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Dienstag, 16. Dezember 2025

Ambivalente Persönlichkeit

"Eigentlich hättest du in einem Knzentrationslager ums Leben kommen müssen. Mein liebes Kind, dort wo ich gestanden habe, habe ich größeres Übel verhindert und die Reste unseres Kultur- und Rechtsstaates gerettet."

Dieser vom Archivpädagogen und Historiker, Patrick Böhm, zitierte Wortwechsel ereignete sich im Jahr 1956 zwischen dem ehemaligen Oberbürgermeister Edwin Hasenjäger und seiner Tochter Margarete. Er veranschaulicht die Nachwirkungen der nationalsozialistischen Diktatur und den daraus erwachsenen Generationenkonflikt in der Nachkriegszeit.


1956 lag die Amtszeit Edwin Hasenjägers als Mülheimer Oberbürgermeister (1936-1946) schon ein Jahrzehnt zurück.

Der 1888 in Pommern geborene Juristen und Verwaltungsfachmann Edwin Hasenjäger hatte, um ein Wortbild des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl zu bemühen, die Ungnade der späten Geburt. Hasenjäger gehörte zur Generation, die im monarchischen Obrigkeitsstaat des Deutschen Kaiserreiches sozialisiert und in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus Verantwortung zu tragen hatte.

Patrick Böhm beleuchtete mit seinem Vortrag im Haus der Stadtgeschichte die ambivalente Persönlichkeit Hasenjägers auf der Grundlage der Quellen, die das Stadtarchiv und das Landesarchiv hergeben. Überraschend stellte er fest, dass es keine, sonst übliche, Zusammenfassung des Entnazifizierungsverfahrens Hasenjägers gebe. Hasenjäger war bis 1933 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und ab Mitglied 1937 der NSDAP. Ein Jahr zuvor war er als Oberbürgermeister von Rheydt nach Mülheim an der Ruhr gewechselt, um dort den städtischen Haushalt zu sanieren, den sein nationalsozialistischer Vorgänger, der Reichsbahnbeamte, Wilhelm März ruiniert hatte.  

Vor allem in dem Künstler Otto Pankok fand Hasenjäger nach dem Krieg einen Fürsprecher. Denn als Oberbürgermeister hatte er Pankoks Werke für das städtische Kunstmuseum angekauft, als der 1893 in Saarn geborene Maler, Grafiker und Bildhauer den Nationalsozialisten als "entarteter" Künstler galt, nachdem er in seiner Passion vom NS-Regime verfolgte Künstler in der Person des gekreuzigten Jesu dargestellt hatte. Auch wenn er im November 1938 die Brandschatzung der Synagoge am damaligen Viktoriaplatz nicht verhindern konnte, fällt doch auf, dass er in seiner Zeit als Oberbürgermeister im pommerschen Stolp zwangspensioniert worden war, nachdem er gegen den nationalsozialistischen Kaufboykott gegen jüdische Geschäftsinhaber vorgegangen war. 

Den Mülheimern bleibt Hasenjäger vor allem deshalb in guter Erinnerung, weil die Versorgungslage im Mülheim der Kriegsjahre unter seiner Führung vergleichsweise gut war.

Konsequenterweise ließ der Oberbürgermeister kurz vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 11 April 1945 die von der Stadt gehorteten Lebensmittel an die Bevölkerung verteilen. Und obwohl er nach dem Einmarsch der US-Truppen, der für Mülheim das Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Herrschaft brachte, seines Amtes enthoben und in Frankreich interniert wurde, zeigt seine Reaktivierung als Oberbürgermeister durch die britische Besatzungsmacht am 11. Oktober 1945, das Hasenjäger auch in den Augen der britischen Militärregierung kein lupenreiner Nationalsozialist gewesen ist. 

Dennoch holte ihn die Tatsache ein, dass er als Oberbürgermeister an der Spitze der von der Staatspartei NSDAP gleichgeschalteten Stadtverwaltung gestanden hatte. Eine Ratsmehrheit aus Sozialdemokraten und Kommunisten zwang Hasenjäger am 30. April 1946 zum Rücktritt. Dabei war die Kontroverse um die Wiedereinführung der konfessionellen Volksschulen, die von den Nationalsozialisten zugunsten einer Gemeinschaftsschule abgeschaft worden waren, nur ein äußerer Anlass. Obwohl Hasenjäger noch bis zu seinem Tod, im Jahr 1972, in seiner wahlheimat Mülheim an der Ruhr lebte, strebte er nach seinem Rücktritt kein kommunalpolitisches Comeback an. Stattdessen war er als Wirtschaftsberater und in verschiedenen Aufsichtsräten tätig.


Zum Stadtarchiv

Samstag, 31. August 2024

Warum immer wieder dienstags?

 In Deutschland wählen wir sonntags, an dem Tag, an dem Gott, der biblischen Überlieferung zufolge, an dem Gott sich von seinem Schöpfungswerk ausruhte und an dem auch wir eine schöpferische Pause einlegen dürfen, nicht nur um zu wählen. 

Übrigens. Merken Sie sich schon mal den Sonntag, 28. September 2025, vor. Dann steht die Bundestagswahl und damit voraussichtlich auch die Kommunalwahl in unserem Kalender. Nicht nur in Thüringen, Sachsen und Brandenburg wird, immer wieder sonntags, gewählt, sondern auch in den USA, aber nicht an einem Sonntag, sondern an einem Dienstag, dem ersten Dienstag im November.

Wenn es nach den Deutschen ginge, wäre die 60. Präsidentschaftswahl schon zugunsten der Demokratin Kamala Harris entschieden, die damit als erste Präsidentin der USA und als 47. Präsident der USA ins Weiße Haus einziehen könnte, nachdem die erste Präsidentschaftskandidatin der US-Geschichte 2016 gegen den späteren US-Präsidenten Trump verloren hatte

Der jüngste Deutschlandtrend der ARD zeigt: 77% der Befragten würden das demokratische Ticket Harris/Walzt wählen und nur 10% das republikanische Ticket Trump/Vance 

Aber wir Deutschen dürfen in den USA natürlich nicht mitwählen, obwohl uns das Wahlergebnis in jedem Fall unmittelbar beeinflussen wird. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sowohl Trump als auch Walz deutsche Vorfahren haben, die aus der Pflaz und aus Baden in die USA eingewandert sind.

Immerhin einem Viertel der Amerikaner geht es so, wie Trump und Walz. Sie haben deutsche Vorfahren.

Während die Wahl von Kamala Harris ein historisches Novum wäre. Sie ist nicht nur eine Frau, sondern hat auch indische und jamaikanische Wurzeln, würde für den erneuten Einzug des 2020 abgewählten Präsidenten Trump ins Weiße Haus gelten müssen: Alles schon mal da gewesen. Denn der Demokrat Grover Cleveland wurde 1884 zum 22. und 1892 zum 24. Präsident der USA gewählt. Der vormalige Bürgermeister von Buffalo und Gouverneur von New York war auch der erste Junggeselle, der ins Weiße Haus einzog und sich dort 1886 traute seine First Lady NN zu heiraten.

Wie Trump 2016, wurde auch Cleveland, der in den USA die progressive Einkommenssteuer einführte, an einem ersten Dienstag im November in sein Amt gewählt. Warum nicht an einem Sonntag?

Die Kongressabgeordneten und US-Senatoren entschieden sich 1845 für eine Dienstagswahl, die sie 1872 und 1915 auch auf das Repräsentantenhaus und auf den Senat übertrugen, weil für sie der Sonntag als Tag des Herrn nicht für einen politischen Wahlakt eigne. Auch den Samstag und den Donnerstag schlossen sie als Markttag und als traditionellen Wahltag der ehemaligen britischen Koilonialtag kategorisch aus. Der Freitag galt ihnen als Vorbereitungstag für den Markttag am Samstag. Und der Montag wurde von ihnen als notwendiger Anreisetag der Wähler angesehen, so dass für sie nur der Dienstag als Wahltag in Frage kam.

Einen Anreisetag brauchten, die frühen Präsidentschaftswähler, weil sie nach der Einführung des allgemeinen und freien Männerwahlrechtes, im Jahre 1830, nur in den Bezirkshauptstädten der USA wählen und deshalb zu Fuß oder per Kutsche anreisen mussten. Das galt auch für die von ihnen gewählten Wahlmänner, die im Wahlmännerkollegium als Repräsentanten der Bundesstaaten, die eigentliche Präsidentschaftswahl im Kongress zu Washington vollzogen.

Dieses für uns Europäer ungewöhnliche indirekte Mehrheitswahlrecht kann im Extremfall dazu führen, zuletzt bei der Präsidentschaftswahl 2016, dass auch ein Kandidat zum Präsidenten gewählt wird, der in der Urwahl weniger Stimmen als sein Kontrahent, aber die Mehrheit im Wahlmännerkollegium gewonnen hat. Denn bei den US-Präsidentschaftswahlen, an denen seit 1865 auch schwarze Männer und seit 1920 auch Frauen teilnehmen können, gilt in allen Bundesstaaten: "The Winner takes it all!" ("Der Sieger bekommt alles!") Wer in einem Bundesstaat im Zweifel auch nur eine knappe Mehrheit der Stimmen gewinnt, bekommt alle Wahlmännerstimmen des jeweiligen Bundesstaaten.

