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Dienstag, 12. April 2022

Wir Glücksspieler

 Es ist Frühling. Da sprießen nicht nur die Blätter und Blüten an den Bäumen. Da erreichen uns auch papierene Blätter mit farbenfroh und bebilderten Botschaften an unser politisches Bewusstsein. Plakativ am nächsten Laternenmast hängend oder als kompakter Handzettel im Briefkasten. Da lassen uns freundlich und vertrauenerweckend dreinschauende Damen und Herren aller politischen Couleur wissen, dass Sie nur unser Bestes wollen. Sie wollen dafür sorgen, dass wird das Morgen gewinnen, damit unsere Zukunft kein Zufall ist. Sie lassen uns wissen, dass sie aus Erfahrung gut sind, die Millionäre schröpfen wollen, um Kinderarmut zu bekämpfen und schlicht alles das machen werden, was zu tun ist. Wenn so viel Gutes uns wird beschert, ist das einen Gedanken wert. Wir fragen uns, was wir tun müssen, damit all diese guten plakativen Worte zu praktischen Taten werden. Wir müssen, so erfahren wir,  bei der Landtagswahl am 15. Mai auf unserem Stimmzettel nur das Kreuz an der richtigen Stelle machen.

Das ist zu schön, um wahr zu sein. Ein Kreuz an der richtigen Stelle, und schon wird uns das Kreuz mit allem Drangsal unseres irdischen Daseins genommen. Ein Wunder, denkt der Christenmensch  in uns. Wir müssen alle nur daran glauben. Doch dann erinnern wir uns an unseren Glauben, mit dem richtigen Kreuz auf unserem Lottoschein über Nacht zum finanziell sorgenfreien Millionär zu werden. Dass ist ein Wunder, dass den Meisten von uns bisher nicht zuteil geworden ist.

Das ist wohl ein Traum, der zu schön ist, um wahr zu sein. Und trotzdem versuchen wir  es immer wieder mit unserem Kreuz auf dem Wahl- und auf dem Lottoschein unser Leben zum Besseren zu wenden. Das wundert nicht. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt.


Meine Beiträge in NRZ und WAZ

Mittwoch, 2. Februar 2022

Poesie und Prosa

Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt kann sich für unser Parlament einen Parlamentspoeten vorstellen, der einen neuen Diskussionsraum zwischen Sprache und Politik öffnen könne. Als Theologin und Politikerin weiß Göring Eckhardt, dass Glauben und Politik auch von der Poesie ihrer Sprache leben. Braucht der Stadtrat vielleicht auch so etwas, damit das schon seit Jahren arg gebeutelte Mülheim ein neues Kapitel aufschlagen und vielleicht doch noch von einer Tragik-Komödie in einer Erfolgsgeschichte mit Happyend umgeschrieben werden kann? Doch dem Kämmerer, der lieber schwarze als rote Zahlen schreibt und liest,  würde wohl die Tinte in seinem Rotstift gefrieren, wenn er nach einer entsprechenden Planstelle gefragt würde. Ein Schelm, der Böses dabei denkt und meint: Wir hätten schon genug Märchenerzähler im Rathaus, die jeweils an ihrer ganz eigenen politischen Erzählung schrieben. Aber was hilft uns das Lesen der Leviten oder die Beschreibung von Horrorszenarien? Am Ende kann uns auch die schönste Politik- und Parlamentspoesie nicht vor der Prosa unseres Alltags retten, in der wir, jeder für sich und wir für uns alle, jeden Tag eine neue Seite aufschlagen und sie sinnvoll füllen müssen, und das nicht nur in der Zeitung. 


