Montag, 28. Februar 2022

Heute ist Rosenmontag

 Heute ist Rosenmontag. Oder muss man sagen: Heute wäre Rosenmontag, wenn die Weltgemeinschaft nicht gerade einen schwarzen Donnerstag hinter sich hätte, an dem die russische Regierung die Ukraine mit einem Angriffskrieg überzogen hätte, der uns alle trifft und mehr zerstört, als den Spaß an der Freud. Und doch verbreiteten die Mülheimer Karnevalisten am Karnevalsfreitag einen Hauch von Rosenmontag. Das schafften sie, in dem sie an vier Mülheimer Grundschulen mit einem kurzfristig fahrtüchtig gemachten und dank großzügiger Sponsoren reich gefüllten Rosenmontagswagen vorfuhren, um den dort fürs Leben lernenden Kindern einen Kamelleregen zu spendieren. Wer am Freitagvormittag auf den Schulhöfen an der Frühlingstraße, am Saarnberg, an der Hölterstraße und an der Augustastraße die Begeisterung und die strahlenden Augen der Kinder gesehen hat, der hat, wie sie, fürs Leben gelernt, warum die größten Narren dieser Welt nicht diejenigen sind, die sich so nennen, sondern diejenigen, die sich in ihrem Größenwahn vermeintlich wichtig und mächtig über alles hinwegsetzen, was den Menschen nicht nur zur Fünften Jahreszeit nicht zum Narren, sondern erst zum Menschen macht. Erst die gemeinsame Freude am Leben, die auch den Nachbarn leben lässt, macht den Menschen nicht nur in der Fünften Jahreszeit zum Menschen. Leben und leben lassen, weil jeder Jeck anders, aber eben auch nur ein Mensch ist, der sein Leben leben will. Das ist die Friedensbotschaft des Karnevals, die wir auch nach Aschermittwoch beherzigen sollten, damit es nicht nur uns, sondern auch unseren Nachbarn gut geht und wir bald wieder Grund zum Feiern haben, frei nach dem Motto: "Lieber süße Kamelle und Co als bittere Pillen. Denn in den sauren Apfel müssen wir auch ohne die humor- und schamlosen Narren an den Futtertrögen der Macht noch früh- und oft genug beißen!"


Meine Beiträge in NRZ/WAZ

Sonntag, 27. Februar 2022

Reden wir über Armut

Der Geschäftsführer des Diakoniewerkes an der Georgstraße 28, Dominik Schreyer, berichtet, wie die Pandemie den Tafelbetrieb für bedürftige Kunden verändert hat, die nicht nur Lebensmitteln hungern und was er in der Corona-Zeit gelernt hat.

 

Wie hat Corona den Tafelbetrieb verändert?

Schreyer: In der ersten Phase der Corona-Pandemie konnten wir keine Lebensmittel mehr verteilen. Die Lebensmittelausgabe an täglich 150 Menschen in der Warteschlange, die eng beieinander bis auf die Straße standen, war unter Corona-Bedingungen nicht mehr zu machen. Gott sei Dank konnten wir mithilfe der Firma Aldi einen Lieferservice organisieren, mit dem wir pro Woche 500 Lebensmitteltaschen ausliefern konnten. Wir haben den Lieferservice für bedürftige Menschen mit Mobilitätseinschränkungen beibehalten, so dass wir heute wöchentlich noch 200 Lebensmitteltaschen ausliefern.


Gibt es denn die klassische Lebensmittelausgabe noch?

Schreyer: Ja, aber in anderer Form. Wer bedarf hat, kann sich bei uns unter der Rufnummer: 0208/459530 oder per Mail an: fuhrpark@diakonie-muelheim.de anmelden und an maximal zwei Tagen pro Woche jeweils eine Lebensmitteltasche erhalten. Das hat den Vorteil, dass wir die Lebensmittelspenden besser streuen können und nicht immer die gleichen Menschen mehrfach etwas bekommen, während andere leer ausgehen. Um keine Warteschlangen entstehen zu lassen, vergeben wir die Ausgabe-Termine im Fünf-Minuten-Rhythmus.


Im März sollen die Corona-Schutzregeln wieder gelockert werden. Kehren Sie dann zu Ihrer Vor-Corona-Praxis zurück?

