Samstag, 29. April 2023

Wieder eine Kirche weniger?!

 Nach der Frohen Botschaft hören etwa 50 Gemeindemitglieder im Sonntagsgottesdienst die Hiobsbotschaft: „Heilig Geist kann nicht länger aus den kirchlichen Haushaltsmitteln finanziert werden. Es muss jetzt ein Investor für eine Nachfolgenutzung der gefunden werden“ Die schlechte Nachricht trägt Lektor Lukas Lamberti am Ende der Heiligen Messe vor. Bevor Pfarrer Michael Janßen den Schlusssegen spendet, sagt er: „Ich hätte mich gefreut, wenn eine Nachfolgenutzung als Urnen- oder Jugendkirche, als ökumenisches Gemeindezentrum oder als sozial-karitative und kulturelle Einrichtung möglich gewesen wäre. Ich bedanke mich bei allen, die über eine sinnvolle Nachfolgenutzung der Kirche nachgedacht haben und weiter nachdenken.“

Einige Gemeindemitglieder bleiben in der Kirche und kommen miteinander und mit der Lokalredaktion ins Gespräch. „Ich bin traurig, auch wenn die Entscheidung schon lange im Raum stand. Der Weg nach St. Mariae Geburt wird für uns lang und unser Gemeindeleben geht auseinander. Ich hätte mich gefreut, wenn Heilig Geist als Kolumbarium genutzt werden könnte, um zumindest einen Gottesdienstraum zu erhalten“, sagt Klara Breiltgen. „Corona hat viel kaputt gemacht und das Gemeindeleben in Mariae Geburt wird anonymer sein. Es ist schade, wenn die Kirche aufgegeben wird, weil in Holthausen, Menden und Raadt viele Familien mit Kindern wohnen,“ unterstreicht Werner Gerbener. „Ich bin enttäuscht, dass das Bistum kein Kolumbarium ermöglicht hat. Jetzt wird unser Gemeindeleben den Bach runtergehen“, sagt seine Frau Edith. „Jetzt wird alles viel anstrengender für uns werden“, fürchtet Verena Rützel. Sie wünscht sich, „dass alle noch einmal darüber nachdenken, was möglich ist, um eine wirtschaftlich vertretbare und inhaltlich sinnvolle Nachfolgenutzung unter Einschluss eines kirchlichen Raumes zu realisieren.“

Elke Tietze warnt: „Es ist leichter, eine Kirche zuzumachen, als sie wieder aufzumachen. Wenn Heilig Geist aufgegeben wird, verlieren wir in der Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt den einzig verbliebenen Gemeindesaal und unsere Pfarrbücherei.“ Falko Meier glaubt: „Wir hätten früher an die Öffentlichkeit gehen müssen. Denn in Holthausen gibt es genug Katholiken, die so viel Geld haben, dass man bei ihnen hätte anklopfen können, um mit ihren Spenden einen Weiterbetrieb der Kirche zu ermöglichen.“ Herbert Bösing plädiert dafür, das kompakte Gebäudeensemble von Heilig Geist mit Kirche, Gemeindesaal, Kindergarten und Bücherei zu erhalten, weil das aus seiner Sicht wirtschaftlicher und in Zeiten sinkender Kirchenmitgliedszahlen auch sinnvoller wäre, als das Geld der Pfarrgemeinde in eine heute zu groß gewordene Marienkirche zu investieren, „die für uns ein Fass ohne Boden ist.“ Auch Norbert Hendriks weiß: „Die religiöse Landschaft hat sich verändert. Wir müssen uns fragen, was uns wichtig ist. Deshalb wäre es schön, wenn in Heilig Geist eine Kapelle als Ort der Spiritualität erhalten bleiben könnte.


Mülheimer Presse und: Zur katholischen Stadtkirche

Donnerstag, 27. April 2023

Was die Arbeiter auf die Barrikaden brachte

 Die Stadthalle gehört zu den repräsentativsten Gebäuden der Stadt. Von den Architekten Hans Grossmann und Artur Pfeifer entworfen, erinnert ihre Architektur an einen venezianischen Palazzo. Das brachte Mülheim einst den Ruf eines Ruhrvenedigs ein. Doch vor 100 Jahren begann der Bau der Stadthalle unter turbulenten Vorzeichen.

Denn der lange geplante Bau der Stadthalle war im Inflationsjahr 1923 eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die die Stadt mit selbstgedrucktem Notgeld bezahlte, weil die Reichsmark nichts mehr wert war. Nicht nur an dieser prominenten Baustelle wurden damals sogenannte Notstandsarbeiter beschäftigt. Die Idee dazu hatte der damalige Oberbürgermeister Paul Lembke, der damit möglichst billig ein Prestigeprojekt realisieren und zeitgleich Erwerbslose von der Straße holen wollte.

Gute Idee. Doch die Rahmenbedingungen für den Baustart waren vor 100 Jahren denkbar schlecht. Die Preise stiegen rasant, das Lohnniveau sank ebenso rasant, nämlich um 60 Prozent im Vergleich zu 1914. Außerdem war Mülheim von französischen und belgischen Truppen besetzt. Die sollten dafür sorgen, dass Deutschland mit seinen Kohlelieferungen nach Frankreich und Belgien seinen Reparationsverpflichtungen nachkam, die es als Verlierer des Ersten Weltkrieges auf der Grundlage des Versailler Friedensvertrages von 1919 zu tragen hatte.

Hinzu kam: Die französische Militärregierung, die auch im Rathaus Quartier bezogen hatte, wies im März 1923 alle Polizeibeamten als potenzielle Waffenträger aus dem besetzten Ruhrgebiet aus. Es kam, wie es kommen musste. Die Kriminalität stieg sprunghaft an. Geschäftsleute und Gastwirte stellten eine Bürgerwehr auf, um sich gegen plündernde Banden zu wehren. Am 18. April zogen einige 100 Notstandsarbeiter, bewaffnet mit Spitzhacken und gestohlenen Jagdgewehren zum Rathaus. Sie verlangten eine Lohnerhöhung und Abschaffung der Akkordarbeit auf den städtischen Baustellen. Als das vom Oberbürgermeister abgelehnt wurde, stürmten einige der Notstandsarbeiter das Rathaus, wobei unter anderem die Turmtür an der Hindenburgstraße, die wir heute als Friedrich-Ebert-Straße kennen, zu Bruch ging. Gleichzeitig warfen sie mit Steinen, die sie aus dem Straßenpflaster herausgebrochen hatten, etliche Rathausfenster ein. Doch die Gegenwehr aus dem Rathaus, die mit Wasserschläuchen und Schusswaffen, die Angreifer auf Distanz hielten war unerwartet stark.

