Freitag, 23. April 2021

112, bitte kommen!

112. Das ist die Rufnummer für Notfälle, wenn der Rettungsdienst kommen muss, um zu helfen. Gleich zweimal in kurzer Folge hatte ich jetzt so ein Beinahe-112-Gefühl, und das nur, weil ich nicht schnell genug aus der 112 aussteigen konnte. Auf dieser Linie, die zwischen Oberhausen und Mülheim-Hauptfriedhof verkehrt, muss man als Fahrgast schon von der schnellen Truppe sein. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass diese Linie auch öfter in Tarngrün Werbung für die Bundeswehr fährt. Klar. Wer bei der Bundeswehr mitfahren bzw. mithalten will, muss schon von robuster Natur sein. Kann es sein, dass die Ruhrbahn mit dem neuen wehr tüchtigen Werbekunden im Rücken einen Takt schneller fährt und deshalb auch die Schließ- und Öffnungsautomatik ihrer Schiebetüren beschleunigt und auf den Modus Fallschirmjäger eingestellt hat. Wer kein Tempo macht, weil er kein Sprinter ist oder gar mit Rollator, Stock und Co in der flotten Truppen-Tram unterwegs ist, der muss sich zeitig und zackig zum Absprung, pardon Ausstieg, aufstellen. Nicht nur beim Bund, sondern auch bei der Ruhrbahn kommen nur die Harten in den Garten, pardon, heil zu nächsten Haltestelle. Da braucht man schon mal die ganze Kraft seiner Ellbogen, um den zackigen Automatiktüren  der 112 etwas entgegenzusetzen, ohne anschließend gleich den Notruf 112 wählen zu müssen. In diesem Sinne: Hals und Beinbruch bei ihrer nächsten Fahrt mit der 112. 


Dieser Text erschien am 10.04.2021 in der NRZ

Dienstag, 20. April 2021

Auf gut deutsch

Als ich in der Zeitung las, dass Heino im Herbst in seiner Heimatstadt Düsseldorf einen „deutschen Liederabend“ veranstalten will, den der Intendant der dortigen Tonhalle nicht bewerben will,  weil das in seinen Augen einen nationalistischen und deutschtümelnden Beigeschmack hätte, musste ich an ein „Abschiedskonzert“ denken, das Heino schon vor Jahren in der Mülheimer RWE-Halle gegeben hat. Auch damals hat er, wie es seine Art ist, deutsche Volkslieder und deutsche Schlager gesungen, sehr zum Gefallen seines erstaunlich generationsübergreifenden Publikums, das aber auch so gar keinen aggressiv-nationalistischen Eindruck auf mich machte. Jetzt will Heino, der das Singen auch nach diversen Abschiedskonzerten, nicht sein lassen kann, auf seine alten Tage ganz klassisch Lieder von Schubert, Beethoven, Bach und Brahms zum Besten geben. Von allen drei Strophen des Deutschlandliedes, die Heino auch schon gesungen hat, ist nicht die Rede, obwohl auch das ein Teil der deutschen Kulturgeschichte ist, gedichtet anno 1841 von Hoffmann von Fallersleben und gedacht an die Einheit der deutschen Nation, als es diese in staatlicher Form noch gar nicht gab.

Da kann man sehen, was Disziplin heißt. Kein Volk der Erde macht uns das nach!“  sagte Kaiser Wilhelm II., als er 1906 vom angeblichen Hauptmann von Köpenick hörte, der tatsächlich ein Schuster auf Irr- und Abwegen im deutschen Bürokratie-Dschungel  war und sich mittels einer Uniform und des deutschen Untertanen-Geistes der Köpenicker Stadtkasse bemächtigen konnte. 115 Jahre später sind wir auch ohne Kaiser, nicht nur bürokratisch betrachtet, immer noch einmalig. So viel Disziplin in politischer Korrektheit, die sogar unser eigenes Kulturerbe verleugnet, macht uns kein Volk der Erde nach. Wenn Heino mit seinem deutschen Liederabend in Düsseldorf nicht beworben werden darf, sollten wir ihn vielleicht nach Mülheim einladen, sobald es der Corona-Virus erlaubt.