Schreyer: Nein. Wir behalten die Terminvergabe nach Anmeldung bei, weil sich das bewährt hat, ebenso, wie das diakonische Prinzip, dass wir die Bedürftigkeit der Menschen, die zu uns kommen nicht überprüfen, weil wir als Tafel kein Instrument der staatlichen Sozialpolitik sind und davon ausgehen, dass jeder, der sich für bedürftig hält, auch bedürftig ist.


Was wird nach Corona anders?

Schreyer: Wir trauen uns zu, dass wir mit unseren zwölf Tafel-Mitarbeitenden Abholtermine im Ein-Minuten-Takt anbieten können. Wenn viele Kunden kommen, könnten wir vielleicht auch einen 30-Sekunden-Takt schaffen.

Hat die Zahl der Tafel-Kunden in der Corona-Pandemie zugenommen?

Schreyer: Eindeutig ja, auch wenn wir keine Strichlisten führen und ich Ihnen keine konkreten Vergleichszahlen nennen kann. Aber wir sehen hier viele neue Gesichter, auch Menschen, die offensichtlich erwerbstätig sind, bei denen das Geld aber einfach nicht reicht. Wir haben hier Kunden, die aus allen Generationen und Nationalitäten kommen.


Warum?

Schreyer: Viele arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen, haben durch die Pandemie ihre Arbeit, etwa in der Gastronomie, verloren oder müssen mit dem geringeren Kurzarbeitergeld über die Runden kommen. Außerdem steigen die Lebensmittel- und Energiepreise. Da geht es denjenigen, denen es schon vor der Pandemie schlecht ging, jetzt noch schlechter. Unsere Kunden sind Menschen, die keine Lobby haben. Sie fallen auch in Zeiten wirtschaftlicher Hochkonjunktur hinten runter, obwohl sie bereit sind, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten und einen sinnvollen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten wollen.


Was könnte Ihren Kunden das Leben leichter machen?

Schreyer: Wir müssen uns als Menschen in unserer Gesellschaft wohlwollender gegenübertreten und im Anderen nicht den Fremden sehen, mit dem wir nichts zu tun haben, sondern einen Menschen, mit dem wir viel mehr gemein haben, als wir auf den ersten Blick glauben. Konkret wäre es schön, wenn sich Stadt, Kirchen und Wirtschaft an einen Tisch setzen und eine Lösung für die Menschen finden, an denen immer auch eine ganze Familie hängt und die uns viel zu geben haben, auch wenn sie auf dem ersten Arbeitsmarkt vergessen und abgehängt werden, weil dort die niederschwelligen Jobs wegrationalisiert worden sind. Wir sollten nicht vergessen, dass Steuergelder gut angelegt sind, die soziale Teufelskreise der extremen Chancenungleichheit durchbrechen und dafür sorgen, dass Menschen ein sinnvolles Ausbildungs- und Arbeitsangebot finden. Denn nur so können sie sich als Teil unserer Gesellschaft erleben und sich deshalb auch an ihre Regeln halten. Das schafft soziale Stabilität und Lebensqualität, von der wir alle profitieren.

 

INFO: Das Diakoniewerk Arbeit und Kultur betreibt die Mülheimer Tafel seit 2000 in Zusammenarbeit mit dem Sozialamt und mithilfe des spendenbereiten Mülheimer Einzelhandels. Die Mitarbeitenden der Tafel, die auch bedürftige Grundschüler mit einem Schulfrühstück versorgen,  kommen, wie ihre Kollegen aus den anderen Arbeitsbereichen des Diakoniewerkes, wie der Upcycling-Möbelwerkstatt, im Rahmen von zeitlich befristeten Arbeitsförderprogrammen der öffentlichen Hand zum Diakoniewerk. In der Betriebspraxis zeigen sich die zeitlichen Befristungen der steuerfinanzierten und niederschwelligen Arbeitsgelegenheiten immer wieder als kontraproduktiv und entwicklungshemmend.


Meine Berichte in NRZ/WAZ

Donnerstag, 24. Februar 2022

Gut getan

 Wo bleibt das Positive? Das fragte sich der Schriftsteller Erich Kästner schon vor gut 90 Jahren. Man sieht: Auch in den vermeintlich guten alten Zeiten, waren gute Nachrichten Mangelware. Doch wenn man genau hinschaut und hinhört, gibt es sie doch. Die positive Nachricht dieser Woche bekam ich vom Geschäftsführer des Centrums für bürgerschaftliches Engagement, Michael Schüring, zu hören. Er ließ mich wissen, dass sich allein im Rahmen des 2001 gegründeten CBEs aktuell 300 Mülheimerinnen und Mülheimer kontinuierlich und ehrenamtlich, zum Beispiel als Bildungs- und Familien-Paten oder als handwerkliche Hilfestellung leistende Heinzelwerker für ihre Mitbürger und Nachbarn engagieren. Und die Aufzählung der guten Taten, die uns als Stadtgesellschaft gut tun, ließe sich an dieser Stelle noch erfreulich lange fortführen. Also müssen wir nicht darauf hoffen, dass an jeden gedacht ist, weil jeder an sich selbst denkt, sondern wir können mit Erich Kästner sagen: "Es geschieht nichts Gutes, außer man tut es!" 

