Dienstag, 28. Februar 2023

Närrische Nachlese

 Seit Aschermittwoch ist also nun alles vorbei. Doch die mehr als 1000 aktiven Karnevalisten der Stadt gehen deshalb nicht in Sack und Asche. Für sie gilt, frei nach Sepp Herberger: "Nach der Session ist vor der Session." Das Beste an der jetzt abgelaufenen Fünften Jahreszeit war die Tatsache, dass sie nach der zweijährigen Corona-Zwangspause überhaupt wieder stattfinden konnte. Die Säle waren kleiner als früher und die Stadthalle, zumindest für die finanziellen Möglichkeiten der zwölf Karnevalsgesellschaften ein zu teures Pflaster.

Folgt man den Zahlen des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, müssen für den Festsaal der Stadthalle aktuell 6500 Euro berappt werden, und dass trotz eines 40-prozentigen Vereinsrabatts auf die reine Raummiete von 1400 Euro.

Nachdem auch die Alte Dreherei am Ringlokschuppen aus heizungstechnischen Gründen als närrische Hochburg ausfiel, sprangen Bürgergarten-Gastronom Jörg Thon und die Autohäuser Audi Wolf und Extra für die Karnevalsgesellschaften in die Bresche.

So konnten dort die Prinzenproklamation, die diesmal eine Proklamation der Kindertollitäten war, weil das große Stadtprinzenpaar schon am 11.11.2021 proklamiert worden war, über die Bühne gehen. Im Festsaal der Stadthalle verblieben allein der renommierte Prinzenball mit der Verleihung der Spitzen Feder an den Comedian und Musiker Dave Davis und die inklusive Karnevalsparty Grenzenlos.

Diese von Stadtwache und VBGS organisierte und vom städtischen Kulturbetrieb organisierte Musik- und Tanzveranstaltung konnte unter anderem mit dem Auftritt der legendären Dürscheider Mehlsäcke glänzen.

Funken und Blau Weiß mussten mit ihren Prunksitzungen in den Bürgergarten an der Aktienstraße ausweichen. Dass bedeutete für die beiden Gesellschaften: Nur 200 statt 350 zahlende Gäste, wie früher im Altenhof der Evangelischen Kirche. Doch die Kirche, die unter anderem mit ihren Karnevalsgottesdiensten auch Teil des närrischen Brauchtums ist, wollte ihr Haus zwischen Altenhof- und Kaiserstraße nicht länger als Narrenhochburg zur Verfügung stellen. Und der Saal des 2022 geschlossenen Handelshofes, der jetzt vor seinem Umbau zur Seniorenresidenz steht, war für die Karnevalisten schon länger Geschichte.

"So geht es für den Karneval nicht weiter!", sagte Stadtprinz Kevin Bongartz mit Blick auf die ungeklärte Saalfrage des organisierten Frohsinns, bei der Schlüsselrückgabe am Veilchendienstag in der Rathausbibliothek. Und Oberbürgermeister, Marc Buchholz, den die Möhnen nach ihrem Rathaussturm am Altweiberdonnerstag als Putz-Clown dazu verdonnert hatten, sich "um den letzten Dreck zu kümmern", will sich jetzt mit Mülheims Chefkarnevalisten Markus Uferkamp und Hans Klingels um praktikable Lösungen der Saal-und-Sponsoren-Frage kümmern. Man darf gespannt sein. Rosenmontagsfahrer Buchholz hatte selbst die rund 30.000 begeisterten Jecken an der vier-Kilometer-langen Zugstrecke durch die Innenstadt gesehen. 

Dass der Rosenmontagszug mit seinen 24 Wagen und 1000 aktiven Teilnehmern Kamelle, Bälle, Gebäck, Schokoriegel und Plüschtiere unters närrische Volk bringen konnte, war dem finanziellen Einsatz der Jecken und ihren Sponsoren Westenergie, RWW, Dekra und Selgros zu verdanken. Auch die Karnevalssponsoren Hagebaumarkt und Autohaus Extra waren mit ihren Zugabsperrungen und mit ihren Prinzenmobilen wieder mit von der närrischen Partie. Nicht von ungefähr wurde der Geschäftsführer des Autohauses Extra, Jörn Backhaus, in dieser Session in den ausgezeichneten Kreis der "Mölmschen Narren" aufgenommen, die sich um die Förderung des karnevalistischen Brauchtums verdient gemacht haben. Mit von der närrischen Partie waren auch am Rosenmontag wieder die Helfer, Ordner, und Großreinemacher des Technischen Hilfswerkes, des Deutschen Roten Kreuze, der Vollmergruppe, des Ordnungsamtes, der MEG und der Polizei.


Mülheimer Karneval & Mülheimer Presse


Mittwoch, 22. Februar 2023

Jugend in der Bütt

 Jung, jeck und bühnenreif: Der 21-jährige Julien Wolter gehört zu den wenigen Büttenrednern im Mülheimer Karneval

Julien Wolter (21) ist eine Ausnahmeerscheinung. Der junge Jeck feiert nicht nur Karneval. Er macht ihn auch, zum Beispiel als Büttenredner. Wie kam es dazu? „Ich bin da hineingeboren worden“, sagt Wolter. Seine Mutter Stefanie war früher Tanzgardisten beim Mülheimer Carnevalsclub MCC und ist heute Trainerin der Tanzgarde.

