Montag, 30. Dezember 2024

Eine Stadt im Fluss der Zeit

 Nicht ist beständiger als der Wandel. Das ist auch in Mülheim so, wo viel Wasser die Ruhr hinunterfließt. Der 239 Kilometer lange Fluss strömt auf 14 Kilometern durch unsere auf 40 Metern über Normal Null gelegenen Stadt, die die Ruhr aus gutem Grund im Namen trägt.

Schon im Winter 883/84 floss die Ruhr durch Mülheim, dass allerdings erst 1093 erstmals als Gerichtsort urkundlich beim Namen genannt werden sollte. Ruhrfurt und der aus Duisburg drohende Ansturm der Normannen, der dann aber nie kam, führte dazu, dass am Broicher Ruhrufer ein Sperrfort gebaut wurde, dass später zur Burg und noch später zum Schloss Broich um- und ausgebaut werden sollte.

Wenn die meisten der aktuell 175.000 Einwohner gerne in Mülheim leben dann hat das vor allem auch mit der Ruhr und dem Ruhrtal zu tun. Wer die Stadt nicht kennt, wundert sich immer wieder, dass eine Stadt im Ruhrgebiet so grün sein kann.

Tatsächlich sind 52 Prozent der Stadtfläche grün. Die Ruhr hat Mülheim Reichtum gebracht. Mathias Stinnes, für den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu Schiffe seine Kohle und mehr über Rhein und Ruhr transportierten, lässt grüßen.

Und nicht nur die Familie Vorster, die 1808 Mülheims ersten Bürgermeister stellten, haben mit ihrer klappernden Papiermühle am Broicher Ruhrufer ab Mitte des 17. Jahrhunderts gutes Geld mit ihrem hochwertigen Kanzleipapier verdient. Ihr ehemaliger Lehrling Wilhelm Rettinghaus nahm sein Handwerk 1683 mit in die Neue Welt und fand dort sein Glück. Auf dem Papier aus seiner Mühle wurde am Beginn des 18. Jahrhunderts die erste amerikanische Zeitung gedruckt. Auch dass Mülheim in der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts zu einer Lederstadt mit bis zu 60 Fabriken wurde, hatte mit seiner Lage am Wasser zu tun. Das galt auch für die 1927 am Broicher Ruhrufer, auf dem Gelände der alten Papiermühle Vorster, errichteten Wasserburg der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschft. (RWW)

Die 1912 gegründete RWW und ihre damaliger Geschäftsführer Gerd Müller waren es, die im Jahr der Landesgartenschau MüGa aus einem alten Boothaus auf der Schleuseninsel das Haus Ruhrnatur und aus einem 1892 von August Thyssen errichteten Wasserturm in Styrum das Wassermuseum Aquarius machte. 

Der Fluss hat der Stadt an seinen Ufern aber nicht nur Glück gebracht. Immer wieder, besonders extrem 1890, 1943 und 2021, trat er über seine Ufer und sorgte für seinen Hochwassern für großen Schaden. Und vor 100 Jahren sahen sich 32 Menschen in unserer Stadt dazu genötigt, eine Deutsche Lebensrettungsgesellschaft zu gründen, um Nichtschwimmer zu Schwimmern und Schwimmer zu Rettungsschwimmern zu machen, damit weniger Menschen als bis dahin in der Ruhr den nassen Tod fanden. Gleichzeitig genossen die Menschen in Mülheim an der Ruhr deren Strand als ihre Riviera des kleinen Mannes. 

Wo um 1860 noch mehr als 10.000 Transportschiffe die Ruhr zum meist befahrenen Fluss Europas machten, ehe sie ab 1862 von der Eisenbahn im Zug der Zeit abgehängt wurden, fahren seit 1927 die Schiffe der Weißen Flotte. Kaum zu glauben, dass sie in ihrer ersten Saison fast 500.000 Fahrgäste beförderte. Aber damals verbrachten die meisten Menschen ihre knapp bemessene Freizeit in der Regel zuhause.

Und zur Ruhr gehörten natürlich auch immer legendäre Ausflugslokale, wie Müller Menden, Müller Flora, das Kahlenbergrestaurant, um nur drei von 250 Gaststätten zu nennen, die es vor dem Ersten Weltkrieg in Mülheim an der Ruhr gab.

Apropos Weltkrieg. Im Zweiten Weltkrieg wurde Mülheim 1943 infolge der britischen Bombardierung der Möhnetalsperre, siehe Hochwasser, zum menschen gemachten Verhängnis. Mit dieser Hochwasserkatastrophe mussten die Menschen in Mülheim an der Ruhr erleben und erleiden, dass der 1939 in ihrem Namen begonnene Krieg jetzt auf sie zurückschlug.

Angesichts von 14 Brücken, die heute in Mülheim die Ruhr überqueren, kann man es sich gar nicht vorstellen, dass Mülheim erst 1844 mit seiner sogenannten Kettenbrücke, die offiziell Friedrich-Wilhelm-Brücke hieß, seine erste Ruhrüberquerung bekam, der 1911 die erste und 1960 die zweite Schloßbrücke folgen sollten.

Dass die 1844 arbeitslos gewordenen Fährleute der Familie Scholl 1867 zu den Gründern des späteren Handelskonzerns Tengelmann gehörten, ist ein historisches Paradebeispiel für den wirtschaftlichen Strukturwandel, den Mülheim an der Ruhr bis auf den heutigen Tag meistern muss. Auch der 1927 eröffnete Rhein-Ruhr-Hafen, der an die Tradition des von 1840 bis 1880 an der Ruhr gelegenen Hafens anknüpfte, ist ein solches Beispiel.

