Die drei Preisträger der „Stücke“ wurden gestern bei der von Stefanie Steinberg
verbindlich, feinsinnig und unaufdringlich moderierten Abschluss-Matinee der 43.
Mülheimer Theatertage für ihre Werke gelobt und ausgezeichnet.
Die in der
Stadthalle leibhaftig anwesenden Autoren Thomas Köck und Oliver Schmaering
nahmen den Dramatikerpreis und den Preis der Kinder-Stücke für ihre Stücke
„Paradies spielen. Abendland. Ein Abgesang.“ und: „In dir schläft ein Tier“
persönlich entgegen.
Die menschenscheue Literatur-Nobelpreisträgerin
Elfriede Jelinek bedankte sich mit einer Videobotschaft für den Publikumspreis,
mit dem die Besucher der Theatertage ihr Stück „Am Königsweg“ ausgezeichnet
hatten.
Was die Matinee im Theaterstudio der Stadthalle zu einem Gewinn
machte, waren die inspirierenden Antworten auf die Frage, warum wir in einer
demokratischen und ökonomisierten Leistungsgesellschaft das Theater als einen
kulturellen Kontrapunkt brauchen.
„Mit ihrem virtuosen
schriftstellerischen Können schreibt sie mutig gegen gesellschaftliche Blindheit
und Gleichgültigkeit an. Ihr Werk zeigt, dass wir als Gesellschaft den Diskurs
und die Einsicht brauchen, dass es keine einfache Wahrheiten gibt und dass wir
uns dem politischen Populismus und Extremismus niemals geschlagen geben
dürfen.“, lobte Oberbürgermeister Ulrich Scholten Elfriede Jelinek. Der
designierte Intendant des Bochumer Schauspielhauses, Johann Simons, würdigte sie
in seiner Laudatio als eine Kontrahentin „der populistischen Twitter-Kultur“,
die mit ihren Stücken: „ohne falsche Rücksichten und gegen jede Erwartung allen
eine Stimme gibt, die in unserer Gesellschaft nicht dazu gehören.“ Er lobte ihre
Werke für die Kultivierung des Zweifels, weil erst der Zweifel Menschen zum
Zuhören und damit auch zum demokratischen Diskurs zur Entwicklung von Fragen und
Problemlösungen befähige.
„Er schreibt keine Geschichten, die Eltern
ihren Kindern abends am Bettrand vorlesen würden. Er schreibt wie ein Prophet
und verbindet dabei Zeiten und Ebenen. Er ist kein Unterforderer und nimmt sein
Publikum ernst“, lobte die bereits selbst mit dem Publikumspreis der Stücke
ausgezeichnete Berliner Autorin Felicia Zeller den Kinder-Stücke-Preisträger
Oliber Schmaering.
Während sich Schmaering dem Publikum mit einem
Radio-Feature über die Kultur des Sitzens vorstellte, las der
Dramatikerpreisträger Thomas Köck aus einem Internet-Manifest des
Literaturkollektiv Nazis & Goldmund, das unter anderem die Poesie als Form
des zivilen Widerstandes preist.
Köcks Laudator , der Dramaturg des
Wiener Schauspielhauses, Tobias Schuster, lobte den Dramatikerpreisträger für
die Fähigkeit, „das Persönliche und das Politische durch seine Poesie
miteinander zu verbinden.“
Dieser Text erschien am 25. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung und in der Westdeutschen Allgemeinen
Samstag, 30. Juni 2018
Freitag, 29. Juni 2018
Mülheim: Da ist Musik drin
Ein Konzert unter freiem Himmel zu organisieren, sollte eine einfache Sache sein. Aber wir sind in Deutschland. Und da ist grundsätzlich nichts einfach so einfach.
So hört man jetzt vom englischen Sänger und Liedermacher Ed Sheeran - Sie erinnern sich: Der Mann, der am Flughafen Essen-Mülheim singen wollte, ehe ihm die Feldlerche etwas flötete - ist jetzt in Düsseldorf mit seinen Open-Air-Konzert-Plänen an Bäumen gescheitert. Jetzt weiß der Brite, was der deutsche Volksmund meint, wenn er sagt. dass man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe.
Selbst im rheinisch-heiteren Köln hat man dem Musiker von der Insel, der bald reif für selbige sein dürfte, mit Blick auf eine mögliche Konzertwiese die kalten Schulter gezeigt. Denn nach einem vergleichbaren Konzert habe es dort vor Jahren schon einmal massive Missklänge mit den lärm-belästigten Anwohnern gegeben. Denn nur einmal im Jahr ist Karneval und am Aschermittwoch ist alles vorbei.
Gut, dass man in Mülheim so gut drauf ist, dass hier am heutigen Mittwoch noch lange nicht alles vorbei ist, zum Beispiel heute, wenn die Band Birth-Control in der Freilichtbühne aufspielt.
Dieser Text erschien am 27. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
So hört man jetzt vom englischen Sänger und Liedermacher Ed Sheeran - Sie erinnern sich: Der Mann, der am Flughafen Essen-Mülheim singen wollte, ehe ihm die Feldlerche etwas flötete - ist jetzt in Düsseldorf mit seinen Open-Air-Konzert-Plänen an Bäumen gescheitert. Jetzt weiß der Brite, was der deutsche Volksmund meint, wenn er sagt. dass man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe.
Selbst im rheinisch-heiteren Köln hat man dem Musiker von der Insel, der bald reif für selbige sein dürfte, mit Blick auf eine mögliche Konzertwiese die kalten Schulter gezeigt. Denn nach einem vergleichbaren Konzert habe es dort vor Jahren schon einmal massive Missklänge mit den lärm-belästigten Anwohnern gegeben. Denn nur einmal im Jahr ist Karneval und am Aschermittwoch ist alles vorbei.
Gut, dass man in Mülheim so gut drauf ist, dass hier am heutigen Mittwoch noch lange nicht alles vorbei ist, zum Beispiel heute, wenn die Band Birth-Control in der Freilichtbühne aufspielt.
Dieser Text erschien am 27. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Mittwoch, 27. Juni 2018
Erdogans Wahlsieg kam nicht überraschend: Drei Fragen an die Vorsitzende des Mülheimer Integrationsrates, Emine Arslan
Hat Sie der Wahlsieg Erdogans überrascht?
Emine Arslan: Nein. Damit war zu rechnen. Erdogan hat während seiner 15-jährigen Amtszeit die Inflation gesenkt und viel in die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur des Landes investiert. Das sehen auch viele in Deutschland lebende Türken so und wählen ihn.
Wird Erdogans autoritäre Politik, die viele Regierungsgegner um ihre Arbeitsplätze, vor Gericht und ins Gefängnis bringt, nicht auch kritisch gesehen?
Arslan: Erdogan wird für seine Innenpolitik in der Türkei und auch in der deutsch-türkischen Gemeinschaft kritisiert. Aber für mich ist es im Einzelfall schwer nachvollziehbar, warum Regierungskritiker in der Türkei vor Gericht oder ins Gefängnis kommen. Wenn der Vorsitzende der prokurdischen HDP im Gefängnis sitzt, weil er für die Terroristen der verbotenen kurdischen PKK und ihren inhaftierten Führer geworben hat, haben viele Türken dafür Verständnis.
Wie erklären Sie sich, dass zwei Drittel der in Deutschland wahlberechtigten Türken für Erdogan gestimmt haben?
Arslan: Viele der in Deutschland lebenden Türken haben bei der freien und demokratischen Wahl, bei hoher Wahlbeteiligung und im Wahlkampf mit den Oppositionsparteien, die auch antreten durften, vielleicht für Erdogan gestimmt, weil sie in Deutschland kein kommunales Wahlrecht haben, obwohl sie hier seit Jahrzehnten leben, arbeiten und Steuern zahlen, ohne dafür im Alltag mit Chancengleichheit belohnt zu werden.
Dieser Text erschien am 27. Juni in der Neuen Ruhr Zeitung
Emine Arslan: Nein. Damit war zu rechnen. Erdogan hat während seiner 15-jährigen Amtszeit die Inflation gesenkt und viel in die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur des Landes investiert. Das sehen auch viele in Deutschland lebende Türken so und wählen ihn.
Wird Erdogans autoritäre Politik, die viele Regierungsgegner um ihre Arbeitsplätze, vor Gericht und ins Gefängnis bringt, nicht auch kritisch gesehen?
Arslan: Erdogan wird für seine Innenpolitik in der Türkei und auch in der deutsch-türkischen Gemeinschaft kritisiert. Aber für mich ist es im Einzelfall schwer nachvollziehbar, warum Regierungskritiker in der Türkei vor Gericht oder ins Gefängnis kommen. Wenn der Vorsitzende der prokurdischen HDP im Gefängnis sitzt, weil er für die Terroristen der verbotenen kurdischen PKK und ihren inhaftierten Führer geworben hat, haben viele Türken dafür Verständnis.
Wie erklären Sie sich, dass zwei Drittel der in Deutschland wahlberechtigten Türken für Erdogan gestimmt haben?
Arslan: Viele der in Deutschland lebenden Türken haben bei der freien und demokratischen Wahl, bei hoher Wahlbeteiligung und im Wahlkampf mit den Oppositionsparteien, die auch antreten durften, vielleicht für Erdogan gestimmt, weil sie in Deutschland kein kommunales Wahlrecht haben, obwohl sie hier seit Jahrzehnten leben, arbeiten und Steuern zahlen, ohne dafür im Alltag mit Chancengleichheit belohnt zu werden.
Dieser Text erschien am 27. Juni in der Neuen Ruhr Zeitung
Dienstag, 26. Juni 2018
Die Zwei von der Zeitzeugenbörse
Zusammen mit dem Centrum für bürgerschaftliches
Engagement (CBE) stellt die Mülheimer Woche regelmäßig Menschen vor, die sich
ehrenamtlich für ihre Mitmenschen engagieren. Heute lernen Sie die pensionierte
Lehrerin Brigitte Reuß und den ebenfalls pensionierten Versicherungsmanager
Manfred Zabelberg kennen.
"Wir machen lieber etwas mit Menschen. Da bekommt man mehr zurück, als wenn man zu Hause alleine vor dem Fernseher sitzt", erklären der 1952 Geborene und die 1956 Geborene, warum sie sich ehrenamtlich engagieren.
Beide treffen sich einmal pro Monat in der Senioren-Residenz Sommerhof mit sogenannten Zeitzeugen. Das sind Menschen von Ende 60 bis Anfang 90, die eine Menge Lebenserfahrung im Gepäck haben und deshalb vor allem der jüngeren Generation eine Menge zu sagen haben, etwa über ihre Kindheit und Jugend in der Nazi- und Kriegszeit und in den anschließenden Nachkriegsjahren des mühsamen Wiederaufbaus.
"Ich habe im Gespräch mit meinen eigenen Eltern erlebt, dass es alten Menschen gut tut, wenn sie ihre Lebenserfahrung an die jüngere Generation weitergeben können und dafür von dieser auch Wertschätzung erfahren", berichtet Brigitte Reuß. 2007 lernte sie in Köln und Berlin Zeitzeugenbörsen kennen, deren Teilnehmer als Zeitzeugen regelmäßig in Schulen gehen, um Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus ihrer Kindheit und Jugend zu berichten. "So etwas könnte und sollte man auch bei uns machen", fand die Pädagogin und ging 2008 mit Unterstützung des CBEs ans Werk. 2015 traf sie Manfred Zabelberg bei einer Fortbildung des CBEs und gewann ihn als Kopiloten für die Zeitbörse.
Respekt und Interesse
"Obwohl es bei den Schülern
immer solche und solche gibt, erleben wir doch immer wieder, dass alle
Jugendlichen sehr interessiert an den Lebensberichten der Zeitzeugen
sind", erzählt Zabelberg. Reuß und er begleiten die Zeitzeugen jährlich 10
bis 15 Mal zu Schüler-Gesprächen und Lesungen, Außerdem dokumentieren sie mit
Unterstützung einer ehemaligen Chefsekretärin die Lebensberichte, die ein Stück
erlebte Zeitgeschichte darstellen. "Ich merke bei den Berichten und
Begegnungen immer wieder, dass es alten Menschen gut tut, ihre eigene Biografie
aufzuarbeiten und so sich mit ihrem Leben auch zu versöhnen und ihre
Lebensleistung zu erkennen", sagt Brigitte Reuß. Zabelberg und Reuß freuen
sich über alle Schulklassen, die Zeitzeugen anfordern und natürlich auch über
alle lebenserfahrenen Mülheimer, die bereit sind, sich an ihrem Lebensabend als
Zeitzeugen zur Verfügung zu stellen. Auskunft geben Manfred Zahbelberg unter
0208-474852, Brigitte Reuß unter: 0214-50097942 und Eva Maria Bahr unter:
0208-94110620.