Dienstag, 6. April 2021

Nur nicht unter die Räder kommen

In diesen Zeiten muss man manchmal Angst haben, unter die Räder zu kommen, und das nicht nur, weil das Corona-Virus unterwegs ist. Dieses Gefühl, unter die Räder zu kommen. hatte ich jetzt gleich in kürzesten Abständen, als ein Fahrradkurier, der schneller durch den Übergang zwischen Forum und Hauptbahnhof an meiner Nasenspitze vorbeifuhr, als es die Polizei erlaubt. Die war allerdings gerade, wir ahnen es, nicht zur rechten Zeit am rechten Ort, um den Rad-Rowdy zu stoppen. Überhaupt habe ich in den letzten Jahren das Gefühl, dass ich in unserer Innenstadt nur noch motorisierte Polizeistreifen sehe, die anders, als ihre Vorgänger, nicht mehr zu Fuß, sondern nur noch auf vier Rädern in ihren Streifenwagen nach dem rechten schauen. Leider nicht anwesend waren die Kollegen von der Polizei auch, als sich zur bereits dunklen Abendstunde unvorsichtigerweise mit einem Hakenprosche nach meinem Tageseinkauf aus einem Supermarkt an der Zentralen Haltestelle in der Friedrich-Ebert-Straße hervor trat. Hier hatte ich das ungute Gefühl im Mittelpunkt und damit allen, die mich sehr rasant mit ihre schnell fahrenden, aber leider nur sehr schwach beleuchteten E-Rollern, umkreisten. Dabei überkam mich der spontane Eindruck, dass nicht nur die an der zentralen Haltestelle zwischen Passanten, wartenden Fahrgästen und späten Einkäufern herum sausenden Elektrolleroller schwach beleuchtet waren. Gott sei Dank war auch diesmal mein Schutzengel an meiner Seite und verhinderte, dass ich unter die Räder der abendlichen Renn-Roller kam. Gute Schutzengel brauchen aber auch die Verkehrsteilnehmer, die sich auf zwei und vier Rädern am Kahlenberg auf der dort ohnehin sehr engen Mendener Straße begegnen. Hier war man offensichtlich nicht gut beraten, als man es mit dem reinen Aufstellen von rot weißen Warnbaken Rad,-Auto und Busfahren gemeinsam recht machen wollte und so eine für alle Verkehrsteilnehmer abenteuerliche, um nicht zu sagen: lebensgefährliche Begegnung zwischen Kahlenberg und Leinpfad zu schaffen, die auf den ersten Blick zeigt, dass gut gemeint nicht unbedingt auch gut gemacht ist und so einen neuen Hotspot für Schutzengel und Stoßgebete an den Schutzpatron aller Verkehrsteilnehmer, den heiligen Christophorus, schafft: "Hilf, dass ich nicht unter die Räder komme und jene gut beraten sind, die über unsere Rad,- Geh und Fahrbahnen wachen, dass ihnen ein Licht aufgehen möge, dass so manche hohle Gasse, durch die Er, Sie und Es kommen müssen, zur Sackgasse oder zum Holzweg wird, wenn der verkehrspolitische Wille und die verkehrspolitische Phantasie im Rathaus breiter ist, als der in der Realität zur Verfügung stehende und naturgemäß endliche Verkehrsraum auf Fahrbahnen und Gehwegen! 


