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Dienstag, 26. März 2024

Ein Konservativer

 Wir wissen nicht, was Matthias Kuhlenkötter wählt. Doch beruflich ist er ein Konservativer. Denn der 38-Jährige ist als Nachfolger von Martina Erm der neue Restaurator des Stadtarchivs,

Nach einem Schülerpraktikum in einem Münsteramer Museum kam er als 15-Jähriger auf die Idee, das Restaurieren sein Beruf werden könnte. Nach dem Abitur studierte der Westfale an der Technischen Hochschule in Köln Papierrestauration und arbeitete anschließend als Restaurationsberater für Archive in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein. 

Jetzt hat es den Münsterländer, der seinen Beruf als eine "spannende Mischung aus Handwerk und Wissenschaft" beschreibt also ins Ruhrgebiet gezogen.

Im Haus der Stadtgeschichte sorgt er in seiner Werkstatt zum Beispiel mit kleinen Schwämmen, hauchdünnem Japanpapier und einer Schimmelabzugshaube dafür, dass uns unser papiernes kollektives Gedächtnis nicht abhanden kommt.

Vor allem das holz- und säurehaltige Papier, auf dem zwischen 1840 und 1980 gedruckt und aufgeschrieben wurde, was wichtig und erinnernswert erschien, macht dem Restaurator sein Arbeitsleben im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße nicht leichter.

Auch Mäusefraß und Papierfischen sagt er von Berufswegen den Kampf an. Ohne die knifflige Einbettung in hauchdünnes und durchsichtiges Japanpapier würden zum Beispiel die Zeitungsseiten von Anno Dazumal als wichtige Zeitdokumente  irgendwann unlesbar und am Ende ganz zerfallen.

Auch hohe Luftfeuchtigkeit, extreme Temperaturen und zu viel Licht mögen Kuhlenkötters alte Schätze gar nicht. Deshalb ist er als Restaurator auch für die Digitalisierung von Urkunden und anderen Dokumenten zu haben, um die Zeitdokumente möglichst dauerhaft für die Nachwelt zu erhalten, damit wir auch morgen und übermorgen übermorgen noch nachlesen Können, was unsere Vorfahren taten und ließen, um vielleicht aus ihrer Geschichte, die heute die Unsere ist, vielleicht doch das eine oder andere zu lernen, um ihre Fehler nicht zu wiederholen.


Autor & Stadtarchiv

Samstag, 1. Juli 2023

MIT SWING UND ROSEN INS 104. LEBENSJAHR

Ruhr-River-Jazzband und Bürgermeister Markus Püll gratulierten Margarete Schwoerer

Wer kann das schon von sich sagen, dass ihm die Ruhr-River-Jazzband daheim auf der eigenen Terrasse ein Geburtstagsständchen bringt und der Bürgermeister als Rosenkavalier vorbeikommt, um zu gratulieren. Aber Margarete Schwoerer hatte am Samstag einen ganz besonderen Geburtstag. Sie ist jetzt 103 Jahre Jahre alt geworden.

 Als sie am 10 Juni 1920 in ihrem Elternhaus an der Friedrichstraße das Licht der Welt erblickte, hatte Mülheim gerade die Revolution und den Ruhrkampf hinter sich gebracht. „Mein Vater Walter hat als Kaufmann den Lebensunterhalt der Familie verdient. Und meine Mutter Margarete hat sich als Hausfrau und Mutter um meine beiden Schwestern Waltraud und Charlotte und um mich gekümmert“, erinnert sich die Mülheimerin aus der Generation 100 Plus. Die Familie zog während ihrer Kindheit von der Friedrichstraße zum Dickswall 70. „In der unmittelbaren Nachbarschaft befand sich eine überkonfessionelle Volksschule, eine sogenannte Paritätische Bürgerschule, die von christlichen und jüdischen Kindern besucht wurde.“ Nach der Schule begann Margarete eine Sparkassenlehre. Die Sparkasse hieß damals noch Stadtsparkasse geheißen und war ein Amt der Stadtverwaltung, Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen waren Beamte. Ich bin 1982 als letzte Sparkassenrätin pensioniert worden,“ berichtet Schwoerer. Als sie ihr Berufsleben bei der Stadtsparkasse begann, stand noch die Synagoge gleich neben der 1909 eröffneten Sparkasse am Viktoriaplatz, die im Oktober 1938 für 56.000 Reichsmark und damit für etwa ein Siebtel ihres Neubauwertes an die Stadtsparkasse verkauft und in der Reichspogromnacht vom 9. Auf den 10. November 1938 vom damaligen Feuerwehrchef und SS-Führer Alfred Freter in Brand gesteckt wurde. Für Margarete  Schwoerer war das Jahr 1938 ein glückliches. Denn damals lernte sie bei einem Ausflug mit der evangelischen Altstadtgemeinde ihren späteren Mann Walter kennen. Doch das Glück der beiden sollte nicht lange währen. Hitlers Krieg machte ihnen einen Strich durch die gemeinsame Lebensrechnung. Schwörer erinnert sich: „Wir haben 1942 geheiratet und mein Mann, der zuletzt als Soldat in Rumänien gekämpft hat, ist seit 1944 verschollen. Während der vielen Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges haben wir im Keller unseres Hauses oder in einem Bunker gesessen der sich gleich gegenüber dem Polizeipräsidium an der Von-Bock-Straße befand. Nach dem Kriegsende habe ich bis 1955 immer noch gehofft, meinen Mann in eines Tages wiederzusehen. Doch nachdem Konrad Adenauer 1955 die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus Russland nach Hause geholt hatte, musste ich mich damit abfinden, ohne meinen Walter weiterzuleben.“ Walter Schwoerer ist einer von 2700 Wehrmachtssoldaten aus Mülheim, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als verschollen gelten.

 Nach dem Krieg besuchte Schwoerer nebenberuflich eine Verwaltungsfachschule und stieg danach in den Höheren Dienst auf. „Ich habe immer in der Kreditabteilung der Stadtsparkasse gearbeitet“, erklärt Schwoerer. In den 1960er Jahren hatte sie genug Geld zusammen, um sich das Haus an der Ottostraße in Heißen zu bauen, in dem sie heute mit der Alltagsassistenz ihres Pflegers Marco Brändel lebt. „Das Wichtigste ist mir mein Garten. Früher habe ich dort selbst gerne gearbeitet. Doch das kann ich seit einigen Jahren nicht mehr. Aber ich genieße es bis heute, dass ich jeden Tag von meiner Terrasse in das wunderschöne Grün meines Gartens schauen kann“, sagt Schwoerer. Regelmäßig schaut die Mülheimer Nestorin auch in ihr großes iPad. Hier findet sie viel Wissenswertes, kann sich Ihre Fotos anschauen, per Video-Call mit Freunden, Familie und Nachbarn Neffen telefonieren. Margarete schaut noch jeden Tag die Fernsehnachrichten und recherchiert dann im Internet die Fakten und Zusammenhänge, die sie nach dem ersten Sehen und Hören noch nicht verstanden, hat“, berichtet ihr Hausgenosse und guter Geist Marco Brändel. „Mit 80 habe ich einen Computerlehrgang an der Heinrich-Thöne-Volkshochschule gemacht, so dass ich heute mit meinem ipad alles machen kann. Das war das Beste, was ich machen konnte. Und ich kann es nur jedem in meinem Alter empfehlen. Denn wenn man sich nicht mehr so gut bewegen kann, kann man mit Hilfe des Internets mit der Welt in Kontakt bleiben und am Leben vor der eigenen Haustür teilnehmen“, betont Schwoerer. Sie ist heute auf einen Rollstuhl angewiesen und sich in ihrem Haus einen Treppenlifter einbauen lassen. Die Frage wie sie so alt geworden ist, beantwortet die geistig hellwache und lebenszufriedene Jubilarin mit dem Hinweis auf ihre guten Gene. „Meine Mutter ist auch fast 103 Jahre alt geworden!“, sagt das reife Geburtstagskind.

Und was wünschen sich Margarete Schwoerer und ihr hilfreicher Hausgenosse Marco Brändel für die Zukunft? Mit einem Augenzwinkern sagt Brändel: „Ich habe mich auch schon um Margaretes Mutter gekümmert, die 1998 verstorben ist. Und in sechs Jahren gehe ich in Rente. Und bis dahin muss Margarete auch durchhalten.“ 


Mülheimer Presse

Samstag, 18. Juni 2022

Ein schweres Geschäft

 Margarete Schwörer gehört zu den aktuell 35 Mülheimerinnen und Mülheimern, die 100 Jahre alt und älter sind.

Am vergangenen Freitag, 10. Juni, konnte die Heißenerin ihren 102. Geburtstag feiern. Nicht nur ihre Nachbarn, ehemalige Kollegen, Freunde und Familienangehörigen gratulierten der Jubilarin und stießen mit ihnen auf ihren Ehrentag an. Auch Manfred Mons und Helmut Schmidt von der Ruhr River Jazzband kamen mit ihrer Posaune und ihrem Banjo vorbei, um Frau Schwörer ein Geburtstagsständchen der swingenden Art zu bringen. Margarete Schwörer hat offensichtlich gute Gene. „Meine Mutter, die ich nach meiner Pensionierung gepflegt habe, ist fast 103 Jahre alt geworden“, berichtet Schwörer.

Als sie 1937 ihre Ausbildung bei der Sparkasse begann, hieß diese noch Stadtsparkasse und war ein Amt der Stadtverwaltung. „Ich war als Sparkassenrätin in der Kreditabteilung tätig und gehörte 1982 zu den letzten Sparkassen-Beamtinnen, die in den Ruhestand gingen“, erzählt Schwörer.