Und dass die Zuschüttung des ersten Mülheimer Ruhrhafens mithilfe des 1879 gegründeten Verschönerungsvereins den Beginn der grünen Ruhranlagen bedeutet, zeigt uns ebenso, dass mit jedem Ende, auch ein Anfang verbunden sein kann, dessen Zauber, frei nach Hermann Hesse, uns beschützt und uns hilft zu leben. 

Möge es mit dem Ende des Jahres 2024 und dem Beginn des neuen Jahres 2025 ebenso sein.


Geschichtsverein Mülheim an der Ruhr

Sonntag, 29. Dezember 2024

Schöne Bescherung

Eine schöne Bescherung. Das wünscht man sich zu Weihnachten, wohlgemerkt buchstäblich und nicht doppeldeutig. Eindeutig ist die Armut, die man bei der Bescherung des Vereins Solidarität im Ruhrgebiet am Nordeingang des Hauptbahnhofes erlebt. 
Der Name des 2018 gegründeten Vereins ist Programm. Mit freiwilligen Helfern und freiwilligen Spenden sorgt der Verein werkstäglich an den Hauptbahnhöfen dafür, das hungrige und bedürftige Menschen zwischen 17.30 und 18.30 Uhr ein warmes Abendessen bekommen. Hier geht Nächstenliebe durch den Magen. An diesem Tag vor Weihnachten werden Reis und Hähnchen aufgetischt. Neben des Ehrenamtlichen des Vereins Solidarität im Ruhrgebiet sind diesmal auch Mitarbeiter des Marokkanischen Kultur- und Sportvereins und Mitarbeitende der Targo-Bank mit von der Partie, die nicht nur das warme Essen und nicht alkoholische Getränke ausschenken, sondern auch winterfeste Kleidung und Obst verteilen. 

"Ich habe ein warmes Zuhause und einen gut gefüllten Kühlschrank. Das reicht mir als Motivation, um hier "als Mädchen für alles mitzumachen", sagt eine Helferin der Solidarität im Ruhrgebiet e.V. Ein Targo-Banker meint: "Ich bin froh hier zu sein und Teil dieser helfenden Gemeinschaft zu sein, weil ich hier sehe, dass wir in unserer Gesellschaft den Menschen zu wenig helfen, die am dringendsten unsere Unterstützung brauchen." Und für den Vorsitzenden des Marokkanischen Kultur- und Sportvereins steht fest: "Wir sind alle Teil einer Gesellschaft. Und wenn jeder etwas mithilft, kann es besser werden."
Schade findet es die stellvertretende Vorsitzende der Solidarität im Ruhrgebiet, dass die Stadt Mülheim nicht mitmachen wollte, als sie vom Verein mit der Idee konfrontiert wurde, die leerstehenden Flüchtlingsunterkünfte für Obdachlose zu öffnen. Zwar gebe es eine Notschlafstelle an der Kanalstraße. Diese werde aber von vielen Obdachlosen bewusst gemieden, weil sie aus gutem Grund befürchten müssten, von Mitbewohnern bestohlen oder misshandelt zu werden.

Wer sich fragt, warum sich etwa 30 Menschen, Tendenz steigend, sich täglich in einem mit Autoscheinwerfern ausgeleuchteten  Partyzelt auf Biertischgarnituren im zügigen Wind kostenfrei beköstigen lassen, hört in den Gesprächen mit den bedürftigen Gästen zum Beispiel von: "Falsche Freunde, Drogen, Krankheit, Arbeitsunfälle, Arbeitsunfähigkeit, Sucht, Beschaffungskriminalität, Haftstrafen, Lohndumping, Minirenten und anderen Schicksalsschlägen, die das Leben mit sich bringen kann." An diesem Abendtisch des Vereins Solidarität im Ruhrgebiet sind keine Frauen, sondern nur alleinstehende Männer mittleren und fortgeschrittenen Alters zu sehen."

Unter den Helfenden ist man sich einig: "Niemand von uns kann sich davon frei sprechen, von einem oder mehreren Schicksalsschlägen aus seiner Lebensbahn geworfen zu werden." Und eine der Solidaritäterinnen, die beruflich in der Gastronomie tätig ist, erinnert sich an einen Ingenieur, der durch den Tod seiner Frau dem Alkohol verfallen ist und dann mit seinem Arbeitsplatz auch seine bürgerliche Existenz verloren habe. Hinzu komme, dass viele von Alkohol, Drogensucht und psychische Erkrankungen zerrüttete Menschen, nicht mehr in der Lage seien, sich selbstständig durch den Dschungel der Sozialstaatsbürokratie zu kämpfen, um die Hilfe zu bekommen, die sie brauchen und auf die sei ein Recht haben." Und so müssen ehrenamtlich Helfende, Sponsoren und Spender, zu denen neben ganz normalen Bürgerinnen und Bürgern mit Herz auch Gastronomen, Metzger, Bäcker und Lebensmittelhändler gehören, die durch Inflation und Rationalisierung gerissenen Löcher im sozialen Netz unserer Gesellschaft notdürftig wieder stopfen.

Mittwoch, 25. Dezember 2024

Weihnachten im Krieg

 Manchmal scheint es so, als lerne die Menschheit nichts aus ihrer Geschichte. Auch dieses Jahr ist Weihnachten ein Fest des Friedens, mitten im Krieg, siehe Ukraine und Naher Osten.