Wahlentscheidend ist dabei der Ausgang in den sogenannten Swing States, die mal mehrheitlich für einen demokratischen oder für einen republikanischen Kandidaten stimmen. Als Swing States gelten zurzeit: Michigan, Ohio, Florida, Pennsylvania, South und North Carolina, Minnesota, Wissconssin, Arizona, Georgia, Nevada und New Mexico. Diese Wechselwählerstaaten stellen aktuell, gemessen an ihrer Bevölkerung, 130 der aktuell 538 Wählmänner und Wahlfrauen.

Sollte tatsächlich mit der ersten Vizepräsidentin der USA, Kamala Harris, am 20. Januar 2025 erstmals eine US-Präsidentin ins Weiße Haus einziehen, würde ihr Ehemann, der Rechtsanwalt, Douglas Emhoff, der erste First Gentleman der USA. Und des würde sich die Prognose des republikanischen US-Präsidenten Gerald Ford bewahrheiten. Er hatte während seiner Amtszeit (1974-1977) die entsprechende Frage einer Schülerin dahingehend beantwortete, dass die erste Frau, die als US-Präsidentin ins Weiße Haus einziehen werde, eine ehemalige Vizepräsidentin sein werde, deren Präsident gestorben oder aus gesundheitlichen Gründen auf eine Wiederwahl verzichtet habe.



Mittwoch, 6. September 2023

Mülheims erste Frau im Bundestag

Ministerpräsidentin, Oberbürgermeisterin, Bundeskanzlerin. Alles schon mal dagewesen. Und doch bleibt die Gleichberechtigung der Geschlechter in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bis heute ein Thema. Als die Christdemokratin Gisela Prätorius vor 70 Jahren als erste Frau für Mülheim in den zweiten Deutschen Bundestag gewählt wurde, waren Frauen in der Politik noch die Ausnahme. Mit der chritdemokratischen Juristin Dr. Elisabeth Schwarzhaupt sollte erst 1961 erstmals eine Frau, in ihrem Fall als Bundesgesundheitsministerin, Teil einer Bundesregierung werden. Dank der vier Mütter des Grundgesetztes, Elisabeth Selbert, Helene Müller, Helene Wessel und NN Nadig war die Rechtsgleichheit von Frau und Mann damals seit vier Jahren im Artikel 3 des Grundgesetzes verankert.

Aber die gesellschaftliche Wirklichkeit sah noch anders aus- Von Rechtswegen war der Ehemann und Vater das Oberhaupt der Familie. Nur mit seiner Zustimmung durften Ehefrauen und Mütter ein eigenes Konto eröffnen oder einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Und nichtverheiratete Paare bekamen weder ein Hotelzimmer, geschweige denn eine Wohnung. Das sollte sich erst Mitte der 1970er Jahre ändern.

Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund trat die damals 51-jährige CDU-Landtagsabgeordnete Gisela Prätorius am 6. September 1953 bei der zweiten Bundestagswahl im Wahlkreis Mülheim an. Der wurde damals vom Sozialdemokraten Otto Striebeck in Bonn vertreten. Die aus Ostdeutschland stammende Berufsschullehrerin und fünffache Mutter hatte sich dort vor allem um die Jugend und Familie gekümmert. Gisela Prätorius, die in den 1920er Jahren an der Berliner Hochschule für Politik studiert hatte  und ihr Mann, der Pfarrer Wilhelm Prätorius gehörten während der NS-Zeit zur regimekritischen Bekennenden Kirche und standen deshalb unter ständiger Beobachtung und Repression der Geheimen Staatspolizei.

Vor allem die Erfahrung der NS-Diktatur und die von den deutschen Christen fast widerstandlos hingenommene Verfolgung und Ermordung ihrer jüdischen Nachbarn, motivierte Prätorius dazu, nach dem Kriegsende in der CDU politisch aktiv zu werden, die sich, anders, als die Zentrumspartei der Weimarer Republik, als überkonfessionelle christliche Volkspartei aufgestellt hatte. Neben Chris-, Sozial- und Freien Demokraten standen bei der zweiten Bundestagswahl am 6. September auch die 1956 vom Bundesverfassungsgericht verbotene Kommunistische Partei Deutschlands, die konservative Deutsche Partei, die Gesamtdeutsche Volkspartei und der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten auf dem Wahlzettel.

Zwar konnten die Christdemokraten auf Bundesebene vom einsetzenden westdeutschen Wirtschaftswunder und von ihren populären Spitzenkandidaten, Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard profitieren. Hinzu kam, dass der von der Roten Armee und der SED am 17. Juni 1953 blutig niedergeschlagene Volksaufstand in der DDR Adenauers Politik der Westbindung in der Öffentlichen Meinung als alternativlos erscheinen ließ. Doch in Mülheim rechnete niemand mit dem Sieg der damals in Düsseldorf lebenden Christdemokratin Prätorius. Denn bei der Kommunalwahl 1952 hatten die Mülheimer Sozialdemokraten mit ihrem beliebten Oberbürgermeister Heinrich Thöne die politischen Früchte des Wiederaufbaus einfahren können. Sie waren mit 46,9 Prozent der Stimmen zur stärksten Partei geworden, während die CDU mit 27,2 Prozent der Stimmen abgeschlagen auf Platz Zwei der Wählergunst gelandet war.

Doch am Wahlabend des 6. September 1953 konnte Gisela Prätorius mit 42,6 Prozent der Erststimmen das Mülheimer Direktmandat gewinnen. Der amtierende SPD-Bundestagsabgeordnete Otto Striebeck ging diesmal mit 40,9 Prozent der Stimmen nur als zweiter durchs Ziel. Auch bei den Zweitstimmen hatten die Christdemokraten mit 40,5 Prozent die Nase vorn. Die Sozialdemokraten errangen 39,8 Prozent der Zweitstimmen und folgten mit knappem Abstand auf Platz Zwei.

Mülheimer Christdemokraten chauffierten ihre unerwartete Wahlsiegerin mit einer Autokolonne zum Gesellenhaus an der Pastor-Jakobs-Straße und ließen dort bei ihrer Wahlparty die Sektkorken knallen.

Für Gisela Prätorius blieb das Mülheimer Bundestagsmandat nur ein politisches Intermezzo. Bei der dritten Bundestagswahl schickten die Mülheimer Christdemokraten ihren Kreisvorsitzenden Max Vehar ins Rennen um das Mülheimer Direktmandat, dass dieser mit nur 844 Stimmen Vorsprung gewinnen sollte. Gisela Prätorius wechselte 1958 als Abgeordnete erneut in den Landtag. Sie starb 1981 im Alter von 79 Jahren. Bis heute sind Gisela Prätorius und Max Vehar die einzigen Christdemokraten geblieben, die das Mülheimer Direktmandat gewinnen konnten. Max Vehar, Helga Wex. Andreas Schmidt und Astrid Timmermann-Fechter sind später jeweils über die Landesliste der CDU in den Deutschen Bundestag eingezogen. 

Mittwoch, 7. Juni 2023

"Wenn wir schreiten, Seitan Seit!"

 "Alles Neue macht der Mai." So dichtete 1829 der Mülheimer Dichter, Lehrer und Heimatforscher Hermann Adam von Kamp. 1863, also vor 160 Jahren, brachte der Mai den neuen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein hervor. Ein Jahr später gab es ihn auch in Mülheim. Er war der Vorläufer der deutschen Sozialdemokratie. Dass heute bekannte Kürzel SPD bürgerte sich ab 1891 ein. 

Damals kam die neue Sozialdemokratische Partei Deutschlands aus dem Untergrund zurück an die Oberfläche des politischen Kräftespiels. Zwischen 1878 und 1890 hatten Bismarcks Sozialistengesetze die Sozialdemokraten in die Illegalität gedrängt und der staatlichen Verfolgung ausgesetzt, Auch nach dem Ende der Sozialistengesetze galten die auch in Mülheim aktiven Sozialdemokraten Kaiser Wilhelm II. als "vaterlandslose Gesellen."

Politische Herzensanliegen

Das 1891 in Erfurt beschlossene Programm der damals von August Bebel geführten SPD formulierte bis heute gültige sozialdemokratische Herzensanliegen. Was der erste sozialdemokratische Bundeskanzler 1969 in seiner ersten Regierungserklärung auf die Formel: "Wir wollen mehr Demokratie wagen!" galt auch schon für die Sozialdemokraten zu Kaisers Zeiten. 