Wolter bedauert es, dass seine Altersgenossen dem Karneval reserviert gegenüberstehen und meistens auch mit Büttenreden nur wenig anfangen können. „Dabei gehört die Büttenrede unbedingt zum Karneval. „Karneval ist doch mehr als nur Party. Im Karneval kann man den Leuten den Spiegel vorhalten und sagen, was Sache ist, ohne dass einem jemand böse dafür ist“, sagt Wolter.

Seine Bühnen-Vorbilder findet er im seligen Hans Süper vom Colonia-Duett und im Gott sei Dank noch quicklebendigen Blötschkopp, alias Marc Metzger. Er bewundert die humoristische Spitzfindigkeit, die fröhliche Unverfrorenheit und die Spontanität, mit der die Büttenredner-Profis auf Einwürfe aus dem Publikum eingehen und auch Prominente im Publikum auf die Schippe nehmen.

„Wer eine gute Büttenrede halten möchte, muss möglichst aktuell und deshalb politisch interessiert sein“, sagt der ehemalige Jugendstadtrat und angehende Verwaltungsbeamte, der sich politisch in der SPD engagiert. Regelmäßig liest er die Zeitung, informiert sich im Internet und geht mit offenen Augen durch die Welt. Den Stoff, aus dem Büttenreden sind, findet er im ganz normalen Wahnsinn des Lebens.

Spätestens Ende September beginnt er mit der Vorbereitung für seine Büttenreden, die er zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch hält. Seinen satirischen Rohstoff, sammelt er vorzugsweise im elektronischen Notizbuch seines Smartphones. Von da aus findet es seinen Weg in Wolters Notebook und dann aufs Papier. Er ist davon überzeugt, dass die Büttenrede auch bei seinen Altersgenossen eine Renaissance erleben kann, wenn man die politische Bildung, auch jenseits des klassischen Schulunterrichtes, ansprechend und lebensnah gestalten würde. Nur so kann man in Wolters Augen die Grundlage schaffen, die eine pointen- und anspielungsreiche Büttenrede erst möglich und zu einem Genuss macht.

 Besonders gerne schießt der junge Büttenredner gegen die politischen Bauernfänger, die laut, aber oft auch geistlos und gefährlich sind. Von seinen Fernseh- und Youtube-vorbildern Hans Süper und Marc Metzger schaut er sich ab, wie man Themen aufs Korn nimmt, satirisch zuspitzt und sie närrisch auf den Punkt bringt, ohne sich dabei unter die Gürtellinie zu gehen. „Das Schöne ist, dass ich als Hoppeditz und als Büttenredner in eine Rolle schlüpfe, in der ich sagen kann, was ich will und was ich für richtig halte, ohne dass mir nachher jemand böse sein kann“, betont Wolter. Für den jungen Mann aus der Bütt gibt es aber auch Themen, die er sich erspart, weil sie, wie etwa Krieg, Krankheit und Tod, einfach nicht lustig sind.

Inzwischen ist das Nachwuchstalent nicht nur in seiner eigenen Gesellschaft, sondern auch bei der befreundeten KG Mölm Boowenaan in die Bütt gestiegen und mit seinen Pointen und Spitzen bwim Publikum gut angekommen.

Doch er merkt, dass es Wortbeiträge im Saalkarneval schwerer haben als Tanz- und Musikshows. „Ich möchte meinen Zuhörern etwas mitgeben und baue auch gerne den einen oder anderen politischen Appell mit ein. Meine Büttenreden dauern in der Regel 20 bis 30 Minuten. Aber es gibt viele Menschen, denen es schwerfällt, sich auf einen längeren Wortbeitrag zu konzentrieren,“ schildert Wolter seine Erfahrungen. Deshalb redet er in der Bütt auch nicht gereimt, sondern prosaisch und pointenreich, um es seinen Zuhörern und sich leichter zu machen.

Sein erster Lehrmeister in Sachen Büttenrede war der 2021 verstorbene Präsident des Mülheimer Carnevalsclubs und Ex-Stadtprinz Klaus Groth. Bei ihm hat er gelernt, wie man sich auf der Bühne bewegen, positionieren und sprechen muss, um sein Publikum einzufangen. Groth, dem Wolter oft als Page assistiert hat, war Büttenredner, Sitzungspräsident und Mitglied eines Männerballetts.

Von ihm und vom vom 2020 verstorbenen Ex-Stadtprinzen Hermann-Josef Hüßelbeck hat, hat er auch gelernt, das Lampenfieber kein Grund ist, um nicht auf die Bühne zu gehen, sondern dass es verfliegt, sobald man die ersten Lacher auf seiner Seite hat. „Klaus Groth hat mir beigebracht, mir immer einen festen Punkt im Publikum zu suchen und so im Augenkontakt mit dem Publikum zu bleiben, statt nur auf sein Skript zu schauen. Außerdem habe ich bei ihm gelernt, dass ich als Rechtshänder das Mikrofon in der linken Hand halten muss, damit ich mit der rechten Hand meine Rede gestenreich unterstreichen kann“, berichtet Wolter. Um seine Büttenrede gut über die Bühne und an die Frau und den Mann im Publikum zu bringen, trägt Wolter seine Rede erst im Familienkreis vor, ehe er damit ins Rampenlicht des Mülheimer Saalkarnevals tritt.

