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Dienstag, 19. Oktober 2021

Was soll(te) aus dem Kind werden?

 Arbeitslosigkeit, Arbeitsverdichtung, Fachkräftemangel, Stellenabbau, Firmenpleiten, Rationalisierung, prekäre Arbeitsverhältnisse. Das Berufsleben ist nichts für Feiglinge - war es früher aber auch nicht. Das zeigte jetzt eine Zeitzeugen-Lesung im Mülheimer Medienhaus.

Horst Heckmann (Jahrgang 1928), Dieter Schilling (Jahrgang 1939) und die 1949 geborene Jutta Loose erinnerten sich an ihre Berufsfindung nach dem Zweiten Weltkrieg. Dazu eingeladen hatten die Mülheimer Zeitzeugenbörse und das Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE).

Heckmann und Loose hatten vor ihrem Start ins Berufsleben die Volksschule besucht. Deren Name war damals Wirklichkeit. Denn zwischen 80 und 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen besuchten in den 1950er und 1960er Jahren die achtjährige Volksschule und starteten dann mit 14 ins Berufsleben. Der in Halle an der Saale aufgewachsene Dieter Schilling hatte zunächst die Grund- und dann die Oberschule der DDR besucht, ehe er sich vom Maschinenschlosser zum Ingenieur hocharbeiten konnte.

Als Jutta Loose nach Volks- und Hauswirtschaftsschule „1966 nicht weiter zur Schule gehen, sondern endlich Geld verdienen wollte“, konnte sie von einem Tag auf den anderen bei einem Hausarzt und Internisten eine Ausbildung als Arzthelferin beginnen. Die Arbeitsmarktlage war Mitte der 1960er Jahre entspannt. Die Arbeitslosenquote lag damals knapp über einem Prozent.

Dennoch war der Start ins Berufsleben für die junge Frau aus Dümpten kein Zuckerschlecken. „Meine Arbeitstage in der Praxis begannen damals in der Regel um 7 Uhr und endeten um 22 Uhr“, erinnert sich Loose. Dennoch sagt sie auch: „Die Arbeit hat uns Spaß gemacht, und wir hatten immer eine Bombenstimmung. Unser Chef lud uns mittags zum Essen ein und belohnte unsere Leistung mit einem großzügigen Freitagsbonus.“

Ihre Berufswahl hat sie nie bereut, „auch wenn meine Mutter lieber gesehen hätte, dass ich Abitur gemacht und anschließend studiert hätte“. Ihrem ursprünglichen Traumberuf Ärztin kam Jutta Loose als Arzthelferin sehr nahe. „Mein Chef hat mir immer freie Hand gelassen, ich durfte regelmäßig Weiterbildungen besuchen und so mein medizinisches Tätigkeitsfeld erweitern. Auch von den Patienten habe ich viel Dankbarkeit und Anerkennung erfahren“, betont Loose.

„Das Wort Traum vor dem Wort Beruf konnte ich streichen. Ich war nach dem Krieg mehr mit der Essenssuche, als mit der Berufsfindung beschäftigt“, erinnert sich der Styrumer Horst Heckmann. „Eigentlich wollte ich zur christlichen Seefahrt. 1944 habe ich meine Ausbildung an der Seemannsschule in Hamburg begonnen“, sagt Heckmann. Doch dann kamen Reichsarbeitsdienst, Wehrmacht, Krieg, Gefangenschaft und eine ihn körperlich überfordernde Episode als Bergmann auf der Heißener Zeche Wiesche.

Das Schicksal kam dem jungen Mann zu Hilfe. Im Herbst 1945 wollten sein Vater und er die Mutter aus der Thüringer Landverschickung zurückholen. Seine Eltern kamen zurück nach Mülheim. Doch Heckmann blieb in Thüringen, weil er dort „als Seiteneinsteiger nach einem pädagogischen Schnellstudium Volksschullehrer werden konnte, da man in der DDR alle in der NS-Zeit aktiven Lehrer entlassen hatte“. Das Unterrichten machte ihm so lange Freude, „bis der politische Druck auf meine Lehrinhalte und die zunehmende Bespitzelung mir zeigten, dass die DDR nur noch dem Namen nach demokratisch und tatsächlich zu einer stalinistischen Diktatur geworden war“.

