mal ausschütten können.“ Zu ihnen zählt auch eine ältere Dame, die zu Duponts Stammgästen gehört, weil sie regelmäßig zur Dialyse gefahren werden muss. Der Gesprächston zwischen den Beiden ist vertraut und freundschaftlich. Dupont holt die auf einen Rollator angewiesene Seniorin an der Haustür ab, führt sie bis zum Wagen, wo er ihr die Türe aufhält, bis sie langsam, aber sicher eingestiegen ist und sich mit seiner Hilfe anschnallt. Dupont kennt ihre Krankengeschichte, weiß, dass ihr öfter die Beine wegsacken. Das Trinkgeld am Ende der Fahrt fällt großzügig aus. „Für den Ärger, den Sie vielleicht noch mit mir haben werden“, sagt die alte Dame mit einem Hauch von Galgenhumor, als sie aussteigt.

Auch eine alte Dame, die sich nach dem Einkauf und einem Friseurbesuch im Forum nach Hause bringen lässt, weiß Duponts Service zu schätzen. Er hilft ihr beim Aussteigen und trägt ihr die schweren Einkaufstaschen durch den Regen bis zur Wohnungstür. „Heute fahren vor allem ältere und alte Menschen mit dem Taxis. Junge Fahrgäste sind ganz selten“, erzählt Dupont. Doch an diesem Tag muss er nicht nur eine Seniorin, sondern auch einen jungen Mann im Rollstuhl vom Arzt ins Altenheim beziehungsweise vom Evangelischen Krankenhaus nach Hause fahren. Duponts Chef Klaus Dieter Fleskes hat schon vor Jahren viel Geld in die Hand genommen, um seine Fahrzeuge für den Rollator- und Rollstuhltransport umzurüsten. Über eine Rampe kann man auch von hinten in das Fahrzeug rollen und sich durch drei Spezialgurte sichern. Das zahlt sich in Zeiten des demografischen Wandels aus.

Jeder Fahrgast hat seine Geschichte Der junge Mann aus Saarn ist seit einem Autounfall querschnittsgelähmt und hat durch eine Diabetes-Erkrankung ein Bein verloren. Das sind Lebensschicksale, die Dupont auch mit in den Feierabend nimmt, wenn er sich zu Hause in Styrum auf seiner Couch entspannt. „Taxifahrern geht es wie Friseuren. Sie hören viel und müssen sich immer wieder auf neue Menschen und ihre Geschichte einstellen.“ Apropos Mensch. Auch an skurrile Fahrgäste kann sich der Ex-Mannesmann, der seit drei Jahren Taxi fährt, erinnern, zum Beispiel den Mann, den Dupont, mit einer Dauererktion zum Urologen bringen musste, weil der Fahrgast gleich mehrere Viagra-Pillen eingeworfen hatte. Manchmal sind Duponts Arbeitstage am Steuer eben auch filmreif.

Dieser Text erschien am 30. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 11. Februar 2016

Die Gartenstadt: Im Uhlenhorst sind die Wege ins Grüne kurz und die Wege zum Einkauf weit

"Der Zusammenbrechende" heißt
dieses 1937 vom Bildhauer
Hermann Lickfeld geschaffene
Mahnmal auf dem Ehrenfriedhof
im Uhlenhorst. Hier hält der Sozialverband
Deutschlands seine Gedenkstunde zum
Volkstrauertag ab,
„Hier ist man schnell im Grünen. Das lohnt sich auch für Familien, die mit ihren Kindern durch eine garantiert autofreie Zone spazieren können“, schwärmt der mehrfache Vater und Großvater Gerhard Bennertz. Seit 27 Jahren leben seine Frau Ingrid und er an der Großenbaumer Straße und damit direkt am Uhlehorst.