Vor 80 Jahren erlebten die Menschen in Mülheim den Krieg am eigenen Leibe. Am frühen Nachmittag des 24. Dezember 1944 entluden 169 Bomber der Royal Air Force ihre tödliche Fracht über Raadt und Menden. Ihr Ziel war der 1939 zum militärischen Fliegerhorst gemachte Flughafen Essen Mülheim und die dort stationierten Düsenjets ME262. Diese Kampfflugzeuge setzte die Wehrmacht damals in ihrer Ardennenoffensive ein und hatte sie deshalb, gut getarnt, in einem nahegelegenen Waldstück stationiert.

Getroffen wurde nicht das militärtechnische Material, sondern die Menschen, die zum Beispiel in einem Hochbunker an der Windmühlenstraße Zuflucht gesucht hatten. Dessen 1,40 Meter dicke Betondecke wurde von einer 1000-Kilo-Bombe durchschlagen und tötete 50 Bunkerinsassen. Insgesamt starben an diesem Tag mehr als 200 Menschen an den Folgen des Luftangriffs. Unter ihnen waren auch viele Insassen des benachbarten Arbeits- und Erziehungslagers. Denn sie hatten keinen Zutritt zu Luftschutzräumen und mussten Luftangriffe in Unterständen und Splittergräben zu überleben versuchen. 

Die meisten Menschen im Erdgeschoss des Bunkers überlebten den Bombentreffer. Sie mussten Tote und Verletzte aus dem Bunker tragen und sie auf den gefrorenen Boden legen. Es dauerte zwei Stunden, ehe die ersten Rettungskräfte eintrafen und die Verletzten in die Mülheimer und Oberhausener Kliniken brachten. Dort gab es zu wenige Betten, so dass viele Verletzte dort auf Stroh gelagert werden mussten. Einige wurden auch in einem Stollen am Oberhausener Hauptbahnhof untergebracht und später mit einem Zug gen Osten evakuiert. Von dort aus mussten sie dann wieder nach Westen fliehen, weil die Rote Armee aus dem Osten voran rückte. Sie erlebten eine Katastrophe nach der Katastrophe. 

Mehr Glück im Unglück hatten die kleinen Patienten im Haus Jugendgroschen, dass während des etwa zehnminütigen Bombenangriffs zerstört wurde. Denn sie lagen zu diesem Zeitpunkt nicht in ihren Betten eines provisorischen Kinderkrankenhauses, sondern wurde in der Nähe bei einer Weihnachtsfeier beschert.

Nicht nur in Menden und Raadt, sondern auch in Holthausen ließen die Druckwellen der großkalibrigen Bomben Türen und Fenster bersten und auch die eine oder andere Hauswand einstürzen. Ein halbes Jahr nach diesem Luftangriff, einem von 161, die Mülheim während des Zweiten Weltkrieges trafen, war der Krieg beendet. Und die britischen Truppen machten das vom Krieg gezeichnete Flughafengelände als Besatzungsmacht zu ihrem LKW-Parkplatz. Die Reste des zerstörten Hochbunkers wurden ab 1947 als Lagerhaus genutzt, ehe sie, 40 Jahre später, neuen Einfamilienhäusern Platz machten. Auf einer Grünfläche am Sportplatz des SV Raadt erinnert seit 1960 eine Gedenktafel an die getöteten und verletzten Opfer des Heiligabendangriffs 1944.


Mülheimer Geschichtsverein

Dienstag, 24. Dezember 2024

Licht im Dunkel

 Christen und Juden zünden im Dezember Kerzen an. Ob am Weihnachtsbaum oder auf dem achtarmigen Chanukka-Leuchter.

"Das Licht steht für Wärme und Liebe. Aber die historischen und religiösen Hintergründe sind grundverschieden", macht der Oberrabbiner der 2500 Mitglieder zählenden Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim- Oberhausen, David Geballe, deutlich. Während sich die Juden an ihre Befreiung von griechischer Herrschaft und die Wiedereinweihung ihres Jerusalemer Tempels im Jahr 164 vor Christus erinnern, feiern die Christen mit Weihnachten die Geburt ihres jüdischen Heilands Jesus von Nazareth.

Auch in diesem Jahr hat die Jüdische Gemeinde zu einem Chanukkafest auf dem Synagogenplatz in die Mülheimer Innenstadt eingeladen. Und doch sagt David Geballe, "müssen wir uns als Gemeinde, entgegen unserer Absicht und gegen unsere Interessen abschotten." Mit dem seit dem Hisbollah-Massaker am 7. Oktober 2023 eskalierten Nahostkonflikt spüren auch die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen einen zunehmenden Antisemitismus. Geballe spricht von einem "Schildkröteneffekt", der dazu führe, dass Juden ihren Glauben, etwa in Form eines Davidsterns oder einer Kipa, nicht mehr öffentlich, sondern nur noch im Schutzraum der Synagoge ihrer Gemeinde leben. Auch wenn der Rabbiner seinen Gemeindemitgliedern sagt: "Unsere Antwort auf Antisemitismus kann es nicht sein, weniger jüdisch zu sein. Unsere Antwort kann nur in einem mehr jüdisch sein bestehen." Dennoch kennt er Gemeindemitglieder, die auch den Weg in das permanent unter Polizeischutz stehende Gemeindezentrum im Duisburger Innenhafen aus Sicherheitsgründen scheuen. Ungern erinnert er sich daran, dass zwei Schüler aus der Gemeinde in diesem Jahr aufgrund antisemitischer Anfeindungen durch muslimische Mitschüler ihre Schule wechseln musste. 

