Donnerstag, 30. Dezember 2021

Familien-Geschichte

 Der Sonntag nach Weihnachten wird als Fest der Heiligen Familie gefeiert. Wir wissen: Auch Jesus von Nazareth erblickte in prekären Familien- und Lebensverhältnissen das Licht der Welt erblickte, um seine Frohe Botschaft von Liebe und Hoffnung zu verkünden. Kurz vor Weihnachten begegnete ich einer Familie, die aus einer alleinerziehenden Mutter und vier Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren besteht. Es war eine Familie, die in materieller Armut lebt, weil die Mutter als Integrationshelferin an einer Mülheimer Grundschule nicht so viel verdient, dass sie den Lebensunterhalt für ihre Kinder und für sich selbst nicht ohne die Unterstützung der öffentlichen Hand bestreiten kann. Die Familie bekam einige der insgesamt 1000 Geschenkpakete, die großzügige und großherzige Menschen aus Mülheim unter den Wunschbau der Caritas und der NRZ gelegt hatten.

Mich beeindruckte, dass ich einer Familie begegnete, die ihre materielle Armut nicht beklagten, sondern sich über die unverhoffte Bescherung freuten. "Wir haben keine Sorgen. Denn wir haben ja eine Familie und Freunde, die uns helfen. Und wir haben etwas zum Anziehen, etwas zu essen und zu trinken und ein Dach über dem Kopf", sagten mir die beiden ältesten Töchter der Familie. Die Mutter zeigte mir mit ihrer Entschlossenheit, daran zu arbeiten, künftig als Grundschullehrerin mehr Geld für ihre Kinder zu verdienen, um ihnen eine gute Lebensperspektive zu verschaffen, dass nicht Männer, sondern Frauen das starke Geschlecht sind. "Kinder sind mir wichtig!" sagte mir die Mutter. Und das fröhliche Erzählen ihrer Kinder zeigte mir, was sie damit meinte. Das Gespräch mit der materiell schwachen, aber seelisch starken und in der christlichen Lighthouse-Gemeinde verankerten Familie, lehrte mich Demut, Bescheidenheit und die Erkenntnis, das Geld für Familien und Kinder kein Almosen sein muss, sondern eine Zukunftsinvestition werden kann, die sich langfristig für uns alle doppelt und dreifach auszahlen kann, die wir uns Gesellschaft nennen.

Mit dem Familiengespräch im Ohr und der Wunschbaumaktion von Caritas und NRZ vor Augen, wurde mir klar, wie wahr ist, was uns ein afrikanisches Sprichwort lehrt: "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen!"

Sonntag, 26. Dezember 2021

Der Geist der Weihnacht

Manchmal habe ich den Eindruck, je weniger Menschen mit der Frohen Botschaft des Jesus von Nazareth etwas anfangen können, desto eher startet die Weihnachtsdekoration in unseren Ortszentren und die geradezu aggressive Weihnachtswerbung auf allen medialen Kanälen, deren Zahl sich täglich erhöht. Auch das Weihnachtsgebäck landet scheinbar immer früher in den Regalen unserer Supermarktregalen. 

So entdecken auch Menschen, die sich das Jahr über mit starken Ellbogen beim Tanz um das Goldene Kalb einen Platz an der Sonne verschaffen, entdecken in der Adventszeit ihr weiches Herz und ihre Menschlichkeit. Handelt es sich hier um Heuchelei und Scheinheiligkeit oder um den Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach den eigenen guten Kern, der uns Mensch sein und bleiben lässt, weil wir im tiefsten Innern wissen, dass wir nur dann wirklich gut leben können, wenn wir auch unseren Mitmenschen ein gutes und würdiges Leben zugestehen und im Rahmen unserer Möglichkeiten verschaffen. Wenn ich jetzt über Weihnachtsgeschenkaktionen der Luisenschule, der Caritas und der Neuen Ruhrzeitung berichten konnte, die unseren Mitmenschen auf der Schattenseite des Lebens zugute kamen, entdeckte ich das immense menschenfreundliche Potenzial, das in uns schlummert und vielleicht äußerer Anlässe, wie dem des Weihnachtsfestes, bedarf, um erweckt und genutzt werden zu können. 

Sicher. Caritative Aktionen zur Weihnachtszeit können immer nur ein Tropf auf den heißen Stein der Not sein. Und doch sind diese guten Taten doch unbestreitbar das Licht am Ende des Tunnels, in den uns der Kulturpessimismus mit seiner immer wiederkehrenden Angst vor dem Untergang der menschlichen Zivilisation und des christlichen Abendlandes schickt. Sie sind ein Funke der Hoffnung, des Prinzips Hoffnung, das für uns alle lebensnotwendig ist, wenn wir sinnvoll leben und an den unbestreitbaren Widrigkeiten und Widdersprüchen des Lebens nicht verzweifeln und seelisch zerbrechen wollen. 

Gutes Leben durch Sinnerfüllung und Mitmenschlichkeit, nicht nur zur Weihnachtszeit, hat Papst Franziskus in seiner jüngsten Weihnachtsbotschaft treffend auf den Punkt, wenn er im Petersdom auch mit Blick auf die eigene Kirche und Kurie feststellte: 

«Weinen wir nicht der Größe nach, die wir nicht haben. Hören wir auf, zu jammern und lange Gesichter zu machen, und lassen wir ab von der Gier, die uns immer unbefriedigt lässt. Es sei wichtig, den Menschen durch Arbeit Würde zu verleihen, erklärte er. Sie seien Herr und nicht Sklave der Arbeit. An dem Tag, an dem wir das Kommen des Lebens feiern, wollen wir erneut sagen: keine weiteren Todesfälle bei der Arbeit. Setzen wir uns dafür ein. Nur wenn wir dienen und unsere Arbeit als Dienst verstehen, können wir wirklich für alle nützlich sein»

Donnerstag, 23. Dezember 2021

In Memoriam

 Traurige Nachrichten aus der städtischen Musikschule. Ihr stellvertretender Leiter Peter Ansorge muss den Tod seines langjährigen Kollegen und Freundes Bruno Szordikowski mitteilen. Der Musikpädagoge, der weit über 40 Jahren das Fach Gitarre an der 1953 gegründeten Musikschule der Stadt lehrte und vertrat, ist im Alter von 77 Jahren einem Krebsleiden erlegen.

Landesweit machte sich Szordikowski ab 1983 einen Namen als Gründer von Brunos Band, die zur Mutter aller inklusiven Bands wurde, in denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam musizieren und konzertieren. 2002 wurde die inklusive Band mit dem Ruhrförderpreis für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. Neben der inklusiven Musik trat Szordikowski auch als Interpret irischer Folkmusik in Erscheinung. Wer seinen Namen im Internet sucht, wird ort auch auf musikalische Video-Mitschnitte finden, die den jetzt Verstorbenen in Aktion zeigen und hören lassen.
Szordikowski machte mit der Musik sein Hobby, das er bereits in den 1960er Jahren als Bandmusiker zusammen mit seiner Frau Monika pflegte, auf dem zweiten Bildungsweg zum Beruf. Nach einer Ausbildung zum Schmied arbeitete er zunächst bei Thyssen, ehe er nach dem Besuch der Abendschule bei Gitarren-Professor Leonhard Beck an Folkwangschule studierte und anschließend an der damals von Leonardo Zucca geleiteten Musikschule seine berufliche Heimat fand. "Er war ein musikalischer Menschenfänger, der seine Schüler nicht nur als Nutzer der Musikschule, sondern als Menschen betrachtete, aus denen er mit seiner unverwechselbaren ruhigen Freundlichkeit und Beharrlichkeit das Beste hervor zauberte", erinnert sich Peter Ansorge. Zusammen mit Ansorge hat Szordikowski seit 1987 Fachliteratur rund um die Gitarre veröffentlicht.

NRZ/WAZ, 23.12.2021

Sonntag, 19. Dezember 2021

Eine Gewissensentscheidung

 

Jetzt startete das Kinderimpfen der Fünf- bis Elfjährigen mit einer Corona-Impfaktion im Berufskolleg an der Kluse. Gesundheitsdezernentin Dr. Daniela Grobe, Ordnungsdezernent Frank Steinfort und der leitende Impfarzt Thomas Franke sprachen einhellig von einem gelungenen Auftakt.