Bis zur Straßenbahnhaltestelle Waldschlößchen sind es nur wenige Geh-Minuten weit. „90 Prozent meiner Erledigungen, die ich in der Stadt zu machen habe, kann ich mit der Straßenbahn erledigen“, erklärt der 75-jährige Religionspädagoge. Während des Berufsverkehrs und am Wochenende werde die Linie 102 sehr stark genutzt, während tagsüber nur wenige Fahrgäste in den Uhlenhorst kämen, berichtet er.

Das Wohnen im Grünen hat aber auch seine Nachteile. „Die nächste Einkaufsmöglichkeit für Lebensmittel und täglichen Bedarf ist etwa eineinhalb Kilometer entfernt“, erzählt er. Natürlich verbinden nicht nur Mülheimer den Uhlenhorst mit dem gleichnamigen Hockey- und Tennis-Club. Für den deutschen Hockeysport ist der 1920 gegründete HTC Uhlenhorst das, was der FC Bayern München für den deutschen Fußball ist. Nicht nur Tennis- und Hokeyplätze, sondern auch die Gaststätte im Clubhaus zieht Sportfreunde in den Uhlenhorst.

„Auch mit empfehlenswerten Restaurants sind wir hier gut ausgestattet“, sagt Bennertz mit Blick auf den Tannenhof, das Waldschlößchen oder das Forsthaus. Vor allem Schulklassen und Kindergarten gruppen seien regelmäßig der Natur-Lernwerkstatt der Kreisjägerschaft zu Gast.

Was beim Rundgang durch den Uhlenhorst auffällt, sind die zahlreichen villenähnlichen Wohnquartiere, ohne Namensschild und mit verschlossenen Einfahrtstoren. Hier wohnen offensichtlich wohlhabende Menschen, die auf Anonymität Wert legen. Das hat Tradition: Einst wohnten im und am Uhlenhorst auch Industrielle, wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorf, die beim Aufstieg Adolf Hitlers eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben. 1993 kam die Industriellen-Witwe Marita Grillo bei einem Brand in ihrer Villa an der Großenbaumer Straße auf tragische Weise ums Leben. Wo früher vor allem Wirtschaftskapitäne mit ihren Familien lebten, finden heute wohlhabende Bürger ihr Wohnquartier im Grünen. Dieser Wandel vollzieht sich derzeit auch auf dem Anwesen am Uhlenhorstweg 29. Wo sich der Industrielle Gerhard Küchen 1913 eine Villa errichten ließ, hatte von 1952 bis 2004 die Evangelische Akademie der Rheinischen Landeskirche ihren Sitz. Als die Akademie nach Bonn verlagert wurde, zog dort mit der Residenz Uhelnhorst ein Hotel ein. Doch inzwischen entsteht, wie an so vielen historischen Orten unserer Stadt Wohnraum der gehobenen Preisklasse.

„Der Uhlenhorst wurde vor 100 Jahren als Gartenstadt für wohlhabende Bürger angelegt. Auch damals fuhr schon einen Straßenbahn in den Uhlenhorst. An ihrer Endhaltestelle stand das heute nicht mehr existierende Restaurant Hammersteins Hof.   Ab 1940 wurden internierte Juden von den Nazis zwangsverpflichtet, Wege durch den Uhlenhorst anzulegen. Und unweit des heutigen Ehrenfriedhofes gab es auch Flugabwehrkanonen“, weiß der historisch forschende und bewanderte Wahl-Mülheimer Gerhard Bennertz. Welche Folgen deutsche Diktatur und Kriegspolitik gehabt hat, zeigen die Gräber auf dem Ehrenfriedhof im Uhlenhorst. Hier ruhen gefallene Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges, aber auch zivile Opfer des Luftkrieges. In unmittelbarer Nähe des Friedhofes waren während des Zweiten Weltkrieges auch Flugabwehrkanonen stationiert.