Montag, 21. Februar 2022

Ritter an der Ruhr

Für die katholische Wochenzeitung Neues Ruhrwort konnte ich jetzt eine bemerkenswerte Ausstellung des Sozialanthropologen Dennis Beckmann im Stadt- und Kulturhistorischen Museum Duisburg besuchen.

Das Museum findet man im Innenhafen, gleich gegenüber dem Landesarchiv. Es ist mit der Straßenbahnlinie 901 gut erreichbar. Es lohnt sich. 

Bis zum 27. März kann man dort die anschaulich aufgearbeitete und in Wort und Bild aufgearbeitete Geschichte der christlichen Ritter und ihres Einflusses auf Duisburg betrachten. 

Die Johanniter und den Deutschen Orden bringt man vor allem mit den Kreuzzügen und ostpreußischen Marienburg in Verbindung. Letztere steht für die nicht nur im Ostseeraum relevante staatliche Macht des Deutschen Ritterordens.

Die Johanniter, die mit der Reformation des 16. Jahrhunderts evangelisch wurden, verbindet man heute vor allem mit der Johanniter Unfallhilfe.

Weniger bekannt ist ihr Duisburger Wirken als Kirchenbaumeister (Marienkirche), als Seelsorger (Salvatorkirche) und als Träger eines Hospitals an der Marienkirche, in dem nicht nur Kranke gepflegt, sondern auch Arme und Pilger ein Obdach fanden.

Die Duisburger Ausstellung beleuchtet auch den Widerspruch zwischen dem christlichen Ethos der Ritterorden und ihrer blutigen Kreuzfahrergeschichte.


Zum Neuen Ruhrwort

Samstag, 19. Februar 2022

Don Boscos Erben

 In einer Zeit, in der die katholische Kirche aus gutem Grund schlechte Schlagzeilen bekommt, tut es gut, auch mal über die guten Seiten der Kirche zu berichten, zum Beispiel über das 100-jährige Wirken der Salesianer Don Boscos und der Don-Bosco-Schwestern in Essen-Borbeck.

Die Stadt im Ruhrgebiet war der erste Standort, den die 1854 und 1872 von Giovanni Don Bosco in Turin  geründeten Ordensgemeinschaften in Deutschland aus der Taufe hoben. Dass es dazu erst nach dem Ersten Weltkrieg kam, war den Spätfolgen des preußischen Kulturkampfes der 1870er Jahre geschuldet, die erst 1917 mit der Aufhebung des Ordenszulassungsverbotes beseitigt worden war.  Bedarf an Seelsorge und sozialer Fürsorge war und ist in der von der Industrie geprägten Ruhrstadt reichlich gegeben, Seelsorge und soziale Fürsorge. Das waren für den 1929 von Papst Pius XI. selig und 1934 heilig gesprochenen Giovanni Don Bosco (1815-1888) immer zwei Seiten einer Medaille. 

Seine Ordensleute handfeste Praktiker der Frohen Botschaft und der Pädagogik, ob in der Kindertagesstätte, ob im Gymnasium oder im Haus der offenen Türe, die sie in Essen-Borbeck an der Theodor-Hartz-Straße betreiben. Ihr Leitmotiv ist das Lebensmotto ihres Ordensgründers: "Fröhlich sein. Gutes tun. Und die Spatzen pfeifen lassen, damit Leben gelingen kann."