aus der NRZ vom 06.04.2021

Sonntag, 4. April 2021

Mobiles Mülheim

 Über Jahrhunderte waren die Menschen auch in Mülheim zu Fuß oder mit Pferd und Wagen unterwegs. Hinzu kam die schiffbare Ruhr, die auf14 Kilometern, die Stadt durchfließt. Bis zum Eisenbahnanschluss im Jahr 1862 war die Ruhr ein von Transportschiffen stark befahrener Fluss. Doch um 1880 kam die industrielle Ruhrschifffahrt zum Erliegen. Es sollte bis 1927 dauern, ehe mit dem Wasserbahnhof und der Weißen Flotte ein neues; touristisches Kapitel, der Ruhrschifffahrt aufgeschlagen werden konnte. Der Bau der ersten Mülheimer Ruhrschleuse hatte die Ruhrschifffahrt beschleunigt. Die heutige Ruhrschleuse auf der Schleuseninsel wurde 1845 fertiggestellt. Bereits 1844 war mit der Kettenbrücke der erste Brückenschlag über die Mülheimer Ruhr gelungen, die bis dahin ausschließlich mit der schollschen Fähre hatte überquert werden konnte.

Unvorstellbar. In der ersten Saison 1927/28 beförderten die Schiffe der Weißen Flotte fast 500.000 Fahrgäste. Die Mobilität auf Schienen hatten die Mülheimer 1838 mit der Einrichtung der Sellerbecker Pferdebahn entdeckt, die die in den Zechen des Mülheimer Nordens geförderte Kohle zur Ruhr brachte und sie dort auf Schiffen weiter transportierte.

Ein ganz neues Kapitel der Mobilität wurde am 8. Juli 1897 mit der ersten Fahrt der elektrischen Straßenbahn. Die erste Straßenbahnen fuhren nach einer knapp zweijährigen Planungsphase, die mit einem Stadtverordnetenbeschluss vom 13. August 1895 begonnen hatte, vom Rathaus bis zur Styrumer Stadtgrenze nach Oberhausen und in Richtung Heißen bis zur Körner Straße. Nach dem Ersten Weltkrieg erreichte das Streckennetz der Mülheimer Straßenbahn sein heutiges Gleisnetz von knapp 45 Kilometern.

Die ersten Straßenbahnen fuhren zunächst im 15-Minuten-Takt und dann im 7,5-Minuten-Takt. Die einfache Fahrt kostete 5 Pfennige. Das Streckennetz wurde rasch ausgebaut. Bald konnten die Mülheimer von der Stadtmitte auch zum Kahlenberg oder (ab 1916) auch nach Essen oder (ab 1911) über die erste Schloßbrücke nach Broich, Speldorf, Saarn und Duisburg fahren können. Die Straßenbahnlinie nach Saarn wurde allerdings 1968 zugunsten von Buslinien eingestellt. Der erste Betriebshof der Mülheimer Straßenbahnen befand sich an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße, die damals noch Notweg und später Hindenburgstraße hieß. Nach der Schließung des Eisenbahnausbesserungswerkes Speldorf (1959) wurde der Betriebshof nach Broich an die Duisburger Straße verlegt.

Die Popularität, die die Elektrische Straßenbahn als öffentliches Verkehrsmittel gewann, lässt sich unter anderem daran ablesen, dass der Fuhrpark der Mülheimer Straßenbahn von 1897 bis 1914 von 13 Triebwagen und 6 Beiwagen auf 68 Triebwagen und 33 Beiwagen anstieg. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen noch einmal 18 Triebwagen und 20 Beiwagen hinzu.

Während des Ersten Weltkriegs, als viele Männer an die Front mussten, wurden erstmals auch Frauen als Straßenbahnfahrerinnen und als Straßenbahnschaffnerinnen eingestellt. Die Straßenbahnen wurden während des Krieges auch für Kohle- Material- und Lazarett-Transporte eingesetzt. In den 1920er Jahren gründeten die Straßenbahner einen Verein, in dem sie gemeinsam musizierten, Sangen und Sport betrieben. Damals dauerte die Schicht eines Straßenbahnfahrers 9 Stunden und sein Wochenlohn lag bei 22,50 Reichsmark. Während des großen Luftangriffs auf Mülheim in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 wurden insgesamt 20 Straßenbahnwagen zerstört. 

