Posts mit dem Label Seelsorge werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Seelsorge werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 24. März 2020

Gefragter denn je

Die Corona-Krise stellt für viele Menschen eine extreme seelische Belastung dar. Was bedeutet das für die ökumenische Telefonseelsorge, bei der Menschen aus Mülheim, Duisburg und Oberhausen unter den gebührenfreien Rufnummern: 0800-1110111 und: 0800-1110222 anonym, kostenfrei und rund um die Uhr Rat, Hilfe und ein offenes Ohr finden. Ein Gespräch mit dem Diplom-Theologen und Diplom-Psychologen Olaf Meier, der die Telefonseelsorge seit 1996 hauptamtlich leitet.
Ist die Zahl der Anrufe, die die Telefonseelsorge erreichen mit dem Beginn der Corona-Krise gestiegen?
Meier: Seit die NRW-Landesregierung am 13. März die corona-bedingte Schließung der Schulen bekanntgegeben hat, hat sich die Zahl der Anrufe, die uns erreichen um rund 20 Prozent erhöht. Davor hatten wir täglich 40 bis 50 Anrufe. Wenn Menschen fragen: „Muss ich etwas dafür bezahlen? Ist das wirklich anonym? Sind Sie auch zur Verschwiegenheit verpflichtet?“ merken wir, dass es sich um Erstanrufer handelt, die die Telefonseelsorge bisher noch nicht kennen.
Was bewegt die Anrufer?
Meier: In den Gesprächen geht es oft um Einsamkeit und soziale Isolation. Die Tatsache, dass die Menschen aufgrund der Kontakteinschränkungen nicht in der Lage sind, mit Nachbarn auf der Straße oder beim Bäcker ganz spontan über die Folgen der Krise zu sprechen, verschärft die psychisch belastende Situation. Viele Anrufer haben auch massive Existenzängste und fragen sich: „Fall ich jetzt hinten rüber?“ Andere leiden massiv darunter, dass sie ihre pflegebedürftigen Angehörigen, die in Altenheimen leben, aufgrund der corona-bedingten Kontaktsperre nicht mehr besuchen und sehen können. Die Ausnahmesituation der Corona-Krise trifft vor allem die Menschen doppelt hart, die schon vorher unter Ängsten gelitten haben. Anrufer mit Psychiatrieerfahrung, die zum Teil unter gesetzlicher Betreuung stehen, leider darunter, dass ihr gesetzlichen Betreuer sie jetzt nicht mehr besuchen, sondern nur noch anrufen können. Oft bekommen wir zu hören: „Die Corona-Krise macht mutterseelen allein!“

Wer führt die Gespräche?