 

Sechs Impfärzte waren im Einsatz, unterstützt von Mitarbeitenden der Berufsfeuerwehr, des Wachdienstes Vollmer und Zeitarbeitskräften. Letztere registrierten alle impfwilligen Kinder, die mit ihren Eltern zum Berufskolleg Stadtmitte gekommen waren, um sich mit Biontech-Fizer gegen das Corona-Virus impfen zu lassen. Allein in den ersten beiden Stunden zwischen 14 und 16 Uhr ließen sich 152 Kinder den Anti-Corona-Piks geben. Unter den kleinen Impfkandidaten waren auch einige Impftouristen, deren Eltern sich über das Kinderimpfangebot in ihrer Nachbarstadt Mülheim freuten. Manche Kinder nahmen die Impfung ganz cool. „Ich habe gar nichts gespürt.“ Andere verdrückten unter schmerzlichem Wehklagen die eine oder andere Träne und mussten nach der Impfung im Ruheraum von ihren Müttern getröstet werden, ehe es nach 15 Minuten Wartezeit wieder nach Hause ging.

 

„Die meisten Kinder haben die Impfung ohne Widerstand angenommen. Man hat gemerkt, dass alle Eltern und Kinder auf die Impfung gut vorbereitet waren. Die Kinder bekommen ein Drittel der Impfdosis, die wir Erwachsenen spritzen. Die ständige Impfkommission empfiehlt die Kinderimpfung gegen das Corona Virus im Falle einer Vorerkrankung des Kindes oder einer Vorerkrankungen der Eltern oder Großeltern. Aber wir überlassen die Entscheidung den Eltern und impfen jedes Kind, dass mit ihnen zu uns kommt“, erklärte Kinderärztin Dr. Özlen Bostanci  aus dem Gesundheitsamt während einer kurzen Impfpause.

 

„Die meisten Eltern und Kinder kommen mit etwas nachdenklichen Minen zum Impfen, aber alle kommen erleichtert und lächelnd wieder heraus“, schilderte Frank Steinfort, der den kommunalen Corona-Krisenstab leitet“, seine Beobachtungen. „Und wie war es?“, fragt er immer wieder die frisch-geimpften Kinder und ihre Eltern, die das Impflokal verlassen.

 

Immer wieder bekommen Grobe und Steinfort etwas zu hören, was leitende Beamte der Stadt eher selten hören. Ehrliches Lob und Dankbarkeit spricht aus spontanen Reaktionen: „Das ist hier toll organisiert. Das lief wie am Schnürchen. Das ist für uns ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.“

 

In den Gesprächen mit Eltern wird deutlich, dass sie sich für ihre Kinder vor allem angesichts der neuen und hochansteckenden Omekon-Corona-Virus-Variante mehr Sicherheit versprechen, als ohne Impfung. „Ich bin selbst gegen alles geimpft und habe auch meine Kinder gegen alles impfen lassen. Warum sollte ich sie jetzt nicht auch gegen das Corona-Virus impfen lassen“, sagt eine Mutter. Viele Erwachsene erhoffen sich durch die Impfung neben mehr Sicherheit auch mehr Freiheit, „nachdem unsere Kinder in der Corona-Pandemie schon auf so vieles verzichten mussten.“

 

Natürlich werden in machen Gesprächen mit Eltern und Großeltern, die mit Kindern oder Enkeln zur Impfung an der Kluse kommen Familienschicksale deutlich, wenn diese von ihren eignen, zum Teil schweren und lebensbedrohlichen Erkrankungen berichten, die nicht nur sie, sondern auch ihren Nachwuchs besonders impfbereit haben werden.

Für Gesundheitsdezernentin Dr. Daniela Grobe ist klar: „Wir leisten mit diesem terminfreuen und niederschwelligen Impfangebot für Kinder einen Beitrag zur Hebung der Impfquote und damit zur Entlastung der Kliniken und zur langfristigen Überwindung der Corona-Pandemie.“


NRZ/WAZ, 18.12.2021

Samstag, 18. Dezember 2021

Heimat-Helden

 Zum Auftakt der letzten Ratssitzung des Jahres wurden am Donnerstagnachmittag (16. Dezember) die vom Land gestifteten Heimatpreise für Mülheim vergeben.

Fritz Heckmann (98) nahm den ersten, mit 6000 Euro dotierten Heimatpreis, stellvertretend für den 1991 gegründeten Geschichtsgesprächskreis Styrum entgegen. Der Geschichtsgesprächskreis hat gerade erst seinen dritten Styrum-Kalender und sein sechstes Buch: "Stryum - Ein starkes Stück Stadt" herausgegeben. Organisatorisch unterstützt von den Feldmann-Frontleuten Max Schürmann und Ulrike Nottebohm, trifft sich der Geschichtsgesprächskreis an jedem zweiten und vierten Freitag des Monats, zwischen 10 und 12 Uhr in der unter der Rufnummer 0208408023 erreichbaren Feldmannstiftung an der Augustastraße 108-114. Generationsbedingt sucht der rührige Kreis, zu dem auch die unvergessenen Styrumer Erich Vallendahl, Hans Fischer, August Weilandt und Heinz Auberg gehört haben, personelle Verstärkung, um seine stadtteilgeschichtliche Arbeit fortsetzen zu können.

Den zweiten, mit 5000 Euro dotierten Heimatpreis, konnte Carmo Romero, stellvertretend für die Eppinghofer Bürgergärtner in Empfang nehmen. Mit Unterbrechungen betreibt der Verein Internationaler Eppinghofer Bewohnergarten seit 2010 einen gemeinschaftlich und naturnah gepflegten und bepflanzten Nachbarschaftsgarten zwischen Uhland- und Vereinsstraße. Neben den handfest aktiven Nachbarn, haben unter anderem die Unterstützung des kommunalen Stadtteilbüros Eppinghofen und der Caritas zum Erfolg des Naturschutz, Integration und Zusammenhalt praktizierenden Nachbarschaftsprojektes geführt.

Den dritten, mit 4000 Euro dotierten, Heimatpreis konnte Schriftführerin Beate Fischer, stellvertretend für den Mülheimer Geschichtsverein in Empfang nehmen, der seit seiner Gründung im Jahr 1906 durch Vorträge, Führungen und Publikationen die lokale Heimatforschung unterstützt und vor bald 60 Jahren wesentlich zur Rettung von Schloss Broich beigetragen hat.

In seiner Laudatio hob Bürgermeister Markus Püll hervor, dass der Geschichtsverein in jüngster Zeit verstärkt an der digitalen Erinnerungskultur arbeitet, um die Geschichte Mülheims auch in einer zeitgemäßen multimedialen Form zu überliefern und so auch ein jüngeres, digital geprägtes Publikum anzusprechen.
Allen Preisträgern bescheinigte Püll mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit wichtige Beiträge für Identitätsbildung, Zusammenhalt und Integration der zunehmend multikulturellen Stadtgesellschaft zu leisten. Püll erinnerte daran, dass es nicht nur die Heimat gebe, mit der man vertraut sei, weil man dort geboren und aufgewachsen sei. Es gebe, so der Bürgermeister, auch "eine Wahlheimat", in der man "durch menschliche Beziehungen, Begegnungen und gemeinsame Arbeit für das Gemeinwesen heimisch werden könne, ohne dort seine Wiege stehen zu haben.

Neben Markus Püll, gehört auch Stadtdechant Michael Janßen, Superintendent Gerald Hillebrand und der Geschäftsführer des Centrums für bürgerschaftliches Engagement, Michael Schüring zur Jury, die die Preisträger des zum 3. Mal verliehenen Mülheimer Heimatpreises ausgewählt haben. 

NRZ/WAZ, 18.12.2021

Donnerstag, 16. Dezember 2021

Zeit zu verschenken?

 Das wertvollste, was wir uns und anderen Menschen, nicht nur zur Weihnachtszeit, schenken können, ist unsere Zeit und Zuwendung.


Das erlebt- und erfährt auch Werbetexterin Christine Stehle aus der Stadtmitte, wenn sie dort ihre 92-jährige Mutter in einer Pflegewohngemeinschaft für demenziell veränderte Menschen besucht.

Leider stellt Stehle, die vor Jahren aus Hamburg in ihre Heimatstadt an der Ruhr zurückgekommen ist, um ihre Mutter daheim zu pflegen, ehe diese jetzt, ihrer Krankheit geschuldet, in eine Pflege-WG umziehen musste.

Gemeinsam gegen Einsamkeit


In Gesprächen und bei Besuchen, die Stehle auch in andere Mülheimer Pflegeeinrichtungen führen, stellt sie immer wieder erschrocken und betroffen fest, dass es gerade unter den demenziell veränderten Senioren, die dort leben müssen, viele Menschen gibt, die niemals Besuch bekommen.