Die Kämpfe um das Rathaus, die alle Geschäfte in der Innenstadt zur Schließung zwangen, zogen sich über zwei Tage hin und forderten am Ende sechs Tote und 50 Verletzte. Diese „Mülheimer Vorkommnisse“, die in der Presse als „Arbeitertumulte“ bezeichnet worden, die vor allem „von alten Bekannten der Kriminalpolizei“ angezettelt worden seien, beschäftigten sogar Reichstag und Reichsregierung.

Das die Rathausverteidiger, die in der Zeitung als „Schutzwache beherzter Männer“ bezeichnet wurden, am Ende die Oberhand behielten und 50 Rädelsführer des Arbeiteraufstandes wegen „schweren Landfriedensbruchs „verhaften konnten, hatte gute Gründe. Denn Oberbürgermeister Paul Lembke hatte etliche ausgewiesene Polizeibeamte als Mitarbeiter der Stadtverwaltung unter dem Radar der französischen Militärregierung eingestellt und damit eine schlagkräftige Sicherheitsreserve geschaffen.

Als die am Stadthallenbau beteiligten Arbeiter im Dezember 1925 die ersten eintrittsfreien Konzertgäste in der von ihnen gerade fertiggestellten Stadthalle waren, sprach die Lokalpresse „vom demokratischsten Konzert, dass es je gegeben“ habe. Die sogenannten „Arbeitertumulte“ im April 1923 waren da nur noch eine Episode der Mülheimer Stadtgeschichte.


Mülheimer Presse

Mittwoch, 26. April 2023

Ein Zeitungsmann erinnert sich

 „Bei uns zuhause lag die Zeitung immer auf dem Tisch!“

Ein Zeitzeugengespräch mit dem langjährigen Lokalredakteur Frank-Rainer Hesselmann.

Der Saarner Frank-Rainer Hesselmann (Jahrgang 1959) hat als Lokalredakteur 42 von 75 WAZ-Jahren miterlebt und mitgestaltet. Im Gespräch mit der Lokalredaktion lässt er den Wandel der Zeitung im Wandel der Zeit Revue passieren.

Wie kamen Sie zur WAZ?

FRH: Sie lag bei uns zuhause immer auf dem Tisch und hat mir in der Schule bei Referaten und Facharbeiten geholfen, weil sie mir Informationen bot, die in keinem Schulbuch standen. Nach meinem Abitur am Karl-Ziegler-Gymnasium und während meines Geschichts,- Politik- und Jurastudiums habe ich ab 1980 zunächst als freier Mitarbeiter und Volontär und dann als Redakteur in der Lokalredaktion mitgearbeitet. Der Titel meines ersten Artikels lautet: „Pfarrfest in Mintard beginnt mit leichtem Antrinken“.

Und wie ging es dann weiter?

FRH: Später habe ich vor allem über Stadtplanung und öffentlichen Nahverkehr, aber auch über Menschen von Nebenan geschrieben. Reportagen von Baustellen und aus der Arbeitswelt waren stets eine Horizonterweiterung auf vielen Seiten.

Welche Geschichte bleibt Ihnen unvergesslich?

FRH: Mit einer Tagesreportage im Saarner Flüchtlingsdorf an der Mintarder Straße habe ich 2015 bei unserer Leserschaft eine breite Resonanz gefunden und konnte viele Ängste und Vorurteile abbauen und nebenbei einem syrischen Augenarzt eine Arbeitsstelle bei meinem Augenarzt besorgen.

Welche Geschichte hätten Sie lieber nicht geschrieben?

FRH: Die über den Flugzeugabsturz in Menden, bei dem am 8. Februar 1988 21 Menschen ihr Leben verloren. Ich war als einer der Ersten an der Absturzstelle und habe Bilder gesehen, die man nicht sehen möchte. Aber da muss man durch und seine Chronistenpflicht erfüllen. Das ist unser Job.

Wie sah Lokaljournalismus vor 40 Jahren aus?

FRH: Ich habe meine ersten Texte noch mit der Schreibmaschine auf Manuskriptpapier geschrieben. Das ging langsam, aber wir haben weniger Fehler gemacht und hatten mehr Zeit. Außerdem hatten wir Setzer und Schlussredakteure, die so manchen Fehler aus der Zeitung geholt haben. Sie haben uns auch schon mal gesagt: „Das versteht doch keiner. Schreibt das mal neu.“ Diesen fruchtbaren Austausch hat die Computer- und Bildschirmarbeit wegrationalisiert. Damals durfte ein Kommentar auch schon mal 200 argumentative Zeilen lang sein. Die Fotos wurden noch in der Dunkelkammer entwickelt und mit einem Laufzettel, per Kurier, in die Druckerei gebracht. Unser Internet war die auf der Schreibmaschine getippte Sondermeldung, die wir im Schaufenster unserer Geschäftsstelle an der Eppinghofer Straße ausgehängt haben oder ein aktueller Bericht, den wir telefonisch bis 23:30 Uhr an die Bezirksredaktion weitergeben konnten. Wir waren damals mehr Leute in der Redaktion und mit den Fotografen öfter unterwegs. Wer in der Lokalredaktion arbeitete, der wohnte auch in Mülheim, war in der Stadt bekannt wie ein bunter Hund und wurde von seinen Nachbarn auf seine Geschichten und mögliche Themen für die Lokalausgabe angesprochen. Der Lokalteil hatte in der Spitze bis zu acht Seiten. Samstags war der Anzeigenteil dreimal so dick wie die eigentliche Zeitung.

Was macht einen guten Lokaljournalisten aus?