Dieser Text erschien am 10. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 10. Februar 2016

Ein Zug durch die Gemeinde: Bei ihrem etwas anderen Rosenmontagszug von einer Karnevalsparty zur anderen erlebten die Tollitäten den emotionalen Höhepunkt ihrer Session

Stadtprinzessin Julia und Stadtprinz Markus
zusammen mit ihren Paginnen Nicole und Melissa
beim Rosenmontagsball der KG Blau Weiß: In
ihrer Mitte Sebastian Bahl und Katrin Groß, die
das aktuelle Sturmtief in ein originelles
Kostüm umgesetzt hatten. 
Was machen Prinzenpaare, wenn der Rosenmontagszug ausfällt? Julia & Markus und Chiara & Luka ziehen durch die Säle, eskortiert von ihrem närrischen Hofstaat.

Beim Rosenmontagsball der KG Blau Weiß werden sie um 14 Uhr im Altenhof von rund 200 Jecken empfangen und gefeiert. Das tut den Tollitäten gut, schließlich mussten sie am Morgen die Absage des Karnevalszugs verkraften. Und sie haben immer noch daran zu knabbern, Prinzessin Julia kämpft zeitweise mit den Tränen.

Doch die Stimmung steigt von Saal zu Saal, gemäß des Prinzenliedes „Es gibt nur Dur in Mülheim-Ruhr“! Offiziell gibt es an diesem Rosenmontag nur die beiden Rosenmontagsbälle der KG Blau Weiß und des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval. Aber die Tollitäten werden zu spontanen Jecken-Partys eingeladen.

Eine steigt vor dem Laden der Flüchtlingsinitiative Willkommen in Mülheim. Der Name ist Programm. Die Tollitäten werden von den Flüchtlingen herzlich willkommen geheißen und sofort in einen spontanen Tanzkreis integriert. Hier ein Selfi, da ein Selfi. Bitte, recht freundlich. Prinzessin Julia I. und Prinz Markus II. revanchieren sich mit etlichen Kisten voller kleiner Torten, die sie eigentlich von ihrem Rosenmontagswagen aus werfen wollten. Vor allem die Kinder sind begeistert.

Das gilt auch für die Kleinen, die später bei der Karnevalsparty der KG Düse in der Styrumer Feldmannstiftung die Wurftechnik der Tollitäten testen, beim Indoor-Kamelle-Regen. „Das ist ja fast so schön, wie auf dem Rosenmontagswagen“, findet Prinz Markus II. 100 kleine und große Jecken wollen aber nicht nur Kamelle: „Wir wollen euch tanzen sehen. Wir wollen euch tanzen sehen!“

Ähnlich stellt sich die Szenerie für die Tollitäten im Trainingsquartier des MCCs am Wenderfeld dar. 50 Narren, die meisten kostümiert, klatschen, jubeln und singen wie 500. Für die närrischen Regenten ist es wie das Bad in einer Fankurve. „Das ist unser Rosenmontagszug. Wir ziehen von einer Party zur nächsten“, freut sich Prinzessin Julia I., und lässt ihr Taschentuch stecken. Bevor es weiter geht zu den Mölmschen Houltköpp, die im Uerige Treff an der Wertgasse warten, bekommen die Tollitäten noch eine Wegzehrung (Frikadelle und Mettwurst) mit auf den Weg.

An der Wertgasse dann tatsächlich ein Hauch Rosenmontagszug: Kostümierte Jecken am Straßenrand, mitten auf der Straße spielt der Musikzug der Houltköpp: „Da sind wir dabei. Das ist prima.“ Und dann heißt es in der Gaststätte wieder; „Wir wollen euch tanzen sehen!“ Prinz Markus II. und Prinzessin Julia I. sind sich einig: „So einen emotionalen und mega-geilen Rosenmontag hat noch kein Prinzenpaar erlebt.“


Dieser Text erschien am 9. Februar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 4. November 2015

