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Donnerstag, 11. Juli 2019

So nicht, meine Herrn!

Eine unangenehme Überraschung erlebte ich jetzt, als ich mit einem Ruhrbahn-Bus zu einem meiner Termine fuhr. Ich wurde von einem freundlichen Mitarbeiter der Ruhrbahn nach meiner Fahrkarte gefragt und zeigte ihm mein Monatsticket. Doch damit wollte er sich nicht zufriedengeben. „Haben Sie ihren Personalausweis dabei?“, fragte er mich. . Ich hatte ihn nicht dabei, weil ich es eilig gehabt hatte und vor meinen Sprint zur Haltestelle nur meine Monatsfahrkarte eingesteckt hatte. „Dann müssen sie innerhalb der nächsten 14 Tage mit ihrem Personalausweis und mit ihrer Monatsticket ins Kundencenter gehen, um sich als Inhaber des Monatstickets auszuweisen.“ Damit war ich einverstanden, nicht aber mit der Bearbeitungsgebühr von 7 Euro, die mir der Ruhrbahn-Mitarbeiter für das Anschauen meines Monatstickets und meines Personalausweises durch seine Kollegin im Kundencenter in Aussicht stellte. Dagegen sind ja selbst die oft als unverhältnismäßig hoch kritisierten Kontoführungsgebühren der Banken bescheiden.
Man muss den Großverdienern an der Spitze der hochdefizitären Ruhrbahn zugutehalten, dass sie sich in ihrer Gehaltsklasse nicht vorstellen können, dass es bei ihren Fahrgästen, die nicht mit dem Dienstwagen durchs Leben fahren können und wollen, auf jeden Euro ankommt. Das ist nicht nur schade, sondern auch unklug, weil man mit solchen Geschäftspraktiken auch die treuesten Kunden vertreibt und in meinem Fall dazu führen wird, dass ich mein Monatsticket kündige und künftig nur noch mit Vierer-Fahrkarten Bus und Bahn fahre oder zu Fuß gehe. So spare ich mir jedenfalls die unverschämten sieben Euro für das nachträgliche Vorzeigen meines Monatstickets und meines Personalausweises im Kundencenter der Ruhrbahn. 

Dieser Text erschien am 2. Juli 2019 in der Neuen Ruhrzeitung

Freitag, 14. Juni 2019

Der Preis der Demokratie


Ich traue meine Ohren und Augen nicht. Aber die elektronischen Anzeigetafeln und die Lautsprecherdurchsagen an der zentralen Haltestelle lassen mich wissen: „Wegen einer Betriebsversammlung der Ruhrbahn kommt es heute zu Ausfällen und Unregelmäßigkeiten im öffentlichen Personennahverkehr!“ Na, das ist ja mal was neues. Bisher kannte ich nur klimatische Kapriolen, Unfälle aller Art oder auch schon mal eine heruntergerissene Oberleitung als Begründungen für Verspätungen und Ausfälle. Mit Naturgewalten oder menschlichem Versagen muss man ja immer rechnen. Aber mit einer Betriebsversammlung am hellichten Tag?

Natürlich am hellichten Tag. Nachts müssen die Bus- und Bahnfahrer ja schlafen, damit sie tagsüber am Steuer nicht einschlafen und dann wieder Unfälle bauen, die wieder zu Verspätungen und Ausfällen im öffentlichen Personennahverkehr führen. Und während ich Bahn, Bahn sein lasse und ein Taxi nehme, um pünktlich zu meinem Termin zu kommen, denke ich darüber nach wie ich mein Taxigeld von der Ruhrbahn zurückbekommen könnte. Aber dann fällt mir ein, dass sich die Damen und Herrn Bus- und Bahnfahrer vom Sitzstreik eines chronisch unpünktlichen und unterbezahlten  Fahrgast nicht beeindrucken lassen werden, zumal ich als Steuerzahler ohnehin auch die Millionenzuschüsse für Busse und Bahnen mitbezahlen muss. Dann sehe ich es mal staatstragend und begreife mein betriebsversammlungsbedingt bezahltes Taxigeld als Preis der Demokratie. Auch mit ihr muss man ja Gott sei Dank rechnen und hoffen, dass sie in Fahr kommt oder in Fahrt bleibt und ihre Steuerleute unser Stadt- und Staatsschiff auf Kurs halten und in die richtige Richtung und nicht gegen die Wand, auf den Holzweg oder in eine Sackgasse fahren. Denn sonst müssen wir alle draufzahlen. 

Dieser Text erschien am 14. Juni 2019 in der Neuen Ruhr

Mittwoch, 8. Mai 2019

Alles hat seine Zeit

Wer hätte gedacht, dass die Busse und Bahnen der Ruhrbahn so beliebt beim Nachwuchs sind. Ein kleiner Mann war jetzt so begeistert von der Straßenbahnfahrt, dass er gar nicht mehr aussteigen wollte. Die Frau Mama wartete schon ungeduldig mit seinem Tretroller draußen auf der Haltestelleninsel, während es sich der kleine Mann noch seelenruhig im Durchgang der Tram gemütlich machte. Um ein Haar hätte der renitente Knirps noch eine Rundfahrt ohne seine Mutter gemacht. Doch dann hieß es für den kleinen Mann, frei nach Goethe: "Halb zog sie ihn, halb sank er hin!" Da verstehen Muttis, die noch was vorhaben und vorankommen wollen im Leben, keinen Spaß.
Und der kleine Knirps? Er musste sich in sein Schicksal quengelnd fügen und seinen Weg auf dem Tretroller fortsetzen und so lernen, dass man sich im Leben schon früh abstrampeln musss, um ans Ziel zu kommen, ob es einem gefällt oder nicht.

Aber keine Angst, kleiner Mann. Schon bald bist du etwas größer und dann gehst du ganz allein mit dem Schüler-Schokoticket auf Bus- und Bahntour. Und die Mutti wird froh sein, wenn sie dich nicht zu schnell wieder sieht wie mir ein Schülergespräch in der selben Bahn wenig später bewies: "Meine Mutter wird sich erschrecken. Wieso denn das? Sie erwartet mich erst um 16 Uhr zurück. Doch weil Mathe und Deutsch heute ausfallen, bin ich schon drei Stunden eher zuhause."

Dieser Text erschien am 7. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 17. April 2019

Wie taktlos


Wo kann man heute noch Abenteuer erleben? Natürlich im Nahverkehr. Am Montag war ich so unvorsichtig, meine Heimatstadt morgens mit der Regionalbahn zu verlassen. Mittags, so mein Plan, wollte ich wieder da sein. Da hatte ich aber die Rechnung ohne eine Bombenentschärfung und unvorsichtige Bauarbeiter gemacht, die nicht nur die S- und Regional,- sondern auch die Straßenbahn mächtig aus dem Takt brachte. Lautsprecherdurchsagen wie: „Dieser Zug fällt heute aus!“ oder: „Die Bahn muss umgeleitet werden und fährt deshalb nicht über Essen und Mülheim!“ beließen die Fahrgäste, die sich derweil ratlos und ohne Beistand von Servicekräften auf den Bahnsteigen näher, aber eben nicht gemeinsam weiterkamen, im Tal der Ahnungslosen. Gerüchte statt handfeste Informationen machten die Runde. Kümmert sich den heute niemand mehr um Fahrgäste, die im Leben noch vorankommen wollen und müssen und dabei ohne unterwegs sind und damit doch einen löblichen Beitrag gegen den Stau auf unseren Straßen und gegen klima- und gesundheitsschädliche Abgase leisten? Doch es gibt da jemanden. Der liebe Gott ließ am Beginn der Karwoche die Sonne scheinen und wärmte damit die gefühlt ewig wartenden Fahrgäste. Gott kennt auch die an allen Ecken und Enden, leider nicht immer mit Verstand und Fingerspitzengefühl werkelnden Arbeiter im Weinberg des Herrn: Und deshalb weiß er: Ihre Wege sind manchmal unergründlich, aber sie führen, wenn auch zuweilen nach einer halben Ewigkeit auf wundersame Weise doch ans Ziel. Wenn das keine Einstimmung auf Ostern ist. 

Dieser Text erschien am 17. April 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 12. Februar 2019

Mit Volldampf in die Vergangenheit

Ich traute meinen Augen nicht, als ich einen Zug der Reichsbahn mit Dampflok einfahren sah und ein Schaffner in kaiserblauer Uniform ausstieg. Verspätungen um Jahrzehnte sind selbst für die Deutsche Bahn selten. Die Dampfschwaden, die die Wartenden auf dem Bahnsteig einnebelten stammten noch aus einer Zeit, in der von Feinstaubbelastung noch keine Rede war, weil die meisten Menschen noch mit der Eisenbahn statt mit dem eigenen Auto fuhren. Damals wurden keine Straßen verstopft und  deren Anwohner mit Autoabgasen um ihre Gesundheit gebracht. Da kam es auf die eine oder andere Dampflok nicht an. Waren das die guten alten Zeiten? Nicht wirklich. Denn anno dazumal musste auch so manches arme Schwein im Dritte-Klasse-Abteil der Reichsbahn an die Front fahren und dort vor der Zeit seine Lebensreise beenden. Doch von Dritter Klasse und anderen Irrfahrten der Geschichte war am und im Rauch des Nostalgiezuges nicht zu sehen. Die gute alte Zeit wird eben erst gut, wenn wir die schlechten Erinnerungen ausblenden, damit wir auf unserer Lebensreise von unserer Vergangenheit nicht ausgebremst werden und in Fahrt bleiben, aber bitte nicht ohne ab und zu in den Rückspiegel zu schauen. Sicher ist sicher.

