Dienstag, 14. März 2023

175 Jahre CVJM

 Er ist einer der ältesten Vereine der Stadt, der CVJM. Vor 175 Jahren wurde der Christliche Verein Junger Menschen als Evangelischer Männer- und Jünglingsverein aus der Taufe gehoben. Seinen heutigen Namen trägt der inzwischen von zwei Frauen, Jutta Tappe und Alina Gerdau geführte Verein seit 1981. Heute mag man es kaum glauben, dass es bis 1972 dauerte, ehe der CVJM Frauen als Vereins- und Vorstandsmitglieder in seine Reihen aufnahm.

1848. Das Gründungsjahr war ein revolutionäres Jahr, in dem die Bürger erstmals nach Freiheit und nationaler Einheit verlangten. Es war aber auch die Zeit der voranschreitenden Industrialisierung und Urbanisierung. Junge Männer kamen auf ihrer Suche nach Arbeit als Arbeiter und Handwerker in die Stadt. Oft kamen sie allein, ohne festen Halt und ohne Orientierung für ihr Leben. Vereinsamung und fehlende soziale Integration waren auch damals ein Thema.

Hier setzten die CVJM-Gründer an. Sie gründeten nicht nur eine Sonntagsschule zur Vermittlung christlicher Werte, sondern errichteten an der Friedrichstraße 1860 ein erstes Vereinshaus, in dem wandernde und alleinstehende Arbeiter und Handwerker eine gute Unterkunft und eine gute Gemeinschaft fanden.

Aus den Reihen des Vereins gingen auch sozialpolitische Initiativen zur Gründung des Evangelischen Krankenhauses und der Schmitts-Waisenstiftung aus. Die jungen evangelischen Männer in Mülheim wussten, wie der Gründer der katholischen Gesellenvereine, Adolph Kolping, dass die Sorge und Leib und Seele immer zwei Seiten derselben menschlichen Medaille sind.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erweiterte sich der Christliche Verein Junger Männer, diesen Namen führte er ab 1907, auf die Mülheimer Stadtteile und stellte mit Wilhelm Keienburg (1908) und Johannes Pieper (1925) erstmals hauptamtliche Mitarbeiter an. Infolge der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise sah sich der CVJM Ende der 1920er Jahre gezwungen sein großes Vereinshaus an der Friedrichstraße in ein Hotel umzubauen, das unter seinen neuen Eigentümern zum Handelshof wurde.

Doch der Verein konnte in neuen Häusern an der Wertgasse, an der Vereins- und an der Kampstraße seine soziale und seelsorgerischer Arbeit fortsetzen. Ab 1946 organisierte der CVJM erstmals auch Sommerfreizeiten für Jugendliche, zunächst am nahen Niederrhein.

Seit 1962 lebt, lernt, arbeitet und feiert die CVJM-Familie in ihrem Vereinshaus an der Teinerstraße. „Es ist für uns ein Segen, dass wir Eigentümer des CVJM-Zentrums auf dem Kirchenhügel sind, so dass unsere Arbeit nicht immer wieder zur Disposition steht“, sagt der Sozial- und Religionspädagoge Michael Lingenberg, der seit 2019 als leitender Referent des CVJM organisatorisch den roten Faden der Mülheimer CVJM-Arbeit in Händen hält

Würden die Vereinsgründer heute auf die Internetseite des Mülheimer CVJM (www.cvjm-muelheim.de) schauen, so würden sie vieles von dem wiedererkennen, was sie zu ihrer Zeit mit deren Mitteln in und für Menschen in Mülheim geleistet haben. Sicher arbeitet der CVJM heute generationsübergreifender und weniger konfessionell als ökumenisch ausgerichtet.

Bibelstunden, gemeinsame Freizeitgestaltung und aktivierende Persönlichkeitsbildung gehören heute wie damals ebenso zur DNA des CVJMs wie die Bereitstellung von Übergangswohnraum und die Sorge für das leibliche Wohl bedürftiger Menschen, etwa bei einer Heiligabendfeier mit und für Alleinstehende.