Auch dass die Gemeinde ihre Veranstaltungen, nur noch mit Anmeldungen und im Kreis der zur Gemeinde gehörenden oder der Gemeinde bekannten Personen durchführen kann, ist für Geballe, nicht im Sinne einer jüdischen Gemeinde, "die stolz darauf ist, Teil unserer Gesellschaft zu sein und die sich deshalb auch öffnen und in diese Gesellschaft hineinwirken will."


Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen-Mülheim

Montag, 23. Dezember 2024

Die Demokratie ins Bild gesetzt

 Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Das beherzigten jetzt 50 Schülerinnen und Schüler der Realschule an der Mellinghofer Straße und setzten unsere Demokratie mit ihrem Ausstellungsprojekt Art 3 ins Bild gesetzt. Art 3. Das steht in diesem Fall nicht nur für das Gleichheitsgebot des Grundgesetz-Artikels 3, sondern auch für die dreidimensionale Ausdruckskraft der Fotokunst. "Besser hätten sie nicht lernen können, was unsere Demokratie und ihre im Grundgesetz verankerten Grundrechte für sie selbst und für uns als Schulgemeinschaft bedeuten", betont Rektorin Grit Freiberg-Scheidt.

Das Lob hören die Projektteamleiter Frank Plück (Fotograf) und Philipp Blaschke (Schulsozialarbeiter) gerne, stellt es ihrer Arbeit doch auch gegenüber Stadt, Bund und dem Centrum für bürgerschaftliches Engagement CBE ein gutes Zeugnis aus.

"Wir haben den Schülerinnen und Schülern bewusst viel Freiraum gelassen, damit sie ihre Kreativität entfalten konnten." Die Ergebnisse, die jetzt in der Schulaula an der Mellinghofer Straße und hoffentlich bald auch andernorts zu sehen sind, zeigen, dass sich ihr Einsatz gelohnt hat.

Im Rückblick zeigen sich die beteiligten Jugendlichen aus allen Jahrgangsstufen vor allem von den Kino- und Museumsbesuchen begeistert, bei denen sie sich selbst ein Bild darüber machen konnten, wie man Themen ins Bild setzen und eine Botschaft vermitteln kann. "Manches, was wir gesehen haben hat uns so begeistert, dass wir es gleich nachstellen wollten. Bei anderem haben wir uns gefragt: Warum ist das Kunst? Ist das wirklich Kunst", erinnert sich der Siebentklässler Marian Lemke. Und seine Mitschülerin Leonie Seidel sagt mit Blick auf die gemeinschaftlich erstellten Fotoarbeiten: "Unsere Bilder sind nicht nur schön. Sie haben auch eine Bedeutung und etwas zu sagen." Man sieht es: Zum Beispiel auf dem Foto auf dem eine unter einer Lupe eine Schülergruppe zu sehen ist. "Wir sind verschieden. Aber zusammen bilden wir eine Gemeinschaft", erklärt Achtklässler Benjamin Bido. "Freiheit gehört zur Demokratie. Wer gefesselt ist, hat keine Freiheit, um sich zu entfalten!", sagt Marian Lembke mit Blick auf einen gefesselten Mann in Rot. Eine weiße und eine farbige Hand, die zusammen ein Herz formen, stehen für die Liebe, die keine Hautfarbe kennt. Darunter hängt ein Exemplar des Grundgesetzes. Die Botschaft ist klar: Ohne Liebe ist keine Demokratie zu machen. Ebenso elementar ist die Meinungs- Rede- und Pressefreiheit. Ein Mädchen hält sich seine Hände vor den Mund und die Augen. "Nichts sagen!" steht über dem Bild. "Erwachsene wollen oft, das Kinder nicht sagen, was ihnen vielleicht unangenehm ist. Aber in der Demokratie haben auch Kinder das Recht, etwas zu sagen und sich ihre Meinung zu einem Thema zu äußern", kommentiert die Fünftklässlerin Emma Maria Furci.


Zur Realschule an der Mellinghofer Straße

Samstag, 21. Dezember 2024

Seit 100 Jahren Mülheimer

 Als Paul Gerhard Bethge 1924 in Mülheim geboren wurde, war die Stadthalle noch im Bau und erstmals zogen zwei Nationalsozialisten in den Stadtrat ein. Die zum Teil blutigen Straßenkämpfe zwischen Kommunisten, Sozialdemokraten und Nationalsozialisten in der Stadtmitte gehören denn auch zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen an die Zeit der späten Weimarer Republik.

National und protestantisch war sein Elternhaus, das am Muhrenkamp stand. Der Vater, ein ehemaliger Militärmusiker des in Mülheim stationierten Infanterieregiments 159, hatte sich nach dem für Deutschland verlorenen Ersten Weltkrieg 1918 dem rechten Freikorps des Hauptmanns Siegfried Schulz angeschlossen. Als das Freikorps 1923 aufgelöst wurde, wechselte er als Finanzbeamter in den Staatsdienst der Republik, die er als Monarchist eigentlich ablehnte.

Wie viele deutschnationale und konservative Protestanten Mülheims hofften auch Bethges Eltern, dass mit der Ernennung des Nationalsozialisten Adolf Hitler 1933 für das durch den Versailler Friedensvertrag hart bestrafte Deutschland alles besser werden würde. 