FRH: Er ist intensiver Beobachter des Geschehens, gehört aber nie dazu. Er hat viele Kontakte, die er aber nicht missbraucht. Er weiß viel, schreibt aber nicht alles, was er weiß, weil er weiß, welche Informationen sofort raus müssen und welche noch Zeit brauchen, um zu reifen. Er ist fair und schaltet sein Hirn ein, bevor er schreibt. Er lässt sich auch aus dem Rathaus nicht zensieren und springt nicht auf jeden Themenvorschlag an, mit dem Menschen an ihn herantreten, die mit sich und der Welt unzufrieden sind und sich deshalb in der Zeitung sehen wollen. Er muss Gutes loben und Missstände klar aufdecken können.

Wie sehen Sie die Zukunft der Mülheimer WAZ?

FRH: Ich hoffe sehr, dass die gedruckte WAZ uns noch lange erhalten bleibt. Zeitungsseiten haben viel mit Größe zu tun. Bildschirmlesen mit Marmeladenfingern geht nicht. Die WAZ hat in Mülheim eine Zukunft, wenn sie vor Ort Sprachrohr der Leute bleibt und sie ernst nimmt, wenn sie fair berichtet und wenn sie in ihre journalistische Qualität investiert.

Welche Schlagzeile würden Sie gerne im Lokalteil lesen?

FRH: Die Straßenbahn fährt wieder nach und durch Saarn. Das wäre ein guter Beitrag zum Klimaschutz und zur Mobilitätswende. Denn eine Straßenbahn kann doppelt so viele Menschen transportieren wie ein Gelenkbus und zigmal mehr als ein Auto. Heute sind Autos doch keine Fahrzeuge mehr, sondern Stehzeuge. Überall steht Blech im Weg und verschandelt die Landschaft. Autofahrer verdrängen Radfahrer und Radfahrer verdrängen Fußgänger. Miteinander und Lebensqualität sehen anders aus. Man stelle sich die Aufenthaltsqualität vor, die zum Beispiel auf einer autofreien Düsseldorfer Straße im Saarner Dorf möglich wäre. 


Mülheimer Presse

Sonntag, 23. April 2023

Polizeigeschichte(n)

 „Unsere Geschichtshefte vermitteln Stadtgeschichte populär, emotional und mit Aha-Effekten.“ So beschreibt Stadtarchivleiter, Stefan Pätzold, eine Reihe, deren neuestes Mülheims Polizeigeschichte beschreibt und für 7 Euro im Stadtarchiv an der Von-Graefe-Straße 37 und im örtlichen Buchhandel erhältlich ist. Autor ist der pensionierte Polizeibeamte Frank Kawelovski aus Broich.

Mit Blick auf seine Polizeigeschichte, die er in 43 Dienstjahren erlebt hat, sagt er: „Als ich bei der Polizei anfing, kamen die meisten mit einem Hauptschulabschluss zur Polizei. Heute sind Fachabitur oder Abitur Einstellungsvoraussetzung und die angehenden Polizeibeamten absolvieren ein Studium an der Hochschule für Polizei und Verwaltung. Auch die IT nicht mehr aus dem Polizeiberuf wegzudenken. Ich habe noch mit einem Fahndungsbuch gearbeitet und KFZ-Halter telefonisch und persönlich in der Kartei des Straßenverkehrsamtes ermittelt. Die vorteilhafteste Veränderung der Polizei, die früher ein Macholaden war, waren die ersten Frauen, die  ab 1982 bei der NRW-Polizei eingestellt wurden. In Mülheim trat 1991 die erste Frau ihren Polizeidienst an.“

Wer bei Kawelovski nachliest, erfährt, dass der damaligen Leiter der Verkehrspolizei, Oberkommissar Bonsau, 1954 mit seinem Streifewagen angetrunken eine Frau  anfuhr und schwer verletzte. Bei seiner Vernehmung gab er an, der Alkoholpegel in seinem Blut von 1,5 Promille sei darauf zurückzuführen, dass er nach dem Unfall, auf Anraten seiner Frau, einige Cognacs auf den Schrecken getrunken habe. Bonsau kam zwei Monate in Haft und verlor seinen Führerschein für zwei Jahre.

Schmunzeln kann man über den Fall des Serieneinbrechers Heinz-Günter Montag, dem 1971 die Flucht aus dem Polizeigewahrsam an der Von-Bock-Straße gelang. Weil der Polizeibeamte, der ihn beim Freigang im Innenhof bewachen sollte, mit ihm Blinde Kuh spielte, konnte der Ganove über die Mauer des Polizeipräsidiums entkommen. Während seiner Flucht stahl er in einem Pfarrheim 300 Mark und berichtete der Lokalredaktion am Telefon über seinen Ausbruch.

Mülheims polizeiliche Eigenständigkeit war immer infrage gestellt. Kawelovski berichtet, dass die Polizei bis 1922 vom Oberbürgermeister geleitet wurde. Danach wurde Mülheim Teil des Polizeipräsidiums Oberhausen. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstand sie dem Oberbürgermeister und der britischen Militärregierung, ehe sie 1953 erneut Teil des Polizeipräsidiums Oberhausen wurde. Dann gab es zwischen 1955 und 2007 ein Mülheimer Polizeipräsidium, das von 1993 bis 2007 mit der Juristin Gisela Röttger-Husemann eine Polizeipräsidentin hatte. Seit 2007 gehört Mülheim zum Polizeipräsidium Essen.

Auch die Verstrickung der Polizei ins NS-Unrecht lässt Kawlovski nicht außen vor. Wir erfahren, dass Polizeimajor Wilhelm Büttner bis 1948 Leiter der Mülheimer Polizei bleiben konnte, obwohl er auch in der NS-Zeit diese Stellung innegehabt hatte. Doch er war in keine NS-Verbrechen verwickelt und übergab am 11. April 1945 alle Dienststellen kampflos an die einmarschierenden Amerikaner. Doch 1948 wurde ihm der Vorwurf des Schwarzmarkthandels zum Verhängnis. Denn er hatte sich ohne Lebensmittelkarten Lebensmittel verschafft.