"Das sind nicht nur Menschen ohne Familienangehörige", betont Stehle. Diesen menschlichen Missstand in Zeiten des voranschreitenden demografischen Wandels will die tatkräftige und herzliche Frau mithilfe eines ehrenamtlichen Besuchsdienstes beheben. "Auch wenn demenzkranke Menschen vielleicht später wieder vergessen, dass sie besucht worden sind, erleben sie Besuchskontakte, die auch mit Vorsingen, Vorlesen, Basteln und Erzählen verbunden sein können, doch als Glücksmomente. Und darum geht es mir. Zusammen mit Gleichgesinnten möchte ich für diese zu oft vernachlässigten Menschen, auf deren Schultern wir stehen und von deren Lebensleistung wir heute profitieren, Glücksmomente schaffen", sagt Christine Stehle.

Beim einschlägig erfahrenen Peter Behmenburg vom gleichnamigen Pflegedienst und bei dem in der Müga ansässigen und von Reiner Krafft geführten Familienbildungswerk Eltern werden - Eltern sein e.V. hat Stehle kompetente und organisatorische Unterstützung gefunden.

Weil das 1990 gegründete Familienbildungswerk Eltern werden-Eltern sein als gemeinnütziger Verein organisiert ist, kann Stehle auch Spendenquittungen ausstellen, um damit den Zeitschenkerinnen und Zeitschenkern, die sie auf diesem Weg zahlreich anzusprechen und zu gewinnen hofft, zumindest die Fahrtkosten erstatten kann, die den ehrenamtlichen Besucherinnen und Besuchern im Rahmen ihres Ehrenamtes entstehen könnten.

Und weil der Umgang mit demenziell veränderten Menschen gelernt sein will, werden Stehle und Behmenburg die freiwilligen Zeitschenkerinnen und Zeitschenker vor ihrem ersten Einsatz schulen. Christine Stehle legt Wert darauf, dass sich Menschen aus allen Generationen für dieses menschlich bereichernde Ehrenamt melden können und sollen. Außerdem macht sie klar, "dass jeder Zeitschenker und jede Zeitschenkerin ganz flexibel über den zeitlichen Umfang ihres ehrenamtlichen Besuchsdienstes entscheiden können!"

Wer Christine Stehle als Zeitschenkerin oder als Zeitschenker unterstützen kann und will, erreicht sie unter der Rufnummer: 0173-2417266 oder per E-Mail an: stehle@stehle-text.de

MW, 15.12.2021

Mittwoch, 15. Dezember 2021

Prägende Architekten

 Mitte Dezember erscheint im Aschendorff-Verlag ein Buch, in dem die Historikerin Monika von Alemann-Schwartz Leben und Werk der Architekten Hans Großmann und Arthur Pfeifer beleuchtet, die für Mülheim prägende Bauten, unter anderem das Rathaus, die Stadthalle, den Wasserbahnhof, den Altenhof, die Wasserburg der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft und die Wasserkraftwerke Kahlenberg und Raffelberg geschaffen haben.

Mit ihrem vom Geschichtsverein herausgegeben und 287 Seiten starken Buch: „Die Architekten Pfeifer und Großmann – Bauten und Entwürfe 1905-1949“ stellt uns Monika von Alemann-Schwartz, die auch mit Büchern über die Geschichte des Evangelischen Krankenhauses und der Mülheimer Augenklinik hervorgetreten ist, zwei kreative, umtriebige und gesellschaftlich wie politisch gut vernetzte Architekten, vor.

Der 1879 in Zürich geborene Hans Großmann lernte den gleichaltrigen und aus Karlsruhe stammenden Arthur Pfeifer 1905 über seinen Lehrherrn, den Architekten Hermann Billing kennen. Die beiden Architekten gründeten 1905 in Karlsruhe ihr gemeinsames „Atelier für Baukunst, Gartenbau und Kunstgewerbe“. Das Architektenbüro, das ab 1918 eine Mülheimer Niederlassung erhielt, sollte bis zu Großmanns Tod im Jahr 1949 bestehen.

Während Pfeifer in seiner Heimatstadt Karlsruhe blieb, zog sein Kollege Großmann auch privat 1926 nach Mülheim und gehörte dort ab 1941 dem Stadtrat an. Großmann starb 1949. Pfeifer sollte ihn um 13 Jahre überleben. Anders, als sein Kollege, wurde Pfeifer im Rahmen der Entnazifizierung nicht als „unbelastet“, sondern als „Mitläufer“ des NS-Regimes eingestuft,

Sein Enkel Matthias Pfeifer sollte ab 2008 an den Ruhrbania-Planungen beteiligt werden.

Von Alemann-Schwartz zeigt uns auch die Schattenseiten des Erfolgs. Vor allem mit Blick auf den Rathausbau (1911 bis 1916) und angesichts der hochwertigen Materialien, die auch beim Bau der Stadthalle (1923-1925) verwendet wurden, sahen sich die Architekten und ihre Auftraggeber, Oberbürgermeister Paul Lembke und Baudezernent Arthur Brocke, einer massiven öffentlichen Kritik an der Finanzierung der repräsentativen Bauten ausgesetzt. Hinzu kam, dass Pfeifer und Großmann, wohl aufgrund der Lobbyarbeit, ihres Förderers, des Jury-Mitglied Hermann Billing, den Zuschlag erhielt, obwohl ihr Konzept im Rahmen des Architekten-Wettbewerbs nur den dritten Platz belegt hatte.

Dabei konnten Lembke und Brocke darauf hinweisen, dass der Stadthallenbau als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen diente und zum Teil durch Bürger Spenden und mit Hilfe von selbst gedrucktem Mülheimer Notgeld finanziert worden war. Außerdem waren Pfeifer und Großmann, im Luisental und in der Saarnberg Siedlung auch an wegweisenden Wohnungsbauten für die breite Bevölkerung beteiligt.

In den Biografien der Architekten Pfeifer und Großmann, die 1943 die weitgehende Zerstörung ihrer Baukunst erleben mussten, spiegeln sich die tragischen Wechselfälle deutscher Geschichte. Während ihr langjähriger Auftraggeber Arthur Brocke, als Regimegegner 1933 von den Nazis mit einer Rufmordkampagne in den Selbstmord getrieben wurde, traten Pfeifer und Großmann 1933 in die NSDAP ein und gehörten weiter zum Establishment der deutschen Architekten, die unter anderem von Hitler zu Städtebauwettbewerben eingeladen und von Albert Speer an Wiederaufbauplänen beteiligt wurden.

Monika von Alemann-Schwartz’ Buch über die Architekten Arthur Pfeifer und Hans Großmann wird für 24,80  Euro im Buchhandel erhältlich sein.


NRZ/WAZ, 14.12.2021

Mülheim: Wie zwei bedeutende Baumeister das Stadtbild prägen - nrz.de

Sonntag, 12. Dezember 2021

Würstchen-Wirschaft

Kürzlich fühlte ich mich wie ein armes Würstchen. Das hatte damit zu tun, dass ich bei meinem Lieblings-Bratwurst-Business auf dem Weihnachtstreff ein Würstchen verspeiste. Wurst, Brötchen und Senf schmeckten gut, wie immer. Doch blieb mir der Imbiss im Halse stecken, weil sein Preis von 2,50 auf 3 Euro angestiegen war.  Ich gönne der Dame am Grill  50 Cent mehr. Doch immer öfter  stelle ich nicht nur am Grillstand fest, dass es preislich immer mehr um die Wurst geht. Otto-Normalverbraucher backt immer noch die gleichen kleinen Brötchen und soll die großen Brötchen der anderen bezahlen. Darf es noch ein bisschen mehr sein? Beim Bäcker, beim Metzger, bei der Miete oder im Supermarkt? Nein, danke! 

Doch ich ahne, dass dieser Wunsch des zahlenden Kunden nicht mehr als ein frommer Wunsch bleibt. Die Letzten in der Nahrungskette beißen die Hunde. Sie zahlen drauf. EZB-Chef Mario Draghi will mehr Inflation. Denn wenn die Kunden mehr ausgeben, nimmt die Wirtschaft mehr ein. Doch Mister Euro könnte schnell selbst zum armen Würstchen werden, wenn mehr Ausgaben für den täglichen Bedarf den Menschen weniger Lust auf das Ankurbeln der Wirtschaft machen sollte.