Meier: Wir haben 120 ehrenamtliche Mitarbeiter aus ganz unterschiedlichen Berufen und Lebenssituationen. Lehrerinnen, Handwerker, Familienmanagerinnen oder auch Rentner. Rund 80 Prozent der ehrenamtlich Mitarbeitenden, die jeden Monat drei Vier-Stunden-Schichten absolvieren, sind Frauen. Es sind lebenserfahrene und seelisch stabile Menschen zwischen 30 und 75, die wir in psychologischer Gesprächsführung geschult haben. Viele von ihnen erklären ihre persönliche Motivation so: „Mir geht es gut und ich bin in meinem Leben Gott sei Dank von größeren Krisen verschont geblieben. Deshalb möchte ich etwas zurückgeben und Menschen helfen, denen es nicht so gut geht.“
Wie kann Telefonseelsorge helfen?
Meier: Sie kann keine existenziellen Probleme lösen, aber sie kann Menschen zuhören, Anteil an ihrem Leben nehmen und ihnen den Rücken stärken. Sie kann mit den Anrufern gemeinsam überlegen, wie sie es besser mit sich selbst aushalten, wie sie ihren Alltag sinnvoll gestalten und welche persönlichen Ressourcen und Kontakte sie nutzen können. Natürlich weisen wir Anrufer auch auf professionelle Beratungsdienste hin, die ihnen in ihrer Lebenssituation helfen können.
Wie hat die Corona-Krise den Arbeitsalltag der Telefonseelsorge verändert?
Meier: Auch wenn einige Mitarbeiter aufgrund von Vorerkrankungen zu den Risikogruppen für eine mögliche Corona-Infektion gehören und deshalb derzeit keine Schichten absolvieren, haben wir bisher Gott sei Dank keine größeren krankheitsbedingten Ausfälle, so dass wir unseren 24-Stunden-Dienst aufrechterhalten können. Natürlich kommt es aufgrund des erhöhten Anrufer-Aufkommens jetzt öfter zu Wartezeiten, ehe die Leitung wieder frei ist. Die Mitarbeiterinnen im Telefondienst sitzen in getrennten Büros, so dass der in Corona-Zeiten geboten Sicherheitsabstand immer gegeben ist. Deshalb gibt es für die ehrenamtlich Mitarbeitenden der Telefonseelsorge zurzeit auch keine Gruppen-Supervision, sondern nur einzelne 1:1-Beratungsgespräche, die meine hauptamtliche Leitungs-Kollegin, die Diplom-Sozialpädagogin und Gestaltungstherapeutin Rosemarie Schettler und ich natürlich mit dem gebotenen Sicherheitsabstand führen. Es ist gerade jetzt besonders wichtig, dass wir die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter der Telefonseelsorge psychologisch stärken, mit ihnen ihre Erfahrungen reflektieren und sie so auch entlasten. Leider mussten wir corona-bedingt jetzt einen Informationsabend absagen, mit dem wir Menschen erreichen wollten, die an einer ehrenamtlichen Mitarbeit an der aus Kirchensteuermitteln der katholischen und evangelischen Kirche finanzierten Telefonseelsorge interessiert sind. Dennoch soll im August ein neuer Ausbildungskurs beginnen. Denn wir brauchen immer wieder neue Mitarbeiter, da jedes Jahr etwa zehn Prozent unseres ehrenamtlichen Teams gesundheits- oder altersbedingt ausscheidet. Interessenten sollten uns auf jeden Fall unter den Rufnummern: 0203/29513331 oder: 0203/22657 oder per E-Mail an: buero@telefonseelsorge-duisburg.de kontaktieren. Weitere Informationen bietet unsere Internetseite: www.telefonseelsorge-muelheim.de. 

Sonntag, 28. Oktober 2018

Der menschliche Glutkern

Die Katholische Akademie Die Wolfsburg und die ökumenische Telefonseelsorge luden zu einem vielseitigen Seelen-Gespräch in die Duisburger Kulturkirche Liebfrauen ein.



Die Podiumsteilnehmer
Das Kirchenschiff am König-Heinrich-Platz war gut gefüllt. Wenn es um die Seele geht, geht es für Christen ans Eingemachte. Das Publikum war interessiert und gespannt zugleich, als Olaf Meier von der ökumenischen Telefonseelsorge, der Neurowissenschaftler Michael Huber und der Theologe Pater Elmar Salman zu ihren Impulsreferaten antraten.

Als nach den „Experten“ die Zuhörer zu Wort kamen, war die Ernüchterung mit Händen zu greifen. „Sie haben die Faszination der Seele gar nicht herausgearbeitet.“ „In ihrer Diskussion kam das Wort Gefühl kein einziges Mal vor.“ Und: „Für mich war Ihr Gespräch nicht so erbaulich, wie ich es erhofft hatte“, bekamen die Podiumsteilnehmer zu hören. „Eine Diskussion über die Seele, die nicht zu verorten ist, ist eben nicht immer erbaulich“, räumte Pater Elmar ein. Und Moderator Jens Oboth von der Katholischen Akademie machte deutlich: „Dieser Abend kann keine endgültigen Antworten liefern. Aber er kann Sie zum Weiterdenken inspirieren!“

Das hörte sich nicht wirklich ergiebig an. Und doch war der Abend in der Kulturkirche für seine Besucher nicht vergebens. Aufschlussreich war allein schon die Konfrontation zwischen den katholischen Theologen Meier und Salmann auf der einen Seite und dem Neurowissenschaftler Huber auf der anderen Seite.