Die CVJM Gründer wollten die jungen Männer einst vor den Gefahren der Großstadt schützen. Gemeinschaft und Sinn zu stiften ist zeitlos aktuell. Auch wir verstehen uns als ein Haus der offenen Türen, das als ein Teil der Stadt, etwas Gutes für die Stadtgesellschaft bewirken möchte“, unterstreicht Lingenberg. Das junge Menschen, auch jene, die die deutsche Sprache noch nicht beherrschen im CVJM Zentrum praktische Lebenshilfe bekommen, wenn es für sie zum Beispiel um die Erledigung der Hausaufgaben, das Schreiben einer Bewerbung oder das Ausfüllen eines Antrags für Hilfeleistungen geht, passt für Langenberg zum Kern des CVJM. Dabei ergeben sich immer wieder Veränderungen. So ist der 2008 vom CVJM eingerichtete Mittagstisch für Schüler durch die Einrichtung der Offenen Ganztagsgrundschule überflüssig geworden. Und während der Coronazeit musste auch die Gruppenarbeit im CVJM digitalisiert werden. „Unsere Bibelstunde gehörte zu den ersten Onlineveranstaltungen, so dass sie auch während der Pandemie kein einziges Mal ausfallen musste, freut sich Lingenberg. Mit Blick auf die junge Generation stellt er fest: „Jugendliche wollen heute die Umgebung, in der sie leben, mitgestalten und wir verschaffen ihnen hier den Freiraum dafür.“ So hat sich mit hauptamtlicher Unterstützung im CVJM Zentrum an der Teiner Straße ein Mädchentreff etabliert. Und die schon etwas länger existierende Gruppe Next Generation verbindet zeitgemäß Musik, Gesang, gemeinsame Freizeitaktivitäten und den inspirierenden Blick in die Bibel miteinander. Der Kreis der CVJM-Geschichte schließt sich für Michael Lingenberg „auch damit, dass wir derzeit zusammen mit der Diakonie darüber nachdenken unser Wohnheim für von Obdachlosigkeit bedrohte Männer in ein Studentenwohnheim umzuwandeln, weil das unserem personellen und inhaltlichem Profil vielleicht eher entspricht als die professionelle Betreuung von Menschen. Die könnte von der Diakonie besser geleistet werden als von uns.“ Derzeit wird die CVJM-Arbeit von 70 ehrenamtlich Mitarbeitenden getragen. Hinzukommen dreieinhalb Stellen für die offene Jugendarbeit, die von den Beiträgen der 200 Mülheimer CVJM-Mitglieder und durch Mittel der Stadt und des Landes finanziert werden.


Mülheimer Presse

Dienstag, 7. März 2023

Vin der Herberge zum Hotel

 Wo finde ich meinen Platz? Diese Frage hat sich für alle Menschen zu allen Zeiten gestellt, ob wortwörtlich oder im übertragenen Sinn. "Kein Platz, in der Herberge!" Diese Antwort bekam nicht nur die Heilige Familie in Betlehem zu hören, sondern auch viele junge Männer, die zum Beispiel als Handwerker auf der Waltz im 19. Jahrhundert durch Mülheim kamen.

Nicht nur diese Männer wollte der 1848 gegründete Evangelische Jünglingsverein, der sich ab 1907 Christlicher Verein Junger Männer und ab 1971 Christlicher Verein Junger Menschen (CVJM) nannte, nicht allein lassen, sondern ihnen und anderen Menschen, die ihren Platz in der Stadt und in der Gesellschaft suchten, einen solchen Platz geben. 

An einem guten Platz

So entstand 1860 das erste und 1906 das zweite Vereinshaus des CVJM an der Friedrichstraße, letzteres geplant vom Mülheimer Architekten und Zeitungsverleger Franz Hagen. Hier fanden die Gäste, ab 1907 erstmals auch von einem hauptamtlichen CVJM-Sekretär betreut, nicht nur Kost und Logie, sondern auch Nahrung für die Seele, frei nach dem CVJM-Motto: "Leben aus der Quelle"!

So wurde die christliche Herberge auch zum Vereinshaus, zum Gemeindehaus, zum Gottesdienstort, zur Sonntagsschule und zum geselligen und auch persönlichkeits-bildenden Veranstaltungsort im Zentrum der Stadt am Fluss.

Doch durch die Folgen der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise sahen sich die frommen Männer 1930 dazu gezwungen, ihr großes und repräsentatives Haus an der Friedrichstraße zu verkaufen. So wurde aus der christlichen Herberge ein weltliches, aber nicht minder gastliches Haus, das von 1934 bis 2022 von der Familie Hesse als Hotel Handelshof geführt worden ist und der Stadtgesellschaft über Jahrzehnte auch als vielseitiger und beliebter Veranstaltungsort gedient hat. Um 1950 war der Mülheimer Handelshof das größte Hotel Westdeutschland, in dem auch viele Kulturveranstaltungen über die Bühne gingen, weil die im Krieg zerstörte Stadthalle erst 1957 wiederaufgebaut war.

