Samstag, 17. Juni 2023

STYRUMER SCHLOSSGESCHICHTEN

Was gibt es Demokratischeres als ein Bürgerfest? In Styrum heißt es Familienfest und das passt auch. Denn wie man jetzt sehen konnte, feierten viele Familien mit ihren Kindern mit. Nicht nur das Wetter, sondern auch der Ort des Geschehens, Schloss Styrum und sein Park waren märchenhaft. Programm und Preise stimmten, auch dort, wo es am Grillstand der Roten Funken um die Wurst ging.

Nicht nur dem Vorsitzenden des Bürgerbusvereins gefiel die Atmosphäre des Festes, das von Bürgern (aus mehr als 40 Organisationen und Institutionen) ehrenamtlich für Bürger gemacht war. "Man sieht hier, dass unser Stadtteil bunter wird. Aber das muss man annehmen und die Menschen, die neu zu uns gekommen sind, mit einnehmen, sagt Klaus-Dieter John. Sein Verein, in dem 21 Bürger jährlich 6000 Bürger von A nach B fahren, wo die Ruhrbahn nicht hinkommt, spricht ebenso wie das Familienfest im Schlosspark für den starken Styrumer Bürgersinn. 

Aristokratie im Schloss Styrum. Das war gestern. Heute gehen hier Menschen, wie du und ich aus und ein, vor allem auch die, die sich trauen und deshalb, seit 2021 von MST-Mitarbeiterin Manuela Bellenbaum betreuten Schloss Styrum heiraten. Sich an seinem Hochzeitstag mal wie ein König und eine Königin fühlen. Wer möchte das nicht. Genau das haben auch Erich Heinsers Mutter Sigrid Rhoelen und ihr Ehemann Erich am 2. August 1954 erlebt, als sie ihre Hochzeit mit ihrer Familie auf Schloss Styrum und in seinem Park feiern konnten.

Erich Heinsers gleichnamiger Vater und seine Frau Sigrid waren zwar keine Aristokraten. Aber der damalige Hausherr des Schlosses, der letzte Generalbevollmächtigte des Industriellen Heinrich von Thyssen, Wilhelm Roelen, war schon so etwas, wie ein Wirtschaftsaristokrat. Nach seinem Tod am 22. Mai 1958 wurde deshalb auch seine Trauerfeier standesgemäß auf Schloss Styrum begangen. Da kam alles, was in Politik und Wirtschaft Rang und Namen hatte. Wilhelm Roelens Enkel Erich, der mit seiner Frau Birgit am Familienfesttag an einer Schlossführung mit Beate Fischer vom Geschichtsverein mit von der Partie war, lieferte mit einer Sonderausgabe der Bergbauzeitung "Der Kumpel" den bildreichen Beweis für die illustrere Trauergesellschaft, die sich im Mai 1958 auf Schloss Styrum einfand und dabei unter anderem die Trauerrede des Bundeswirtschaftsministers und späteren Bundespräsidenten Heinrich Lübke hörte.

"Damals war die ganze Moritzstraße mit Luxuslimousinen zugeparkt, die von den Styrumern eifrig fotografiert wurden", weiß Fotograf und Filmemacher Reiner Komers den Schlossgängern, um Fischer und Heinser zu berichten. Komers arbeitet in einem der sieben Styrumer Schlossateliers, die der Kulturbetrieb der Stadt seit der Landesgartenschau Müga 1992 Kunstschaffenden zur Verfügung stellt.

Damals wurde das Schloss Styrum, in dem 1960, auf Geheiß der Familie Thyssen Westdeutschlands erste Altentagesstätte eingerichtet worden war. Diesen Begegnungsort betreibt heute der Styrumer Nachbarschaftsverein, der auch einen Fahrdienst für Senioren anbietet.

Beim historischen Rundgang mit Beate Fischer vom Geschichtsverein erfährt man, dass Johann Schönnebeck, ein Landwirt aus Eppinghofen dass gräfliche Schloss, samt Park anno 1861 kaufte und für sein bodenständiges Gewerbe nutzte. Der letzte Graf Ernst Maria von Limburg-Styrum war schon 1809 verstorben. Seine Macht und die seiner Vorfahren war da schon verflossen. Denn mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ging 1806 die Herrschaft der Grafen von Styrum zu Ende. Deren Geschichte, man staunt, lässt sich bis ins Jahr 1067 zurückverfolgen.