Auch wenn der Neurowissenschaftler zugab: „Ohne Gefühl ist unserem Leben alles nichts“, machte er im Namen seiner Zunft doch auch unmissverständlich deutlich: „Wenn jemand im Gehirn den Schalter umlegt und kein Strom mehr fließt, dann ist alles aus.“ Ausgesprochen verblüfft reagierte das Publikum auf die neurowissenschaftliche Erkenntnis, „dass die Neuronen in unserer Gehrinrinde zu 95 Prozent nur mit sich selbst verbunden sind und sich unser Gehirn deshalb zum größten Teil nicht mit der Außenwelt, sondern mit seiner eigenen Innenwelt auseinandersetzt.“ Und es kam noch dicker. Huber wies darauf hin, dass es elektrophysiologisch in unserem Gehirn keinen feststellbaren Unterschied zwischen unseren Wach- und unseren Traum-Zuständen gibt. Der Neurowissenschaftler sprach in diesem Zusammenhang vom menschlichen „Dösen in Wahrnehmungsschleifen.“ Der Normalzustand sei der, dass das Gehirn nur ganz selten die Fenster zur Außenwelt aufmache, es sei denn, wir würden durch traumatisches Erlebnis in allen unseren Sinnen angesprochen und so aus unserem Wach-Traum gerissen.

Na, dann. Gute Nacht? Das wollten die beiden Seelsorger so nicht stehen lassen, ebenso wenig, wie Hubers neurowissenschaftliche Sicht, „dass unser Ich eine Konstruktion unseres Gehirms ist.“

Pater Elmar würdigte unser Gehirn „als unser Beziehungsorgan,“ und unsere Seele, als den nicht zu verortenden Ort, „an dem wir ganz bei uns sind und aus der Leere schöpferische Kreativität erwachsen kann.“

Olaf Meier als „den nicht bestimmbaren, aber deshalb nicht weniger relevanten Ort, an dem wir als Menschen am authentischsten und warmherzigsten sind, weil wir uns mit Gott und den Menschen universell verbunden fühlen und deshalb auch Hoffnung verkörpern können.“ Deshalb wollte Meier für sich auch nicht von der Vision einer ewigen Glückseligkeit im Himmlischen Jerusalem nicht lassen. Seiner aktuell angegriffenen Kirche empfahl Meier denn auch vor dem Hintergrund seiner Telefonseelsorge, die Wiederentdeckung und Stärkung der Seelsorge, „die Menschen wertschätzt, sich für sie Zeit nimmt, mit ihnen zusammen die Widersprüche des Lebens aushält und ihnen so Hoffnung und Halt geben kann.“ Da wollte auch Pater Elmar nicht nachstehen und betonte: „Gute Seelsorge stärkt die Seele, die uns trägt und gemeinsam stark sein lässt, in dem wir uns gegenseitig anregen und bereichern. Seelsorge gibt Menschen den Raum zum Atmen, in dem sie sich selbst und damit in letzter Konsequenz auch Gott auf die Spur kommen.



      Privatdozent Dr. Michael Huber, studierte in den 1970er Jahren Medizin, Psychologie und Philosophie in Münster und Hamburg. Er lebt und arbeitet in Köln und Zürich als medizinischer Gutachter und als Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatische, Psychotherapie, Psychoanalyse und Psychotherapie

      Prof. Dr. Pater Elmar Salmann wurde 1948 in Hagen geboren. Er studierte in den 60er und 70er Jahren katholische Theologie und trat in die Benediktinerabtei Gerleve ein. In den 1990er und 2000er Jahren lehrte er als Professor Theologie und Philosophie an den päpstlichen Universitäten in Rom. Bis heute arbeitet der 1972 zum Priester geweihte Theologe als Seelsorger.

      Der Diplom-Theologe und Diplom-Psychologe Olaf Meier leitet die ökumenische Telefonseelsorge, die aktuell von 120 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geleistet wird. Die Telefon-Seelsorge ist rund um die Uhr unter den kostenfreien Rufnummern: 0800-1110111 und: 0800-1110222 erreichbar.