Diesem Credo folgen die Salesianer und die Don-Bosco-Schwestern auch im Bereich der beruflichen Bildung, in der Ausbildung später geistlicher Berufungen und im Angebot von Exerzitien. Dabei steht der Name des Salesianerpaters und zwischenzeitlichen Direktors des Essener St. Johannes Stiftes Theodor Hartz, der 1942 im Konzentrationslager Dachau ums Leben kam, für all die Christen, die auch unter dem Druck der NS-Diktatur der Frohen Botschaft des Jesus von Nazareth treu geblieben sind und dies zum Teil mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Aber auch die dunklen Seiten ihrer Essener Ordensgeschichte verschweigen die Salesianer Don Boscos nicht, wenn sie zum Beispiel darauf hinweisen, dass sich auch ein Essener Mitbruder in den 1970er Jahren des sexuellen Missbrauchs eines Don-Bosco-Schülers schuldig gemacht habe.


Zu den Salesianern Don Boscos

und:

Zu den Don Bosco Schwestern

Art Obscura

 "Über 20 Jahre waren wir Normaden. Jetzt haben wir endlich ein Zuhause", freuen sich Heike Monikat und Gerd Rudolph. Sie sind die kreativen Menschen hinter dem 2000 gegründeten Verein Art Obscura. Der Name ist Programm. Hier lassen Menschen mit und ohne Handicap, aber immer mit viel Phantasie Kunst und Kultur entstehen, die den Betrachter staunen lässt.


Hat Art Obscura in den vergangenen Jahren immer wieder zeitlich befristet leerstehende Immobilien, wie zum Beispiel das vormalige Woolworth-Gebäude an der unteren Schloßstraße bespielt, so will der Verein künftig das zuletzt vom Portugiesischen Kulturverein genutzte Gründerzeithaus an der Georgstraße 26 dauerhaft mit Kulturleben füllen.

"Wenn die Corona-Pandemie mal vorbei sein wird, können wir uns hier auch Konzerte, Lesungen und Theateraufführungen vorstellen", betonen Rudolph und Monikat. Gemalt und geprobt wird im neuen Kulturquartier zwischen dem Dikaoniewerk und dem Jugendzentrum Stadtmitte schon jetzt. 50 Menschen lassen sich in den Art-Obscura-Kursen zur Kreativität verleiten. Wer durch das barrierearm nachgerüstete Haus geht, merkt gleich: Hier ist Leben drin. Hier bekennt man Farbe. Neue Angebote von der Fotowerkstatt bis zum Tanz-Workshop stehen bereits vor der Tür. Und für Kooperationen sind die unter anderem von der Aktion Mensch, einem privaten Mäzen und von der Mülheimer Sparkasse unterstützten Kulturmacher von Art Obscura natürlich immer zu haben. Auch in diesem Jahr werden sie mit ihrer Performance auf der Freilichtbühne und im Schloss Broich zu sehen sein.

"Machen Sie sich ein eigenes Bild!"


Und in der kommenden Woche, 23. bis 26. Februar, können sich alle Kulturinteressierten und die, die es noch werden wollen, vor Ort an der Georgstraße 26 ein Bild machen. Weil die Corona-Pandemie leider noch nicht vorbei ist, müssen sich Besucher per Mail anmelden und ein Zeitfenster zwischen 10 und 22 Uhr buchen. Kontakt und Information unter: artobscura@yahoo.de und: www.art-obscura.de

Sonntag, 13. Februar 2022

Da ist Musik drin

 Die mit 3500 Schülern größte Schule der Stadt hat jetzt zwei neue Lehrer bekommen. Der aus Südkorea stammende Kyonghiwan Bai (50) und der aus Bulgarien kommende Lubomir Pechakov (37) runden das Kollegium der städtischen Musikschule auf 70 Köpfe ab.

Bai unterrichtet Viola, Pechakov Oboe. Bai sagt von seinem Instrument, "dass es etwas dunkler und romantischer als die Geige und etwas heller als das Cello klingt." Auch Pechakov erlebt sein Instrument, das er seit dem neunten Lebensjahr spielt als "besonders klar und romantisch klingend."

Beide Musikpädagogen kommen aus Musikerfamilien und haben eine berufliche Vergangenheit als Orchestermusiker. Beide reizt die Berufstätigkeit im Land der Klassiker, dem sie eine moderne Pädagogik bescheinigen.
"Die Schüler sind hier sehr selbstbewusst. Das reizt und fordert mich als Lehrer, weil so beide Seiten voneinander lernen können", sagt Bai.
Der stellvertretende Leiter der städtischen Musikschule, Peter Ansorge, unterscheidet bei den Pädagogen zwischen "den Gärtnern, die ihre Schüler hegen, pflegen und wachsen lassen" und den "Töpfern, die ihre Schüler prägen und formen wollen."