Die Jubilarin, die an der Ottostraße zu Hause ist, war verheiratet, ist aber früh verwitwet und deshalb kinderlos geblieben. Denn ihr Mann Walter, musste als Soldat in Hitlers Wehrmacht kämpfen und 1941 am deutschen Überfall auf die Sowjetunion teilnehmen. Er gilt seit 70 Jahren als vermisst. Damit gehört er zu den insgesamt 2700 vermissten Mülheimer Soldaten, die nach dem Kriegsende 1945 „für tot“ erklärt worden sind. „Als der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer 1955 in Moskau die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion erreichte, hatte ich noch einmal Hoffnung, meinen Walter wiederzusehen. Aber diese Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt“, erinnert sich die heute auf einen Rollstuhl und einen Treppenlift angewiesene Seniorin. Doch Schwörer, die mit 80 Jahren noch einmal die Schulbank drückte und einen Computerlehrgang absolviert hat, ist technisch auf dem Laufenden. „Ich habe ein tolles I-Pad und eine E-Mail-Adresse. Damit kann ich alles machen und mit der Welt in Kontakt bleiben“, freut sich Schwörer. Auch wenn das betagte Geburtstagskind, das im Jahr des Mülheimer Ruhrkampfes und damit ein Jahr nach Ausrufung der Weimarer Republik, das Licht der Welt erblickt hat, „sehr dankbar für mein hohes Lebensalter ist“, lässt es doch keinen Zweifel daran, „dass Altwerden ein schwieriges Geschäft ist.“


Meine Beiträge in NRZ/WAZ

Donnerstag, 11. November 2021

Ein Exportschlager kommt zurück

Von Saarn nach England und wieder zurück. So lässt sich die Geschichte der Kirmesorgel zusammenfassen, die die Gebrüder Wellershaus anno 1906 in ihrer Orgelwerkstatt an der Düsseldorfer Straße gebaut haben und die Schausteller Albert Ritter bei der Saarner Kirmes der interessierten Öffentlichkeit vorstellen wird.

Schon vor 30 Jahren, so lange gehört Ritter auch schon zur Gemeinschaft der Saarner Schausteller, erstand er bei einem historischen Jahrmarkt einen Orgelwagen, Baujahr 1919. Nur eine entsprechende Kirmesorgel fehlte ihm.  Auf sie wurde er durch einen Schaustellerkollegen gestoßen, der sich, ebenso wie Ritter, „für das Kulturgut Kirmesorgel“ begeistern kann.
Das Angebot, dem Ritter nicht widerstehen konnte, führte ihn im Juni 2015 in den Stall eines englischen Geflügelzüchters, der ihm dort auf der Wellershausorgel „Das ist die Berliner Luft“ und „Puppchen, du bist mein Augenstern“ intonieren konnte.

Inzwischen hat sich Ritter 48 weitere Liederbücher besorgt, die wie eine Lochpappe aussehen und von der Orgelwalze wie von einem Orchester in 56 Tonstufen zum Klingen gebracht werden. „Radetzky-Marsch“ oder „Schneewalzer“ gefällig?

„Die bis zum Ende der 50er-Jahre in Saarn gebauten Wellerhaus-Orgel wurden nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auch nach USA verkauft“, weiß Ritter vom englischen Vorbesitzer und von seinem historisch bewanderten Schausteller- und Kirmes-Orgel-Fan Henning Ballmann. Die Firma Wellerhaus war zuletzt, noch bis in die frühen 80er-Jahre, als Musikalien- Instrumentengeschäft in Saarn ansässig.
Der englische Vorbesitzer der Saarner Wellerhaus-Orgel – der dort lebt, wo Fernseh-Inspector Barnaby seine Mordfälle löste, nämlich in Wallingford in der Grafschaft Oxfordshire – erzählte Ritter auch, dass die Kirmesorgel früher als Konzert- und Tanzorgel auf einem  Grachtenschiff in Amsterdam für Musik sorgte.

Davor, so lässt ein altes, verwaschenes Foto aus den 20er-Jahren vermuten, muss das gute Stück einem rheinischen Schausteller gehört haben. Er war wohl auch ihr erster Besitzer, der die Orgel 1906 in Saarn erworben haben dürfte.

Dass sich Albert Ritter für die alte Kirmesorgel aus Saarn begeistert, überrascht nicht, da er bereits die fünfte Schausteller-Generation seiner Familie repräsentiert. Und die sechste Generation ist bereits in der fahrenden Familienfirma aktiv. 

Heute wird in Ritters Kirmesgastronomie  eingekehrt. Die Vorfahren waren ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst mit einer Schaubude und später auch mit einem mobilen Kino unterwegs. 

Doch Mitte der 70er-Jahre war die Zeit den Kinematographen sowie des stärksten Mannes der Welt und der Frau ohne Unterleib abgelaufen. Ritters Eltern wechselten deshalb vom traditionellen Schaustellergewerbe in die zünftige Kirmes-Gastronomie, mit der Familie Ritter heute an jährlich 120 Kirmestagen in ganz Nordrhein-Westfalen für Gemütlichkeit auf dem Jahrmarkt sorgt.
Mit Blick auf seine Wellerhaus-Orgel ist Albert Ritter davon überzeugt: „Kirmes- und Konzertorgeln sind ein Kulturgut, dessen Erhaltung absolut förderungsbedürftig und  förderungswürdig wäre. Deshalb hat der 62-jährige Schausteller und Orgelbesitzer für den 9. Juli  andere Schausteller und Orgelbesitzer aus ganz Deutschland zu einem Orgeltreffen zur Saarner Kirmes eingeladen, die diesmal nicht auf dem Saarner Kirmesplatz, sondern vom 8. bis zum 11. Juli auf dem Stadthallen-Parkplatz über die Bühne gehen wird. Albert  Ritter, Vorsitzender des Schaustellerverbandes Essen-Mülheim, rechnet dort mit insgesamt rund 80 Kollgen, die alle zusammen auf sonniges Kirmes-Wetter hoffen.

NRZ, 07.06.2016

Dienstag, 2. November 2021

Der Musiker: Otto Spindler


Zweimal im Monat, meistens montags und mittwochs steht Otto Spindler mit seiner Drehorgel auf der Schloßstraße oder am Kurt-Schumacher-Platz.

„Ich habe mich für diese Tage entschieden, weil ich dann den Markthändlern in die Quere komme“, erzählt der 79-Jährige. Mit seiner Drehorgel und seiner Trompete tourt er regelmäßig durch die Städte an Rhein und Ruhr, um seine Rente aufzubessern. „Bräuchte ich das Geld nicht, würde ich trotzdem hier stehen und spielen. Denn ich bin Musiker und das macht mir hier einfach Freude“, sagt Spindler.

Wenn der Reisende in Sachen Musik mit seiner in Dinkelbühl gebauten 26-Pfeifen-Drehorgel oder an seiner Trompete los legt, kommt nicht nur bei ihm Freude auf. Menschen aller Generationen bleiben stehen und lassen einen Euro oder 50 Cent in die kleine Schale fallen, die Spindler auf seiner Drehorgel stehen hat.
Ein kleines Mädchen lässt er bei „Alle Vögel sind schon da!“ einige Takte mitkurbeln. 300 Lieder hat Spindler im  Repertoire. Da ist für jeden Geschmack und jede Jahreszeit etwas dabei. Das kleine Mädchen strahlt über das ganze Gesicht und auch Spindler hat sichtlich seinen Spaß.

Ein Ehepaar mittleren Alters bleibt stehen und hört sich „Das gab’s nur einmal. Das kommt nicht wieder.“ an. „Das hat einfach was anheimelndes an sich und erinnert einen an die gute alte Zeit“, sagt der Mann. Nicht nur Lieder, wie: „Davon geht die Welt nicht unter. Sie wird ja noch gebraucht“, stimmen eine nostalgische Note an. Auch Zindlers Outfit, die kaiserblaue Uniform eines kaiserlich-königlichen Polizeibeamten (samt Pickelhaube) entführen seine Zuhörer und Zuschauer für einen Augenblick aus ihrer geschäftigen Umtriebigkeit in eine vermeintlich gute alte Zeit, in der alles etwas ruhiger vonstatten ging.

Wenn Spindler zu seiner Trompete greift, merkt man: Der Mann kann auch swingen. Kein Wunder. Seit 55 Jahren jazzt er, der in Berlin geboren wurde, in Hamburg aufwuchs, dort mit Uwe Seeler in einer Jugendmannschaft des HSVs kickte und in den 60er Jahren der Liebe wegen nach Düsseldorf kam, durch die Region. „Entweder trete ich mit meiner Drehorgel und meiner Uniform auf, die ich in einem Kostümverleih in Korschenbroich erworben habe oder ich spiele mit meiner Band Jazz mit Schmackes in Clubs und bei anderen Gelegenheiten“, erzählt Spindler.

Vor der großen Disco-Welle war der gelernte Industriekaufmann in den 60er und frühen 70er Jahren mit einem großen Tanzorchester unterwegs. „Damals hatten wir sogar Monatsverträge  mit den entsprechenden Cafes, Restaurants und Hotels“, erinnert sich Spindler an seine gute alte Musiker-Zeit, in der er seinen ungeliebten kaufmännischen Job bei einem großen Ölkonzern hinter sich gelassen hatte.