Die SPD war die erste Partei in Deutschland, die zum Beispiel die Legalisierung der Gewerkschaften und das Frauenwahlrecht forderte. Auch freie Volksbildung und die Garantie der Grundrechte, die mit der Reichsverfassung von 1871 noch nicht gegeben war, gehörten zur politischen DNA der frühen Sozialdemokraten. Zu ihnen gehörte auch der Lehrer und Journalist Wilhelm Hasenclever und der Tischler Klemens Hengsbach, die 1866 und 1902 in den Deutschen Reichstag einzogen. Hier stellten die Sozialdemokraten ab 1912 die stärkste Fraktion. Daran konnte auch nichts ändern, dass Kaiser Wilhelm II. die Sozialdemokraten als "vaterlandslose Gesellen" diffamierte.

Da die Regierung des Kaiserreiches nicht dem Reichstag, sondern nur dem Kaiser und preußischen König gegenüber verantwortlich war, trotz zunehmender Anhängerschaft, erst nach dem Übergang vom Kaiserreich zur Republik ab 1918 politische Macht ausüben. Dies galt auch für die kommunale Politik, der die Sozialdemokratie bis zum Ende des preußischen Dreiklassen-Zensus-Wahlrechtes politisch ausgebremst hatte. Das von 1850 bis 1918 in Preußen bei Landtags- und Kommunalwahlen praktizierte Dreiklassen-Wahlrecht teilte die Wählerschaft nach ihrem Steueraufkommen ein und sicherte so dem steuerzahlenden Wirtschaftsbürgertum und dessen liberalkonservativen Vertretern in Landtagen und Stadträten eine 2/3-Mehrheit. Mit der Einführung des Frauenwahlrechtes, der Tarifautonomie und des Achtstundentages konnten die Sozialdemokraten unter der Führung des späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert zentrale Forderungen durchsetzen. Nicht von ungefähr ist seit 1949 auch in Mülheim eine Straße nach Friedrich Ebert benannt.

Von der System-Opposition zur staatstragenden Partei

Bei den ersten republikanisch-demokratischen Wahlen wurde die Sozialdemokratie 1919 nicht nur im Reich, sondern auch in Mülheim zur stärksten politischen Kraft. Zwischen 1920 und 1932 war mit Ernst Tommes erstmals ein Sozialdemokraft als Beigeordneter für die kommunale Sozial- und Gesundheitspolitik zuständig.

Die meisten sozialdemokratischen Kommunalpolitiker waren in den 1920er Jahren, so wie der damalige Partei- und Fraktionsvorsitzende Wilhelm Müller (1890-1944) hauptamtliche Gewerkschaftssekretäre. Das galt auch für den damaligen SPD-Stadtverordneten und späteren Oberbürgermeister Heinrich Thöne (1890-1971).

So wie die Sozialdemokraten im Reichstag im März 1933 das Ermächtigungsgesetz ablehnten, so lehnten sie im Mülheimer Stadtrat auch die ersten Beschlüsse der aus Nationalsozialisten und Deutschnationalen gebildeten Ratsmehrheit, wie die Ehrenbürgerschaften für Reichskanzler Adolf Hitler und für den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg sowie den Ausschluss jüdischer Unternehmer von der städtischen Auftragsvergabe ab.

Widerstand und Verfolgung

Für viele politische aktive Sozialdemokraten begann nach dem Verbot ihrer Partei im Sommer 1933 die Zeit des Widerstands. Wilhelm Müller, dessen gleichnamiger Sohn zwischen 1965 und 1980 für die Mülheimer SPD im Deutschen Bundestag sitzen sollte, musste diesen Widerstand gegen Hitler, ebenso wie seine kommunistischen Ratskollegen Otto Gaudig und Fritz Terres mit dem Leben bezahlen.

Auferstanden aus Ruinen

Nach dem Ende der NS- und Kriegszeit, gründete sich die SPD auch in Mülheim neu. Mit dem Leiter der örtlichen Allgemeinen Ortskrankenkasse, Heinrich Thöne, stellte die SPD ab 1948 erstmals den Mülheimer Oberbürgermeister. Auch die erste Oberbürgermeisterin der Stadt, die 1982 ins Amt gewählte Eleonore Güllenstern und der Journalist und erste Mülheimer Bundestagsabgeordnete Otto Striebeck (1894-1972) war ein Sozialdemokrat.

Getragen von einer breiten Zustimmung und Verankerung in der Stadtgesellschaft und begünstigt durch die Erfolge des Wiederaufbaus und des nachfolgenden westdeutschen Wirtschaftswunders, wurden die Sozialdemokraten zwischen 1948 und 1994 zur politisch bestimmenden Kraft. Auch die direktgewählten Mülheimer Landtagsabgeordneten Bundestagsabgeordneten sind seit 1950 bzw. seit 1961 durchgehenden Sozialdemokraten.

Mit Bodo Hombach stellten die Mülheimer Sozialdemoraten in den 1990er Jahren einen Landes- und Bundesminister und mit Hannelore Kraft zwischen 2010 und 2017 die NRW-Ministerpräsidentin. Die kommunalpolitische Dominanz der SPD ging aber nach dem Rücktritt der Oberbürgermeisterin, Eleonore Güllenstern, die sich 1994 in eine private Kreditaffäre verstrickt war, verloren. Auch die Direktwahlen für das Oberbürgermeisteramt gingen 1999, nur um wenige Stimmen, und mit deutlichem Abstand 2020 verloren.

Parteien und Politik im sozialen Wandel 

Wie die Volkspartei CDU auch, mussten die Sozialdemokraten in den vergangenen 25 Jahren einen starken Mitgliederschwund hinnehmen, weil gesellschaftliche Milieus, wie das der Industriearbeiterschaft bröckeln und unter dem sozialen Mega-Trend der Individualisierung und des demografischen Wandels die Zahl der Menschen abnimmt, die bereit sind, sich parteipolitisch dauerhaft zu binden. So ist die Zahl der Mülheimer SPD-Mitglieder seit 1998 von 4500 auf jetzt 1200 abgesunken.


Zur Mülheimer SPD


Montag, 27. Juni 2022

Mehr Frieden!

 Angesichts der Kriegsbilder aus der Ukraine Konnten Mülheimer Zeitzeugenberichte aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren in Deutschland nicht aktueller sein. Ursula Ulrike Storks, Jutta Lose und Horst Heckmann berichteten im evangelischen Gemeindezentrum am Scharpenberg einem interessiert zuhörenden und mitdiskutierenden Publikum ihre Erinnerungen, die ihnen gerade jetzt wieder ins Bewusstsein kommen und manchmal auch zu Tränen führen.

Eingeladen hatten Harald Karutz, Merit Tinla und Iris Schmidt  vom Psychosozialen Krisenmanagement der Stadt und von der Vereinen Evangelischen Kirchengemeinde.

„Vieles,  was ich heute vom Krieg in der Ukraine sehe und höre, erinnert mich an die NS-Zeit. Wie in Russland, so wurden wir auch wir damals von gleichgeschalteter Staatspropaganda indoktriniert. Über kritische Themen wurde die Decke des Schweigens gelegt. Das Hören der deutschen BBC war während des Zweiten Weltkrieges streng verboten. Wer es trotzdem tat, konnte dafür hingerichtet werden“, erinnert sich der 1928 geborene Styrumer Horst Heckmann.

Auch die politische Instrumentalisierung der Geschichte,  wie der russische Präsident Putin vorexerziert, erinnert Heckmann an seine Kindheit und Jugend. „Nur weil viele Deutsche den Versailler Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Reparationen und seinen wirtschaftlichen Folgen nicht als gerecht empfanden, wurde der Boden für den politischen Aufstieg Hitlers bereitet.“,  ist der heute 94-Jährige überzeugt. Als junger Wehrmachtssoldat erlebte er 1945 in Mecklenburg den Beschuss von Flüchtlingstracks durch die sowjetische Luftwaffe und die massenhafte Vergewaltigung deutscher Frauen durch sowjetische Soldaten, denen sich viele Frauen durch Suizid entzogen.

Er sagt  angesichts der aktuellen politischen Weltlage: „Wir müssen heute wachsam sein und uns gute Argumente für den Frieden bewahren. Wir dürfen nicht der Propaganda folgen.“

Die 1939 am Schildberg geborene und aufgewachsene Ursula Ulrike Storcks wurde durch die Corona-bedingten Warteschlangen vor den Supermärkten und durch die Kriegsbilder aus der Ukraine an ihre Kindheit erinnert,

Stocks berichtete eindrucksvoll vom Einmarsch der amerikanischen Soldaten am 11. April 1945. „Jetzt ist Frieden!“ sagte ihr damals die Mutter. Und sie fragte zurück: „Was ist denn Frieden?“ Darauf antwortete die Mutter: „Frieden ist, wenn wir nachts ruhig schlafen können und wenn du draußen auf der Straße spielen kannst, ohne Angst zu haben. Stork berichtete: „Die amerikanischen Soldaten waren freundlich zu uns Kindern. Sie winken uns zu sich und gaben uns, was wir gar nicht kannten, Bananen Schokolade und Kaugummi. Wir recherchierten uns mit einem Lied. Dann zeigten uns manche Soldaten Fotos mit ihren Kindern und Frauen. Manche haben auch geweint und wir haben sie getröstet. Es gab Erwachsene, die nicht wollten dass wir zu den Amerikanern gingen, aber die Gis haben darauf bestanden. Die britischen Besatzungssoldaten die den Amerikanern im Juni 1945 folgten, war nicht so freundlich. Sie haben uns oft beschimpft oder mit Steinen beworfen.“

Angesichts der unfriedlichen werdenden Zeiten war sich das Publikum einig, dass der Wert der Zeitzeugen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit unschätzbar ist. Viele Zuhörer berichteten Kriegsgeschichten aus ihren Familien und machten klar, dass die Kriege über Generationen psychisch nachwirken.