Dieser Text erschien am 20. Juni 2018 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche
Montag, 25. Juni 2018
Wenn aus einem Spiel Ernst wird
Kann man das noch Spiel nennen?“ fragt mich NRZ-Leser Gerhard Bennertz, als wir uns in der Stadtmitte treffen und über die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft ins Gespräch kommen.
Wir lassen die Szene des Deutschland/Schweden-Spiels Revue passieren, in dem sich der deutsche Mittelfeldspieler Sebastian Rudy einen Nasenbeinbruch zuzog und blutend ausgewechselt werden musste, weil ihm sein schwedischer Gegenspieler im Zweikampf mit dem seinem Knie ins Gesicht gesprungen war. Wer die Szene gesehen hat, fühlte sich eher an einen antiken Gladiatorenkampf oder ans Catchen, denn an gepflegtes Fußballspiel erinnert.
„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragt erst mal euren Arzt und Apotheker, ehe ihr von einer Karriere als Fußball-Profi träumt“, möchte man da ballverliebten Jugendlichen sagen, die auf staubigen Sportplätzen hoffnungsvoll und begeistert den langen Weg durch die Fußballinstanzen antreten.
Man ahnt, warum Britanniens einstiger Premierminister Winston Churchill nach dem Motto: „No, sports“ lebte und damit 91 Jahre alt wurde, wenn man manches Foul auf dem Fußballplatz mit ansehen muss oder angesichts eines Achterbahn-artigen Spielverlaufs Baldrian braucht. Wenn es nicht nur um Tore, Punkte und die Ehre, sondern auch um zu viel Geld geht, verwandelt sich der Spaß am Spiel zu oft in bitteren und manchmal auch blutigen Ernst.
Dieser Text erschien am 25. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Wir lassen die Szene des Deutschland/Schweden-Spiels Revue passieren, in dem sich der deutsche Mittelfeldspieler Sebastian Rudy einen Nasenbeinbruch zuzog und blutend ausgewechselt werden musste, weil ihm sein schwedischer Gegenspieler im Zweikampf mit dem seinem Knie ins Gesicht gesprungen war. Wer die Szene gesehen hat, fühlte sich eher an einen antiken Gladiatorenkampf oder ans Catchen, denn an gepflegtes Fußballspiel erinnert.
„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragt erst mal euren Arzt und Apotheker, ehe ihr von einer Karriere als Fußball-Profi träumt“, möchte man da ballverliebten Jugendlichen sagen, die auf staubigen Sportplätzen hoffnungsvoll und begeistert den langen Weg durch die Fußballinstanzen antreten.
Man ahnt, warum Britanniens einstiger Premierminister Winston Churchill nach dem Motto: „No, sports“ lebte und damit 91 Jahre alt wurde, wenn man manches Foul auf dem Fußballplatz mit ansehen muss oder angesichts eines Achterbahn-artigen Spielverlaufs Baldrian braucht. Wenn es nicht nur um Tore, Punkte und die Ehre, sondern auch um zu viel Geld geht, verwandelt sich der Spaß am Spiel zu oft in bitteren und manchmal auch blutigen Ernst.
Dieser Text erschien am 25. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Sonntag, 24. Juni 2018
Mahnung für die Zukunft: Vor 75 Jahren erlebten und erlitten die Menschen an Rhein und Ruhr den Luftkrieg als blutigen Preis für Hitlers Politik
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Ein Blick auf das kriegszertstörte Mülheim an der Ruhr im Jahre 1945 Ein Foto aus dem Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr www.stadtarchiv-mh.de |
Vor 75 Jahren ist das Ruhrgebiet die Rüstungsschmiede Hitlers und damit ein zentrales Angriffsziel der alliierten Luftstreitkräfte. Luftmarschall Arthur Harris, genannt „Bomber-Harris“, Chef der Royal Air Force, will im vierten Kriegsjahr mit seinen Flächenbombardements nicht nur die deutsche Rüstungsindustrie, sondern auch die zivile Infrastruktur Nazi-Deutschlands zerstören und damit die Kriegsmoral der Deutschen brechen.
Der Krieg, der am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen von Deutschland ausgegangen ist, kommt jetzt wie ein Bumerang zurück. Die Zivilbevölkerung muss den Preis für Hitlers politischen Größenwahn bezahlen. Der Chef der deutschen Luftwaffe, Hermann Göring, wird im Sommer 1943 hinter vorgehaltener Hand Hermann Meier genannt. Denn er hat bei Kriegsbeginn getönt, er wolle Meier heißen, wenn auch nur ein feindliches Flugzeug die Reichsgrenze überfliegen sollte.
Den Menschen an Rhein und Ruhr ist ihren Luftschutzkellern und in ihren ausgebombten Häusern, die in Ruinen-Städten stehen, ist das Lachen vergangen. Was sie im Luftkrieg erleben und erleiden, verbrähmt die NS-Propaganda als „Feuertaufe“. Purer Hohn angesichts der grausamen Tatsachen.
In Essen werfen 442 alliierte Kampfjets am späten Abend des 5. März 1943 innerhalb einer Stunde 360 Bomben über der Stadt ab. 457 Menschen finden den Tod. 3000 Häuser werden zerstört und machen ihre Bewohner obdachlos. Die Stadtmitte wird zu 90 Prozent zerstört.
Genauso ergeht es den Mülheimer Nachbarn. In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 entladen 550 britische und amerikanische Bomber ihre tödliche Fracht über der Stadt. Mehr als 500 Menschen finden den Tod. Nach dem Angriff ist die Innenstadt zu 64 Prozent zerstört.
Duisburg, ebenso wie Mülheim, durch das industrielle Erbe August Thyssens geprägt, wird vor 75 Jahren fast täglich von Luftangriffen getroffen. 311 Luftangriffe der Alliierten, die von der NS-Propaganda als „Terrorangriffe“ verdammt werden, zerstören 80 Prozent der Wohnungen. Alleine in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 1943 treffen 1599 alliierte Bomben die Innenstadt und machen dort 96 000 Menschen obdachlos.
Bereits in der Osternacht vom 26. auf den 27. April 1943 haben 120 britische Bomber ihre Tod bringende Last über
Oberhausen abgeworfen. 70 Luftminen, 275 Sprengbomben, 7000 Phosphorgranaten und 45000 Stabbrandbomben beschädigen und zerstören damals 7000 Häuser, elf Kirchen und 26 Schulen. Sie töten 244 Menschen und verletzen weitere 550.
Doch nicht nur die Menschen im Industriegebiet an der Ruhr werden vor 75 Jahren zu Opfern des Luftkriegs. Auch die Regierungsstadt Düsseldorf, der Schreibtisch des Ruhrgebietes, wird hart getroffen. Am 12. Juni 1943, es ist Pfingsten, fallen während eines 80-minütigen Luftangriffs 1.300 Spreng- und 225.000 Brandbomben auf die Stadt am Rhein. Sie töten mehr als 600 Menschen und verletzen über 3000. Mehrere 1000 Wohnungen, 28 Schulen, 16 Kirchen und 13 Krankenhäuser werden beschädigt oder zerstört. Besonders hart werden Derendorf, die Innenstadt und die Südstadt getroffen, wo nach dem Angriff über 9000 Brände zu löschen sind. „Dieser Luftangriff hat die Überlegenheit der britischen Luftwaffe schlagend vor Augen geführt“, sagt der britische Premierminister Winston Churchill, über den Pfingst-Samstags-Angriff auf Düsseldorf, als ihm am 30. Juni 1943 die Ehrenbürgerschaft von London verliehen wird. Unter dem Eindurck der Flächenbombadements der Alliierten werden viele Kinder aus den Großstädten an Rhein und Ruhr aufs Land verschickt.
Dass es heute in den Innenstädten an Rhein und Ruhr nur wenige alte Häuser gibt und regelmäßig Bomben entschärft werden müssen, führt uns bis heute das Erbe des Zweiten Weltkrieges vor Augen. Dieses Erbe mahnt uns, wohin politischer Extremismus, Populismus und Rassismus am Ende führen können und das die 15 Jahre nach diesen Luftangriffen entstandene Europäische Union nicht von ungefähr im Jahr 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist.
Eine besondere Ironie und Logik der Geschichte besteht darin, dass Kohle und Stahl, die im Zweiten Weltkrieg zur tödlichen Waffe wurden, 1951, in Gestalt der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zur Grundlage der europäischen Einigung wurden. Diese Einigung ehemaliger Feinde, die zu Freunden wurden, manifestiert sich heute nicht nur an Rhein und Ruhr in zahlreichen deutsch-englischen und deutsch-französischen Städtepartnerschaften.
Der Krieg am Niederrhein
Auch die Städte und Menschen am Niederrhein bleiben vom Luftkrieg nicht verschont, nachdem die Alliierten im Somer 1944 das von Deutschland besetzte Frankreich befreit haben und jetzt weiter nach Osten marschieren, wodurch der Niederrhein zunehmend zur Front wird.
Emmerich wird durch einen alliierten Luftangriff am 7. Oktober 1944 zu 91 Prozent zerstört. Nach dem Krieg wird Emmerich ein Teil der Niederlande und erst 1963 wieder eine bundesdeutsche Stadt.
Im Klever Reichswald tobt vom 7. bis zum 22. Februar eine Schlacht, bei der auf beiden Seiten 10.000 Soldaten ihr Leben verlieren. Nach der Schlacht, an die heute ein Ehrenfriedhof im Reichswald erinnert, bringen die Allierten das westliche Rheinufer zwischen Wesel und Emmerich unter ihre Kontrolle. 50 000 deutsche Soldaten gehen in Gefangenschaft.
Wesel wird im Zuge des alliierten Vormrasches auf das Ruhrgebiet im Februar und März zu 97 Prozent zerstört. Mehr als 600 Zivilisten werden getötet. Bei Kriegsende leben nur noch 1900 der vormals 25 000 Weselaner in ihrer Stadt.
Dinslaken wird am Tag vor seiner Einnahme durch US-Truppen am 23. März 1945 von einem Luftangriff getroffene, bei dem 511 Menschen, darunter auch 40 Zwangsarbeiter ihr Leben verlieren. Die Stadt wird zu mehr als 80 Prozent zerstört. Während des Krieges sterben in Dinslaken 739 Zivilisten und 165 Zwangsarbeiter.
Dieser Text erschien am 23. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Samstag, 23. Juni 2018
Geldsegen für den Wünschewagen: Das Ambulante Hospiz spendierte 2500 Euro, damit der Arbeiter-Samariterbund und seine ehrenamtlichen Mitarbeiter letzte Wünsche wahr werden
Unabhängig von den Wetterverhältnissen, wird es Nazan Aynur vom Arbeitersamariterbund (ASB) und ihren etwas 20 Zuhörern vom Ambulanten Hospiz warm ums Herz.
Die ehrenamtlichen Sterbebegleiter schauen mit der Referentin vom ASB in den Wünschewagen, der heute auf dem Kirchenhügel vor St. Mariae Geburt Station macht.
Aynur erklärt nicht nur die Ausstattung des Wünschewagens: Liege, Sitze, Sternenhimmel, Panoramafenster, Beatmungsgerät und Minibar. Sie erklärt auch, was es mit dem Wünschewagen auf sich hat, der seit 2014 zwei bis dreimal pro Woche letzte Wünsche wahr macht. Seine Fahrgäste sind hochbetagte und meistens sterbenskranke Menschen, die, begleitet von ehrenamtlichen Helfern, letzte Wünsche wagen.
Noch einmal den Lieblingsclub im Stadion spielen sehen. Noch einmal entfernte Freunde oder Verwandte besuchen. Noch einmal einen Tag am Meer erleben. Noch einmal eine Musical-Aufführung besuchen. Solche und ähnliche Wünsche werden auf den oft letzten Metern des Lebens Wirklichkeit, weil 130 ehrenamtliche Mitarbeiter des ASBs als Fahrer und Begleiter mit ihren alten und schwerkranken Fahrgästen auf Reisen gehen. Zwei Drittel der ehrenamtlichen Helfer verfügen von Berufswegen über eine medizinische und pflegerische Ausbildung. Andere, die zum Beispiel über einen Führerschein der Klasse 3/C1 verfügen, stellen sich als Fahrer oder Begleiter zur Verfügung.