In dieser Überzeugung erzogen sie auch ihren Sohn, der als Schüler selbstverständlich auch im Jungvolk und in der Hitler-Jugend aktiv wurde und ab 1939 als mehrfach verwundeter Soldat der Waffen SS am Zweiten Weltkrieg teilnahm. 

Dass er "nicht für eine gute Sache gekämpft hatte, sondern von Heinrich Himmler und den anderen NS-Führern missbraucht worden war", kam ihm erst mit dem Nürnberger Kriegsverbrecherprozess der Jahre 1945 und 1946. Wie sein Vater verdiente er den Lebensunterhalt seiner Familie als Finanzbeamter.

Dass er ab 1956 als Mitglieder der FDP aktiv wurde, hatte mit einer Bundestagsrede des FDP-Vorsitzenden Erich Mendes zu tun. Er plädierte dafür alle Soldaten der Deutschen Wehrmacht, inklusive der Waffen SS fair und gleichberechtigt zu behandeln.

Als FDP-Stadtverordneter begleitete Bethege ab 1964 kommunalpolitisch den Bau neuer Schulen, die Einführung der damals vor allem von der CDU und der katholischen Kirche abgelehnten Koedukation, die Förderung der Mülheimer Sportvereine und als Kuratoriumsmitglied das Management des Evangelischen Krankenhauses.

Dessen gute Personalausstattung und die gelungene Symbiose zwischen Vereinssport und Stadtgesellschaft sieht der ehemalige Vorsitzende des Mülheimer Tennisvereins am Kahlenberg auf seiner politischen Habenseite. Dass seine Arbeit und seine kommunikative und pragmatische Persönlichkeit, über Parteigrenzen hinweg, Anerkennung fand, zeigte seine Wahl zum Bürgermeister im Jahr 1978, als die SPD in Mülheim noch mit absoluter Mehrheit regieren konnte.

In der heutigen Kommunalpolitik beobachtet Bethge einen Trend "zum Wischi Waschi"! Seiner eigenen Generation bescheinigt er in Sachen Kommunalpolitik  mehr inhaltliche und rhetorische Schärfe, aber auch mehr Bodenständigkeit und Lokalpatriotismus. Gerne sähe er im Rathaus wieder mehr Menschen, "die in der Stadt und für die Stadt leben!" Auch über seine eigene Partei sagt er ernüchtert: "Gerne würde ich etwas über sie sagen, wenn es denn etwas über sie zu sagen gäbe." 

Freitag, 20. Dezember 2024

Mahnung für heute und morgen

 Stolpersteine sind ein Ärgernis. Sie können aber auch ein Anstoß zum Nachdenken und Erinnern sein. Das fand auch der Kölner Künstler Gunter Demnig und rief 1993 das Erinnerungskulturprojekt "Stolpersteine" ins Leben, das heute bundesweit die Namen und Schicksale der sechs Millionen Holocaust-Opfer dem Vergessen entreißt, auch in Mülheim.

Vor 20 Jahren brachte die Pädagogin Judith Koch-Bril Gunter Demnigs Idee nach Mülheim. Ein Fernsehbericht hatte sie auf sein Projekt aufmerksam gemacht. Die ersten Mülheimer Stolpersteine wurden 2004 in der Stadtmitte verlegt. Sie erinnerten an jüdische Schülerinnen und Schüler der Städtischen Mädchen- und Knaben-Mittelschule, die nach der Reichspogromnacht 1938 ihre Schule, die wir heute als Realschule Stadtmitte kennen, verlassen mussten und später deportiert und ermordet wurden oder sich nur durch eine Flucht ins Ausland retten konnten.

Zur Erinnerung 270 jüdische Mülheimer wurden im Rahmen des Holocaust ermordet. 300 konnten sich durch die Flucht ins Exil retten. 20 überlebten in Konzentrationslagern oder im Versteck.

Inzwischen sind 175 Stolpersteine in der Stadt verlegt worden, die an Mülheimer Opfer der NS-Diktatur erinnern. 14 weitere sollen jetzt verlegt werden, wenn sich genug Spender aus der der Bürgerschaft finden. Dreh- und Angelpunkt der biographischen Recherche und Dokumentationsarbeit, deren Ergebnisse auf der Internetseite des Mülheimer Stadtarchivs nachzulesen sind, waren und sind Mitarbeitende des Stadtarchivs. Jens Roepstorff, Annett Fercho und jetzt Patrick Böhm arbeiten für und mit den geschichtsinteressierten Bürgerinnen und Bürgern, die sich der Aufgabe widmen, den NS-Opfern, auch jenen, die ihre Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebt haben, ihren Namen und ihre Lebensgeschichte zurückzugeben. Wie könnte man den Plan der Nationalsozialisten besser durchkreuzen, jüdisches Leben und die Erinnerung daran, für immer auszulöschen.

Schülerinnen und Schüler der Realschulen Stadtmitte und Mellinghofer Straße haben diese Erinnerungsarbeit ebenso geleistet, wie ein von Friedrich-Wilhelm von Gehlen (2006-2019) geleiteter Arbeitskreis Stolpersteine und zuletzt der Rotarier Clemens Miller. Er und seine Kollegen aus dem Club Mülheim-Uhlenhorst haben es sich zur Aufgabe gemacht, immer wieder in der Woche, vor dem 27. Januar, die Mülheimer Stolpersteine zu reinigen und damit ein Beitrag zum internationalen Holocaust-Gedenktag zu leisten. Frei nach Hannah Arendt sagt Miller im Rückblick auf seine Recherche- und Dokumentationsarbeit: "Ich habe immer wieder die Banalität des Bösen gesehen."