Nicht nur die Folgen der Coronapandemie, sondern auch die massive Konkurrenz durch größere und modernere Hotels in Mülheim und seinen Nachbarstädten beendeten den familiären Hotelbetrieb an der Friedrichstraße. Aus dem Handelshof, soll jetzt hinter der historischen und seit 1993 denkmalgeschützten Fassade eine moderne Seniorenresidenz entstehen. Der demografische Wandel lässt grüßen. Heute sind 30 Prozent der Mülheimer 60 und älter.


Mülheimer Presse

Freitag, 3. März 2023

Was der Krieg für uns bedeutet

 Im Oktober 2022 war die Düsseldorfer Generalkonsulin Iryna Shum zu Gast bei den Herbstgesprächen der CDU im Haus der Stadtgeschichte. Ein Jahr nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine folgte sie jetzt einer Einladung der SPD ins ehemalige Tengelmann-Casino.

Eingeladen hatten die beiden sozialdemokratischen Abgeordneten Sebastian Fiedler (Bundestag) und Rodion Bakum (Landtag). Fiedler beschäftigt in seinem Büro seit einigen Monaten die 21-jährige ukrainische Pädagogin Anastasia Ilchenko, die zurzeit in Deutschland ein Studium als Übersetzerin absolviert. "Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in Deutschland einen sicheren Ort gefunden und offenherzige Hilfe ohne Gegenleistung bekommen habe. Ich bin so der Kriegslotterie des Todes entkommen. Aber die Angst um meine Verwandten in der Ukraine begleitet mich", berichtete die Anastasia Ilchenko, die seit März 2022 in Deutschland lebt in erstaunlich gutem Deutsch.

Iryna Shum dankte Deutschland dafür, dass es seit Kriegsbeginn eine Million Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen habe. In Mülheim haben innerhalb der zwölf vergangenen Monate 2000 Menschen aus der Ukraine, vor allem Frauen und Kinder, Zuflucht in Mülheim gefunden. "Meine Landsleute sind unfassbar dankbar für die humanitäre und waffentechnische Hilfe, die sie aus Deutschland erhalten", betonte die Generalkonsulin. Die Tatsache, dass seit Kriegsbeginn 100 deutsch-ukrainische Städtepartnerschaften und eine Regionalpartnerschaft zwischen dem Lad Nordrhein-Westfalen und der zentralukrainischen Region Dnipropetrowsk geschlossen worden sind, sieht Shum als Indiz dafür, dass s ich die deutsch-ukrainischen Beziehungen in den vergangenen zwölf Monaten verbessert und intensiviert haben.

"Sagen Sie den Menschen, dass wir mit Waffen weiterkämpfen werden und dass wir ohne Waffen weiterkämpfen werden", zitierte die Diplomaten einen ukrainischen Soldaten, mit dem sie kürzlich darüber gesprochen habe, welche Botschaft sie den Deutschen, seiner Ansicht nach, vermitteln sollte. Aus ihrer Sicht "müssen die Russen ihre Geschichte genauso selbstkritisch aufarbeiten, wie es die Deutschen nach 1945 getan haben, damit es zu einem dauerhaften Frieden und zu einer Versöhnung zwischen Russen und Ukrainern kommen kann.

Einig waren sich alle Veranstaltungsteilnehmerinnen darin, dass die Ukraine das Opfer eines russischen Angriffskrieges sei und eine deutsche und europäische Unterstützung der ukrainischen Selbstverteidigung deshalb auch völkerrechtlich legtim sei. Zu deutschen und europäischen Waffenlieferung gab es aber auch kritische Stimmen, die bezweifelten, dass man auf diesem Weg Putin militärisch besiegen und so zu Friedensverhandlungen zwingen könne.

Shum wies darauf hin, dass der russische Krieg in der Ukraine bereits 2014 mit der russischen Anektion der Krim und der militärischen Unterstützung der Separatisten in der Ukraine begonnen und bisher 14.000 Menschenleben gefordert habe. Shum machte deutlich: "Dieser Krieg wird kein Sprint, sondern ein Marathon!"

Sebastian Fiedler, der in der SPD-Fraktion die Arbeitsgruppe Kriminalpolitik leitet, warnte vor den Folgen russischer Cyberangriffe und russischer Desinformationspolitik. Für ihn steht außer Frage, "dass die eingefrorenen Vermögen der Unternehmer, die Teil des Systems Putin sind, nicht nur eingefrorenen, sondern auch enteignet und nach dem Krieg in den Wiederaufbau der Ukraine fließen müssen."