"Styrum war mit einer Grundfläche von 50 Hektar die kleinste reichsunmittelbare Herrschaft des Heiligen Römischen Reiches und es war zwischen 1550 und 1750, neben dem Zisterzienserinnenkloster Saarn, Mülheims einzige katholische Enklave", weiß Beate Fischer. 

Wer im ansonsten evangelisch gewordenen Mülheim katholisch bleiben wollte, zog entweder zu den Grafen nach Styrum oder zu den Nonnen nach Saarn. Auch wer aus weniger frommen Gründen aus der Herrschaft Broich verschwinden wollte und musste, konnte bei den Grafen in Styrum Asyl finden.

Die Tatsache, dass der Styrumer Junggraf Moritz anno 1659 seinen Broicher Standesgenossen Carl Alexander im Suff und im Streit erschoss, zeigt, dass auch die guten alten Zeiten manchmal alles andere als gut waren. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.


Zum Schloss Styrum

Sonntag, 11. Juni 2023

100 Jahre Rot-Grün

 Rot-Grün steht seit Mitte der 1980er Jahre für eine Koalition von SPD und Grünen. Doch Rot-Grün ist eigentlich schon viel älter. Gemeinsam die Natur entdecken, genießen und schützen. Diese gute Idee brachten 1895 Wiener Sozialdemokraten gemeinsam auf den Weg und wurden so zu Naturfreunden. 1905 kam diese Idee einer sozialökologischen Wandervogelbewegung nach Deutschland und 1923 auch in Mülheim an.

Urlaub war vor 100 Jahren noch ein Fremdwort. Großbürgerliche Familien gönnten sich damals bestenfalls eine Sommerfrische an der See oder in den Bergen. Doch für den großen Rest der Bevölkerung musste es eine bis zwei Nummern kleiner gehen. Hier setzten vor 100 Jahren, im Jahr der Hyperinflation und der Ruhrbesetzung, die Naturfreunde an.

Gemeinsam wandern, aber auch diskutieren und feiern. Das kam gut an, an der Ruhr und führte Ende der 1920er Jahr dazu, dass die Naturfreunde aus Essen und Mülheim sich am Böllrodt in Raadt ein Haus im Grünen an der Ruhr bauten. Die damals noch wesentlich knappere Freizeit, gemeinsam, daheim und unterwegs zu gestalten, um sich damit mit Leib und Seele fürs Leben zu stärken, wurde zum Markenkern der Naturfreunde. Dass Solidarität mit Mensch und Natur zwei Seiten derselben Medaille sind, erkannten die Naturfreunde schon, als Umweltschutz und sanfter Tourismus in Deutschland noch unebekannt waren. 

Als Teil der Sozialdemokratie verloren die Naturfreunde nach 1933 nicht nur ihr Haus im Ruhrtal an die Nationalsozialisten. Die ließen es 1945 verwüstet zurück. Dem Wiederaufbau durch die Naturfreunde folgte eine, durch das westdeutsche Wirtschaftswunder beförderte Blütezeit. Doch mit dem steigenden Wohlstand wurden die Deutschen zu Reiseweltmeistern, die es in die Ferne zog.

Vor dem Hintergrund dieses sozialen Wandels ist auch die Nutzung des inzwischen in die Jahre gekommenen Ruhrtalhauses der Naturfreunde zurückgegangen. Zuletzt öffneten die Essener und Mülheimer Naturfreunde im August 2022 ihr Haus im Grünen mit einem Sommerfest für die interessierte Öffentlichkeit, die sich durch das Haus am Böllrodt führen ließ.