 NRZ, 31.01.2022

Samstag, 3. Oktober 2020

Denk ich an Deutschland

Denk ich an Deutschland, denke ich daran, dass ich hier meine Muttersprache fand. Hier lernte ich schreiben und lesen und konnte entdecken unser gemeinsames soziales und kulturelles Wesen. Hier in unserem Land gibt es so manchen Tand. Doch wir haben Gott sei Dank auch Menschen, die nicht nur an sich selber denken, sondern ihre Zeit und Kraft gerne auch an andere Menschen verschenken, um unsere Geschicke in gute Bahnen zu lenken. Hier gibt es Leute, die nicht nur heulen mit der Meute, die nicht nur sehen das Heute. Sie machen sich auch Sorgen um das Morgen. Wir sind Deutschland und das ist schon allerhand. Wenn wir sehen und verstehen, dass Deutschland nur dann im Glanze seines Glückes von Einigkeit und Recht und Freiheit blüht, wenn jeder sich an seinem Platze für uns alle etwas müht. Dann ist niemand um den Schlaf gebracht, wenn er an unser Land gedacht. Dann können wir uns alle nicht nur heute freuen und brauchen die Zukunft nicht zu scheuen, wenn wir leben und arbeiten Hand in Hand und bringen voran unser deutsches Land mit Herz und Verstand. Dabei jeder weiß: Auch bei uns gibt es nicht nur Schwarz und Weiß. Ja bei uns geht es manchmal rund und dann wird es uns auch schon mal kunterbunt. Und doch brauchen wir voreinander keine Angst zu haben, wenn sich alle an einem Stück vom großen Kuchen laben und deshalb Kraft und Mut für morgen haben. Wenn wir auch unserem Nachbarn ein Stück vom Glück gönnen, haben weder er noch wir Grund zum Stöhnen. Dann können wir uns friedlich und schiedlich aneinander gewöhnen. Einigkeit und Recht und Freiheit. Das wird man nimmer leid. Heute ist es soweit, dass wir den Dreiklang, der uns zu unserem Glück hat vereint, können feiern, mit klaren Blick für unser aller täglich Leben und Streben, in dem man auch mal muss was geben. Nur so können wir gemeinsam glücklich leben. Dann können wir heute nicht nur von Staats wegen feiern und müssen keine hohlen Festtagsreden leiern. 


Dieser Text erschien am 3. Oktober 2020 in der NRZ

Donnerstag, 24. September 2020

Plakativer Denkanstoß

Wir gehen auf die OB-Stichwahl zu. Wer durch die Stadt geht, sieht die Konterfeis der Kandidaten, die noch im Rennen sind und jener, die bereits abgehängt worden sind und dennoch hängend freundlich vom Laternenmast grüßen. Manche der kommunalpolitischen Köpfe sind ganz oben und zwingen den Passanten zum Aufschauen. Andere Pappkameraden sind genau auf Augenhöhe. Und einige Kandidaten sind offensichtlich schon abgerutscht und ganz unten, so dass man zwangsläufig auf sie hinunterschaut. Wir wissen noch nicht, zu wem wir am kommenden Sonntag als unserem neuen Stadtoberhaupt und Verwaltungschef aufschauen und auf welchen Wahlverlierer wir mitleidig herabschauen werden. Das im Straßenbild sichtbare Auf und Ab der Kandidaten erinnert uns Gewählte und Wähler daran, dass Demokratie nicht nur mit plakativen Parolen von ganz oben oder von ganz unten, sondern nur mit einem aktiven Miteinander mittendrin im Leben und auf Augenhöhe funktionieren kann. Der Wahlkampf mag Mühe machen. Doch die eigentliche Arbeit für unsere Stadt beginnt erst, wenn die letzte Stimme ausgezählt ist. Und diese Arbeit kann nicht nur von unseren gewählten Mandatsträgern, sondern nur von uns allen gemeinsam mit Aussicht auf Erfolg geleistet werden.


Nach der Wahl haben wir die Wahl, ob wir als Gemeinwesen weiter schwarzer Peter spielen wollen oder ob wir mit unserer Stadt auf einen grünen Zweig und aus den roten Zahlen herauskommen wollen. Das wird aber nicht mit politischen Sandkastenspielen gelingen, bei denen keiner dem anderen das Förmchen und das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt.


