Samstag, 27. März 2021

Ein Meister aus Mülheim

 Am 22. März wäre er 101 Jahre alt geworden. Doch kurz vor seinem Geburtstag ist der Mülheimer Oboist und Dirigent Helmut Winschermann in Bonn gestorben. Die Frankfurter Allgemeine nennt ihn in ihrem Nachruf den "Prägenden Oboisten Deutschlands".

Winschermann wurde für seine musikalische Arbeit unter anderem mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Er selbst hat 1990 in einem Interview über seinen musikalischen Stil gesagt: „Man hat mich in den 50er Jahren als Sänger auf der Oboe apostrophiert. Ich bin damals ein sehr mutiger Bläser gewesen und habe auf der Oboe ein Espressivo versucht, was es bis dahin eigentlich noch nicht gegeben hatte. Mit den Anforderungen im modernen Orchester hat sich allerdings nun auch das Klangideal wieder verändert. Man spielt heute mit einem runderen, dunkleren und volleren Oboenton.“

Schwerer Anfang

Winschermanns Wiege stand in Styrum. Sein musikalisches Erweckungserlebnis hatte der Sohn eines Polizeibeamten im Chor der Evangelischen Altstadtgemeinde. Dort entdeckte er auch die Geige. Pastor Ernst Barnstein, der wie Winschermann Vater zur regimekritischen Bekennenden Kirche gehörte, wusste schon damals: "Mensch, Junge! Du musst was mit Musik machen." Auch der Mülheimer Musiklehrer Hermann Meissner, der später unter der Leitung von Orlando Zucca an der Jugendmusikschule unterrichten sollte, förderte Winschermanns Begabung. Doch sein Vater wollte, dass der Sohn eine kaufmännische Berufsausbildung absolvieren sollte, denn das Musikstudium kostete damals 50 Mark pro Monat. . Aber der Sohn wollte Geiger werden und bewarb sich, ohne das Wissen seiner Eltern, an der Essener Folkwangschule. Dort erkannte man sein musikalisches Talent, ließ ihn aber wissen: "Geiger haben wir hier schon genug. Aber in unserer Oboenklassen haben wir noch einen Platz frei." So studierte Winschermann ab 1936 Oboe statt Geige. Johann Baptist Schlee wurde sein Lehrer und Winschermann sein Meisterschüler. 

Musiker in Zeiten des Krieges

Noch vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges sammelte Helmut Winschermann in Essen, Witten und Oberhausen erste Erfahrungen als Orchestermusiker. Mit dem Krieg begann seine Zeit als Soldat und Militärmusiker der Wehrmacht, die ihn nach Frankreich führte. Eine Verwundung und ein anschließender Lazarett-Aufenthalt wurden für den Musiker aus Styrum, zum Glück im Unglück. Ab 1943 konnte er als Oboist im Kurchorchester Bad Homburg und in einem Militärmusikkorps in Minden sein Instrument spielen. Ein Fronteinsatz blieb ihm erspart und er überlebte Krieg und Diktatur. 

Prägender Oboist

1945 holte ihn der neue Hessische Rundfunk ins sein Orchester, dem er bis 1951 angehören sollte 1948 berief ihn Kurt Thomas als Oboen-Lehrer an die Kunstmusikhochschule in Detmold, wo er 1956 eine Oboen-Professur übernahm. Dort studierte die heute als Oboistin in der Duisburger Philharmonie spielende Mülheimerin Imke Alers in seinen letzten drei Hochschuljahren (bis 1985) bei Helmut Winschermann: "Er war ein sehr fordernder, aber auch verständnisvoller Lehrer,  der sich nicht nur für das musikalische Können, sondern auch für das Leben seiner Studenten interessierte", erinnert sich Alers.

Lehrer mit Herz und Anspruch

Sein Hochschullehramt war ihm so wichtig, dass er ein Angebot Wilhelm Furtwänglers ablehnte, als Oboist zu den Berliner Philharmonikern zu wechseln. Stattdessen gründete und dirigierte Winschermann ab 1960 mit den Deutschen Bach-Solisten ein eigenes Kammerorchester, mit dem er weltweit beachtete Konzerte  gab und Bach-Kompositionen für etwa 100 Schallplatten und und CDs einspielte. Schon 1954 hatte der Oboen-Professor aus Mülheim in Detmold das  Collegium Pro Arte (später Collegium Instrumentale) in Leben gerufen. Außerdem gastierte er immer wieder in verschiedenen Orchestern, wie den Kammerorchestern des Saarlandes und der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart sowie in der 1954 vom Westdeutschen Cappella Coloniensis.