So kam Horst Heckmann im Sommer 1954 als Flüchtling in seine Heimatstadt zurück. Doch seine Lehrerausbildung wurde hier nicht anerkannt. Er musste als Kaufmannslehrling ganz neu anfangen. Aber Heckmann machte seinen Weg, erst bei einer Möbelfirma und später bei der Privatärztlichen Verrechnungsstelle. „Das Berufsleben geht Umwege. Aber man darf nie aufgeben“, sagt Heckmann rückblickend.

Umwege musste auch Dieter Schilling gehen, der als Ingenieur in der DDR ein vergleichsweise privilegiertes, aber auch politisch angepasstes Leben voller Bespitzelung, Misstrauen und ohne Freiheit führte. „1982 nutzten meine Frau und ich einen Jugoslawien-Urlaub zur Flucht in den Westen, weil wir merkten, das wird hier immer schlimmer und wird über kurz oder lang mit einem riesigen Knall auseinanderfliegen“, erinnert sich Schilling. Sein Glück: Als Ingenieur fand er bei einem Duisburger Industrieunternehmen, das er bereits als DDR-Reisekader kennengelernt hatte, einen neuen Arbeitsplatz im freien und kapitalistischen Westen Deutschlands.Neue Gesichter sind den Mülheimer Zeitzeugen immer willkommen. Sie treffen sich an jedem dritten Mittwoch im Monat von 10 bis 12.30 Uhr in der Seniorenresidenz Sommerhof am Tourainer Ring/Ecke Hingbergstraße.

Manfred Zabelberg, der die 2011 gegründete Mülheimer Zeitzeugenbörse zusammen mit Brigitte Reuß leitet, würde sich insbesondere über Zeitzeugen freuen, die aus ihrer Erinnerung die deutsch-deutsche Geschichte nach 1945 beleuchten können.

Kontaktaufnahme ist möglich per E-Mail an: zeitzeugenboerse@gmx.de oder über das CBE an der Wallstraße 7 unter 0208-9706813.

Weitere Informationen zu den Zeitzeugen, die live und online Auskunft geben, findet man im Internet unter: https://unser-quartier.de/zzb-muelhei Gesichter sind den Mülheimer Zeitzeugen immer willkommen. Sie treffen sich an jedem dritten Mittwoch im Monat von 10 bis 12.30 Uhr in der Seniorenresidenz Sommerhof am Tourainer Ring/Ecke Hingbergstraße.

Manfred Zabelberg, der die 2011 gegründete Mülheimer Zeitzeugenbörse zusammen mit Brigitte Reuß leitet, würde sich insbesondere über Zeitzeugen freuen, die aus ihrer Erinnerung die deutsch-deutsche Geschichte nach 1945 beleuchten können.

Kontaktaufnahme ist möglich per E-Mail an: zeitzeugenboerse@gmx.de oder über das CBE an der Wallstraße 7 unter 0208-9706813.

Weitere Informationen zu den Zeitzeugen, die live und online Auskunft geben, findet man im Internet unter: https://unser-quartier.de/zzb-muelheim

NRZ/WAZ, 10.10.2021

Donnerstag, 30. Juli 2020

Auf den Spuren der NS-Zeit

Warum schreibt eine junge Mülheimerin ein Buch über die Mülheimer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus und warum lohnt sich dessen Lektüre? Ein Gespräch mit der Autorin und Verwaltungsmitarbeiterin Kyra Sontacki.

 

Wie kamen Sie zum Thema Ihres jetzt im Tectum-Verlag erschienen und für 26 Euro im Handel erhältlichen Buches?