„So ein Einsatz nimmt mindestens sechs bis sieben Stunden in Anspruch. Je nach Reiseziel, wird auch schon mal eine Übernachtung nötig“, berichtet Projektleiterin Aynur. „Hier kann ich das tun, was mir am meisten Freude macht, nämlich 1:1 Menschen helfen“, antwortete ihr kürzlich eine Krankenschwester, warum sie neben ihrer anstrengenden Arbeitszeit auch noch Zeit für den Wünschewagen und seine Fahrgäste übrig habe. „Bei diesen Fahrten wird viel geweint und viel gelacht. Man kommt sich menschlich sehr nahe“, weiß Nazan Aynur.
In einem Fall ist es auch schon vorgekommen, dass ein Fahrgast sein Ziel nicht mehr erreicht hat, weil er während der Fahrt gestorben ist. „Unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter, die vom ASB für ihren Einsatz geschult werden, brauchen nicht nur medizinisches und pflegerisches Wissen. Sie müssen sich auch mit ihrer eigenen Sterblichkeit intensiv auseinandersetzen“, betont Aynur.
Die ehrenamtlichen Sterbebegleiter vom 1996 im St. Marien-Hospital gegründeten Ambulanten Hospiz wissen, wovon die Frau vom 1878 gegründeten Arbeitersamariterbund spricht. „Das ist eine sehr wertvolle Arbeit, von der viele Menschen profitieren, die wir ehrenamtlich und kostenfrei begleiten“, sagt die Vorsitzende des Ambulanzen Hospizes Ursula König. Und deshalb haben König und ihre Mitstreiter für das spendenfinanzierte Projekt des ASB-Wünschewagens nicht nur Applaus, sondern auch einen Spendenscheck über 2500 Euro mitgebracht.
Das Geld ist Aynur und ihrem Team hoch willkommen. Denn mit dem ehrenamtlichen Einsatz allein kommt der für die Fahrgäste kostenfreie Wünschewagen, der inzwischen nicht nur an Rhein und Ruhr, sondern bundesweit und im benachbarten Ausland unterwegs ist, nicht ins Rollen. Auch der Wünschewagen muss versteuert, versichert, gewartet, repariert und betankt werden.
Auskunft und Anmeldung beim Arbeiter-Samariter-Bund unter der Rufnummer 0201-870010, per Mail an: wuenschewagen@asb-ruhr.info und im Internet unter: www.wuenschewagen.de
Dieser Text erschien am 21. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Die ehrenamtlichen Sterbebegleiter schauen mit der Referentin vom ASB in den Wünschewagen, der heute auf dem Kirchenhügel vor St. Mariae Geburt Station macht.
Aynur erklärt nicht nur die Ausstattung des Wünschewagens: Liege, Sitze, Sternenhimmel, Panoramafenster, Beatmungsgerät und Minibar. Sie erklärt auch, was es mit dem Wünschewagen auf sich hat, der seit 2014 zwei bis dreimal pro Woche letzte Wünsche wahr macht. Seine Fahrgäste sind hochbetagte und meistens sterbenskranke Menschen, die, begleitet von ehrenamtlichen Helfern, letzte Wünsche wagen.
Noch einmal den Lieblingsclub im Stadion spielen sehen. Noch einmal entfernte Freunde oder Verwandte besuchen. Noch einmal einen Tag am Meer erleben. Noch einmal eine Musical-Aufführung besuchen. Solche und ähnliche Wünsche werden auf den oft letzten Metern des Lebens Wirklichkeit, weil 130 ehrenamtliche Mitarbeiter des ASBs als Fahrer und Begleiter mit ihren alten und schwerkranken Fahrgästen auf Reisen gehen. Zwei Drittel der ehrenamtlichen Helfer verfügen von Berufswegen über eine medizinische und pflegerische Ausbildung. Andere, die zum Beispiel über einen Führerschein der Klasse 3/C1 verfügen, stellen sich als Fahrer oder Begleiter zur Verfügung.
„So ein Einsatz nimmt mindestens sechs bis sieben Stunden in Anspruch. Je nach Reiseziel, wird auch schon mal eine Übernachtung nötig“, berichtet Projektleiterin Aynur. „Hier kann ich das tun, was mir am meisten Freude macht, nämlich 1:1 Menschen helfen“, antwortete ihr kürzlich eine Krankenschwester, warum sie neben ihrer anstrengenden Arbeitszeit auch noch Zeit für den Wünschewagen und seine Fahrgäste übrig habe. „Bei diesen Fahrten wird viel geweint und viel gelacht. Man kommt sich menschlich sehr nahe“, weiß Nazan Aynur.
In einem Fall ist es auch schon vorgekommen, dass ein Fahrgast sein Ziel nicht mehr erreicht hat, weil er während der Fahrt gestorben ist. „Unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter, die vom ASB für ihren Einsatz geschult werden, brauchen nicht nur medizinisches und pflegerisches Wissen. Sie müssen sich auch mit ihrer eigenen Sterblichkeit intensiv auseinandersetzen“, betont Aynur.
Die ehrenamtlichen Sterbebegleiter vom 1996 im St. Marien-Hospital gegründeten Ambulanten Hospiz wissen, wovon die Frau vom 1878 gegründeten Arbeitersamariterbund spricht. „Das ist eine sehr wertvolle Arbeit, von der viele Menschen profitieren, die wir ehrenamtlich und kostenfrei begleiten“, sagt die Vorsitzende des Ambulanzen Hospizes Ursula König. Und deshalb haben König und ihre Mitstreiter für das spendenfinanzierte Projekt des ASB-Wünschewagens nicht nur Applaus, sondern auch einen Spendenscheck über 2500 Euro mitgebracht.
Das Geld ist Aynur und ihrem Team hoch willkommen. Denn mit dem ehrenamtlichen Einsatz allein kommt der für die Fahrgäste kostenfreie Wünschewagen, der inzwischen nicht nur an Rhein und Ruhr, sondern bundesweit und im benachbarten Ausland unterwegs ist, nicht ins Rollen. Auch der Wünschewagen muss versteuert, versichert, gewartet, repariert und betankt werden.
Auskunft und Anmeldung beim Arbeiter-Samariter-Bund unter der Rufnummer 0201-870010, per Mail an: wuenschewagen@asb-ruhr.info und im Internet unter: www.wuenschewagen.de
Dieser Text erschien am 21. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Freitag, 22. Juni 2018
Für Generationen gut bedacht: Seit 120 Jahren sorgen Mülheimer Wohnungsbaugenossen dafür, dass Menschen in unserer Stadt mehr, als nur ein Dach über dem Kopf finden und sich zuhause fühlen
Am 22. Juni 2018 wird Mülheims Wohnungsbaugenossenschaft 120 Jahre alt. Über diese Zeit hinweg hat die Mülheimer Wohnungsbau viele Veränderungen erlebt. Eins ist geblieben: Eine politische Dimension hatte die Arbeit der MWB schon immer.
Das ging schon bei der Gründung los: Die Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft wurde am 22. Juni 1898 von 23 Arbeitern und Handwerkern aus dem Evangelischen Arbeiter- und Bürgerverein heraus gegründet. Die ersten Mülheimer Wohnungsbaugenossen verstanden sich, wie man vor 120 Jahren in der Mülheimer Zeitung nachlesen konnte, sogar als „ein Bollwerk gegen die anwachsende sozialdemokratische Partei und ihre umstürzlerischen Pläne“.
Gründungsidee der Wohnungsbaugenossenschaft war die der Hilfe zur Selbsthilfe, um die, wie vor 120 Jahren, auch heute aktuelle soziale Frage nach menschenwürdigem und bezahlbarem Wohnraum zu beantworten. Die MWB wuchs schnell: Waren die ersten Häuser, die die Genossenschaft ab 1899 unter anderem an der Kreuzstraße errichtete, noch Eigenheime, die von den Genossen ratenweise erworben wurden, so übernahm sie nach der Fusion mit dem Allgemeinen Spar- und Bauverein 1906 ihre ersten Mietwohnungen und baute ab den 1920er Jahren ganz bewusst preiswerte Mietwohnungen, die unter anderem Kriegsteilnehmern, Kriegerwitwen und Waisen und Kriegsinvaliden zu Gute kamen. Ausgerechnet in der Hyperinflation der Jahre 1923 und 1924 entstanden rund 90 Wohnungen zwischen Kaiserstraße, Kämpchenstraße, der heutigen Paul-Essers-Straße und der Oberstraße. An der Oberstraße bezog die Genossenschaft in den 1920er Jahren auch ihre erste Geschäftsstelle. Später wurden ihre Geschäfte von der heutigen Friedrich-Ebert-Straße und von der Adolfstraße aus geführt.
Der erste Vorstand der Genossenschaft, die bis 1942 als Spar- und Bauverein firmierte, August Kirchberg, war politisch bei den Liberalen zu Hause gewesen. Sein Name hat sich 1930 mit der Kirchbergshöhe, wo die Genossenschaft damals eine ihrer Siedlungen errichtet hatte, im Stadtbild verewigt. Kirchberg, der kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges starb, musste noch miterleben, wie 413 Wohnhäuser, die unter seiner Verantwortet errichtet worden waren, Opfer der Bomben wurden.
Überhaupt konnte sich auch der Mülheimer Spar- und Bauvrein nicht den Auswirkungen der Diktatur der Nationalsozialisten entziehen: Die Genossenschaft wurde 1942 mit der 1920 gegründeten Genossenschaft Eigenheim zur Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft zwangsfusioniert. Zwar beschäftigte sie im Zweiten Weltkrieg, laut Wiedergutmachungsakten, keine Zwangsarbeiter, passte sich aber an den NS-Zeitgeist an. Das NSDAP-Mitglied Heinrich Genner löste August Kirchberg 1942 als Geschäftsführer ab und jüdische Bürger durften ab 1939 keine
Mitglieder und Mieter der Genossenschaft sein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gestalteten unter anderem auch Sozialdemokraten, wie die Geschäftsführer Jürgen Willmann und Frank Esser oder der Aufsichtsratsvorsitzende Gerd Müller die Entwicklung der Wohnungsbaugenossenschaft mit. Nach der Zerstörung des Krieges wurde die Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft zum Akteur beim Wiederaufbau. Allein in den 1950er Jahren wurden unter ihrer Regie 3000 neue Wohnungen errichtet. Die Stadt erlebte damals einen noch nie dagewesenen Bauboom.
Dieser Boom führte auch dazu, dass neben der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft mit der 1951 gegründeten SWB eine zweite lokale Wohnungsbaugeellschaft entstand. Die Stadt, die seit der Gründung der Genossenschaft Anteile hält und ihren Wohnungsbau auch darüber hinaus, etwa mit Beihilfen und Darlehn, finanziell unterstützt hat, wollte in den Zeiten der akuten Wohnungsnot und des Wiederaufbaus eine zweite lokale Wohnungsbaugesellschaft schaffen, in der Wohnraum suchende Mieter, nicht zwangsläufig auch Mitglied einer Genossenschaft werden mussten.
Menschenwürdiges und bezahlbares Wohnen ist heute wieder ein wichtiges Thema, wie auch vor 120 Jahren. Mit einem vielfältigen Angebot will sich die Mülheimer Wohnungsbau auf die derzeitige wohnungspolitische Lage einstellen. Neben dem traditionellen Mietwohnungsbau betreibt die Wohnungsgenossenschaft deswegen nun auch ein erfolgreiches Bauträgergeschäft und eine Immobilienverwaltung. Außerdem sieht sich die MWB als Partnerin Mülheims in Sachen Stadtentwicklung. Das zeigen Projekte wie das Ruhrquartier oder Mülheims derzeit prominenteste Baustelle, das von den Bürgern durchaus kontrovers diskutierte Stadtquartier Schloßstraße.
Nach der SWB (9000 Wohnungen) ist die von über 9.000 Wohnungsbaugenossen getragene MWB mit über 5000 Wohnungen heute der zweitgrößte Wohnungsanbieter, dessen Durchschnittsmiete aktuell bei 5,53 € pro Quadratmeter liegt. In den 1920er Jahren gehörten die Wohnungen des damaligen Mülheimer Spar- und Bauvereins zu den ersten, die mit einem eignen Badezimmer ausgestattet wurden.
1990 verlor die MWB ihre Gemeinnützigkeit und wurde zu einem steuerpflichtigen Unternehmen. In der Folge gründete sie eine Baubetreuungs- und Verwaltungsgesellschaft, um sich wirtschaftlich breiter aufstellen und auch Eigentumswohnungen und Eigenheime errichten zu können.