In dem Maße, in dem Mülheim im Frühjahr 1945 durch Artillerie-Beschuss zum Front-Gebiet wurde, musste der Straßenbahnverkehr eingestellt erden. Doch schon wenige Tage nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 11. April 1945 waren wieder 33 Straßenbahnwagen auf Mülheims Straßen unterwegs. Da die wenigsten Mülheimer damals motorisiert waren, stieg die Zahl der Fahrgäste bis 1951 auf einen Rekordwert von jährlich 45 Millionen an, um danach auf jährlich rund 30 Millionen zurückzugehen. Um möglichst viele Fahrgäste befördern zu können wurden ab 1953 zunehmen Großraum- und Gelenkwagen eingesetzt. Im Laufe der 1950er Jahre schafften die städtischen Verkehrsbetriebe insgesamt 34 Großrau- und Gelenkwagen an. 

Allerdings gingen die Fahrgastzahlen in dem Maße zurück, in dem mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder der 1950er Jahre eine Motorisierungswelle begann, die Mülheim zu einer der deutschen Städte mit der höchsten Autodichte werden ließ.

Das führte dazu, dass man aus Rationalisierungsgründen das Streckennetz der Straßenbahn nicht mehr erweiterte und bis 1968 alle Schaffner abschaffte. Gleichzeitig wurden stadtweite 53 Omnibusse auf die Straße geschickt, die 13 Linien befuhren. Im 75. Jahr ihres Bestehens, waren 36 Triebwagen und 23 Beinwagen der städtischen Verkehrsbetriebe auf Mülheims Schienen unterwegs. Ab 1977 wurde da Mülheimer Schienennetz noch einmal durch die zwischen Essen und Mülheim verkehrende Stadtbahnlinie U18 erweitert. Damals lebten 193.000 Menschen in Mülheim und man ging von einem weiteren Anstieg auf mehr als 200.000 Einwohner aus. Mitte der 1980er Jahre wurde unter dem neugeschaffenen Kurt-Schumacher-Platz ein zentraler Busbahnhof eingerichtet. Gleichzeitig wurde das U- und Stadtbahnnetz für die Linie 102 (bis Oberdümpten) nach Norden erweitert. Seit der Eröffnung des Ruhrtunnels im September 1998 fahren die Straßenbahnlinien 910 und 102 zum Teil unter der Ruhr, um ihre Fahrgäste von Mülheim nach Duisburg oder vom Uhlenhorst bis Oberdümpten zu bringen. 


Samstag, 3. April 2021

Im Zeichen des Regenbogens

 Selbeck. Seit dem 27. März weht an der Kirche der hl. Theresia von Avila die Regenbogenfahne. Die Farben des Regenbogens symbolisieren seit alttestamentarischen Zeiten den nachsintflutlichen Frieden zwischen Gott und den Menschen. Heute stehen seine Farben auch für den irdischen Frieden zwischen den Nationen und Menschen. Sie sind ein Bekenntnis zur gleichberechtigten Vielfalt der Gesellschaft. Deshalb haben auch Friedensbewegte, Verteidiger der Menschenrechte sowie die Bewegung der schwul und lesbisch lebenden Menschen die Regenbogenfahne als ihr Symbol erkoren.

Die zwölf Mitglieder des Sachausschusses von St. Theresia von Avila verstehen vorösterlichen Fahnenschmuck an der Karl-Forst-Straße als kirchen-politische Kritik an Papst Franziskus, der die kirchliche Segnung homosexueller Lebensgemeinschaften ablehnt. Die katholischen Christen von der Gemeindebasis der Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt stehen mit ihrer Papst-Kritik in diesem Punkt nicht allein. Die katholischen Pfarrer Michael Janßen und Christian Böckmann hatten in dieser Zeitung bereits am 24. März Ihr Unverständnis angesichts der jüngsten Entscheidung des Vatikans geäußert und betont, weiter an der kirchlichen Segnungspraxis, inklusive gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften festhalten zu wollen. Böckmann nannte den Ton des Papst-Papieres „eiskalt“ und begrüßte die gleichfalls kritische Stellungnahme des Ruhrbischofs Franz-Josef Overbeck. Konservative Katholiken aus Deutschland, so vermutete Böckmann im Gespräch mit dieser Zeitung, hätten die päpstliche Ablehnung der kirchlichen Segnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften in Rom „bestellt.“