Inzwischen ist das Haus vom Landesverband der landesweit 40000 Naturfreunde übernommen worden. Die Naturfreunde, die bundesweit 400 Gästehäuser betreibt, sucht inzwischen Kooperationspartner oder nötigenfalls auch Käufer, die den Erhalt und den Weiterbetrieb im Sinne der sozialökologischen Grundausrichtung der Naturfreunde, deren Logo einen grünweißen Handschlag vor roten Alpenrosen zeigt, zu ermöglichen.


Naturfreunde NRW

Mittwoch, 7. Juni 2023

"Wenn wir schreiten, Seitan Seit!"

 "Alles Neue macht der Mai." So dichtete 1829 der Mülheimer Dichter, Lehrer und Heimatforscher Hermann Adam von Kamp. 1863, also vor 160 Jahren, brachte der Mai den neuen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein hervor. Ein Jahr später gab es ihn auch in Mülheim. Er war der Vorläufer der deutschen Sozialdemokratie. Dass heute bekannte Kürzel SPD bürgerte sich ab 1891 ein. 

Damals kam die neue Sozialdemokratische Partei Deutschlands aus dem Untergrund zurück an die Oberfläche des politischen Kräftespiels. Zwischen 1878 und 1890 hatten Bismarcks Sozialistengesetze die Sozialdemokraten in die Illegalität gedrängt und der staatlichen Verfolgung ausgesetzt, Auch nach dem Ende der Sozialistengesetze galten die auch in Mülheim aktiven Sozialdemokraten Kaiser Wilhelm II. als "vaterlandslose Gesellen."

Politische Herzensanliegen

Das 1891 in Erfurt beschlossene Programm der damals von August Bebel geführten SPD formulierte bis heute gültige sozialdemokratische Herzensanliegen. Was der erste sozialdemokratische Bundeskanzler 1969 in seiner ersten Regierungserklärung auf die Formel: "Wir wollen mehr Demokratie wagen!" galt auch schon für die Sozialdemokraten zu Kaisers Zeiten. 

Die SPD war die erste Partei in Deutschland, die zum Beispiel die Legalisierung der Gewerkschaften und das Frauenwahlrecht forderte. Auch freie Volksbildung und die Garantie der Grundrechte, die mit der Reichsverfassung von 1871 noch nicht gegeben war, gehörten zur politischen DNA der frühen Sozialdemokraten. Zu ihnen gehörte auch der Lehrer und Journalist Wilhelm Hasenclever und der Tischler Klemens Hengsbach, die 1866 und 1902 in den Deutschen Reichstag einzogen. Hier stellten die Sozialdemokraten ab 1912 die stärkste Fraktion. Daran konnte auch nichts ändern, dass Kaiser Wilhelm II. die Sozialdemokraten als "vaterlandslose Gesellen" diffamierte.

Da die Regierung des Kaiserreiches nicht dem Reichstag, sondern nur dem Kaiser und preußischen König gegenüber verantwortlich war, trotz zunehmender Anhängerschaft, erst nach dem Übergang vom Kaiserreich zur Republik ab 1918 politische Macht ausüben. Dies galt auch für die kommunale Politik, der die Sozialdemokratie bis zum Ende des preußischen Dreiklassen-Zensus-Wahlrechtes politisch ausgebremst hatte. Das von 1850 bis 1918 in Preußen bei Landtags- und Kommunalwahlen praktizierte Dreiklassen-Wahlrecht teilte die Wählerschaft nach ihrem Steueraufkommen ein und sicherte so dem steuerzahlenden Wirtschaftsbürgertum und dessen liberalkonservativen Vertretern in Landtagen und Stadträten eine 2/3-Mehrheit. Mit der Einführung des Frauenwahlrechtes, der Tarifautonomie und des Achtstundentages konnten die Sozialdemokraten unter der Führung des späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert zentrale Forderungen durchsetzen. Nicht von ungefähr ist seit 1949 auch in Mülheim eine Straße nach Friedrich Ebert benannt.

Von der System-Opposition zur staatstragenden Partei

Bei den ersten republikanisch-demokratischen Wahlen wurde die Sozialdemokratie 1919 nicht nur im Reich, sondern auch in Mülheim zur stärksten politischen Kraft. Zwischen 1920 und 1932 war mit Ernst Tommes erstmals ein Sozialdemokraft als Beigeordneter für die kommunale Sozial- und Gesundheitspolitik zuständig.