NRZ, 27.11.2015

Samstag, 11. Dezember 2021

Mehr als nur ein Lächeln für Ghana

Kofi Akoto hat eine starke Stimme. Wenn er Gospels singt, bleibt kein Zuhörer unberührt. Der 35-Jährige könnte als Sänger Karriere machen. Aber er arbeitet, und das gerne, seit sechs Jahren als Altenpfleger im Altenheim Haus Ruhrgarten. Dennoch will der Mann mit der starken Stimme seine Kunst in den Dienst einer guten Sache stellen. Zusammen mit Kollegen aus dem Ruhrgarten hat er jetzt den Verein „Ein Lächeln für Ghana“ ins Leben gerufen. Am kommenden Samstag will er zusammen mit den Ablaze Gospel Singers und den Markus Gospel Singers ein Benefizkonzert geben. Der Erlös soll in die Finanzierung eines Hilfstransportes einfließen.

Per Schiffscontainer will Akoto Hilfsgüter, wie zum Beispiel Kleidung, Schulmaterial, haltbare Lebensmittel oder auch Spielsachen in seinen Heimatort Kumasi bringen. Der liegt im Westen Ghanas. „Dort gibt es sehr viele alleinerziehende Mütter, die trotz Arbeit kaum in der Lage sind, das Schulgeld und andere Dinge des täglichen Bedarfs zu bezahlen“, berichtet Akoto. Ihnen will er helfen, hat bereits erste Sachspenden auf eigene Kosten und mit finanzieller Unterstützung von Kollegen und anderen Spendern nach Ghana bringen können.

„In Ghana kennt man keinen Sozialstaat und keine Sozialverbände, wie in Deutschland. Wenn eine alleinerziehende Mutter ihre Kinder zum Beispiel als Putzfrau, als Wasser- oder als Imbissverkäuferin durchbringt, kann sie höchstens 100- bis 150 Euro pro Monat verdienen. Aber allein der Schulbesuch pro Kind und Monat kosten 50 Euro“, beschreibt der zweifache Familienvater die Situation in seinem Heimatland.

Der studierte Marketingfachmann und ausgebildete Altenpfleger verließ Ghana vor zehn Jahren und folgte einer in Deutschland lebenden und arbeitenden Landsfrau.

„Ich habe zuerst als Marketingfachmann gearbeitet, aber irgendwann war mir das zu oberflächlich und ich habe mir einen Beruf gesucht, in dem man wirklich Gutes tun und Menschen helfen kann“, erklärt Akoto seinen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Wechsel vom Marketing in die Pflege. Auch wenn er in seiner Ausbildung viele Sprachhürden überwinden musste, hat er diesen Wechsel nie bereut.

In seiner alten Heimat sieht er vor allem ein Problem: „Viele Frauen leben unverheiratet mit Männern zusammen und wenn sie dann Kinder bekommen und der Mann sie wieder verlässt, haben die Frauen keinen Anspruch auf Unterhalt. Denn diesen Anspruch haben in Ghana nur verheiratete Mütter.“ Hinzu komme, so Akoto, dass die Lebenshaltungskosten in den letzten Jahren stark angestiegen seien. Was ihm in der Seele weh tut, ist die Tatsache, dass auch begabte Kinder oft nicht die Schule besuchen können, wenn ihren alleinerziehenden Müttern das Schulgeld fehlt.

Sein Verein „Ein Lächeln für Ghana“ will hier mit Bildungspatenschaften und Sachspenden aus der Not der sozialen Perspektivlosigkeit heraushelfen.


Wer Kofi Akto helfen möchte, erreicht ihn unterden Rufnummern 0208/74 05 099 oder unter 0152/1515 0910.

Dieser Text erschien am 20. oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sankt Nikolaus und seine Stellvertreter

Gestern hörte ich zwei Nachbarskinder darüber diskutieren, dass der Nikolaus in ihrer Grundschule gar kein Nikolaus, sondern ein ihnen bekannter Lehrer sei. Früher fieberte ich dem Nikolaustag entgegen und ließ mein kindliches Sündenregister („Die Schwester an den Haaren gezogen und das Kinderzimmer trotz mehrfacher Ermahnung der Mutter nicht aufgeräumt“ Revue passieren.  In meiner Erinnerung bin ich ein erschreckend braves Kind gewesen. Wahrscheinlich konnte ich dem Nikolaustag deshalb auch immer getrost und mit froher Erwartung entgegen sehen. 

Es muss mein fünfter oder sechster Nikolaustag gewesen sein, als ich das schönste Nikolausgeschenk meines Lebens, ein altes Telefon mit Drehscheibe auf meinem Teller präsentiert bekam. Das schmeckte mir besser als jedes Marzipanbrot. Doch an diesem Nikolaustag begriff ich auch, dass die Geschenke wohl nicht vom Nikolaus, sondern von meiner Mutter kamen. Denn das alte Telefon, das für die nächsten Jahre mein liebstes Spielzeug werden sollte, erkannte ich als unser altes Telefon, das inzwischen durch ein neues mit Tasten ersetzt worden war. Doch das schmälerte meine Freude kein bisschen.

NRZ, 07.12.2017

Zentral, erreichbar, bezahlbar

Wie wird es sich 2025 in Mülheim wohnen? Sozialdezernent Ulrich Ernst (59) wagt einen Blick in die Zukunft. Er beschreibt seine Idee vom Zusammenleben der Generationen im Mülheim von morgen.

Wie wollen Sie selbst wohnen, wenn Sie alt sind?
Ich bin schon alt. Und ich möchte so wohnen, wie ich jetzt wohne: zentral und mit Blick auf meine Nahversorgung fußläufig. Allerdings wohne ich derzeit in der 2. Etage eines Hauses ohne Aufzug. Vielleicht muss ich da noch einmal umziehen.

2025 werden bereits 27 Prozent der Mülheimer 65 und älter sein. Was bedeutet das für die Wohnkultur in unserer Stadt?
Wir brauchen Wohnquartiere, die sich durch Erreichbarkeit und Zugänglichkeit auszeichnen, wenn es um den Besuch des Hausarztes, des Friseurs, um den Einkauf oder um eine Physiotherapie geht. Auch Bring- und Holdienste werden keine Frage der Bequemlichkeit, sondern der Notwendigkeit sein.

Wie bereitet sich die Stadt auf diese Herausforderung vor?
In dem wir schon heute Netzwerke der  Generationen  initiieren, in denen wir alle relevanten Akteure eines Stadtteils zusammenbringen, damit sie eigene Initiativen entwickeln und Bedarfe formulieren. Solch eine Entwicklung kann man nicht von oben herab für die  gesamte Stadt verordnen. So etwas muss sich von unten aus den Stadtteilen heraus aufbauen.

Wie können die mehr werdenden Alten und die weniger werdenden Jungen auch 2030 friedlich zusammenwohnen?
Wir brauchen Orte, an denen sich Menschen begegnen können und wir brauchen bezahlbaren Wohnraum. Dort, wo alte und junge Menschen sich begegnen, können persönliche Bindungen entstehen, die zum Beispiel dazu führen kann, dass die alte Frau dem kleinen Kind von nebenan vorlesen und der junge Familienvater den einen oder anderen Einkauf für die alte und alleinstehende Nachbarin erledigen könnte.

Welche Wohnformen wird es im Mülheim von Morgen geben?
Wir werden weiterhin eine sehr differenzierte Wohnlandschaft haben. Weil auch eine ältere Stadtgesellschaft aus unterschiedlichen Menschen mit individuellen Bedürfnissen bestehen wird. Da werden wir Mehrgenerationen-Häuser und Alten-WGs ebenso haben wie die kleinen Apartments, in denen alleinstehende Senioren leben, die ganz bewusst allein wohnen und ihre Ruhe haben wollen. Angesichts langfristig sinkender Renten wird es auch mehr arme Rentner geben. Die soziale Spaltung der Stadt wird sich fortsetzen und sie wird nur durch das Beibehalten der jetzt erreichten Achtsamkeit für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Wohn- und Stadtquartiere abgefedert werden können. Mülheim wird eine Stadt mit weniger Menschen und mehr kleinen Haushalten werden.


NRZ, 03.06.2016

Freitag, 10. Dezember 2021

Die Musical-Macher

In der Zeit vor Weihnachten denkt man vielleicht an ein Krippenspiel oder an die Aufführung eines Oratoriums, aber nicht unbedingt an ein Musical.
Doch in der Pfarrgemeinde St. Barbara stecken derzeit rund 100 Gemeindemitglieder jede freie Minute in die Proben für das Musical „Virgin.“ Erzählt wird die Geschichte der Mutter Gottes von Guadalupe. Sie erschien 1531 dem Indio Juan Diego und wurde so zur Schutzheiligen Mexikos, die jährlich 21 Millionen Pilger nach Mexiko City zieht. Mit Hilfe eines Musicals den christlichen Glauben und seine Frohe Botschaft im besten Sinne populär und verständlich zu machen, ist für die Barbarianer kein Neuland.