Dieser Text erschien am 20. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Das ging schon bei der Gründung los: Die Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft wurde am 22. Juni 1898 von 23 Arbeitern und Handwerkern aus dem Evangelischen Arbeiter- und Bürgerverein heraus gegründet. Die ersten Mülheimer Wohnungsbaugenossen verstanden sich, wie man vor 120 Jahren in der Mülheimer Zeitung nachlesen konnte, sogar als „ein Bollwerk gegen die anwachsende sozialdemokratische Partei und ihre umstürzlerischen Pläne“.
Gründungsidee der Wohnungsbaugenossenschaft war die der Hilfe zur Selbsthilfe, um die, wie vor 120 Jahren, auch heute aktuelle soziale Frage nach menschenwürdigem und bezahlbarem Wohnraum zu beantworten. Die MWB wuchs schnell: Waren die ersten Häuser, die die Genossenschaft ab 1899 unter anderem an der Kreuzstraße errichtete, noch Eigenheime, die von den Genossen ratenweise erworben wurden, so übernahm sie nach der Fusion mit dem Allgemeinen Spar- und Bauverein 1906 ihre ersten Mietwohnungen und baute ab den 1920er Jahren ganz bewusst preiswerte Mietwohnungen, die unter anderem Kriegsteilnehmern, Kriegerwitwen und Waisen und Kriegsinvaliden zu Gute kamen. Ausgerechnet in der Hyperinflation der Jahre 1923 und 1924 entstanden rund 90 Wohnungen zwischen Kaiserstraße, Kämpchenstraße, der heutigen Paul-Essers-Straße und der Oberstraße. An der Oberstraße bezog die Genossenschaft in den 1920er Jahren auch ihre erste Geschäftsstelle. Später wurden ihre Geschäfte von der heutigen Friedrich-Ebert-Straße und von der Adolfstraße aus geführt.
Der erste Vorstand der Genossenschaft, die bis 1942 als Spar- und Bauverein firmierte, August Kirchberg, war politisch bei den Liberalen zu Hause gewesen. Sein Name hat sich 1930 mit der Kirchbergshöhe, wo die Genossenschaft damals eine ihrer Siedlungen errichtet hatte, im Stadtbild verewigt. Kirchberg, der kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges starb, musste noch miterleben, wie 413 Wohnhäuser, die unter seiner Verantwortet errichtet worden waren, Opfer der Bomben wurden.
Überhaupt konnte sich auch der Mülheimer Spar- und Bauvrein nicht den Auswirkungen der Diktatur der Nationalsozialisten entziehen: Die Genossenschaft wurde 1942 mit der 1920 gegründeten Genossenschaft Eigenheim zur Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft zwangsfusioniert. Zwar beschäftigte sie im Zweiten Weltkrieg, laut Wiedergutmachungsakten, keine Zwangsarbeiter, passte sich aber an den NS-Zeitgeist an. Das NSDAP-Mitglied Heinrich Genner löste August Kirchberg 1942 als Geschäftsführer ab und jüdische Bürger durften ab 1939 keine
Mitglieder und Mieter der Genossenschaft sein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gestalteten unter anderem auch Sozialdemokraten, wie die Geschäftsführer Jürgen Willmann und Frank Esser oder der Aufsichtsratsvorsitzende Gerd Müller die Entwicklung der Wohnungsbaugenossenschaft mit. Nach der Zerstörung des Krieges wurde die Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft zum Akteur beim Wiederaufbau. Allein in den 1950er Jahren wurden unter ihrer Regie 3000 neue Wohnungen errichtet. Die Stadt erlebte damals einen noch nie dagewesenen Bauboom.
Dieser Boom führte auch dazu, dass neben der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft mit der 1951 gegründeten SWB eine zweite lokale Wohnungsbaugeellschaft entstand. Die Stadt, die seit der Gründung der Genossenschaft Anteile hält und ihren Wohnungsbau auch darüber hinaus, etwa mit Beihilfen und Darlehn, finanziell unterstützt hat, wollte in den Zeiten der akuten Wohnungsnot und des Wiederaufbaus eine zweite lokale Wohnungsbaugesellschaft schaffen, in der Wohnraum suchende Mieter, nicht zwangsläufig auch Mitglied einer Genossenschaft werden mussten.
Menschenwürdiges und bezahlbares Wohnen ist heute wieder ein wichtiges Thema, wie auch vor 120 Jahren. Mit einem vielfältigen Angebot will sich die Mülheimer Wohnungsbau auf die derzeitige wohnungspolitische Lage einstellen. Neben dem traditionellen Mietwohnungsbau betreibt die Wohnungsgenossenschaft deswegen nun auch ein erfolgreiches Bauträgergeschäft und eine Immobilienverwaltung. Außerdem sieht sich die MWB als Partnerin Mülheims in Sachen Stadtentwicklung. Das zeigen Projekte wie das Ruhrquartier oder Mülheims derzeit prominenteste Baustelle, das von den Bürgern durchaus kontrovers diskutierte Stadtquartier Schloßstraße.
Zahlhen, Daten und Fakten
Nach der SWB (9000 Wohnungen) ist die von über 9.000 Wohnungsbaugenossen getragene MWB mit über 5000 Wohnungen heute der zweitgrößte Wohnungsanbieter, dessen Durchschnittsmiete aktuell bei 5,53 € pro Quadratmeter liegt. In den 1920er Jahren gehörten die Wohnungen des damaligen Mülheimer Spar- und Bauvereins zu den ersten, die mit einem eignen Badezimmer ausgestattet wurden.
1990 verlor die MWB ihre Gemeinnützigkeit und wurde zu einem steuerpflichtigen Unternehmen. In der Folge gründete sie eine Baubetreuungs- und Verwaltungsgesellschaft, um sich wirtschaftlich breiter aufstellen und auch Eigentumswohnungen und Eigenheime errichten zu können.
Dieser Text erschien am 20. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Donnerstag, 21. Juni 2018
Ein Jahr im Land des amtierenden Fußball-Weltmeisters
Malizo Mazamo hat sich einen Traum erfüllt, Der
fußballbegeisterte Südafrikaner wollte das Land des amtierenden
Fußball-Weltmeisters kennen lernen. Das brachte den 16-Jährigen aus
Johannesburg im August 2017 nach Mülheim.
"Die Deutschen sind nicht so aggressiv, zurückgezogen und streng, wie ich es in Südafrika gehört habe. Ich habe ein Land mit offenen und hilfsbereiten Menschen und ein Land mit Kultur kennen gelernt, in dem ich auch keinen Rassismus erleben musste", erzählt der schwarze Gastschüler aus Südafrika am Vorabend seines Heimflugs. Vermittelt vom Verband International Football Exchange und betreut vom Schüleraustauschwerk Open Door e.V., hat Malizo den Alltag in zwei Mülheimer Gastfamilien und den Schulalltag am Gymnasium Heißen kennengelernt.
Nach Deutsch-Kursen in Johannesburg und Köln wurde er in der Deutsch-Vertiefungsklasse des Gymnasiums zusammen mit anderen ausländischen Seiteneinsteigern herangeführt. Sogar an die Interpretation deutscher Gedichte hat er sich herangetraut, wenn auch nur mit bescheidenem Erfolg, wie er einräumt. Die Fälle der deutschen Grammatik waren nicht sein Fall, obwohl man sich nach einem Jahr Deutschland mit Malizo sehr gut über seine Eindrücke von Land und Leuten unterhalten kann.
Er hat seine deutschen Altersgenossen als weniger diszipliniert kennen gelernt, als er sich das vorher vorgestellt hatte. Interessant fand er, dass an seiner deutschen Gastschule so viel diskutiert und in Gruppen gearbeitet wurde. Das kennt er in seiner Highschool im Westen von Johannesburg anders. Da ist Frontalunterricht angesagt, in dem die Schüler lernen und weniger reden sollen. Viel Spaß machte ihm das Fußballspiel in der B-Jugend des Tus Union 09. Daheim kickt er beim FC Randenburg, Toll fand der Teenager aus Südafrika auch, dass seine Gastfamilie ihm nicht nur Mülheim und Münster, sondern auch München zeigte. Dort besuchte er mit seinen Gastgebern ein Bundesliga-Spiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Nur das Spielergebnis, der BVB verlor haushoch, gefiel ihm nicht. Denn Malizo ist Dortmund-Fan. In Mülheim hat Malizo nicht nur "die stille Natur an der Ruhr" und die "vielen Busse und Bahnen", wie Bratkartoffeln und Döner Kebab gut gefallen, die er aus seiner Heimat nicht kennt.
Der 16-jährige Schüler, der nach seinem Abitur Wirtschaftsprüfer werden möchte, kann sich vorstellen, Deutschland privat und beruflich wiederzusehen. Und seine Betreuerin von Open Door, Heike Kartenbender, wirbt nach den guten Erfahrungen mit Malizo um Gastfamilien, die Lust haben für 5 oder 9 Monate einen 16-jährigen Gastschüler aus Israel aufzunehmen. Er heißt Ben, ist 16 alt, kommt aus Tel Aviv und spielt genauso gerne und gut Fußball, wie Malizo Mazamo.
Mehr zum Thema bei Heike Kartenbender
unter der Rufnummer: 0221-6060855-13, per Mail an:
heinke.kartenbender@opendoor-international.de oder online unter:
www.opendoor-international.de
Dieser Text erschien am 20. Juni 2018 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche
Mittwoch, 20. Juni 2018
"Wir mussten wieder bei Null anfangen": Walter Neuhoff erinnert sich an den Tag, als die D-Mark auch nach Mülheim kam
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So sah es in einer von 80 Ausgabestellen aus, als die Mülheimer am Sonntag, den 20. Juni 1948, ihre ersten D-Mark-Scheine in Empfang nahmen. (Archivfoto: Sparkasse Mülheim an der Ruhr) |
Walter
Neuhoff holt einige D-Mark-Scheine aus einem Umschlag, die er bei der
Währungsumstellung auf den Euro, 2002, zurückbehalten hat, als Erinnerung.
Mit seinen 82
Jahren gehört der Mülheimer zu jenen, die nicht nur das Ende, sondern auch den
Beginn der D-Mark miterlebt haben.
„Morgens hat
es geregnet. Aber mittags schien dann die Sonne. Nach dem Mittagessen bin ich
dann zusammen mit meinen Eltern in den Altenhof gegangen, wo die neue Währung
ausgegeben wurde“, erinnert sich Neuhoff an den 20. Juni 1948, den Tag der
Währungsreform. Es war ein Sonntag. Das Foto, das er an diesem denkwürdigen
Tag, als die D-Mark auch nach Mülheim kam, von seinen Eltern Wilhelm und
Mathilde beim Sonntagsspaziergang zum Hauptfriedhof aufgenommen hat, hat er
ebenso aufbewahrt, wie die alten D-Mark-Scheine. Auf seinem 70 Jahre alten Foto
wirken Wilhelm und Mathilde Neuhoff ernst. „Jetzt müssen wir wieder bei Null
anfangen und uns alle einschränken“, hatte der Vater gesagt, bevor die Familie
im Altenhof das neue Geld gegen Vorlage ihrer Identitätsbescheinigung und der
Abgabe eines Fingerabdrucks in Empfang nahmen.
„Im Altenhof
wurden damals auch Gottesdienste gefeiert, weil die Petri- und die Marienkirche
nach den Bombenangriffen des 2. Weltkrieges noch instandgesetzt werden
mussten“, erinnert sich Neuhoff. Auch sein eigenes Elternhaus an der
Tersteegenstraße musste damals instandgesetzt werden. „Immerhin bezahlte die
Stadt den Abtransport der Bombentrümer“, erzählt Neuhoff. Vom
Wirtschaftswunder, so erinnert er sich, sei damals noch nichts zu sehen
gewesen. Das habe in Mülheim erst 1953 richtig Fahrt aufgenommen, nachdem der
damalige NRW-Ministerpräsident Karl Arnold an der Friedrich-Ebert-Straße den
neuen Kaufhof eröffnet habe.
Immerhin
füllten sich nach der Währungsreform, die den Neuhoffs ein Startkapital von
drei Mal 40 D-Mark einbrachten wieder die bis dahin leeren Geschäftsauslagen.
Der an der Kaiserstraße betriebe Schwarzhandel verschwand aus dem Stadtbild.