„Eine Mülheimer Besonderheit“, sagt Kawelovski, „ist die Rolle, die Gestapo-Chef Karl Kolk gespielt hat. Er wurde 1947 vor Gericht gestellt, aber freigesprochen. Denn er hatte nachweislich eine innere Distanz zum NS-System und wurde deshalb 1943 kaltgestellt. Zeugen bestätigten seine unfreiwillige Mitarbeit in der Gestapo. Sie bezeugten, dass er bei seinen Verhören den vorgeladenen Personen, etwa Kommunisten Geistliche und Juden, die Worte in den Mund gelegt habe, die sie sagen mussten, um mit heiler Haut davonzukommen. Auch habe er nach Massenverhaftungen Freilassungen bei Nacht und Nebel veranlasst und seinen regimetreuen Kollegen Fälle entzogen, um den Vogelladen das Schlimmste zu ersparen. Außerdem strich er Juden von der Deportationsliste und lies sie als transportunfähig ins Krankenhaus einweisen.

Unrühmlich war dagegen die NS-Vergangenheit der Mülheimer Polizeibeamten, Karl W. und Günter Hellwing. W. bewarb sich um eine Wiedereinstellung in en Polizeidienst. Dabei stellte er sich  als menschlichen und gewissenhaften Polizeibeamten dar, der gegen seine innere Überzeugung NSDAP-Mitglied gewesen sei. Doch seine unerwartet wieder aufgetauchte Personalakte belegte: W. war Gestapo-Mann und SS-Mitglied. Er arbeitete für den Sicherheitsdienst der NSDAP und war im Krakauer Ghetto an Deportationen in die Vernichtungslager Auschwitz und Belzec beteiligt gewesen.

Und Günter Hellwing wurde 1957 Chef der örtlichen Kriminalpolizei, obwohl er Gestapo-Chef in Marseille und Kripo-Chef in Bottrop gewesen war. Hellwing hatte unter anderem die Erschießung von Zwangsarbeitern zu verantworten. In Frankreich zum Tode verurteilt, saß er nach Kriegsende in Deutschland nur zwei Jahre in Haft.


Mülheimer Presse & Mülheimer Stadtarchiv

Donnerstag, 13. April 2023

Frühling am Flughafen

 Flughafen und Ökologie. Ist das kein Gegensatz? Die Arbeitsgemeinschaft Flughafen und Ökologie (Agfö) meint: Nein. Vier ihrer Mitglieder, Markus Kämpfer, Hans-Peter Winkelmann, Johannes Terkatz und Sabine Arzberger traten am Samstag mit einer Führung über das 130 Hektar große Flughafengelände in Raadt an. Das Motto ihrer zweistündigen Führung: „Frühling am Flughafen“. Auch wenn sich der Frühling an diesem 1. April mit Dauerregen von seiner launischen Seite zeigte, folgten 14 interessierte Mülheimerinnen und Mülheimer den drei Flughafenscouts. Wetterbedingt mussten Teile der Exkursion in einem VW-Bus, in der neuen WDL-Luftschiffhalle und im Vereinsheim des AERO-Clubs als Trockenübung absolviert werden. Der AERO-Club wurde im gleichen Jahr wie der Flughafen, 1925, gegründet und hat heute 300 Mitglieder, darunter 80 Kinder und Jugendliche, die hier unter anderem den Segelflug lernen.

Die Führung zeigte das 1,36 Quadratkilometer große Areal als größte zusammenhängende Grün- und Freifläche des westlichen Ruhrgebietes. „Wir sind hier auf 120 Metern über Normal-Null auf dem höchsten Punkt der Stadt. Und das Flughafengelände ist in seiner jetzigen Form Mülheims wichtigstes Kaltluftentstehungsgebiet. Wenn dieses eingezäunte und deshalb seit fast 100 Jahren größtenteils unberührte Gebiet ganz oder teilweise durch ein Wohnquartier oder einen Gewerbepark bebaut würde, ginge eine wichtige Kaltluftschneise für die Innenstadt verloren, in der es schon heute an heißen Sommertagen sieben Grad wärmer als am Flughafen ist“, erklärte der Mülheimer Raumplaner Dr. Hans-Peter Winkelmann, der sich beruflich seit mehr als 30 Jahren mit den Fragen der umweltverträglichen und klimaschützenden Stadt- und Raumplanung befasst und als Berater auch schon für die Vereinten Nationen und die Europäische Union gearbeitet hat.

Winkelmann wies auch darauf hin, dass der Boden unbebauter und damit unversiegelter Flächen nach den Weltmeeren und noch vor den Wäldern der größte CO2-Speicher und damit für den Klimaschutz relevant seien. „Hinzu kommt noch, dass die Grünflächen des Flughafengeländes Niederschläge wie ein Schwamm aufsaugen und das Regenwasser zeitverzögert ins Grundwasser abgeben“, erklärte Winkelmann. Wie wichtig das bei den im Zuge des Klimawandels jetzt häufiger auftretenden Starkregenereignisse ist, machte er mit Blick auf das Sommerhochwasser im Juli 2021 deutlich. Nach Angaben des Westdeutschen Wetterdienstes fielen am 12., 13. und 14. Juli  2021 täglich 90 Liter pro Quadratmeter. Damals, so Winkelmann, habe die 130-Hektar große Flughafenfläche so viel Wasser aufgenommen und zeitversetzt versickern lassen, dass man damit 2,4 Millionen Badewannen hätte füllen können. Für den Stadt- und Raumplaner steht fest: „Hätten wir im Juli 2021 die Grünflächen am Flughafen nicht gehabt, so dass das Regenwasser in den Rumbach und in die Ruhr abgeflossen wäre, wäre die Innenstadt abgesoffen.“

Mit Blick auf die flughafen-kritische Haltung der Grünen, erinnerte Winkelmann auch daran, dass es ihr Bundestagsabgeordneter Dr. Wilhelm Knabe gewesen sei, der in den Jahren 1987 bis 1990 die ersten Klimaschutz-Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages geleitet habe.