Auch wenn das seinen Rentenansprüchen nicht gut getan hat, bereut er diese Lebenswende nicht. Heute hangelt sich der glücklich verheiratete Mann an der Orgel und mit der Trompete von einem Auftritt zum nächsten. Ein Erfolgserlebnis ist es für ihn, wenn er, wie an diesem sonnigen Oktobertag in der Mülheimer City nicht nur manchen Euro einspielen kann, sondern auch von Leuten angesprochen wird, die ihn für eine Weihnachtsfeier, einen Geburtstag oder eine Hochzeit buchen wollen. Da swingt das Herz des alten Jazz-Musikers.
„Wenn ich heute im Lotto gewinnen würde, würde ich trotzdem als Straßen- und Bandmusiker weitermachen. Denn mit Musik kann man Menschen glücklich machen und das macht mich selbst glücklich, weil ich bei Musizieren nur von gut gelaunten Menschen umgeben bin“, betont Spindler.

Würde er denn auch als musizierender Lotto-Millionär um eine milde Gabe des wohlwollenden Publikums bitten?

„Na, klar. Dann würde ich eben eine Spendendose für die Diakonie oder das Deutsche Rote Kreuz aufstellen“, sagt der freundliche Herr in der preußischen Polizeiuniform und erinnert seinen Zuhörer daran: „Es dauert noch ein paar Jahre. Und dann sind wir die gute alte Zeit!“ 

Mittwoch, 20. Oktober 2021

Unbedingter Lebenswille


Wer einen lebensbejahenden Menschen kennen lernen möchte, der sollte Walter Brückers besuchen. Sein offensichtlicher und ansteckender Lebensmut beeindruckt umso mehr, wenn man sieht, dass er bis heute unter seinen im Kriegsjahr 1944 erlittenen Verletzungen zu leiden hat und wenn man hört, dass der Kriegsversehrte nach seiner Rückkehr in die Heimat den Tod seiner Eltern und seiner beiden Schwestern bewältigen musste. „Mein unbedingter Lebenswille und das Gefühl: Ich schaffe es, haben mir geholfen“, sagt Brückers, der bis heute rege am Zeitgeschehen interessiert, sportlich aktiv und auf eine gesunde Ernährung bedacht ist. 1959 zog er mit seiner 1998 verstorbenen Ehefrau Lore in ein Haus am Damaschkeweg und hat es bis heute nicht bereut. „Ich fühle mich hier wohl, weil ich hier viele interessante und sympathische Menschen kennen gelernt habe, mit denen ich zum Teil bis heute verbunden bin,“ sagt Brückers.
Hier hat er mit seiner Frau drei Söhne groß gezogen. Hier freut er sich heute über den Besuch von acht Enkel- und sieben Urenkelkindern.

Viele Dümptener und Styrumer kennen den Sozialdemokraten noch aus seiner Zeit als Ratsmitglied, Bezirksbürgermeister und Schiedsmann in den 70er, 80er und 1990er Jahren. Damals brachte er Menschen nicht nur nach einem Nachbarschaftsstreit, sondern auch politisch zusammen, um zum Beispiel die Styrumer Bürgerbegegnungsstätte Feldmannstiftung ans Laufen zu bekommen oder an der Oberheidstraße einen neuen Friedhof und an den Denkhauser Höfen eine Grünfläche anlegen zu lassen. Hier wird der Dümptener Bürgerbaum aufgestellt. Im Vorstand des Dümptener Bürgervereins, der für dieses Stadtteilfest verantwortlich zeichnet, hat sich Brückers ebenso über viele Jahre engagiert, wie im Dümptener Seniorenclub und im Vorstand der Berufsbildungswerkstatt. Als hauptamtlicher Leiter eines Berufsförderzentrum der heutigen Agentur für Arbeit, die zu seiner Zeit noch Bundesanstalt für Arbeit hieß, lagen ihm die Berufschancen sozial benachteiligter Jugendlicher immer besonders am Herzen.

Auch mit Blick auf die aktuelle politische Diskussion sagt er mit der Gelassenheit von fast 90 Jahren: „Wir sollten keine Angst vor der Zuwanderung haben, auch wenn sie unsere Stadtgesellschaft verändert. Denn wir brauchen sie aus demografischen Gründen dringend und wir tun uns selbst einen Gefallen damit, wenn wir die Zuwanderer integrieren und beruflich qualifizieren. Das ist der einzig sinnvolle Weg in eine gute Zukunft.“ Und genauso nachdrücklich empfiehlt der Dümptener Nestor, der am 10. Mai im Kreise seiner Freunde und Familienangehörigen seinen 90. Geburtstag feiern wird, der jungen Generation, neben ihren Verpflichtungen in Familie und Beruf, „das ehrenamtliche Engagement in Vereinen, Verbänden, Gemeinden und Parteien nicht zu vergessen, weil die damit verbundene Gemeinschaft „der persönlichen Entwicklung und dem sozialen Zusammenhalt gut tut.“

NRZ/WAZ, 06.05.2016

Samstag, 9. Oktober 2021

Platz in der Herberge

Imke Alers hält ein schönes Foto in Händen. Gemacht hat es der Fotograf der Duisburger Philharmoniker, bei denen die 56-jährige Speldorferin Oboe spielt. Es zeigt sie zusammen mit dem syrischen Mitt-Zwanziger Mustafa. Es zeigt zwei Menschen, die aus unterschiedlichen Welten kommen und doch vertraut miteinander sind.

Auf dem Foto, das Mustafa mit Rücksicht auf seine noch in Syrien lebenden  Eltern ebenso wenig in der Zeitung sehen möchte, wie seinen richtigen Namen, zeigt einen jungen Mann mit freundlichen und ernsten Augen und eine reife Frau, der man ansieht, dass sie weiß, was sie will und wo es im Leben lang geht.

Die Vertrautheit der Beiden hat mit den vier Monaten (von August bis Dezember 2015) zu tun, in denen Mustafa nach seiner Flucht aus Syrien und einer Zwischenstation in Brandenburg bei der Familie Alers am Raffelberg und damit auch in seinem deutschen Exil ankam.
Dass der studierte Pharmazeut, der nicht in Assads Armee kämpfen wollte, drei Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland auf dem besten Weg ist, eine pharmazeutische Berufszulassung für Deutschland zu bekommen, hat er nicht nur, aber auch ganz wesentlich der Tatkraft von Imke Alers und ihrer Familie (Ehemann/Vater und drei inzwischen erwachsene Söhne) zu tun.
Als sie mit ihrer Familie im Sommer 2015 im Fernsehen die Flüchtlingsbilder sah, sagte Imke Alers: „Wir haben doch schon oft Austauschschüler aufgenommen, warum nicht auch einen jungen Flüchtling?“ – „Warum eigentlich nicht?“ fand auch ihre Familie und gab ihre Telefonnummer an eine Bekannte weiter, die sich als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin engagiert. Und schon eine Woche später wurde Mustafa angekündigt. Er hatte nach seiner Flucht zu Lande, in der Luft und auf dem Wasser den Weg nach Brandenburg gefunden und wollte nach seiner Anerkennung als Flüchtling ins Ruhrgebiet, weil seine Tante in Düsseldorf lebt.
„Dann soll er mal kommen“, sagte Imke Alers und holte ihn wenige Tage später am Hauptbahnhof ab.

Der aus einer Akademiker-Familie Familie in Aleppo stammende Mustafa sprach bereits wenige Worte deutsch und sehr gutes Englisch und zog bei Familie Alers ins Gästezimmer unter dem Dach ein. Doch mit Mustafa kamen nicht nur erhellende Einblicke in den syrischen Bürgerkrieg, den islamistischen Terror, das Schlepperwesen, in die arabische Kultur und in die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Weltreligionen Christentum und Islam, sondern auch viel Arbeit ins Haus.
Diese Arbeit, die Imke Alers viel Zeit, Nerven und auch Geld kostete, wurde nicht durch Mustafa, sondern die mit seiner Anwesenheit zu bewältigenden bürokratischen Hürden verursacht. Ein Papierkrieg brach aus. Anmeldung beim Ausländeramt und im Jobcenter der Sozialagentur. Anmeldung und Organisation eines Integrations- und mehrerer aufeinander aufbauender Sprachkurse, Übersetzung und Anerkennung von Mustafas syrischen Zeugnissen, Suche nach Praktika- und Arbeitsstellen, Verhandlungen und Gespräche mit der Apothekerkammer, Gespräche mit Botschaften und Konsulaten, um Mustafas inzwischen ebenfalls aus Syrien geflohener Schwester zu helfen, Bemühungen um ein Stipendium für Mustafa und schließlich (Ende 2015) Suche nach einer eigenen Wohnung für ihn.

„Wenn ich vorher gewusst hätte, was alles auf mich zukommt, hätte ich es vielleicht gar nicht gemacht. Aber heute bin ich froh, dass ich es gemacht habe und wir nicht nur viel an Lebenserfahrung, sondern auch einen syrischen Freund gewonnen haben“, sagt Ilke Alers heute.