Dieser Text erschien am 12. Februar 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 22. Januar 2019

Positive Überraschung


Ich mag keine Überraschungen. Denn meistens sind es schlechte. Die Rechnungen, die man bezahlen muss sind meistens überraschend hoch und die, deren Betrag man vereinnahmen darf, überraschend niedrig. Manager und Politiker, die zuweilen überraschend viel verdienen, haben oft überraschend wenig Ideen, wenn es in einer Krise darauf ankommt. Genau diesen Eindruck habe ich auch beim öffentlichen Nah- und Fernverkehr, der viel zu oft überraschend teuer und überraschend schlecht ist. So überraschte es mich gestern nicht, als mir an einer Haltestelle die zehnminütige Verspätung meiner Straßenbahn angekündigt wurde. Dafür überraschte mich die Ruhrbahn damit, dass die angesagte Verspätung ausfiel. Sonst fallen höchsten Busse und Bahnen aus. Stattdessen kam die vermeintlich verspätete Bahn pünktlich auf die Minute. Da war das Hallo an der Haltestelle groß. Die missmutig Wartenden, die sich innerlich bereits auf eine längere Wartezeit in der winterlichen Kälte eingestellt hatten, strahlten plötzlich über das ganze Gesicht, ob der positive Überraschung. Hatten sie doch die schon auf der Strecke des öffentlichen Personennahverkehrs gebliebene Lebenszeit plötzlich wiedergewonnen. Doch pünktlich. Kein Anschiss vom Chef und keine peinlichen Ausreden und Entschuldigungen. Wer sagt denn, dass nur Maurer und Könige pünktlich sein können. Die Ruhrbahn kann es auch, sogar wenn es draußen kalt ist. Toll. Bleibt nur die Frage: Warum die Stimme aus dem Haltestellen-Lautsprecher nicht wusste, dass die angesagte Bahn nicht zu spät, sondern pünktlich sein würde. Weiß bei der Ruhrbahn eine Hand nicht, was die andere macht?

Aber wer will sich schon über eine überraschend pünktliche Bahn beschweren. Das wäre wirklich ungerecht. Vielleicht wollte ein cleverer Ruhrbahn-Mitarbeiter seinem Arbeitgeber und dessen Kunden auch nur ein überraschendes Erfolgserlebnis verschaffen. Denn eine bessere Werbung kann sich die Ruhrbahn ja nicht wünschen, als wenn man Freunden und Familie berichten kann: „Stell dir vor: Mein Bahn war pünktlich, obwohl sie eigentlich zu spät kommen sollte.“ 


Dieser Text erschien am 22. Januar 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 28. Mai 2018

Unter Umständen ans Ziel

Wer eine Reise macht, der kann was erleben. Das hat sich seit Goethes Zeiten nicht geändert. Das merkte ich jetzt, als ich am Wochenende meine Schwester im Münsterland besuchte. „Sie wollen nach Nottuln-Appelhülsen? Wo liegt das? Buchstabieren Sie mal. Nachdem ich die Erdkundekenntnisse der freundlichen Dame hinter dem Fahrkartenschalter erweitert hatte, ging es los und das im doppelten Sinne des Wortes. Denn der Zug, der durchfahren sollte, fuhr aufgrund von  Gleisbauarbeiten nicht. „Der Zug fällt heute aus. Wir bitten um Ihr Verständnis“, ließ die Deutsche Bahn aus dem Lautsprecher wissen. Und wer hat Verständnis für mich, der ich pünktlich zu meiner Schwester ins Münsterland kommen will? 

Ein Ersatzzug brachte uns unerschrockenen Münsterlandfahrer erst nach Essen, wo wir in eine Regionalbahn umstiegen, um uns bis Haltern dem Münsterland anzunähern. Von dort ging es mit einem weiteren Ersatzzug über durch das schöne, aber nahverkehrstechnisch nur bedingt zu empfehlende Münsterland. Wie schön, dass mich zwei freundliche Damen an meiner Endstation Sehnsucht mit ihrem Auto in den Ortskern Nottulns mitnahmen, nachdem der Taxibus am Bahnhof Nottuln-Appelhülsen schon weg war. So konnte ich mein Schwesterherz schon nach 3 ½ Stunden Anfahrt in den Arm nehmen und an ihrer Geburtstagstafel Platz nehmen, nicht ohne zu vergessen, dass der letzte Bus in Richtung Bahnhof Nottuln-Appelhülsen vier Stunden nach meiner Ankunft und keine 4 später kommen sollte. 3 ½ Stunden und einen Kegelclub im Zugabteil später hatte mich die Mülheimer Heimat ermattet wieder. Danach wusste ich: Nur die Harten kommen in den Garten oder mit der Deutschen Bahn ans Ziel.

Dieser Text erschien am 28, Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 23. April 2018

Viele Wege führen nach Mintard

Es ist die Frage unseres Lebens: Wie komme ich an mein Ziel. Mein Ziel war gestern Mintard. Gar nicht so leicht, wenn man mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist. Nah kann da ja so weit weg sein. Das fand auch die freundliche Dame von der Ruhrbahn, die sich redlich um eine Fahrplanauskunft bemühte. „Ich komme aus Essen und kenne mich in Mülheim nicht aus“, ließ sie mich wissen. Ob ich mein Ziel noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würde? Ihr Rat: Fahren Sie von der Innenstadt mit dem Bus 133 bis Alte Straße oder mit der Bahn 102 bis Broich Friedhof und steigen dann in den Bus 134 nach Mintard um.

 Das einzige Problem: Der 134er fährt aber nur im Stundentakt. Mit dem Prinzip Hoffnung im Gepäck machte ich mich auf den Weg zur Haltestelle in der Stadtmitte. Dort erlebte ich nach wenigen Minuten Wartezeit ein Nahverkehrswunder. Denn es fuhr ein Einsatzbus „Richtung Mintard“ vor. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen. „Diese Linie die vormittags- und nachmittags für die Schulkinder fährt, steht auf keinem Fahrplan, so dass sie auch niemand kennt“, ließen mich meine in Sachen Bus und Bahn leidgeprüften Mintarder Gastgeber wissen. Auch unwissend kann man auf Umwegen also zu Ziel kommen.

Dieser Text erschien am 19. April 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 27. Februar 2018

Ihr Smartphone weiß Bescheid

Gestern sah ich einen jungen Mann auf dem Plakat an der Bushaltestelle. Mit seiner aus Pappe gebauten Kopfbedeckung hatte er etwas von einem Rennfahrer oder von einem Astronauten. Wurde hier Autorennen oder Astronautennahrung geworben? Mitnichten. Viel mehr versuchen die Ruhrbahn und der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr ihre technikbegeisterten  Fahrgäste für das smartphone-gesteuerte Bus- und Bahn-Ticket der next Generation zu gewinnen. Check in and check out. Dein Smartphone weiß Bescheid.

Ob Du oder Sie dann besser Bescheid wissen, als vorher, hängt wohl davon ab, ob Du oder Sie noch zur analogen oder zur digitalen Generation gehören. Als Bus- und Bahnfahrgast der heutigen Generation, der sich schon als Teil der technischen Avantgarde fühlt, wenn er mit seinem Smartphone telefonieren, SMS-Kurznachrichten versenden und seine Adressen und Telefonnummern verwalten kann, stellt sich da eher die ganz profane Frage: Wird der öffentliche Personennahverkehr in der schönen neuen digitalen Welt der nächsten Generation vielleicht mal pünktlich und preiswerter und damit für alle Fahrgäste, ob mit oder ohne Smartphone, attraktiver? Der Hintergrund des Werbeplakates macht mich skeptisch. Denn man schaut dort in die Galaxien des Weltraums. Wollen uns die öffentlichen Personennahverkehrsbetriebe angesichts ihrer irdischen Probleme mit Defiziten und nörgelnden Fahrgästen am Ende auf den Mond oder gar auf den Mars schießen, weil es im luftleeren Raum des ewigen Weltalls auf die eine oder andere Verspätung und die eine oder andere rote Zahl im Bus- und Bahn-Budget nicht mehr ankommt?!