Auch wenn er sieht, dass sich viele Menschen nach der Corona-Zwangspause und vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage schwer damit tun Karneval zu feiern, ist Wolter davon überzeugt, dass es aller Mühen wert ist, sich für den Karneval zu engagieren, weil er Menschen aus allen Generationen und sozialen Schichten für ein paar Stunden zusammenführen und ihnen hilft, die Schwere ihres Alltags gegen die Leichtigkeit des Seins einzutauschen. Wolter glaubt, dass der Karneval die Lebensfreude und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen fördert. Auch wenn seine Gesellschaft den Spaß an der Freude in Pflegeheimen verbreitet, erlebt Wolter den an den dankbaren Reaktionen des betagten Publikums, das Karneval nicht nur Spaß, sondern auch Seelsorge und Sozialarbeit sein kann. 

Von Julien Wolter notiert und in der Bütt gesagt:

„Den Ernst der Corona-Lage haben allerdings noch nicht alle begriffen. Plötzlich rennen hunderte Menschen mit lustigen Hüten durch Berlin und rufen irgendeinen Unsinn. Nein, leider kein vorgezogener Karneval, sondern Menschen, die offensichtlich zu nah an der Hauswand geschaukelt haben. Unter denen, die sich an die Verordnungen gehalten haben, scheinen sich viele die Lock- Down-Zeit damit zu vertreiben, ihre Wohnungen mit Klopapier zu tapezieren. Naja, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. (…) „Achtung, jetzt wirds Politisch… bla bla bla bla AfD, bla bla bla alle bekloppt bla bla… aber e gab wirklich spannende Dinge! Ja, wir hatten sogar einen Bürgerentscheid. Nein nicht über die Stadthallenmiete, über die VHS. Das ging so aus wie beim Brexit. Viele haben das nicht ernst genommen und nicht abgestimmt. Und jetzt haben wir den Salat. Mülheim ist demnächst die einzige Stadt, die eine Volkshochschule in einem gepflegten Denkmal und Schulen als Ruinen hat, weil das Geld zur Renovierung fehlt. Aber wir sind auch die einzige Stadt, die eine Fraktion im Rat hat, die zwar eine grosse Klappe, die aber kein Mensch gewählt hat, weil es sie bei der Wahl gar nicht gab. Und noch einmal zur Bildung. Bildung ist gerade heute sehr wichtig. Denn sie ist doch die Grundlage dafür, sich eine fundierte Meinung zu bilden und nicht einfach eine zu haben, die dir andere vorgeben. Ich will jetzt nicht zu politisch werden. nur noch eins. Lasst euch nicht von den populistischen Schlickefängern einfangen. Denkt immer daran, vor Gott und im Karneval sind alle Menschen gleich. (…) „In der Mülheimer Politik hat sich auch etwas getan. Auf der einen Seite sollen Gelder für Offene Ganztagsgrundschule und Stadtteilbibliotheken gestrichen, während auf der anderen Seite zwei neue Dezernenten eingestellt werden. Mein Vorschlag hier lieber Herr Oberbürgermeister: Statt die Stadtteilbibliotheken zu schließen, könnten Sie die Büros Ihrer neuen Dezernenten in eben diese verlagern, damit die beiden dann Bücher rausgeben und nebenbei ihre Dezernentenarbeit verrichten können. So haben Sie beide Fliegen mit einer Klappe geschlagen, Geld eingespart und die Kinder dieser Stadt nicht mit miesen Ideen benachteiligt.“


Meine Beiträge in der Mülheimer Presse

Sonntag, 19. Februar 2023

Was kommt vor dem Auftritt?

 Karneval macht nicht nur Spaß, sondern auch Arbeit. Das begreift man sofort, wenn man im Bürgergarten sieht, was vor dem Auftritt bei der 76. Prunksitzung der KG Blau Weiß am kommenden Samstag, 18. Februar, ab 19.11 Uhr zwischen Soundcheck, Tischdekoration, Probe  und Training auf die singenden, tanzenden und musizierenden Aktiven der mehr als 250 Mitglieder starken Gesellschaft zukommt.

Bevor sich Tanzmariechen Janina Cervino-Santarelli (23) dem Gespräch mit der Lokalredaktion widmen kann, geht sie mit Kindertanzmariechen Leara Lersch (10) auf der sechs-mal-vier-Meter-großen Bühne die Grundschritte ihrer Choreografie durch. Man sieht dem kleinen und dem großen Tanzmariechen an, dass ihnen ihre Tanzshow Freude macht. „Natürlich kommt es darauf an, dass man jeden Schritt richtig austanzt. Aber die Ausstrahlung ist das A und O“, sagt Janina, die sich nach 14 Jahren als Tanzmariechen inzwischen selbst trainiert.