Während einer seiner zahlreichen Konzertreisen durch Japan lernte er dann auch seine zweite Frau Midori kennen. die als Pianistin seine Leidenschaft für die Musik teilte.


aus der Mülheimer Woche vom 26.03.2021

Sonntag, 21. März 2021

Denk ich an August Thyssen

 Vor 150 Jahren gründete August Thyssen (1842-1926) in Styrum sein erstes Stahlwerk. Welche Bedeutung hat das, nicht nur für Mülheim? Das erklärt der Wirtschaftshistoriker und Thyssen-Kenner Professor Dr. Horst A. Wessel, der bis zu seiner Pensionierung das Mülheimer Mannesmann-Archiv geleitet hat. Zusammen mit der Mülheimer Historikerin Dr. Barbara Kaufhold hat er die wissenschaftlichen Vorarbeiten für das Gründer- und Unternehmermuseum im Haus der Wirtschaft geleistet. Außerdem trat er zwischen 2010 und 2017 als Herausgeber der Buchreihe "Pioniere der Mülheimer Wirtschaft" hervor.

Warum gründete der aus Eschweiler stammende August Thyssen sein erstes Stahlwerk in Styrum?
Wessel: Er war seit 1867 Teilhaber des Duisburger Eisenwerkes Thyssen Fossoul und Co, wollte aber als Unternehmer selbstständig werden. Deshalb hat er seine Duisburger Unternehmensanteile mit fünffachem Gewinn verkauft und sich in Styrum umgeschaut. Hier gab es damals noch mehr freie Grundstücke und Arbeitskräfte als in Duisburg. Ursprünglich wollte Thyssen das Grundstück des Styrumer Marktplatzes für sein Werk kaufen, wurde mit dessen Eigentümer aber nicht handelseinig und schaute sich deshalb nach einem anderen Grundstück um. Schließlich wurde er mit der Familie Becker handelseinig, die unmittelbar an der Styrumer Bahnstrecke auf dem alten Heckhof eine Gerberei betrieb. Dort hat Thyssen dann sein erstes Stahl- und Walzwerk errichtet, in dem er ab 1878 auch Röhren produzieren ließ. Thyssen verstand es als in der Stahl- und Kohle-Industrie aktiver Unternehmer sein eigener Nachfrager zu werden und seine eignen Produkte immer wieder selbst weiterzuverarbeiten. Das machte ihn wirtschaftlich unabhängig.

Woher hatte Thyssen das Geld für seine Werksgründung?
Wessel: Das Geld kam aus einem väterlichen Kredit, Thyssens Vater Friedrich (1804-1877) war Bankier. Aber er selbst konnte durch den Verkaufserlös seiner Duisburger Unternehmensanteile auch eigenes Kapital einbringen. Insgesamt ging er mit einem Startkapital von 80.000 Talern ans Werk. Das entspricht nach heutiger Kaufkraft etwas mehr als 500.000 Euro. Später konnte Thyssen auch auf Kredite des Erzbistums Köln und einiger Klöster zurückgreifen.

Wie hat Thyssens Werk die Stadt verändert?
Wessel: Sein Styrumer  Werk wurde zum Kern seines Konzerns, auch wenn seine Zechen in Duisburg lagen. Thyssen hat in Mülheim nicht nur eine moderne Gas,- sondern auch eine moderne Wasserversorgung ermöglicht. Als Thyssen 1871 nach Styrum kam war es ein zersiedelter Ort mit acht großen Höfen. Sein Werk hat für eine enorme Zuwanderung nach Styrum gesorgt. Viele der zugewanderten Arbeitskräfte waren, wie Thyssen selbst, katholisch. Sie sorgten dafür, dass es in Styrum, anders, als in den anderen Stadtteilen Mülheims eine katholische Bevölkerungsmehrheit gab. Styrum, dessen Bevölkerung sich innerhalb von 50 Jahren verzehnfachte, war zwischen 1878 und 1903 eine eigenständige Landbürgermeisterei. Thyssen hat in Styrum den Bau der Marienkirche wesentlich mitfinanziert. Er war Mitglied im Styrumer Gemeinderat und im Mülheimer Stadtrat. Das Franziskushaus und das alte Stadtbad an der Ruhr gingen auf seine Stiftung zurück. Deshalb wurde er 1912 auch Ehrenbürger Mülheims. Man darf aber nicht vergessen, dass sein jüngerer Bruder Josef (1844-1915) als Teilhaber ein Viertel des Firmenkapitals hielt und das Unternehmen nach dem Tod des Vaters 1877 zusammen mit seinem Bruder August leitete. Obwohl die Thyssens katholisch waren, unterstützten sie auch die diakonische Arbeit der evangelischen Kirchengemeinden.