Doch in der Pfarrgemeinde St. Barbara stecken derzeit rund 100 Gemeindemitglieder jede freie Minute in die Proben für das Musical „Virgin.“ Erzählt wird die Geschichte der Mutter Gottes von Guadalupe. Sie erschien 1531 dem Indio Juan Diego und wurde so zur Schutzheiligen Mexikos, die jährlich 21 Millionen Pilger nach Mexiko City zieht. Mit Hilfe eines Musicals den christlichen Glauben und seine Frohe Botschaft im besten Sinne populär und verständlich zu machen, ist für die Barbarianer kein Neuland.
Ab 1998 setzten Gemeindemitglieder die Lebensgeschichte des katholischen Widerstandskämpfers Nikolaus Groß, der 2001 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wurde, mit einem Musical ins Szene. Das Musical wurde nicht nur in der Barbarakirche am Schildberg, sondern landesweit bei unterschiedlichen Veranstaltungen aufgeführt. Die Ausdauer und Intensität, mit der Gemeindemitglieder über Jahre und über Generationsgrenzen hinweg die Geschichte und Botschaft von Nikolaus Groß in die Herzen ihrer Zuschauer trugen, brachte den ehrenamtlichen Schauspielern, Technikern, Kostümschneidern, Sängern und Musikern Anerkennung und Respekt ein.


Auch wenn sich in der Pfarrgemeinde des Mülheimer Nordens angeblich eine „Gewerkschaft der Nikolaus-Groß-Geschädigten“ gebildet haben soll, ließen sich die Musical-Enthusiasten aus St. Barbara vom ehemaligen Adveniat-Vorsitzenden Franz Grave vor einem Jahr erneut zu einem Musical anstiften, das jetzt ein Kapitel aus der Christialisierung Mexikos und Amerikas erzählt.
Dass die dortigen Indios im Namen der christlichen Maijestät des spanischen Kaisers Karl V. nicht nur missioniert, sondern auch massakriert wurden, spart die anspruchsvolle Musicalaufführung, die am 12. Dezember in der Barbarakirche am Schildberg ihre Premiere erleben wird, nicht aus. Wie bei Nikolaus Groß haben auch diesmal Pfarrer Manfred von Schwartzenberg (als Autor) und Kirchenmusiker Burkhard Maria Kölsch (als Komponist) den ersten Schritt zum zweiten Musical aus St. Barbara gemacht. „Obwohl alle Mitwirkenden auf und hinter der Bühne beruflich und familiär in der Zeit gefangen sind, stecken sie viel Zeit, Energie und Herzblut in dieses Projekt. Das ist eine außergewöhnliche Leistung, die unsere Gemeinde belebt“, sagt Manfred von Schwartzenberg.


Auch wenn Licht und Ton, Gesang und Musik, Darstellung, Sprache und Gestik noch nicht perfekt über die Bühne kommen, zeigt sich Regisseur Edgar Kirchhoff bei den Proben in der Barbarakirche zuversichtlich. „Auch wenn da noch Luft nach oben ist, ist da doch auch schon jetzt viel schönes dran“, unterstreicht er.
Die beiden Hauptdarsteller sind sich einig, dass ihre Rollen nicht mit den Charakteren aus dem Nikolaus-Groß-Musical zu vergleichen sind. „Nikolaus Groß war mir näher, auch wenn ich jetzt als Juan Diego wieder so etwas wie ein Gänsehautgefühl habe“, sagt der 59-jährige Diplom-Kaufmann Jürgen Wrobbel. Seine Frau Ellen hat ihm die Tilma, das Gewand mit dem Marienbild genäht. „Als gläubige Christin weiß ich, dass es Wunder gibt. Für mich ist die Rolle der Mutter Gottes eine Ehre und eine Verpflichtung, aber auch eine schwierige Herausforderung. Denn wir haben es hier mit einer Persönlichkeit zu tun, die eine überirdische Dimension hat“, erklärt die 18-jährige Dolmetscher-Studentin Michelle Pascual. Obwohl Pascual, die Maria mit großer Anmut spielt, aus der Gemeinde kommt, reist sie jetzt eigens aus ihrem Studienort Germersheim zu den Proben am Schildberg an.


100 Leute zu den Proben oder zumindest zu Teilproben mit Teilen des Ensembles zusammen zu bekommen, erfordert eine aufwendige Termin-Koordination und Organisationsarbeit, die im Hintergrund von Elke Timmer geleistet wird. „Wir können uns nicht mit einem professionellen Ensemble vergleichen, aber wir wollen die Menschen mit unserem Musical berühren und ihnen zeigen, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als wir Menschen begreifen können“, sagt Regisseur Edgar Kirchhoff, der gleichzeitig den spanischen Gouverneur verkörpert, der den Indios das Leben schwer macht.
Wer das zweistündige Musical
über die Geschichte des Indios Juan

 Diego und der Mutter Gottes verfolgt, staunt vor allem darüber, dass die mexikanischen Indios die christliche Botschaft erkannten und annahmen, obwohl sie mit den Vertretern der christlichen Kolonial- und Weltmacht Spanien die denkbar schlechtesten Erfahrungen gemacht hatten. Zur Botschaft des Musicals „Virgin“ passt es denn auch, dass der Erlös aus den 25 Euro kostenden Eintrittskarten in ein Hilfsprojekt für Straßenkinder in Mexiko City fließen wird.


NRZ/WAZ, 13/11/2017



Dienstag, 7. Dezember 2021

Die Kultur-Regler

 "Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit!" Diese Einsicht Karl Valentins können die 30 Regler bestätigen, die zum harten Kern des Freilichtbühnenteams gehören. Seit 2014 betreiben die 1936 eröffnete Freilichtbühne im Auftrag der Stadt. 

Auch wenn die Corona-Pandemie die abgelaufene Spielzeit 2021 überschattet hat, können die Regler auf 58 erfolgreiche Veranstaltungen zurückschauen. Deren Spektrum reichte von Theater- und Opernaufführungen über Literaturlesungen und Chorkonszerte bis hin zum Kino und Live-Unterhaltung in Ton, Klang und Wort.

"Die ehrenamtliche Arbeit, die wir hier leisten, um die Freilichtbühne für die Bevölkerung als Kulturort zu erhalten, ist unbezahlbar", sagt der Vorsitzende der Regler, Hans-Uwe Koch. Doch er macht auch deutlich, dass das Kulturveranstaltungsprogramm an der Dimbeck nur deshalb über die Bühne gehen kann, weil zur ehrenamtlichen Arbeit der Regler auch Spenden und Sponsoren kommen. Denn allein an fixen Kosten fallen für den Freilichtbühnenbetrieb monatlich 2600 Euro an.

Ohne Moos nichts los!

In der abgelaufenen Saison gehörten die Westenergie und die Sparkasse Mülheim ebenso zu den Sponsoren, die die Arbeit möglich machten, wie der Mülheimer Unternehmer Horst Bilo, der Mülheimer Lionsclub, der Verein Naturgarten, die Veranstaltungstechniker von Tonmedia und Höhnerbach, aber auch große Finanziers, wie die Bundeskulturstiftung zu den kulturbeflissenen Geldgebern der Regler.

Die Regler freuen sich darüber, dass Sie mit Hilfe der Kulturstiftung Ruhr auch im kommenden Jahr Opernaufführungen an der Dimbeck zeigen können. Aber auch das Open-Air-Kino und die Kooperationen mit Mülheimer Chören und dem Mülheimer Backsteintheater aus dem Evangelischen Krankenhaus sollen fortgeführt werden. Der Mann fürs Open-Air-Kino, Peter Mäurer, arbeitet schon an einem Veranstaltungs- und Finanzierungskonzept für ein Kinofestival in der Freilichtbühne, die in diesem Jahr neben musikalisch begleiteten Stummfilmen auch das neueste Werk des Mülheimer Filmemachers, Alexander Waldhelm, "Kein schöner Land" haben über die Leinwand flimmern lassen.  Cineast Mäurer weiß: "Open-Air-Kino ist immer technisch aufwendig." Für Reglerin Helga Stolz, dass es der Produktion in der abgelaufenen Spielzeit gelungen ist, mit einem facettenreichen Programm einen generationsübergreifendes Publikum anzusprechen.