12 Uhr im Monningviertel und auf der Prinzenhöhe: Gut bürgerlich und grün

Das alte Stammhaus Monning

Schon wenige Meter von der Duisburger Straße entfernt betritt man an der Monningstraße und auf der Prinzenhöhe eine grüne Oase. „Hier leben keine armen Menschen“, beschreibt der pensionierte Lehrer und Grundschulrektor Hargen Herzer die gutbürgerliche Sozialstruktur des nicht nur grünen, sondern auch sehr begüterten Viertels. „An so schönen Herbsttagen wie heute macht die Arbeit hier wirklich Spaß, auch weil die Leute, die hier wohnen sehr nett sind“, erzählt die für das Quartier zuständige Postbotin Sabine Schulz. Auch die bellenden Wachhunde des Viertels kennen sie und lieben ihre Leckerlis. „Nur im Winder kann es hier schon mal gefährlich werden“, wissen Herzer und Schulz. Denn dann kann man das Auf und Ab an der Prinzenhöhe nur noch mit Winterreifen auf den Felgen und mit Spikes unter den Schuhen bewältigen.

Nicht ganz ungefährlich ist auch der winterliche Rodelspaß auf dem ansteigenden Teil der Monningstraße, Dann heißt es für die Rodler, rechtzeitig die Hacken in den Schnee zu hauen, um nicht auf der Duisburger Straße zu landen.

„Wir haben hier Gott sei Dank noch eine gute Nachbarschaft, in der man sich kennt und miteinander spricht. Ein Höhepunkt des Jahres ist das von Anwohnern organisierte Sommerfest auf der Jägerhofstraße“, schwärmt Herzer. Er selbst lebt seit 1979 in einem Gründerzeit-Haus an der Monningstraße. „Hier hatten unsere Kinder ideale Bedingungen, um aufzuwachsen“, freut sich Herzer. Ein Spielplatz an der Monning ist auch heute noch bei Familien begehrt. Als begeisterter Radfahrer liebt Herzers Nachbar Rolf Ritter vor allem die Natur und die Radwege des Viertels. Allerdings findet er es schade, dass der Radweg auf der Mülheimer Seite im Gegensatz zur Duisburger Seite nur eine statt zwei Spuren hat, so dass sich Radfahrer oft in die Quere kämen.

Stationen und Schlaglichter

Hargen Herzer erzählt Ute Möhlig vom Speldorfer Bürgerverein die Geschichte dieses 1899 errichteten Hauses, in dem er seit 1979 als Mieter wohnt. Erste Bewohner des Hauses waren eine Augenärztin (Frau Dr. Blind) und ihre Familie.

In einem 1870 errichteten Gast- und Tanzlokal an der Monningstraße betreibt Anke Lachmann seit 1999 ihre Ballettschule. Hier sieht man sie auf alten Stadthallenstühlen im 850 Quadratmeter großen Tanzsaal.

Früher Wohnsitz der Industriellenfamilie Klöckner, ist das Haus Hartenfels im Speldorfer und Duisburger Wald zurzeit eine Baustelle. Die schlossartige Villa wurde Mitte der 1920er Jahre vom Bauherrn Peter Klöckner und dessen Architekten, dem Baurat Coesfeld in späthistoristischem Stil errichtet. Nach dem Krieg wurden hier Flüchtlinge untergebracht. Jetzt sollen dort mehrere Wohnungen entstehen.

Auf dem Bürgersteig vor der Ballettschule Step by Step stehen Ute Möhlig und Hargen Herzer noch auf Mülheimer Gebiet. Die Straße gehört schon zu Duisburg.

Exklusives und repräsentatives Wohnen. Das ist auch heute bei den Menschen mit entsprechend großem Geldbeutel gefragt. Ein Beispiel dafür ist die noch relativ neue Villa Gärtner am Falkenweg. Im Hintergrund ist der Fernsehturm zu sehen.

Ganz schön sportlich: Hier radelt der Arzt Rolf Ritter, der zwei Mal pro Woche mit dem Rad unterwegs ist am alten Stammhaus Monning vorbei. Das traditionsreiche und gutbürgerliche Gasthaus wurde 1789 von Johann Monning eröffnet.

Klaus Eisele und seine Kollegen begrüßen jährlich rund 30?000 Gäste, die in der 1960 eröffneten Katholischen Akademie 1110 Veranstaltungen besuchen.