Zum Mülheimer Stadtarchiv 

Donnerstag, 19. Dezember 2024

Sankt Nikolaus lebt

 Ich war fünf Jahre alt und wünschte mit vom Nikolaus ein Telefon, eines mit Drehscheibe, dass so echt, wie möglich aussehen sollte. Doch die Erzieherinnen i n meinem katholischen Gemeindekindergarten, es waren die frühen 1970er Jahre, wollten mir  und meinen Altersgenossen, pädagogisch aufgeklärt, reinen Wein einschenken. 

Deshalb erfuhr ich von ihnen, dass der Heilige Nikolaus ein Bischof aus der Türkei gewesen sei, der schon lange tot sei. Das war zu viel Wahrheit für mich. Weinend und verzweifelt ließ ich meine Mutter wissen: "Der Nikolaus ist tot. Wer schenkt mir jetzt mein Telefon?"

Wie dem auch sei: Ich bekam am Nikolaustag mein erwünschtes Telefon und begriff, dass meine Mutter der wahre Nikolaus war oder einen guten Draht zu Jenen hatte, die in seine Fußstapfen getreten und in sein Gewand geschlüpft waren.

Als ich ein Jahr später im ersten Schuljahr von meiner eher konservativen Lehrerin zu hören bekam, wir sollten uns gut benehmen, wenn wir vom Nikolaus etwas geschenkt und nicht die Leviten gelesen bekommen wollten. Unüberhörbar ließ ich meine Lehrerin als Freund der selbst erfahrenen Wahrheit wissen: "Was Sie uns erzählen stimmt nicht. Der Nikolaus ist schon lange tot." Meine Lehrerin verstand keinen Spaß und bestellte meine Mutter ein, um sie wissen zu lassen, dass ich ihre pädagogische Autorität untergrabe und die ganze Klasse in Aufruhr bringe, Seitdem wusste: "Wer die Wahrheit sagt, macht sich nicht nur Freunde." Natürlich wurden wir auch in diesem ersten Schuljahr von einem Mann beschert, der sich als Nikolaus ausgab und entsprechend gewandet war. Problemlos identifizierte ich den strengen und doch gütigen und freundlichen Nachfolger von St. Nikolaus als unseren Rektor.

An diese Nikolausgeschichte aus meinem eigenen Leben musste ich jetzt zurückdenken, als ich für die Mülheimer Presse über das Nikolausessen des Malteser Hilfsdienstes berichtete und mit dessen 50 bedürftigen Gästen, die es sich in der Teeestube der Diakonie an der Auerstraße in guter Gesellschaft schmecken und sich beschenken zu lassen.

Vier ehrenamtlich Mitarbeitende des Malteser Hilfsdienstes verteilten nicht nur gutes Essen, sondern auch gute Dinge für den täglichen Bedarf: Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel, Süßigkeiten. "Die Not wird ja leider nicht wenig", bekam ich von den Maltesern zu hören, als ich sie nach ihrer Motivation befragte.

Viele Gäste wollen nicht mit der Presse sprechen. Über die eigene Not zu sprechen, tut auch jenen Menschen weh und beschämt sie, die sich dann doch auf ein Gespräch darüber einlassen, was sie nicht nur an diesem Nikolaustag in die Teestube des Diakonischen Werkes gebracht hat.

Warum sie auf Hilfe angewiesen sind und sich ein Herz genommen haben, sie anzunehmen, erklären die sichtbar vom Leben gezeichneten Menschen dies- und jenseits ihrer Lebensmitte, mit den Wechselfällen ihres Lebens, vor denen auch jene nicht sicher sind, die heute auf der Seite der Helfenden stehen und so etwas, wie ein gutbürgerliches Leben führen.

Die Hilfesuchenden, die hier nicht nur materielle Hilfe, sondern auch menschliche Zuwendung und seelische Stärkung. Sie berichten von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, unwürdigen und belastenden Lebensverhältnissen, von steigenden Preisen und hohen Mieten sowie von Altersdiskriminierung bei der Jobsuche. Demografischer Wandel hin. Fachkräftemangel her.  

Der Mann von der Presse geht an diesem Tag der guten Tat und der guten Gemeinschaft geht mit dem beschämenden Gefühl nach Hause, dass nicht die Hilfesuchenden beschämt sein sollten, sondern eine reiche, konsum- jugend- und leistungsfixierte Gesellschaft, die wider besseren Wissens viel zu viele Menschen nicht mitnehmen kann und will und deshalb lieber Almosen als Arbeit zu finanzieren,

Zur Gefährdetenhilfe der Mülheimer Diakonie

Montag, 16. Dezember 2024

Heimat & Hoffnung

 Im Dezember hieß es gleich mehrfach: Ehre, wem Ehre gebührt. Stadt und Sparkasse haben den Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft verliehen. Stadt und Land verliehen den Heimatpreis. Und die christlichen Stadtkirchen haben ihren Ökumenischen Hoffnungspreis verliehen.