Regler Peter-Michael Schüttler hat nachgerechnet und festgestellt, dass die Kulturmalocher der Reglerproduktion 2021 pro Monat fast 1350 ehrenamtliche Arbeitsstunden für die Freilichtbühne und deren nicht nur aus Mülheim kommenden Fans gearbeitet haben. Kräftig mit angepackt haben zum Beispiel die jungen Techniker, Louis Wippich, Sarah Urka und Leon Schirdewan-Debing, aber auch die für das Hygiene-Konzept der Regler verantwortliche Susanne Beckers und die an der Spitze des Regler-Gastro-Teams stehende Gisela Tolksdorf. Handfeste Teamarbeit war natürlich auch bei der von Arndt Blecking geleiteten Grünpflege auf der Naturbühne vonnöten.

Mit den eigenen Kräften gut haushalten

In der kommenden Spielzeit wollen sich die Regler auf 40 Veranstaltungen beschränken, um mit ihren Kräften zu haushalten. Außerdem hoffen sie, dass sich die Corona-Pandemie soweit entschärft, dass die Besucher-Begrenzung auf maximal 500 Gäste wieder fallen kann und es sich aufgrund eines größeren Besucherandrangs auch wieder lohnen wird, den Biergarten und die Gastronomie der auch als Naherholungsgebiet gefragten Freilichtbühne wieder an einen externen Gastronomen zu verpachten.

Mal nachschauen!

Dach ihres technisch versierten, tatkräftigen und kreativen Nachwuchses können die Regler ihre Kulturarbeit jetzt auch videotechnisch auf ihrer Internetseite: www.reglerproduktion.de dokumentieren. "Wer in der Winterpause Entzugserscheinungen bekommt, kann dort ja mal hereinschauen", betont Peter-Michael Schüttler.

Mülheimer Woche, 06.12.2021

Samstag, 4. Dezember 2021

Die MEG macht's!

 Schlager, die weiße Winterlandschaften besingen sind Legende. Die Arbeit, die der Winter mit Schnee und Eis den 30 Mitarbeitern der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft macht, ist eine eiskalte Tatsache.

Es ist ein- oder zwei Uhr in der Nacht. Draußen ist es dunkel und kalt. Doch Sie stehen auf und beginnen eine Stunde später mit Ihrer Arbeit. Sie fahren mit einem Streu- oder Räumfahrzeug drei Stunden über zum Teil spiegelglatte Straßen, damit ihre ausgeschlafenen Nachbarn spätestens ab sechs Uhr zur Arbeit, zum Einkaufen oder in den Urlaub fahren können. 

"Niemals!", sagen Sie!? "Immer wieder!", sagen die Mitarbeiter des MEG-Winterdienstes, wenn sie im Schnee- und Eisfall mit ihren 16 Streu- und Räumfahrzeugen bis zu drei Stunden lang die insgesamt 685 Mülheimer Straßenkilometer für ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger freimachen, die nach ihnen kommen.

Wenn es besonders heftig schneit und vereist, wie etwa in den Wintern 1978, 1985 und 2010, kann der für den Tourenplan zuständige Logistikleiter der MEG, Dirk Eurskens, auf bis zu 51 weitere Kollegen zurückgreifen, die dann an die glatte Schnee- und Eisfront müssen.

"Wir halten in unseren Lägern bis 2500 Tonnen Streusalz und 420 Kubikmeter Sole bereit. Im letzten Winter haben wir 900 Tonnen Salz streuen müssen", erklärt Eurskens.

Gemeinsam durch den Winter

"Aus ökologischen Gründen wollen wir möglichst wenig Salz streuen, weil das Streusalz auch das Straßengrün angreift. Obwohl das Frauenhofer-Institut dazu forscht, haben wir als kommunales Entsorgungsunternehmen noch  keine umweltfreundliche Alternative zum Streusalz. Angesichts der Umweltschädlichkeit dürfen private Haus- und Grundstückseigentümer im Winter auch nur dann Salz streuen, wenn sie auf Ihrem Grundstück Treppen oder Rampen entglätten. Auf Bürgersteigen darf man nur das umweltverträgliche Ton- oder Sandgranulat streuen, das es im Baumarkt zu kaufen gibt", erklärt MEG-Geschäftsführer Timo Juchem.

Sein Geschäftsführungskollege, Günther Helmich, weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Hauseigentümer dazu verpflichtet sind, den Bürgersteig vor ihrem Haus im Schnee- und Eisfall werktags zwischen 7 und 20 Uhr und am Wochenende zwischen 9 und 12 Uhr begehbar zu halten.

Nach seiner Erfahrung klappt die Winterdienst-Kooperation zwischen den Mülheimer und der MEG relativ gut. Winterbedingte Hals- und Beinbrüche, sagt Helmich, seien auf Mülheims Bürgersteigen eher selten. Und er nutzt die Gelegenheit, um an die Vernunft und Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger zu appellieren, indem er betont: "Man sollte im Winter natürlich auch mit jahreszeitgemäßem Schuhwerk und entsprechender Bereifung unterwegs sein. Sonst kommt man im Fall der Fälle mit einer Schadensersatzklage nicht weit."

Moderne Technik

Mit Schippe, Eimer und Kehrblech käme der Winterdienst der MEG natürlich nicht weit. Wenn dessen Mitarbeiter zwischen dem 1. November und dem 31. März damit rechnen müssen, nach einer entsprechenden Wetterprognose, kurzfristig auf die kalten Straßen der Stadt geschickt zu werden, stehen ihnen Fahrzeuge zur Verfügung, die mit Sole- und Salzcontainern, aber auch mit einem Bordcomputer und einer Unterbodensonder ausgestattet sind. "Diese computergesteuerte Sonde misst die Temperatur auf dem jeweiligen Straßenabschnitt und dann reguliert der Kollege Computer, den Einsatz des Streusalzes", erklärt Logistikleiter Dirk Eurskens.

Klimawandel zeigt sich

Last, but not least machen die beiden MEG-Geschäftsführer Juchem und Helmich deutlich, dass der Klimawandel auch den Winterdienst und darüber hinaus alle Jahreszeiten beeinflusst. Weil sich die globalen Temperaturunterschiede im Rahmen der Klimaerwärmung immer weiter anglichen und sich Luftströmung und Golfstrom verlangsamten, müssten wir immer öfter mit lange anhaltenden Wetterlagen rechnen.


Mülheimer Woche, 03.12.2021

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Donnerstag, 2. Dezember 2021

Ein Dorf bremst

 Die für die Linksruhr-Stadtteile Saarn, Selbeck, Mintard und Speldorf zuständige Bezirksbürgermeisterin kam am 30. November ungewollt hoch hinaus. Obwohl es um 14 Uhr in Strömen regnete, ließ sich die christdemokratische Kommunalpolitikerin mithilfe eines Hubwagens in die Höhe schrauben, um die direkt an der Kirchplatzmauer von St. Laurentius an der Ecke Dorfstraße/August-Thyssen-Straße montierte Ausschilderung der neuen Tempo-30-Zone im Mintarder Ortskern gut sichtbar für die Autofahrer zu enthüllen.

"Seit fünf Jahren haben Bürger aus Mintard immer wieder den Wunsch nach einer Tempo-30-Zone im Ortskern an die Mitglieder der Bezirksvertretung herangetragen, da die August-Thyssen-Straße von vielen Kindern, Jugendlichen, Radfahrern und Fußgängern gequert wird. Jetzt war es höchste Zeit, diesen Wunsch endlich zu erfüllen. Nun muss man natürlich erst Mal genau beobachten, wie sich das Ganze anlässt und ob die Tempo-30-Zone vom regen Durchgangsverkehr auch beachtet wird", sagte Oesterwind nach ihrem feuchten Ortstermin im Gespräch mit der Mülheimer Woche.

Bürgerwunsch erfüllt

Neben Vertretern der Verwaltung waren auch Vertreter des Sportvereins DJK Blau Weiß Mintard und Vertreter des Bürgervereins Wir in Mintard  beim offiziellen Tempo-30-Start im südlichsten Zipfel Mülheims anwesend.

Es passt gut, dass gerade erst die Geschwindigkeitsmessgeräte der Linkruhr-Bezirksvertretung 3 wieder instandgesetzt werden konnten. In erster Linie ist bei der Verkehrsüberwachung natürlich die Polizei gefordert. Auch die anderen beiden Mülheimer Bezirksvertretungen haben eigene Geschwindigkeitsmessgeräte, die die Polizei in ihrem Auftrag einsetzen kann, um Rennstrecken zu identifizieren.