August Thyssen war ein erfolgreicher Unternehmer. War er auch ein glücklicher Mensch?
Wessel: Als Mensch ist August Thyssen nicht glücklich geworden. Seine 1872 geschlossene Ehe mit der Mülheimer Fabrikantentochter Hedwig Pelzer-Troost (1854-1940) wurde geschieden, nachdem sie sich bei regelmäßigen Kuraufenthalten im Taunus mit dem hessischen Freiherrn Georg von Rotsmann (1836-1891) eingelassen hatte. Auch an seinen Kindern hatte August Thyssen nicht viel Freude. Es kam später auch zu gerichtlichen Erbstreitigkeiten. Man muss sehen, dass August Thyssen ein sehr vielbeschäftigter und umtriebiger Unternehmer war, der wenig Zeit für seine Familie hatte.

Warum hat August Thyssen seinen Konzern, der damals 65.000 Mitarbeiter beschäftigte, in seinem letzten Lebensjahr 1926 in die Vereinigten Stahlwerke eingebracht?
Wessel: Eigentlich wollte August Thyssen seinen ältesten Sohn Fritz (1873-1951) zu seinem Nachfolger machen. Er hat ihn auch entsprechend streng erzogen, musste dann aber einsehen, dass dessen Möglichkeiten nicht ausreichten, den Konzern eigenständig weiterzuführen und damit im internationalen Wettbewerb der großen Trusts zu bestehen. Dabei hat sich Fritz Thyssen im Bergbau verständig gezeigt und dort neue Techniken eingeführt. Hinzu kam, dass August Thyssen und sein Sohn Fritz in Folge der November-Revolution 1918 vom Mülheimer Arbeiter- und Soldatenrat verhaftet und erst nach einer Intervention des damaligen Oberbürgermeisters Paul Lembke wieder freigelassen worden waren. Damals sah er, wie schwach man als einzelner Unternehmer in politisch und wirtschaftlich wirren Zeiten war. Deshalb befürwortete er, nach dem Vorbild der IG Farben in der Chemischen Industrie die Bildung der Vereinigten Stahlwerke.

aus der Mülheimer Woche vom 20.03.2021

Freitag, 19. März 2021

Beuys, ganz plakativ

 Joseph Beuys, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag hätte feiern können, wird jetzt bis zum 2. Mai mit einer plakativen Ausstellung im Kunstmuseum Temporär an der Schloßstraße 28-30 gewürdigt. "Das Plakat als Kunstobjekt hat eine lange Tradition, die bis zu Henri Marie Raymond de Toulouse-Lautrec zurückreicht", sagt die Leiterin des städtischen Kunstmuseums, Dr. Beate Reese. 


Die jetzt im Temporär zu sehende Ausstellung Joseph Beuys - In Bewegung, Plakate, Aufrufe und Manifeste zeigt uns den politisch wirksamen Künstler, der unsere Gesellschaft als soziale Plastik verstand und bis zur Aufgabe seiner Düsseldorfer Kunst-Professur dafür eintrat, dass jeder Mensch, der sich dazu berufen fühlte, Kunst studieren und Künstler werden dürfe. Er selbst hatte in den späten 1940er und in den frühen 1950er Jahren, so wie der spätere Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass, an der Düsseldorfer Kunstakademie unter anderem bei dem Mülheimer Kunst-Professor Otto Pankok studiert.

Jetzt schließt sich der Kreis, in dem der Förderkreis des städtischen Kunstmuseums eine Sammlung von mehr als 100 Beuys-Plakaten für das Museum erworben hat.