Freiheit, frische Luft und Perspektiven

Bai und Pechakov erscheinen im Gespräch mit der Mülheimer Woche als Pädagogen der ersten Kategorie. Bai, der in Seoul, Dortmund und Mainz studiert hat, erlebt Deutschland, im Vergleich zu Südkorea, als ein Land der Freiheit und der frischen Luft. Sein Kollege Pechakov, der nach dem Besuch eines Musikgymnasiums in Sofia und an der Essener Folkwang-Universität studiert hat, sieht Deutschland als ein Land, "in dem man alles erreichen kann, wenn man bereit ist, dafür zu kämpfen!"

Weil seine Musikschulstunden im Fach Oboe begrenzt sind, unterrichtet Pechakov auch privat nicht nur Oboe, sondern auch Klavier, Keybiard und Blockflöte.

Beide Musikschullehrer freuen sich, dass sie, trotz der angespannten Corona-Pandemielage zurzeit in Präsenz unterrichten können, obwohl sie auch schon Erfahrungen mit Online-Unterricht gemacht haben. Peter Ansorge hofft als stellvertretender Leiter der städtischen Musikschule, die 2023 ihr 70-jähriges Bestehen feiern kann, "dass wir uns im Rahmen der Musikschuloffensive NRW technisch und personell weiter verstärken und im Juni wieder ein Ensemble-Konzert in der Stadthalle geben können."

Gut zu wissen

Wer sich für die Instrumentalunterrichtsangebote der städtischen Musikschule im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37 interessiert, erreicht sie telefonisch unter der Rufnummer: 0208-4554300 oder per E-Mail an: info@musikschule-muelheim.de

Die Musikschule der Stadt Mülheim wurde 1953 in einem Haus am Priester Hof unter der Leitung von Elfriede Thomas mit 426 Schülern ins Leben gerufen. 1971 zog die inzwischen von Orlando Zucca geleitete Musikschule in eine alte Villa auf dem Dudel an der Ruhr. Ihr heutiges Quartier bezog die damals bereits von Bärbel Frensch-Endreß geleitete Musikschule 2013 im Haus der Stadtgeschichte. Dessen Saal teilen sich das 1972 gegründete Stadtarchiv und die Musikschule als Vortrags- und Konzertraum. Seit 1972 wird die Musikschule der Stadt von einem Förderkreis unterstützt. Mit dessen Hilfe ist es der Musikschule möglich, ihren Schülern auch teure Instrumente leihweise und damit sozialverträglich zur Verfügung zu stellen.

Zu meinen Beiträgen in der Mülheimer Woche

Samstag, 12. Februar 2022

Nobler Wahlmann

 Unter den 1472 Wahlmänner und Frauen, die am 13. Februar als Mitglieder der 17. Bundesversammlung in Berlin den Bundespräsidenten und damit das Staatoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland wählen werden, ist auch der Mülheimer Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List.. Im Gespräch mit dieser Zeitung betrachtet der am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung arbeitende Wissenschaftler  das höchste Staatsamt und dessen Inhaber.

 

Wie sind Sie zum Mitglied der Bundesversammlung bestellt worden?

 

LIST: Das war in meinem Fall ziemlich unspektakulär: Ich wurde von der CDU-Landtagsfraktion angerufen und gefragt, ob ich das machen möchte. Mitglied der Bundesversammlung zu sein, das ist natürlich eine große Ehre. Also habe ich zugesagt.

 

Was hat Frank-Walter Steinmeier in seiner ersten Amtszeit gut gemacht? Was sollte er in seiner zweiten Amtszeit besser machen bzw. nachholen?

 

LIST: Mir gefällt der bei Frank-Walter Steinmeier ausgeprägte Europagedanke. Er spricht sich für ein starkes Europa und gegen Nationalismus aus. Das ist etwas, das er in seiner zweiten Amtszeit weiter ausbauen könnte. Auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist die europäische Freizügigkeit und der offene Austausch untereinander von elementarer Wichtigkeit.

 

Worin sehen Sie den politischen Mehrwert des vor allem repräsentativen Bundespräsidentenamtes?

 

LIST: Gerade in schwierigen Zeiten – wie wir sie beispielsweise während der Coronapandemie erlebt haben – ist es gut, einen Bundespräsidenten zu haben, der den Menschen Zuversicht geben kann. Er sollte eine klare Idee davon haben, wohin wir unser Land steuern, ob nun innenpolitisch oder auch im internationalen Kontext – ohne dabei zu sehr in den politischen Alltagsdebatten verstrickt zu sein.