Sie und ihre Familie haben durch die Begegnung mit Mustafa nicht nur die Vorzüge der gut gewürzten syrischen Küche und die Vorteile einer gut vernetzten Nachbarschaft und eines starken Freundeskreises kennengelernt. Sie wissen, dass man mehr hilfsbereite Menschen kennenlernt, als man glaubt, wenn man auf Menschen zu geht und mit ihnen spricht und sie fragt. Sie wissen nicht nur, wie man gemeinsam nicht mehr aus dem Lachen herauskommt, wenn man mit seinem syrischen Freund die Filmkomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ anschaut und dabei erkennt: „Das ist ja genauso wie bei uns“ oder wie viel Freunde es macht, seinen syrischen Freund in die für ihn neue Welt der klassischen Konzerte einzuführen. Sie wissen aber auch, und das ist wohl die wichtigste Erkenntnis, aus ihrer neuen Freundschaft mit Mustafa, dass das vermeintlich Selbstverständliche alles andere als selbstverständlich und auf Ewigkeit garantiert ist, das Leben in Frieden, Freiheit und Wohlstand. Und wenn Imke Alers heute auf fremdenfeindliche Sprüche über vermeintlich „faule und kriminelle Flüchtlinge“ trifft, kann sie mit ihrem positiven Beispiel dagegenhalten. Dieses positive Beispiel, das Mut macht, wäre aus Alers Sicht perfekt, wenn Mustafa, der aktuell ein Fachseminar an der Universität Düsseldorf absolviert, danach in einer Apotheke eine Praktikumsstelle bekommen und sich so optimal auf die für seine deutsche Berufszulassung nötige Fachkenntnisprüfung bei der Apothekerkammer vorbereiten könnte Dabei macht sich Imke Alers keine Illusionen: „Natürlich kostet die Versorgung und Integration von Flüchtlingen viel Geld und nicht alle sind so fleißig, freundlich, hilfsbereit und integrationswillig wie Mustafa. Aber man darf Menschen nicht über einen Kamm scheren, sondern muss sie in ihrer Persönlichkeit betrachten“, sagt sie und schaut sich noch einmal das Foto an, auf dem sie und Mustafa zusammen stehen. 

Freitag, 30. April 2021

Sie hat schon viele zum Kochen gebracht

 Mit einer Quarkspeise in Mutters Küche begann Ulrike Dambergers Leidenschaft fürs Kochen. Inzwischen ist sie als die Fachbereichsleiterin für den Bereich Hauswirtschaft und Ernährung, die auch die Bereiche Mode, Kreativität und Gesprächskreise betreut, die dienstälteste Mitarbeiterin der Evangelischen Familienbildungsstätte (EFBS) am Scharpenberg. "Eigentlich wollte ich das nur drei Jahre lang machen und dann als Hauswirtschaftslehrerin in die Berufsschule wechseln", erinnert sich die gelernte Ökotrophologin an ihren Dienstantritt am 1. September 1977.

An ihrem zweiten Arbeitstag feierte sie ihren 22. Geburtstag, Dass sie ihrer ersten Stelle nach ihrer Berufsausbildung in Wuppertal treu geblieben ist, erklärt Ulrike Damberger so:

"Anders, als in den Hauswirtschaftsklassen der Berufsschulen kommen die Menschen freiwillig hier hin, um mit anderen Menschen zu kochen!"

Im Laufe der Jahre sind ihre Kochkurse zu einem immer beliebteren Gemeinschaftserlebnis geworden. Aus einem ihrer Kochkurse ging sogar ein Seniorenmittagstisch hervor, der bis heute im Evangelischen Gemeindehaus an der Oberheidstraße gedeckt wird. Allein in den vergangenen zwölf Jahren hat sie 1186 Kochkurse gegeben und damit 3462 Männern, Frauen und Kindern die Freude an der Kochkunst vermittelt.  

In einer Kellerküche fing alles an

Ihren ersten Kochkurse gab Damberger noch in einer Kellerküche am Schildberg in Dümpten. An ihrem ersten Kochkurs nahmen neun Frauen und ein Mann teil. Damals trug die EFBS ihren Gründungsnamen aus dem Jahr 1962 "Mütterschule" noch im Untertitel. "Sind Sie noch nicht verheiratet? Dann werden Sie bei uns sicher einen Mann kennenlernen", ließ ein Styrumer Pfarrer die junge Fachbereichsleiterin wissen. Damberger war darüber amüsiert bis irritiert. Doch der Pfarrer sollte Recht behalten. Nicht etwa bei einem ihrer Kochkurse für Junggesellen, sondern, Mitte der 1980er Jahre, bei einem Kochkurs rund um die asiatische Küche, lernte die Ökotrophologin ihren späteren Mann Klaus kennen. Damals hatte die EFBS bereits ihr heutiges Haus am Scharpenberg bezogen.

In den 1980er Jahren erweiterte Damberger ihr Küchenkabinett um Kochkünste aus aller Welt. Neben deutscher Hausmannskost wird in der Lehrküche am Scharpenberg heute auch chinesisch, französisch, spanisch, indisch oder französisch gekocht. Auch von vegetarischer und veganer Küche war in Dambergers frühen Berufsjahren noch keine Rede.

"Damals gehörte zu jeder guten Mahlzeit ein ordentliches Stück Fleisch",

erinnert sich Ulrike Damberger. Von sich selbst sagt die Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter, "dass ich in der Küche gerne viel ausprobiere und eigentlich alles mag, außer Mayonnaise!"

Kochkurse machen nur live Spaß

Bevor das Corona-Virus die Küchenfee aus der EFBS im vergangenen Jahr ausbremste und ihre Lehrküche seit Oktober stillgelegt hat, hat Ulrike Damberger ihre Arbeit eigentlich nie als solche angesehen. "

Mit anderen Menschen zusammen zu kochen, ist für mich Entspannung und Kreativität pur",

sagt sie. Damberger, die ursprünglich nur von einer Kollegin unterstützt wurde, leitet inzwischen einen Fachbereich mit acht Dozentinnen. Sie hoffen, wie ihre Chefköchin, auf ein möglichst baldiges Küchen-Comeback. Denn auch wenn Ulrike Damberger ihr Küchenlatein zurzeit über die Internetseite der EFBS an die Frau und den Mann bringt, funktioniert ein Kochkurs eben nicht digital, sondern nur ganz analog mit Schmecken, Riechen, Probieren und Fühlen. Mit Blick auf die langfristigen Tendenzen in der hauswirtschaftlichen Ausbildung begrüßt es Ulrike Damberger, dass heute Kochkurse längst keine Frauensache mehr sind, sondern sich auch Vater-Kind-Kochkurse und zum Geburtstag geschenkte Familienkochkurse immer größerer Beliebtheit erfreuen. Bedauerlich findet es die Ökotrophologin aber, dass heute in den Regelschulen keine Hauswirtschaft mehr auf dem Stundenplan steht und so viel Grundwissen rund um das kleine und große Einmaleins der Lebensmittel und des Kochens verloren gegangen ist.


aus dem Lokalkompass der Mülheimer Woche vom 26. April 2021

Sonntag, 18. Oktober 2020

"Wir haben uns einfach geliebt!"

 In einer Zeit, in der viele Ehen ihr erstes Jahrzehnt nicht überstehen, sind Erika und  Horst Kulmer bemerkenswert. Denn sie sind seit 60 Jahren miteinander verheiratet und haben vier Kindern (Heidi, Axel, Monika und Claudia) das Leben geschenkt. 

Am 8. Oktober 1960 gaben sich die damals 20-jährige Erika Weinreiß und der 19-jährige Horst Kulmer auf dem Standesamt und in der Lutherkirche das Ja-Wort fürs Leben. Damals waren sie schon seit zwei Jahren ein Liebespaar, das sich im September 1958 auf der Speldorfer Kirmes an der Eltener Straße kennen gelernt hatte. Erika machte damals im elterlichen Fliesenlegerbetrieb eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau. Ihr damals 19-jähriger Bräutigam lernte damals den Motoren- und Maschinenbau bei der AEG an der Aktienstraße. Später verdiente er bei den Mannesmann-Röhrenwerken den Lebensunterhalt für seine sechsköpfige Familie. Aller Anfang war schwierig. Ihr monatliches Lehrlingsgehalt lag damals unter 50 D-Mark. Doch Eltern und Kinder fanden in Erikas Elternhaus, das der Urgroßvater 1907 errichtet hatte, ein schönes Heim.


Die 1972 geborene Tochter Claudia Kosmann beschreibt das Ehe- und Familienleben ihrer Eltern so: "Sie sind für mich ein echtes Vorbild, weil sie auch in schwierigen Zeiten zusammengehalten haben. Meine Mutter hat sich um die Finanzen und den den Papierkram gekümmert, während mein Vater der Malocher war. Sie sind nie auseinandergegangen, weil sie sich immer wieder streiten und zusammenraufen konnten. Einer kann und will nicht ohne den anderen und beide waren immer für uns da. Uns Kindern haben sie vieles ermöglicht, zum Beispiel schöne Urlaubsreisen "ans Wasser", Sport im Verein und das Erlernen von Musikinstrumenten."

Liebe hält sie zusammen

Was sagt das Langzeit-Ehepaar selbst über den jeweiligen Lebenspartner? Nicht viel. Aber das, was sie sagen, sitzt und hat Gewicht. "Wir haben uns einfach geliebt", sagt Erika. Und Horst ergänzt: "Ich würde sie heute wieder heiraten." Was muss man mehr wissen?
2016 musste sich Horst einer schweren Rücken-Operation unterziehen. Dass er diesen Eingriff überlebt hat und mit seiner Erika nun seine Diamantene Hochzeit feiern kann, empfinden die Kulmers und ihre Familie als ein großes und nicht selbstverständliches Glück. Noch viele gesunde und gemeinsame Jahre sind denn auch ihr größter Wunsch zum Diamantenen Hochzeitstag. Beide Eheleute haben sich früher beim Rudern auf der Ruhr gemeinsam ins Zeug gelegt und die Geselligkeit mit ihren Nachbarn im früher viel grüneren und ländlicheren Speldorf gepflegt. Doch zum Tanzen konnte Erika ihren Horst nie überreden. Während sie alleine in die Tanzstunden des TSV Viktoria ging, sang Horst mit seinen Chorbrüdern im Chor der Mannesmann-Röhrenwerke. Das Ehepaar reiste viel und gerne, solange es die Gesundheit erlaubte.
Haben Sie nach 60 Jahren ein Erfolgsrezept für junge Ehepaare? "Nein. Das gibt es nicht. Auch im Eheleben muss jeder seinen eigenen Weg finden", betont Horst Kulmer.