Im naturgemäß feuchtesten Teil der Flughafenführung lenkte Sabine Arzberger, die sich nicht nur in der Agfö, sondern auch im Mülheimer Verein Naturgarten engagiert, lenkte den Blick ihrer Gefolgsleute auf den Biotop Flughafen. Hier lebe nicht nur die Feldlerche, so Arzberger, die 2017 ein Open-Air-Konzert des britischen Sängers Ed Sheeran verhindert habe. Auf den unbehandelten Mager-, Fett- und Niedermoorflächen des Flughafens fänden auch Insekten, unterschiedlichste Kräuter und Pflanzen, Feldhasen, Milane, Falken, Bussarde, was sie als Teil des Ökosystems zu ihrem Überleben und damit zum Erhalt der Artenvielfalt bräuchten.

Hanni Beyer sprach am Ende sicher für viele Teilnehmer der Frühlingsführung am Flughafen, wenn sie für sich feststellte: „Mich hat überrascht, dass Ökologie und Technik hier am Flughafen zusammenpassen, dass das Gelände mit seinen Grünflächen ökologisch, wie ein Schwamm funktioniert und vielen Tieren und Pflanzen einen Lebensraum bietet. Diese Führung wäre sicher für viele Menschen interessant, die das auch nicht wissen und besonders für Kinder und Jugendliche. Denn sie sind unsere Zukunft und müssen deshalb wissen, in welche Welt sie hineinwachsen.“


Mülheimer Presse & Zur AGFÖ

Dienstag, 11. April 2023

Farbe bekennen für den Frieden

 Viele Familien machen jetzt einen Osterspaziergang. Dabei verstecken und suchen sie bunte Ostereier. Der 73-jährige Speldorfer Wolfgang Seiring, der früher als Erzieher im Broicher Jugendzentrum Cafe Fox und im Styrumer Cafe4You gearbeitet hat, macht einen Osterspaziergang, mit der er Farbe für den Frieden bekennen will. Er geht mit im Ostermarsch Ruhr. Er beginnt mit einer Kundgebung auf der Königstraße zwischen Sparkasse und Landgericht und führt auf seiner ersten Etappe durch die Duisburger Innenstadt. Im Gespräch mit der Lokalredaktion erklärt der Mülheimer Ostermarschierer, was ihn antreibt.

Warum gehen Sie mit?

Wolfgang Seiring: Weil ich Farbe bekennen will und weil mir der Frieden wichtig ist. Mit dem Ostermarsch können wir den Parteien zeigen, dass wir mit ihrer aktuellen Politik nicht einverstanden sind. Ich marschiere auch deshalb für den Frieden, weil nicht nur in meiner Familie viele Menschen im Krieg gestorben sind oder zumindest unter dem Krieg und seinen Folgen gelitten haben. Ich denke dabei zum Beispiel an meine Eltern, Helmut und Ursula Seiring, die von der Roten Armee in ein sibirisches Zwangsarbeiter- und Straflager verschleppt wurden und erst 1946 bzw. 1948 nach Mülheim zurückkehren konnten. Meine Mutter hat ihre traumatischen Kriegserlebnisse in dem Buch: „Du sollst nicht sterben“ aufgeschrieben. Also zeigt mir allein schonmein Familiengeschichte: Krieg muss und darf um der Menschen Willen nicht sein.

Gehen viele mit Ihnen?

Wolfgang Seiring: In den vergangenen Jahren schwankten die Zahlen der Ostermarschierer an der Ruhr zwischen 50 und 200 Teilnehmern. In den späten 1970ert und während der 1980er Jahre, auf dem Höhepunkt des atomaren Wettrüstens zwischen der Nato und dem Warschauer Pakt waren es so viele Menschen, dass man den Anfang und das Ende der Ostermarschkolonne nicht sehen und die Zahl der Ostermarschierer nicht zählen konnte. Wie im vergangenen so erwarte ich auch in diesem Jahr, angesichts des Ukraine-Krieges wieder mehr Teilnehmer.

Wer geht mit?

Wolfgang Seiring: Die Teilnehmenden kommen quer aus allen Generationen und gesellschaftlichen Gruppen. Das Spektrum reicht von Fridays for Future über Pax Christi bis hin zur Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes und dem Bund der Antifaschisten.

Was wollen Sie erreichen?

Wolfgang Seiring: Der Ostermarsch zeigt den Friedensbewegten, dass sie nicht allein sind und viele so denken, wie sie. Aber er ist auch ein Zeichen für alle, die nicht mitgehen oder politisch uninteressiert sind: Da ist was. Da passiert was, dass für uns und unsere Kinder und Kindeskinder wichtig ist. Wir wollen für eine Welt ohne Atomwaffen demonstrieren und für eine Welt ohne Kriege und Umweltzerstörung. Das sind wir unseren Kindern und Enkeln schuldig.

Frieden schaffen ohne Waffen?

Wolfgang Seiring: Natürlich haben die Menschen in der Ukraine das Recht, sich gegen den russischen Angriffskrieg zu verteidigen. Und das können sie eben nicht mit Bleistiften tun. Aber auch dieser Krieg wird und muss durch Verhandlungen beendet werden. Die Gesprächskanäle müssen offenbleiben. Die Vermittlungsangebote der Vereinten Nationen, Chinas, Brasiliens, Indiens und Südafrikas sollten genutzt werden, um das menschliche Elend in der Ukraine zu beenden. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass derzeit nicht nur in der Ukraine-Krieg geführt wird, auch mit Waffen, die von der deutschen Rüstungsindustrie in Krisengebiete geliefert werden.

 

Haben sich die 1960 gestarteten Ostermärsche verändert?

Wolfgang Seiring: Früher sind wir von Duisburg bis Dortmund marschiert und haben gemeinsam in angemieteten Turnhallen übernachtet. Heute fahren wir mit dem Zug von einer Etappe zur nächsten. Früher gab es auch mehr politische Sprechchöre und Livemusik beim Ostermarsch. Wir sind auch durch Mülheim gezogen und haben mit einer Kundgebung am Viktoriaplatz, dem heutigen Synagogenplatz, Halt gemacht. Ich finde es schade, dass der Ostermarsch Ruhr in Mülheim heute nicht mehr präsent ist.