Dafür boten immer mehr Händler auf dem Rathausmarkt ihre Waren an. „Es waren
plötzlich so viele Händler da, dass der eigentliche Marktplatz nicht ausreichte
und auch an der Bahnstraße und am Löhberg Stände platziert wurden“, berichtet
Walter Neuhoff.
Seine erste
D-Mark, damals keine Münze, sondern eine Banknote, gab der zwölfjährige Schüler
des staatlichen Gymnasiums, das wir seit 1974 als Otto-Pankok-Gymnasium kennen,
für die Schulspeisung der amerikanischen Quäker aus. „Meistens bekamen wir eine
Erbsensuppe, die wir in der ersten großen Pause aus unseren Henkelmännern
löffelten“, berichtet Neuhoff.
Vor allem
sein 1904 geborener Vater, so erinnert er sich, habe die Währungsreform 1948
mit der Verbitterung eines Menschen gesehen, der bereits die Geldentwertung der
Hyperinflation 1923 am eigenen Sparbuch erlebt hatte.
Anders, als
1923, behielten die alten Reichsmark-Guthaben im neuen D-Mark-Zeitalter noch
10
Prozent ihres ursprünglichen Wertes, so dass aus den 7000 Reichsmark, die die
Neuhoffs 1948 auf ihrem Sparbuch hatten 700 D-Mark wurden. „Nach den dreimal 40
D-Mark vom 20. Juni 1948, erhielten wir am 1. November 1948 noch einmal 20
D-Mark pro Person. Über ihre abgewerteten Sparguthaben aus der Reichsmarkzeit
konnten meine Eltern erst ab dem 1. Januar 1950 verfügen, schildert Zeitzeuge
Neuhoff den weiteren Fortgang der Währungsreform. Sie war am 16. Juni 1948 im
Stadtrat und via Rundfunkansprache vom damaligen Wirtschaftsdirektor Ludwig
Erhard bekanntgegeben worden war. Die ersten 6,5 Millionen D-Mark, die am 20.
Juni 1948 an 80 Ausgabestellen von 8 bis 18 Uhr unter das Mülheimer Volk
gebracht wurden, sollten sich trotz anfänglicher Startschwierigkeiten und
Klagen wegen Preiswuchers in der Ruckschau als Beginn des Wirtschaftswunders
erweisen. Sein eigenes Wirtschaftwunder sollte Walter Neuhoff 1957 erleben.
Damals erhielt der 21-Jährige sein erstes Gehalt als Mitarbeiter der
Thyssen-Betriebskrankenkasse (260 D-Mark), von denen er 100 D-Mark in einen
schicken blauen Anzug investierte, den er beim Herrenausstatter Pollmeier an
der Ecke Schloßstraße/Löhberg erstand. Der heute 82-jährige Rentner hat sich
damit abgefunden, dass er inzwischen keine D-Mark, sondern Euro in seinem
Portemonnaie hat. Trotzdem erinnert er sich gerne an die D-Mark, die für ihn,
mehr als der Euro, zum Symbol wirtschaftlicher Stabilität wurde.
Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 wurde notwendig, weil die Reichsmark nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Wert verloren hatte. Aufgrund des akuten Metallmangels gab es anfangs keine Geldmünzen, sondern auch für kleine D-Mark-Beträge nur Banknoten, die bereits im Herbst 1947 in den USA gedruckt worden waren, Mit der D-Mark wurde in Westdeutschland die soziale Marktwirtschaft eingeführt. Die Währungsreform in West-Berlin wurde von der Sowjetunion Stalins mit der ein Jahr lang aufrechterhaltenen Land-Blockade West-Berlins beantwortet. Die Westalliierten antworteten ihrerseits mit eine Luftbrücke für die Bevölkerung in West-Berlin.
Dieser Text erschien am 20. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Dienstag, 19. Juni 2018
Mehr Grün wagen zahlt sich aus
Weil die Stadt rote Zahlen schreibt, müssen die Kleingärtner an der Holzstraße also schwarz sehen. Kein Wunder, dass sie das auf die Palme treibt, selbst wenn in ihrem Kleingarten keine steht. Der Chronist, der nicht gerade mit einem grünen Daumen gesegnet ist und deshalb heilfroh sein kann, wenn er seine Topfpflanzen durch rechtzeitiges und regelmäßiges Gießen über den Sommer bringt, denkt an die Cree-Indianer. Die sind zwar keine Kleingärtner, haben uns aber die Weisheit überliefert: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.‘‘ Die Cree wissen, wovon sie sprechen.
Denn auch sie verloren ihr Land an das Profitstreben der Mächtigen. Obwohl die Kommunalpolitik angesichts der städtischen Finanzlage ohnmächtig statt mächtig erscheint, sollte sie bei ihrer Finanzakrobatik daran denken, dass sich jedes grüne Fleckchen in unserer reichlich zubetonierten Stadt als Lebensversicherung bezahlt macht, weil es dafür sorgt, dass auch jene für unsere Stadtgesellschaft tragenden Normalverdiener ins Grüne schauen und auftanken können, die sich kein eigenes Haus im Grünen leisten können.
Dieser Text erschien am 19. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Denn auch sie verloren ihr Land an das Profitstreben der Mächtigen. Obwohl die Kommunalpolitik angesichts der städtischen Finanzlage ohnmächtig statt mächtig erscheint, sollte sie bei ihrer Finanzakrobatik daran denken, dass sich jedes grüne Fleckchen in unserer reichlich zubetonierten Stadt als Lebensversicherung bezahlt macht, weil es dafür sorgt, dass auch jene für unsere Stadtgesellschaft tragenden Normalverdiener ins Grüne schauen und auftanken können, die sich kein eigenes Haus im Grünen leisten können.
Dieser Text erschien am 19. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Montag, 18. Juni 2018
Plakative Verführung
Mir lacht einer unserer Nationalspieler entgegen. Ich sehe ihn auf einem
Werbeplakat. Er macht einen energischen und entschlossenen Eindruck. So sehen
Weltmeister aus. Toll. Wie macht der Mann das bloß? Das Werbeplakat verspricht
mir, dass auch ich zu einem solchen Strahlemann und Siegertypen werden kann,
wenn ich mir den selben Schokoriegel, wie der plakative Spitzensportler
einverleibe. Nicht, dass ich einem Schokoriegel gegenüber abgeneigt wäre, der
mir Energie liefert. Doch ich kenne mich. Es bleibt am Ende nicht nur bei einem
Riegel und meine Energie wird zu teuer bezahltem Hüftgold, das mich davon
abhält energisch und sportiv mein Spiel zu machen. Außerdem werde ich den
Verdacht nicht los, dass der Nationalspieler auf dem Werbeträger nicht wegen
seines Schokriegels, sondern wegen der Kröten strahlt, die er als Nachspeise
kassiert, während Unsereins am Ende nur seine Kröten verliert und Kröten
schlucken muss, die alles andere, als bekömmlich sind.
Dieser Text erschien am 18. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Sonntag, 17. Juni 2018
Bischof Overbeck mahnt Kompromissbereitschaft beim Thema Asyl an
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Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok (am Rednerpult) und Ruhrbischof Dr. Franz-Josef-Overbeck im Ratssaal |
Mönchengladbach. Mit Blick auf die Asyl- und Finanzpolitik fordert der katholische Sozialbischof Franz-Josef Overbeck von der deutschen Politik mehr Solidarität mit den EU-Partnern. Zugleich warnte der Ruhrbischof am Freitag in Mönchengladbach vor populistischen Scheinlösungen. Nationale Alleingänge in diesen Politikfeldern widersprächen auch dem Interesse Deutschlands. "Demokratie braucht immer auch Kompromissbereitschaft", sagte Overbeck.
Angesichts populistischer Tendenzen in Ungarn, Polen, Griechenland und Italien plädierte Overbeck dafür, die europäische Integration stärker sozial zu flankieren. Auch der Wahlsieg Donald Trumps sei auf sozioökonomische Probleme zurückzuführen, "weil sich viele Industriearbeiter im Rust-Belt der USA angesichts ihrer schwindenden sozialen Teilhabe nicht mehr von den Demokraten vertreten fühlten". Der Ruhrbischof rief die Politik auf, "die in unserer Gesellschaft vorhandenen Ängste vor einer sozialen kulturellen Marginalisierung ernst zu nehmen".
Wie Overbeck sieht auch der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok Arbeitslosigkeit und soziale Abstiegsängste als Nährboden für Populisten. Heftige Kritik übte der Politiker an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Es sei "nicht nur unchristlich und unsolidarisch, sondern auch dumm", die Flüchtlingsfrage nicht gesamteuropäisch und global, sondern durch nationale Abschottung lösen zu wollen.
Brok warnte die CSU davor, die Grundlagen des deutschen Wohlstandes zu gefährden. Aus kurzfristiger Wahltaktik heraus dürften Freizügigkeit und Solidarität in der EU nicht aufgegeben werden, auf die das Exportland Deutschland existenziell angewiesen sei. 45 Prozent des Wohlstands schöpfe Deutschland aus dem Export. Und dieser wiederum gehe zu 75 Prozent in die EU-Länder.
Deshalb wäre es aus Broks Sicht fatal, "wenn vor dem Hintergrund einer bayerischen Landtagswahl die europäischen Gestaltungsinstrumente zerstört würden". Die großen Fragen der Zukunft könnten die europäischen Nationalstaaten nicht allein lösen, weil sie gegenüber den globalen Großmächten USA, Russland und China zu klein seien. Brok forderte die EU auf, durch Flüchtlingsströme besonders geforderte Länder wie Griechenland, Italien, Malta, den Libanon und Jordanien nicht allein zu lassen. - Brok und Overbeck sprachen bei einer Tagung der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.
KNA-Bericht vom 15. Juni 2018
Samstag, 16. Juni 2018
Gefährlicher Hochsprung
Nicht nur bei der Fußball-WM wird heute gespielt. Auch im Bundestag wird heute um 9.20 Uhr ein wichtiges Spiel angepfiffen. Anders, als bei der Fußball-WM steht der Spielausgang schon so gut, wie fest: Denn Union und SPD wollen sich mit ihrer Regierungsmehrheit etwas gönnen. Und das bedeutet, dass Sie und ich und wir alle zusammen als Steuerzahler es bezahlen müssen.
Denn die Parteien sollen mehr Geld für ihre politische Arbeit bekommen, nämlich 190 Millionen statt 165 Millionen Euro, und das, obwohl der Bundestag 2013 160 Millionen Euro pro Jahr, plus Teuerungszulage als "absolute Obergrenze" festgelegt hatte. Doch was ist heute schon absolut. Wir leben nicht mehr im Absolutismus, sondern in der Demokratie. Weil die Macht bei uns vom Volke, also von uns ausgeht, dürfen wir uns absolut sicher sein, dass die Parteien ihre Mehreinnahmen auf unsere Kosten für unerwartet teure Arbeit für die Demokratie, nur uns zu Liebe für ihre digitalen Botschaften via Internet, Facebook, Twitter und Co ausgeben wollen. Der manische Twitterer Trump lässt grüßen. Frau Merkel und Co müssen ja dagegenhalten, wenn unser großer ungezogener Bruder jenseits des Atlantiks seinen Unsinn im virtuellen Netz verbreitet.
Ob es unserer Demokratie und damit uns allen besser geht, wenn unsere Parteien mehr Geld zum Twittern und Posten haben, darf bezweifelt werden. Denn wir brauchen auch im digitalen Zeitalter nicht mehr Tweets, sondern Geld für gute Taten, die uns allen im Alltag gut tun, statt uns, wie so manche Web-Botschaft, zu belästigen und die Zeit zu stehlen. Daran sollte heute auch unser Bundestagsabgeordneter Arno Klare denken, wenn es im Schatten der Fußball-WM um einen Hochsprung in der Parteienfinanzierung geht, der spätestens bei der nächsten Wahl für die Parteien zum Eigentor werden könnte.
Dieser Text erschien am 15. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Denn die Parteien sollen mehr Geld für ihre politische Arbeit bekommen, nämlich 190 Millionen statt 165 Millionen Euro, und das, obwohl der Bundestag 2013 160 Millionen Euro pro Jahr, plus Teuerungszulage als "absolute Obergrenze" festgelegt hatte. Doch was ist heute schon absolut. Wir leben nicht mehr im Absolutismus, sondern in der Demokratie. Weil die Macht bei uns vom Volke, also von uns ausgeht, dürfen wir uns absolut sicher sein, dass die Parteien ihre Mehreinnahmen auf unsere Kosten für unerwartet teure Arbeit für die Demokratie, nur uns zu Liebe für ihre digitalen Botschaften via Internet, Facebook, Twitter und Co ausgeben wollen. Der manische Twitterer Trump lässt grüßen. Frau Merkel und Co müssen ja dagegenhalten, wenn unser großer ungezogener Bruder jenseits des Atlantiks seinen Unsinn im virtuellen Netz verbreitet.