„Wir wollen mit diesem Symbol der Versöhnung  zeigen, dass alle Frauen und Männer, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung bei uns willkommen sind“, betont der Selbecker Katholik und Mitinitiator Christoph Rumbaum. Er findet: „Eine Kirche, die sich die Nächstenliebe auf ihre Fahnen geschrieben hat, tut gut daran, Lebenspartner zu segnen, die sich lieben und Verantwortung füreinander übernehmen wollen.“

Auch seine Mitstreiterin aus dem Sachausschuss St. Theresia von Avila, Heike Bordin-Knappmann, versteht die Regenbogenfahne an der 1892 vom damaligen Kölner Erzbischof Philipp Kardinal Krementz eingeweihten Kirche, die, laut Pfarreientwicklungskonzept, keine Kirchensteuermittel mehr erhält als „ein klares Statement der Hoffnung in unserer Kirche, an deren Basis christliche Werte wie Nächstenliebe, Hilfe, ehrenamtliches Engagement und Gemeinschaft vorurteilsfrei und fortschrittlich gelebt werden.“ Gerade erst hat Bordin-Knappmann zusammen mit Michaela Kaminski und Imke Seipelt an der Selbecker Theresien Kirche einen interaktiven und alle Sinne ansprechenden Kreuzweg erstellt. Die dreifache Mutter, die sich aufgrund ihrer eigenen positiven Erfahrungen weiterhin in ihrer Kirche engagiert und beheimatet fühlt, fürchtet, dass konservativer Dogmatismus, wie er in der päpstlichen Ablehnung der Segnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften zum Ausdruck kommt, nicht nur homosexuelle Katholiken, die sich bisher noch in ihrer Kirche engagierten, aus dieser hinaustreiben könnte.

Als katholische Christin der Generation Maria 2.0 lässt Heike Bordin-Knappmann keinen Zweifel daran, dass ihre Kirche die Frauen langfristig nur dann in ihren Reihen halten kann, „wenn sie das Pflichtzölibat für Priester abschafft und Frauen einen gleichberechtigten Zugang zum Priesteramt verschafft.“ 

Hintergrund:

Die Ablehnung, homosexuelle Lebenspartnerschaften zu segnen, wird durch die päpstliche Glaubenskongregation als „Antwort auf einen Zweifel“ unter anderem damit begründet, dass es der Kirche nicht erlaubt sei, „"nicht erlaubt, Beziehungen oder selbst stabilen Partnerschaften einen Segen zu erteilen, die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe (das heißt außerhalb einer unauflöslichen Verbindung eines Mannes und einer Frau) einschließen". Gleichzeitig würdigen die amtskirchlichen Glaubenshüter des Vatikans den aufrichtigen Willen" mancher Projekte, "homosexuelle Personen anzunehmen, sie zu begleiten und ihnen Wege des Glaubenswachstums anzubieten". Sie sprechen sogar von positiven Elementen in homosexuellen Lebenspartnerschaften, die für sich zu schätzen und hervorzuheben seien, aber, für sich gesehen, keine kirchlichen Segnungen rechtfertigten. Diakon Hans-Georg Keller aus der Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt zeigt Verständnis für die jüngste päpstliche Entscheidung: Er sieht in ihr keine Ablehnung homosexueller Menschen, sondern den Hinweis des Papstes, dass der sexuelle Charakter einer Beziehung etwas sehr Privates und Intimes sei, dass sich der kirchlichen Segnung entziehe und deshalb kein öffentlicher Gegenstand sein könne. Im Rahmen eines Dokumentarfilms hatte Papst Franziskus im Oktober 2020 mit Blick auf homosexuelle Menschen gesagt: "Wer bin ich, sie zu urteilen. Homosexuelle haben das Recht, in einer Familie zu leben. "Was wir benötigen, ist ein Gesetz, das eine zivile Partnerschaft ermöglicht.“


