Dass der Mensch was lernen muss

 Eine Berufsausbildung lohnt sich. Sie lohnt sich auch dann, wenn man zum Beispiel erst jetzt, drei Monate nach Beginn des Ausbildungsjahres startet. Und sie lohnt sich auch dann, wenn man das klassische Ausbildungsalter schon hinter sich hat und als Quereinsteiger in einen neuen Beruf einsteigen will oder einsteigen muss. Das war nur eine Botschaft, die die Ausbildungspartner (Arbeitsagentur, Sozialagentur, Kreishandwerkerschaft, Industrie- und Handelskammer sowie Unternehmerverband und Gewerkschaften mit der Vorstellung der aktuellen Ausbildungszahlen in die Öffentlichkeit transportieren wollen.

Bei der Präsentation der Bilanz im Haus der Kreishandwerkerschaft an der Zunftmeisterstraße wurde deutlich: Nicht nur Schulabgänger und Berufsstarter müssen lernen. Auch Ausbildungsbetriebe müssen ihrem Namen Ehre machen, um sich gegen den im demografischen Wandel zunehmenden Fachkräftemangel zu schützen. Und Eltern müssen lernen, dass ihre Kinder sozial, wirtschaftlich und seelisch keineswegs am besten aufgestellt sind, wenn sie möglichst lange zur Schule gehen, das Abitur machen und dann erst Mal studieren, bevor sie dann verspätet ins Arbeitsleben einsteigen und ihr eigenes Geld verdienen. Die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, Barbara Yeboah, sprach in diesem Zusammenhang sogar "von Zeitverschwendung", wenn Eltern ihre Kinder wider Willen in ein Studium drängten, das in keiner Weise ihrer praktischen Begabungen entspreche. Darüber hinaus könne man, so Yeboah, auch im Rahmen der Berufsschulausbildung das Abitur machen und nach einer dualen Berufsausbildung, bei Bedarf auch noch ein berufsbegleitendes Studium absolvieren.

Auch beim Thema Berufsausbildung, dass zeigten die von den Ausbildungskonsenspartner präsentierten Zahlen für die Jahre 2018 bis 2021, steckt der Teufel im Detail.

Zahlen und Fakten

Die Agentur für Arbeit registrierte für diesen Zeitraum einen Rückgang der Bewerberzahlen um 18,5 Prozent auf aktuell 1020. Gleichzeitig sank die Zahl der Ausbildungsstellen um 13,5 Prozent auf jetzt 1081. Die Zahl der Schulabgänger blieb im gleichen Zeitraum mit 1655 stabil. Allerdings sank der Anteil der Abiturienten von 48,9 auf 45 Prozent. Gleichzeitig stagniert der Anteil der Auszubildenden an der Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Mülheimer zwischen 5,5 und 5,3 Prozent.

Die Rangliste der Branchen, die die meisten Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, wird vom Verkauf, Büromanagement und KFZ-Technik angeführt. Auf der Bewerberseite weist das städtische Jobcenter Verkauf, Pflege und Büromanagement als die Spitzenreiter unter den Berufswünschen aus. Jobcenter, Kreishandwerkerschaft und IHK haben nach dem Abflauen der Corona-Krise einen Anstieg bei den Bewerberzahlen und den Ausbildungsverhältnissen registriert. Dass das kommunale Jobcenter im 2020/2021 55 Prozent der von ihm betreuten 483 Ausbildungssuchenden in eine duale Berufsausbildung vermitteln konnte, bewertet Sozialamtsleiter Thomas Konietzka als Erfolg.

Gespaltener Ausbildungsmarkt

Vergleichbar dem Arbeitsmarkt zeigt sich aber auch auf dem Ausbildungsmarkt eine gespaltene Entwicklung. Während der demografische Wandel und der Fachkräftemangel den ausbildungsfähigen und ausbildungswilligen Bewerbern hilft, gibt es einen vergleichsweise großen Anteil von Ausbildungsplatzsuchenden, der zwischen 36 und 56 Prozent liegt, die seit mehr als einem Jahr vergeblich nach einem Ausbildungsplatz suchen, zum Beispiel, weil sie die deutsche Sprache und die mathematischen Grundregeln nur unzureichend beherrschen und deshalb als nicht ausbildungsfähig gelten. Diesem sozial benachteiligten Personenkreis, der in der Regel aus bildungsfernen Elternhäusern kommt, will DGB-Geschäftsführer Dieter Hillebrand mit einem von den Arbeitgebern finanzierten Zukunftsfonds helfen. Dieser Zukunftsfonds soll einen einjährige überbetriebliche Ausbildungsgarantie gewährleisten, um die noch nicht ausbildungsfähigen Jugendlichen an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt heranzuführen.
Doch mit diesem Vorschlag steht der DGB unter den Ausbildungskonsenspartnern zurzeit alleine. Vor allem von der Arbeitgeberseite wird dieser Plan als planwirtschaftlich abgelehnt und darauf hingewiesen, dass es schon jetzt eine ganze Reihe von Förderinstrumenten gebe, um noch nicht ausbildungsfähige Jugendliche im Rahmen einer betrieblichen oder überbetrieblichen Ausbildung für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren.


MW/LK, 29.10.2021

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