Mülheimer Presse

75 Jahre Lokaljournalismus

 Am Samstag, den 3. April 1948 erscheint in Mülheim erstmals die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Das Kriegsende liegt drei Jahre zurück. Der Schwarzmarkt blüht. Die D-Mark, das Grundgesetz und das Wirtschaftswunder lassen auf sich warten. Immer noch ist die Stadt als Teil der britischen Besatzungszone von Ruinen und Trümmern gezeichnet. Der Wiederaufbau schreitet langsam voran.

Die britische Militärregierung hat die mit einer Startauflage von 250.000 Exemplaren von Erich Brost und Jakob Funke herausgegebene WAZ als „Unabhängige Zeitung für das“ 1946 neugegründete „LandNordrhein-Westfalen“ lizensiert.

Der Anfang ist bescheiden. Die erste WAZ, die Mülheimerinnen und Mülheimer vor 75 Jahren in Händen halten, hat vier Seiten, davon eine Lokalseite. Sie erscheint dienstags, donnerstags und samstags und kostet am Kiosk Pfennige. Im Monatsabo ist sie für zwei Reichsmark zu haben. En Industriefacharbeiter arbeitet damals 48 Stunden pro Woche und verdient 1,59 Reichsmark pro Stunde.

Erster Lokalredakteur der WAZ ist Dr. Theo Schröter. Er hat seinen ersten Arbeitsplatz in einem Raum des Rathauses. Ab April 1949 wird er vom Jungredakteur Heribert Vollmer und vom Redaktionsmitarbeiter Fritz Brinkmann unterstützt. Die Lokalredaktion mietet an der Wallstraße zwei Räume in der Rechtsanwaltskanzlei Niehoff an. Im Oktober 1949 zieht sie ins Pressehaus an der Eppinghofer Straße um. Die Fusion mit der seit 1872 erscheinenden Mülheimer Zeitung macht es möglich.

Vom Zusammengehen profitieren beide Blätter.

Denn die in der NS-Zeit gleichgeschaltete Mülheimer Zeitung ist in den Augen der britischen Militärregierung deskreditiert. Sie will auch die Mülheimerinnen und Mülheimer zur Demokratie erziehen. Andererseits kann die neue WAZ den traditionsreichen und werbewirksamen Untertitel: „Mülheimer Zeitung“ gut gebrauchen.

 Die erste Mülheimer Lokalausgabe berichtet über den Wiederaufbau der Stadtbibliothek, die 90.000 Bücher über den Krieg retten konnte und zum damaligen Zeitpunkt ihr provisorisches Quartier in der Rahmenschule an der Kettwiger Straße hat. Dort kann sie aber nur als Präsenz- und nicht als Leihbibliothek arbeiten. Dass solle sich, so heißt es im Bericht, in einigen Monaten aber ändern, wenn die Stadtbibliothek in wiederhergestellte Räume der 1943 von Bomben stark beschädigten Stadthalle umziehen werde. Festgehalten wird auch, dass die Stadtbibliothek „inzwischen entnazifiziert worden ist“, dass es aber auch „eine große Nachfrage nach der verbotenen Literatur gebe“ und viele, zunächst aussortierten Bücher behalten werden konnten, in dem man die Seiten mit NS-Inhalten herausgeschnitten habe.

Unter der Überschrift: „Im Tierpark regt sich der Frühling“ liest man am 3. April 1948 einen Ausflugstipp für den Duisburger Zoo, verbunden mit dem Hinweis, dass Kinder dort auf Eseln reiten können.

Außerdem erfahren die Leserinnen und Leser vom „Lieder- und Arienabend mit dem durch Konzerte und Rundfunk volkstümlich gewordenen Sänger Wilhelm Strienz“, der am Flügel von Franz Sembeck begleitet, mit Werken von Beethoven, Verdi, Schubert, Schumann, Moussorgsky, Tschaikowsky und Smetana im Altenhof an der Kaiserstraße gastiert habe. „Doch verbeugte sich auch Strienz an diesem durchaus niveauvollen Konzertabend“, heißt es im Konzertbericht: „vor dem ihm Bewunderung zollenden Publikum, indem er dessen Geschmack huldigend, als letzte Zugabe, dem Sentimentalen seinen Tribut gab. Schade drum. Denn das schöne mährische Volkslied vorher hatte echtere Töne angeschlagen.“

Berichtet wird auch darüber, dass der Mülheimer Delegationsleiter des Schwedischen Roten Kreuzes, Per Bolinder, vorübergehend nach Schweden abgereist sei, aber Ende April wieder in Mülheim zurückerwartet werde. Bolinder und das Schwedische Rote Kreuz sind damals in aller Munde, da sie die Mülheimer Schulspeisungen organisieren.

Im Kleinanzeigenteil der ersten Mülheimer WAZ-Ausgabe werden die Leserinnen und Leser auf einen Literaturabend hingewiesen, zu dem die Buchhandlung Max Röder am 9. April 1948 ins Josefshaus an der Dimbeck einlädt und auf einen Liederabend, der am 10. April mit dem Tenor Franz Völker und mit Werken von Schubert, Brahms und Strauß im Altenhof über die Bühne gehen wird. Wer im harten Nachkriegsalltag entspannen will, dem zeigt der staatliche geprüfte und am Kuhlendahl 147 ansässige Masseur Siegfried Karrenberg in der ersten Mülheimer WAZ seine wohltuenden Massagen, Kosmetikbehandlungen und Bäder an. Und ein „Mädel (28 Jahre) mit guten Umgangsformen und einer Ausbildung als Lebensmittelverkäuferin sucht, per Kleinanzeige im WAZ-Lokalteil vom 3. April 1948 „einen möglichst selbstständigen Wirkungskreis!“ Um ihre Chancen auf eine Anstellung zu erhöhen, weist die Inserentin auch darauf hin, dass sie: „in sämtlichen Haushaltbereichen, einschließlich Kochen gut erfahren“ sei.


Mülheimer Presse

Samstag, 8. April 2023

Mülheimer Zeitungsgeschichte(n)

 Auch diese Zeitung hat sich mit der Zeit gewandelt. Als ihre Herausgeber Jakob Funke und Erich Brost am 3. April 1948 mit ihrer WAZ an den Start ging, war vom Fernsehen und vom Internet noch keine Rede. Was sagen langjährige Mülheimer Leserinnen und Leser über ihre Zeitung im Wandel von 75 Jahren. Zu einem Gespräch darüber traf sich die Lokalredaktion mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern der von Brigitte Preuss und Manfred Zabelberg moderierten und für Neuzugänge immer offenen Mülheimer Zeitzeugenbörse im Sommerhof am Tourainer Ring.