Dieser Text erschien am 27. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 29. August 2017

"Wir haben doch schon seit 120 Jahren Elektromobilität!": Ein Gespräch mit dem ehemaligen Chef der städtischen Vehrkehrsbetriebe Werner Foerster-Baldenius

Werner Foerster-Baldenius
„Alle reden heute von Elektromobilität. Dabei haben wir sie doch schon seit 120 Jahren“, sagt der ehemalige Chef der Mülheimer Verkehrsbetriebe Werner Foerster-Baldenius mit Blick auf Mülheims Straßenbahnen. Bis zu seiner Pensionierung (2001) hat der Bauingenieur die öffentliche Personennahverkehrslandschaft mitgestaltet.
1936 geboren, in Bremen aufgewachsen und an der Technischen Hochschule Braunschweig ausgebildet, kam er 1966 nach Mülheim.
„Damals fuhr die Straßenbahn noch durch die Schloßstraße und man träumte von der auto-gerechten Stadt, in der die Straßenbahn unter der Erde und die Autos oben auf der Straßen fahren sollten“, erinnert sich Foerster-Baldenius.
Wie heute gab es in Mülheim damals vier Straßenbahnlinien. Von denen wurde aber die Linie 11, die von der Innenstadt bis zum Saarner Klostermarkt fuhr, 1968 stillgelegt. „Schon damals wurde darüber diskutiert, ob man den öffentlichen Personennahverkehr nur noch mit Bussen organisieren und auf die Straßenbahn verzichten sollte“, erinnert sich Foerster-Baldenius. Gleichzeitig gab es damals aber auch die Planung die Linie 8 im Fünf-Minuten-Takt von der Innenstadt über die Haltestelle Waldschlößchen mit dem Neubaugebiet auf der Saarner Kuppe zu verbinden. Dort ging man mittelfristig von 20.000 Einwohnern aus.

Als von Sparzwang noch keine Rede war

Anders, als dieser Plan, wurden in den 70er Jahren die U-Bahn-Pläne mit einer Stadtbahnverbindung nach Essen realisiert. „Das Land hat uns damals alle 16 Stadtbahnwagen zu 100 Prozent bezahlt“, berichtet der Zeitzeuge aus einer Epoche, in der es das Wort Sparzwang noch nicht gab. „Heute würde man schon aus finanziellen Gründen wohl keine U- und Straßenbahn-Tunnel mehr bauen“, glaubt Foerster-Baldenius. Auch wenn der Ruhrtunnel noch 1998 in Betrieb genommen worden sei, so Foerster-Baldenius, seien die ursprünglich damit verbundenen Netzpläne nicht in vollem Umfang realisiert worden.

„Auch damals haben wir schon mit den Verkehrsbetrieben der Nachbarstädte zusammengearbeitet und unsere neuen Busse aus Kostengründen direkt beim Hersteller abgeholt,“ schaut der ehemalige Chef der städtischen Verkehrsbetriebe in die Vergangenheit.

Vom städtischen Amt zur regionalen Verkehrsgesellschaft

Die Hauptunterschiede zur Gegenwart sieht Förster-Baldenius darin, „dass die Städte bis zur Gründung des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr in den 1980er Jahren eine eigene Tarifhoheit hatten und die städtischen Verkehrsbetriebe eigenständig Nahverkehrs-Konzepte entwickeln konnten.“ Erst durch die Novellierung des Personenbeförderungsgesetzes, Mitte der 1990er Jahre, sei den Stadträten die Rolle des Aufgabenträgers und des Auftraggebers in Sachen ÖPNV übergeben worden. Außerdem wurden die Verkehrsbetriebe zu seiner aktiven Zeit als städtische Ämter und nicht als städtische Tochtergesellschaften geführt, so dass auch von sechsstelligen Jahresgehältern für Geschäftsführer keine Rede war.

Ein Verkehrsmittel mit Zukunft

Wie sieht der bekennende Straßenbahnfreund Foerster-Baldenius die Zukunft der Straßenbahnen? „Wenn man sie hat, sollte man sie bewahren. Umweltbewusste Großstädte, wie zum Beispiel Freiburg im Breisgau, haben ihr Straßenbahnnetz nicht um sonst in den vergangenen 20 Jahren massiv ausgebaut. Im Vergleich zu Gelenkbussen sind Straßenbahnen auch bei schwierigen Wetterlagen ein sicheres und bequemes öffentliches Verkehrsmittel“, unterstreicht der ehemalige Chef der Verkehrsbetriebe. Und was sagt er zu dem jährlichen Zuschuss-Bedarf von 30 Millionen Euro, der den Haushalt der Stadt belastet? „Diese Summe steht in keinem Verhältnis zu den unvergleichlich höheren Folgekosten des immer dichter werdenden Autoverkehrs, wenn Sie an den Straßenbau, die Umwelt und unsere Gesundheit denken“, stellt Werner Foerster Baldenius fest.

Dieser Text erschien am 24. Juli 2017 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Fahren mit Fingerspitzengefühl: Der Straßenbahnfahrer Lloyd Thurairaj

Lloyd Thurairaj
„Kenne ich Sie nicht aus der Straßenbahn“, wird Lloyd Thurairaj nicht nur gefragt, wenn er mit Frau Sherin, Sohn Shane (16) und Tochter Laura (11) einkauft. „Ich bin immer freundlich zu den Menschen, die mich kennen, die ich aber nicht kenne“, sagt der 46-Jährige und lächelt.

Thurairaj kann nicht alle Menschen kennen, die er täglich als Straßenbahnfahrer auf den Linien 104, 112 und U18 sieht. Es sind wohl mehrere Tausend. „Ich habe eine gute Familie und eine schöne Arbeit“, sagt der Tamile, der vor 26 Jahren vor dem damaligen Bürgerkrieg aus seiner Heimat Sri Lanka floh und in Mülheim landete. In seiner Tasche hatte er nur das Abschlusszeugnis des Gymnasiums, das er in der sri-lankischen Hauptstadt Colombo besucht hatte. „Ich wollte mich hier schnell integrieren und im öffentlichen Dienst arbeiten“, erinnert sich Thurairaj an das Ziel, mit dem er in Mülheim ankam. „Mein erster Weg führte mich zur Volkshochschule, wo ich mich für einen Deutsch- und einen Englisch-Kurs anmeldete“, erzählt er. Gerne erinnert er sich an einen deutschen Kollegen im Englisch-Kurs, der ihn partout mit dem Auto nach Hause bringen wollte, obwohl ihm Thurairaj damals noch gar nicht genau erklären konnte, wo er eigentlich wohnte. Die Folge war eine Irrfahrt durch die Stadt, die am Ende aber mit vereinten Kräften und mit Hilfe ortskundiger Passanten doch zum Ziel führte.

Nicht nur in dieser Episode erlebte Thurairaj die Bürger seiner zweiten Heimat „als gastfreundlich und hilfsbereit“. Auch wenn mancher Fahrgast verdutzt aus der Wäsche schaut, wenn er den dunkelhäutigen Straßenbahnfahrer sieht, hat Thurairaj, so sagt er, noch keine Diskriminierung in Deutschland erlebt.
Besonders freut es ihn, wenn ihm Kinder vom Straßenrand zuwinken oder der eng getaktete Fahrplan eine Minute übrig hat, in der Thurairaj neugierigen kleinen Fahrgästen seinen Führerstand in der Straßenbahn zeigen kann. Dort sieht man heute keine Kurbel mehr, sondern nur noch einen Bremshebel und Monitore, die als Touchscreens nur mit viel Fingerspitzengefühl bedient werden können. Wenn sich Kinder für seinen Beruf und seinen Arbeitsplatz interessieren, steht er ihnen gerne Rede und Antwort. Denn er weiß: „Das könnten die Straßenbahnfahrer von morgen sein!“
Hochgearbeitet
Doch sein Berufsleben in Deutschland begann Thurairaj 2001 nicht als Straßenbahnfahrer bei der Mülheimer Verkehrsgesellschaft, sondern als Reinigungskraft bei den Betrieben der Stadt. 2011 machte er dann den Straßenbahnführerschein und wurde MVG-Fahrer. „Es war für mich anfangs gewöhnungsbedürftig, so hoch zu sitzen und auf den Straßenverkehr hinunterzuschauen und zu erleben, dass die Lenkwirkung in Kurven aufgrund der Länge des Fahrzeugs und seiner Achsen leicht zeitverzögert einsetzt“, erzählt Thurairaj. Als Autofahrer ist er seit 25 Jahren unfallfrei auf Mülheims Straßen unterwegs.

Als Straßenbahnfahrer musste er im dichten Verkehr in vier Jahren zwei Blechschäden erleben. „Ich war schuldlos, weil mir die Autofahrer in die Bahn gefahren sind, aber so ein Unfall lässt einen nicht unberührt“, sagt der Bahnfahrer. Er ist froh, dass bei beiden Unfällen „keine Personen zu Schaden kamen.“

Während er im Tunnel der U18 nur auf die Leuchtsignale achten muss, die ihm die Höchstgeschwindigkeit auf dem jeweiligen Streckenabschnitt anzeigen, muss er auf dem Fahrersitz der bis zu 50 Tonnen schweren Straßenbahnen seine Augen überall haben. „Autofahrer und Fußgänger unterschätzen den langen Bremsweg von 50 Metern und mehr,“ weiß Thurairaj.
Er freut sich, dass die neuen Niederflurbahnen dafür gesorgt haben, dass Fahrer und Fahrgäste auch dann entspannter unterwegs sind, wenn Fahrgäste mit Rollstuhl oder Rollator in die Bahn einsteigen müssen. „Wenn es darauf ankommt, helfen Fahrgäste oder auch ich selbst Fahrgästen mit Handicap beim Ein- und Aussteigen!“ Der Dank der in ihrer Mobilität eingeschränkten Fahrgäste ist ihm sicher. Andere ärgern sich jedoch: „Die Fahrgäste, die an der nächsten Haltestelle auf die Uhr schauen, haben in der Regel kein Verständnis für die daraus resultierende Verspätung.“

Thurairaj liebt seinen aus seiner Sicht gut bezahlten Beruf als Straßenbahnfahrer, auch wenn er ihm einen Wechselschichtdienst abverlangt. „Die Frühschicht fällt mir besonders schwer, weil ich dann um drei Uhr nachts aufstehen muss“, gibt Thurairaj zu. Doch das ist vergessen, wenn er an einem seiner freien Tage mit seiner Familie ganz gemütlich zu Hause frühstücken kann.