Dieser Text erschien am 13. Oktober 2018 im Neuen Ruhrwort

Dienstag, 27. Dezember 2016

"Der Hass macht einen kaputt" - Ein Gespräch mit dem Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Christusgemeinde Mülheims, Eckhart Vetter

Im Februar 2011 machte ein Kindsmord Schlagzeilen. Dass die betroffenen Eltern, aktive Mitglieder eine evangelisch-freikirchlichen Gemeinde, dem Mörder ihres Sohnes öffentlich vergaben, wurde kontrovers diskutiert. Damals führte ich für die Neue Ruhr Zeitung ein Gespräch mit Pastor Ekkehart Vetter über den Spannungsbogen zwischen Hass und Vergebung, ein Gespräch, das unter völlig anderen Vorzeichen auch heute noch in die Zeit passt.
Pastor Ekkehart Vetter 2011 in seinem Arbeitszimmer

Es ist wohl das Schlimmste, das Eltern widerfahren kann, ihr Kind, wie im Fall Mirco, durch die Hand eines Mörders zu verlieren. Deshalb mag es manchen wundern, wenn Mircos Eltern als freikirchlich engagierte Christen Verständnis für den Täter zeigen und trotz ihrer Tragödie vom Glauben sprechen, der sie stärkt, ihnen Hoffnung gibt und sie nicht verzweifeln lässt.) Vor diesem Hintergrund sprach ich füt die NRZ mit Pastor Ekkehart Vetter von der freikirchlichen Christusgemeinde über Glauben, Gemeinschaft, Schuld, Sühne, Vergeltung und Vergebung.

Frage: Können Sie die Haltung von Mircos Eltern nachvollziehen?

Antwort: Das ist eine Extremsituation, in die man sich nicht theoretisch hineindenken kann. Ich selbst würde für mich nicht die Hand ins Feuer legen, wie ich in einer vergleichbaren Situation reagieren würde. Natürlich kann man auch für einen Täter Verständnis entwickeln, auch, wenn man seine Tat verabscheut. Jeder Mensch hat Gründe, warum er so handelt, wie er handelt. Es geht nicht um Verständnis im Sinne von Relativierung oder Verharmlosung eines Verbrechens, sondern in dem Sinne, zu verstehen, dass es sich vielleicht um einen belasteten Menschen handelt, der aus einer bestimmten Situation dieses dramatische Verbrechen begangen hat.

Frage: Vergebung ist eine christliche Tugend. Aber ist es nicht auch natürlich, den Mörder seines Kindes zu hassen?

Antwort: So verständlich Hass in so einer Situation ist, Hass macht einen am Ende selbst kaputt. So wie ich Mircos Eltern verstehe, sagen sie: Wir wissen, wohin wir mit unserer Trauer und unserem Bestürztsein hingehen können und dass sie dieses Verbrechen in ihrem Glauben, durch die Gemeinschaft und die Gespräche mit Christen verarbeiten können.

Frage: Mircos Eltern sprechen von der Unterstützung durch ihre freikirchliche Gemeinde und von ihrem Glauben, der ihnen Halt gibt. Können Menschen, die glauben und von einer Gemeinschaft getragen werden, solche Schicksalschläge besser verkraften?

Antwort: Das ist keine Frage von Freikirche, Landeskirche oder Konfession. Das ist eine Frage gelebter Gemeinde und Gemeinschaft. Gerade in Angesicht eines schweren Schicksalschlages brauche ich etwas, an dem ich mich festhalten kann und das mich trägt. Und da ist der Glaube sicher sehr hilfreich und wertvoll. Ich würde mich aber nicht in eine Situation hineinmanövrieren, in der ich sage: „Die Verarbeitung eines solchen Unglücks gelingt einem gläubigen Menschen auf jeden Fall besser als jemanden, der vielleicht nicht glauben kann.“

Frage: Wie gehen Sie in ihrer 260 Mitglieder zählenden Gemeinde mit Menschen um, die einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften haben?

Antwort: Natürlich bemühen wir uns darum, dass die Gemeinde sich wahrnimmt. Wir bilden in unserer Gemeinde kleine, überschaubare Gruppen, etwa in Form von Hausbibelkreisen, zu denen jeweils acht bis zehn Personen gehören, die sich regelmäßig treffen und die dabei nicht nur über theologische Fragen, sondern auch über persönliche Probleme sprechen. Die Menschen spüren so, dass sie mit ihren Nöten nicht alleingelassen werden.