Dienstag, 21. Juli 2020

Tierische Lebensretter


Hausnotruf und Rettungsdienst. Damit verbinden viele Mülheimer das Deutsche Rote Kreuz. Doch das der Kreisverband seit 2014 auch eine Rettungshundestaffel in seinen Reihen hat, wissen nur wenige. „Wir haben mit einem Rettungshund und einem Hundeführer begonnen. Inzwischen haben wir sieben Teams im Einsatz und neun weitere Teams in der Ausbildung. Damit gehören wir schon zu den größeren Rettungshundestaffeln im DRK-Landesverband Nordrhein“, schildert Staffelleiter Danny Prinz die Entwicklung.

Wie seine Kolleginnen und Kollegen investiert der 30-jährige Mitarbeiter einer Werksfeuerwehr, der auch schon in der Flüchtlingsbetreuung des Deutschen Roten Kreuzes aktiv war, mehrere 100 Stunden in sein Ehrenamt. „Wir fühlen uns beim Deutschen Roten Kreuz wie in einer großen Familie gut aufgehoben. Wir arbeiten gerne mit Tieren. Wir wollen aber auch Menschen helfen und eine hoch sinnvolle Arbeit leisten, die Menschenleben rettet“, beschreibt Prinz die Motivation, die das Team der Rettungshundestaffel antreibt und verbindet.

Doch nicht immer können die Zwei- und Vierbeiner, die in ihrer Ausbildung dafür trainiert werden, vermisste Menschen zu finden und zu bergen, Menschenleben retten. „Anfang Februar hatten wir einen sechseinhalbstündigen Einsatz in Viersen, an dessen Ende die vermisste alte und demenziell veränderte Frau leider nur noch tot aufgefunden werden konnte“, erinnert sich Danny Prinz.

Doch etliche der insgesamt rund 20 Sucheinsätze, an denen die Rettungshundestaffel des Mülheimer Kreisverbandes beteiligt war, endeten mit einem Happyend, indem vermisste und verirrte Kinder und Senioren lebend gefunden und so in ihr privates Umfeld zurückgeführt werden konnten. Dabei ist der Einsatz der Rettungshundestaffel auch im übertragenen Sinne des Wortes Teamarbeit. Denn im Notfall alarmiert die dafür zuständige Einsatzleitstelle des Landesverbandes Nordrhein in Düsseldorf, via SMS-Mitteilung, nicht nur eine, sondern alle neun Rettungshundestaffeln in ihrem Verantwortungsbereich, der von Düsseldorf bis zur niederländischen Grenze reicht. 

Dieser Generalalarm macht bei großen Einsatzlagen Sinn, weil nicht alle Mitglieder der Rettungshundestaffeln immer die Zeit haben, um sich an einer akuten Suchaktion zu beteiligen. „In Viersen waren insgesamt 113 Rot-Kreuz-Kräfte und acht der neun Rettungshundestaffeln aus Nordrhein im Einsatz“, berichtet Prinz. Dann ist zunächst der Staffelleiter gefordert, der im Falle von Danny Prinz als Abschnittsleiter im Landesverband Nordrhein nicht nur für die Mülheimer Rettungshundestaffel, sondern auch für deren Schwesterstaffeln in Essen, Viersen, Krefeld und beim Deutschen Roten Kreuz Niederrhein zuständig ist. „Mich begeistert die Aufgabe, Einsätze zu planen und zu organisieren und dabei auf ganz unterschiedliche Menschen eingehen und gleichzeitig immer auch das große Ganze im Blick zu behalten“, beschreibt Prinz seine anspruchs- und verantwortungsvolle Arbeit an der Schnittstelle zwischen der anfordernden Polizei und den beteiligten Rettungshundestaffeln des Deutschen Roten Kreuzes. Unterstützt und begleitet wird er dabei vom Kreisbereitschaftsleiter Martin Meier, der im Einsatz vor allem dann gefragt ist, wenn vom Kreisverband, Einsatzkräfte, technisches Material und Verpflegung für die am Einsatz Beteiligten angefordert werden müssen.

Das Fachwissen, das Prinz und seine Mitstreiter für ihren ehrenamtlichen Einsatz im Dienst des Deutschen Roten Kreuzes brauchen, haben sie sich in mehreren 100 Unterrichtsstunden vor allem bei Wochenendlehrgängen des DRK-Landesverbandes angeeignet. „Das funktioniert nur, wenn der Arbeitgeber das ehrenamtliche Engagement mitträgt und mich oder meine Kolleginnen und Kollegen für Ausbildungs- und Einsatzzeiten freistellt“, weiß Danny Prinz.

Allein die Ausbildung der Rettungshundeführer dauert, je nach Voraussetzung und Lernfortschritt zwischen eineinhalb und drei Jahren. „Bei der Ausbildung nutzt man den Fress- und Spieltrieb der Hunde, um ihnen beizubringen, dass sie bellen müssen, um ihren Hundeführer auf die im Gelände aufgefundene Person aufmerksam zu machen oder den Hundeführer, etwa durch das Anstupsen mit der Schnauze, zur gefundenen Person zu führen“, erklärt Staffelleiter Prinz.

Und nach der Ausbildung kommt, immer wieder sonntags und jeweils am  ersten Dienstag des Monats das mehrstündige Training im Gelände. Denn nur so kann das Erlernte für den Ernstfall präsent bleiben. Genau im Blick haben müssen die Hundeführer der Rettungsstaffel natürlich auch die Gesundheit ihrer vierbeinigen Kollegen. „Auch Hunde können alters- und krankheitsbedingt, etwa durch Rückenschäden oder Gelenkverschleiß dienstunfähig werden“, weiß Danny Prinz.
Zur professionellen Aufstellung der Rettungshundestaffel gehört nicht nur eine eigene Hundeausbilderin in Person von Veronique Müller, sondern auch die Tatsache, dass der Kreisverband auch GPS-Geräte, Scheinwerfer zum Ausleuchten des Geländes und ein Einsatzfahrzeug angeschafft hat, mit dem jeweils acht Zwei- und Vierbeiner gemeinsam auf Dienstreise gehen können, um im besten Fall Menschenleben zu retten.


Sonntag, 19. Juli 2020

Verbündete gesucht

Der Polizei-Mord an dem 46-jährigen Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis hat auch hierzulande die Diskussion darüber befördert, wie rassistisch unsere Gesellschaft ist und was man gegen Rassismus tun kann und muss. Dass in Mülheim Menschen aus 140 Nationen zusammenleben, unterstreicht die lokale Relevanz und die strategische Bedeutung des Themas, zu dem die im Senegal geborene Mülheimerin Gilberte Raymonde Driesen uns viel zu sagen hat.

Wie und wo erleben Sie im Alltag Rassismus?
Gilberte Raymonde Driesen: Überall. Zum Beispiel, wenn mir jemand sagt: ‚Sie sprechen aber gut Deutsch, dafür, dass Sie eine Schwarze sind‘ oder darüber staunt, dass ich als schwarze Frau eine akademische Ausbildung absolviert habe. Nicht nur ich erlebe Rassismus, wenn ich als Schwarze bei Bewerbungen, trotz gleicher Qualifikation, schneller aussortiert werde als weiße Bewerber. Ich erlebe Rassismus, wenn meine Kinder in der Schule als Neger bezeichnet werden und Lehrer das als harmlose Kinderspielerei abtun, wenn mich der Fahrkartenkontrolleur in der Straßenbahn als erstes anspricht und die Kellnerin im Bordrestaurant der Deutschen Bahn, alle fragt, was sie essen oder trinken möchten und mich nicht. Rassismus erlebte ich auch, als neue Nachbarn nur mit Herrn Driesen sprechen wollten, weil sie mich in meinem eigenen Haus für die Putzfrau hielten.

Kennen Sie durch Ihre Beratungsarbeit für Zuwandererfamilien auch einen amtlichen Rassismus, zum Beispiel bei der Polizei oder in Schulen?
Ja. Auch das gibt es: Ich denke an einen schwarzen Schüler, der von einem Lehrer zu hören bekam: „Für dich ist eine Drei gut genug, weil du Ausländer bist!“ oder: „Du kannst ja beim Kistenschleppen helfen. Das können Neger gut, weil sie kräftig sind!“ Auch eine schwarze Mutter und ihr Sohn suchten meinen Rat, nachdem sie auf einer Polizeiwache vergeblich versucht hatten, einen Diebstahl anzuzeigen. Statt angehört zu werden und Hilfe zu bekommen, wurden Sie von den Beamten handgreiflich hinauskomplimentiert.

Das hört sich schlimm an.
Ja. Aber man darf angesichts dieser Negativbeispiele auch nicht die vielen sensiblen und engagierten Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter, Erzieherinnen, Sozialpädagogen und Nachbarn vergessen, die unter anderem meinen Rat suchen, weil sie den alltäglichen Rassismus den sie mit ansehen und mit anhören müssen, nicht einfach tatenlos hinnehmen, sondern etwas dagegen unternehmen wollen.

Was kann man gegen Alltagsrassismus unternehmen?
Die Betroffenen müssen sich Verbündete unter den Bio-Deutschen suchen, die bereit und in der Lage sind, sie zu unterstützen und Partei für sie zu ergreifen. Wir brauchen auf allen Ebenen eine intensive Bildungsarbeit, die nicht nur Rassismus aufdeckt und seine Ursachen beleuchtet, sondern eine antirassistische Haltung und die Menschenrechte fördert. Diese Bildungsarbeit muss den eurozentristischen Blickwinkel durch eine globale Multiperspektivität ersetzen. Nur so kann sich die faktische Vielfalt der Weltgesellschaft auch in den Schulbüchern, Klassenzimmern, Hörsälen, Behörden, Parlamenten und Ministerien, kurzgesagt in unserer sozialen Wirklichkeit widerspiegeln.