Dieser Text erschien am 12. Dezember 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 14. Dezember 2015

Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung Zumindest für die Mülheimer Verkehrsgesellschaft: Denn dann haben ihre Bahnen und Busse besonders viele Fahrgäste. Sie wollen möglichst pünktlich zur Arbeit oder zur Schule kommen, was nicht immer gelingt: Eindrücke einer Dienstfahrt

Wer behauptet, dass Busse und Bahnen doch ohnehin meistens halb leer durch die Stadt fahren würden, war noch nie Fahrgast im Berufsverkehr. Kurz vor Sieben. Noch schnell einen Kaffee als kleine Energiespritze für den Tag und dann nichts wie hin und hinunter in den gut gekühlten Untergrund der Schloßstraße. Die elektronische Anzeige der Mülheimer Verkehrsgesellschaft zeigt, dass die Stunde geschlagen hat. Die Straßenbahnlinie 102 in Richtung Oberdümpten fährt in fünf Minuten in den U-Bahnhof Stadtmitte ein.

Wer am U-Bahnhof Stadtmitte auf die Bahn wartet, muss sich warm anziehen. Ein junger Mann im Kapuzenpulli geht so intensiv auf und ab, als denke er noch darüber nach, ob er überhaupt einsteigen solle oder nicht. Aber eine Klassenarbeit wartet. Und die Bahn ist pünktlich. Er muss einsteigen. Sitzplatz? Fehlanzeige! Die Bahn ist rappelvoll. Wer mitfahren will, muss sich zu diesem frühen Zeitpunkt an den Stangen und ihren Schlaufen im Gang gut festhalten. Standfestigkeit ist gefordert. Das ändert aber nichts daran, dass man richtig durchgeschüttelt wird.

Zwischen Uhlenhorst, Stadtmitte und Oberdümpten sehen die meisten Fahrgäste der 102 um kurz nach Sieben noch recht müde und oft auch etwas geistesabwesend aus. Man sieht die Zeitungs- und Buchleser mit einem Kaffeebecher und die gut verkabelten Smartphone-Nutzer. Nur wenige Leute wollen sich am frühen Morgen unterhalten. „Ich habe am liebsten meine Ruhe“, meint ein Fahrgast. „Es macht einfach Spaß, vor dem Unterricht noch mal zu entspannen und Musik zu hören“, sagt eine Schülerin, die ihre Stöpsel kurz aus den Ohren nimmt. Einem 57-jährigen Bankkaufmann reicht der morgendliche Blick aus den großen Straßenbahnfenstern, um sich vor Dienstbeginn zu entspannen. Ein 59-jähriger Kollege lenkt sich um 7.30 Uhr lieber mit der Lektüre eines Kriminalromans ab. Er sagt: „Morgens mit der Straßenbahn statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, hat schon seine Vorteile. Man braucht nicht auf den Verkehr zu achten, steht nicht im Stau und muss anschließend auch keinen Parkplatz suchen. Aber die Bahn könnte pünktlicher und die Information über Verspätungen und Ausfälle besser sein.“

Und worüber unterhält man sich zwischen 7 und 8 Uhr auf dem Weg zur Schule, wenn man denn Lust hat, sich seinen Schulkameraden mitzuteilen? „Natürlich über die bevorstehende Oberbürgermeister-Wahl“, flunkert ein Jugendlicher. Seine Klassenkameraden lachen, und der weitere Verlauf ihrer Morgenkonversation zeigt: Schülergespräche drehen sich, wie eh und je um die Macken von Lehrern und Mitschülern. Die Anwesenden werden natürlich ausgenommen.

„Natürlich werden in der Straßenbahn auch schon mal Hausaufgaben abgeschrieben“, gibt eine Schülerin zu. Doch an diesem Morgen bleiben Hefte, Stifte und Bücher in den Schultaschen. Alle Schüler, die hier an Bord sind, scheinen ihre Hausaufgaben gemacht zu haben.

„Die neuen Niederflurbahnen sind schon klasse“, lobt ein Schüler im Rollstuhl die auf der Linie 102 pendelnde Neuanschaffung der Mülheimer Verkehrsgesellschaft und ihrer Nachbargesellschaften im Verkehrsverbund Via.

Einige Mütter und Väter, die an diesem Morgen mit Kind und Kinderwagen ein- und aussteigen, um den Nachwuchs vor der Arbeit noch schnell in die Kindertagesstätte zu bringen, sehen die Niederflurbahn als einen Fortschritt.

„Man kann einfach bequemer ein- und aussteigen“, sagen sie. Aber sie klagen auch über rücksichtslose Fahrgäste, die manchmal die für Kinderwagen vorgesehenen Sitznischen einfach nicht freigeben wollen. Und wie ist das mit dem Schülerlärm am frühen Morgen oder in der Mittagszeit? „Manchmal werden sie schon sehr laut, und wenn sie es übertreiben, macht der Fahrer auch schon mal eine Durchsage, aber was soll’s. Wir waren auch mal jung“, meint ein Mitarbeiter der Fliedner-stiftung.

Und Straßenbahnfahrer Dirk Rasinski findet: „Wirklich stressig ist morgens nur der sehr dichte Straßenverkehr. Da muss man höllisch aufpassen.“

Sein Arbeitstag beginnt in der Regel schon kurz nach 4 Uhr. Doch in 27 Dienstjahren hat der Frühaufsteher, wie er glaubhaft versichert, noch nie verschlafen.


Dieser Text erschien am 11. September 2015 in der NRZ und in der WAZ 

Sonntag, 22. März 2015

Eine Frau mit Durchblick: Dobrila Petrovic

„Heute ist der Bus ja gar nicht so voll!“ oder: „Mensch, die Bahn XY war gestern wieder nicht pünktlich.“ So wird Dobrila Petrovic immer mal wieder angesprochen, wenn sie mit Bus oder Bahn unterwegs ist. Das ist nicht verwunderlich. Denn viele Fahrgäste kennen die 47-jährige Saarnerin aus dem Kundencenter der Mülheimer Verkehrsgesellschaft am Löhberg. Denn wer wissen will, mit welchem Bus oder mit welcher Bahn man wohin kommt und wieviel das kostet, für den ist Petrovic die richtige Frau. Zusammen mit ihren Kolleginnen Regina Terre und Hannelore Wiegel sorgt sie dafür, dass die Fahrgäste der MVG ans Ziel kommen. Schon nach den ersten Gesprächstakten merkt man: Dobril Petrovic strahlt Ruhe und Freundlichkeit aus. Und das ist auch ihr wichtigstes Kapital.

„Früher habe ich als Verkäuferin in einem Modehaus gearbeitet. Da waren die Kunden, die zu uns kamen oft schon in einer positiven Grundstimmung und freuten sich auf ein tolles ShoppingErlebnis“, erinnert sich Petrovic an ihr erstes Berufsleben im Einzelhandel. Wenn sie heute im Kundencenter der MVG mit Kunden spricht, kommen die Fahrgäste nicht immer freundlich auf sie zu. Kommunikation ist alles Der Bus oder die Bahn waren mal wieder zu spät. Die Rolltreppe an der U-BahnHaltestelle funktionierte nicht. Oder jemand fühlt sich von einem Fahrkartenkontrolleur der MVG ungerecht behandelt. Dass sind die Klassiker, die Fahrgäste auf die Palme und zu Dobrila Petrovic bringen. „Ruhig bleiben. Zuhören und die Leute ausreden lassen. Blickkontakt halten. Und vor allem Formulierungen, wie ,Wir können nicht’....und ,Sie müssen’ sofort vermeiden.“ So beschreibt Petrovic ihre Krisenkommunikation am Tresen im Kundencenter. Sätze, wie: „Ich kann Sie sehr gut verstehen“ oder „Mal schauen, wie wir Ihnen in der Sache weiterhelfen können“ haben sich aus ihrer Sicht als deeskalierend bewährt. „Ich verstehe die Leute auch wirklich gut. Denn wenn ich eine halbe Stunde in der Kälte stehe, weil der Bus oder die Bahn nicht kommen, ärgert mich das auch“, sagt die freundliche Frau aus dem Kundencenter.