Gardeuniformen und Showkostüme sucht man beim Probetraining auf der bereits von Scheinwerfern beschienen und mit dem beleuchteten Wappen der KG Blau Weiß geschmückten Bühne vergeblich. Stattdessen wird in enganliegenden Jogginghosen, T-Shirts und Gymnastikschuhen getanzt. „Ein Auftritt in dieser Trainingskleidung ist natürlich bequemer, aber für die Show am Samstagabend müssen es nun einmal die blauen Gardeuniformen mit weißen Stiefeln und die Zirkuskostüme mit Artistenstock sein“, sagt Janina Cervino-Santarelli.

Sie ließ sich vor 14 Jahren von der Tanzbegeisterung ihrer Cousine Jacqueline begeistern und zu den blau-weißen Karnevalsfreunden verführen. Inzwischen hat sie selbst ihre jüngeren Schwestern Joana (21) und Jaymee (10) in die Tanzgarde der KG Blau Weiß geholt, die vor Corona im Herz-Jesu-Pfarrheim an der Ulmenallee und im Altenhof an der Kaiserstraße trainiert haben und aufgetreten sind. Auf die Evangelische Kirche, die den Altenhof für Karnevalsveranstaltung kurzfristig gesperrt hat, ist man bei den Blau Weißen im Bürgergarten gar nicht gut zu sprechen. „Darüber müsste man mal in der Zeitung schreiben“, wirft der Präsident und Chef-Entertainer der KG Blau Weiß Thomas („the Voice“) Straßmann ins Bühnengespräch mit Janina Cervino-Santarelli ein.

„Die Bühne im Altenhof war mit vier-mal-acht-Metern für unsere Tanzshow perfekt. Aber wir sind dem Gastronomen Jörg Thon dankbar dafür, dass er den Roten Funken und uns seinen Saal für unsere Prunksitzung kurzfristig zur Verfügung gestellt hat“, sagt Cervino-Santarelli. Das sie im kleineren Saal des Bürgergartens nur vor 200 statt, wie im Altenhof, vor 350 Jecken tanzen wird, mindert ihre Motivation nicht im Geringsten. „Ich bin ein Energiebündel und trotz meines Lampenfiebers eine Rampensau. Tanzen ist für mich Alles. Und ich liebe es, meine Energie in eine coole Tanzshow hineinfließen zu lassen, die das Publikum begeistert. Wenn man fünf bis sechs Minuten im Rampenlicht steht, alles gibt und das Publikum am Ende begeistert Standing Ovations gibt, ist das einfach ein geiles Gefühl“, sagt Janina Cervino-Santarelli.

Doch vor diesem „geilen Gefühl“ kommen zweimal-vier-Stunden Training pro Woche. Außerdem trainiert die gelernte Automobilkauffrau, die zurzeit noch im Leitungsteam des kommunalen Impfmanagements arbeitet, mit regelmäßigem Jogging ihre Kondition, um, wie sie sagt: „auf mehreren Hochzeiten tanzen zu können.“ Denn Janina Cervino-Santarelli, die künftig im Vertrieb oder im Marketing und irgendwann einmal im Eventmanagement arbeiten will, hat nicht nur als Solo-Mariechen, sondern auch als Tanzgardistin und als Showgirl der Blue Sensations ihren Auftritt.

Ihr Trainingsquartier, ein 50 Quadratmeter großer Raum in einem ehemaligen Wettpavillon der Rennbahn Raffelberg, ist der so gar nicht glamouröse Ort, an dem vor, während und nach der Session ihre, mal anmutigen und mal athletischen Tanzfiguren mit Spitzen-Tanz, Radschlägen und Spagat entstehen. Doch vor jeder noch so anspruchsvollen Choreografie kommen im Training und vor dem Auftritt 25 Minuten Aufwärmen und Dehnen. „Als ich einmal geglaubt habe, dass zehn Minuten Aufwärmen und Dehnen vor dem Auftritt reichen, habe ich mich mit einem Bänderriss eines Besseren belehren lassen müssen“, erinnert sich Janina Cervino-Santarelli.

Der jungen Powerfrau, die nicht nur am kommenden Samstag auf der Bühne des Bürgergartens tanzen, sondern schon tags zuvor an gleicher Stelle als Matrosin ab 15 Uhr den Kinderkarneval moderieren wird, sofort glauben, wenn sie mit ihrem jugendlichen Schwung sagt: „Auch wenn die Coronapandemie unsere Reihen dezimiert hat, kann der Mülheimer Karneval wieder das starke Niveau erreichen, dass er vor drei und vier Jahren hatte, wenn sich einige Mülheimer, die dem Karneval jetzt noch skeptisch gegenüberstehen, ihren Hintern in die Hand nehmen und zu einer coolen Veranstaltung gehen, am besten zu einer der KG Blau Weiß, um sich ihre eigene Meinung über die Fünfte Jahreszeit zu bilden, in der man gemeinsam mit anderen frei und fröhlich sein kann.“ 

Samstag, 18. Februar 2023

Verbotene Kostüme

 Auch in Mülheim gehen die Karnevalisten auf die Zielgerade der fünften Jahreszeit. Rechtzeitig vor dem Beginn der Tollen Tage hat auch der Geschäftsführer des Hauptausschusses Gross-Mülheimer Karneval, Hans Klingels die Presseberichterstattung zu den Kostümen zur Kenntnis genommen, bei denen der Gesetzgeber auch an den Tollen Tagen keinen Spaß versteht.