Die 1949 in Dümpten geborene und aufgewachsene Zeitzeugin Jutta Loose hat als Mädchen aus der Nachkriegszeit in Erinnerung behalten, „dass mein Vater als Kriegsversehrter heimkehrte und ich damals sogar Kriegsversehrte gesehen habe, die auf der Straße gebettelt haben, um zu überleben.“

Der große und mit Obst und Gemüse ertragreiche Garten ihrer Großeltern war das Paradies ihrer Kindheit, auch wenn sie „mit meinen Eltern bis 1954 in einem Zimmer leben musste und wir nur ein Plumpsklo hatten.“

Sie berichtete, dass ihr Vater seinen rechten Arm gar nicht mehr und seine linke Hand nur sehr eingeschränkt benutzen konnte.

Lose: „Ich konnte mit meinem Vater keine Ballspiele machen, nur Karten und Knobel waren drin. Meine Mutter musste meinem Vater das Essen mundgerecht zubereiten. Und ich musste schnell selbstständig werden. Deshalb habe ich auch schon früh mit Messer und Gabel gegessen und mir selbst die Schuhe geschnürt.“

Der Krieg holte sie und ihre Spielkameraden aber ein, als sie beim „Rodeln in der Russenkuhle Skelette entdeckten, die von russischen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern stammten. Loose sagt heute: „Ich weiß nur eins: Wir brauchen Frieden.“

Horst Heckmann kann sich erinnern, als Kind in der Stadt Männer in Häftlingskleidung gesehen zu haben. Er gibt zu: „Wir haben damals mit ihnen kein Mitleid,  weil wir sie aufgrund der NS Propaganda für Verbrecher hielten.“

Nach dem Zeitzeugengespräch bekannte der 17-jährige Bezirksschülersprecher und Jugend Stadtrates Samuel Bilak: „Vielen Dank.  Was Sie leisten, kann kein Geschichtsbuch und kein Geschichtslehrer leisten. Es ist etwas  anderes historische Tatsachen zu lesen oder von Zeitzeugen erzählt zu bekommen. Das ist für mich überwältigend. Das muss ich erst mal sacken lassen.“

Mittwoch, 19. Januar 2022

Unter dem Hakenkreuz

 Man könnte das Foyer der alten Augenklinik, die nach ihrem Umbau 2013 zum Haus der Stadtgeschichte und zur städtischen Musikschule geworden ist, als einen leeren und zwecklosen Raum erleben, wenn das Stadtarchiv diesen Raum und seine Betonwände nicht regelmäßig zu einer geschichtsträchtigen Ausstellungsfläche machen würde.


Jetzt haben Archivleiter Dr. Stefan Pätzold, Inge Ketzer und Karl-Heinz Zonbergs, beide Vorstandsmitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und des Bundes der Antifaschisten (VVN-BDA) im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37 eine neue stadtgeschichtliche Ausstellung vorgestellt, die das dunkelste Kapitel der Mülheimer Geschichte, dessen Jahre unter dem Hakenkreuz beleuchtet.

Nicht nur für Schulklassen und Geschichtskurse ist es interessant, in Wort und Bild die zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 aus der lokalen Perspektive vor Augen geführt zu bekommen. Wer sich die Ausstellung anschaut begreift schnell, warum Oberbürgermeister Marc Buchholz die Erinnerung an Krieg und nationalsozialistische Gewaltherrschaft am Volkstrauertag 2021 als "eine humanitäre Verpflichtung" bezeichnet hat, "um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen!"

Aktuelle rechtsextremistische Tendenzen in unserer Gesellschaft zeigen, dass die mahnende Erinnerung an die NS-Zeit zeitlos aktuell bleibt, auch wenn die jetzt präsentierte Ausstellung schon über 30 Jahre alt ist. "Wir müssen alles dafür tun, dass Rechtsextremisten und Rassismus nicht noch mehr Boden in unserer Gesellschaft gewinnen, als sie ihn jetzt schon gewonnen haben. Aber dafür müssen viel mehr Menschen mithelfen", betont die Vize-Vorsitzende der VVN-BDA, Inge Ketzer.

Die jetzt bis Ende April im Haus der der Stadtgeschichte zu sehende Ausstellung, die den Widerstand und die Verfolgung im Mülheim unter dem Hakenkreuz dokumentiert, wurde von 1981 bis 1987 im Rahmen eines Kurses der Heinrich-Thöne-Volkshochschule erstellt und um eine inzwischen neu aufgelegten und in der Buchhandlung Fehst am Löhberg 4 für 16 Euro erhältlichen Dokumentation ergänzt.

Diese Dokumentation zeigt nicht nur jüdische, christliche, sozialdemokratische und kommunistische Schicksale der Widerstands- und Verfolgungsgeschichte des Dritten Reiches. Sie zeigt auch wie und warum Hitler und die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen und sich dort zwölf Jahre lang halten konnten.


Nicht nur Opfer und Widerstandskämpfer


Wir begegnen in dieser Wanderausstellung nicht nur den Opfern des antifaschistischen Widerstands, wie etwa den Stadtverordneten Wilhelm Müller (SPD), Fritz Terres und Otto Gaudig (beide KPD), sondern auch den Mülheimer Steigbügelhaltern Hitlers, den Industriellen Fritz Thyssen und Emil Kirdorf oder dem überlebenden NS-Juristen und Politiker, Werner Best. Er war während des Krieges unter anderem Reichsstatthalter im von Deutschland besetzten Dänemark. Nach dem Krieg kam er dann in der Essener Rechtsanwaltskanzlei Ernst Achenbach und später als Justitiar bei Stinnes unter.

Die per E-Mail an:  i.ketzer@vvn-bda-mh.de erreichbare Vizevorsitzende der VVN-BDA hofft darauf, dass ihre Vereinigung ab Februar auch Führungen durch die Ausstellung anbieten kann, wenn dies dann die Corona-Lage erlauben sollte.


Dienstag, 9. März 2021

Denk ich an Friedrich Ebert

 Eine der zentralsten Straßen der Stadt trägt seinen Namen: Friedrich Ebert wurde vor 150 Jahren geboren. Was hat uns der erste Sozialdemokrat an der deutschen Staats- und Regierungsspitze heute zu sagen? Die Mülheimer Woche befragte dazu denUnterbezirksvorsitzenden der aktuell 1300 Mitglieder zählenden Mülheimer SPD, Rodion Bakum.

Eine der zentralsten Straßen der Stadt ist nach dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (1871-1925 benannt. Warum macht das aus Ihrer Sicht auch heute noch Sinn?
Rodion Bakum: Weil uns nicht nur dieser Straßenname dazu anregt, uns mit unserer Geschichte und Kultur auseinanderzusetzen. Das gilt auch für umstrittene Straßennamen, wie den der Fritz-Thyssen Straße oder für die Frage, ob wir neben einer Konrad-Adenauer-Brücke und einem Theodor-Heuss-Platz vielleicht auch eine Helmut-Kohl-Brücke oder eine Clara-Zetkin-Straße haben sollten. Wenn man weiß, dass die Friedrich-Ebert-Straße früher Hindenburg-Straße hieß und heute an die zwischenzeitliche Adolf-Hitler-Straße, die seit 1945 wieder nach dem liberalen deutschen Kaiser Friedrich III. benannt ist, dann ist das schon eine Auseinandersetzung mit unserer Geschichte. Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, die ehemalige Hauptschule an der Bruchstraße nach Max Kölges zu benennen, wenn ich nicht über die Max-Kölges-Straße dazu motiviert worden wäre, mich mit der Biografie des in der genossenschaftlichen Daseinsvorsorge aktiven Handwerksmeister, Stadtrates und Bürgermeisters auseinanderzusetzen. Und so ähnlich ist das mit Friedrich Ebert auch.