Ob es unserer Demokratie und damit uns allen besser geht, wenn unsere Parteien mehr Geld zum Twittern und Posten haben, darf bezweifelt werden. Denn wir brauchen auch im digitalen Zeitalter nicht mehr Tweets, sondern Geld für gute Taten, die uns allen im Alltag gut tun, statt uns, wie so manche Web-Botschaft, zu belästigen und die Zeit zu stehlen. Daran sollte heute auch unser Bundestagsabgeordneter Arno Klare denken, wenn es im Schatten der Fußball-WM um einen Hochsprung in der Parteienfinanzierung geht, der spätestens bei der nächsten Wahl für die Parteien zum Eigentor werden könnte.
Dieser Text erschien am 15. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Donnerstag, 14. Juni 2018
Wenn es einfach rund läuft
Wenn ihr Kollege in den nächsten Tagen
und Wochen unausgeschlafen oder mit viereckigen Augen ins Büro kommt und in so
manchen Familien ein heftiger Streit um die Fernbedienung ausbricht, weil sich
Sportmuffel und Fußballfans unversöhnlich das Feld vor dem Fernsehgerät
streitig machen, dann liegt das an der heute in Russland beginnenden
Fußball-Weltmeisterschaft. Ob Grillkohle, Schokoriegel, Limonade oder
Brotaufstrich. Alles wird uns in diesen Tagen im schwarz-rot-goldenen
Fußball-Design schmackhaft gemacht.
Erstaunlich. 22 Männer kämpfen um einen
Ball und versuchen ihn im gegnerischen Tor zu versenken. Klimawandel, Staatsverschuldung, Strafzölle,
demografischer Wandel, Vermüllung der Meere, Krieg und Frieden. Das alles kann
jetzt erst mal warten. Wir wollen Tore sehen, ob im Stadion oder in der
Fankurve auf der Couch daheim. Warum ist Fußball weltweit so erfolg- und damit
in unseren ökonomisierten Zeiten auch so ertragreich? Ganz einfach. Es ist ganz
einfach, für alle nachzuvollziehen und mit klaren Regeln ausgestattet, über die
unparteiische Schiedsrichter wachen und denen sich die Akteure auf dem
Spielfeld nicht entziehen können. Wer gut spielt, schießt Tore und gewinnt. Wer
sich daneben benimmt, bekommt eine gelbe und dann eine rote Karte und fliegt
vom Platz. So klare Regeln würde man sich auch auf anderen Spielfeldern unserer
Welt wünschen.
Dieser Text erschien am 14. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Mittwoch, 13. Juni 2018
Ein Schulbeispiel fürs Leben
Als ich gestern in der NRZ las, dass die Stadt und die Mülheimer Energiedienstleistungsgesellschaft Medl Kinder zu einem Mitmach-Zirkus einladen, kam mir spontan der Gedanke: Endlich erkennt mal jemand die Zeichen der Zeit. „Also lautet ein Beschluss:
Dass der Mensch was lernen muss“, wusste uns schon Meister Wilhelm Busch in seinen Max-und Moritz-Geschichten mitzuteilen: So weit würden ihm bis heute alle Pädagogen und Eltern zustimmen.
Aber was soll man heute fürs Leben lernen? Wer schon etwas länger auf der Welt ist, weiß, dass sich das wahre Leben jeder Schulweisheit entzieht und zuweilen, wie der reinste Zirkus funktioniert, in dem nicht die klugen Köpfe, sondern so mancher dumme August oder Drahtseiltänzer den Ton und die Richtung vorgeben und nebenbei das eine oder andere Raubtier in Schach gehalten werden muss, damit es zu keinem größeren Unglück kommt.
Stadt und Medl haben also recht: Wer etwas fürs Leben lernen will, muss in die Zirkuslehre gehen, um etwa zu lernen, wie man einen Drahtseilakt bewältigt, sich als Dompteur klug und furchtlos große Tiere vom Leibe hält oder als Clown auch dann noch als letzter lacht und gute Miene zum bösen Spiel macht, ohne sein eigenes Ziel und seine eigene Dramaturgie aus dem Auge zu verlieren. Denn nur so bringt man am Ende seine Zuschauer zum Lachen und begeistert applaudieren zu lassen.
Dieser Zexz erschien am 13. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Dass der Mensch was lernen muss“, wusste uns schon Meister Wilhelm Busch in seinen Max-und Moritz-Geschichten mitzuteilen: So weit würden ihm bis heute alle Pädagogen und Eltern zustimmen.
Aber was soll man heute fürs Leben lernen? Wer schon etwas länger auf der Welt ist, weiß, dass sich das wahre Leben jeder Schulweisheit entzieht und zuweilen, wie der reinste Zirkus funktioniert, in dem nicht die klugen Köpfe, sondern so mancher dumme August oder Drahtseiltänzer den Ton und die Richtung vorgeben und nebenbei das eine oder andere Raubtier in Schach gehalten werden muss, damit es zu keinem größeren Unglück kommt.
Stadt und Medl haben also recht: Wer etwas fürs Leben lernen will, muss in die Zirkuslehre gehen, um etwa zu lernen, wie man einen Drahtseilakt bewältigt, sich als Dompteur klug und furchtlos große Tiere vom Leibe hält oder als Clown auch dann noch als letzter lacht und gute Miene zum bösen Spiel macht, ohne sein eigenes Ziel und seine eigene Dramaturgie aus dem Auge zu verlieren. Denn nur so bringt man am Ende seine Zuschauer zum Lachen und begeistert applaudieren zu lassen.
Dieser Zexz erschien am 13. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Dienstag, 12. Juni 2018
Das Geld liegt auf der Straße
Das Geld liegt auf der Straße. Das hielt ich bisher nur für einen dummen Spruch. Doch gestern wurde ich eines besseren belehrt. Ausgerechnet auf meinem Weg zum Getränkemarkt fiel mir eine leere Bierflasche ins Auge, die herrenlos am Wegesrand herumlag. Einmal bücken macht acht Cent Pfand. Auch Glas- und Plastikflaschen, für die es 15 und 25 Cent Pfand gibt, habe ich schon vom Straßenpflaster aufgelesen. Die Firma dankt und wundert sich, dass es auch im Zeitalter der allgegenwärtigen Mülltrennung offensichtlich immer noch Menschen gibt, die Pfandflaschen gleich nach ihrem Schluck aus der Pulle an Ort und Stelle liegen lassen.
Handelt es sich bei diesen Zeitgenossen um echte „Flaschen“, die nicht wissen, dass schon manches Leergut den finanziellen Grundstock für ein Abendessen oder ein Kaffeetrinken geliefert hat.
Oder sollte es sich bei diesen Flaschenablegern um durstige, aber eben auch selbstlose Zeitgenossen handeln, die ihren Mitmenschen mit einer unerwarteten Pfandflasche am Wegesrand eine Freude machen wollen. Doch wer das annimmt, glaubt wohl auch daran, dass der Osterhase die Eier versteckt, damit wir sie finden.
Dieser Text erschien am 24. April 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Handelt es sich bei diesen Zeitgenossen um echte „Flaschen“, die nicht wissen, dass schon manches Leergut den finanziellen Grundstock für ein Abendessen oder ein Kaffeetrinken geliefert hat.
Oder sollte es sich bei diesen Flaschenablegern um durstige, aber eben auch selbstlose Zeitgenossen handeln, die ihren Mitmenschen mit einer unerwarteten Pfandflasche am Wegesrand eine Freude machen wollen. Doch wer das annimmt, glaubt wohl auch daran, dass der Osterhase die Eier versteckt, damit wir sie finden.
Dieser Text erschien am 24. April 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Montag, 11. Juni 2018
Mobiles Mülheim
533. Meine Zahl des Tages. Sie erfuhr ich auf Anfrage gestern im Rathaus. 533 Autos kommen auf 1000 Mülheimer. Wenn man bedenkt, dass es viele Mülheimer gibt, die, so wie ich, gar kein Auto besitzen oder altersbedingt bestenfalls hinter dem Lenkrad eines Bobbycars oder eines Kettcars sitzen dürfen, dürfte der Trend bei manchen Mülheimern zum Zweitauto gehen. Denn legt man nur die erwachsene Stadtbevölkerung zugrunde, kommen in Mülheim sogar 632 Autos auf 1000 Einwohner. Da sind die Motorräder noch gar nicht mit eingerechnet.
Ist der demografische Wandel unserer Stadtgesellschaft schon so weit voran geschritten, dass sich viele Mitbürger nur noch auf vier Rädern fortbewegen können. Doch eine andere Zahl aus dem Rathaus besagt, dass 30 Prozent der Mülheimer 60 Jahre und älter sind. Das bedeutet die Zahl der Menschen, die sich in einem Alter bewegen, in dem man immer öfter gefahren werden muss, hält sich, demografischer Wandel hin oder her, doch noch deutlich unter 100 Prozent. Das wäre ja auch noch schöner, wenn die Alterung in unserer offensichtlich PS-starken Stadt so rasant fortschreiten würde, wie ihre Motorisierung.
Das mag mancher Fußgänger, Radfahrer oder abgasgeplagter Anwohner mit Blick auf die klimaschädlichen Emissionen beklagen, doch immerhin zeigt diese Zahl, dass die Mülheimer ein mobiles Völkchen sind. Doch wie wird unsere Stadt aussehen, wenn wir immer mehr Menschen haben werden, die altersbedingt ihren Führerschein abgeben müssen und statt mit ihrem Auto mit einem Rollator oder einem Elektrorolli unterwegs sein werden. Wer weiß? Vielleicht bleiben dann mehr Menschen in unserer Stadt und kaufen hier auch ein und verbringen hier ihre Freizeit, so wie es ihre Großeltern und Urgroßeltern einst taten. Dann könnte die Demografie für unsere Stadt vielleicht sogar zum Konjunktur- und Klimaschutzprogramm werden.
Dieser Text erschien am 11. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Sonntag, 10. Juni 2018
"Ein Lied kann eine Brücke sein!"
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Der Projektchor für Tansania vor der Kirche an der Wilhelminenstraße Foto: Annika Landte |
Musik verbindet. Das gilt in besonderer Weise für die 14
evangelischen Christen aus dem Kirchenkreis An der Ruhr, die vom 12. bis 30.
Juli als menschliche und musikalische Botschafter die Evangelische Ortskirche
im evangelisch-lutherischen Partner-Kirchenkreis des Nord-Distrikts von
Daressalam/Tansania vertreten werden.
Die Chorgeschwister, die in Kirchenchören der evangelischen
Gemeinden Mülheims singen, bereiten sich in dem von Sven Schneider geleiteten
Projektchor seit einem Jahr auf ihr musikalisches Gastspiel in Tansania vor.
Zwei Stunden pro Woche proben sie im Gemeindehaus an der Wilhelminenstraße in
Broich deutsche Kirchen- und Volkslieder, die sie allein und zusammen mit ihren
Gastgebern in Tansania singen werden. Auch das „Steiger-Lied“ und Gerhard
Tersteegens Kirchenlied „Gott ist gegenwärtig“ soll in Daressalam erklingen. Aber
auch Chorliteratur aus Tansania und tansanische Landeskunde stehen auf ihrem
gemeinsamen Probenprogramm.
„Afrika wartet. Wir werden Menschen erleben, die ein sehr
intensives Glaubens,- Gemeinde- und Familienleben haben und keine leeren
Kirchen kennen“, berichtet der Saarner Markus Weidemann. Er kennt das Land gut,
weil er während der 1990er Jahren als Pfarrer in Tansania gearbeitet hat. Für
seine Chorgeschwister Sven Schneider, Kirchenmusiker der evangelischen
Linksruhr-Gemeinden, Elvira Hermann und Jürgen Wegmann, die aus der Kantorei
der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde kommen, sind Afrika und Tansania
hingegen Neuland.