Kann sie Verspätungs-Opfer oft durch eine Fahrpreiserstattung besänftigen, wenn Fahrgäste länger als zehn Minuten über der fahrplanmäßigen Zeit warten und dadurch vielleicht eine Anschlussverbindung oder einen Termin verpasst haben, so ist die Sache bei den Schwarzfahrern oft komplizierter. „Die Leute ärgern sich oft gar nicht so sehr über das Geld, das sie bezahlen müssen, sondern darüber, dass sie vor anderen in aller Öffentlichkeit als Schwarzfahrer abgestempelt worden sind“, weiß Petrovic aus Gesprächen mit Schwarzfahrern, die je nach Sachlage nur eine Bearbeitungsgebühr von 2,50 Euro oder ein Bußgeld von 40 Euro zahlen müssen. Beim Thema „Schwarzfahren“ erlebt Petrovic ganz unterschiedliche Situationen. Da hat sie es zum Beispiel mit einer älteren Dame zu tun, die ein Monatsticket hat, das aber erst ab 9 Uhr gilt, sie aber schon vor 9 Uhr mit ihrem Ticket zum Arzt gefahren ist. Oder ein junger Mann wundert sich, dass er mit seinem Monatsticket, das nur für Mülheim gilt, als Schwarzfahrer aufgeschrieben worden ist, weil er mit der 112 zum Centro gefahren ist und dabei gar nicht gewusst haben will, dass er damit die Stadtgrenzen überfahren hat. Oft glätten sich die Wogen, wenn Petrovic und ihre Kolleginnen Schwarzfahrern anbieten können, ihre Geldbuße in den Kauf eines Monatstickets umzuwandeln. Echte Dankbarkeit erlebt die zweifache Mutter, die vor 14 Jahren aus dem Einzelhandel zum örtlichen Nahverkehrsunternehmen wechselte, weil sie hier nicht bis 20 Uhr arbeiten muss, beim Thema Fahrplanauskunft.

„Manchmal wissen Leute nur grob, wo sie hinwollen, kennen aber die genaue Haltestelle oder Adresse nicht. Dann recherchiere ich nicht nur in unserer elektronischen Fahrplanauskunft Efa, sondern auch im Internet, um sie an das gewünschte Ziel zu bringen. Und wenn es dann geklappt hat, kommen die Fahrgäste auch schon mal Tage später kurz herein und sagen: Toll. Das hat geklappt. Ich habe den Weg gut gefunden“, berichtet Petrovic von ihren kleinen, aber wohltuenden Erfolgserlebnissen. Besonders berühren sie auch die Gespräche mit älteren Fahrgästen, die ihr zwischen Fahrkartenkauf und Fahrplanauskunft ihr Herz ausschütten. Sich auch für solche Lebensgeschichten oft einsamer Menschen im Rahmen ihrer dienstlichen Möglichkeiten Zeit zu nehmen, ist der Frau von der MVG wichtig.

Dieser Text erschien am 21. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 16. März 2015

Knut Binnewerg: Der Mann am Steuer

„Wenn man bekannt und beliebt werden will, muss man eine Bürgerbuslinie ins Leben rufen“, sagt Knut Binnewerg und lacht. Der Mann muss es wissen, hat er doch im Oktober 2012 mit 30 anderen ehrenamtlichen Fahrerkollegen den Styrumer Bürgerbus ins Rollen gebracht. Ein bis zweimal pro Woche sitzt er für jeweils drei Stunden hinter dem Steuer und fährt vor allem ältere und behinderte Bürger durch den Stadtteil. Meistens geht es zum Arzt oder zum Einkaufen. „Obwohl es in Styrum zwei Bus- und zwei Straßenbahnlinien gibt, haben wir hier viele Wohnquartiere, die nicht optimal an den öffentlichen Personennahverkehr der Mülheimer Verkehrsgesellschaft angebunden sind, weil der Fußweg zur nächsten Haltestelle für viele Leute zu weit wäre“, erklärt Binnewerg, warum sich seine Mitstreiter und er 2012 in das Abenteuer Bürgerbus stürzten. Fahrgäste, wie Ursula Reich (62) und ihr gehbehinderter Mann Willi (68) sind für Binnewerg der beste Beweis, dass der Bürgerbus in Styrum gebraucht wird. „Seit es den Bürgerbus gibt, haben wir an Mobilität gewonnen und mein Mann kann jetzt zur Not auch mal allein zum Marktcenter an der Steinkampstraße fahren und dort einen Kaffee trinken“, freut sich Ursula Reich. „Die sind außerdem immer sehr freundlich und hilfsbereit“, lobt sie Binnewerg und die anderen Bürgerbusfahrer. Tante Emma auf vier Rädern Tatsächlich bleibt der Bürgerbusfahrer auf seiner Tour nicht stur hinter seinem Lenkrad sitzen und kassiert die 1,50 Euro für die einfache Fahrt oder notiert, ob ein Fahrgast mit Schwerbehindertenausweis freie Fahrt hat und die Kosten von der Bezirksregierung erstattet werden.

Immer wieder steht er auf, hilft Fahrgästen bei Bedarf aus oder in den achtsitzigen Kleinbus. Auch wenn Rollatoren oder Einkaufstaschen hinein oder hinaus zu bugsieren sind, ist Binnewerg ein Mann der Tat. Der 66-Jährige muss nicht um Hilfe gebeten werden. Er sieht, wenn jemand Unterstützung braucht und packt mit an. Auch die zweite oder dritte Krankengeschichte des Tages hört er sich geduldig an und ist nie um einen Scherz oder ein aufmunterndes Wort für seine Fahrgäste verlegen. Und wenn es der Fahrplan des im Stundentakt durch Styrum pendelenden Bürgerbusses erlaubt, dann wird auch schnell mal eine schwere Einkaufstasche bis zur Haustür getragen. „Wir sind hier so was, wie ein rollender Tante-Emma-Laden“, beschreibt Binnewerg die charmante Mischung aus Nahverkehr, Nahversorgung und menschlicher Nähe.

„Obwohl ich schon über 40 Jahre in Styrum lebe, staune ich immer wieder darüber, dass sich dieser von der Industrie geprägte Ort, einen dörflichen Charakter bewahrt hat. Hier kennt jeder jeden und jeder spricht mit jedem“, erzählt der pensionierte Hauptschullehrer, der früher die Schüler der Hexbachtalschule auf den richtigen Weg gebracht hat, auch wenn dafür schon mal Umwege nötig waren. „Da musste man manchmal nicht nur Lehrer, sondern auch Vater und Sozialarbeiter sein“, erinnert sich Binnewerg an sein pädagogisches Berufsleben, das er 2013 abgeschlossen hat. Seine kommunikative Art und sein pädagogisches Fingerspitzengefühl, das spürt man auch bei der Fahrt durch den Stadtteil, hat sich Binnewerg bewahrt.

Seine Fähigkeit, Dinge in die richtige Richtung zu steuern, in dem er beherzt auf Menschen zugeht, sie ansprechen und zum Mitmachen zu motivieren, hat er auch schon in seiner Zeit als Bezirksvertreter und Bezirksbürgermeister genutzt. Und er nutzt sie heute nicht nur als Vorsitzender des Bürgerbusvereins, sondern auch als Schiedsmann, der in seinem Stadtteil Nachbarschaftsstreitigkeiten schlichtet. „Ich freue mich, wie Bolle, dass das mit dem Bürgerbus funktioniert“, sagt Binnewerg mit Blick auf die 700 Fahrgäste, die jeden Monat mit dem Bürgerbus fahren, der seit seiner ersten Fahrt im Herbst 2012 immerhin schon 92 000 Kilometer zurückgelegt hat. Tatsächlich sind Sätze, wie: „Das ist schon klasse, dass es so was gibt“ bei der Fahrt mit dem Bürgerbus öfter zu hören. „Man ist einfach mittendrin und sieht, dass das, was man macht auch Sinn macht und den Leuten ganz konkret hilft“, beschreibt Binnewerg seine ganz persönliche Motivation. Deshalb setzt er sich auch als Ruheständler nicht nur hinter das Lenkrad des Bürgerbusses, sondern als Vorsitzender des Bürgerbusvereins auch täglich an seinen heimischen Schreibtisch, um organisatorische Fragen zu klären: Haben wir genug Fahrer und genug Werbepartner für unseren Bus? Und muss das Fahrzeug mal wieder zur Inspektion oder in die Waschstraße?

Dabei lässt Binnewerg keinen Zweifel daran, dass der Erfolg des Styrumer Bürgerbusses keine One-Man-Show ist, sondern am Lenkrad, wie am Vereinssteuer im Vorstandsteam viele Väter und Mütter hat, die wie Binnewerg unentgeltlich viel Zeit und Energie investieren, um Bürger mit dem Bürgerbus im besten Sinne des Wortes zu bewegen und mobil zu machen. Für Knut Binnewerg steht fest, dass er auch in seinem Ruhestand weiter am Steuer des Bürgerbusses bleiben will, so lange die Gesundheit mitmacht. „Denn“, so sagt der Pensionär der auch politisch aktiv is: „Ich habe mich einfach daran gewöhnt, mich ehrenamtlich zu engagieren und will damit nicht aufhören. Denn beim Bürgerbus stellen sich die Erfolgserlebnisse, anders als in meiner Zeit als ehrenamtlicher Kommunalpolitiker, einfach schneller ein.“

Dieser Text erschien am 7. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 10. November 2014

Wie barrierefrei sind Mülheims Busse und Bahnen?


