Sonntag, 17. März 2019

Immer schon eine Baustelle: 100 Jahre Volkshochschule in Mülheim


Logo der Mülheimer Volkshochschule
Gerne hätte VHS-Leiterin Annette Sommerhoff den 100. Geburtstag der Volkshochschule im großen Rahmen gefeiert. Doch die ungeklärten Raum- und Standortfragen zwingen auch im Jubiläumsjahr zur Improvisation. Mit einem Doppelvortrag zum Start der Mülheimer Geschichtsreihe machten Sommerhoff und der Leiter des Stadtarchivs, Kai Rawe, am Donnerstagabend aus der Not eine Tugend.
Im Rückblick auf die Geschichte und im Ausblick auf Gegenwart und Zukunft der kommunalen Erwachsenen- und Weiterbildungseinrichtung, lieferten sie ihren gut 100 Zuhörern im Haus der Stadtgeschichte eine bemerkenswerte Standort- und Aufgabenbeschreibung, was Volkshochschule leisten will und soll.
Dabei zeigte schon der Blick in die Geschichte. VHS in Mülheim: Das war von Anfang an eine Baustelle. Die Initiative zur Gründung der VHS ging vom damaligen Leiter der städtischen Oberrealschule aus, deren Nachfolgerin wir heute als Karl-Ziegler-Schule kennen. Das städtische Gymnasium an der Schulstraße sollte für Jahrzehnte zum zentralen VHS-Standort werden. Obwohl man bereits Ende der 50er Jahre über ein zentrales VHS-Gebäude nachdachte, realisierte sich dieser Plan erst 1979 mit der Eröffnung der Heinrich-Thöne-Volks-Hochschule an der Bergstraße. Auch wenn dieser von der SPD mit absoluter Ratsmehrheit durchgesetzte Neubau der Akzeptanz und dem Spektrum des Weiterbildungsangebotes guttat, waren es vor allem Kostengründe und die Forderung nach einer dezentral aufgestellten VHS, die CDU und FDP damals opponieren ließen.
Wurde die VHS zunächst ehrenamtlich von Dr. Luther, einem Lehrer der Oberrealschule geleitet und von 28 nebenamtlichen Dozenten inhaltlich ausgestaltet, so stehen der hauptamtlichen Leiterin der VHS, Annette Sommerhoff, heute 200 Honorardozenten zur Verfügung, die Kurse in den Bereichen Fremdsprachen, berufliche Bildung, Kultur, Politik, Gesundheit, Alphabetisierung, Integration, Erwerb der deutschen Sprache sowie zum Nachholen von Schulabschlüssen geben. Das Angebot von Fremdsprachenkursen zieht sie wie ein roter Faden durch die gesamte VHS-Geschichte, die aus wirtschaftlichen und politischen Gründen ab 1925 für zwei Jahrzehnte abgebrochen und erst im Rahmen der von der Britischen Militärregierung politisch gewollten „Umerziehung“ der Deutschen zunächst unter der Leitung des Juristen Valentin Tonberg ab 1946 wiederbelebt wurde.
Ein Sprung nach vorne schaffte die VHS unter der Führung des Politikwissenschaftlers Norbert Greger, der sich als erster hauptamtlich Leiter ganz auf die VHS-Arbeit und deren zielgruppenorientierten Weiterentwicklung konzentrieren konnte. Dabei half ihm auch die politisch gewollte Aufwertung der Weiterbildung, die 1975 in NRW zur kommunalen Pflichtaufgabe gemacht wurde. 

Selbstverständnis der Volkshochschule

In ihrem Vortrag sagte VHS-Leiterin Annette Sommerhoff unter anderem: „Die Volkshochschule war, ist und bleibt ein Lern- und Begegnungsort, der allen Menschen Bildung ermöglicht, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und ihren Vorerfahrungen mit Bildung. In einer immer komplexeren Welt ist es wichtig, dass Menschen in der VHS ein zugewandtes Lernen in der Gruppe erleben, das ihnen hilft, ihr Leben selbstbestimmt und sinnvoll zu gestalten.“ 

Drei Fragen an; VHS-Leiterin Annette Sommerhoff


Wie hat sich die Volkshochschule in 100 Jahren entwickelt und wie wird sie sich weiterentwickeln? Das zeigen der Leiter des Stadtarchivs, Kai Rawe und die VHS-Leiterin Annette Sommerhoff am 14. März um 19 Uhr in einem eintrittsfreien Vortrag zum Auftakt zur Reihe über die Mülheimer Stadtgeschichte im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37.

Warum kam es gerade vor 100 Jahren zur VHS-Gründung?
Die Initiative zur Gründung am 30. April 1919 ging von Lehrern der heutigen Karl-Ziegler-Schule aus. In einer Denkschrift an Oberbürgermeister Paul Lembke forderten sie Weiterbildungangebote für Arbeiter, um die örtliche Wirtschaft zu stärken.

Ist Weiterbildung in und mit der VHS so aktuell wie vor 100 Jahren und was hat sich verändert?
Sie ist mindestens so aktuell wie damals. Wir stehen mit unseren Dozenten für den Grundsatz: Bildung für alle. In einer immer komplexeren Welt brauchen Menschen Weiterbildung, um an unserer Gesellschaft teilhaben zu können und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Sicher ist unser Spektrum heute viel breiter als 1919 und wir können heute eine digitale und interaktive Technik nutzen.

Was wünschen Sie der VHS, an deren Spitze sie seit 2015 stehen, zum 100. Geburtstag?

Ich wünsche mir, dass Menschen gerne in die VHS kommen und noch mehr Menschen das Angebot der VHS für sich entdecken. Und ich wünsche mir viele engagierte Dozenten, die Spaß an ihrer aööe offenen Bildungsarbeit haben.


Dieser Text erschien am  14. und 16. März 2019 in NRZ & WAZ

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