 

Mülheimer Presse

Donnerstag, 2. März 2023

In guter Gesellschaft

 Es ist eines der repräsentativsten Gebäude unserer Stadt, ein architektonischer Gruß aus dem 19. Jahrhundert. Heute ist das Casino an der Delle 57 ein freikirchliches Gemeindezentrum und eine private Musikschule. Eine Lyra über dem Portal zeigt an. Hier war von Anfang an Kultur zu Hause.

Errichtet wurde das Haus an der Delle, die damals Mülheims Hauptstraße war, von der 1816 gegründeten und bis heute existierenden und aktiven Bürgergesellschaft Casino. Hier traf sich das gehobene Bürgertum der damals noch jungen und vergleichsweise kleinen Stadt Mülheim, um unter Gleichgesinnten Geselligkeit und Kultur zu pflegen. Über 100 Jahre war das Haus im Besitz der Casino-Gesellschaft, ehe sie es an den Stinnes-Konzern verkaufte. 

1842, wenige Jahre vor der bürgerlichen Revolution von 1848/49, machte das aufstrebende Wirtschafts- und Bildungsbürgertum dem Adel seine gesellschaftliche Dominanz streitig. Mit der voranschreitenden Industrialisierung verlor der Landadel zunehmend an Bedeutung, während das Bürgertum einen sozialen Aufstieg erlebte, der aber nur sehr bedingt auch seine politischen Rechte und Einflussmöglichkeiten erhöhte. Denn auch nach der 1849 gescheiterten Revolution folgte eine Phase der monarchischen Restauration und der politischen Reaktion.

In dieser Phase der deutschen Geschichte gab es auch in Mülheim zahlreiche Vereinsgründungen. Beispielhaft seien hier nur der Schützenverein von 1837, die Karnevalsgesellschaft Aula um 1850, der bis 2016 existierende Männergesangverein Frohsinn (1852) und die bis heute bestehende Turngemeinde 1856 erinnert.

In einer Gesellschaft, die wesentlich immobiler, autokratischer und weniger medial geprägt war als unsere heutige Gesellschaft, boten Vereine dem Bürgertum einen wichtigen gesellschaftlichen Schutzraum, indem es nicht nur eine kulturell anregende und sozial hilfreiche Geselligkeit, sondern auch einen weitgehend freien Gedankenaustausch pflegen konnte.

Mit eben dieser Zielsetzung hatten sich auch in Oldenburg (1785), Berlin (1786), Saarbrücken (1796) und Frankfurt am Main (1802) Bürger in einer Casino-Gesellschaft zusammengefunden. Dem Mülheimer Beispiel folgend gründeten auch Duisburger Bürger im Jahr 1858 eine Casino-Gesellschaft.

Es passt ins politische und historische Bild, dass die nationalliberale Fraktion in der 1848/49 in der Frankfurter Paulskirche tagenden Nationalversammlung im Haus der Frankfurter Casino-Gesellschaft tagte. 175 Jahre später leben wir in einer demokratischen, pluralistischen und multikulturellen Medien- und Informationsgesellschaft, in der die Pflege von Geselligkeit, Kulturgenuss und Gedankenaustausch und völlig anderen Vorzeichen stattfindet als etwa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dennoch bleibt das Anliegen der Casino-Gesellschaft auch heute aktuell, in dem es einen Kontrapunkt zur radikalen Individualisierung unserer postmodernen Gesellschaft setzt.


Zur Mülheimer Casino-Gesellschaft

Mittwoch, 1. März 2023

Das Ende einer Kirche

 Die Kirche bleibt im Dorf. Die Kirche. Das ist Herz Jesu. Das Dorf ist der Mülheimer Stadtteil Broich. Doch nichts mehr ist so, wie es bis zum 25. Februar war, zumindest für den katholischen Teil der Broicher. Denn an diesem Tag wurde die 1892 eingeweihte Kirche von Weihbischof Wilhelm Zimmermann außer Dienst gestellt. "Ein schreckliches Wort, dass Ihrer Trauer und ihrem Schmerz nicht gerecht wird", gestand Zimmermann den 400 Besuchern des letzten Gottesdienstes in Herz Jesu.