Essen hat sie schon, Mülheim bekommt sie 2015; 15 neue Niederflurbahnen für 2,5 Millionen Euro pro Fahrzeug. Mittelfristig sollen insgesamt 19 Niederflurbahnen vom Typ NF2 auf Mülheims Straßen fahren.

Dass die Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) trotz ihres aktuellen 34-Millionen-Euro-Defizits neue Niederflurbahnen mit ausklappbarer Einstiegsrampe anschaffen will, hat mit dem Auftrag des Gesetzgebers zu tun. Der will den öffentlichen Personennahverkehr bis 2022 zu 100 Prozent „barrierefrei“ machen.

MVG-Sprecher Nils Hoffmann ist skeptisch. „In Mülheim wie in vielen finanzschwachen Kommunen in NRW wird es nur schwer möglich sein, das Ziel des barrierefreien Umbaus bis 2022 zu stemmen. Aufgrund der bis 2019 zur Verfügung stehenden Finanzmittel ist aber schon jetzt absehbar, dass bis zum 1. Januar 2022 die Barrierefreiheit im ÖPNV nicht erreicht werden kann“, sagt er.

Landesweit schätzt der Städtetag NRW den Finanzbedarf für den barrierefreien Umbau des Nahverkehrs auf rund 1,75 Milliarden Euro. Das Investitionsvolumen für den barrierefreien Umbau aller rund 40 Mülheimer Straßenbahnhaltestellen schätzt Hoffmann auf rund 50 Millionen Euro.

Allein im kommenden Jahr sollen insgesamt zehn Millionen Euro in den barrierefreien Umbau, also den Aufbau erhöhter Einstiegsbahnsteige, investiert werden. Auf der Umbauliste stehen die Haltestellen RWE-Sporthalle, Oppspring und Kuhlendahl, die von der Linie 104 angefahren werden, sowie die Haltestelle Speldorf Bahnhof, die von der Linie 901 angesteuert wird.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände (AGB), Alfred Beyer, würdigt die Bemühungen von MVG und Stadt, die Haltestellen barrierefrei zu machen. Immerhin sind schon heute 71 Prozent der Straßenbahn,- 33 Prozent der Bus- und 50 Prozent der Stadtbahnhaltestellen barrierefrei.

Allerdings sieht er auch noch Nachholbedarf. „Die Umstiegssituation am Hauptfriedhof ist für Fahrgäste mit Rollstuhl oder Rollator unzumutbar“, findet er. Dort müssen Fahrgäste, die in Richtung Flughafen und Wohnstift Raadt fahren, von der 104 in einen Bus umsteigen. Auch im Speldorfer Ortszentrum, wo man derzeit auf der Duisburger Straße in die 901 einsteigen muss, erkennt er ebenso Umbaubedarf, wie an den noch aufzuglosen Stadtbahnhaltestellen Eichbaum und Von-Bock-Straße oder im unterirdischen Busbahnhof am Hauptbahnhof, der nur über Rolltreppen und Treppen erreichbar ist. Ihn sähe Beyer am liebsten oberirdisch und damit barrierefrei zwischen Hauptbahnhof, Forum und Hauptpost.

Auch die Einstiegrampen der neuen Niederflurbahnen sieht er aufgrund ihrer drei bis vier Zentimeter hohen Einstiegskanten skeptisch und plädiert deshalb für fahrzeuggebundene Einstiegshilfen in Form eines Hebelifts.

Dieser Text erschien am 1. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 1. November 2014

Endstation Altersarmut? oder: An den Babyboomern kommt keiner vorbei - Wie sich der öffentliche Personennahverkehr auf den sozialen und demografischen Wandel einstellt

Freie Fahrt für freie Bürger. Wird das ab 2030 auch noch für die zunehmende Zahl der Rentner gelten, die dann, laut Bundesarbeitsministerium, zu mehr als einem Drittel auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein werden, weil das Rentenniveau dann auf 43 Prozent des letzten Arbeitseinkommens absinken wird. Vor diesem Hintergrund stellte ich im Auftrag der die NRZ MVG-Sprecher Nils Hoffmann (51) die Frage, wie sich die Mülheimer Verkehrsgesellschaft schon heute auf den sozialen und demografischen Wandel einstellt.

Frage: Werden Menschen, die künftig als Rentner mit deutlich weniger Geld auskommen müssen, überhaupt noch mobil sein können?

Antwort: Wir sprechen hier von den Babyboomern, die in den 60er Jahren geboren worden sind und ab 2030 in Rente gehen. Sie werden nicht nur für den Nahverkehr, sondern für alle Dienstleister in Zukunft die Hauptzielgruppe sein. Auch Stadt, Handel und Wirtschaft müssen daran interessiert sein, dass alle sozialen Schichten dieser großen Gruppe mobil bleiben und damit am öffentlichen Leben teilhaben können. Denn Mobilität gehört nicht nur zur Grundversorgung. Sie ist auch ein Grundrecht.

Frage: Was tut die MVG schon heute für Senioren und die Fahrgäste mit kleinem Portemonnaie?

Antwort: Wir bieten Senioren ein vergünstigtes Bärenticket und sozialen Hilfsempfängern ein Sozialticket an, mit dem man monatlich für 74,60 bzw. 29,90 Euro durch Mülheim fahren kann. Dabei stellen wir fest, dass die Zahl der Bärenticket-Nutzer derzeit stagniert, während die Zahl der Nutzer des Sozialtickets leicht ansteigt.

Frage: Die MVG fährt derzeit ein Jahres-Defizit von 34 Millionen Euro ein. Kann man sich da ein Sozialticket noch leisten?

Antwort: Ein dem Sozialticket vergleichbares reguläres Monatsticket für den Bereich Mülheim würde etwa 58 Euro statt 29,90 Euro kosten. Die Differenz wird allerdings nicht von der Stadt oder der MVG, sondern aus Steuermitteln des Landes finanziert. Das bedeutet, dass das Sozialticket für Stadt und MVG kostenneutral ist und darüber hinaus unseren Kundenstamm erweitert, weil die Betroffenen (siehe oben) sonst gar nicht mobil wären. Wir erfüllen hier also eine elementare Aufgabe für unsere Stadtgesellschaft.

Frage: Aber mit dem Anteil der alten steigt auch der Anteil der in ihrer Mobilität eingeschränkten Fahrgäste?

Antwort: Zur Zeit sind 15 Mobilitätsassistenten in Mülheim für die MVG im Einsatz für den Seniorenbegleitservice. Ihre Arbeit wird finanziert durch das Bundesprogramm Bürgerarbeit. Ende 2014 läuft dieses Programm aus. Zur Zeit wird aber geprüft, wie und in welcher Form dieser Service weiter aufrecht erhalten werden kann, weil dieses Angebot im Zuge des demografischen Wandels immer wichtiger wird und von unseren älteren Fahrgästen sehr geschätzt wird.

Frage: Und was tut die MVG, um Busse und Bahnen für die zunehmende Zahl mobilitätseingeschränkter Fahrgäste zumindest barrierearm zu machen

Antwort: Im ÖPNV-Gesetz NRW ist festgeschrieben, dass Busse und Bahnen in Mülheim bis zum 1. Januar 2022 barrierefrei sein sollen. Wir sind da in Mülheim relativ weit an der Spitze, in dem wir mit Aufzügen und erhöhten Haltestelleninseln nicht nur älteren Menschen den Ein- und Ausstieg erleichtern.

Antwort: Aber ich glaube, dass wir am Ende keinen 100-prozentig barrierefreien Nahverkehr hinbekommen werden.

Frage: Ist denn zumindest ein barrierearmer Nahverkehr bis 2022 überhaupt finanzierbar und damit auch realistisch?

Antwort: In Mülheim wie in vielen finanzschwachen Kommunen in NRW wird es nur schwer möglich sein, das Ziel des barrierefreien Umbaus bis 2022 zu stemmen. Aufgrund der bis 2019 zur Verfügung stehenden Finanzmittel ist aber schon jetzt absehbar, dass bis zum 1. Januar 2022 die Barrierefreiheit im ÖPNV nicht erreicht werden kann.

Antwort: Nach einer Schätzung des Deutschen Städtetages Nordrhein-Westfalen werden allein für die Umrüstung der Haltestellen in NRW Investitionen in Höhe von ca. 1,75 Mrd. Euro benötigt. Die Einhaltung des Zeitpunktes 2022 wäre laut Städtetag nur möglich, wenn etwa das Fünffache des bisherigen Investitionsvolumens eingesetzt wird. Bei Fortschreibung des derzeitigen jährlichen Investitionsvolumens wären alle Haltestellen erst im Jahr 2065 barrierefrei.

Antwort: Aus unserer Sicht ist eine bessere Finanzausstattung der Kommunen durch eine Gemeindefinanzreform erforderlich. Also eine Reform der Gemeindefinanzen, die die Kommunen wieder in die Lage versetzt, notwendige Investitionen selbst vornehmen zu können.