Auf Bus und PKW angewiesen

Oesterwind räumte ein, dass die knapp 1000 Bewohner Mintards, trotz der Buslinie 134 auf die Nutzung ihrer PKWs angewiesen seien. Der 134er fährt im Stundentakt und hält in Mintard am Wasserbahnhof, an der Kirche und am Biestenkamp. Die Teilstrecke Saarn-Mintard wird nach Angaben der Ruhrbahn pro Werktagswoche von 150 Fahrgästen genutzt. Die Zeiten, in denen Mintard noch einen Bahnhof hatte und mit dem Zug erreichbar war, sind seit Mitte der 1960er Jahre Geschichte. Die Busverbindung zwischen der Stadtmitte und dem 1975 eingemeindeten Mintard (auf der Linie 133) wurde vor fünf Jahren gekappt Die nächst größere Einkaufsmöglichkeit für die knapp 1000 Mintarder befindet sich in einem Supermarkt an der Kölner Straße. Eine Tante Emma gibt es nicht. Kinder und Jugendliche müssen mit dem Bus oder mit dem Elterntaxi zur Schule nach Kettwig oder Saarn gebracht werden.

Die Einrichtung der Tempo-30-Zone in Mintard geht auf einen Arbeitsauftrag zurück, den CDU und Grüne im Juni 2021 an die Verwaltung vergeben haben.  Als Ergebnis ist jetzt die Tempo-30-Zone in Mintard eingerichtet worden. Bei sieben weiteren Straßenabschnitten sieht das federführende Amt für Verkehrswesen ebenfalls die Möglichkeit, sie aus dem Vorbehaltsnetz herauszunehmen, ohne dass die damit verbundene Geschwindigkeitsreduzierung von 50 auf 30 Stundenkilometern den von der Stadt zu gewährleistenden Verkehrsfluss übermäßig zu beeinträchtigen.

Kein Unfallschwerpunkt

Bei ihren Geschwindigkeitsmessungen und Unfallstatistiken an der August-Thyssen-Straße hat die Polizei bisher keine Auffälligkeiten feststellen können. Allerdings bestätigt sie, die besondere Sicherheitsrelevanz der Tempo-30-Zone im Mintarder Ortskern und verweist in diesem Zusammenhang auf den dortigen Querungs-Abschnitt des Ruhrtalradweges, sowie einen nahegelegenen Sportplatz und einen nahegelegenen Kindergarten. 
 

Weitere Tempo-30-Zonen?

Zurzeit stehen aber noch fünf weitere Straßen, die Bruchstraße in Eppinghofen, die Felackerstraße in Heimaterde, die Kaiser-Wilhelm-Straße in Styrum auf der Tempo-30-Wunschliste von Schwarz-Grün, die am 2. Dezember im Mobilitätsausschuss beraten werden.


Mülheimer Woche, 30.11.2021

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Dienstag, 30. November 2021

Corona fährt mit

Seit heute, 24. November, ist es amtlich. Mit Bus und Bahn fahren kann man jetzt nur noch, wenn man geimpft, getestet oder genesen ist. Doch wie klappt es mit der Einhaltung und der Kontrolle von 3G. Die Redaktion machte die Probe aufs Exempel und fuhr zwischen 11:30 Uhr und 16:30 Uhr mit Bussen und Bahnen quer durch die Stadt.

Unterwegs war sie mit den Straßenbahnlinien 102, 104 und 112 zwischen Hauptfriedhof Und Nordstraße beziehungsweise Hauptfriedhof und Styrum sowie zwischen Uhlenhorst und Oberdümpten. Außerdem bestiegen wir die Buslinien 131 und 752 zwischen Hauptbahnhof und Selbeck. Abgerundet wurde unsere Ruhrbahn-Tour durch Fahrten mit den Buslinien 124 und 122 zwischen Speldorf, Hauptbahnhof und Dümpten.


Resümee: Nur einmal, um 13:15 Uhr, wurden wir in der Buslinie 752 von zwei freundlichen Ticketkontrolleuren der Ruhrbahn kontrolliert. Die Frau und der Mann von der Ruhrbahn traten höflich und zurückhaltend auf, so dass man ihre regelmäßige Schulung in psychologischer Gesprächsführung spüren konnte. Die Kontrolleurin schlechte zwischendurch noch einen Streit zwischen zwei Schülerinnen, „Seid mal etwas freundlicher Zueinander!“, ehe sie sich von den streitbaren jungen Damen ihre Schülerfahrkarte und ihren Schülerausweis zeigen ließ. Außerdem erkundigte sie sich bei den beiden danach, ob sie auch in der Schule getestet worden seien, was beide bejahten.


Die älteren Fahrgäste jenseits des schulpflichtigen Alters zeigen alle viel Verständnis und ihre Personalausweise, Fahrkarten und 3G-Nachweise vor. 


Nach Auskunft der Ruhrbahn, waren in der Frühschicht zwei Prüferteams im Einsatz, die insgesamt 3000 Fahrgäste kontrollierten und dabei 73 Fahrgäste ohne 3G-Nachweis des Busses oder der Straßenbahn verweisen mussten.

Auch unter den Fahrgästen spielte das Thema Coronatests, Coronaimpfungen und 3G-Regeln nicht nur im öffentlichen Personennahverkehr eine große Rolle. Von Bußgeldern von bis zu 1000 Euro für die Fahgäste, die ohne 3G-Zertifikat mit Bus oder Bahn fahren, war dort zum Teil die Rede. Doch auf Anfrage erklärte Ruhrbahn-Sprecherin Sylvia Neumann. „Wir registrieren die Verstöße gegen die 3G- Regeln im öffentlichen Personennahverkehr und geben die Zahlen an die Stadt weiter. Bei einem Verstoß belassen es aber vorerst bei der Ermahnung und dem Verweis der regelwidrig handelnden Fahrgäste, die ohne 3G-Nachweis den Bus oder die Bahn sofort verlassen müssen.


Pro Schicht setzt die Ruhrbahn fünf Prüferteams ein. Sie bestehen in der Regel aus jeweils aus zwei bis drei Personen.


Aus den Rückmeldungen der am ersten 3G-Tag im ÖPNV eingesetzten Prüferteams konnte Ruhrbahn-Sprecherin Neumann kurz nach 16:00 Uhr im Gespräch mit dieser Zeitung feststellen:“ Alle kontrollierten Fahrgäste haben verständnisvoll reagiert. Es gab keine verbalen oder handgreiflichen Tätlichkeiten, mit denen sich die Kontrolleure hätten auseinandersetzen müssen.“


Außerdem, so Neumann,  hätten die Kontrolleure schon im Vorfeld der sehr kurzfristigen Einführung der 3G-Regel für Fahrgäste im öffentlichen Personennahverkehr gelassen auf die zusätzliche Überprüfungsaufgabe reagiert. In der Praxis zeigte es sich tatsächlich, dass es kein großer zeitlicher Mehraufwand war, neben den Fahrkarten auch Personalausweise und 3G-Zertifikat der Passagiere zu kontrollieren.


Was während der Schülerverkehre am frühen Nachmittag auffiel, war die Tatsache, dass sich einige Schüler an die auch per Lautsprecher immer wiederholten Durchsagen zur Maskenpflicht an Bord nicht oder nur unzureichend daranhielten. Da wurden die Nasen- und  Mundschutzmasken auch schon mal unter der Nase und am Kinn getragen, um ungestört mit dem Sitznachbarn zu lamentieren und zu schwadronieren. Das kann gerade in den überfüllten Bus- und Bahnlinien zu den klassischen Stoßzeiten tatsächlich gefährlich werden und sollte vielleicht noch einmal zum Unterrichtsthema gemacht werden.


Tatsächlich ist es einem als Fahrgast schon nicht ganz wohl zumute, wenn man in Coronazeiten dicht an dicht beieinanderstehen und sitzen muss. Dabei zeigten sich die Fahrgäste geteilt, was Ihre Maskenpräferenz Betraf. Etwa je zur Hälfte trugen sie eine leichte OP Maske oder eine besser schützende, aber auch atemundruchlässige  FFP-2-Maske. Die einzigen, jetzt noch von Amts wegen in Bussen und Bahnen ohne Masken weiterfahren dürfen, sind die Bus und Bahnfahrer, die durch ihre Fahrerkabine oder zumindest durch eine Plexiglasscheibe in besonderer Weise geschützt sind. Tatsächlich kann einem schon mal kurzatmig werden, wenn man über Stunden mit einer FFP-2-Maske in Bus oder Bahn durch die Stadt fährt. Und man ist dankbar für jede Haltestelle, an der man aussteigen und verschnaufen kann. Wie am Vortag, wurden auch am 24. November regelmäßig an den Haltestellen die neuen 3G-Regeln im Öffentlichen Personennahverkehr durchgesagt. 