Warum haben wir mit Rassismus zu kämpfen?
Die Sklaverei und das koloniale Erbe der Imperialistischen Epoche, das von einer Überlegenheit der weißen Europäer ausgeht, steckt immer noch in den Köpfen. In Deutschland kommt das rassistische Erbe des Nationalsozialismus hinzu. Und natürlich geht es beim Rassismus auch um eine Mehrheit, die ihre Privilegien nicht mit einer Minderheit teilen möchte. Auch wenn Medien hier nur sehr einseitig über Afrika, Lateinamerika und Asien berichten, wenn es um Exotik oder um Armut, Krankheit, Gewalt und Krieg geht, aber nur selten einen Blick für die kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leistungen in diesen Regionen der Erde und für deren strukturelle wirtschaftliche Benachteiligung haben, begünstigt das Rassismus.

 Zur Person:
Gilberte Raymonde Driesen wurde 1973 in der Hauptstadt des Senegals, Dakar, geboren und lebt seit 2007 in Mülheim. Die Pädagogin und zweifache Mutter kandidiert am 13. September 2020 bei der Wahl zum Mülheimer Integrationsrat auf der Grün-Bunten Liste. Als Stipendiatin hat sie in Dakar und Graz Germanistik und Romanistik auf Lehramt studiert und anschließend sieben Jahre als Gymnasiallehrerin im Senegal unterrichtet. Als Pädagogin arbeitet sie heute mit den Themenschwerpunkten Vielfalt des Engagements ,Migration und Flucht für das Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) und nebenberuflich ist sie als entwicklungspolitische Trainerin bei Engagement Global (für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit) tätig und begleitet internationale Schulpartnerschaften .Seit 2015 führt sie als Gründungsvorsitzende den deutsch-senegalesischen Bildungsverein Axatin e.V.

Samstag, 25. April 2020

In Memoriam Norbert Blüm


Einsichten eines politischen Christenmenschen



Der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm gab auf Einladung des Medienforums und der Pax-Bank seine reichen Lebenserfahrungen weiter



Essen. Es lohnt sich Rentnern zuzuhören. Vor allem dann, wenn Sie ihre Lebenserfahrungen, so wie der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (82) so geistreich und pointiert vortragen können, dass es für die Zuhörer erbaulich und unterhaltsam zugleich sein kann.


Mit einer Mischung aus Lesung und Gespräch fesselten Norbert Blüm und Moderatorin Vera Steinkamp die vom Medienforum des Bistums und von der Pax-Bank eingeladenen Zuhörer in der fast vollbesetzen Aula des Generalvikariates.


Da erfuhr man nicht nur, dass Norbert Blüm seit 30 Jahren Mitglied von Borussia Dortmund ist und sich auch eine Berufskarriere als Kapitän hätte vorstellen können. Man spürte in seinen spontanen Erzählungen und in den Lektionen aus seinem Vermächtnis-Buch: „Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht“, dass da nicht nur ein Ex-Politiker sein Buch vorstellen, sondern ein Mensch seine Botschaft vom Primat der Liebe und dem Frieden zwischen Mensch und Natur.


Bewegend, wie sich Blüm, an die Bombennächte des Kriegsjahres 1943 erinnerte, die er als Achtjähriger erlebte „und bis heute wie einen Film im Kopf“ mit sich trägt. Seine Konsequenz: Ein glühendes Ja zu Europa und ebenso energisches Nein zu allen Nationalismen. O-Ton Blüm: „Der Nationalismus hat noch kein Problem gelöst oder wollen Sie das Ozonloch nur über Gelsenkirchen schließen?“ oder: „Wenn wir es als 500 Millionen Europäer in der Europäischen Union nicht hinbekommen, fünf Millionen Flüchtlinge aufzunehmen, dann können wir den Laden zu machen.“

Mit Blick auf den Ressourcenverbrauch und die Ideologie des unbegrenzten Wirtschaftswachstum sagt Blüm: „Ein weiter so kann es nicht geben!“ In der aktuellen Politik vermisst der soziale Christdemokrat und ehemalige Bundesminister vor allem „die Ausdauer, an einer Sache dran zu bleiben!“ Ausdauer und Hartnäckigkeit, verbunden mit einem unbedingten Ja zur Liebe wünscht Blüm denn auch nicht nur seinen Enkeln, sondern auch allen anderen Mitmenschen. „In meiner Lehrzeit bei Opel habe ich gelernt: Immer nur ein Werkstück im Schraubstock zu bearbeiten und es solange zu feilen, bis es rund ist. Ohne diese Lektion in Ausdauer und Hartnäckigkeit hätte ich die CDU nie überlebt“, sagt der ehemalige Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse und weiß damit den Applaus und die Lacher auf seiner Seite.


Hartnäckigkeit und Ausdauer scheinen auch in Blüms Erinnerung an seine Begegnung mit dem chilenischen Militärdiktator Augusto Pinochet durch. In einem Gespräch, in dem Pinochet sich zunächst hinter der Fassade des aufrechten Antikommunisten und des täglich betenden Christen verbarg, konfrontierte Blüm ihn mit seinen Folteropfern und fragte ihn: „Was wollen Sie Gott antworten, wenn er Sie fragt: ‚Was hat du den geringsten meiner Brüder getan?‘“ Das Gespräch blieb nicht ohne Wirkung auf den Diktator und veranlasste ihn 16 zum Tode verurteilte chilenische Oppositionelle nach Deutschland ausreisen zu lassen.


Eine von Blüms Geschichten zum Hinhören und Aufhorchen war auch die von seinem kommunistischen Onkel Adolf, der im Krieg von seinem Vorgesetzten, einem katholischen Kirchenvorstand denunziert wurde, weil er heimlich russische Zwangsarbeiterinnen mit Lebensmitteln versorgt hatte und dafür zwei Jahre im KZ überleben musste.

Die vielleicht wichtigste politische und menschliche Botschaft, die Norbert Blüm, seinen Zuhörern im Generalvikariat mit auf den Heimweg gab, war wohl die, „dass eine Gesellschaft, in der jeder nur seinen eigenen Vorteil sucht, nicht funktionieren kann, weil wir alle von der Wiege bis zu Bahre aufeinander angewiesen sind.“ Den Menschen im Ruhrgebiet bescheinigte der Rheinländer in diesem Zusammenhang die wegweisende Toleranz eines Schmelztiegels, in dem die Menschen gemeinsam arbeiten, Herausforderungen annehmen und dabei „leben und leben lassen.“

Dieser Text erschien am 24. März 2018 im Neuen Ruhrwort


Mittwoch, 4. März 2020

Gutes tun und darüber reden

"Die katholische Kirche ist mehr, als die Diskussion über die Missbrauchsfälle im Priesteramt und die Kontroverse darüber, ob Frauen zum Priesteramt zugelassen werden sollen", sagt Christopher Frieling. Als neuer Referent der Stadtkirche will der 25-jährige Theologie- und Geschichtsstudent aus Velbert dafür sorgen, dass die Mülheimer mehr über die Aktivitäten der Stadtkirche erfahren.
Zurzeit ist er dabei, durch die Gemeinden zu touren, Kontakte zu knüpfen und die Stadtkirche selbst kennenzulernen. In seinem Büro, das sich in der ersten Etage des katholischen Stadthauses an der Althofstraße befindet, arbeitet er bereits an der Wiederbelebung der bereits vorhandenen, aber seit Jahren nicht mehr aktualisierten Internetseite: www.katholische-kirche-muelheim.de. "In einem ersten Schritt aktualisiere ich alle Informationen, Links und Ansprechpartner. Mittelfristig möchte ich eine tabellarische Übersicht aller Gottesdienste in Mülheim einstellen", berichtet Frieling. Außerdem hat er für das katholische Stadtdekanat Mülheim, zu dem drei Pfarrgemeinden mit insgesamt rund 48.000 Katholiken gehören, eine Online-Präsentation in den sozialen Medien Facebook und Instagram eingerichtet.

Kirche auf allen Kanälen

"Wir müssen alle Medienkanäle bedienen. Denn mit Zeitungen und Gemeindebriefen erreichen wir vor allem ältere Menschen. Aber mit den sozialen Medien, die vor allem kompakten Text-Informationen, Fotos und Videos arbeiten, erreichen wir sehr niederschwellig vor allem junge Menschen und vor allem auch jene unter ihnen, die bisher keinen persönlichen Kontakt zur Stadtkirche haben", erklärt Frieling.
So hat er zuletzt zum Beispiel gepostet, was es mit den christlichen Wurzeln des Valentinstages auf sich hat und wie Stadtdechant Michael Janßen als Mitfahrer den Rosenmontagszug erlebt hat. Perspektivisch kann sich Frieling auch vorstellen, den Stadtdechanten und andere Priester des Stadtdekanates einen Tag lang zu begleiten und dies in einer Online-Reportage zu dokumentieren, "damit mehr Menschen erfahren, wie die Arbeit eines Priesters eigentlich aussieht und was er den Tag über tut." Außerdem möchte Frieling, der sich in seiner Velberter Heimat-Pfarrei St. Michael- und Paulus als stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes und als Firmenkatechet engagiert, der Stadtkirche auf den alten und neuen Online-Kanälen ein Gesicht geben, in dem sich dort aktive Mülheimer Katholiken vorstellen und erklären, warum ihnen der christliche Glaube und die Mitarbeit in der katholischen Kirche wichtig sind.