 

Wer zum Beispiel unter dem Deckmantel der karnevalistischen Kostümierung Uniformen und Abzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen trägt, kann nach §86 des Strafgesetzbuches ebenso mit Geld- oder Haftstrafen belangt werden, wie (nach §132 und 132a des Strafgesetzbuches) Narren, die sich unter dem Vorwand der Verkleidung mit authentischen Uniformen der Polizei, der Feuerwehr oder der Bundeswehr unter die Jecken mischt und es dabei lustig findet, sich als Polizeibeamter, als Soldat oder als Feuerwehrmann auszugeben. Auch dann geht der Schuss finanziell und juristisch nach hinten los, sobald man sich als kostümierter Jeck tatsächlich mit einer echten Waffe oder mit einer Waffenattrappe ausstattet. In diesen Fällen drohen Jecken aufgrund des Waffengesetz-Paragrafen42a Bußgelder in Höhe von bis zu 10.000 Euro. Das illegale Tragen einer Dienstuniform in Tateinheit mit Amtsanmaßung kann mit bis zu einem Jahr und das Tragen von Uniformen verfassungsfeindlicher Organisationen mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft werden.

 

Hans Klingels sagt: „Über dieses Thema mussten wir als Mülheimer Karnevalisten bisher nicht nachdenken, weil es in Mülheimer Karneval, kein Thema ist und hoffentlich auch kein Thema werden wird!“

Auf Anfrage der Lokalredaktion äußert sich Stadtsprecherin Britta Heidemann ähnlich, in dem sie feststellt: „Das Ordnungsamt der hat in der Vergangenheit mit diesen Fragestellungen keinerlei Berührungspunkte gehabt. Solche Fälle sind noch nicht an uns herangetragen worden und wären wohl eher ein Straftatbestand, also Sache der Polizei, denn eine Ordnungswidrigkeit.

 

Was sagt also die Polizei, die den Rosenmontagszug als größte Freiluftveranstaltung der Stadt mit ihren Beamtinnen und Beamten absichert, zu den „verbotenen Kostümen“? Mit Blick auf seine eigene elfjährige Polizeierfahrung und auf die Erkenntnisse aus den polizeiinternen Nachbesprechungen der Rosenmontagseinsätze sagt Polizeisprecher, Pascal Pettinato: „Verbotene Kostüme kommen, wenn überhaupt und vereinzelt vor und stellen deshalb für uns kein sicherheitsrelevantes Problem dar. Wenn Kollegen aber beim Rosenmontagzug jemanden sehen würden, der zum Beispiel NS-Uniform mit Hakenkreuzbinde und SS-Runen oder eine Polizeiuniform mit dem Hoheitszeichen des nordrhein-westfälischen Landeswappens trägt, die nicht eindeutig als Kostüm zu erkennen ist, würden sie eine Strafanzeige schreiben und diese an die Staatsanwaltschaft weiterreichen.“ Das Gleiche gilt, laut Pettinato, auch für „PBT-Waffen und Waffen, die den Anschein erwecken, echte Waffen zu sein“ und damit im Straßenkarneval eine Massenpanik auslösen könnten. Als PBT-Waffen gelten zum Beispiel Schreckschuss, Luftdruck- oder Gaspistolen, mit denen man zum Beispiel Platzpatronen, Reizstoffe, Signalfarben und pyrotechnische Ladungen verschießen kann.“ Auch närrische gesonnene Polizeibeamte, die sich in ihrer Freizeit als Jeck ins Getümmel der Tollen Tage werfen wollen, müssen ihre Dienstkleidung zu Hause lassen und dürfen diese nicht zum Kostüm umfunktionieren. „Wir sind aber keine Moral-Polizei, die zum Beispiel darüber entscheidet, ob zum Beispiel eine Verkleidung als Indianer oder als Scheich politisch korrekt oder unkorrekt ist“, betont Polizeisprecher Pettinato.

 

Obwohl es an der Otto-Pankok-Schule an den Tollen Tagen eine von der Schülervertretung organsierte Karnevalssitzung für die fünften Klassen gibt, die in diesem Jahr aber Corona-bedingt ausfällt, mussten sich Schulleiter Jens Schuhknecht und sein Stellvertreter Ulrich Bender bisher noch nie mit verbotenen Kostümen oder gar mit Waffenattrappen auseinandersetzen. „Wenn dem so wäre würde wir das natürlich sehr ernsthaft ansprechen und aufarbeiten. Aber bisher hatten wir es vereinzelt lediglich mit Schülern zu tun, die Abi-Feiern mit Wasserspritzpistolen unterwegs waren“, erklärt Schuhknecht im Gespräch mit dieser Zeitung.