aus der NRZ vom 31.03.2021

Samstag, 27. März 2021

Ein Meister aus Mülheim

 Am 22. März wäre er 101 Jahre alt geworden. Doch kurz vor seinem Geburtstag ist der Mülheimer Oboist und Dirigent Helmut Winschermann in Bonn gestorben. Die Frankfurter Allgemeine nennt ihn in ihrem Nachruf den "Prägenden Oboisten Deutschlands".

Winschermann wurde für seine musikalische Arbeit unter anderem mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Er selbst hat 1990 in einem Interview über seinen musikalischen Stil gesagt: „Man hat mich in den 50er Jahren als Sänger auf der Oboe apostrophiert. Ich bin damals ein sehr mutiger Bläser gewesen und habe auf der Oboe ein Espressivo versucht, was es bis dahin eigentlich noch nicht gegeben hatte. Mit den Anforderungen im modernen Orchester hat sich allerdings nun auch das Klangideal wieder verändert. Man spielt heute mit einem runderen, dunkleren und volleren Oboenton.“

Schwerer Anfang

Winschermanns Wiege stand in Styrum. Sein musikalisches Erweckungserlebnis hatte der Sohn eines Polizeibeamten im Chor der Evangelischen Altstadtgemeinde. Dort entdeckte er auch die Geige. Pastor Ernst Barnstein, der wie Winschermann Vater zur regimekritischen Bekennenden Kirche gehörte, wusste schon damals: "Mensch, Junge! Du musst was mit Musik machen." Auch der Mülheimer Musiklehrer Hermann Meissner, der später unter der Leitung von Orlando Zucca an der Jugendmusikschule unterrichten sollte, förderte Winschermanns Begabung. Doch sein Vater wollte, dass der Sohn eine kaufmännische Berufsausbildung absolvieren sollte, denn das Musikstudium kostete damals 50 Mark pro Monat. . Aber der Sohn wollte Geiger werden und bewarb sich, ohne das Wissen seiner Eltern, an der Essener Folkwangschule. Dort erkannte man sein musikalisches Talent, ließ ihn aber wissen: "Geiger haben wir hier schon genug. Aber in unserer Oboenklassen haben wir noch einen Platz frei." So studierte Winschermann ab 1936 Oboe statt Geige. Johann Baptist Schlee wurde sein Lehrer und Winschermann sein Meisterschüler. 

Musiker in Zeiten des Krieges

Noch vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges sammelte Helmut Winschermann in Essen, Witten und Oberhausen erste Erfahrungen als Orchestermusiker. Mit dem Krieg begann seine Zeit als Soldat und Militärmusiker der Wehrmacht, die ihn nach Frankreich führte. Eine Verwundung und ein anschließender Lazarett-Aufenthalt wurden für den Musiker aus Styrum, zum Glück im Unglück. Ab 1943 konnte er als Oboist im Kurchorchester Bad Homburg und in einem Militärmusikkorps in Minden sein Instrument spielen. Ein Fronteinsatz blieb ihm erspart und er überlebte Krieg und Diktatur. 

Prägender Oboist

1945 holte ihn der neue Hessische Rundfunk ins sein Orchester, dem er bis 1951 angehören sollte 1948 berief ihn Kurt Thomas als Oboen-Lehrer an die Kunstmusikhochschule in Detmold, wo er 1956 eine Oboen-Professur übernahm. Dort studierte die heute als Oboistin in der Duisburger Philharmonie spielende Mülheimerin Imke Alers in seinen letzten drei Hochschuljahren (bis 1985) bei Helmut Winschermann: "Er war ein sehr fordernder, aber auch verständnisvoller Lehrer,  der sich nicht nur für das musikalische Können, sondern auch für das Leben seiner Studenten interessierte", erinnert sich Alers.