"Schade, dass die Kirche in den vergangenen Jahren nicht öfter so rappelvoll war, wie heute", räumten einige Gemeindemitglieder ein. Tatsache ist: Die Zahl der katholischen Gemeindemitglieder ist seit 2006 von 20.000 auf 14.000 zurückgegangen. Todesfälle und Kirchenaustritte, nicht nur aufgrund der Missbrauchsfälle im katholischen Priesteramt führen dazu, dass die seit 2006 zur Linksruhrpfarrei St. Mariä Himmelfahrt gehörende Gemeinde Herz Jesu die notwendige Restaurierung ihres Gotteshauses nicht mehr finanzieren kann. Allein in den Jahren 2020 und 2021 haben in Mülheim 1828 katholische Christen ihre Stadtkirche verlassen,

Die Rede ist von einem Imvestitionsbedarf in Höhe von rund zwei Millionen Euro. Nach ihrer Schließung soll die Kirche verkauft und umgewidmet werden. Das Ausschreibungsverfahren des Bistums dauert zunächst bis Ende März. Dann wollen Kirchenvorstand, Pfarrgemeinderat und Pastoralversammlung darüber entscheiden, wie es mit dem denkmalgeschützten Gebäude weitergehn soll.

"Ich habe als Kirchenvorstand emotional gegen die Kirchenschließung gestimmt, kann sie rational aber nachvollziehen", sagte Kirchenvorstand Elke Middendorf nach dem Abschiedsgottesdienst, in dem auch Tränen flossen und Stimmen bei den Fürbitten versagten. Vielen, auch aktiven Gemeindemitgliedern, geht es ebenso wie ihr mit dem Schließungsbeschluss vom vergangenen September. 

Eigentlich hatte das 2018 verabschiedete Pfarreientwicklungsvotum die Schließung von Herz Jesu erst für 2030 in Aussicht gestellt. Mülheim und Broich sind mit den Folgen des demografischen und gesellschaftlichen Wandels nicht allein. Weihbischof Zimmermann weist darauf hin, dass das Ruhrbistum seit seiner Gründung 1958 fast die Hälfte seiner damals noch 1,3 Millionen Kirchenmitglieder verloren hat. Heute leben an der Ruhr noch 720.000 Katholiken.

Die Diskussion beim Imbiss nach dem letzten Gottesdienst in Herz Jesu, wo es noch eine hörbar fantastische Orgel gibt offenbarte Zweckoptimismus, Trauer, Wut, Enttäuschung und Kritik an der katholischen Amtskirche, die sich vor allem in ihrer römischen Zentrale reformunwillig zeigt.

Dass der evangelische Superintendent Gerald Hillebrand die katholischen Christen in Broich zu einer ökumenischen Mitnutzung der evangelischen Nachbarkirche an der Wilheminenstraße einlud, wo auch die Osterkerze von Herz Jesu ihren neuen Platz finden soll, wurde von den Gottesdienstbesuchern mit Beifall quittiert. Nicht wenige Gemeindemitglieder aus Herz-Jesu tuen sich offenbar schwer, nahtlos in die katholische, aber in Speldorf beheimatete Gemeinde St. Michael zu wachsen.

Dass sich die römisch-katholische Kirche unter dem Eindruck der massenhaften Kirchenaustritte reformiert und ökumenisiert, war die hoffnungsvollste Perspektive, die im Kirchenschiff von Herz Jesu zu hören war.

Kritisch angemerkt wurde, dass die Kirche ihre interne und externe Kommunikation verbessern, ihre Kinder,- Jugend- und Familienarbeit verstärken und ihrer Führung verjüngen muss. Auch Priester, die lebensnäher predigen und sich weniger als Kirchenbeamte, denn als Seelsorger verstehen standen auf der Wunschliste der katholischen Christen aus Broich.


Mülheimer Presse & Katholische Stadtkirche

Dienstag, 28. Februar 2023

Närrische Nachlese

 Seit Aschermittwoch ist also nun alles vorbei. Doch die mehr als 1000 aktiven Karnevalisten der Stadt gehen deshalb nicht in Sack und Asche. Für sie gilt, frei nach Sepp Herberger: "Nach der Session ist vor der Session." Das Beste an der jetzt abgelaufenen Fünften Jahreszeit war die Tatsache, dass sie nach der zweijährigen Corona-Zwangspause überhaupt wieder stattfinden konnte. Die Säle waren kleiner als früher und die Stadthalle, zumindest für die finanziellen Möglichkeiten der zwölf Karnevalsgesellschaften ein zu teures Pflaster.