Sontacki: Während meines Studiums habe ich im Rahmen Im Rahmen des Projekts „Spurensuche – die Stadtverwaltung Düsseldorf im Nationalsozialismus“ Personalakten aus der Zeit des Nationalsozialismus ausgewertet. Das hat mich für das Thema Stadtverwaltung im Nationalsozialismus sensibilisiert und interessiert. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, meine Bachelorarbeit über die Stadtverwaltung im Mülheim des Nationalsozialismus zu schreibenDer betreuende Professor Dr. Stefan Piasecki ermutigte mich anschließend, die Arbeit zu veröffentlichen und knüpfte Kontakte zum Verlag.


Auf welche Quellen konnten Sie zurückgreifen?

Sontacki: Mit Hilfe der Mitarbeiter des Stadtarchivs an der Von-Graefe-Straße konnte ich Personal,- Entnazifizierungs,- und Amtsakten auswerten. Außerdem habe ich ein Zeitzeugeninterview mit dem ehemaligen Haupt- und Personalamtsleiter Kurt Wickrath geführt, der 1940 in den städtischen Verwaltungsdienst eingetreten ist.


Zu welchen Erkenntnissen haben Ihre Recherchen geführt?

Sontacki: Ich habe unter anderem feststellen können, dass die Nationalsozialisten gezielt Parteigenossen in Amt und Würden gebracht haben, auch wenn diese keinerlei Verwaltungserfahrungen mitbrachten und ihre Arbeit deshalb nur unzureichend ausführen konnten. So wurde der Reichsbahninspektor Wilhelm Maerz 1933 Oberbürgermeister und der erwerbslose Alfred Freter nach einer Kurzausbildung zum Brandingenieur 1934 Chef der Mülheimer Feuerwehr, Beide waren bereits vor 1933 in die NSDAP eingetreten. 

Welche Folgen hatte diese parteipolitische Ämterbesetzung?

Sontacki: Der mit der Haushaltssanierung überforderte Oberbürgermeister Maerz musste 1936 sein Amt als Oberbürgermeister an den ausgewiesenen Verwaltungsfachmann Edwin Hasenjaeger abgeben, der sich bereits in Stolp und Rheydt als Oberbürgermeister bewährt hatte. Er sanierte die Finanzen der Stadt, wurde aber 1937 gezwungen Mitglied der NSDAP zu werdenFreters Mangel an Qualifikation zeigte sich laut Aussagen seiner Mitarbeiter beispielsweise an oft unsinnigen Befehlen während der Löscheinsätze.

 

Wie erging es Gegnern des NS-Regimes?

Sontacki: Sie wurden in der Regel aus dem Dienst entfernt. So wurden dem Oberbürgermeister Alfred Schmidt und Stadtbaurat Artur Brocke 1933 finanzielle Unregelmäßigkeiten angedichtet. Der Amtmann Peter Dreis wurde gegen Kriegsende inhaftiert, misshandelt und starb in der Haft, nachdem er alliierte Rundfunksender gehört hatte. Die jüdische Lehrerin Elfriede Löwenthal  wurde 1933 als Volksschullehrerin an der Mellinghofer Straße entlassen. Sie durfte nur noch an jüdischen Schulen unterrichten, ehe sie 1942 zunächst nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Der Kreisleiter der NSDAP Karl Camphausen und Oberbürgermeister Wilhelm Maerz erstellten nach 1933 schwarze Listen von Verwaltungsmitarbeitern, die aus dem öffentlichen Dienst entlassen werden sollten, weil sie zum Beispiel Juden oder Zeugen Jehovas waren oder weil sie vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der SPD oder der KPD angehört hatten.


Was wurde aus den nationalsozialistischen Verwaltungsspitzen?

Sontacki: Der 1936 entlassene Oberbürgermeister Wilhelm Maerz kehrte 1937 in den Dienst der Reichsbahn zurück und starb 1945 in Dresden. Der ehemalige Feuerwehrchef Alfred Freter, der während der Reichspogromnacht im November 1938 die Synagoge am damaligen Viktoriaplatz hatte niederbrennen lassen, kam nach Kriegsende in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde aus seinem Beamtenverhältnis entlassen. Er arbeitete später bei einer privaten Werksfeuerwehr und stritt sich mit der Stadt vor Gericht um  finanzielle Ansprüche. Die Prozesse zogen sich bis 1963 hin. Freter musste schließlich sämtliche Prozesskosten tragen und durfte keine Ansprüche mehr gegenüber der Stadt geltend machen, dafür wurde jedoch von der weiteren Strafverfolgung des Synagogenbrands abgesehen. Oberbürgermeister Hasenjäger  wurde 1945 von den Alliierten entlassen und nach seiner Entnazifizierung wieder eingesetzt, ehe er 1946 unter dem politischen Druck von KPD und SPD zurücktreten und in den Ruhestand gehen musste.