„Ich freue mich auf eine intensive menschliche Erfahrung, auf
die Buntheit der afrikanischen Kultur und auf eine Begegnung mit Menschen, die
sich auf uns freuen“, sagt Hermann. „Ich freue mich vor allem darauf, den
Alltag unsrer afrikanischen Gastgeber-Familien kennenzulernen, in denen wir
leben werden“, erklärt Jürgen Wegmann, der Afrika bereits als Tourist bereist
hat. Für den Afrika-Neuling Sven Schneider ist es als Kirchenmusiker:
„spannend, wie unsere Gastgeber ihre und unsere gemeinsame Chorliteratur
intonieren und inszenieren werden.“
Im Rahmen der 2007 begründeten Kirchenkreis-Partnerschaft
zwischen dem deutschen Mülheim und dem tansanischen Norddistrikt von Darassalam
besuchen sich evangelische Christen hier wie dort im Zwei-Jahres-Rhythmus und
beschäftigen sich dabei jeweils mit einem Schwerpunktthema. Steht diesmal die
Kirchenmusik im Mittelpunkt, so waren es bei den vorangegangenen Begegnungen
die Themen HIV-Aids, Frauen- und Jugendarbeit. Mehr zum Thema findet man im
Internet unter: www.tanasania.kirche-muelheim.de
Samstag, 9. Juni 2018
Die Leineweberstraße im Wandel der Zeit: Ein Zeitsprung in der Stadtmitte
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Die Leineweberstraße 1996: Foto Walter Neuhoff |
Dieser Text erschien am 4. Juni 2018 in der neuen Ruhr Zeitung
Freitag, 8. Juni 2018
Farbtupfer im Straßenbild
Wer derzeit durch die Stadt geht, sieht zunehmend Schwarz-Rot-Gold, wenn er nicht gerade schwarz oder rot sieht. Beides gibt die aktuelle Nachrichtenlage in unserer kleinen und großen Welt ja her.
Ist uns im hektischen Alltagsgetriebe etwa ein Nationalfeiertag durchgegangen.
Nein. Es ist der Nationalsport Fußball, dessen Weltmeisterschaft ihre Schatten in Form von reichlich Schwarz-Rot-Gold voraus wirft. Egal, ob wir im richtigen Leben oben auf oder unten durch sind: Während der Weltmeisterschaft, sind wir alle „Weltmeister“ und würde es gerne auch über den Finaltag hinaus bleiben, wenn wir schon kein Papst mehr sein dürfen.
Nun weiß ich nicht, ob nach der peinlichen 1:2-Pleite gegen Österreich eher schwarz-rot-goldene Fußball-Euphorie, in Erinnerung an den grandiosen Titelgewinn 2014 oder, Benedikt hilf, eher Beten und der Glaube an das Fußballwunder einer deutschen Titelverteidigung angesagt sind.
In einigen Geschäften habe ich auch schon andere Fahnen, als das deutsche Schwarz-Rot-Gold gesehen. Nicht nur in der Welt des Fußballs hängt so macher Zeitgenosse im Ernstfall sein Fähnchen nach dem Wind des Siegers.
Dieser Text erschien am 5. Juni 2018 in der Neuen Ruhrzeitung
Ist uns im hektischen Alltagsgetriebe etwa ein Nationalfeiertag durchgegangen.
Nein. Es ist der Nationalsport Fußball, dessen Weltmeisterschaft ihre Schatten in Form von reichlich Schwarz-Rot-Gold voraus wirft. Egal, ob wir im richtigen Leben oben auf oder unten durch sind: Während der Weltmeisterschaft, sind wir alle „Weltmeister“ und würde es gerne auch über den Finaltag hinaus bleiben, wenn wir schon kein Papst mehr sein dürfen.
Nun weiß ich nicht, ob nach der peinlichen 1:2-Pleite gegen Österreich eher schwarz-rot-goldene Fußball-Euphorie, in Erinnerung an den grandiosen Titelgewinn 2014 oder, Benedikt hilf, eher Beten und der Glaube an das Fußballwunder einer deutschen Titelverteidigung angesagt sind.
In einigen Geschäften habe ich auch schon andere Fahnen, als das deutsche Schwarz-Rot-Gold gesehen. Nicht nur in der Welt des Fußballs hängt so macher Zeitgenosse im Ernstfall sein Fähnchen nach dem Wind des Siegers.
Dieser Text erschien am 5. Juni 2018 in der Neuen Ruhrzeitung
Donnerstag, 7. Juni 2018
Frieden ist möglich, auch bei uns
Das Gespräch und die Begegnung sind die wichtigsten Instrumente, um den Frieden zwischen den Menschen zu bewahren oder wiederherzustellen. Das war eine Kernbotschaft der Diskussion zum Thema Frieden vor Ort, die ich am 5. Juni im Katholischen Stadthaus, auf Einladung des Katholischen Bildungswerkes moderieren durfte.
"Selbst, wenn es am Ende zu keiner Schlichtung kommt, kann das sich an einen Tisch setzen und der Austausch der Positionen Konflikte zwischen Nachbarn entschärfen", berichtete Schiedsmann Knut Binnewerg aus seiner Praxis. Hannah Berntgen von der Caritas machte vor dem Hintergrund ihrer Sozialarbeit mit und für Menschen in Not deutlich, dass es nicht nur materielle Hilfen, sondern auch darum gehen müsse, zwischenmenschliche Beziehungen zu stärken und sie als Wert an sich zu erkennen und zu schätzen."
Angelika Romeik vom Friedensforum lenkte den Blick darauf, dass es in unserer Gesellschaft mehr Friedensstifter als Brandstifter gebe, Menschen, die gemeinsam mit anderen aktiv würden und damit vor Ort Gemeinschaft, Lebensqualität und damit auch sozialen Frieden stifteten. Wasser in den Wein schüttete die Leiterin der örtlichen Polizeiinspektion, Claudia Schepanski, in dem sie darauf hinwies, dass die Gewaltbereitschaft in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen habe. Hier sieht sie nicht nur die personelle und technische Stärkung der Polizei, sondern auch gezielte Investitionen in Bildung und soziale Infrastruktur als probates Gegenmittel, um einer weiteren Eskalation der Gewalt und Respektlosigkeit im Alltag entgegenzuwirken.
Dietmar Blümer von Pax Christi sieht das politische Engagement der Bürger und ihren Blick über den Tellerrand gefordert, um auf ihre gewählten Volksvertreter im Sinne einer Friedenspolitik, die auch die Schöpfung bewahre und globale Gerechtigkeit schaffen könne. Blümer wies darauf hin, dass Militärausgaben, die Stationierung von Atomwaffen und Rüstunsgsxporte die Welt nicht sicherer, sondern unsicherer machten und damit auch Fluchtursachen schaffe.
Der 1937 geborene Religionspädagoge Gerhard Bennertz, berichtete über seine prägenden Versöhnungserfahrungen, die er als Jugendlicher in der Nachkriegszeit bei Chorfahrten in die Niederlande und Frankreich gemacht habe. Seine Erfahrungen als Mitglied der späten Kriegsgeneration motivierten den evangelischen Theologen auch, in den frühen 1960er Jahren selbst den Waffendienst in der Bundeswehr zu verweigern und andere Kriegsdienstverweigerer zu beraten. Später leistete Bennertz ein Stück Friedensarbeit, in dem er durch zahlreiche Begegnungen mit Mülheimer Holocaust-Überlebenden in Israel die dunkelste Zeit der Stadtgeschichte aufarbeitete und 1993 zu den Mitinitiatoren der deutsch-israelischen Städtepartnerschaft zwischen Mülheim und Kfar Saba wurde.
Pastor Meinolf Demmel wies darauf hin, dass auch den Medien eine große Verantwortung für den inneren Frieden der Gesellschaft zukomme. Zu oft setzten Medienmacher auf Negativ-Schlagzeilen, während positive Initiativen, etwa im Umweltschutz, in der Entwicklungshilfe, in der Nachbarschaftshilfe, in der sozialen und kulturellen Stadtteilarbeit oder im interreligiösen Dialog medial und damit im öffentlichen Bewusstsein zu kurz kämen.
"Selbst, wenn es am Ende zu keiner Schlichtung kommt, kann das sich an einen Tisch setzen und der Austausch der Positionen Konflikte zwischen Nachbarn entschärfen", berichtete Schiedsmann Knut Binnewerg aus seiner Praxis. Hannah Berntgen von der Caritas machte vor dem Hintergrund ihrer Sozialarbeit mit und für Menschen in Not deutlich, dass es nicht nur materielle Hilfen, sondern auch darum gehen müsse, zwischenmenschliche Beziehungen zu stärken und sie als Wert an sich zu erkennen und zu schätzen."
Angelika Romeik vom Friedensforum lenkte den Blick darauf, dass es in unserer Gesellschaft mehr Friedensstifter als Brandstifter gebe, Menschen, die gemeinsam mit anderen aktiv würden und damit vor Ort Gemeinschaft, Lebensqualität und damit auch sozialen Frieden stifteten. Wasser in den Wein schüttete die Leiterin der örtlichen Polizeiinspektion, Claudia Schepanski, in dem sie darauf hinwies, dass die Gewaltbereitschaft in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen habe. Hier sieht sie nicht nur die personelle und technische Stärkung der Polizei, sondern auch gezielte Investitionen in Bildung und soziale Infrastruktur als probates Gegenmittel, um einer weiteren Eskalation der Gewalt und Respektlosigkeit im Alltag entgegenzuwirken.
Dietmar Blümer von Pax Christi sieht das politische Engagement der Bürger und ihren Blick über den Tellerrand gefordert, um auf ihre gewählten Volksvertreter im Sinne einer Friedenspolitik, die auch die Schöpfung bewahre und globale Gerechtigkeit schaffen könne. Blümer wies darauf hin, dass Militärausgaben, die Stationierung von Atomwaffen und Rüstunsgsxporte die Welt nicht sicherer, sondern unsicherer machten und damit auch Fluchtursachen schaffe.
Der 1937 geborene Religionspädagoge Gerhard Bennertz, berichtete über seine prägenden Versöhnungserfahrungen, die er als Jugendlicher in der Nachkriegszeit bei Chorfahrten in die Niederlande und Frankreich gemacht habe. Seine Erfahrungen als Mitglied der späten Kriegsgeneration motivierten den evangelischen Theologen auch, in den frühen 1960er Jahren selbst den Waffendienst in der Bundeswehr zu verweigern und andere Kriegsdienstverweigerer zu beraten. Später leistete Bennertz ein Stück Friedensarbeit, in dem er durch zahlreiche Begegnungen mit Mülheimer Holocaust-Überlebenden in Israel die dunkelste Zeit der Stadtgeschichte aufarbeitete und 1993 zu den Mitinitiatoren der deutsch-israelischen Städtepartnerschaft zwischen Mülheim und Kfar Saba wurde.
Pastor Meinolf Demmel wies darauf hin, dass auch den Medien eine große Verantwortung für den inneren Frieden der Gesellschaft zukomme. Zu oft setzten Medienmacher auf Negativ-Schlagzeilen, während positive Initiativen, etwa im Umweltschutz, in der Entwicklungshilfe, in der Nachbarschaftshilfe, in der sozialen und kulturellen Stadtteilarbeit oder im interreligiösen Dialog medial und damit im öffentlichen Bewusstsein zu kurz kämen.
Mittwoch, 6. Juni 2018
In Memoriam: Robert F. Kennedy
Nicht nur für viele Amerikaner verkörperte Robert Kennedy die Hoffnung auf eine bessere Welt. Heute vor 50 Jahren starb der Hoffnungsträger an den Folgen eines Attentates. Er wurde nur 42 Jahre alt und teilte das Schicksal seines 1963 ermordeten Brunders John.
Ob Robert Kennedy, der mit seiner Präsidentschaftskandidatur, die Kluft zwischen Arm und Reich, Alt und Jung, Schwarz- und Weiß überwinden und den als ungerecht erkannten Krieg in Vietnam beenden wollte, Präsident der USA hätte werden können, war zum Zeitpunkt seiner Ermordung ungewiss. Denn nach seinen Vorwahlsiegen in South Dakota und Kalifornien, hatte der Senator von New York erst 622 von 1369 notwendigen Parteitagsdelegierten gewonnen.
Ohne den Mann, der als Justizminister im Kabinett seines Brunders John die Weichen für das 1964 verabschiedete Bürgerrechtsgesetz gestellt- und 1962 einen wesentlichen Beitrag zur friedlichen Beilegung der Kuba-Krise geleistet hatte, braucht man nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die Geschichte mit einem Präsidenten Robert Kennedy anders verlaufen wäre, als sie es mit dem Präsidenten Richard Nixon tat.