"Ich bin darüber sehr glücklich, weil zur Aufgabe unseres Museums auch die Sammlung neuer Kunst gehört, die uns langfristig auch unabhängiger von teuren Leihgaben macht und uns zugleich als Leihgeber interessant macht",

sagt Beate Reese. Denn wer als Museum interessante Leihgaben anbieten kann, kann im Tausch auch interessante Leihgaben anderer Museen bekommen, ohne dafür tief in die Tasche zu greifen. Die klassisch-moderne Sammlung Ziegler ist nur ein Mülheimer Beispiel für diesen Mechanismus.
 

Eine lohnende Investition

Der Vorsitzende des zurzeit 180 Mitglieder zählenden Förderkreises, Dr. Carsten Küpper, lässt keinen Zweifel daran, dass es für den Förderkreis eine finanzielle und inhaltliche Kraftanstrengung war, die plakative Beuys-Sammlung nach Mülheim zu holen. Die Sammlung befand sich zuvor im Besitz des Kunst- und Medizin-Historikers Professor Axel Hinrich Murken, der mit Beuys befreundet war. Die Grundlage dafür haben die Mitgliedsbeiträge des Förderkreises und die Einnahmen des Museumsshops geschaffen.

"Für den Ankauf einer solchen hochkarätigen Sammlung muss man sich als Standort qualifizieren und auch unsere finanziellen Möglichkeiten sind beschränkt. Aber wir haben jetzt die Sammlung eines Künstlers erworben, der hoch verehrt und hoch umstritten war, von dem wir aber heute wissen, dass er uns als Gesellschaft nachhaltig geprägt hat",

sagt der Vorsitzende des Förderkreises. Der Jahresbeitrag (mindestens 45 Euro) für die Mitgliedschaft im Förderkreis des städtischen Kunstmuseums, das momentan nur über einen knapp fünfstelligen Ankaufetat verfügt, lohnt sich aus Küppers Sicht,

"weil man sich hier für ein Stück Lebensqualität in seiner Stadt engagieren kann und den Kunstbetrieb und seine Akteure aus einer sehr persönlichen Perspektive kennenlernen kann."

Die Kunst als politisches Vehikel

Beate Reese weist mit Blick auf die jetzt ausgestellten Plakate, darauf hin,

"dass Beuys, wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation, es verstanden hat, das Medium Plakat als künstlerisches Vehikel zu nutzen, um seine künstlerischen und gesellschaftspolitischen Ideen auch in kunstferne Gesellschaftsgruppen hineinzutragen."

Beuys, der die öffentliche Diskussion liebte und zu nutzen verstand, hätte es sicher gefallen, dass seine jetzt an der Schloßstraße gezeigten Arbeiten im Rahmen der Ausstellung auch bei Tischgesprächen diskutiert und erläutert werden sollen. Und genauso hätte sich der 1921 geborene und 1986 verstorbene Künstler über ein Wiedersehen mit einem Kurzfilm gefreut, der 1981 in Mülheim entstand. Eine Zusammenarbeit mit Werner Nekes und Doro O. ließ ein wertvolles Filmdokument entstehen, in dem Beuys elf Minuten lang über seine Kunst Auskunft gibt. Dabei kommt der Ausstellungstitel: "Joseph Beuys - In Bewegung" nicht von ungefähr. Denn wir begegnen in der Temporär-Ausstellung, die etwa ein Drittel der jetzt erworbenen Beuys-Plakate zeigt, einem politischen Künstler, der schon früh für direkte Demokratie, konsequente Friedenspolitik, Umweltschutz, kreative Breitenbildung und die Überwindung eines umwelt- und menschenfeindlichen Materialismus eintrat und deshalb in seinen späten Jahren für die damals neu entstehenden Grünen aktiv wurde.


Dienstag, 9. März 2021

Denk ich an Friedrich Ebert

 Eine der zentralsten Straßen der Stadt trägt seinen Namen: Friedrich Ebert wurde vor 150 Jahren geboren. Was hat uns der erste Sozialdemokrat an der deutschen Staats- und Regierungsspitze heute zu sagen? Die Mülheimer Woche befragte dazu denUnterbezirksvorsitzenden der aktuell 1300 Mitglieder zählenden Mülheimer SPD, Rodion Bakum.