Was können wir aus Ihrem Buch lernen?

Sontacki: Dass wir als Bürgerinnen und Bürger wachsam sein sollten gegenüber kleinen und schleichenden Änderungen in unserem Handeln und der Gesellschaft an sich. Wertschätzung und der Kontakt auf Augenhöhe sind im Umgang miteinander enorm wichtig und es gilt zu verhindern, dass Menschen und Gruppen in unserer Stadtgesellschaft durch eine strukturelle Benachteiligung sozial ausgeschlossen und abgehängt werden. 

 

Zur Person:

Die 26-jährige Mülheimerin Kyra Sontacki hat nach ihrem Abitur an der Luisenschule (2013) bei der Stadtverwaltung Düsseldorf eine Ausbildung für den Mittleren Dienst abgeschlossen. Nach ihrem Wechsel zur Mülheimer Stadtverwaltung, studierte sie ab 2016 an der Fachhochschule für Polizei und Verwaltung des Landes Nordrhein-Westfalen. Ihr rechts,- wirtschafts- und verwaltungswissenschaftliches  Studium schloss sie 2019 mit einem Bachelor of Laws ab. Ihre Bachelorarbeit wurde mit 1,0 bewertet. Heute arbeitet sie im Sozialamt der Stadt Mülheim im Fachbereich für besondere Wohnformen.




Dieser Text erschien am 25. Juli 2020 in NRZ/WAZ

Montag, 16. Oktober 2017

Die Heinrich-Thöne-Volkshochschule an der Bergstraße: Ein Zeitsprung

Die VHS kurz nach ihrer Eröffnung im Jahr 1979
Foto: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
Die Volkshochschule an der Bergstraße steht nicht zum ersten Mal im Mittelpunkt politischer Kontroversen, seit sie aus brandschutztechnischen Gründen geschlossen ist.
Das historische Bild zeigt sie im September 1979. Damals lag ihre Eröffnung am 24. August 1979 gerade mal einen Monat zurück. Schon damals war ihr Bau und seine Kosten von 14,5 Millionen Mark (das wären heute etwa 7,25 Millionen Euro) ebenso umstritten, wie sein Name.

Die SPD hatte mit ihrer damaligen absoluten Mehrheit den Bau der VHS und ihre Benennung nach dem langjährigen sozialdemokratischen Oberbürgermeister Heinrich-Thöne gegen den Widerstand von CDU und FDP durchgesetzt.

Die VHS bestand 1979 genau 60 Jahre. Ihre Kurse fanden bis dahin in Schulräumen und dann auch im restaurierten Schloss Broich statt. Mit ihrer modernen, terrassenförmigen Architektur war die neue Volkshochschule, die damals von Norbert Greger geleitet wurde, ein Kontrapunkt zum alten Schloss Broich, dessen Ursprung bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht.

Die Befürworter der neuen VHS, allen voran der damalige Oberbürgermeister Dieter aus dem Siepen und der damalige NRW-Kultusminister Jürgen Girgensohn, sahen den ambitionierten VHS-Bau an der Bergstraße, als Beitrag für eine breite Weiterbildungsbewegung und als einen Beitrag zur Hebung der Lebensqualität.

Tatsächlich sollte die VHS, die im Wintersemester 1979/80 700 Kurse für 1700 Teilnehmer anbieten konnte nicht nur zu einem Haus der Erwachsenenbildung, sondern mir ihrem Forum auch zu einem beliebten Veranstaltungsort und Treffpunkt werden. 

Dieser Text erschien am 16. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...