Frage: Brauchen wir mehr Mitmenschlichkeit und können Gemeinden, wie die Ihre dafür ein Vorbild sein?

Antwort: Wo immer Menschen von solchen Schicksalsschlägen getroffen werden, ist die Gemeinschaft von Christen, die ihnen zur Seite stehen, extrem wertvoll. Man braucht in so einer Situation keine Menschen, die eine schnelle Antwort haben, warum etwas passiert ist, sondern die einfach da sind, um mit den Betroffenen zu trauern, zu weinen, zu sprechen und vielleicht auch zu beten.

Frage: Ist es in einer solchen Situation nicht auch unmenschlich, Wut und Trauer durch das christliche Gebot von Vergebung und Nächstenliebe zu übertünchen?

Antwort: Vergebung, Wut und Trauer sind kein Gegensatz. Man muss natürlich Gefühle zu lassen und darf sie nicht verdrängen. Man darf nichts unter den Teppich kehren. Man muss authentisch und ehrlich zu sich selbst sein und darf nichts mit einer frommen Soße zudecken wollen. Vergebung ist aber auch nichts, was von heute auf morgen entsteht, wie ein Klick im Gehirn. Das ist immer ein langer Prozess. Das ist ein langer Weg, auf dem Menschen auch vielleicht durch Therapie begleitet werden müssen, damit sie das vielleicht irgendwann können, damit sie sich mit der Last, die sie tragen oder auch jemanden hinterhertragen, am Ende nicht selbst kaputt machen. Vergebung ist in so einer Situation natürlich kein Muss. Aber es wäre Betroffenen zu wünschen, dass sie irgendwann erkennen, dass Vergebung für Sie am hilfreichsten ist.

Frage: Und was ist mit Schuld und Sühne? Was würden Sie einem Täter sagen, der sich mit seiner Schuld an Sie als Seelsorger wendet?

Antwort: Ich würde diesen Menschen zunächst dazu ermutigen, zu seiner Schuld zu stehen und es nicht bei der Vertrautheit des seelsorgerischen Gesprächs zu belassen. Ich würde ihm sagen: Stell dich deiner Tat und übernimm Verantwortung. Überlege, wie du an dem Menschen, an dem du schuldig geworden bist, etwas wieder gutmachen kannst. Das Unrecht ist im Fall Mirco natürlich nicht korrigierbar. Hier brauchen Opfer und Täter ganz viel Hilfe und Therapie. Aus der Missbrauchstherapie weiß man, dass Täter in ihrem Leben immer auch Opfer waren und oft selbst Gewalt- und Missbrauchserfahrungen gemacht haben, was ihre Tat natürlich in keiner Weise rechtfertigt.

Dieser Text erschien am 4. Februar 2011 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Drei Fragen an den Ehrenstadtdechanten der katholischen Stadtkirche, Manfred von Schwartzenberg: Ein Denkanstoß nach dem Anschlag in Berlin

Manfred von Schwartzenberg ist Ehrenstadtdechant
und Pfarrer von St. Barbara WEr wurde 1944 in Essen geboren
und 1971 in Mülheim zum Priestergeweiht,
Er war Kaplan in Gesenkirchen Schalke und Mülheim-Styrum,
ehe er als Militärseelsorger bei der Bundeswehr arbeitete. Seit 1992
leitet er als Pfarrer die Gemeinde St. Barbara in Dümpten und seit 2006
die gleichnamige Groß-Pfarrei, zu der auch die Gemeinden
St. Mariae Rosenkranz in Styrum und St. Engelbert gehören.
Von 1993 bis 2007 stand er als Stadtdechant an der Spitze der
katholischen Stadtkirche Mülheims.