Folgt man den Zahlen des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, müssen für den Festsaal der Stadthalle aktuell 6500 Euro berappt werden, und dass trotz eines 40-prozentigen Vereinsrabatts auf die reine Raummiete von 1400 Euro.

Nachdem auch die Alte Dreherei am Ringlokschuppen aus heizungstechnischen Gründen als närrische Hochburg ausfiel, sprangen Bürgergarten-Gastronom Jörg Thon und die Autohäuser Audi Wolf und Extra für die Karnevalsgesellschaften in die Bresche.

So konnten dort die Prinzenproklamation, die diesmal eine Proklamation der Kindertollitäten war, weil das große Stadtprinzenpaar schon am 11.11.2021 proklamiert worden war, über die Bühne gehen. Im Festsaal der Stadthalle verblieben allein der renommierte Prinzenball mit der Verleihung der Spitzen Feder an den Comedian und Musiker Dave Davis und die inklusive Karnevalsparty Grenzenlos.

Diese von Stadtwache und VBGS organisierte und vom städtischen Kulturbetrieb organisierte Musik- und Tanzveranstaltung konnte unter anderem mit dem Auftritt der legendären Dürscheider Mehlsäcke glänzen.

Funken und Blau Weiß mussten mit ihren Prunksitzungen in den Bürgergarten an der Aktienstraße ausweichen. Dass bedeutete für die beiden Gesellschaften: Nur 200 statt 350 zahlende Gäste, wie früher im Altenhof der Evangelischen Kirche. Doch die Kirche, die unter anderem mit ihren Karnevalsgottesdiensten auch Teil des närrischen Brauchtums ist, wollte ihr Haus zwischen Altenhof- und Kaiserstraße nicht länger als Narrenhochburg zur Verfügung stellen. Und der Saal des 2022 geschlossenen Handelshofes, der jetzt vor seinem Umbau zur Seniorenresidenz steht, war für die Karnevalisten schon länger Geschichte.

"So geht es für den Karneval nicht weiter!", sagte Stadtprinz Kevin Bongartz mit Blick auf die ungeklärte Saalfrage des organisierten Frohsinns, bei der Schlüsselrückgabe am Veilchendienstag in der Rathausbibliothek. Und Oberbürgermeister, Marc Buchholz, den die Möhnen nach ihrem Rathaussturm am Altweiberdonnerstag als Putz-Clown dazu verdonnert hatten, sich "um den letzten Dreck zu kümmern", will sich jetzt mit Mülheims Chefkarnevalisten Markus Uferkamp und Hans Klingels um praktikable Lösungen der Saal-und-Sponsoren-Frage kümmern. Man darf gespannt sein. Rosenmontagsfahrer Buchholz hatte selbst die rund 30.000 begeisterten Jecken an der vier-Kilometer-langen Zugstrecke durch die Innenstadt gesehen. 

Dass der Rosenmontagszug mit seinen 24 Wagen und 1000 aktiven Teilnehmern Kamelle, Bälle, Gebäck, Schokoriegel und Plüschtiere unters närrische Volk bringen konnte, war dem finanziellen Einsatz der Jecken und ihren Sponsoren Westenergie, RWW, Dekra und Selgros zu verdanken. Auch die Karnevalssponsoren Hagebaumarkt und Autohaus Extra waren mit ihren Zugabsperrungen und mit ihren Prinzenmobilen wieder mit von der närrischen Partie. Nicht von ungefähr wurde der Geschäftsführer des Autohauses Extra, Jörn Backhaus, in dieser Session in den ausgezeichneten Kreis der "Mölmschen Narren" aufgenommen, die sich um die Förderung des karnevalistischen Brauchtums verdient gemacht haben. Mit von der närrischen Partie waren auch am Rosenmontag wieder die Helfer, Ordner, und Großreinemacher des Technischen Hilfswerkes, des Deutschen Roten Kreuze, der Vollmergruppe, des Ordnungsamtes, der MEG und der Polizei.


Mülheimer Karneval & Mülheimer Presse


Mittwoch, 22. Februar 2023

Jugend in der Bütt

 Jung, jeck und bühnenreif: Der 21-jährige Julien Wolter gehört zu den wenigen Büttenrednern im Mülheimer Karneval

Julien Wolter (21) ist eine Ausnahmeerscheinung. Der junge Jeck feiert nicht nur Karneval. Er macht ihn auch, zum Beispiel als Büttenredner. Wie kam es dazu? „Ich bin da hineingeboren worden“, sagt Wolter. Seine Mutter Stefanie war früher Tanzgardisten beim Mülheimer Carnevalsclub MCC und ist heute Trainerin der Tanzgarde.