Ausgezeichnet wurden der Chemiker Frank Neese vom Max-Planck-Institut für Kohleforschung und die Schauspielerin Maria Neumann vom Theater an der Ruhr (mit dem Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft), das Aktionsbündnis "Mülheim stellt sich quer" (mit dem Ökumenischen Hoffnungspreis"), die Mülheimer Zeitzeugenbörse, die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft DLRG und die Künstlerin Rona Neekes mit ihrem Zentrum für Freiräume (mit dem Heimatpreis) für ihre Arbeit geehrt, mit der sie uns in unserer Heimatstadt Mülheim an der Ruhr Hoffnung geben.

"In einer zunehmend unübersichtlichen und unsicheren Welt gibt uns Heimat das Gefühl von Sicherheit", betonte Bürgermeister Markus Püll bei der Verleihung des Heimatpreises am Beginn der letzten Ratssitzung des Jahres. Und Oberbürgermeister Marc Buchholz betonte bei der Verleihung des 1962 gestifteten Ruhrpreises für Kunst und Wissenschaft: "Schon mit seinem Namen macht dieser Preis deutlich, dass er Leistungen auszeichnet, die uns zeigen, wie Kunst und Wissenschaft Hand und Hand Gutes für unsere Gesellschaft tun können."

Auch wenn die Grundlagenforschung des Chemikers Frank Neese für naturwissenschaftliche Laien nur schwer zu erklären und zu begreifen sind, machten die Laudationes auf den MPI-Direktor doch deutlich, dass hier ein Wissenschaftler an der Schnittstelle von Chemie und IT die Durchführung von Experimenten fördert, deren Ergebnisse in letzter Konsequenz dem Gemeinwohl dienen, weil sie zum Beispiel in die Herstellung von Medikamenten einfließen.

Dagegen ist die Wort- und Darstellungskunst der Maria Neumann, deren interaktive Märchenaufführungen und Schullesungen literarischer Klassiker ihr Publikum generationsübergreifend begeistern. Neumann weist zurecht darauf hin, dass die Sprache auch in Zeiten der Künstlichen Intelligenz die Basis unseres Denkens, unseres Handelns und unseres Selbstbewusstseins ist.

Authentisch, weil selbst erlebte und erzählte Geschichte. Das ist der Schatz, den Mitglieder der Zeitzeugenbörse an die nächsten Generationen weiterzugeben haben und den sich nicht nur Schulgemeinschaft so stark und so lange, wie möglich, zu nutze machen sollten, um in der Gegenwart und in der Zukunft die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Letzteres ist im Kern auch das Kernanliegen des Bündnisses "Mülheim stellt sich quer", dem sich inzwischen 43 Organisationen angeschlossen haben, um mit Demonstrationen und Demokratie-Festen der Begegnung allen menschenverachtenden Ideologien entgegenzutreten.

Sozialen Zusammenhalt und gemeinsame Kreativität sollen die Menschen auch im Zentrum für Freiraum erleben, dass die im Mülheimer kunsthaus aktive Künstlerin Rona Nekes im ehemaligen naturfreundehaus am Büllrodt in Raadt eingerichtet hat. Workshops Ausstellungen Ateliers und Veranstaltungen sollen wir einen barrierefreien Raum für Bildung Kultur und Soziales schaffen. 

Weil sie inzwischen seit 100 Jahren dafür sorgt, dass Menschen in und an der Ruhr vor dem Ertrinken gerettet werden, indem sie nicht nur aus akuter Not gerettet sondern auch rechtzeitig mit dem Schwimmen und der Fähigkeit sich über Wasser zu halten vertraut gemacht werden, positiv ist auch die vor ihrem Jubiläumsjahr stehende deutsche Lebensrettungsgesellschaft zu Recht mit dem Mülheimer heimatpreis ausgezeichnet worden. Insgesamt offenbart sich wieder einmal der Eindruck, dass unsere Stadtgesellschaft gute antut, die vielseitig ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürger für ihren Einsatz nicht nur mit lobenden Worten zu würdigen und zu ihren, um ihre Motivation aufrecht zu erhalten und anzuspornen.


Donnerstag, 5. Dezember 2024

Schöne Straße?!

 Für die Mülheimer Presse und das neue Mülheimer Jahrbuch habe ich mich an 50 Jahre Schloßstraße erinnert. So alt bin ich also schon, dass ich mich daran erinnere, als kleiner Junge über die Baustellenbalken der aufgerissenen Schloßstraße gelaufen zu sein und den Baustellenlärm kaum ertragen zu haben.

Fußgängerzone hieß für die Schloßstraße auch Tiefgarage. Soviel autogerechte Stadt musste damals sein. Wenn die Autos und die Straßenbahn schon nicht mehr durch Mülheims Haupteinkaufstraße fahren sollten, dann musste der Fußweg zum Einkauf, zur Arbeit oder zur eigenen Wohnung doch möglichst kurz sein.

Dabei nannten die alten Mölmschen die Schloßstraße nicht von ungefähr ihre Renne. Renne, wie Rennstrecke. Sie waren in der Regel zu Fuß oder mit der Tram, die damals auch noch einen Schaffner an Bord hatte, unterwegs. Hier fanden sie alles, was das Leben angenehmer und kurzweiliger macht: Cafes, Restaurants, Geschäfte, Kinos. Hier wollte man sehen und gesehen werden.

Die Schloßstraße als breite Haupteinkaufsstraße war ein Produkt der 1920er und 1930er Jahre. Denn bis dato war die Schloßstraße, dass was wir heute als Schloßbrücke und als Leineweberstraße kennen. Die heutige Schloßstraße hieß früher Jacken und Kettenbrückenstraße. Den Durchbruch zur neuen Schloßstraße, die jetzt nicht mehr die direkte Verbindung zum Schloss Broich darstellte, entstand am Ende der 1920er Jahre an der Unteren Schloßstraße mit dem Woolworth-Kaufhaus, das heute, nach einem Fassaden-Relanche als Ärzte- und Apothekenhaus genutzt wird.