Lehrer mit Herz und Anspruch

Sein Hochschullehramt war ihm so wichtig, dass er ein Angebot Wilhelm Furtwänglers ablehnte, als Oboist zu den Berliner Philharmonikern zu wechseln. Stattdessen gründete und dirigierte Winschermann ab 1960 mit den Deutschen Bach-Solisten ein eigenes Kammerorchester, mit dem er weltweit beachtete Konzerte  gab und Bach-Kompositionen für etwa 100 Schallplatten und und CDs einspielte. Schon 1954 hatte der Oboen-Professor aus Mülheim in Detmold das  Collegium Pro Arte (später Collegium Instrumentale) in Leben gerufen. Außerdem gastierte er immer wieder in verschiedenen Orchestern, wie den Kammerorchestern des Saarlandes und der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart sowie in der 1954 vom Westdeutschen Cappella Coloniensis.

Während einer seiner zahlreichen Konzertreisen durch Japan lernte er dann auch seine zweite Frau Midori kennen. die als Pianistin seine Leidenschaft für die Musik teilte.


aus der Mülheimer Woche vom 26.03.2021

Sonntag, 21. März 2021

Denk ich an August Thyssen

 Vor 150 Jahren gründete August Thyssen (1842-1926) in Styrum sein erstes Stahlwerk. Welche Bedeutung hat das, nicht nur für Mülheim? Das erklärt der Wirtschaftshistoriker und Thyssen-Kenner Professor Dr. Horst A. Wessel, der bis zu seiner Pensionierung das Mülheimer Mannesmann-Archiv geleitet hat. Zusammen mit der Mülheimer Historikerin Dr. Barbara Kaufhold hat er die wissenschaftlichen Vorarbeiten für das Gründer- und Unternehmermuseum im Haus der Wirtschaft geleistet. Außerdem trat er zwischen 2010 und 2017 als Herausgeber der Buchreihe "Pioniere der Mülheimer Wirtschaft" hervor.

Warum gründete der aus Eschweiler stammende August Thyssen sein erstes Stahlwerk in Styrum?
Wessel: Er war seit 1867 Teilhaber des Duisburger Eisenwerkes Thyssen Fossoul und Co, wollte aber als Unternehmer selbstständig werden. Deshalb hat er seine Duisburger Unternehmensanteile mit fünffachem Gewinn verkauft und sich in Styrum umgeschaut. Hier gab es damals noch mehr freie Grundstücke und Arbeitskräfte als in Duisburg. Ursprünglich wollte Thyssen das Grundstück des Styrumer Marktplatzes für sein Werk kaufen, wurde mit dessen Eigentümer aber nicht handelseinig und schaute sich deshalb nach einem anderen Grundstück um. Schließlich wurde er mit der Familie Becker handelseinig, die unmittelbar an der Styrumer Bahnstrecke auf dem alten Heckhof eine Gerberei betrieb. Dort hat Thyssen dann sein erstes Stahl- und Walzwerk errichtet, in dem er ab 1878 auch Röhren produzieren ließ. Thyssen verstand es als in der Stahl- und Kohle-Industrie aktiver Unternehmer sein eigener Nachfrager zu werden und seine eignen Produkte immer wieder selbst weiterzuverarbeiten. Das machte ihn wirtschaftlich unabhängig.

Woher hatte Thyssen das Geld für seine Werksgründung?
Wessel: Das Geld kam aus einem väterlichen Kredit, Thyssens Vater Friedrich (1804-1877) war Bankier. Aber er selbst konnte durch den Verkaufserlös seiner Duisburger Unternehmensanteile auch eigenes Kapital einbringen. Insgesamt ging er mit einem Startkapital von 80.000 Talern ans Werk. Das entspricht nach heutiger Kaufkraft etwas mehr als 500.000 Euro. Später konnte Thyssen auch auf Kredite des Erzbistums Köln und einiger Klöster zurückgreifen.