Eine der zentralsten Straßen der Stadt ist nach dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (1871-1925 benannt. Warum macht das aus Ihrer Sicht auch heute noch Sinn?
Rodion Bakum: Weil uns nicht nur dieser Straßenname dazu anregt, uns mit unserer Geschichte und Kultur auseinanderzusetzen. Das gilt auch für umstrittene Straßennamen, wie den der Fritz-Thyssen Straße oder für die Frage, ob wir neben einer Konrad-Adenauer-Brücke und einem Theodor-Heuss-Platz vielleicht auch eine Helmut-Kohl-Brücke oder eine Clara-Zetkin-Straße haben sollten. Wenn man weiß, dass die Friedrich-Ebert-Straße früher Hindenburg-Straße hieß und heute an die zwischenzeitliche Adolf-Hitler-Straße, die seit 1945 wieder nach dem liberalen deutschen Kaiser Friedrich III. benannt ist, dann ist das schon eine Auseinandersetzung mit unserer Geschichte. Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, die ehemalige Hauptschule an der Bruchstraße nach Max Kölges zu benennen, wenn ich nicht über die Max-Kölges-Straße dazu motiviert worden wäre, mich mit der Biografie des in der genossenschaftlichen Daseinsvorsorge aktiven Handwerksmeister, Stadtrates und Bürgermeisters auseinanderzusetzen. Und so ähnlich ist das mit Friedrich Ebert auch.

Wie würden Sie Friedrich Ebert in der Geschichte einordnen?
Rodion Bakum: Er wat für Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und für die Sozialdemokratie des Kaiserreiches und der Weimarer Republik eine ganz zentrale Figur. Als ehemaliger Volksschüler und Sattlergeselle, der später in den Gewerkschaften, in der SPD und dann erst in der Kommunalpolitik aktiv wurde, war Ebert ein pragmatischer Reformpolitiker, der seine Wurzeln nie verleugnet hat und stolz auf sie war. Aus seiner eigenen Biografie wusste er sehr genau um die zentrale politische Bedeutung der Bildung als Voraussetzung für sozialen Aufstieg und politische Teilhabe. Deshalb macht es auch Sinn, dass die SPD ihre Stiftung nach Friedrich Ebert benannt hatte. Als sozialdemokratischer Reformpolitiker wollte Ebert keine Revolution, sondern die Monarchie beibehalten, weil er wusste, dass man gesellschaftliche Strukturen nicht von heute auf morgen ändern kann. Als er aber erkennen musste, dass er die Revolution nicht aufhalten konnte, setzte er sich an ihre Spitze, um sie mitgestalten kann. Ebert steht für die Wurzeln der Sozialdemokratie und für Errungenschaften wie den Achtstundentag, die Tarifautonomie, das Frauenwahlrecht und die grundsätzliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Nicht von ungefähr, war es die Sozialdemokratin Marie Juchacz, die die als erste Abgeordnete 1919 vor der Nationalversammlung der Weimarer Republik sprach. Darauf kann man als Sozialdemokrat stolz sein. Natürlich steht der von vielen hoch verehrte Friedrich Ebert auch für das sozialdemokratische Schisma. die Abspaltung der USPD und der KPD. Und er steht auch dafür in der Kritik, mithilfe alter Monarchisten die Rote Ruhrarmee und den Spartakusaufstand bekämpft und damit auch zur Ermordung der ehemaligen Sozialdemokraten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht mitverantwortlich zu sein. Friedrich Ebert war eine Lichtgestalt mit einigen Schatten. Er wurde von der extremen Linken als Arbeiterverräter und von der extremen Rechten als Vaterlandsverräter verleumdet, weil er politisch in der Mitte stand und bereit war, mit anderen demokratischen Parteien zusammenzuarbeiten.

Was würde Friedrich Ebert heute seinen sozialdemokratischen Genossen sagen, die ja aktuell auch in einer schwierigen Situation sind?
Rodion Bakum: Friedrich Eberts Feststellung: "Demokratie braucht Demokraten!" ist heute so aktuell wie zu seiner Zeit. Und sicher würde er uns vor dem Hintergrund seiner eignen Lebenserfahrung mit auf den Weg geben: "Vergesst eure Wurzeln nicht und macht Politik für die Menschen und nicht für die Partei. Genau das hat später auch Willy Brandt gesagt. Und sicher hätte er auch den für mich als Mediziner und Kommunalpolitiker prägenden Satz des österreichischen Sozialdemokraten, Arztes und Psychotherapeuten Alfred Adler unter- und uns ins Parteibuch geschrieben: "Unsere Aufgabe ist es, Gutes zu tun und Schaden abzuwenden, ob in der Medizin für die Patienten oder in der Politik für die Menschen."