 

INFO: Die 2017 gegründete Ruhrbahn befördert jährlich 142 Millionen Fahrgäste pro Jahr. Nach Angaben des Verkehrsunternehmens, dessen örtliche Vorläufer bereits seit 1897 in Essen und Mülheim unterwegs sind, ist die Zahl in der aktuellen Corona-Welle im Vergleich zum normalen Vor-Corona-Fahrgast-Aufkommen um etwa zehn Prozent gesunken. Weitere Informationen zum Thema Ruhrbahn und 3G-RRegeln im Öffentlichen Personennahverkehr bietet die Internetseite der Ruhrbahn: www.ruhrbahn.de


NRZ/WAZ, 26.11.2021

Sonntag, 28. November 2021

Verkehrsregeln fürs Leben

Als ich jetzt für diese Zeitung eine Reportage-Reise mit den Mülheimer Bussen und Bahnen machte, um mitzuerleben, wie Damen und Herrn der Ruhrbahn die Fahrgäste nicht nur nach ihren Fahrkarten, sondern auch nach ihren Impfzertifikat fragten, kam mir der Gedanke, dass es schade ist, dass es seit gut 50 Jahren  unserem öffentlichen Personennahverkehr keine Schaffnerinnen und Schaffner mehr verkehren. Jene dienstbaren Mitfahrer, die nicht die Straße, sondern die Fahrgäste im Blick hatten, konnten diese nicht nur vor dem Sündenfall des Schwarzfahrens bewahren, sondern sie auch jenseits des Beförderungstarifs in der Spur halten konnten. Ich glaube: Bei der Ruhrbahn gibt es Leute, die meine Wehmut teilen. Denn in der Warteschleife der Ruhrbahn-Telefonzentrale kann man ein Lied hören, in dem eine „liebe kleine Schaffnerin“ und ihr Fahrgast miteinander turteln. Wer weiß, wie viele Männer und Frauen, als Schaffner(in) oder Fahrgast, im gemeinsamen öffentlichen Nahverkehr auf einen gemeinsamen Lebensweg gekommen sind. Kein Wunder: Denn im zwischenmenschlichen Verkehr der Geschlechter und auf der gesamten Lebensreise kommt es  auf dieselben Tugenden an: Vorsicht, vor den Trittbrett- und Geisterfahrern, nicht aus dem Takt kommen und sein Ziel im Auge behalten, damit am Ende den Anschluss hält und an sein Ziel kommt, statt in eine Sackgasse oder auf einen Holzweg zu landen.


NRZ, 26.11.2021

Samstag, 27. November 2021

Corona stoppt den Karneval

 Das Corona-Virus ist leider stärker als der Bazillus Carnevalensis. Aufgrund der extrem angestiegenen Infektionszahlen haben die Vorstandsmitglieder des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval in einer Krisensitzung am 22. November die für den 24. November geplante Ritterkür des Ex-Prinzen, Ex-HA-Präsidenten und langjährigen Leiters des Rosenmontagszuges, Ulrich Pütz und auch die Verleihung der Spitzen Feder an Dr, Heinrich-Wilhelm Esser (Doc Esser) im Rahmen des am 27. November geplanten Prinzenballs abgesagt.


"Die Enttäuschung ist bei allen Karnevalisten groß und bei den Tollitäten, die wir am 11.11. im Saarner Autohaus Wolf proklamieren konnten, ist sie besonders groß. Aber das Infektionsrisiko ist angesichts der aktuellen Corona-Welle für uns nicht mehr beherrschbar. Deshalb wäre eine Durchführung der beliebten Veranstaltungen in der Stadthalle, auf die wir lange hingearbeitet haben, nicht verantwortbar gewesen", erklärt HA-Präsident und Ex-Prinz Markus Uferkamp im Gespräch mit der Mülheimer Woche.

Finanziell und moralisch schwierig


Obwohl die Mülheimer Stadtmarketing- und Tourismus-Gesellschaft MST als Stadthallenvermieterin auf rechtlich mögliche Regressansprüche wegen der entgangenen Mieteinnahmen verzichtet hat, sieht sich Mülheims Chefkarnevalist bereits ersten Regressansprüchen ausgesetzt. Da die Karnevalisten aufgrund des Veranstaltungsausfalls auch einen erheblichen Einnahmenausfall haben, können sie die mit Unterhaltungskünstlern vertraglich vereinbarten Gagen für deren Prinzenball-Auftritt nicht bezahlen. "Hier müssen wir sehen, wie wir weiterkommen. Aber ich befürchte, dass wir nicht alle Kosten, die wir unter ganz anderen Bedingungen vertraglich vereinbart hatten, aus den Beinen bekommen. Denn wir haben den Prinzenball aus unserer eigenen Verantwortung heraus und nicht aufgrund einer rechtlich vorliegenden Verordnung abgesagt", erklärt Uferkamp. Die Rechtslage könnte sich aber noch einmal zugunsten der Karnevalisten drehen, wenn das Land kurzfristig einen Lockdown für Ungeimpfte verhängen sollte.

Und wie geht es mit dem Karneval weiter? "Das weiß ich im Moment auch nicht, obwohl wir vorerst alle Veranstaltungen weiter vorbereiten, die ab Januar 2022 stattfinden sollen", betont der HA-Präsident. Feststeht, dass die jetzt ausgefallenen Veranstaltungen Ritterkür und Prinzenball, inklusive Verleihung der Spitzen Feder an Doc Esser im November 2022 über die Bühne gehen sollen. Ob aber die am 9. Januar 2022 im Dümptener Autohaus Extra geplante Proklamation der Kindertollitäten stattfinden kann, ist angesichts der aktuellen Pandemie-Lage mehr als ungewiss. "Wir entscheiden zeitnah und lagebezogen", betont Markus Uferkamp.

Wie gefährlich die aktuelle Infektionssituation ist, hat Uferkamp die Nachricht vor Augen geführt, dass es auch unter den mölmschen Karnevalisten inzwischen Corona-Infizierte gibt, die sich mit zwei Impfungen eigentlich auf der sicheren Seite gesehen hatten.

MW, 23.11.2021

Freitag, 26. November 2021

Heiliges Blech

 In einer Zeit, in der sich alles in unserem Land schnell verändert, gibt es doch eine Konstante. Das Auto ist und bleibt des Deutschen liebstes Kind, auch und gerade, wenn er aus Mülheim kommt. Das sieht man in unserer Stadt. So mancher lässt vielleicht Frau und Kinder im Regen stehen, aber nicht sein geliebtes Auto. Da müssen zur Not auch schon mal ein oder zwei Garagen her. Und wenn die Garagen nicht mehr ausreichen, weil auch Kind und Kegel nicht mehr ohne Auto leben können und ein dritter Wagen angeschafft worden ist, dann wird der motorisierte Vierräderer auf den Bürgersteig geparkt. Es wäre ja auch zu schlimm, wenn dem geliebten Vehikel, dass unvorsichtiger Weise am Fahrbahnrand abgestellt würde, ein Blechschaden zustoßen könnte, weil die Straßen ja heutzutage so voll und die Autos kaum noch durch die beidseitig beparkten und viel zu engen Straßen. Da müssen Fußgänger schon mal solidarisch auf die Fahrbahn ausweichen und ein Opfer bringen, indem sie sich in potenzielle und punktuelle Lebensgefahr bringen. Etwa Solidarität wird man ja wohl noch einfordern können, als steuer- und Spritpreise- zahlender Autofahrer, um den einen oder anderen teuren Kratzer am Heiligen Blech abzuwenden. Wir lamentieren über Mord und Totschlag in aller Welt, über Klimawandel, über Staus und den schlechten Zustand unserer Straßen oder über das teure Zuschussgeschäft leerer Busse und Bahnen. Aber die jährlich zig Verkehrstoten nehmen wir als Naturgesetz der motorisierten Mobilität hin. 

Und wenn wir erst mal einsteigen, den Schlüssel umdrehen und aufs Gaspedal treten, sind wir scheinbar aller Sorgen ledig, wenn wir die freie Fahrt des freien Bürgers genießen und nach dem Prinzip leben: Ich fahre, also bin ich. Nach mir die Sintflut. 


NRZ, 22.11.2021

Schein und Sein

 Heuchler wurden im antiken Griechenland und im alten Rom Hypokrit genannt. Jetzt hatte mit „Hypocrites“ die neue Volxbühnenproduktion im Th...