Wolter bedauert es, dass seine Altersgenossen dem Karneval reserviert gegenüberstehen und meistens auch mit Büttenreden nur wenig anfangen können. „Dabei gehört die Büttenrede unbedingt zum Karneval. „Karneval ist doch mehr als nur Party. Im Karneval kann man den Leuten den Spiegel vorhalten und sagen, was Sache ist, ohne dass einem jemand böse dafür ist“, sagt Wolter.

Seine Bühnen-Vorbilder findet er im seligen Hans Süper vom Colonia-Duett und im Gott sei Dank noch quicklebendigen Blötschkopp, alias Marc Metzger. Er bewundert die humoristische Spitzfindigkeit, die fröhliche Unverfrorenheit und die Spontanität, mit der die Büttenredner-Profis auf Einwürfe aus dem Publikum eingehen und auch Prominente im Publikum auf die Schippe nehmen.

„Wer eine gute Büttenrede halten möchte, muss möglichst aktuell und deshalb politisch interessiert sein“, sagt der ehemalige Jugendstadtrat und angehende Verwaltungsbeamte, der sich politisch in der SPD engagiert. Regelmäßig liest er die Zeitung, informiert sich im Internet und geht mit offenen Augen durch die Welt. Den Stoff, aus dem Büttenreden sind, findet er im ganz normalen Wahnsinn des Lebens.

Spätestens Ende September beginnt er mit der Vorbereitung für seine Büttenreden, die er zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch hält. Seinen satirischen Rohstoff, sammelt er vorzugsweise im elektronischen Notizbuch seines Smartphones. Von da aus findet es seinen Weg in Wolters Notebook und dann aufs Papier. Er ist davon überzeugt, dass die Büttenrede auch bei seinen Altersgenossen eine Renaissance erleben kann, wenn man die politische Bildung, auch jenseits des klassischen Schulunterrichtes, ansprechend und lebensnah gestalten würde. Nur so kann man in Wolters Augen die Grundlage schaffen, die eine pointen- und anspielungsreiche Büttenrede erst möglich und zu einem Genuss macht.

 Besonders gerne schießt der junge Büttenredner gegen die politischen Bauernfänger, die laut, aber oft auch geistlos und gefährlich sind. Von seinen Fernseh- und Youtube-vorbildern Hans Süper und Marc Metzger schaut er sich ab, wie man Themen aufs Korn nimmt, satirisch zuspitzt und sie närrisch auf den Punkt bringt, ohne sich dabei unter die Gürtellinie zu gehen. „Das Schöne ist, dass ich als Hoppeditz und als Büttenredner in eine Rolle schlüpfe, in der ich sagen kann, was ich will und was ich für richtig halte, ohne dass mir nachher jemand böse sein kann“, betont Wolter. Für den jungen Mann aus der Bütt gibt es aber auch Themen, die er sich erspart, weil sie, wie etwa Krieg, Krankheit und Tod, einfach nicht lustig sind.

Inzwischen ist das Nachwuchstalent nicht nur in seiner eigenen Gesellschaft, sondern auch bei der befreundeten KG Mölm Boowenaan in die Bütt gestiegen und mit seinen Pointen und Spitzen bwim Publikum gut angekommen.

Doch er merkt, dass es Wortbeiträge im Saalkarneval schwerer haben als Tanz- und Musikshows. „Ich möchte meinen Zuhörern etwas mitgeben und baue auch gerne den einen oder anderen politischen Appell mit ein. Meine Büttenreden dauern in der Regel 20 bis 30 Minuten. Aber es gibt viele Menschen, denen es schwerfällt, sich auf einen längeren Wortbeitrag zu konzentrieren,“ schildert Wolter seine Erfahrungen. Deshalb redet er in der Bütt auch nicht gereimt, sondern prosaisch und pointenreich, um es seinen Zuhörern und sich leichter zu machen.

Sein erster Lehrmeister in Sachen Büttenrede war der 2021 verstorbene Präsident des Mülheimer Carnevalsclubs und Ex-Stadtprinz Klaus Groth. Bei ihm hat er gelernt, wie man sich auf der Bühne bewegen, positionieren und sprechen muss, um sein Publikum einzufangen. Groth, dem Wolter oft als Page assistiert hat, war Büttenredner, Sitzungspräsident und Mitglied eines Männerballetts.