aus der Mülheimer Woche vom 7. 3. 2021

Montag, 8. März 2021

Baustelle Integration

 Den internationalen Frauentag (8. März) nehmen Medlina Al Ashouri, Gilberte Raymonde Driesen und Hasan Tuncer zum Anlass, auf die lokalen Baustellen hinzuweisen, die bearbeitet werden müssen, um den grundgesetzlichen Anspruch auf Rechtsgleichheit aller Bürgerinnen und Bürger auch in unserer Stadt soziale Wirklichkeit werden zu lassen.

"In Sachen Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit sind wir als Integrationsrat ein Vorbild für Mülheim. Bei der letzten Wahl sind 8 Frauen und 8 Männer in den Integrationsrat gewählt worden. Und Medlina Al-Ashouri und ich bilden zusammen mit Hassan Tuncer ein gut funktionierendes Vorstandsteam", sagt Gilberte Raymonde-Driesen. Zurzeit sind 51,3 Prozent der Mülheimer Mülheimerinnen, aber nur 34,5 Prozent der 55 Stadträte Stadträtinnen.

Ein Spiegelbild unserer Gesellschaft

"Das ist auch gut so. Denn wir wollen als Integrationsrat die Gesellschaft abbilden, in der es mehr Frauen als Männer gibt", unterstreicht der Vorsitzende des Integrationsrates, Hasan Tuncer. Und der ehemalige Stadtrat vom Bündnis für Bildung macht klar, dass er die gesamte Arbeit des Integrationsrates nicht als eine One-Man-Show, sondern als eine Gemeinschaftsarbeit ansieht, an deren Ende "alle Menschen in unserer Stadt besser und zufriedener miteinander leben können."

Er selbst sieht vor allem im Bereich der Bildung Nachholbedarf. "Wir brauchen wieder mehr Präsenzunterricht und mehr Unterstützung für die Kinder aus sozialbenachteiligten Familien, wenn wir diese Kinder nicht durch den Corona-bedingten Distanzunterricht abhängen und verlieren wollen", betont der Vorsitzende des Integrationsrates, dem auch acht Stadträte als kooptierte Mitglieder angehören. Gilberte Raymonde Driesen weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass viele Zuwandererfamilien kinderreich seien, aber nur kleine Wohnungen hätten. "Da ist der soziale und psychische Druck besonders groß. Hier bräuchten die betroffenen Kinder und Jugendlichen einfach mal betreute Freizeitangebote in Jugendzentren, um abschalten zu können und die schlimmsten sozialen und psychischen Folgen des Corona-Lockdowns zumindest abzumildern.", sagt Driesen.

Der Rassismus ist unter uns

Ihre Vorstandskollegin Medlina Al-Ashouri sieht auch beim Thema Rassismus Handlungsbedarf. "Diesem Problem begegnen wir subtil oder ganz offen sowohl in Schulen, bei der Polizei oder bei der Wohnungssuche. Hakenkreuze an Wohnhäusern von Zuwanderern seien hier nur die offensichtlichste Form eines oft bewusst oder auch unbewusst ausgeübten Rassismus. Dieser Rassismus müsse auch mit Hilfe des Integrationsrates aufgearbeitet werden. Er dürfe nicht weiter klein geredet werden", analysiert Al-Ashouri die Lage.

Hier weist Gilberte Raymonde-Driesen auf die von der Schwarz-Grünen Ratsmehrheit angestrebte Einrichtung einer kommunalen Antirassismus-Beratungsstelle hin. "Darauf sind wir wirklich gespannt und wir stehen als Ansprechpartner nicht nur bei diesem Thema bereit und erwarten, dass man unsere Kompetenzen berücksichtigt. Wir wollen nicht, dass man für uns oder über uns spricht. Auch das wäre eine Form von Rassismus. Wir erwarten, dass man mit uns spricht und mit uns zusammenarbeitet", unterstreicht Driesen.