 

Seine Amtskollegin, Heike Quednau von der Karl-Ziegler-Schule teilt der Lokalredaktion mit: „An der Luisenschule gibt es keine schulische Karnevalsfeier. Am Rosenmontag ist die Schule geschlossen. Aus diesem Grund tritt bei uns die Frage nach Verkleidungen nicht auf.“ Ähnliches lässt die Rektorin der Realschule Stadtmitte, Sabine Dilbat, verlauten. Sie erklärt auf Anfrage dieser Zeitung zum Thema Verbotene Kostüme: „An der Realschule Stadtmitte kommt nur vereinzelt der Wunsch nach einer Kostümierung in den unteren Jahrgängen auf. Aufgrund der augenblicklichen Situation in der Ukraine und dem Erdbebengebiet, sehen wir aber von solchen Feierlichkeiten ab. Wir haben einen hohen Anteil von SchülerInnen aus der Türkei und aus Syrien.

 

Auch für den Leiter der Gustav-Heinemann-Schule, Thomas Ratz, „stellt sich das Problem nicht, weil sich bei uns nur die Fünft- und Sechstklässler verkleiden.“ Doch Ratz macht auch deutlich: „Wenn Schüler mit ihren Spielzeugwaffen Leute bedrohen würden oder in der Uniform einer verfassungsfeindlichen Organisation auftreten würden, wären wir natürlich sofort am Start, so wie wir auch jede Hakenkreuzschmiererei an unserer Schule sofort dem Staatsschutz melden.“


Meine Texte in der Mülheimer Tagespresse und: Zum Mülheimer Karneval



 

Mittwoch, 15. Februar 2023

Mal jemand anderes sein!

 Kleider machen Leute, auch wenn sie im Karneval als Kostüme daherkommen: Eine närrische Umfrage zur Fünften Jahreszeit

Als was gehst  du? Karnevalsmuffel werden diese Frage nicht verstehen, doch die mölmschen Jecken umso mehr. Denn mit dem Februar hat die heiße Phase der Fünften Jahreszeit begonnen. Der Mülheimer Carnevalsclub MCC und die Mölmschen Houltköpp haben mit ihrer Kostümsitzung eine alte Karnevalstradition wieder aufleben lassen. Am kommenden Samstag, 11. Februar, feiern sie, närrisch kostümiert, im Dümptener Autohaus Extra und im Stadthallenrestaurant an der Schloßbrücke. Los geht’s beim MCC um 19.11 Uhr an der Fritz-Thyssen-Straße 6 und um 20.11 Uhr bei den Mölmschen Houltköpp im Caruso.

Vor den Kostümsitzungen, bei denen man als Jeck mal ganz anders sein und auftreten kann, als man es sonst tut, hat die Lokalredaktion Mülheimerinnen und Mülheimer gefragt, als was sie in der Fünften Jahreszeit schon mal gegangen sind oder gerne gehen würden, und was sie mit ihrer Kostümwahl verbinden.

Die Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt, Michaela Rosenbaum, berichtet: „Mein Lieblingskostüm war im Rahmen eines Gruppenkostüms zum Thema Fliegen der Bodenlotse! In Kombination mit dem Piloten und den Flugbegleiterinnen konnte ich alle in die richtige (Party)-Richtung lotsen. Wir hatten viel Spaß - und auch unser Umfeld fand das Gruppenkostüm äußerst originell.“

Rosenbaums Amtskollege, Frank Esser, von der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft sieht sich „zwar nicht als Vollblutkarnevalist“, feiert aber trotzdem gerne Karneval. Esser und seine Frau Yvonne bevorzugen den „karnevalistischen Partnerlook als Biene Maja und Willy. Dabei fühlt sich der Borussia-Dortmund-Fan Esser im tierisch tollen schwarz-gelben-Bienen-Kostüm, Marke gekauft, aber mit selbstgemachten Accessoires aufgehübscht, „pudelwohl“!

 Als Präsident des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval kann es sich der Unternehmer Markus Uferkamp leicht machen. Qua seines närrischen Amtes tritt er regelmäßig in einer schwarz-weißen Anzugkombination mit Narrenkappe auf. Doch er kann auch anders und erinnert sich deshalb gerne an seine kostümtechnische Karnevalskarriere, wenn er sagt: „Ich habe immer gerne Karneval gefeiert und mich gerne verkleidet. In meiner Kindheit war ich zum Beispiel Indianer und Cowboy. Später warf ich mich aber auch  als Pirat, als  New York Police Cop, als Rocker, als Clown und als Space Man ins närrische Getümmel. Aber mein schönstes Kostüm war in der Session 2009/2010 mein Kostüm als Stadtprinz der Stadt Mülheim an der Ruhr, an der Seite meiner Prinzessin und Ehefrau Sandy. Ich verbinde damit eine wunderschöne Zeit im Mülheimer Karneval, auf die ich bis heute noch gerne zurückblicke.“

Die unvergesslichen Eindrücke einer Safari in Südafrika haben den Mülheimer IT-Unternehmer und Ehrensenator des Mülheimer Karnevals, Gerald Schiffmann, auch zu seinem gekauften, aber anschließend eigenhändig aufgepepptem Lieblingskostüm inspiriert. „Als Giraffe war ich dann aber so lang, dass ich Probleme dabeihatte, durch den Eingang des Festsaales zu kommen“, erinnert sich der 1,93-Meter-Mann, der nicht nur an der Ruhr, sondern auch am Rhein im Saalkarneval unterwegs ist.