„Wir hatten die WAZ von Anfang an im Jahres-Abo. Im ersten Jahr kostete es 44 Reichsmark“, erinnert sich die 1926 in Berlin geborene und seit 1945 in Mülheim lebende Eva Timm. Angesichts der vier Seiten der ersten Ausgabe, stellt sie fest: „Der Umfang ist in den ersten Jahren rasch gewachsen. Mit der Wirtschaft wuchs auch die Zahl der Anzeigen. Vor allem die Wochenendausgaben waren später wesentlich dicker als heute, wohl deshalb, weil inzwischen viele Werbeanzeigen ins Internet abgewandert sind.“

Auch mit 98 Jahren liest Timm täglich die WAZ und trainiert ihre grauen Zellen nicht nur mit den Informationen, sondern auch mit der Rätselecke, die ihr die Zeitung bietet. Allerdings vermisst sie den täglichen Fortsetzungsroman, den man früher in der WAZ lesen konnte.

Die 1949 geborene Jutta Loose sagt: „Ich bin mit der WAZ aufgewachsen und habe nach meinem Auszug von zuhause ein eigenes Abo abgeschlossen. Ich möchte die tägliche Lektüre nicht missen. Ich lese alle Seiten und Rubriken der Zeitung, aber der Lokalteil mit seinen Nachrichten aus Mülheim ist für mich der wichtigste Teil der Zeitung, der in den vergangenen Jahren leider dünner geworden ist. Ich würde mir mehr lokale Nachrichten wünschen und könnte dafür gerne auf Seiten über den Niederrhein, die Niederlande und die Nachbarstädte verzichten.“

Der 1928 in Mülheim geborene Horst Heckmann findet die Nachbarschaftsseiten in der WAZ dagegen „durchaus interessant, weil man über den lokalen Tellerrand hinausschauen und dabei manchmal den Eindruck gewinnen kann, dass in unseren Nachbarstädten mehr los ist als bei uns.“ Allerdings wünscht auch er sich mehr Mülheimer Nachrichten in der WAZ. Außerdem hat er den Eindruck, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis des WAZ-Abos in den vergangenen Jahren eher schlechter als besser geworden ist und dass die Druckfehler im Blatt zugenommen haben.

Wie Timm kann sich auch Heckmann daran erinnern, dass auch die ausgelesene und als Altpapier abgelegte WAZ auf dem Markt und in Geschäften als Verpackungsmaterial oder daheim, in Vierecke geschnitten, als Klopapier ihren Dienst tat. Für Heckmann steht fest: „Wer keine Zeitung liest, lebt doch hinter dem Mond.“

Der 1944 in Österreich geborene und seit 35 Jahren in Mülheim lebende Ex-FDP-Stadtrat, Wolf D. Hausmann, bescheinigt der Mülheimer WAZ eine „alles in allem sehr faire und differenzierte Berichterstattung über das lokale Geschehen und die Kommunalpolitik“, auch wenn er als Liberaler immer „den subjektiven Eindruck hat, dass die anderen Parteien mit ihren Inhalten und ihrer politischen Arbeit mehr Platz im Blatt bekommen als meine Partei.“

Auch die 1943 geborene Christel Lohmar bescheinigt der WAZ, „dass sie im Vergleich zu anderen Zeitungen nicht so tendenziös, sondern neutraler ist und sich bemüht, leicht verständlich, sachlich und nachrichtlich zu schreiben und zu berichten.“ Allerdings würde sie sich insgesamt eine größere Themenvielfalt und eine stärkere Berücksichtigung der Stadtteile im Mülheimer Lokalteil der WAZ wünschen. Wie für Eva Timm, so vergeht auch für Christel Lohmar keine WAZ-Lektüre ohne den Blick in die Todesanzeigen und in die Leserbriefspalten. So manchen Leserbrief empfinden die beiden WAZ-Leserinnen als pointierter als den einen oder anderen Zeitungskommentar.

Alle Zeitzeugen vermissen den Leserladen an der Eppinghofer Straße und wünschen sich von der Lokalredaktion, dass sie sich für den Erhalt des Wasserbahnhofes einsetzen möge. 

 

Kontakt zur Zeitzeugenbörse

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der im November 2011 gegründeten Mülheimer Zeitzeugenbörse treffen sich regelmäßig im Sommerhof am Tourainer Ring 12/Ecke Hingberg 62. Auf ihrer Internetseite, aber auch mit öffentlichen Zeitzeugenlesungen und als Gesprächspartner in Zeitzeugengesprächen mit Kindern und Jugendlichen halten sie ihre Lebenserfahrungen fest und geben sie weiter. Die Zeitzeugenbörse findet man im Internet unter: www.unser-quartier.de/zzb-muelheim. Sie ist per E-Mail an: zeitzeugenboerse@gmx.de sowie telefonisch unter der Rufnummer: 0208/30680015 erreichbar.