Überall stößt man auf der Prinzenhöhe auf gediegene bürgerliche Wohnkultur aus dem frühen 20. Jahrhundert. Auch der Funkturm ist ein Hingucker.

Klein, aber fein, das Gästehaus der katholischen Akademie Die Wolfsburg


Dieser Text erschien am 28. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 19. Oktober 2015

12 Uhr im Dichterviertel: Ein Rundgang mit Barbara Kaufhold und den Eheleuten Kämpgen zeigt, das Viertel hat mehr als nur großartige Gründerzeitarchitektur zu bieten

Goetheplatz und Uhlandstraße. Schillerstraße und Klopstockstraße. Die Straßennamen zeigen es: Wir sind im Dichterviertel. Die Historikerin Barbara Kaufhold, die zahlreiche Bücher zur Mülheimer Geschichte geschrieben hat und die Eheleute Jutta und Helmut Kämpgen begleiten uns. Helmut Kämpgen, heute Vorsitzender des Bürgervereins Eppinghofen, ist hier aufgewachsen und hat hier später mehr als 30 Jahre als Gemeindepfarrer gelebt und gearbeitet.

Kaufhold und ihr Mann Tobias der das Museum zur Vorgeschichte des Films in der Camera Obscura leitet sind vor 15 Jahren ins Dichtervielel gezogen, „weil es zentral liegt, trotzdem realtiv ruhig ist und viele wunderschöne alte Häuser mit großzügigen Gärten hat. Tatsächlich. Der Gang durch das Dichterviertel, das um 1900 als Wohnquartier für leitende und mittlere Angestellte gebaut wurde, ist wie eine Architekturführung durch die Gründerzeit. Hier hat sich vor allem der Architekt und Bauunternehmer Franz Hagen ein Denkmal gesetzt. Und die offensichtlich ebenfalls über 100 Jahre alten Baumriesen am Straßenrand, lassen an einigen Stellen ein parkähnliches Ambiente aufkommen. Die Grünanlagen am zentralen Goetheplatz wurden einst (samt Parkwächter) vom Reeder Winschermann (samt Parkwächter) gestiftet.

Treffpunkt und Informationsbörse des Stadtviertels ist neben der Gaststätte „Schräges  Eck“ an der Klopstockstraße die mittendrin am Goetheplatz gelegene Bäckerei von Walter und Karin Lübben. „Hier kennt jeder jeden und jeder kann man mit jedem reden. Es lebt sich hier einfach sehr familiär“, beschreibt Bäckermeister Lübben das Lebensgefühl im Dichterviertel.

Hier gibt es nicht nur große Dichternamen, sondern auch viele  Kreative. Das Spektrum reicht von der Damenschneiderin, über einen Gitarrenbauer und eine Filz-Künstlerin bis zur Imkerin. Und auchder neue Oberbürgermeister wohnt gerne im Dichterviertel. passender Weise an der Bürgerstraße.


Stationen & Schlaglichter


Barbara Kaufhold vor dem Haus an der Uhlandstraße 50. Wo heute ein Tattoo-Studio seine Dienste anbietet, verkaufte die Familie Remberg früher Fleisch und Wurst.  Bei ihr traf sich die freie christliche Gemeinde, die Hitler widerstehen wollte.

Ökumene wird im Dichterviertel großgeschrieben. Neben der evangelischen Lukas- und der katholischen Engelbert-Gemeinde gibt es hier auch die Zionsgemeinde und die evangelisch-freikirchliche Gemeinde. Letztere wird von Pastor Eckhard Vetter geleitet und hat derzeit 250 Mitglieder.

 Nicht nur kreativen Kindern, wie der neunjährigen Joy zeigt Gabriele Cohnen in ihren Werkstattladen an der Uhlandstraße 47 gerne, welche kleinen und großen Dinge man aus mit Filz kreieren kann.

Kreativ sind Friseurmeisterin Dagmar Fafra und ihre Mitarbeiterin Winonu Steffens nicht nur beim Frisieren. Auch bei der Fassadengestaltung des Salons am Goetheplatz brachten sie Farbe ins Spiel. Graffitikünstler Dennis Broszat machte es möglich.