Kaufhaus, Das war damals, bevor die Weltwirtschaftskrise vielen Menschen das Geld zum Einkauf raubte, die Spitze des modernen Einzelhandels, der immer noch von altersher von inhabergeführten Fach- und Lebensmittelgeschäften bestimmt wurde. 

Die Mülheimer Innenstadt hatte damals mit Tietz am Löhberg und Alsberg an der Bachstraße/heute Leineweberstraße noch zwei weitere Kaufhäuser. Letzteres ließ seine Kunden sogar mit einem Aufzug in ungeahnte Höhen des Einkaufsvergnügens kommen.

Ab 1933 war bekanntlich Schluss mit lustig. Die von jüdischen Inhabern geführten Kaufhäuser Tietz und Alsberg wurden, wie es im NS-Sprachgebrauch hieß. arisiert, was tatsächlich einer Enteignung, einer Beraubung ihrer Eigentümer entsprach. Auch die Arisierungsgewinner, die jetzt den Kaufhof und Lindner und Berger führten, mussten im Luftkrieg der Jahre 1940 bis 1945 am eigenen Leib erleben, wohin Hitlers Politik führte.

Nach dem Krieg, als mehr als 70 Prozent der innerstädtischen Bausubstanz zerstört oder beschädigt war, musste und wollte man, zum Beispiel mit der neuen Leineweberstraße aus der Not eine Tugend machen. Die neue Inennstadt, die mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren eine Renaissance erlebte, wurde autogerechter und moderner. aber nicht schöner. Die neue Leineweberstraße durchtrennte als mächtige Ost-West-Achse die alte und die neue Innenstadt Mülheims. Der Kirchenhügel wurde abgeschnitten und abgehängt. Es erstaunt immer wieder die Vor- und Nachkriegsansichten der Innenstadt zu betrachten und den Eindruck auf sich wirken zu lassen, man schaue auf unterschiedliche Orte.

Die 1970er Jahre waren vom Fortschrittsglauben geprägt, angetrieben von steigenden Einwohnerzahlen, die in Mülheim bis auf 193.000 kletterten. Ausdruck eines modernen Mülheims, dass sich im Wachsen begriffen sah, tatsächlich aber schon 1973 seinen demografischen Zenit überschritten hatte, waren der neue Hans-Böckler-Platz mit dem City Center und den Hochhäusern, der U-Bahnbau zwischen Essen und Mülheim sowie die 1974 und 1978 eröffneten Fußgängerzonen an der Schloßstraße und an der Leineweberstraße.

Angesichts des akuten Leerstandes in der City mag man sich heute kaum noch vorstellen, dass der Begriff Ladenleerstand vor 50 Jahren noch ein Fremdwort war. Immerhin gab es Mitte der 1970er Jahre mit dem Rhein-Ruhr-Zentrum und dem City Center schon zwei Mülheimer Einkaufszentren, die dem Einzelhandel in der Innenstadt Konkurrenz machte.

Sicher darf man nicht vergessen. Damals gab es noch kein Internet und deshalb auch keinen Online-Handel. Außerdem gab es damals mit den Mannesmann Röhrenwerken und der Tengelmann Gruppe zwei große Mülheimer Arbeitgeber und Steuerzahler, die heute leider Geschichte sind.

Vergleicht man die Schloßstraße von heute mit der Schloßstraße, die 1974 zu einer Fußgängerzone mit Tiefgarage wurde, muss man sich auch als Lokalpatriot eingestehen. Sie ist ein Schatten ihrer selbst. Der Niedergang begann ab Mitte der 1990er Jahre, als auch Duisburger, Essen und Oberhausen große Einkaufstempel bauten und in den 2000er Jahren mit dem Dümptener Tor ein weiteres Mülheimer Einkaufszentrum entstand.

Bei aller Kritik an der heutigen Innenstadt im Allgemeinen und an der Schloßstraße im Besonderen, darf man nicht übersehen, dass es hier auch heute in der City sowohl mit Blick auf den Einzelhandel als auch mit Blick auf die Gastronomie immer noch bemerkenswerte Angebote gibt, die allen Leerständen trotzen.

Allerdings haben es diese Oasen und Inseln im Meer und in der Wüste der tristen Leerstände schwer, ihre Anziehungs- und Ausstrahlungskraft zu entfalten. Das gilt auch für den Mülheimer Wochenmarkt, der im Rahmen des Ruhrbaniabauprojektes vom Rathausmarkt auf die Schloßstraße umgezogen ist.

Sicher müssen wir unsere Innenstadt heute neu denken. Leerstände und Freiräume können auch mit Wohn- Arbeits- und Kulturraum, Grün- Wasser- und Freizeitflächen mit neuem Leben gefüllt werden. Attraktivere, weil bezahlbarere Mieten könnten ein Übriges für die Innenstadt tun. Und last, but not least, muss sich die heute viel mobilere und digitalere Kundschaft fragen, was ihr eine lebendige Innenstadt mit Gastronomie, Einzelhandel und Aufenthaltsqualität wirklich wert ist, wenn es um das eigene Einkaufs- und Freizeitbudget geht.


Der erste Weihnachtsmarkt auf der Schloßstraße

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