Wie würden Sie Friedrich Ebert in der Geschichte einordnen?
Rodion Bakum: Er wat für Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und für die Sozialdemokratie des Kaiserreiches und der Weimarer Republik eine ganz zentrale Figur. Als ehemaliger Volksschüler und Sattlergeselle, der später in den Gewerkschaften, in der SPD und dann erst in der Kommunalpolitik aktiv wurde, war Ebert ein pragmatischer Reformpolitiker, der seine Wurzeln nie verleugnet hat und stolz auf sie war. Aus seiner eigenen Biografie wusste er sehr genau um die zentrale politische Bedeutung der Bildung als Voraussetzung für sozialen Aufstieg und politische Teilhabe. Deshalb macht es auch Sinn, dass die SPD ihre Stiftung nach Friedrich Ebert benannt hatte. Als sozialdemokratischer Reformpolitiker wollte Ebert keine Revolution, sondern die Monarchie beibehalten, weil er wusste, dass man gesellschaftliche Strukturen nicht von heute auf morgen ändern kann. Als er aber erkennen musste, dass er die Revolution nicht aufhalten konnte, setzte er sich an ihre Spitze, um sie mitgestalten kann. Ebert steht für die Wurzeln der Sozialdemokratie und für Errungenschaften wie den Achtstundentag, die Tarifautonomie, das Frauenwahlrecht und die grundsätzliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Nicht von ungefähr, war es die Sozialdemokratin Marie Juchacz, die die als erste Abgeordnete 1919 vor der Nationalversammlung der Weimarer Republik sprach. Darauf kann man als Sozialdemokrat stolz sein. Natürlich steht der von vielen hoch verehrte Friedrich Ebert auch für das sozialdemokratische Schisma. die Abspaltung der USPD und der KPD. Und er steht auch dafür in der Kritik, mithilfe alter Monarchisten die Rote Ruhrarmee und den Spartakusaufstand bekämpft und damit auch zur Ermordung der ehemaligen Sozialdemokraten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht mitverantwortlich zu sein. Friedrich Ebert war eine Lichtgestalt mit einigen Schatten. Er wurde von der extremen Linken als Arbeiterverräter und von der extremen Rechten als Vaterlandsverräter verleumdet, weil er politisch in der Mitte stand und bereit war, mit anderen demokratischen Parteien zusammenzuarbeiten.

Was würde Friedrich Ebert heute seinen sozialdemokratischen Genossen sagen, die ja aktuell auch in einer schwierigen Situation sind?
Rodion Bakum: Friedrich Eberts Feststellung: "Demokratie braucht Demokraten!" ist heute so aktuell wie zu seiner Zeit. Und sicher würde er uns vor dem Hintergrund seiner eignen Lebenserfahrung mit auf den Weg geben: "Vergesst eure Wurzeln nicht und macht Politik für die Menschen und nicht für die Partei. Genau das hat später auch Willy Brandt gesagt. Und sicher hätte er auch den für mich als Mediziner und Kommunalpolitiker prägenden Satz des österreichischen Sozialdemokraten, Arztes und Psychotherapeuten Alfred Adler unter- und uns ins Parteibuch geschrieben: "Unsere Aufgabe ist es, Gutes zu tun und Schaden abzuwenden, ob in der Medizin für die Patienten oder in der Politik für die Menschen."


aus der Mülheimer Woche vom 7. 3. 2021

Mittwoch, 7. Oktober 2020

"Beharren wir auf unserer Freiheit!"

Der Historiker Hubertus Knabe, in Mülheim aufgewachsen und ehemals Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen sprach zur Deutschen Einheit.

Mit einer starken und gegenwartsbezogenen Rede hat der in Mülheim aufgewachsene Historiker Hubertus Knabe am 3. Oktober im Ratssaal den 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung gewürdigt. Ein Kernsatz seiner zurecht mit viel Applaus bedachten Rede lautete: „Lassen wir uns nicht von der Angst leiten, sondern beharren wir auf unserer Freiheit.“ Mit dem Blick auf aktuelle Meinungsumfragen des Institutes für Demoskopie in Allensbach, zeigte der ehemalige Leiter der Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin Hohenschönhausen auf, dass bei vielen Bundesbürgern die Sicherheit vor der Freiheit rangiere und viele Menschen 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sogar Angst hätten, ihre Meinung zu politischen Themen öffentlich zu äußern. „Es bröckelt heute an vielen Stellen. Unsere Demokratie ist heute leider angefochtener und weniger stabil als vor 30 Jahren“, sagte der Sohn des aus Sachsen stammenden grünen Alt-Bürgermeister Wilhelm Knabe (96).

Der ehemalige Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde nannte Mauerfall und Wiedervereinigung „ein besonders schönes Beispiel dafür, dass Geschichte immer in Bewegung ist und dass auch eine Diktatur überwindbar ist.“ Er erinnerte daran, dass sein Vater als grüner Bundestagsabgeordneter in den Jahren 1987 bis 1990 die Opposition in der damals noch existierenden DDR aktiv unterstützt habe. „Auch wenn die Mehrheit gesichert ist, will ich mich nicht dahinter verstecken. Ich muss selbst entscheiden, wenn ich meinen Verwandten und meiner Frau, mit der ich 1959 aus der DDR geflohen bin, noch in die Augen schauen will“, zitierte Hubertus Knabe aus der Rede seines Vaters, in der er am 20. September 1990 vor dem Deutschen Bundestag begründete, warum er gegen die Mehrheit seiner Fraktion für den deutsch-deutschen Einigungsvertrag stimmen werde.

Am Beispiel von Nichten und Neffen, denen in der DDR das Abitur und ein Studium verweigert wurden, weil sie sich der Vereinnahmung durch die Indoktrination in den Massenorganisationen der SED-Staates entzogen, machte Knabe deutlich, dass die DDR unbestreitbar ein Unrechtsstaat gewesen sei. Wer heute in der Bundesrepublik Deutschland einen Systemwechsel als Teil des Kampfes gegen den Klimawandel fordere, solle nicht vergessen, dass der CO2-Ausstoß in der DDR doppelt so hoch wie im wiedervereinigten Deutschland gewesen sei. Geschichtsvergessene Menschen, die heute bei Demonstrationen gegen die Corona-Schutzbestimmungen vor dem Reichstag in Berlin die Reichskriegsflagge schwenken, zeigen in Knabes Augen, „dass auch unsere Demokratie keine Sicherheitsgarantie hat.“ Das Beispiel der Weimarer Republik zeige, so Knabe, „dass eine Demokratie auch in eine Diktatur hineinwachsen könne, die dann nur sehr schwer wieder zu beseitigen ist, wenn sie einmal Fuß gefasst hat.“ In diesem Zusammenhang forderte Knabe von der mittleren und älteren Generation verstärkte Anstrengungen, um die jüngere Generation politisch und historisch besser zu bilden und ihr aufzuzeigen, wie eine Diktatur entstehen könne und was der Verlust von Freiheit bedeute. Hier verwies der Historiker, der vor 42 Jahren sein Abitur an der Karl-Ziegler-Schule gemacht hat, darauf, dass die im Grundgesetz verankerten Grundrechte, anders als in den DDR-Verfassungen nicht nur Theorie, sondern auch politische Praxis seien. , weil sie eine Ideologie vertreten und gelebt habe, „in der das Individuum hinter dem Kollektiv zurücktreten musste“ und so zu einer „sozialistischen Verantwortungslosigkeit gezwungen wurde, in der sich niemand als eigenständige Persönlichkeit entfalten konnte.“

Freiheit, Eigenverantwortung und Eigeninitiative, so Knabe, „sind die Voraussetzungen und die Grundlage dafür, dass Deutschland heute eines der wohlhabendsten Länder der Erde ist.“ Der 1959 geborene Historiker, der in seiner Mülheimer Jugend zu den Blattmachern des alternativen Stadtmagazins Freie Presse gehörte, charakterisierte die im Grundgesetz verankerte „Meinungsfreiheit“ und die „Fähigkeit, auch die Meinungen Andersdenkender auszuhalten und nicht automatisch als Bedrohung anzusehen“ als „das Elixier der Demokratie, dass uns als Gemeinwesen innovationsfähig macht.“ In diesem Sinne warnte Knabe davor, „sich ein Freund-Feind-Denken zu eigen zu machen“, dass nicht nur in der SED-Diktatur der DDR systemimmanent gewesen sei.

er 54 Sitzplätze musste leer 

INFO: Corona-bedingt konnte am Festakt zum 30. Tag der Deutschen Einheit im wiedervereinigten Deutschland im Ratssaal nur wenige geladene Gäste teilnehmen. Jeder zweite der 54 Sitzplätze im Ratssaal musste mit Blick auf die aktuellen Hygiene- und Abstandsbestimmungen unbesetzt bleiben. „Danke, dass sie uns mit Ihrer Rede noch einmal den besonderen Wert der Freiheit ins Bewusstsein gerufen haben. Dieses Bewusstsein zu fördern und wachzuhalten, ist auch eine Aufgabe für uns Kommunalpolitiker“, sagte Bürgermeisterin Margarete Wietelmann, in an Knabe gewandt. Da der geplante Empfang nach dem Festakt Corona-bedingt ausfallen musste, bekamen nicht nur Hubertus Knabe, sondern alle Gäste des Festaktes eine Flasche Rotkäppchen-Sekt mit auf den Heimweg. Der Sekt aus der ostdeutschen Kellerei Rotkäppchen gehöre, so Margarete Wietelmann, zu den ehemaligen DDR-Marken, die die Wiedervereinigung erfolgreich überdauert haben und heute von einem Pressesprecher (Ulrich Ehmann) aus Mülheim promotet werden.