Von ihm und vom vom 2020 verstorbenen Ex-Stadtprinzen Hermann-Josef Hüßelbeck hat, hat er auch gelernt, das Lampenfieber kein Grund ist, um nicht auf die Bühne zu gehen, sondern dass es verfliegt, sobald man die ersten Lacher auf seiner Seite hat. „Klaus Groth hat mir beigebracht, mir immer einen festen Punkt im Publikum zu suchen und so im Augenkontakt mit dem Publikum zu bleiben, statt nur auf sein Skript zu schauen. Außerdem habe ich bei ihm gelernt, dass ich als Rechtshänder das Mikrofon in der linken Hand halten muss, damit ich mit der rechten Hand meine Rede gestenreich unterstreichen kann“, berichtet Wolter. Um seine Büttenrede gut über die Bühne und an die Frau und den Mann im Publikum zu bringen, trägt Wolter seine Rede erst im Familienkreis vor, ehe er damit ins Rampenlicht des Mülheimer Saalkarnevals tritt.

Auch wenn er sieht, dass sich viele Menschen nach der Corona-Zwangspause und vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage schwer damit tun Karneval zu feiern, ist Wolter davon überzeugt, dass es aller Mühen wert ist, sich für den Karneval zu engagieren, weil er Menschen aus allen Generationen und sozialen Schichten für ein paar Stunden zusammenführen und ihnen hilft, die Schwere ihres Alltags gegen die Leichtigkeit des Seins einzutauschen. Wolter glaubt, dass der Karneval die Lebensfreude und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen fördert. Auch wenn seine Gesellschaft den Spaß an der Freude in Pflegeheimen verbreitet, erlebt Wolter den an den dankbaren Reaktionen des betagten Publikums, das Karneval nicht nur Spaß, sondern auch Seelsorge und Sozialarbeit sein kann. 

Von Julien Wolter notiert und in der Bütt gesagt:

„Den Ernst der Corona-Lage haben allerdings noch nicht alle begriffen. Plötzlich rennen hunderte Menschen mit lustigen Hüten durch Berlin und rufen irgendeinen Unsinn. Nein, leider kein vorgezogener Karneval, sondern Menschen, die offensichtlich zu nah an der Hauswand geschaukelt haben. Unter denen, die sich an die Verordnungen gehalten haben, scheinen sich viele die Lock- Down-Zeit damit zu vertreiben, ihre Wohnungen mit Klopapier zu tapezieren. Naja, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. (…) „Achtung, jetzt wirds Politisch… bla bla bla bla AfD, bla bla bla alle bekloppt bla bla… aber e gab wirklich spannende Dinge! Ja, wir hatten sogar einen Bürgerentscheid. Nein nicht über die Stadthallenmiete, über die VHS. Das ging so aus wie beim Brexit. Viele haben das nicht ernst genommen und nicht abgestimmt. Und jetzt haben wir den Salat. Mülheim ist demnächst die einzige Stadt, die eine Volkshochschule in einem gepflegten Denkmal und Schulen als Ruinen hat, weil das Geld zur Renovierung fehlt. Aber wir sind auch die einzige Stadt, die eine Fraktion im Rat hat, die zwar eine grosse Klappe, die aber kein Mensch gewählt hat, weil es sie bei der Wahl gar nicht gab. Und noch einmal zur Bildung. Bildung ist gerade heute sehr wichtig. Denn sie ist doch die Grundlage dafür, sich eine fundierte Meinung zu bilden und nicht einfach eine zu haben, die dir andere vorgeben. Ich will jetzt nicht zu politisch werden. nur noch eins. Lasst euch nicht von den populistischen Schlickefängern einfangen. Denkt immer daran, vor Gott und im Karneval sind alle Menschen gleich. (…) „In der Mülheimer Politik hat sich auch etwas getan. Auf der einen Seite sollen Gelder für Offene Ganztagsgrundschule und Stadtteilbibliotheken gestrichen, während auf der anderen Seite zwei neue Dezernenten eingestellt werden. Mein Vorschlag hier lieber Herr Oberbürgermeister: Statt die Stadtteilbibliotheken zu schließen, könnten Sie die Büros Ihrer neuen Dezernenten in eben diese verlagern, damit die beiden dann Bücher rausgeben und nebenbei ihre Dezernentenarbeit verrichten können. So haben Sie beide Fliegen mit einer Klappe geschlagen, Geld eingespart und die Kinder dieser Stadt nicht mit miesen Ideen benachteiligt.“


Meine Beiträge in der Mülheimer Presse

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...