Viele Fragen an das Leben

Aus seiner Arbeit als Firmenkatechet weiß Frieling, dass auch Jugendliche, die keine christliche Erziehung genossen haben, "viele Fragen an das Leben haben und spätestens dann für den christlichen Glauben aufgeschlossen sind, wenn sie sich fragen, woher wir kommen, wie die Welt entstanden ist und wer die Evolution angeschoben hat." Er selbst hat unter anderem als Messdiener erfahren, "dass der christliche Glaube und die Gemeinschaft der Gläubigen gerade in schwierigen Lebenssituationen Kraft, Hoffnung und Halt" geben kann.
Deshalb möchte er zusammen mit der Caritas die katholische Ladenkirche am Kohlenkamp auf eine breitere Basis stellen und damit der Tatsache Rechnung tragen, dass diese niedrigschwellige Einrichtung der Stadtkirche nicht mehr allein von Ehrenamtlichen aufrechterhalten werden kann.  Ausgehend von "der in Mülheim ausgesprochen gut funktionierenden Ökumene", möchte Frieling, der neben seiner 50-Prozent-Stelle bei der Mülheimer Stadtkirche auf sein Examen an der Universität Duisburg-Essen zusteuert, auch zur Wiederbelebung des Bündnisses der Religionen beitragen. Denn angesichts einer "zunehmenden Radikalität in unserer Gesellschaft" sieht Frieling nicht nur die Christen in der Pflicht, "Liebe und Toleranz zu leben" und so sozial konstruktiv gegenzusteuern. "Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm", zitiert Frieling seinen Lieblings-Bibelvers aus dem 1. Johannes-Brief.
Dieser Text erschien am 28. Februar 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Dienstag, 25. Februar 2020

Unterwegs mit en närrische Nachwuchsregenten


Ohne Prinzessin Sarah-Katharina müssen die Kindertollitäten am Samstag das Finale des Saalkarnevals bestreiten. Denn die närrische Nachwuchsregentin liegt erkältet und fiebrig im Bett. Bei jedem ihrer sechs Auftritte nehmen Prinz Simon I., Pagin Celina und Page Serafino die besten Genesungswünsche mit. Alle Karnevalisten und Jecken drücken Sarah-Katharina die Daumen, dass sie beim Rosenmontagszug wieder mit von der närrischen Partie sein kann.


Zumindest mit ihrer Stimme auf dem Playback-Tonband ihrer Tanzshow mit den Liedern „Wir malen die Welt bunt an und lassen sie erstrahlen in Regenbogenfarben“ und: „Wir feiern das Leben“ ist Sarah-Katharina auch am Samstag mit dabei. Bevor am Nachmittag die erste Saalveranstaltung im Speldorfer Pflegeheim Marienhof auf dem Programm steht, chauffieren die beiden Adjutanten Christian Krebber und Sabine von Zitzewitz die kleinen Tollitäten zum Närrischen Biwak am Kurt-Schumacher-Platz. Beim regnerischen und fast vom Winde verwehten Auftritt vor dem Forum zeigt sich, wie gut es ist, dass die kränkelnde Kinderprinzessin an diesem Tag zuhause geblieben ist.

Nach der ersten Bühnenshow des Tages stellen sich Simon, Serafino und Celina als Losverkäufer im Forum noch in den Dienst der Rosenmontagstombola. Nicht nur beim Gang durchs Forum, sondern auch bei der Fahrt durch die Stadt und natürlich bei den Auftritten in den Sälen merkt man, den Kindertollitäten fliegen die Herzen und Symapthien zu. Das Prinzenmobil wird bei seiner Fahrt durch die Stadt immer wieder erkannt und angehupt. Menschen am Straßenrand winken den Kindertollitäten zu.


Auf dem Weg von einem Termin zum nächsten studiert Prinz Simon seine von Sabine von Zitzewitz vorbereiteten Sprechkarten. Bei seinen Auftritten spricht er dann frei. Die Erzieherin Sabine von Zitzewitz und Simon kennen sich bereits aus der geneinsamen Kindergartenzeit. Nicht nur beim Biwak und bei den Bewohnern des Marienhofs, sondern auch bei den abendlichen Karnevalsveranstaltungen der KG Blau Weiß im Altenhof, der MüKaGe und der Gemeinden St. Engelbert und St. Mariae Rosenkranz im Autohaus Extra und der Mölmschen Houltköpp im Wintergarten der Stadthalle zeigen sich die Kindertollitäten, trotz ihrer ersatzgeschwächten Besetzung an diesem Tag erstaunlich souverän, locker und gut aufeinander eingespielt. Das gesprochene Wort und die getanzte Show kommen beim Publikum an und lassen den Funken überspringen. Auch im Marienhof schauen die Kindertollitäten in fröhliche Gesichter und einige der Senioren vollziehen die Showgesten Simons, Celinas und Serafinos mit ihren Händen und Armen nach. „Es ist schön, dass wir den alten Menschen in ihrem wenig abwechslungsreichen Alltag, etwas Freude bringen können. Auch wir werden irgendwann so alt sein wie sie“, sagt Kinderprinz Simon. Später, auf der Fahrt zur Geburtstagsfahrt des Karnevals-Geschäftsführer Hans Klingels, der an diesem Karnevalssamstag 70 Jahre alt wird, macht sich der zwölfjährige Kinderprinz, der das Gymnasium Broich besucht,  Gedanken wie der Mülheimer Karneval mehr Nachwuchs gewinnen könnte: „Man sollte an den Schulen mehr Werbung machen, zum Beispiel durch Flyer und durch die Gemeinschaftsveranstaltungen, damit mehr Kinder und Jugendliche den Karneval nicht nur am Rosenmontag kennen lernen. Gut wäre es auch, wenn mehr moderne und auch englischsprachige Lieder im Karneval gespielt würden, die bei Jugendlichen besser ankommen. Außerdem könnte man die Gardeuniformen moderner designen“


Mehr als 100 Bühnenauftritte haben offensichtlich ihre Wirkung getan und die Nachwuchsregenten nicht nur auf der Bühne wachsen lassen. Page Serafino kann sich jetzt vorstellen, wie Simon in einer der kommenden Sessionen den Sprung vom Pagen zum Prinzen zu machen. Gustav-Heinemann-Schüler Serafino (11) und Simon sind nicht nur tänzerisch gut aufeinander eingestimmt. Beide spielen im Fanfarenzug der Mölmschen Houltköpp Trompete und begeistern auch an diesem Karnevalssamstag ihr Publikum mit dem Trompeten-Solo: „Ach wäre ich nur ein einzig mal ein schmucker Prinz im Karneval.“ Für Simon ist dieser Traum bereits in Erfüllung gegangen. Und unermüdlich tauschen Serafino und Simon nach ihrem letzten Auftritt bei den Holtköpp im Wintergarten der Stadthalle um 21.30 Uhr ihr Tollitäten-Ornat gegen das Outfit ihres Fanfarenkorps, um noch mal eben dessen Show-Block mitzuspielen. 


Adjutanten sprangen ein



Nicht nur die Kindertollitäten, sondern auch ihre im Hintergrund fleißigen Adjutanten Christian Krebber und Sabine von Zitzewitz bekommen am Samsatgabend bei den Karnevalisten viel Lob und Applaus: „Wir sind euch sehr dankbar für euren Einsatz“, sagt Blau-Weiß-Präsident Thomas Straßmann im Altenhof. „Ihr habt eure Aufgabe, von der ihr drei Tage vor der Kinderprinzenproklamation noch nichts wusstet, bravourös gemeistert“, lobt MüKaGe-Geschäftsführer Rolf Völker und lässt die Jecken im Autohaus Extra für die Adjutanten, die im Januar kurzfristig für den verstorbenen Hofmarschall Hermann-Josef Hüßelbeck eingesprungen sind, eine Saal-Rakete zünden. „Wir sind dankbar, dass nicht nur unsere Arbeitgeber, sondern auch die Kinder, die wir schon von früheren gemeinsamen Auftritten her kennen, so toll mitgezogen haben“, betont das Adjutanten-Paar. Ein wichtige Station für das Team der Kindertollitäten ist nicht nur an diesem Karnevalssamstag das von Martin Hesse geführte Hotel Handelshof. Hier können sich die närrischen Regenten während ihrer Auftrittspausen auf Kosten des Hauses stärken, und im Billardzimmer des Traditionshauses ihrem neuen Lieblingsspiel nachgehen. „Nach dem plötzlichen Tod von Hermann-Josef Hüßelbeck, habe ich den Handelshof gerne als Hofburg zur Verfügung gestellt, um das Team damit zu unterstützen und zu entlasten“, erklärt Hesse.

Dieser Text erschien am 23. Februar 2020 in NRZ & WAZ

Mittwoch, 19. Februar 2020

Als Bismarck zum Mülheimer ehrenhalber wurde

Den Bismarckturm auf der gleichnamigen Straße kennt in Mülheim jedes Kind. Doch dass der erste Reichskanzler Otto von Bismarck vor 125 Jahren zum Mülheimer Ehrenbürger ernannt wurde, wissen sicher nur wenige Mülheimer.

Abgesehen davon, dass Mülheim Teil des 1871 von Bismarck geeinten Deutschen Reiches war, hatte der sogenannte Eiserne Kanzler mit der Ruhrstadt nichts zu tun. Dass er dennoch am 19. Februar 1895 auf Vorschlag des damaligen Oberbürgermeisters Karl von Bock von der Stadtverordnetenversammlung einstimmig zum Ehrenbürger Mülheims ernannt wurde, war eine politische Demonstration. Die bürgerlich-konservative Elite der Stadt wollte den Reichsgründer ehren, unter dem Deutschland einen wirtschaftlichen Aufstieg und die Einführung der Sozial- und Krankenversicherung erlebt hatte.