Dieser Text erschien am 4. Oktober 2020 in NRZ & WAZ

Samstag, 12. September 2020

Ein Streifzug durch die Mülheimer Wahlgeschichte

 Am 13. September haben alle Mülheimer, die mindestens 16 Jahre alt sind und die deutsche oder eine EU-Staatsbürgerschaft besitzen die Wahl. Sie wählen unter zehn Bewerbern eine Oberbürgermeisterin oder einen Oberbürgermeister, den Rat der Stadt und drei Bezirksvertretungen

Das war nicht immer so: Bis zum Ende des Kaiserreiches, im Jahr 1918, galt bei preußischen Kommunalwahlen und damit auch bei den Kommunalwahlen in Mülheim ein Dreiklassenwahlrecht. Es teilte die Bürger nach ihrem Steueraufkommen In 3 Klassen ein. Das führte dazu, dass die breite Bevölkerung, die vergleichsweise wenige Steuern zahlte, drei Viertel der Bevölkerung, aber nur ein Drittel der Stimmen stellte. Umgekehrt stellten die wohlhabenden Mülheimer, die sich in der ersten und zweiten Steuerklasse wiederfanden nur ein Viertel der Bevölkerung, aber zwei Drittel der Stimmen. Hinzu kam, dass die Frauen bis 1918 gar nicht stimmberechtigt waren. Am 2. März 1919 fand die erste Kommunalwahl statt, bei der Frauen wählen durften und gewählt werden konnten. Mit Luise Blumberg von der liberalen Deutschen Volkspartei, Maria Büßmeyer und Katharina Havermann (bei dem katholischen Zentrum) zogen damals die ersten Frauen ins Stadtparlament ein. Allerdings standen sie damals einer männlichen Übermacht von 69 Ratsherrn gegenüber Zum Vergleich: Von den heute 55 Stadtverordneten sind 11 Frauen. Es sollte bis 1982 dauern, ehe mit der Sozialdemokratin Eleonore Güllenstern die erste Frau zur Oberbürgermeisterin Mülheims gewählt wurde.

Anders, als ihre ab 1999 gewählten Nachfolger, waren Güllenstern und ihre Nachkriegsvorgänger nur Vorsitzende des Stadtrates und Repräsentanten der Bürgerschaft, während die Verwaltung zwischen 1946 und 1999 von einem Oberstadtdirektor geführt wurde. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Oberbürgermeister, wie heute, Repräsentanten der Bürgerschaft, Vorsitzende des Rates und Verwaltungschef. Sie wurden damals aber nicht direkt durch die Bürgerschaft, sondern durch die von den Bürgern gewählten Stadtverordneten ins OB-Amt gewählt. Das galt auch wie die Oberbürgermeister und Oberstadtdirektoren der Nachkriegszeit. Sie wurden nach der von der britischen Besatzungsmacht eingeführten Kommunalverfassung von 1946 nicht direkt durch die Bürgerschaft, sondern durch das Stadtparlament gewählt.

Vor 1918 führte das preußische Dreiklassenwahlrecht dazu, dass es im Stadtrat ausschließlich liberale und konservative Ratsherrn gab, die die Interessen des Bürgertums vertraten. So konnten die Sozialdemokraten erst mit der Einführung des allgemeinen Und demokratischen Kommunalwahlrechtes ab 1918 Einfluss auf die Mülheimer Kommunalpolitik gewinnen. Allerdings verteilten sich die Stimmen der Arbeiterschaft nicht nur auf die Sozialdemokraten, sondern auch auf das katholische Zentrum und die Kommunisten, die bis zu ihrem Verbot (1933 und 1956) im Stadtrat vertreten waren. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise und dem Anstieg der Arbeitslosigkeit, 1933 waren rund 17.000 der damals insgesamt 128.000 Mülheimer erwerbslos erhielten auch die Nationalsozialisten immer mehr Stimmen. Sie konnten 1929 erstmals mit einem Stadtverordneten Ins Stadtparlament einziehen

4 Jahre später stellten sie nach der Kommunalwahl im März 1933 mit 23 von 51 Ratsmitgliedern die stärkste Fraktion und bildeten mit den 6 Stadtverordneten ihrer Bündnispartner von dem Deutschnationalen Volkspartei erstmals die Ratsmehrheit. Diese nutzten sie, um den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und den von ihm ernannten Reichskanzler Adolf Hitler zu Ehrenbürgern der Stadt zu erklären. Gleichzeitig beschloss die neue Ratsmehrheit eine Verordnung zu verabschieden , die jüdische Unternehmen Von städtischen Aufträgen ausgeschlossen. Außerdem waren die gewählten Stadtverordneten der KPD bereits vor der konstituierenden Ratssitzung verhaftet worden. Mit dem Sozialdemokraten  Wilhelm Müller und den Kommunisten Fritz Terres und Otto Gaudig mussten 1944 und 1945 drei Stadtveordnete ihren Widerstand gegen Hitler mit dem Leben bezahlen. 1946 und 1995 beschloss der Rat der Stadt, alle in der NS-Zeit verliehenen Ehrenbürgerschaften abzuerkennen.

Mit dem Eisenbahninspektor Wilhelm Maerz wurde damals ein Nationalsozialist zum Oberbürgermeister gewählt . Er war als Verwaltungschef allerdings überfordert. Deshalb sahen sich die vom Stadtverordneten Karl Kamphausen geführten Nationalsozialisten gezwungen, ihren eigenen Parteigenossen durch den Verwaltungsfachmann, Edwin Hasenjaeger, zu ersetzen. Hasenjaeger sanierte die Stadtfinanzen und stärkte dem von den Nazis verfemten  Mülheimer Künstler Otto Pankok den Rücken, indem er seine Werke für das Kunstmuseum der Stadt ankaufte. Er musste aber 1937 auf Druck der Nationalsozialisten, die gleich gegenüber dem Rathaus im Horst-Wessel Haus an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße, residierten, in die NSDAP eintreten. Das wurde ihm zum Verhängnis. Nach dem Einmarsch der Amerikaner am 11. April 1945 wurde Hasenjaeger abgesetzt und interniert. Er wurde zwar später von der alliierten Militärregierung wiedereingesetzt, musste aber 1946 aufgrund des politischen Drucks von SPD und KPD endgültig zurücktreten.

Nach der ersten Kommunalwahl vom 13. Oktober 1946 stellte die Christdemokraten in dem bis dahin von der britischen Militärregierung ernannten Stadtrat, die Mehrheit und wählten damit ihren Vorsitzenden Wilhelm Diederichs zum Oberbürgermeister. Doch schon 2 Jahre später begann mit dem Wahlsieg der Sozialdemokraten und dem Amtsantritt ihres Oberbürgermeisters Heinrich Thöne eine über 40 Jahre währende Ära, in der sozialdemokratische Ratsmehrheiten, Oberbürgermeister und Oberstadtdirektoren die Geschichte der Stadt bestimmten. Der sozialdemokratische Oberbürgermeister Heinrich Thöne und der christdemokratische Bürgermeister Max Kölges wurden zu populären Galionsfiguren des Mülheimer Wiederaufbaus. Beide wurden deshalb 1960 und 1962 vom Rat der Stadt zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt. Die gleiche Ehre wurde der nationalliberalen Oberbürgermeister Paul Lembke am Ende seiner 24-jährigen Amtszeit 1928 zu Teil.

Lembke ging als der Vater der Mülheimer Großstadt in die Geschichte ein. Vieles von dem, was heute zu den Identifikationspunkten der Stadt gehört, geht auf seine Initiative zurück. Das gilt für den Bau des Rathauses und der Stadthalle ebenso wie für die Einrichtung des  Raffelbergparks, zu dem  bis 1992 ein Solbad gehörte, für die Eröffnung der Rennbahn am Raffelberg, für den Bau des Wasserbahnhofes und die Einrichtung der Weißen Flotte sowie für die Schaffung des Speldorfer Hafens . Unter Lembke wurde Mühlheim auch zum Standort das Kaiser Wilhelm-Instituts für Kohleforschung, das wir heute als Max-Planck-Institut kennen. Durch eine geschickte Eingemeindungspolitik überschritt Mülheim während seiner Amtszeit Im Jahr 1908 die 100.000-Einwohner -Grenze zur Großstadt. Unterstrichen wurden die Ambitionen der Großstadt auch durch die 1925 eröffneten Flughafen .