Dieser Text erschien am 16. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 19. September 2014

Ein Modell, mit dem alle besser fahren würden: Warum der Vorsitzende des Seniorenbeirates, Helmut Storm, der Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft für unentberlich hält

Dass der von 15 Mitarbeitern geleistete Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) vor dem Aus stehen könnte, weil das Bundesprogramm Bürgerarbeit (siehe unten) Ende des Jahres ausläuft, treibt den Vorsitzenden des Seniorenbeirates, Helmut Storm, um. Deshalb plädiert der ehemalige Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, wie der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer, für einen steuerfinanzierten sozialen Arbeitsmarkt, weil sich dieser aus seiner Sicht nicht nur sozial, sondern auch volkswirtschaftlich auszahlt.

Frage: Warum ist der MVG-Begleitservice aus Ihrer Sicht unverzichtbar?

Antwort: Man muss sehen, dass viele ältere Menschen kein Auto haben oder kein Auto mehr fahren können und deshalb um so mehr auf Bus und Bahn angewiesen sind, um mobil zu bleiben und am öffentlichen Leben teilzunehmen. Dabei geht es um alltägliche Dinge, wie einen Arztbesuch, einen Einkauf, einen Theaterbesuch oder die Teilnahme an einem Kaffeekränzchen. Wenn alte Menschen dann aber auf einen Rollator angewiesen sind oder ihre Sehkraft nachlässt, sind sie bei der Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs auf Begleitung angewiesen. Und selbst wenn sie Kinder haben, sind die oft aus beruflichen Gründen nicht abkömmlich.

Antwort: Für alte Menschen ist diese subventionierte Mobilitätsassistenz aber auch deshalb wichtig, weil im Alter die Zahl der sozialen Kontakte abnimmt und die Pflege jedes verbliebenen Kontaktes um so wichtiger wird.

Frage: Können sich die unter Konsolidierungsdruck stehenden öffentlichen Haushalte denn die dauerhafte Finanzierung eines sozialen Arbeitsmarktes leisten?

Antwort: Ich bin kein Finanzfachmann, habe aber in der NRZ mit Interesse gelesen, dass die deutsche Staatskasse zurzeit einen Überschuss von 16,1 Milliarden Euro aufweist. Man muss diese Diskussion ehrlich führen und sehen, dass Langzeitarbeitslose auch Kosten verursachen und langfristig auch dann zusätzliche Kosten anfallen, wenn Langzeitarbeitslose in Folge ihrer Erwerbslosigkeit krank werden oder sogar auf die schiefe Bahn abrutschen. Auch wenn ich weiß, dass diese Rechnung wackelig ist und nur schwer auf Euro und Cent zu belegen ist, ist dieser Zusammenhang nicht von der Hand zu weisen. Hier können wir uns viel Geld und Ärger sparen, wenn wir Langzeitarbeitslosen eine sinnvolle Beschäftigung geben und alte Menschen mobilisieren und ihnen möglichst lange ein selbstständiges und mobiles Leben ermöglichen, statt sie vor der Zeit in ein Altenheim zu schicken.

Frage: Aber die Mehrkosten für die öffentlichen Hände bleiben.

Antwort: Ja, die bleiben, aber sie relativieren sich auch, wenn man nur die Differenz zwischen Sozial- und Lohnkosten betrachtet und darüber hinaus anerkennt, dass auf unserem hoch differenzierten und spezialisierten Arbeitsmarkt eben nicht mehr das Stammtischargument stimmt: „Wer Arbeit will, bekommt auch welche.“ Außerdem glaube ich, dass zumindest die Senioren, die eine gute Rente haben und nicht auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, bereit wären, einen Beitrag zu leisten, um sich ihre mit dem Service verbundene Lebensqualität zu erhalten. Man könnte den Begleitservice sozial Bedürftigen weiter kostenfrei und den finanziell besser gestellten Senioren ein Monatsticket für Bus, Bahn und Begleitservice anbieten. Das wäre ohne großen organisatorischen Aufwand zu machen und würde ein sinnvolles Angebot sichern. Vorstellbar wäre auch, die Bürgerarbeit etwa für Einkäufe, Gespräche oder kleine Reparaturen im Haushalt auszuweiten.

Frage: Was würden Sie den Bundetagsabgeordneten sagen, die über die weitere Finanzierung der Bürgerarbeit entscheidenden müssten?

Antwort: Gehen Sie auf die Straße und schauen Sie sich die alten Menschen an. Schauen Sie ganz genau hin und fragen Sie Ihre Mutter oder Ihren Vater.

Antwort: Und denken Sie daran, dass sich der Wert einer Gesellschaft immer auch daran bemisst, wie sie mit ihren alten Menschen umgeht, die am Ende ja auch Wähler sind.
Dieser Text erschien am 3. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 17. September 2014

Gemeinsam vorankommen: Der Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft wird von Nutzern und Mitarbeitern nicht nur als ein Mobilitätsgewinn für alle Beteiligten erlebt: Seine langfristige Finanzierung steht aber auf wackeligen Beinen

Wer glückliche Menschen erleben möchte, sollte den Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) begleiten.

Begleiter, wie Joachim Schmidt (61), Hicham Hadij (40) oder Sven Becker (34) sind glücklich, weil sie aus der Arbeitslosigkeit herausgekommen sind und jetzt eine sinnvolle Arbeit haben, indem sie täglich Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, mobil machen, indem sie sie von zu Hause abholen und mit ihnen zusammen im Bus oder in der Bahn zum Friseur, zum Arzt, zum Einkauf oder zum Seniorentreff begleiten.

„Wenn Sie das einmal gemacht haben, wollen Sie das immer weitermachen“, sagt der aus Marokko stammende Jurist Hadij, dessen Hochschulabschluss in Deutschland nicht anerkannt wird. Auch sein Kollege Schmidt, der früher als Speditionskaufmann gearbeitet hat, sagt: „Ich habe noch nie eine Arbeit gemacht, die mich so befriedigt.“ Und Becker, der schon als Verkäufer, Gärtner und Kellner gearbeitet hat, erlebt bei seinen täglichen Bus- und Bahntouren, bei denen er regelmäßig Rollatoren und ihre meist betagten Nutzer über Bordsteinkanten, Schlaglöcher und Stufen bugsiert, „dass die Menschen richtig dankbar sind, wenn wir kommen, weil sie sich durch uns wieder sicher fühlen und so am öffentlichen Leben teilnehmen können.“

„Hier kümmert man sich wirklich ganz liebevoll um uns. Wenn es diesen Begleitservice nicht gäbe, wären wir doch einsam und verlassen“, sind sich Mathilde Posadowski (99) und Dagmar Wiedwald (83) einig, die es mit Hilfe der MVG-Service-Leute von ihren Wohnungen in Speldorf und Stadtmitte in Bus und Bahn zum gemeinsamen Mittagessen und Kaffeetrinken im Rotkreuz-Seniorentreff an der Prinzess-Luise-Straße geschafft haben. Auch die Dümptenerin Erika Fork (86), die sich an diesem Vormittag von Hicham Hadji zum Friseur begleiten lässt, möchte den Begleitservice für Bus und Bahn nicht missen, „weil ich so raus und unter Menschen komme.“ „Denn“, so Fork weiter: „Ich brauche den Kontakt zu Menschen und kann nicht die ganze Zeit alleine zu Hause sitzen und lesen“

Doch obwohl der Begleitservice der MVG von so vielen Menschen als Gewinn erlebt wird, steht seine Finanzierung in den Sternen. Denn die 15 Mobilitätsassistenten werden mit Hilfe des Bundesprogramms Bürgerarbeit finanziert, das Ende des Jahres ausläuft. Obwohl die regionale Verkehrsgesellschaft Via, zu der auch die MVG gehört, und die Sozialagentur derzeit prüfen, ob und wie der Begleitservice der MVG und ihrer Schwestergesellschaften mit neuen Förderprogrammen des Bundes, des Landes und der Europäischen Union 2015 fortgesetzt werden könnte, spricht MVG-Sprecher Olaf Frei angesichts der wirtschaftlich schwierigen Situation der Nahverkehrsgesellschaften von einer „ergebnisoffenen Prüfung“, die sich vor allem von der Hoffnung auf neue Fördermittel des Bundes und des europäischen Sozialfonds stützt.

Die stellvertretende Leiterin der Sozialagentur, Jennifer Neubauer gibt sich zuversichtlich, dass es spätestens im November eine spruchreife und für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung geben wird. Doch ihre Zuversicht wird nicht von allen geteilt.

Auch der Leiter des Begleitservice, Frederik Wohlgehaben, fände es kontraproduktiv, wenn die 15 Bürgerarbeiter der MVG ab 2015 nicht weitermachen könnten, „weil wir sie jetzt alle geschult haben und sie gut eingearbeitet sind und außerdem das Vertrauen unserer Kunden erworben haben.“ Auch MVG-Sprecher Frei spricht von „einem tollen Service, den wir fortsetzen wollen, weil er gut angenommen wird und in die Zeit des demografischen Wandels passt.“

Dieser Text erschien am 28. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 27. Juni 2014

Die Ruhe nach dem Sturm: Obwohl das Pfingstunwetter im öffentlichen Personennahverkehr auch am Tag danach zu chaotischen Verhältnissen geführt hatte, blieben die meisten Fahrgäste gelassen

Mal eben mit Bus und Bahn in die Nachbarstadt oder von einem Stadtteil in den nächsten fahren. Nicht an diesem Tag nach einem Unwetter, das bei vielen Fahrgästen am Hauptbahnhof Erinnerungen an den Orkan Kyrill weckt, der im Januar 2007 durchs Land wirbelte.