Wie wir seit Gottfried Kellers gleichnamiger Novelle wissen, machen Kleider Leute. So trug der evangelische Pfarrer Michael Manz aus Styrum als Festprediger der Karnevalsmesse in Herz Jesu nicht nur seinen schwarzen Talar, sondern auch seine Narrenkappe als Ehrensenator des Mülheimer Karnevals. Kein Wunder also, dass der frohsinnige Mann der Frohen Botschaft am kommenden Sonntag, 12. Februar um 11 Uhr zu einem Karnevalsgottesdienst in die Immanuel-Kirche an der Kaiser-Wilhelm-Straße 21 einladen wird. Und im Rosenmontagszug, so verrät er der Lokalredaktion, wird er am 20. Februar ab 14 Uhr als Regenbogen-Mann mitfahren. „Denn“, so Manz: „Der Regenbogen ist eines der wichtigsten Symbole unseres Glaubens und gerade in diversen aktuellen Lebenssituationen von Bedeutung. Denn wir Menschen sind so bunt wie der Regenbogen und die Liebe Gottes ist eben ein bunter, strahlender Regenbogen!

Auch sein katholischer Amtskollege, Glaubensbruder und närrischer Gesinnungsgenosse Michael Janßen, Pfarrer in St. Mariae Geburt, Stadtdechant und Ehrensenator des Mülheimer Karnevals, ist als regelmäßiger Rosenmontagsfahrer und Mitautor des mölmschen Narrenkuriers der karnevalistischen Kostümierung nicht abgeneigt. „Seit 2015 fahre ich als Hirte verkleidet im Rosenmontagszug mit und werde das auch am kommenden Rosenmontag so tun, weil das einfach gut dazu passt, was als Seelsorger meine Lebensaufgabe und mein Herzensanliegen ist. Ich bin der Dame aus unserer Gemeinde, die mir den mit einem Schafspelz besetzten Hirtenmantel genäht hat, sehr dankbar. Denn ich greife immer wieder gerne auf das Hirten-Kostüm zurück, dass auch vielen Menschen gefällt, die mich darin beim Rosenmontagszug gesehen und wiedererkannt haben. “

Mülheims sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter, Sebastian Fiedler, der zuletzt auch beim Mülheimer Prinzenempfang im Saarner Autohaus Wolf gesichtet wurde, war vor seinem Einzug ins Parlament Bundesvorsitzender der deutschen Kripo-Beamten. Als politisch denkender Kriminalist ist er mit fast allen kriminellen und närrischen Lebenslagen vertraut. Auch wenn er als Politiker regelmäßig im Anzug auftritt, kann er im Karneval auch mal zum Rockstar werden. Fiedler erinnert sich gerne: „Vor vier Jahren habe Ich mich für eine Karnevalssitzung als Freddy Mercury verkleidet und ging gemeinsam mit meiner als Amy Winehouse verkleideten Frau und einigen Freunden auf die "Röschen Sitzung" der Rosa Funken in Köln. Die Sitzung ist ein Kontrapunkt der Queer-Community zum traditionellen Karneval. Die buchstäblich handgemachte Sitzung war ein riesiger Spaß. Wie es der Zufall wollte, saßen wir ausgerechnet mit Hella von Sinnen am Tisch, die vor vielen Jahren einmal das Vorgängerformat, die Rosa Sitzung, ersonnen hatte.“

Werbe-Texterin Christine Stehle, Initiatorin der mit dem Mülheimer Heimatpreis ausgezeichneten Zeitschenker, die in Pflegeheimen regelmäßig demenziell veränderte Menschen besuchen, zählt die von ihrer Mutter selbstgenähte Kostümierung als vierjähriger Gartenzwerg mit roten Herzen auf den Pausbacken „zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit.“

Der Mülheimer Maler und Autor, Bernd Kirstein, war in den Karnevalszeiten seiner Kindheit vor allem als Cowboy mit Sheriff-Stern unterwegs, „weil ich damals gerne als Sheriff in den Karl-May-Filmen mitgespielt hätte, um dort für Recht und Ordnung zu sorgen!“

Samstag, 4. Februar 2023

Machtübernahme in Mülheim

 30. Januar 1933. Der Tag, an dem Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte, hat auch das Leben in unserer Stadt für immer verändert. Auch in Mülheim fand der Diktator seine Anhänger, Helfer und Helfershelfer.