Mülheimer Presse

Freitag, 7. April 2023

Akademische Osterferien

 Mit einer Experimentalshow ist am Mittwochnachmittag die Osterakademie an der Luisenschule zu Ende gegangen. An drei Tagen haben 50 Luisenschülerinnen und Luisenschüler aus den Jahrgangsstufen 7 bis 10 70 Grundschülern aus den Klassen 3 und 4 naturwissenschaftliches und technisches Basiswissen vermittelt. "Die Osterakademie hat sich seit 2017 großartig entwickelt. Hier bringen sich Schülerinnen und Schüler mit Leidenschaft und kreativen Ideen ein. Viele Kinder, die an den ersten Osterakademien teilgenommen haben, gehören heute zu den lehrenden MINT-Helfern oder studieren nach ihrem Abitur an der Hochschule Ruhr-West oder arbeiten beim Max-Planck -Institut für Kohleforschung. Finanziert wird die Osterakademie in den MINT-Fächern durch das ZDI-Netzwerk der Stadt Mülheim an der Ruhr, das mir zu Beginn auch die Kontakte zu den anderen Kooperationspartnern wie dem Max-Planck-Institut für Kohle Forschung der Camera Obscura, dem Haus Ruhr Natur, der Rheinisch Westfälischen Wasserwerksgesellschaft RWW und der Hochschule Ruhr West vermittelt hat, erklärt Chemielehrerin Dr. Beate Schulte. Sie hat die Osterakademie initiiert und hält als Koordinatorin die organisatorischen Fäden in der Hand. Nach der abschließenden Experimentalshow beantwortete der am Max-Planck-Institut für Kohleforschung arbeitende Chemie-Nobelpreistraeger Professor Dr Benjamin List Fragen der MINT-Schüler und Schülerinnen. Sein wichtigster Rat an den Nachwuchs lautet: "Sucht euch beruflich etwas, was euch begeistert. Dann habt ihr ein schönes und erfülltes Leben. Und dann ist es auch egal, ob ihr einen Nobelpreis oder einen Oscar gewinnt. Chemie hat mich schon als Kind begeistert, ehe ich Chemie als Fach in der Schule hatte. Damals habe ich geglaubt, dass Chemiker alles wissen, weil sie sich mit Molekülen und Atomen beschäftigen und deshalb wissen, was die Welt zusammenhält, woher wir kommen und wohin wir gehen. Auch wenn ich diese Einstellung im Laufe meines Lebens relativieren musste, begeistert mich die Chemie bis heute Punkt und ich gehe jeden Tag gerne ins Institut, um mich dort mit meinen Doktoranden auszutauschen. Aktuell arbeite ich an der Frage, wie man klimaschädliches CO2 in Kohle zurückverwandeln könnte, gab List Einblick in die Motivation seiner Forschungsarbeit. Mit Blick auf in seine organische Katalysator Forschung, die z.B in der Herstellung von Kunststoffen und Medikamenten zum Einsatz kommt und die ihm 2021 den Chemie-Nobelpreis eingebracht hat, betont List: die Chemie kann das Leben der Menschen besser machen und das ist eine sehr erfüllende und glücklich machende Arbeit. Im Gespräch mit der Lokalredaktion lobt der Nobelpreisträger aus dem MPI am Kahlenberg: "Die Ostetakademie begeistert mich, weil sie einen ganz praktischen Beitrag dazu leistet, dass bei vielen Kindern und Jugendlichen vorhandene Interesse an den Naturwissenschaften auch zu aktivieren."


Mülheimer Presse & Luisenschule



Sonntag, 2. April 2023

Gemeinsam stärker

 Einstimmig und ohne kontroverse Diskussion hat eine Sondersynode des Kirchenkreises An der Ruhr am Mittwochabend im Altenhof den Weg für eine Verwaltungsfusion der Kirchenkreise An der Ruhr und Oberhausen zum 1. Januar 2024 frei gemacht. Zeitgleich billigte die Oberhausener Synode diesen Schritt mit 88 Prozent der abgegebenen Stimmen. Damit ist eine zuvor ebenfalls erwogene Verwaltungszusammenarbeit zwischen dem 40.000 evangelische Christen zählenden Kirchenkreis an der Ruhr und dem Kirchenkreis-Duisburg/Dinslaken vom Tisch. Die neue Kirchenverwaltung wird als Dienstleisterin für sechs Mülheimer und acht Oberhausener Kirchengemeinden mit insgesamt 88.000 Kirchenmitgliedern zuständig sein.  

Wie Kreissynodal-Vorstand Michael Meister und der unter anderem auf strategische Unternehmensentwicklung spezialisierte externe Kirchenkreis-Berater Dr. Torsten Sundmacher erläuterten, hätten die im November 2021 gestarteten Sondierungsgespräche gezeigt, dass eine zeitnahe und reibungslose Verwaltungszusammenarbeit mit dem Oberhausener Kirchenkreis eher zu machen sein werde als mit Duisburg-Dinslaken. Allerdings machte Sundmacher auch deutlich: „Je nachdem, wie sich der Schrumpfungsprozess der Kirche weiterentwickelt, werden wir in fünf, sieben oder 15 Jahren wieder dort sein, wo wir jetzt sind und dann über eine größere Lösung reden müssen.“

Bei der Abstimmung im Altenhof waren 40 von 53 Synodalen anwesend. Damit war die Grenze zur Beschlussfähigkeit überschritten, die bei 35 anwesenden Synodalen liegt. Aus den Reihen der Abgeordneten des evangelischen Kirchenparlamentes gab es nur eine Detailfrage zum Kostenverteiluungssystems zwischen den Mülheimer und Oberhausener Gemeinden.

Superintendent, Gerald Hillebrand, betonte: „Es geht hier nicht um eine Fusion der Kirchenkreise, sondern nur um den Grundsatzbeschluss für eine Zusammenlegung der beiden Kirchenverwaltungen. Wir erhoffen uns von dieser Zusammenlegung keine Einsparungen, sondern nur eine langfristige Qualitätssicherung. Indem die Personaldecke der gemeinsamen Kirchenverwaltung größer wird, lassen sich für krankheits- oder urlaubhalber ausfallende Mitarbeitende leichter Vertretungen organisieren.“

Infolge des in Mülheim und Oberhausen getroffenen Synodalbeschlusses wird jetzt eine paritätisch mit Vertretern aus den beiden Kirchenkreisen gebildete Arbeitsgemeinschaft gebildet. Sie wird den bereits vorliegenden Satzungsentwurf zum Beispiel mit Blick auf die detaillierte Organisationsplanung und einen Kostenverteilungsschlüssel nachjustieren. Endgültig abgesegnet werden soll die Zusammenarbeit und die Zusammenlegung der Kirchenverwaltungen in Mülheim und Oberhausen bei den ordentlichen Frühjahrssynoden, Mitte Mai in Oberhausen, und Anfang Juni in Mülheim. 


Mülheimer Presse & Evangelische Stadtkirche

 1929 als Gasbehälter errichtet, dient der 117 Meter hohe Gasometer in Oberhausen seit 30 Jahren als extravaganter Ausstellungsraum. Dieser ...