 

Wäre es nicht besser, den Bundespräsidenten direkt durch das Volk, statt durch eine Bundesversammlung wählen zu lassen?

 

LIST: Das Thema Basisdemokratie finde ich sehr spannend. Was im Zusammenhang der Bundesversammlung besser ist, also direkte Demokratie oder repräsentative Demokratie, kann ich nicht abschließend beurteilen. Da gibt es ja auch unter Fachleuten geteilte Meinungen. Beide Systeme haben sicherlich ihre Vor- und Nachteile.

 

Hintergrund

Der Bundesversammlung gehören die aktuell 736 Mitglieder des Deutschen Bundestages an, unter ihnen auch die Mülheimer Abgeordneten, Sebastian Fiedler (SPD) und Astrid Timmermann-Fechter (CDU). Hinzu kommen 736 Wahlmänner und Wahlfrauen, die die 16 Bundesländer vertreten und deshalb von den jeweiligen Landesregierungen und Landtagsfraktionen nominiert werden. Gerne werden hierfür prominente Persönlichkeiten aus dem gesellschaftlichen Leben, aber auch verdiente Bürgerinnen und Bürger benannt. Der Bundespräsident wird für jeweils fünf Jahre in sein Amt gewählt. Seine Wiederwahl ist nur einmal möglich. Amtsinhaber Frank Walte Steinmeier, der alle Gesetze vor ihrem Inkrafttreten auf ihre Verfassungskonformität prüfen muss, ehe er sie unterschreibt und damit in Kraft setzt, ist der zwölfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.


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Dienstag, 8. Februar 2022

Demokratie unter Druck

 Man muss das Rad nicht immer wieder neu erfinden. Das sagt sich auch der SPD-Landtagskandidat Rodion Bakum. Deshalb lud er jetzt zum Polit-Talk aufs Rote Sofa. Mit ihm auf dem Roten Sofa saß der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Fiedler. Er hatte das Wahlkampfformat 2021 erfolgreich getestet.

Auch wenn die Diskussionsveranstaltung: "Wie gefährdet ist unsere Demokratie" Corona-bedingt als Online-Konferenz über den PC-Monitor flimmern musste, hatten sich 50 Interessierte aufgeschaltet, um ein brandaktuelles Thema zu beleuchten.

Das die sogenannten Corona-Spaziergänger während der Online-Diskussion am Gerd-Müller-Haus hörbar vorbeimarschierten, passte ins Bild. Neben Sebastian Fiedler waren auch die Duisburger SPD-Bundestagsabgeordnete, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und die Essener SPD-Landtagsabgeordnete Elisabeth Müller-Witt mit in der Online-Diskussionsrunde.


Radion Bakum machte deutlich: "Viele, die sich jetzt als Gegner der Corona-Schutz-Politik in ihren Internetblasen radikalisieren und unsere Demokratie infrage stellen, sin wohl eher auf der emotionalen Ebene als durch rationale Argumente zu erreichen."


Fiedler und Bas berichteten von Hass-Botschaften, die sie selbst, aber auch viele ehrenamtliche Kommunalpolitiker erreichten. Anders, als prominente und gefährdete Bundespolitiker, wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach, stünden sie nicht unter Personenschutz. Wenn sich ehrenamtliche Mandatsträger mit Rücksicht auf ihre Familien aus der Politik zurückzögen, um sich den öffentlichen Anfeindungen zu entziehen, sei dies nicht hinnehmbar. Bas empfahl, alle verbalen Entgleisungen anzuzeigen, "damit die Polizei auch ein realistisches Bild der Lage hat." Die Bundestagspräsidentin verwies auf das Beispiel der Berliner Grünen-Bundestagsabgeordneten, Renate Künast, die konsequent gegen Beleidigungen aus dem Netz geklagt und letztlich Recht bekommen habe.

Für Bas und Fiedler ist klar: "Es kann keine Toleranz mit der Intoleranz der extremistischen Gegner unserer Demokratie geben." Aber Bürgerreporter Ralf Bienco machte deutlich, "dass man die Lage entschärfen könne. in dem man auch Positionen zu Wort kommen lasse, die man selbst nicht teile. Jeder Zuhörer und Leser könne und solle sich sein eigenes Bild machen. So würde den Vertretern extremer Positionen der von ihnen beanspruchte Märtyrer-Status entzogen.