Der Anschlag von Berlin verunsichert viele Menschen. Wie können wir damit umgehen, Herr Pfarrer von Schwartzenberg?
Wir dürfen uns von der Angst vor dem Terror nicht einsperren und daran hindern lassen, unser ganz normales Leben zu leben. Wir müssen lernen, mit der Unsicherheit zu leben. Gleichzeitig muss der Staat durch gezielte Sicherheitsmaßnahmen, wie etwa das Abhören von Telefongesprächen verdächtiger Personen oder das Erstellen von Bewegungsprofilen dafür sorgen, dass die Bürger Vertrauen in die Sicherheitsorgane haben und dass potenzielle Anschläge verhindert werden können.

Wird der Terroranschlag von Berlin Wut und Hass befördern?

Nicht, wenn wir keine Sündenböcke suchen, sondern uns im Alltag offen begegnen und uns als Menschen sehen und annehmen. In meiner Gemeinde St. Barbara haben wir in der Flüchtlingshilfe gute Erfahrungen damit gemacht. Sie zeigen uns, dass wir das Problem des islamistischen Terrors auch dann hätten, wenn es in Deutschland kein Flüchtlinge gäbe. Den islamistischen Terroristen geht es nicht um ihre Religion, sondern um Machtgelüste. Ihre Religion missbrauchen sie, in dem sie sie vor ihren politischen Karren spannen.

Kann es für die Opfer und Hinterbliebene solcher Anschläge einen Trost geben?

Worte können in einer solchen Situation nur wenig bewirken. Aber persönliche Nähe und Zuwendung, das einfache Füreinanderdasein oder auch starke Gesten der gemeinsamen Trauer, wie etwa das Aufstellen von Kerzen und Blumen, können den von diesem Anschlag betroffenen Menschen das gute Gefühl geben, mit ihrer Trauer nicht alleine zu bleiben oder links liegen gelassen zu werden.

Dieser Text erschien am 21. Dezember 2016 in der NRZ & WAZ

Mittwoch, 21. Dezember 2016

So gesehen: Alter schützt vor Dummheit nicht

Man braucht nur vor die Haustür zu gehen, um Abenteuer zu erleben. Leider sind es nicht immer die Abenteuer, die man sich in seinen Träumen ausmalt, eher schon die, die einem in seinen Alpträumen begegnen.

Vor einigen Tagen musste ich auf der Schloßstraße erkennen, dass auch das Alter, das man mit Lebenserfahrung und Weisheit verbinden möchte, nicht vor Dummheit schützt. Da radelte ein grauhaariger Herr im Rentenalter schneller als es die Polizei erlaubt, durch die Fußgängerzone. Auch von zwei älteren Damen, die mit ihrem Rollator und  ihren  Gehstöcken, Seit an Seit schritten, ließ sich der Rowdy-Rentner in seinem ungehemmten Vorwärtsdrang nicht stoppen und fuhr durch die in diesem Falle alles andere als goldene, sondern viel zu enge Mitte zwischen den beiden gehandicapten Damen, die in einem Anfall von Geistesgegenwart, mit letzter Kraft und lieber Not zur Seite auswichen.

Doch der rasende Rentner (War er lebensmüde oder wahnsinnig oder beides?) setzte noch einen drauf und überfuhr an der Friedrich-Ebert-Straße zwei Stopp-Signale aussendende Ampelanlagen, so dass auch ein Straßenbahnfahrer in letzter Sekunde in die Eisen gehen musste, um seinen anrollenden Koloss noch stoppen zu können.

Idiotischer, fahrlässiger und rücksichtsloser hätte sich kein noch so halbstarker Verkehrsteilnehmer verhalten können. Es konnte schon als Adventswunder durchgehen, dass weder der rasende Rentner noch die von ihm geschnittenen Frauen an diesem Tag zu Schaden kamen, wahrscheinlich nur deshalb, weil gerade auch einige geistesgegenwärtige Schutzengel unterwegs waren.

Bleibt nur zu hoffen, dass dem halbstarken Mann im reifen Alter, der sie in dieser Situation offensichtlich nicht alle auf dem Christbaum hatte, ein frohes und friedliches Fest, samt der Gabe der seinem Alter angemessenen Rücksichtnahme und Weisheit zuteil werde. Schutzengel, bitte kommen!

Dieser Text erschien am 29. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...