Besser miteinander vernetzen

Gleichzeitig fordert der Vorsitzende des Integrationsrates, der rund 27.500 nicht-deutsche Mülheimer aus 140 Nationen vertritt, die Migrantenorganisationen auf, sich besser miteinander zu vernetzen und sich mehr als bisher miteinander auszutauschen, aber auch Weiterbildungsangebote zu nutzen. Der Integrationsrat geht mit einem kommunalpolitischen Online-Workshop für seine Mitglieder mit gutem Beispiel voran. Hassan Tuncer macht klar, "dass alle sozialbenachteiligten Mülheimer, unabhängig von ihrer Herkunft, von unserem gemeinsamen sozial- und bildungspolitischen Bemühungen profitieren sollen." Die Begegnung und das Gespräch von Mülheimern mit und ohne deutschen Pass, wie sie der Integrationsrat mit der MST und dem Ringlokschuppen bei der Interkulturellen Woche in der Müga organisieren will, ist für Tuncer das erste Mittel der Wahl, "um Menschen Ängste, Nöte und Vorurteile zu nehmen." Sozialpolitisch viel gewonnen wäre aus Sicht seiner Stellvertreterin Raymonde-Driesen schon dann, wenn bei der Offenen Ganztagsschuie von einer Bevorzugung von Kindern berufstätiger Mütter absehen würde, weil man damit automatisch viele Kinder aus Zuwandererfamilien vom dem für sie sozial und pädagogisch besonders wichtigen OGS- Angebot ausschließen würde. Mindestens ebenso wichtig ist in ihren Augen eine steigender Anteil von Mülheimern mit Migrationshintergrund in Rat, Verwaltung und in den Schulen, um positive und motivierende Integrationsvorbilder zu schaffen..

Grundsätzlich laden Medlina Al-Ashouri, Gilberte Raymonde Driesen und Hasan Tuncer alle Schulen und alle anderen öffentlichen Einrichtungen und Organisationen zur Zusammenarbeit ein und bieten ihre Beratung an, wenn es zum Beispiel darum geht, wie man Zuwanderer besser fördern und Alltagsrassismus verhindern kann. Darüber hinaus bieten die Vorstandsmitglieder des Integrationsrates allen ratsuchenden Zuwanderern ihre Beratung und Hilfe an.

Der Draht zum Integrationsrat

Wer mit dem Integrationsrat und seinem Vorstand Kontakt aufnehmen möchte, kann dies über seine von Martina Weiß-Peleikis betreute Geschäftsstelle im Rathaus-Raum C106 tun. Die Geschäftsstelle ist per E-Mail über die Internetseite der Stadt: www.muelheim-ruhr.de oder montags bis freitags (8-12.30 Uhr) sowie donnerstags von 14 bis 16 Uhr unter der Rufnummer: 0208-4553022 zu erreichen.


aus der Mülheimer Woche vom 08.03.2021

Donnerstag, 4. März 2021

Alles, was recht ist

 Wenn ein Nachbarschaftsstreit vor Gericht landet, kann das für alle Beteiligten nicht nur unangenehm, sondern auch teuer werden. Doch zum Glück gibt es Menschen wie Anja Lüthe.

Hünxe. Die 50-jährige bekleidet neben ihrem Beruf als freiberufliche Projektleiterin seit fünf Jahren das Ehrenamt als Schiedsfrau. Gerade erst ist sie vom Gemeinderat für weitere fünf Jahre in Ihrem Amt bestätigt worden. Wer in Drevenack oder Krudenburg wohnt und zum Beispiel Streit mit seinem Nachbarn hat, ist bei der Schiedsfrau an der richtigen Adresse, um diesen schnell, unkompliziert und rechtsverbindlich beizulegen. Im Gespräch mit dem Lokalkompass und dem Niederrhein Anzeiger berichtet Anja Lüthe, was es mit ihrem Ehrenamt im Dienste der Rechtspflege auf sich hat.

Wie kamen Sie zu Ihrem Ehrenamt?
Anja Lüthe: Mein Jugend-Wunsch war es, Jura zu studieren. Aber durch einen persönlichen Schicksalsschlag, den frühen Tod meiner Mutter, ist alles anders geworden. Durch die Tätigkeit als Schiedsfrau bin ich dann meinem Jugend-Wunsch wieder ein Stück näher gekommen. Zudem hat mein Großvater mir bereits in jungen Jahren einen großen Gerechtigkeitssinn mit auf den Lebensweg gegeben und mir beigebracht, dass man jeden Streit friedlich beilegen kann und das unbewältigter Streit Menschen krank machen kann. Diese Weisheit hat meine Entscheidung für das Ehrenamt noch zusätzlich bestärkt.