Ihre Kinder konnten sich nach Palästina retten. Doch Emanuel und Betty Brender, die an der Bürgerstraße 3 wohnten, wurden 1941 deportiert und später in Auschwitz ermordet.

Architektur als Kunstwerk und Augenweide. Das findet man im Dichterviertel auf Schritt und Tritt. Architekt Franz Hagen (1877-1953) hat hier gewirkt und gewohnt

„Das ist Liebe und Wärme“, freut sich Inge Nelles über regelmäßige Streicheleinheiten. Tierischer Besuch mit Kuschelfaktor, wie hier von Polly, ist nicht nur der 86-jährigen Seniorin, sondern auch den allermeisten ihrer rund 100 Mitbewohner im 2009 eröffneten Wohnstift Dichtviertel hoch willkommen.

Jutta und Helmut Kämpgen an ihrer alten Wirkungsstätte. 1951 wurde auf dem Gelände des Lederfabrikanten Julius Kleinert ein Gemeindehaus errichtet, das heute von der Familie Roll als Gästehaus geführt wird.

Dieser Text erschien am 14. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 10. Oktober 2015

12 Uhr in Raadt: Schön und grün, aber was sonst? Manfred Mons lebt seit 40 Jahren gerne in Raadt. Aber der begeisterte Jazz-Musiker sieht und kennt auch die Schwachstellen seines Stadtteiles

Der "Rote Baron" auf dem Flugfeld
in Raadt

Raadt ist einfach schön“, sagt Manfred Mons. Der Bandleader der Ruhr-River-Jazzband und Chef des Mülheimer Jazzclubs lebt seit 1975 in dem ausgesprochen grünen und landschaftlich sehr reizvollen Stadtteil, der mehr als einen Flughafen und den Kunstrasenplatz des Raadter Sportvereins zu bieten hat. Nicht nur Mons, sondern auch seine Nachbarin Ruth Schalkowsky (95) beklagt, dass sie als Raadter bis zum Oppspring ins benachbarte Holthausen fahren müssen, um ihren Einkauf oder einen Arztbesuch erledigen zu können. Das die Straßenbahnlinie 110 jetzt nicht mehr durch Raadt fährt und die Ersatzbuslinie die Leute zum Einkaufen nach Essen und ins Rhein-Ruhr-Zentrum bringt, hält Mons für ebenso kontraproduktiv, wie die für 2016 geplante Schließung der Kita Raadthäuschen. Auch,wenn es mit dem Flughafenrestaurant, der Vereinsgaststätte des SV Raadt, dem traditionsreichen Liebfrauenhof und dem Hofcafé Felchner am Bollenberg gastronomische Leuchttürme gibt, könnte der grüne Stadtteil aus seiner Sicht noch das eine oder andere Ausflugslokal vertragen. Außerdem lässt der Wahl-Raadter keinen Zweifel daran, dass der politisch auf Nulldiät gesetzte Flughafen ohne große Nebenwirkungen und Folgekosten wirtschaftlich besser genutzt werden könnte. Wer den Flughafen heute sieht, kann sich kaum noch vorstellen, dass er in den 1930er Jahren Westdeutschlands größter Flughafen mit diversen Verbindungen ins europäische Ausland war. Und Ruth Schalkowsky, die fast ihr gesamtes Leben in Raadt verbracht hat, bedauert, dass Raadt, trotz vieler Neubauten und Zuzüge, seinen ursprünglichen Siedlungscharakter und den damit verbundenen Zusammenhalt der Nachbarschaften eingebüßt hat. Doch Mons erinnert sich gerne an ein spontanes Fußballturnier beim SV Raadt, mit dessen Erlösen der Verein einen Jungen unterstützte, der bei einem Unfall schwer verletzt worden war 

Hier kommt keine Straßenbahn mehr:
Die Zeppelinstraße auf Höhe
der Horbeckstraße

Stationen & Schlaglichter


In der Christuskirche an der Parsevalstraße, vor deren Turm hier Manfred Mons in die Weite blickt, werden heute nur noch an großen christlichen Festtagen Gottesdienste gefeiert. Außerdem treffen sich hier immer noch regelmäßig Gemeindegruppen.