In den 1970er Jahren schlug sich der von Bundeskanzler Willy Brandt 1969 formulierte Anspruch: „Wir wollen mehr Demokratie wagen!“ auch in der Kommunalpolitik nieder. Damals wurde das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre gesenkt. Und mit den Bezirksvertretungen wurden erstmals bürgernahe Stadtteilparlamente gewählt. Für mehr demokratische Bürgernähe und politische Transparenz traten auch die Mülheimer Grünen ein, die erstmals 1984 neben Sozial,- Christ,- und Freidemokraten als vierte Fraktion ins Stadtparlament einzogen. Mit der Entscheidung des Landesverfassungsgerichtes wurde 1999 bei den Kommunalwahlen die bis dahin geltende 5%-Hürde abgeschafft. In der Folge wurde die Mehrheitsbildung in einem immer bunteren und damit auch repräsentativeren Rat immer schwieriger. Um die demokratische Repräsentation der Bürger zu stärken, beschloss der Landtag 1994 Reform der Kommunalverfassung. Wie in Süddeutschland, wurden ab 1999 auch in Nordrhein-Westfalen die Oberbürgermeister direkt durch die Bürger gewählt. Gleichzeitig wurde ihre Position gestärkt, indem sie in ihrem Amt den Ratsvorsitz und die Repräsentation der Bürgerschaft mit der Führung der Verwaltung vereinten. Die Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt, dass die gut gemeinten Kommunalwahlreformen nicht nur mehr Demokratie, sondern auch mehr Probleme Im Sinne einer Mehrheitsfindung im Rat und einer professionellen Stadtregierung mit sich gebracht haben. Gleich mit der ersten Direktwahl seines Oberbürgermeisters machte Mülheim im September 1999 bundesweit Schlagzeilen. Nachdem der Sozialdemokrat Thomas Schröer zunächst mit einem Vorsprung von 33 Stimmen zum Oberbürgermeister gewählt worden war, ergab eine Nachzählung der Stimmen, dass sein Gegenkandidat Jens Baganz von der CDU die OB-Wahl mit einem Vorsprung von 58 Stimmen gewonnen hatte. Zuvor hatten Christdemokraten und Grüne mit einer damals noch ungewöhnlichen schwarz-grünen Zusammenarbeit unter Führung von Oberbürgermeister Hans-Georg Specht (CDU) und Bürgermeister Wilhelm Knabe (Grüne) für bundesweites Interesse an der Mülheimer Kommunalpolitik gesorgt.

Hintergrund 

Carl von Bock und Polach war 1895 der erste Mülheimer Oberbürgermeister. Obwohl Mülheim damals noch keine 100.000 Einwohner hatte, verlieh ihm die preußische Regierung diesen Ehrentitel aufgrund seiner besonderen Verdienste um die Stadt . Der ehemalige Offizier und Verwaltungsbeamte hatte in seiner Amtszeit von 1879 bis 1902 unter anderem dafür gesorgt, dass Mülheim grüne Ruhranlagen, eine elektrische Straßenbahn, eine wirtschaftlich einträgliche Militärgarnison und ein Amtsgericht bekam. Ihm folgten die Oberbürgermeister Paul Lembke (1904 – 1928), Alfred Schmidt (1930- 1933), Wilhelm Maerz (1933 – 1936), Edwin Hasenjaeger (1936 bis 1946), Wilhelm Diederichs 1946 bis 1948, Heinrich Thöne (1948 bis 1969), Heinz Hager, 1969 bis 1974, Dieter aus dem Siepen (1974 bis 1982), Eleonore Güllenstern (1982 bis 1994), Hans-Georg Specht 1994 - 1999, Jens Baganz (1999 bis 2002), Dagmar Mühlenfeld (2003 bis 2015) und Ulrich Scholten (seit 2015).


Dieser Text erschien in NRZ & WAZ vom 10. September 2020



Donnerstag, 30. Juli 2020

Auf den Spuren der NS-Zeit

Warum schreibt eine junge Mülheimerin ein Buch über die Mülheimer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus und warum lohnt sich dessen Lektüre? Ein Gespräch mit der Autorin und Verwaltungsmitarbeiterin Kyra Sontacki.

 

Wie kamen Sie zum Thema Ihres jetzt im Tectum-Verlag erschienen und für 26 Euro im Handel erhältlichen Buches?

Sontacki: Während meines Studiums habe ich im Rahmen Im Rahmen des Projekts „Spurensuche – die Stadtverwaltung Düsseldorf im Nationalsozialismus“ Personalakten aus der Zeit des Nationalsozialismus ausgewertet. Das hat mich für das Thema Stadtverwaltung im Nationalsozialismus sensibilisiert und interessiert. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, meine Bachelorarbeit über die Stadtverwaltung im Mülheim des Nationalsozialismus zu schreibenDer betreuende Professor Dr. Stefan Piasecki ermutigte mich anschließend, die Arbeit zu veröffentlichen und knüpfte Kontakte zum Verlag.


Auf welche Quellen konnten Sie zurückgreifen?

Sontacki: Mit Hilfe der Mitarbeiter des Stadtarchivs an der Von-Graefe-Straße konnte ich Personal,- Entnazifizierungs,- und Amtsakten auswerten. Außerdem habe ich ein Zeitzeugeninterview mit dem ehemaligen Haupt- und Personalamtsleiter Kurt Wickrath geführt, der 1940 in den städtischen Verwaltungsdienst eingetreten ist.


Zu welchen Erkenntnissen haben Ihre Recherchen geführt?

Sontacki: Ich habe unter anderem feststellen können, dass die Nationalsozialisten gezielt Parteigenossen in Amt und Würden gebracht haben, auch wenn diese keinerlei Verwaltungserfahrungen mitbrachten und ihre Arbeit deshalb nur unzureichend ausführen konnten. So wurde der Reichsbahninspektor Wilhelm Maerz 1933 Oberbürgermeister und der erwerbslose Alfred Freter nach einer Kurzausbildung zum Brandingenieur 1934 Chef der Mülheimer Feuerwehr, Beide waren bereits vor 1933 in die NSDAP eingetreten. 

Welche Folgen hatte diese parteipolitische Ämterbesetzung?

Sontacki: Der mit der Haushaltssanierung überforderte Oberbürgermeister Maerz musste 1936 sein Amt als Oberbürgermeister an den ausgewiesenen Verwaltungsfachmann Edwin Hasenjaeger abgeben, der sich bereits in Stolp und Rheydt als Oberbürgermeister bewährt hatte. Er sanierte die Finanzen der Stadt, wurde aber 1937 gezwungen Mitglied der NSDAP zu werdenFreters Mangel an Qualifikation zeigte sich laut Aussagen seiner Mitarbeiter beispielsweise an oft unsinnigen Befehlen während der Löscheinsätze.

 

Wie erging es Gegnern des NS-Regimes?

Sontacki: Sie wurden in der Regel aus dem Dienst entfernt. So wurden dem Oberbürgermeister Alfred Schmidt und Stadtbaurat Artur Brocke 1933 finanzielle Unregelmäßigkeiten angedichtet. Der Amtmann Peter Dreis wurde gegen Kriegsende inhaftiert, misshandelt und starb in der Haft, nachdem er alliierte Rundfunksender gehört hatte. Die jüdische Lehrerin Elfriede Löwenthal  wurde 1933 als Volksschullehrerin an der Mellinghofer Straße entlassen. Sie durfte nur noch an jüdischen Schulen unterrichten, ehe sie 1942 zunächst nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Der Kreisleiter der NSDAP Karl Camphausen und Oberbürgermeister Wilhelm Maerz erstellten nach 1933 schwarze Listen von Verwaltungsmitarbeitern, die aus dem öffentlichen Dienst entlassen werden sollten, weil sie zum Beispiel Juden oder Zeugen Jehovas waren oder weil sie vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der SPD oder der KPD angehört hatten.


Was wurde aus den nationalsozialistischen Verwaltungsspitzen?

Sontacki: Der 1936 entlassene Oberbürgermeister Wilhelm Maerz kehrte 1937 in den Dienst der Reichsbahn zurück und starb 1945 in Dresden. Der ehemalige Feuerwehrchef Alfred Freter, der während der Reichspogromnacht im November 1938 die Synagoge am damaligen Viktoriaplatz hatte niederbrennen lassen, kam nach Kriegsende in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde aus seinem Beamtenverhältnis entlassen. Er arbeitete später bei einer privaten Werksfeuerwehr und stritt sich mit der Stadt vor Gericht um  finanzielle Ansprüche. Die Prozesse zogen sich bis 1963 hin. Freter musste schließlich sämtliche Prozesskosten tragen und durfte keine Ansprüche mehr gegenüber der Stadt geltend machen, dafür wurde jedoch von der weiteren Strafverfolgung des Synagogenbrands abgesehen. Oberbürgermeister Hasenjäger  wurde 1945 von den Alliierten entlassen und nach seiner Entnazifizierung wieder eingesetzt, ehe er 1946 unter dem politischen Druck von KPD und SPD zurücktreten und in den Ruhestand gehen musste.