Was muss man als Schiedsfrau mitbringen?
Anja Lüthe: Vor allem Lebenserfahrung, gute Menschenkenntnis, eine hohe Einsatzbereitschaft und Interesse an juristischen Abläufen. Ich habe mehrere Fortbildungen im Zivil,- Straf und Nachbarrecht absolviert und in diesem Zusammenhang auch die Mediation erlernt. Das alles ist Voraussetzung für eine gute Amtsausführung.

Bekommen Sie als ehrenamtliche Schiedsfrau eine finanzielle Aufwandsentschädigung?
Anja Lüthe: Ja. Das sind in meinem Fall monatlich 40 Euro, die ich zum Beispiel für Fahrt,- Porto,- Telefon- oder andere Bürobedarfs-Kosten einsetzen kann.

Was motiviert Sie zu ihrem Ehrenamt als Schiedsfrau?
Anja Lüthe: Meine Lebenserfahrung und meine Berufserfahrung zeigen mir, dass man Konflikte, egal welcher Art, gut lösen und beilegen kann, wenn man mit menschlichem Einfühlungsvermögen, einer guten Kommunikationstechnik und gutem Menschenverstand an die Probleme herangeht. Ich leiste mit meiner Tätigkeit als Schiedsfrau einen wesentlichen Beitrag für ein konfliktfreies Zusammenleben und entlaste damit die Amtsgerichte.

Mit welchen Konflikten werden Sie konfrontiert?
Anja Lüthe: Ich übernehme Fälle wie zum Beispiel Hausfriedensbruch, Beleidigung, üble Nachrede, leichte oder fahrlässige Körperverletzung, Nachbarschaftsstreitigkeiten wie zum Beispiel Streit um Grundstücksgrenzen und Heckenschnitt, zudem Fälle von vermögensrechtlichen Werten, wie zum Beispiel Herausgabe von Dingen, wie zum Beispiel Möbel aus einer gemeinsamen Wohnung.

Können Sie alle Ihre Fälle mit einem Vergleich beenden?
Anja Lüthe: ja. Bisher konnte ich alle Verhandlungen mit einem Vergleich beenden.

Sie werden als Schiedsfrau sicher oft mit sehr privaten und auch heiklen Fakten konfrontiert.
Anja Lüthe: Ja. Aber ich bin ebenso wie Richter oder Rechtsanwälte vereidigt und zur Verschwiegenheit verpflichtet. Als Schiedsfrau stehe ich unter der dienstlichen Aufsicht des Amtsgerichtes, das mich auch bei juristischen Nachfragen jederzeit gut unterstützt.

Können Sie in der Corona-Pandemie Ihres Schiedsamtes walten?
Anja Lüthe: Nicht wirklich. Denn mit Blick auf die Corona-Schutzbestimmungen kann ich zurzeit im Rathaus keine Präsenz-Verhandlungen führen. In einigen Tür- und Angel-Fällen konnte ich Konfliktparteien aber telefonisch auf dem kurzen Dienstweg weiterhelfen.

Sind Schiedsverhandlungen für die Streitparteien kostenfrei?
Anja Lüthe: Nein. Die Gebühren betragen zwischen zirka 50- und 100 Euro. Das ist im Vergleich zu einem Gerichtsverfahren kostengünstiger. Hinzu kommt, dass die Schiedsverfahren kurze Verfahrenszeiten haben, anders, als gegenüber den meisten gerichtlichen Prozessen.

Wie rechtsverbindlich sind die Vergleiche Ihrer Verhandlungen?
Anja Lüthe: Die Vergleiche sind für die Parteien bindend. Sie sind ein Rechtstitel, der 30 Jahre lang vollstreckbar ist.

Wie kommt man im Fall der Fälle mit Ihnen in Kontakt?
Anja Lüthe: Unter der Rufnummer: 0175-1996711 oder per Mail unter: Schiedsamt@huenxe.de


aus dem Niederrheinanzeiger vom 09.02.2021

Schein und Sein

 Heuchler wurden im antiken Griechenland und im alten Rom Hypokrit genannt. Jetzt hatte mit „Hypocrites“ die neue Volxbühnenproduktion im Th...