„Hier stand das Wasser bis zur zweiten Stufe der Rolltreppe. Erst ab acht Uhr konnte der erste Bus wieder fahren“, erinnert sich der Leiter des sechsköpfigen Serviceteams der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG), Frederik Wohlgehaben, an den Beginn seiner Dienstschicht am frühen Morgen. Feuerwehrleute mussten ab 21.45 Uhr anrücken, um die Abläufe des Busbahnhofes von Schlamm und Geäst zu befreien, um den Tunnel unter dem Kurt-Schumacher-Platz wieder passierbar zu machen. „Doch das war einer unserer kleineren von bisher über 1000 Einsätzen“, sagt Feuerwehrsprecher Thorsten Drewes am Mittag.

Da pendeln Servicemann Wohlgehaben und seine fünf Kollegen schon wieder zwischen U-Bahnhof und Busbahnhof. Sie beantworten nach eigener Einschätzung an diesem Tag fünf bis sechs Mal so viele Fragen wie an normalen Tagen. Die meist gestellte Frage lautet: „Wie komme ich nach Essen?“

In der Regel verweisen Wohlgehaben, Michel Reichinger und ihre Kollegen vom MVG-Serviceteam auf die Buslinie 132, die immerhin schon mal auf halber Strecke bis Heißen-Mitte fährt oder auf den Schienenersatzverkehr für die Straßenbahnlinie 104. So viel steht fest: Mit der Deutschen Bahn oder mit der U 18 geht an diesem chaotischen Tag in Richtung Essen nichts mehr. Wohlgehaben berichtet von einem ICE, der zwischen Montag 22 Uhr und Dienstag 11 Uhr im Hauptbahnhof eine Zwangspause einlegen musste, weil es einfach nicht mehr weiterging. „Wir sind gut gelaunt und Gott ergeben. Das ist höhere Gewalt. Dafür kann ja keiner was“, versichern Musikstudent Max Wehner und Rentner Karl Walgenbach, die an der bahnhofsnahen Kaiserplatzkreuzung auf die Ersatzbusse für die 104 nach Essen und für die 112 nach Oberhausen warten.

Informatikstudent Farzad AzizKhani, der eigentlich auch nach Essen wollte, hat inzwischen seine Vorlesung an der dortigen Uni verpasst. „Ich habe nach einem Taxi gefragt, aber keines bekommen. Deshalb habe ich die Zeit genutzt, um etwas einzukaufen. Und wenn gleich die 901 kommt, fahre ich wieder zu meinem Studentenwohnheim an der Duisburger Straße“, berichtet er. „Wir wollen nur noch ins Hotel“, erzählen die Stuttgarter Radtouristen Heidi und Wilhelm Burger, die ebenfalls auf die 901 warten und ihre Radtour abgebrochen haben, „weil einfach zu viele Bäume umgestürzt und zu viele Straßen gesperrt sind.“

Maren Schäfer, die es mit dem 124er von Broich zum Hauptbahnhof geschafft hat und jetzt mit ihrem kleinen Sohn Alex zum Kinderarzt nach Dümpten muss, ist schon kurz davor, den Termin per Handy abzusagen, als gegen 14.30 Uhr doch noch eine 102 unter dem Hauptbahnhof einfährt. „Die Informationen am laufenden Band reichen mir nicht aus. Es könnten ruhig mehr Lautsprecherdurchsagen kommen“, findet Helga Kohl mit Blick auf die elektronische Anzeigetafel. Sie weist darauf hin, dass die 102 heute nur bis Aktienstraße fährt und Reisende in Richtung Dümpten wegen der sturmbedingten Oberleitungsschäden dort in einen Ersatzbus umsteigen müssen. „Wenn man die Wirbelstürme in Amerika kennt, weiß man, dass das hier noch glimpflich abgegangen ist und man froh sein kann, wenn man noch alle Ziegel auf dem Dach hat“, findet Brigitte Walder, die nach einem Arzttermin in der Innenstadt auf die 102 wartet.

„Das war ein Gefühl, als ob die Welt unterginge. Ich habe riesige Wassermulden und ganz normale Bürger gesehen, die sich eine Warnweste anzogen, um Kreuzungen mit einem Warndreieck zu sperren und mit eine Motorsäge hantierten, um umgestürzte Bäume von der Straße zu bekommen“, erinnert sich SPD-Ratsherr Sascha Jurczyk an seine nächtliche Unwetterfahrt durch Saarn und Menden, während er im Busbahnhof auf den 752er nach Saarn wartet. Und während eine MVG-Kollegin am Lautsprecher verkündet, welche Buslinien aktuell nicht fahren und wo Busse Bahnen ersetzen, resümiert Servicemann Wohlgehaben: „Die meisten Fahrgäste sind verständnisvoll und gelassen. Nur eine junge Frau war aufgelöst, weil sie nicht rechtzeitig zur Arbeit kam und ihr Chef ihr den Lohn abziehen will. Doch das ist wohl ein Fall für den Betriebsrat.“

Dieser Text erschien am 11. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 17. April 2014

Mit Respekt und Wertschätzung kommt man besser an: Der Verkehrsverbund Via und die Mülheimer Verkehrsgesellschaft warben mit einer Plakat-Kampagne für ihre Bus und Bahnfahrer, offensichtlich nicht ohne Erfolg


„Busfahren hat bei uns Tradition“ steht auf dem Plakat. Und Busfahrer Marco Prudon steht daneben. „Ich wollte erst gar nicht aufs Plakat. Aber mein Chef hat gesagt. Doch. Geh mal dahin. Die machen gerade Fotos. Und plötzlich bekam ich einen Anruf: Du bist dabei“, erinnert sich der 38-jährige Sohn eines pensionierten Busfahrers, der selbst seit drei Jahren für die Mülheimer Verkehrsgesellschaft Bus fährt, an den Start einer plakativen Imagekampagne, mit der die MVG und ihre Schwestergesellschaften im Nahverkehrsverbund Via im zweiten Halbjahr 2013 vor allem für eines warben: Respekt und Wertschätzung für ihre Bus und Bahnfahrer.

Prudon war einer von 40 Bus- und Bahnfahrern, die über Nacht zum Fotomodell wurden, um zu zeigen, dass ihre Kollegen und sie auch nur Menschen sind, die sich über freundliche Fahrgäste freuen. „Ich glaube, dass die Leute früher mehr Respekt vor Bus- und Bahnfahrern hatten. Vielleicht lag es an ihrer Uniform“, glaubt Prudon, wenn er sich mit seinem Vater über dessen Arbeitsalltag am Lenkrad unterhält. Gott sei Dank kennt auch Prudon Fahrgäste, „die einen mit einem freundlichen Guten Morgen begrüßen oder das Geld für die Fahrkarte nicht einfach wortlos hinknallen.“ Doch er stellt immer wieder fest: „Der Ton ist rauer geworden, auch wenn wir selbst gar nichts dafür können, dass ein Bus mal später kommt oder ausfällt.“

Deshalb hat Via Prudon und seine Kollegen auf Bussen, Bahnen und an Haltestellen plakatiert. „Ich bin noch vor drei Wochen angesprochen worden: Sie sind doch der Mann vom Plakat“, erzählt Prudon. Er schätzt, dass er im Laufe der letzten Monate von 25 Fahrgästen (durchweg wohlwollend) auf seine Vorbildfunktion angesprochen worden ist. „Anfangs habe ich genau darauf geachtet, wo ich hänge und auf welchem Bus ich zu sehen bin. Aber irgendwann sieht man das gar nicht mehr“, beschreibt Prudon den Gewöhnungseffekt.

Via, die jetzt rund 1000 Fahrgäste in einer repräsentativen Telefonumfrage befragt hat, bekam immer hin von 13,3 Prozent der Befragten die Antwort, dass die Plakatwerbung ihr Bild von Bus- und Bahnfahrer im Sinne von mehr Wertschätzung positiv verändert habe. 78,5 Prozent bezeichneten die Kampagne als ansprechend. 51,1 Prozent räumten dem Beruf des Bus- und Bahnfahrer einen hohen Stellenwert ein, 67 Prozent bezeichneten Busfahrer als freundlich, 59 Prozent als hilfsbereit, 58 Prozent als umsichtig, 77 Prozent als seriös, aber nur 48 Prozent als geduldig. Geduldig muss man nach Prudons Ansicht auch weiterhin sein, wenn es um den höflichen und respektvollen Umgang in Bussen und Bahnen geht. „Aber ich finde es gut, sagt er, „dass unser Arbeitgeber etwas dafür tut, uns als Arbeitnehmer in der Öffentlichkeit besser darzustellen.“
 
Dieser Text erschien am 14. April 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...