Was können wir aus Ihrem Buch lernen?

Sontacki: Dass wir als Bürgerinnen und Bürger wachsam sein sollten gegenüber kleinen und schleichenden Änderungen in unserem Handeln und der Gesellschaft an sich. Wertschätzung und der Kontakt auf Augenhöhe sind im Umgang miteinander enorm wichtig und es gilt zu verhindern, dass Menschen und Gruppen in unserer Stadtgesellschaft durch eine strukturelle Benachteiligung sozial ausgeschlossen und abgehängt werden. 

 

Zur Person:

Die 26-jährige Mülheimerin Kyra Sontacki hat nach ihrem Abitur an der Luisenschule (2013) bei der Stadtverwaltung Düsseldorf eine Ausbildung für den Mittleren Dienst abgeschlossen. Nach ihrem Wechsel zur Mülheimer Stadtverwaltung, studierte sie ab 2016 an der Fachhochschule für Polizei und Verwaltung des Landes Nordrhein-Westfalen. Ihr rechts,- wirtschafts- und verwaltungswissenschaftliches  Studium schloss sie 2019 mit einem Bachelor of Laws ab. Ihre Bachelorarbeit wurde mit 1,0 bewertet. Heute arbeitet sie im Sozialamt der Stadt Mülheim im Fachbereich für besondere Wohnformen.




Dieser Text erschien am 25. Juli 2020 in NRZ/WAZ

Mittwoch, 2. November 2016

Rückblick: Einigkeit im Angesicht der Not - Amt 4. November 1946 konstituierte sich der erste frei gewählte Mülheimer Stadtrat der Nachkriegszeit



Derzeit muss man sich im Rathaus den Kopf darüber zerbrechen, wie man angesichts einer äußerst angespannten Haushaltslage einen aus Düsseldorf gesteuerten Nothaushalt und ein damit verbundenes Streichkonzert bei den freiwilligen Leistungen der Stadt verhindern kann.

Kämmerer und Stadtverordnete sind um ihre Aufgabe nicht zu beneiden. Doch ihre 39 Vorgänger, die am 4. November 1946 den ersten frei gewählten Stadtrat der Nachkriegszeit konstituierten, mussten ungleich schwerere Aufgaben bewältigen. Damals standen der Wiederaufbau der zerstörten Stadt und die Überwindung von Hunger und Kälte auf der Tagesordnung. „Bisher 58 000 Kubikmeter Schutt besteitigt", liest man am 6. November 1946 in der Mülheimer NRZ. Und am 9. November: „Soforthilfe soll Ermährungskrise überwinden – Mehltransporte für die britische Zone verlassen die USA."

Im Angesicht dieser erdrückenden Nachkriegsnot treten die Stadtverordneten am Nachmittag des 4. November in der Aula des heutigen Otto-Pankok-Gymnasiums an der Von-Bock-Straße zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Den Tagungsort wählt man nicht nur, weil der eigentliche Ratssaal noch in Trümmern liegt, sondern weil möglichst viele Bürger die Sitzung miterleben sollen.

Auch Mitarbeiter der Stadtverwaltung sowie Vetreter der britischen Militärregierung und des in Mülheim humanitär engagierten Schwedischen Roten Kreuzes sind dabei. Oberstleutnant Kennedy, der Chef der Mülheimer Militärregierung, die die Stadtverordneten bis zur ersten Kommunalwahl am 13. Oktober 1946 ernannt hatte, betont in einer kurzen Ansprache, dass die Mitglieder des Stadtparlamentes jetzt bereits die Hälfte aller kommunalen Angelegenheiten eigenständig regeln könnten.

Leichter gesagt als getan. Oberbürgermeister Wilhelm Diederichs sagt in seiner Ansprache: „Wir stehen vor einem sehr schweren Winter mit weittragenden Folgen für unsere Stadt. Tausende Frauen, Kinder und Männer besitzen noch nicht einmal das Notdürftigste für ein menschenwürdiges Dasein. Wir könnten mutlos werden angesichts dieser Not und der Verantwortung, die auf uns lastet, wenn wir nicht aus innerster Verpflichtung heraus handeln würden."

Ebenso wie Christdemokrat Diederichs beschwört SPD-Fraktionschef Heinrich Thöne angesichts der Not, alles Trennende zurückzustellen und gemeinsam an die Arbeit zu gehen. Was zu tun ist, formuliert Thöne damals unter anderem so: „Ernährung, Kleidung, Heizung, Wohnung und viele andere Probleme müssen angefasst werden. Seit 18 Monaten gilt der Krieg als beendet. Aber die Not wächst von Tag zu Tag. Es wird höchste Zeit, dass andere Formen der Wiederaufrichtung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Volkes gefunden werden."

Tatsächlich beweisen die Stadtverordneten im Angesicht der Not bei der ersten Sitzung Einigkeit. Sowohl Oberbürgermeister Diederichs (CDU) als auch Bürgermeister Hermann Gröschner (SPD) werden fast einstimmig in ihr Amt gewählt. Nur der Stadtverordnete der KPD stimmt mit Nein. 

Dieser Text erschien am 4. November 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung





Samstag, 16. Januar 2016

Knabe und die Kunst: Der Grüne Alt-Bürgermeister erinnert sich an die befreite Moderne

Dr. Wilhelm Knabe wurde 1923 in Sachsen
geboren. Damit gehört er zur Generation
der Kriegsteilnehmer. Nach dem Krieg wurde
der Forstwissenschaftler zunächst in der
ostdeutschen CDU aktiv. 1959 verließ er
mit seiner Familie die damalige DDR. Seit 1967 lebt
der vierfache Familienvater in Mülheim. Ende der
70er Jahre gehörte er zu den Gründungsvätern
der Grünen. Von 1987 bis 1991 gehörte er dem
Deutschen Bundestag an. Von 1994 bis 1999
war er in seiner Wahlheimat Mülheim Bürgermeister.
Manchmal sind Menschen gegenwärtig, obwohl sie nicht da sind. So war es jetzt auch, als die Heinrich-Böll-Stiftung zur Finissage der Ausstellung "Befreite Moderne" ins städtische Kunstmuseum Alte Post einlud. Der grüne Alt-Bürgermeister und ehemaliger Bundestagsabgeordnete Wilhelm Knabe, der die Stiftung auf die Werkschau aufmerksam gemacht und eine Führung durch Museums-Leiterin Beate Reese angeregt hatte, wollte und sollte als Zeitzeuge über die Befreiung der Moderne berichten.

Er tat es in einem anschaulichen und anrührenden Vortrag, obwohl ihn eine Grippe dazu zwang, das Bett zu hüten. An seiner Stelle trug Marlies Rustemeyer vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement seine Worte vor.

Der 1923 geborene Knabe erinnerte sich an einen Deutsch-Unterricht, der in den 30er Jahren ohne die Werke von Thomas Mann und Hermann Hesse stattfand. Sie sollte er erst in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft kennen lernen. Auch die karrikaturartigen und zugleich provozierend realistischen Arbeiten des gesellschaftskritischen Malers und Zeichners Otto Dix lernte er erst bei einem Ausstellungsbesuch im Jahr 1946 kennen. Und die Musik des neuen Lebens- und Freiheitsgefühls waren für ihn und seine Altersgenossen der amerikanische Jazz.

"Erst bei der Vorbereitung der heutigen Veranstaltung", so Knabe in seinem Vortrag, "wurde mir blitzartig klar, dass mit der Ausschaltung der modernen Kunst auch der eigene Horizont massiv verengt wurde. War das die Absicht des NS-Regimes? Wir Jungen sollten doch nur willige Krieger werden. Wir sollte bereit sein, unsere Nachbarn zu unterwerfen, sie aber nicht verstehen oder gar lieb gewinnen. Fiel vielleicht auch deshalb der Kunstunterricht in den Oberklassen aus und nicht nur wegen der Einberufung der Lehrer?"

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Lebenserfahrung würdigte Knabe die Werkschau der deutschen Kunst in den Nachkriegsjahren 1945 bis 1949, "als einen Freiraum, den ich gerne nutze", um die von den Nationalsozialisten verursachten Bildungsdefizite seiner Generation in einem jahrzehntelangen Prozess auszumerzen.

Abgerundet wurde der Vortrag Wilhelm Knabes durch eine inspirierende Führung der Kunsthistorikerin Beate Reese, die die 30 Gäste der Heinrich-Böll-Stiftung dazu einlud, die Formen- und Farbensprache der vom Nationalsozialismus befreiten Künstler zu entdecken: Geöffnete Fenster, um frische Luft hereinzulassen, zerbrochene Strukturen, Hell-Dunkel-Kontraste, aber auch harmonische und farbenfrohe Bildkompositionen, die die neue Lebensfreude der Befreiung von Diktatur und Krieg austrahlen.

Dieser Text erschien am 13. Januar 2016 in der Mülheimer Woche

Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...