Wie hat Thyssens Werk die Stadt verändert?
Wessel: Sein Styrumer  Werk wurde zum Kern seines Konzerns, auch wenn seine Zechen in Duisburg lagen. Thyssen hat in Mülheim nicht nur eine moderne Gas,- sondern auch eine moderne Wasserversorgung ermöglicht. Als Thyssen 1871 nach Styrum kam war es ein zersiedelter Ort mit acht großen Höfen. Sein Werk hat für eine enorme Zuwanderung nach Styrum gesorgt. Viele der zugewanderten Arbeitskräfte waren, wie Thyssen selbst, katholisch. Sie sorgten dafür, dass es in Styrum, anders, als in den anderen Stadtteilen Mülheims eine katholische Bevölkerungsmehrheit gab. Styrum, dessen Bevölkerung sich innerhalb von 50 Jahren verzehnfachte, war zwischen 1878 und 1903 eine eigenständige Landbürgermeisterei. Thyssen hat in Styrum den Bau der Marienkirche wesentlich mitfinanziert. Er war Mitglied im Styrumer Gemeinderat und im Mülheimer Stadtrat. Das Franziskushaus und das alte Stadtbad an der Ruhr gingen auf seine Stiftung zurück. Deshalb wurde er 1912 auch Ehrenbürger Mülheims. Man darf aber nicht vergessen, dass sein jüngerer Bruder Josef (1844-1915) als Teilhaber ein Viertel des Firmenkapitals hielt und das Unternehmen nach dem Tod des Vaters 1877 zusammen mit seinem Bruder August leitete. Obwohl die Thyssens katholisch waren, unterstützten sie auch die diakonische Arbeit der evangelischen Kirchengemeinden.

August Thyssen war ein erfolgreicher Unternehmer. War er auch ein glücklicher Mensch?
Wessel: Als Mensch ist August Thyssen nicht glücklich geworden. Seine 1872 geschlossene Ehe mit der Mülheimer Fabrikantentochter Hedwig Pelzer-Troost (1854-1940) wurde geschieden, nachdem sie sich bei regelmäßigen Kuraufenthalten im Taunus mit dem hessischen Freiherrn Georg von Rotsmann (1836-1891) eingelassen hatte. Auch an seinen Kindern hatte August Thyssen nicht viel Freude. Es kam später auch zu gerichtlichen Erbstreitigkeiten. Man muss sehen, dass August Thyssen ein sehr vielbeschäftigter und umtriebiger Unternehmer war, der wenig Zeit für seine Familie hatte.

Warum hat August Thyssen seinen Konzern, der damals 65.000 Mitarbeiter beschäftigte, in seinem letzten Lebensjahr 1926 in die Vereinigten Stahlwerke eingebracht?
Wessel: Eigentlich wollte August Thyssen seinen ältesten Sohn Fritz (1873-1951) zu seinem Nachfolger machen. Er hat ihn auch entsprechend streng erzogen, musste dann aber einsehen, dass dessen Möglichkeiten nicht ausreichten, den Konzern eigenständig weiterzuführen und damit im internationalen Wettbewerb der großen Trusts zu bestehen. Dabei hat sich Fritz Thyssen im Bergbau verständig gezeigt und dort neue Techniken eingeführt. Hinzu kam, dass August Thyssen und sein Sohn Fritz in Folge der November-Revolution 1918 vom Mülheimer Arbeiter- und Soldatenrat verhaftet und erst nach einer Intervention des damaligen Oberbürgermeisters Paul Lembke wieder freigelassen worden waren. Damals sah er, wie schwach man als einzelner Unternehmer in politisch und wirtschaftlich wirren Zeiten war. Deshalb befürwortete er, nach dem Vorbild der IG Farben in der Chemischen Industrie die Bildung der Vereinigten Stahlwerke.

aus der Mülheimer Woche vom 20.03.2021

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...