Viele, aber nicht alle Mülheimer feierten Bismarck, zum Beispiel mit Festbanketten. Denn Bismarck hatte als Kanzler zunächst die katholische Kirche und ihre Partei, das Zentrum und ab 1878 die 1863 aus der Arbeiterbewegung entstandene Sozialdemokratie als sogenannte Reichsfeinde bekämpft und verfolgt.


Im Jahr 1895, fünf Jahre nach dem von Kaiser Wilhelm II. erzwungenen Ende seiner 19-jährigen Kanzlerschaft, hatte sich der politische Schlachtenlärm um den Fürsten Bismarck gelegt. Ein beliebtes Hotel und Restaurant an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße trug damals seinen offensichtlich werbewirksamen Namen. Anlässlich seines 80. Geburtstags, den der Altkanzler am 1. April 1895 feiern konnte, machten ihn 378 deutsche Städte zu ihrem Ehrenbürger. Entsprechend groß war der Andrang, als die 30-köpfige Delegation aus Mülheim als eine von 56 Stadtdelegationen aus dem Rheinland, Bismarck in seinem Wohnsitz Friedrichsruh die Ehrenbürgerurkunde überreichte. Deren Text spricht Bände für die damalige Bismarck-Begeisterung. Im Urkunden-Text heißt es: „In unbegrenzter Verehrung des größten Staatsmannes unseres Jahrhunderts, der seinem Könige nicht bloß ein teuer sondern auch ein freimütiger und furchtloser Ratgeber war, des Mannes der unter dem Zepter des großen und unvergesslichen Königs Wilhelm I. als erster das Deutsche Reich einigen half, der dem deutschen Gewerbefleiß, dem Handel der Industrie und allem guten und nützlichen allzeit ein tatkräftiger und erfolgreicher Förderer war, der sein ganzes Sein und seine volle Kraft dem Kaiser und dem Vaterlande hingab, ernennt die Stadt Mülheim an der Ruhr seine Durchlaucht, den Fürsten Otto von Bismarck zu ihrem Ehrenbürger und bestätigt durch diese Urkunde, dass es ihr zum freudigsten Stolze gereicht einen solchen Mann einen der ihrigen nennen zu dürfen.“


Bismarck antwortete seinen Gästen auf die vielfache Ehrenbürgerschaft mit den Worten: „Meine Herren! Ich bin sehr glücklich gerade Sie vom Rhein zu sehen. Die Verleihung von so vielen städtischen Bürgerrechten ist für mich etwas Überwältigendes. Sie ist mir eine unverdiente Ehre, die ich mir persönlich nicht zurechnen kann.“


Auch nachdem Otto von Bismarck am 30. Juli 1898 gestorben war, hatte der Nachruf der Mülheimer Zeitung das gleiche Pathos wie der Text der Ehrenbürgerurkunde. Das Lokalblatt schrieb über den Alt-Kanzler: „Als treuester Diener des Reiches hat er Deutschland aus seiner Zerrissenheit emporgehoben. Er hat als Schmied unseres Vaterlandes dafür gesorgt, dass die deutsche Misere zu Ende gekommen ist. Und er hat als solcher Deutschland zu einem Reiche geschaffen.“

Zehn Jahre nach Bismarcks Tod begann am Kahlenberg der Bau des Bismarckturmes, der am 1. April 1909, dem 95. Geburtstag des Eisernen Kanzlers eröffnet werden konnte. Es liegt in der Tragik der deutschen Geschichte, dass der Bismarckturm am Kahlenberg ab 1933 zum symbolträchtigen Ziel- und Mittelpunkt nationalsozialistischer Kundgebungen werden sollte. Hier beging etwa die Hitler-Jugend ihre Sonnenwendfeiern. 

Hintergrund:


Der erste Reichskanzler Otto von Bismarck sollte nicht der einzige Ehrenbürger Mülheims bleiben, dessen Ernennung politisch motiviert war und nichts mit Verdiensten um die Stadt und ihre Bürgerschaft zu tun hatte. So kürte der von der NSDAP dominierte Stadtrat im März 1933 den damaligen Reichskanzler Adolf Hitler und den damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der den Führer der NSDAP am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt hatte, zu Ehrenbürgern Mülheims. Diese Ehrenbürgerschaften wurden ebenso wie die 1941 an den Hüttenwerksdirektor Adolf Wirtz verliehenen Ehrenbürgerrechte 1946 und dann noch einmal 1995 von den damaligen Stadtparlamenten getilgt. 1995 bestätigten die damals gewählten Stadtverordneten den Beschluss, den ihre von der alliierten Militärregierung ernannten Vorgänger bereits im Juli 1946 gefasst hatten. Mülheimer Ehrenbürger sind der Pfarrer Peter Thielen (1880), der Jurist, Politiker und Unternehmer Adolf Hamacher (1888), der Industrielle August Thyssen (1912), der Oberbürgermeister Paul Lembke (1928), der Oberbürgermeister Heinrich Thöne (1960), der Bürgermeister und Kreishandwerksmeister Max Kölges (1962) und der Chemiker und Nobelpreisträger Karl Ziegler (1963).



Dienstag, 11. Februar 2020

Von Johannes XXIII. inspiriert

Seinen 60. Geburtstag feiert Pfarrer und Stadtdechant Michael Janßen am kommenden Sonntag, 16. Februar, nach dem um 11.30 Uhr beginnenden Hochamt mit einer Begegnung in seiner Pfarrkirche St. Mariae Geburt an der Althofstraße.
Hier hat der gebürtige Oberhausener bereits seine seelsorgerischen Lehrjahre als Kaplan (1989 bis 1992) verbracht, ehe er 2004 als Pfarrer zurückkam und 2008 als Nachfolger von Manfred von Schwartzenberg als Stadtdechant an die Spitze der zurzeit aus rund 48.000 katholischen Christen bestehenden Stadtkirche trat. Seit der Gemeindereform von 2006 leitet Janßen als Pfarrer die Groß-Pfarrei St. Mariae Geburt, zu der nicht mehr nur die Zentralgemeinde in der Stadtmitte, sondern auch vormals eigenständige Pfarreien in Holthausen und Heißen gehören.

Seelsorger und Manager in Personalunion

Das hat aus dem Seelsorger auch einen Manager werden lassen. "Das habe ich mir als 25-Jähriger bei meiner Priesterweihe so nicht vorgestellt. Aber dieser Weg ist für mich gut gangbar, weil ich mit dem Verwaltungsleiter Christian Lindmüller und dem neuen Referenten für die Stadtkirche, Christopher Frieling zwei Männer an meiner Seite habe, die mich bei meinen organisationstechnischen Aufgaben unterstützen, so dass meine Aufgaben als Pastor und Seelsorger nicht zu kurz kommen", sagt Janßen. Dankbar ist der Pfarrer von St. Mariae Geburt nicht nur für seine hauptamtlichen Mitarbeiter, sondern auch für die rund 400 Gemeindemitglieder, die sich ehrenamtlich, zum Beispiel als Katecheten, Lektoren, Küster, Kommunionhelfer, Begräbnisleiter oder als Wortgottesdienstleiter in und für das Gemeindeleben engagieren. Kraft für seine Arbeit schöpft der Pfarrer nicht nur aus seinem christlichen Glauben, sondern auch aus seinen Wanderungen und Bergtouren:
"Dabei bekomme ich den Kopf frei, frei für neue und gute Ideen",  betont Janßen.

Arbeit ist kein Spaziergang 

Kirchenaustritte, priesterliche Missbrauchsfälle und Priestermangel. Heute Pfarrer in der katholischen Kirche zu sein, das ist kein Sonntagsspaziergang. Es spricht für sich, dass es im Ruhrbistum derzeit nur sieben Priesteramtskandidaten gibt und Janßen Mülheimer Amtskollege Christian Boeckmann als Pfarrer mit St. Barbara und St. Mariä Himmelfahrt gleich zwei Pfarrgemeinden leiten muss. Doch Janßen, der sich vom Vorbild des Konzilspapstes Johannes XXIII. dazu inspirieren ließ Priester zu werden, bleibt hoffnungsfroh.
Wie bei Johannes XXIII. sieht Janßen auch bei seinem heutigen Nachfolger Franziskus die Bereitschaft,
"unsere Kirche in die Herausforderungen unserer Zeit einzupassen, ohne sie an den Zeitgeist anzupassen."
Ein Zeichen dafür sieht er im Synodalen Weg, den die katholische Kirche begonnen hat und in der päpstlichen Prüfung, verheirateten Männer, die sich in der Ehe bewährt haben, den Zugang zum Priesteramt zu gewähren und Frauen das Diakonat zu übertragen. Letzteres sieht Janßen als Vorstufe zum Priesteramt der Frau. "Hoffnung machen mir", so Janßen, "aber auch die Fortschritte der praktischen Ökumene, bei der es mir nicht schnell genug vorangehen kann und die vielen Gespräche, die ich mit ganz unterschiedlichen Menschen führe. Sie zeigen mir: Die Menschen sind heute nicht weniger religiös als früher. Und es gab noch nie so viel Sehnsucht nach sinnvollem und gelingendem Leben wie heute." Zum gelingenden Leben gehört für den Stadtdechanten Mülheims und Pfarrer von St. Mariae Geburt aber auch die Einsicht der Christen, "dass wir eine Botschaft haben, die nicht ohne politische Folgen bleiben kann, und die uns auffordert, Farbe zu bekennen gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus, weil diese Ideen dem christlichen Menschenbild der Gottesliebe und der Menschenliebe radikal widersprechen."
Dieser Text erschien am 10. Februar 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...