Schwester Karin und Waltraud Held warten darauf, abgeholt zu werden. Denn auf die Straßenbahn warten sie vergebens. Gerade für Senioren ist die Verkehrsanbindung des Stadtteils, trotz einer neuen Buslinie, ausgesprochen suboptimal.

„Die Zeiten ändern sich immer wieder und die jungen Leute haben ihre ganz eigenen Ideen“, sagt die 95-jährige Ruth Schalkowsky, die seit 1934 in einem alten Müllerhaus an der Windmühlenstraße lebt. Wenige Meter von ihrem Elternhaus, in dem sie heute zusammen mit ihren beiden Töchtern wohnt, stand im Zweiten Weltkrieg ein Hochbunker. In dessen Keller überlebten ihre Eltern am 24. Dezember 1944 einen Bomben-Volltreffer der Royal Air Force.

Das von Marion Niederdorf  geleitete städtische Tierheim an der Horbeckstraße beherbergt zurzeit 19 Hunde, 71 Katzen und 25 Kleintiere, darunter zum Beispiel diverse Hasen, die ein neues Zuhause suchen. Viele ihrer tierischen Gäste haben mit ihren früheren Haltern leider schlechte Erfahrungen gemacht.

Die Tage des in den 1996 eröffnete Foster-Baus an der Parsevalstraße sind gezählt. Vor zwei Jahren war Itellium hier einige Monate ansässig.

Monika Bentgen von der Kita Raadthäuschen öffnet den Besuchern den Gottesdienstraum der Christuskirche, in dem zurzeit das Inventar aus dem Haus Jugendgroschen zwischengelagert ist. Denn dort werden Flüchtlinge untergebracht. Derzeit betreuten sechs Erzieherinnen im Raadthäuschen 43 Kinder.

Diese 1960 von der Siedlergemeinschaft Raadt aufgestellte Gedenktafel erinnert an die Opfer des Luftangriffes, mit die Royal Air Force am 24. Dezember 1944 den als Militärflughafen genutzten Flugplatz Essen/Mülheim zerstören wollte.

Genuss im Grünen: Dafür steht heute der von Maik Wittenberg geführte Liebfrauenhof am Dümpelweg. An 1930 wurden hier erholungsbedürftige Kinder betreut. Die Initiative ging damals unter dem Eindruck der sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise (1929-1932) von Pastor Konrad Jakobs (1874-1931) und der katholischen Pfarrgemeinde St. Mariae Rosenkrannz aus.

Bis zum Anfang der 90er Jahre betrieb Winfried Trabandt (80) an der Windmühlenstraße noch Milch- und Viehwirtschaft. Heute hält er nur noch Hühner.


Dieser Text erschien am 7. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 18. September 2015

12 Uhr in der Stadtmitte: Rundgang durch eine erblasste Mitte

Alter Glanz an der Auerstraße

Die Stadtmitte ist mehr als Schloßstraße, Leineweberstraße und die Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz. Herbert Rauke und Petra Schön wohnen in der Innenstadt. Stehen als eherenamtliche Mülheimer Lotsen vor allem Senioren ials Wehweise mit Rat und Tat zur Seite, wenn es zum Beispiel um Fragen zur Stadtverwaltung, zu Sozialleistungen oder um die Bereiche Wohnen, Gesundheit, Pflege und alltagsunterstützende Dienstleistungen geht. Erreichbar sind die ehrenamtlichen Lotsen über das Sozialamt unter der Rufnummer 455 35 44. Das gilt auch für Ranghild Geck (Rufnummer: 455 50 07), die als Seniorenwohnberaterin beim Sozialamt für die Stadtmitte zuständig ist. Rund 6300 von 20.100 Bewohnern der Stadtmitte sind über 60. Ein Viertel. der Bewohner hat eine Zuwanderungsgeschichte. Rauke und schön empfinden ihren Stadtteil oft als „blass, leer und wenig attraktiv.“