Die meisten sozialdemokratischen Kommunalpolitiker waren in den 1920er Jahren, so wie der damalige Partei- und Fraktionsvorsitzende Wilhelm Müller (1890-1944) hauptamtliche Gewerkschaftssekretäre. Das galt auch für den damaligen SPD-Stadtverordneten und späteren Oberbürgermeister Heinrich Thöne (1890-1971).

So wie die Sozialdemokraten im Reichstag im März 1933 das Ermächtigungsgesetz ablehnten, so lehnten sie im Mülheimer Stadtrat auch die ersten Beschlüsse der aus Nationalsozialisten und Deutschnationalen gebildeten Ratsmehrheit, wie die Ehrenbürgerschaften für Reichskanzler Adolf Hitler und für den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg sowie den Ausschluss jüdischer Unternehmer von der städtischen Auftragsvergabe ab.

Widerstand und Verfolgung

Für viele politische aktive Sozialdemokraten begann nach dem Verbot ihrer Partei im Sommer 1933 die Zeit des Widerstands. Wilhelm Müller, dessen gleichnamiger Sohn zwischen 1965 und 1980 für die Mülheimer SPD im Deutschen Bundestag sitzen sollte, musste diesen Widerstand gegen Hitler, ebenso wie seine kommunistischen Ratskollegen Otto Gaudig und Fritz Terres mit dem Leben bezahlen.

Auferstanden aus Ruinen

Nach dem Ende der NS- und Kriegszeit, gründete sich die SPD auch in Mülheim neu. Mit dem Leiter der örtlichen Allgemeinen Ortskrankenkasse, Heinrich Thöne, stellte die SPD ab 1948 erstmals den Mülheimer Oberbürgermeister. Auch die erste Oberbürgermeisterin der Stadt, die 1982 ins Amt gewählte Eleonore Güllenstern und der Journalist und erste Mülheimer Bundestagsabgeordnete Otto Striebeck (1894-1972) war ein Sozialdemokrat.

Getragen von einer breiten Zustimmung und Verankerung in der Stadtgesellschaft und begünstigt durch die Erfolge des Wiederaufbaus und des nachfolgenden westdeutschen Wirtschaftswunders, wurden die Sozialdemokraten zwischen 1948 und 1994 zur politisch bestimmenden Kraft. Auch die direktgewählten Mülheimer Landtagsabgeordneten Bundestagsabgeordneten sind seit 1950 bzw. seit 1961 durchgehenden Sozialdemokraten.

Mit Bodo Hombach stellten die Mülheimer Sozialdemoraten in den 1990er Jahren einen Landes- und Bundesminister und mit Hannelore Kraft zwischen 2010 und 2017 die NRW-Ministerpräsidentin. Die kommunalpolitische Dominanz der SPD ging aber nach dem Rücktritt der Oberbürgermeisterin, Eleonore Güllenstern, die sich 1994 in eine private Kreditaffäre verstrickt war, verloren. Auch die Direktwahlen für das Oberbürgermeisteramt gingen 1999, nur um wenige Stimmen, und mit deutlichem Abstand 2020 verloren.

Parteien und Politik im sozialen Wandel 

Wie die Volkspartei CDU auch, mussten die Sozialdemokraten in den vergangenen 25 Jahren einen starken Mitgliederschwund hinnehmen, weil gesellschaftliche Milieus, wie das der Industriearbeiterschaft bröckeln und unter dem sozialen Mega-Trend der Individualisierung und des demografischen Wandels die Zahl der Menschen abnimmt, die bereit sind, sich parteipolitisch dauerhaft zu binden. So ist die Zahl der Mülheimer SPD-Mitglieder seit 1998 von 4500 auf jetzt 1200 abgesunken.


Zur Mülheimer SPD


 1929 als Gasbehälter errichtet, dient der 117 Meter hohe Gasometer in Oberhausen seit 30 Jahren als extravaganter Ausstellungsraum. Dieser ...