Obwohl sich Kennedy mit dem Nachfolger seines Bruders, Lyndon B. Johnson, in der Vietnam-Frage entzweit hatte, unterstützte er ihn als Senator im Kongress bei seinem sozialpolitisch ambitionierten Reformprogramm der Great Society. Nicht nur Afro- und Lateinamerikamer, sondern auch viele reformwillige Wähler aus der weißen Mittel- und Unterschicht, die mit dem durch Gewalt und Hass geprägten Alltag der durch den Vietnamkrieg und Rassenkonflikte traumatisierten amerikanischen Gesellschaft unzufrieden waren, ließen sich durch Robert Kennedys am 16. Märt 1968 gestartete Wahlkampagne inspirieren und motivieren.
Zu seinem Wahlkampfteam gehörte damals auch die deutsche Politikstudentin Petra Kelly, die ein Jahrzehnt später, zusammen mit dem Mülheimer Wilhelm Knabe zu den Gründerinnen der Grünen gehören sollte. Aus der heutigen Perspektive betrachtet, erscheint die politische Agenda des vor 50 Jahren ermordeten Robert Kennedy, wie eine wohltuende Alternative zum System Trump.
Mit Blick auf seine 1963 und 1968 ermordeten Brüder John und Robert, formulierte es ihr jüngerer Bruder, Senator Edward Kennedy in seiner Trauerrede am 9. Juni 1968 so: "Meine Brüder brauchen nicht idealisiert zu werden, aber sie sollten als gute Männer in Erinnerung bleiben, die Falsches erkannten und die Kraft hatten, das Richtige zu tun."
Ob Robert Kennedy, der mit seiner Präsidentschaftskandidatur, die Kluft zwischen Arm und Reich, Alt und Jung, Schwarz- und Weiß überwinden und den als ungerecht erkannten Krieg in Vietnam beenden wollte, Präsident der USA hätte werden können, war zum Zeitpunkt seiner Ermordung ungewiss. Denn nach seinen Vorwahlsiegen in South Dakota und Kalifornien, hatte der Senator von New York erst 622 von 1369 notwendigen Parteitagsdelegierten gewonnen.
Ohne den Mann, der als Justizminister im Kabinett seines Brunders John die Weichen für das 1964 verabschiedete Bürgerrechtsgesetz gestellt- und 1962 einen wesentlichen Beitrag zur friedlichen Beilegung der Kuba-Krise geleistet hatte, braucht man nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die Geschichte mit einem Präsidenten Robert Kennedy anders verlaufen wäre, als sie es mit dem Präsidenten Richard Nixon tat.
Obwohl sich Kennedy mit dem Nachfolger seines Bruders, Lyndon B. Johnson, in der Vietnam-Frage entzweit hatte, unterstützte er ihn als Senator im Kongress bei seinem sozialpolitisch ambitionierten Reformprogramm der Great Society. Nicht nur Afro- und Lateinamerikamer, sondern auch viele reformwillige Wähler aus der weißen Mittel- und Unterschicht, die mit dem durch Gewalt und Hass geprägten Alltag der durch den Vietnamkrieg und Rassenkonflikte traumatisierten amerikanischen Gesellschaft unzufrieden waren, ließen sich durch Robert Kennedys am 16. Märt 1968 gestartete Wahlkampagne inspirieren und motivieren.
Zu seinem Wahlkampfteam gehörte damals auch die deutsche Politikstudentin Petra Kelly, die ein Jahrzehnt später, zusammen mit dem Mülheimer Wilhelm Knabe zu den Gründerinnen der Grünen gehören sollte. Aus der heutigen Perspektive betrachtet, erscheint die politische Agenda des vor 50 Jahren ermordeten Robert Kennedy, wie eine wohltuende Alternative zum System Trump.
Mit Blick auf seine 1963 und 1968 ermordeten Brüder John und Robert, formulierte es ihr jüngerer Bruder, Senator Edward Kennedy in seiner Trauerrede am 9. Juni 1968 so: "Meine Brüder brauchen nicht idealisiert zu werden, aber sie sollten als gute Männer in Erinnerung bleiben, die Falsches erkannten und die Kraft hatten, das Richtige zu tun."
Montag, 4. Juni 2018
Ohne Schutzengel geht es nicht
Am Fronleichnamstag erinnerte sich Mutter an die
Fronleichnamsprozessionen ihrer Kindheit, als nicht nur viele Menschen im
frommen Zug durch die Gemeinde mitgingen, sondern ihn mit blumengeschmückten
Häusern und kleinen Andachtsaltären auch in den Straßen erwarteten. Bei der
diesjährigen Fronleichnamsprozession durch die Innenstadt wartete niemand auf
den frommen Zug, wenn überhaupt, dann nur einige irritierte bis neugierige
Zaungäste, die auf der Schloßstraße ihr Feiertagseis schleckten oder ihr
Feiertagsbierchen schlürften oder, ob der frommen Verkehrsbehinderung, auf der
Kaiserstraße hupten und an der Prozession vorbeirasten. Wie gut, dass die
Demonstranten der Frohen Botschaft, die viele nicht hören wollen, obwohl sie
sich im Innersten doch, nach einer solchen sehnen, leibhaftige Schutzengengel in
Person einiger Polizeibeamter im Schlepptau hatte. Und doch gibt es sie auch
heute noch, die frohen Botschaften. Am Abend schenkte ein kleines Mädchen, das
Mutter auf ihrer ganz eigenen Prozession durch die Stadt freudestrahlend
entgegenkam ihr eine Blume. Sie glänzt jetzt neben dem Bild ihrer Mutter, die
ihren Lebensweg schon lange vollendet hat und uns vielleicht heute auf manchem
Weg als Schutzengel begleitet.
Dieser Text erschien am 2. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung
Samstag, 2. Juni 2018
Denk ich an 1968 – Gold-Abiturienten der heutigen Karl-Ziegler-Schule sahen sich im Wasserbahnhof wieder und tauschten ihre Erinnerungen aus
13 reife Herrn, die
meisten sind 68 Jahre alt, feiern im Wasserbahnhof ihr Wiedersehen.
Sie verbindet das Abitur, das sie 1968 an der heutigen
Karr-Ziegler-Schule bestanden haben.
„Wenn, dann war
eher die sexuelle als die politische Befreiung für uns ein Thema“,
schaut Gold-Abiturient Ulrich Mülheims auf das Jahr 1968 zurück.
„Die Röcke wurden kürzer und die Haare wurden länger“,
erinnert sich Klassenkamerad Franz Weimann an den Zeitgeist von 1968.
„Wir waren die
braven Lateiner und wurden mit den wilden Engländern zusammengelegt,
von denen wir dann eine Menge gelernt haben“, berichtet Mülheims.
Als Klassensprecher musste er manches ausbügeln. Das konnte eine
Schwammschlacht oder auch eine Landkarte sein, die aus dem Fenster
hing. Lausbubenstreiche.
Und wo blieb die
Rebellion? „Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie wenig
wir damals selbstständig denken durften. Was wir zu denken hatten,
gab das Elternhaus vor“, erinnert sich Herbert Gleißenberger. „Ich
weiß noch, dass ich damals mit anderen Jugendlichen
Straßenbahnschienen besetzt habe, um mit ihnen gegen
Fahrpreiserhöhungen zu demonstrieren. Später habe ich auch bei
einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg teilgenommen und dabei Ho
Ho Ho Chi Minh gerufen. Das war nicht alles reflektiert, was wir
gemacht haben. Aber wir hatten das Gefühl gegen die verkrusteten
Strukturen und Moralvorstellungen aufstehen zu müssen“, schildert
Weimann das jugendliche Aufbegehren gegen die Eltern-Generation.
Die Deutsch- und
Musikstunden bei Helmut Meyer waren für die 68er Abiturienten von
der Schulstraße eine Offenbarung. „Das war für uns eine neue
Welt. Der Mann hat uns angestiftet und einen Floh ins Ohr gesetzt.
Mit Dantes Rat: ‚Geh deinen Weg und lass die Leute reden‘ hat er
mir mein Lebensmotto mitgegeben“, erzählt Gerd May. Dass der
Oberstudienrat und SPD-Stadtverordnete seine Schüler auch mit
gesellschaftskritischen Autoren, wie Paul Satre, Albert Camus, Hans
Magnus Enzensberger, Heinrich Böll, Uwe Johnson und Günter Grass
vertraut machte und mit ihnen in der Stadthalle eine
Rock-Musical-Inszenierung von Goethes Faust besuchte, brachte einige
Eltern auf die Barrikaden.
„Viele Eltern
haben die damalige Jugend nicht verstanden. Sie sagten: ‚Das wächst
sich aus‘. Und wenn es sich nicht auswuchs, war das für sie der
Untergang des Abendlandes“, erinnert sich Herbert Gleißenberger.
Georg Heinrichs
denkt gerne an Meyers Jazzstunden und an die Schülertreffen in einem
Stehcafe an der Schloßstraße, zurück: „Da konnten wir über
Politik, Literatur und alles andere diskutieren konnten, worüber wir
mit unseren Eltern nicht sprechen konnten.“
Gut weg kommt in den
Erinnerungen der Gold-Abiturienten auch Lateinlehrer Gerd Boeckhorst,
der in seinem Unterricht Parallelen zwischen den Konflikten der
Antike und der Gegenwart aufzeigte. Unvergessen bleibt im kollektiven
Gedächtnis der 68er-Abiturienten, aus denen später Lehrer, Ärzte,
Juristen, Wissenschaftler, Ingenieure, Pädagogen, Altenpfleger und
Unternehmer wurden, auch der Satz ihres Deutschlehrers Meyer: „Wir
müssen den feinen Sand des selbstständigen Denkens in die Lungen
der Mächtigen blasen.“
Doch
Politikunterricht stand 1968 noch nicht auf dem Stundenplan. Der
Geschichtsunterricht endete vor 1933. „Über die Geschichte
zwischen 1933 und 1945 musste ich mich später selbst informieren“,
sagt Franz Weimann. „Ich hatte einen väterlichen Freund, der das
KZ überlebt hatte, und mir viel aus erster Hand berichten konnte.
Ihn habe ich später zu Zeitzeugenseminaren begleitet“, berichtet
Ulrich Mülheims.
Für ihren
ehemaligen Klassenlehrer Hans Wuttke bleiben die Schüler des
Abitur-Jahrgangs 1968 „als eine starke Gemeinschaft“ in
Erinnerung, in der man gemeinsam lernte und sich gegenseitig das
erlernte Wissen vermittelte.“ Zu dieser Gemeinschaft trug auch
Wuttke bei, in dem er eine gemeinsame Alpenwanderung organisierte,
die die Schüler und ihren Lehrer einander näher brachte. „Das war
kein Zugeständnis an den Zeitgeist von 1968, sondern Ausdruck meiner
menschlichen und pädagogischen Überzeugung“, unterstreicht
Wuttke.
1968 war das
städtische Gymnasium, das seit 1974 nach dem am Mülheimer
Max-Planck-Institut für Kohlenforschung wirkenden
Chemie-Nobelpreisträgers Karl Ziegler benannt ist, de facto eine
reine Jungenschule. Dort wurden damals nur drei Mädchen
unterrichtet, die als Quereinsteigerinnen von der Realschule
Stadtmitte zum städtischen Gymnasium kamen. Der gemeinsame
Unterricht für Jungen und Mädchen wurde damals nur am 1966
neugegründeten Gymnsium Broich praktiziert und war
gesellschaftspolitisch noch hoch umstritten. Gymnasiastinnen
besuchten damals in der Regel die Luisenschule, die bis 1973 ein
reines Mädchen-Gymnasium war.
Der Klassenlehrer
der 68er Abiturienten der heutigen Karl-Ziegler-Schule, Hans Wuttke
(Abitur-Jahrgang 1956), leitete ab 1975 das neugegründete Gymnasium
Heißen. Und seine Kollege Helmut Meyer wurde in den 1970er Jahren
Kulturdezernent und 1980 zum Mitgründer des Theaters an der Ruhr.
Dieser Text erschien am 2. Juni 2018 in der Neuen Ruhrzeitung
Freitag, 1. Juni 2018
Demonstration für die Frohe Botschaft
Der vor 30 Jahren zum Weihbischof ernannte Franz Grave,
der seit 2007 als Seelsorger in St. Mariae Geburt arbeitet sagte in seiner
Predigt: „Auch wenn wir dafür keinen Beifall bekommen und viele sich nicht
dafür interessieren, tragen wir als unverzagte und begeisterte Christen
Christus und seine Frohe Botschaft auf die Straße. Denn nur, wer überzeugt und
begeistert ist, kann andere Menschen begeistern und überzeugen.“
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