Manchmal müsse man auch das Thema Corona ausblenden, um mit den Impfgegnern im Gespräch zu bleiben, die zum Teil auch von rechtsextremen Verschwörungstheorien beeinflusst seien.

Philosoph und Pädagoge Peter Leitzen machte deutlich, dass extremistische Positionen in unserer Gesellschaft nichts neues seien. Seit den 1970er Jahren zeigten sozialwissenschaftliche Untersuchungen, dass etwa 15 Prozent der deutschen Bevölkerung zu einem autoritären und antidemokratischen Weltbild neigten.

Der Musiker Suppi Huhn forderte mehr politische Bildung in Schulen. Die Landtagsabgeordnete Müller-Witt sekundierte ihm mit einer Kritik an der NRW-Landesregierung. Deren Einführung des neuen Schulfaches Wirtschaft werde zu Lasten des sozial- und politikwissenschaftlichen Unterrichtes gehen.

Als hilfreiche Schritte in die richtige Richtung sieht der Rechts- und Innenpolitiker Sebastian Fiedler die neuen Gesetze zur Demokratieförderung und gegen Hass und Hetze im Internet. Mit deren Hilfe seien neue Fachstellen beim Bundeskriminalamt und ein Budget zur Förderung von Projekten geschaffen worden, die "unsere Demokratie stärken." Sinnvoll wäre aus Fiedlers Sicht auch die Schaffung einer Bundesakademie zur Erforschung der Ursachen des politischen Extremismus. 

Nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutzes gehen derzeit zwei Drittel der der jährlich mehr als 30.000 politisch motivierten Straftaten auf das Konto rechtsextremer Täter.


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Freitag, 4. Februar 2022

Das Kreuz mit der Kirche

 Die Katholische Kirche ist nicht nur in einer Krise. Sie steckt, zumindest mit Blick auf Deutschland, in einer Existenzkrise. Allein in meiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr haben in den vergangenen zwei Jahren mehr als 1000 Menschen die Katholische Kirche verlassen. Damit hat die Stadtkirche in den vergangenen 30 Jahren etwa 25.000 Mitglieder verloren und nähert sich damit der 40.000-Mitglieder-Grenze.

Auch wenn die Missbrauchsfälle innerhalb der Evangelischen Kirche nicht vergleichbar ist, verzeichnet auch sie nur minimal geringere Austrittszahlen und dokumentiert damit, ebenso wie ihre katholische Schwesterkirche den demografischen und gesellschaftlichen Wandel. Die Interviews, die ich mit Blick auf die neuesten Münchener Erkenntnisse rund um priesterliche Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche geführt habe, offenbaren eine tiefgreifende Erschütterung der katholischen Kirchenbasis und einen ungeahnten Reformdruck und Reformwillen. Dabei fällt auf, dass die fundiert reformorientierten Aussagen des Ruhrbischofs Franz-Josef Overbeck und seines Generalvikars Klaus Pfeffer ausdrücklich gelobt und als Gegenbeispiele zu Äußerungen anderer Bischöfe genannt werden,

Der Reformwille betrifft sowohl kirchliche Amtsträger, wie den Mülheimer Stadtdechanten Michael Janßen, als auch engagierte Gemeindemitglieder, die von ihrer tiefen Erschütterung und Beschämung, aber auch von der Wut auf die eigene Kirche sprechen. Was die Basis besonders hart trifft, ist die Tatsache, dass die Katholische Kirche, die bisher immer durch eine rigide Sexualmoral in Erscheinung getreten ist mit der gelebten Unmoral einiger Priester ihren eigenen und oft verkündeten moralischen Ansprüchen nicht gerecht wird.

Der Widerspruch zwischen der Frohen Botschaft des Christentums und der in Teilen kriminellen und menschenverachtenden Kirchenpraxis ist für viele katholische Christen zu groß geworden, als dass sie in der Kirche bleiben könnten. Sie sprechen vom Seelenmord an den Missbrauchsopfern und von der fortgesetzten Unfähigkeit der Amtskirche zu einer angemessenen Hilfe für die Opfer des priesterlichen Missbrauchs zu kommen. Neben dem eigentlichen Missbrauchsskandal beschämt die Katholiken von der Basis die Reaktion ihrer Amtskirche auf die erwiesenen Vergehen gegen die Menschlichkeit. Frühere Kirchenskandale, wie etwa die Geldverschwendung des ehemaligen Limburger Bischofs Tebartz van Elst, die Zweckentfremdung des Peterspfennigs für Immobiliengeschäfte oder das ungeklärte Schicksal der Kinder, deren sterbliche Überreste auf dem Grundstück einer ehemaligen kanadischen Klosterschule gefunden worden sind.

Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger), der 1967 ein wunderbares Buch zur Einführung in das Christentum geschrieben hat, wird aufgefordert, sein weißes Papst-Gewand abzulegen. Sogar der Kirchenausschluss des 2013 zurückgetretenen Kirchenoberhauptes wird gefordert. "Von einem emeritierten Papst muss man erwarten, dass er nichts als die Wahrheit sagt und Reue für sein Fehlverhalten zeigt", wird Ratzingers halbherzige und den Sachverhalt relativierende Verantwortungsübernahme für die Missbrauchsfälle in dem zwischen 1977 und 1982 von ihm geführten Erzbistum München-Freising kommentiert. Dabei sagen auch die Katholiken, die ihrer Kirche Adieu gesagt haben: "Wir sind und bleiben Christen, aber wir können nicht Mitglieder dieser Kirche bleiben."

Auch die Katholiken, die sich weniger auf die Kirche als auf das Evangelium Jesu Chriti beziehen und die Kirche deshalb als ihre geistige Heimat ansehen und einen Kirchenaustritt deshalb "als das falsche Signal" oder als "religiöse Fahnenflucht" betrachten, belassen es längst nicht mehr bei den altbekannten Reformforderungen nach der Abschaffung des Pflichtzölibates, der Unfehlbarkeit des Papstes und der Zulassung von Frauen zum Priesteramt.

Selbst der vorsichtige Stadtdechant Michael Janßen sagt im Zeitungsinterview unumwunden: "Wir müssen im Rahmen des synodalen Weges die Machtstrukturen unserer Kirche neu überdenken. Der Schutz der Institution darf niemals über den Schutz der Menschen gehen und die in der Kirche überzeugend gelebten Glaubensbeispiele dürfen nicht von den Missbrauchsskandalen in der Kirche überlagert werden. Es muss also jetzt etwas getan werden, weil es gar nicht mehr anders geht!"

Der heute in der katholischen Ladenkirche an der Wallstraße engagierte Johannes Brands bringt es aif den Punkt, wenn er sagt: "Wir müssen mal wieder ins Evangelium schauen, um zu sehen, was Kirche ist und was Kirche sein kann." Inzwischen hat das Ruhrbistum reagiert. Generalvikar Klaus Pfeffer holt sich vier gleichberechtigte Kollegen ins neue Führungsteam des Ruhrbistums, zudem unter anderem die Leiterin der Katholischen Akademie Die Wolfsburg, Dr. Judith Wolf, gehören wird.


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Mittwoch, 2. Februar 2022

Poesie und Prosa

Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt kann sich für unser Parlament einen Parlamentspoeten vorstellen, der einen neuen Diskussionsraum zwischen Sprache und Politik öffnen könne. Als Theologin und Politikerin weiß Göring Eckhardt, dass Glauben und Politik auch von der Poesie ihrer Sprache leben. Braucht der Stadtrat vielleicht auch so etwas, damit das schon seit Jahren arg gebeutelte Mülheim ein neues Kapitel aufschlagen und vielleicht doch noch von einer Tragik-Komödie in einer Erfolgsgeschichte mit Happyend umgeschrieben werden kann? Doch dem Kämmerer, der lieber schwarze als rote Zahlen schreibt und liest,  würde wohl die Tinte in seinem Rotstift gefrieren, wenn er nach einer entsprechenden Planstelle gefragt würde. Ein Schelm, der Böses dabei denkt und meint: Wir hätten schon genug Märchenerzähler im Rathaus, die jeweils an ihrer ganz eigenen politischen Erzählung schrieben. Aber was hilft uns das Lesen der Leviten oder die Beschreibung von Horrorszenarien? Am Ende kann uns auch die schönste Politik- und Parlamentspoesie nicht vor der Prosa unseres Alltags retten, in der wir, jeder für sich und wir für uns alle, jeden Tag eine neue Seite aufschlagen und sie sinnvoll füllen müssen, und das nicht nur in der Zeitung. 


 NRZ, 31.01.2022

Schein und Sein

 Heuchler wurden im antiken Griechenland und im alten Rom Hypokrit genannt. Jetzt hatte mit „Hypocrites“ die neue Volxbühnenproduktion im Th...