Dieser Text erschien am 22. September 2020 in der NRZ

Dienstag, 20. August 2019

Ohne Worte

Gestern musste ich beim Blick in die NRZ einsehen: Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Im Mantelteil unserer Zeitung stachen mir geich 2 Fotos prominenter Politiker ins Auge . Auf der Seite „Politik & Meinung“ erblickte ich unseren Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der, laut Überschrift, die SPD retten will. Doch sein nachdenkliches Gesicht und sein ungewisser Blick ins Nirgendwo strahlte so gar keinen Tatendrang und keine Aufbruchstimmung aus. 2 Seiten weiter stand unter der Rubrik „Tagesthema“ CDU-Chefin und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer nicht minder nachdenklich und fragend dreinschauend im Wald bei ihren mit Gewehr im Anschlag posierenden Soldaten. Beim Betrachten beider Bilder fragte ich mich unwillkürlich, ob da zwei Hauptdarsteller im falschen Film vor der Kamera standen.


Der Gesichtsausdruck beider Spitzenpolitiker vermittelte mir mehr Fragen als Antworten, mehr Unsicherheit als Entschlossenheit. 
Natürlich sind die beiden Schnappschüsse aus dem politischen Tagesgeschäft zweier Minister nur eine Momentaufnahme. Und doch wurde mir bei ihrer Betrachtung als Staatsbürger etwas mulmig in der Magengrube, weil sie auf mich Den Eindruck von Unentschlossenheit und Ratlosigkeit machten. Auch wenn mir diese Gefühle in meiner ganz eigenen Alltagspolitik selbst nicht fremd sind, spüre ich sie bei den Menschen, die von Amts wegen über unser aller Schicksal mitentscheiden müssen, doch nur sehr ungern. Aber vielleicht sehe ich ja auch den Wald vor lauter Bäumen nicht. Vielleicht hat sich der Bundesfinanzminister während seines Fotoshootings ja auch nur gefragt: „Was hat meine Frau nochmal gesagt? Was sollte ich heute mitbringen?“ Und vielleicht hat seine Kabinettskollegin Annegret Kramp-Karrenbauer sich auch nur die Frage gestellt: „Habe ich eigentlich den Ofen ausgestellt, bevor ich das Haus verlassen habe?“ Wie dem auch sei. Den beiden Herrschaften mit dem fragenden Blick, bleibt in unser aller Interesse zu wünschen, dass sie die richtigen Antworten auf die Fragen finden, die die Nation bewegen, damit am Ende nicht für uns alle der Ofen aus ist und wir Schwarz oder Rot sehen müssen. 

Dieser Text erschien am 20. August 2019 in der NRZ

Donnerstag, 3. November 2016

So gesehen: Werden wir doch mal politisch

Wundern Sie sich manchmal darüber, dass sich Politiker oft gar nicht oder nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen können, obwohl allen das gemeinsame Ziel und die Notwendigkeit des gemeinsamen Handelns klar sein müsste?

Dann versuchen Sie doch mal einen Familien-Geburtstag zu organisieren und alle Familienmitglieder an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit und an einem bestimmten Ort zusammenzubringen.

Dann werden Sie sich erst wundern und dann gar nicht mehr wundern.  „Ich könnte an jedem anderen Tag, aber nicht an diesem. Da habe ich einen ganz wichtigen Termin, den ich auf keinen Fall verschieben kann. Sonst gerne.“ Und wo wollen wir essen? „Also in dieses Lokal kriegen mich keine zehn Pferde hinein! Ich gehe überall hin, aber nicht dort hin.“ Was wollen wir essen: „Das auf keinen  Fall. Ich bin vegetarisch oder allergisch oder beides!“ Und wen wollen wir einladen? „Wenn Der kommt, komme ich auf keinen Fall. Ich bin ja eine Seele von Mensch. Aber das tue ich mir nicht an.“

Spätestens dann wollen Sie die Uno anrufen. Doch die hat gerade mit ihrem eigenen Krisenmanagement genug zu tun und deshalb keine Zeit für Sie. Jetzt begreifen Sie, warum auch die Politik manchmal, wie ein Kindergeburtstag anmutet („Das ist mein Spielzeug und das lasse ich mir nicht wegnehmen!“) Spätestens, wenn Sie dann doch noch rechtzeitig vor dem nächsten Geburtstag den kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden haben und im Kreise Ihrer Lieben feiern, fühlen Sie sich reif für den Friedensnobelpreis und sind froh darüber, dass Sie keine Renten,- Steuer- oder Gesundheitsreform unter Dach und Fach bringen müssen.

Dieser Text erschien am 31. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...