Zum Jahreswechsel 1932/33 war Mülheim von den sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise gezeichnet. 17.000 der damals 128.000 Mülheimer waren erwerbslos. In Deutschland waren es sechs von 64 Millionen Menschen. Nicht nur die damals von dem Juristen Dr. Alfred Schmidt geführte Stadt Mülheim konnte die steigenden Sozialhilfekosten kaum noch bezahlen. Öffentliche Suppenküchen hatten Hochkonjunktur. Die Massenarbeitslosigkeit wog besonders schwer, weil die allermeisten Familien damals vom alleinverdienenden Familienvater abhängig waren. Begonnen hatte die Weltwirtschaftskrise, die den Aufstieg der NSDAP begünstigte, mit dem Zusammenbruch der New Yorker Börse. Wenige Monate zuvor war ein Nationalsozialist nach der Kommunalwahl in den Stadtrat eingezogen. Nach der Kommunalwahl vom 12. März 1933 bestand die von dem Buchhalter Karl Camphausen angeführte Ratsfraktion der NSDAP aus 23 Stadtverordneten. Jetzt konnte Camphausen seine Anstellung als Buchhalter bei der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft aufgeben und stattdessen hauptamtlich als Kreisleiter der NSDAP agieren. Sein Arbeitsplatz befand sich, im Haus, das bis heute gegenüber des Rathausturmeingangs steht und damals Horst-Wessel-Haus hieß. Benannt war die Parteizentrale nach dem 1930 von Kommunisten getöteten SA-Mannes Horst Wessel. Dessen Vater Wilhelm war von 1908 bis 1913 evangelischer Pfarrer an der Petrikirche.

Schon bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 war die NSDAP auch in Mülheim (mit 37,5 Prozent der Stimmen) zur stärksten Partei geworden. Am Tag vor der Wahl hatten Nationalsozialisten und Deutschnationale mit einer Kundgebung auf dem Rathausmarkt um Wählerstimmen geworben. Prominentester Teilnehmer der Wahlkampfveranstaltung war der vormalige Reichskanzler und spätere Vizekanzler Hitlers, Franz von Papen. Im Reichstag und im Stadtrat konnten Nationalsozialisten und Deutschnationale jetzt eine Mehrheit bilden. Viele Zeitgenossen hielten das für eine politische Episode. Wir wissen heute: Es war der Beginn einer zwölfjährigen Diktatur.

Wie in Berlin, so hatten auch in Mülheim die Anhänger der NSDAP und der DNVP, angeführt von der 1934 entmachteten SA, die Ernennung Adolf Hitlers mit einem Fackelzug durch die Innenstadt gefeiert. Gefeiert haben dürften damals auch die Mülheimer Industriellen Fritz Thyssen und Emil Kirdorf. Sie gehörten zu den frühen Förderern Hitlers und der NSDAP. Hitler war oft und gerne bei dem Bergbaumanager Kirdorf im Uhlenhorst zu Gast. Und Fritz Thyssen gehörte zu den Industriellen, die in einer Eingabe an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg bereits am 6. November 1932 die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gefordert hatten. Der später zum Hitler-Gegner gewordene Fritz Thyssen sollte im Interview mit einem amerikanischen Journalisten reumütig gestehen: „Ich bezahlte Hitler!“ Doch seine Reue kam zu spät.

Hitler und Hindenburg hatten auch schon vor dem 30. Januar in Mülheim ihre Anhänger. Bei der Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 hatten 35.000 Mülheimer für den Kandidaten Hindenburg und 21.000 Mülheimer für den Kandidaten Hitler gestimmt. Beide lehnten die Demokratie der Weimarer Republik ab. Der ehemalige Generalfeldmarschall Hindenburg profitierte von seinem Ruf als „Held von Tannenberg“! Er hatte die 1914 in Ostpreußen einmarschierten Truppen des russischen Zaren vertrieben. Zum Dank benannten die Mülheimer 1916 eine Straße nach ihm, die erst 1949 nach seinem sozialdemokratischen Vorgänger Friedrich Ebert umbenannt werden sollte. Die NSDAP war im Krisenjahr 1932 mit dem Plakat: „Hitler, unsere letzte Hoffnung!“ Nach ihm sollte 1936 die heutige Friedrichstraße benannt werden.

Ein Jahr nach der Reichspräsidentenwahl kürte die neue Ratsmehrheit aus NSDAP und DNVP Hitler und Hindenburg am 30. März 1933 zu Ehrenbürgern der Stadt. Gleichzeitig wählten sie den nationalsozialistischen Reichsbahnbeamten Wilhelm Maerz zum neuen Oberbürgermeister und schlossen jüdische Unternehmer von der städtischen Auftragsvergabe aus. Zu den Stadtverordneten, die damals mit Nein stimmten, gehörten die Sozialdemokraten Heinrich Thöne und Wilhelm Müller. Thöne sollte 1948 zum Oberbürgermeister gewählt werden, während Müller seinen Widerstand gegen Hitler 1944 mit dem Leben bezahlen musste. Dieses Schicksal teilten auch die kommunistischen Stadtverordneten Otto Gaudig und Fritz Terres. Sie konnten ihre bei der Kommunalwahl vom 12. März 1933 gewonnenen Stadtratsmandate nicht mehr antreten, weil sie wie alle Mandatsträger der KPD auf der Grundlage einer Notverordnung des Reichspräsidenten und unter dem Vorwand eines drohenden kommunistischen Staatsstreiches verhaftet worden waren.


Meine Texte in der Mülheimer Tagespresse

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