Kunst am Bau an
der Zunftmeisterstraße


„Wenn sich Menschen heute in der Stadtmitte treffen, dann vor allem im Forum“, berichtet Geck. Seit der Tengelmann-Markt an der Ecke Leineweberstraße geschlossen hat, kann man nur noch im Forum Supermärkte für den täglichen Bedarf finden. Auch der marode Zustand der Gehwegplatten und rücksichtslose Rad-Raser regen nicht nur Anwohner an der Schloß- und Leineweberstraße auf.“Gastronomie allein macht es nicht und man sollte nicht alles vom ehemaligen Kaufhof-Gebäude abhängig machen“, wünscht sich die an der Unteren Schloßstraße ansässige Zei9tungshändlerin

Dorothea Schaaf einen ausgewogeneren und attraktiven Brachenmix für die Innenstadt. Schaaf kann sich noch gut an die 70er und 80er Jahre erinnern, als die Stadtmitte mit ihren abwechslungsreichen Einkaufsmöglichkeiten und gastronomischen Treffpunkt Menschen aus der gesamten Region anzog. Auch die  Verkhrsführung und die Ampelschaltung an der Innenstadt-Kreuzung ärgern nicht nur City-Bewohner.
 
Dieser Text erschien am 15. September 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Donnerstag, 17. September 2015

Um 12 Uhr bei Fliedner's oder: Ein Dorf macht gute Laune

Es ist ein Dorf im Dorf, das Dorf der Fliedner-Stiftung im Stadtteil Selbeck. Hier ist alles überschaubar. Eine Kirche und ein Rathaus gibt es hier ebenso, wie ein Bistro, einen Dorfladen und einen Dorffriseur. Straßennamen, wie Mühlenhof oder Birkenhof weisen  auf die lanwirtschaftliche Vergangenheit dieses Ortes im Mülheimer Süden hin. „Als man das Dorf von 1987 bis 1994 errichtete, dienten unter anderem skandinavische Ferienhäuser als Inspiration“, erzählt die Sprecherin der Fliedner-Stiftung, Claudia Kruszka, die ebenso als Scout dabei ist, wie Friedhelm Tissen und Uwe Wolfs. Tissen leitet den Wohnbereich für Menschen mit Behinderung, Wolfs das Wohnen im Alter. So viel ist sicher: Im Fliednerdorf lässt sich gut leben
Das zeigt sich auf den ersten und zweiten Blick. Jeweils 200 alte und behinderte Menschen haben hier eine gut behütete und betreute Heimat gefunden. Weitere 200 Einwohner haben sich mit ihren Familien einfach deshalb im Fliednerdorf niedergelassen, weil sie es hier  schön finden.

Das fällt auch dem Besucher nicht schwer, wenn er beim Bummel über die Wege und Plätze des Dorfes viele Grün- und Freiflächen sieht, die fast so etwas, wie Urlaubsgefühle aufkommen lassen.
 
Hier scheint kein Haus zu hoch und zu groß  und alle Zugänge ebenerdig. Ach, wäre es doch überall so in Mülheim. Dann könnte man dem demografischen Wandel der älter werdenden Stadt optimistischer entgegenschauen Integration und Inklusion sind im Fliednerdorf kein Thema. Sie werden praktiziert. Hier lebt man ganz selbstverständlich in jedem Alter mit und ohne Handicap miteinander oder auch neben einander. Das Dorf ist keine geschlossene Veranstaltung. Es lädt regelmäßig jeden ein, der kommen mag, ob zum Sommerfest, zum Weihnachtsmarkt, zum Live-Konzert, zur Theateraufführung, zum Publiv Viewing oder auch zur Karnevalsparty mit der Röhrengarde.


Dieser Text erschien am 9. September 2915 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...