Montag, 8. November 2021

In Memoriam

Norbert Greger leitete vom Ende der 1960er bis zum Ende der 1980er Jahre die Heinrich Thöne Volkshochschule. Er war ein Wegbereiter der 1989 begründeten deutsch-polnischen Städtepartnerschaft zwischen Mülheim und Oppeln, Jetzt ist der Politikwissenschaftler Und Sozialdemokrat im Alter von 92 Jahren gestorben.

Nach der politischen Wende in Polen ging Greger von Mülheim nach Warschau, um dort Ein Institut zu leiten, das im postkommunistischen Polen eine freie und demokratische Erwachsenenbildung aufgebaut hat. Dafür wurde Greger mit dem Weißen Adler, dem höchsten Orden der Republik Polen ausgezeichnet.


Wie der zwei Jahre ältere Literaturnobelpreisträger Günter Grass stammte Greger aus der Kaschubei. Schon früh engagierte sich für Versöhnung zwischen Deutschen und Polen.


Bevor Greger Ende der 1960er Jahre als Leiter der Volkshochschule nach Mühlheim kam, drehte er für den Westdeutschen Rundfunk Dokumentarfilme über das damals noch kommunistische Polen. „Norbert Greger war ein literaturbegeisterter, humorvoller, geselliger, zugewandter und diskussionsfreudiger Mensch“, erinnert sich der langjährige VHS-Fachbereichsleiter für Arbeit und Kultur, Peter-Michael Schüttler, an seinen ehemaligen Chef. Er machte die 1979 an der Bergstraße eröffnete VHS zu einem Haus der Bildung, der Begegnung, aber auch des kulturellen und sozialen Engagements.


Der internationale Bürgertreff, Kabarett und Kino in der VHS, politische Diskussionsveranstaltungen, der Tag der Menschenrechte, der internationale Frauentag in der VHS und der Aufbau eines zweiten Bildungsweges, der auch Alphabetisierung und den nachgeholten Hauptschulabschluss mit einbezogen, machten die Heinrich-Thöne-Volks-Hochschule in den 1980er Jahren zu einem bundesweit beachteten Modell für zeitgemäße Breiten- und Erwachsenenbildung.


„Die aktuelle Entwicklung der VHS hat ihm sehr wehgetan“, sagt Schüttler, der bis zuletzt mit Greger in Kontakt stand und ihn auch in Polen besucht hatte. 


NRZ/WAZ, 02.11.2021

Sonntag, 7. November 2021

Vorsicht, Zeitdiebe!

 Gerade haben wir Allerheiligen hinter uns. Da höre ich im Bus eine Frau zu ihrer Freundin sagen: „Wir haben nächste Woche unsere vorgezogene Weihnachtsfeier. Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Doch das folgende Gespräch bestätigte das Gehörte. Ich war also keiner Sinnestäuschung erlegen.

Eine Weihnachtsfeier Anfang November. Da bleiben einem die vorgezogene Martinsgans und die verfrühten Dominosteine aus dem Supermarkt im Halse stecken.


Je weniger Menschen etwas mit der frohen Botschaft von Weihnachten anfangen können, desto früher wird allerorten weihnachtlich dekoriert und ausgeleuchtet. Die Zeitdiebe, lies nach bei Michael Ende, sind keine Fiktion. Sie sind ganz realexistierend als blendende und geschäftstüchtige Scheinheilige unter uns, um uns unsere Zeit und unser Geld zu nehmen.

Auch wenn ihre Fraktion immer zahlreicher und lauter wird, sollten wir uns, von ihnen weder zur Sommer- noch zur Winterzeit oder zur Fünften Jahreszeit zum Narren halten lassen.

In der Ruhe liegt die Kraft und mit ihr die Klugheit, zu wissen, dass alles seine Zeit hat und seine Zeit braucht, wenn wir unser Leben nicht nur verleben, sondern erleben und so oft es geht auch genießen können.


NRZ, 04.11.2021

Freitag, 5. November 2021

Wer wird noch Wirt?

 Viele Mülheimer gehen gerne gut essen. Doch wenige wollen selbst in der Gastronomie arbeiten. Die mit den Corona-Lockdowns verbundenen gastronomischen Zwangspausen haben den Personalmangel verschärft, weil viele Restaurantfachleute und Köche in andere, vermeintlich sicherere Branchen abgewandert sind.

Das ist die Lage, die Gastronomen, der Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA und die Agentur für Arbeit beschreiben. Martin Hesse vom Hotel-Restaurant Handelshof an der Friedrichstraße und Gabriele Sowa, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit, sehen vor allem die flexiblen Arbeitszeiten in der Gastronomie als größtes Abschreckungsmoment, wenn es um die Frage geht: „Soll ich in die Gastronomie gehen?“ Sowa: „Klar ist. In der Gastronomie muss ich dann arbeiten, wenn andere feiern und es sich gut gehen lassen!“


Der Geschäftsführer des Hotel- und Gaststätten-Gewerbeverbandes, Thomas Kolaric, räumt ein, „dass die Gastronomen experimentieren und attraktive Pakete für ihr Personal schnüren müssen.“ Er weist darauf hin, dass viele Gastronomen jetzt mit einer Vier- oder Fünf-Tage-Woche arbeiten, um ihr vorhandenes Personal zu entlasten und das fehlende Personal zu kompensieren. „Leider hat uns Corona das Argument eines absolut sicheren Arbeitsplatzes im Gastgewerbe geraubt. Aber es gilt nach wie vor. Im Gastgewerbe wird man als engagierte und flexible Fachkraft so schnell nicht arbeitslos, weil es viele Arbeitsbereiche im In- und Ausland gibt“, sagt der Dehoga-Geschäftsführer. Viel wäre aus seiner Sicht schon gewonnen, wenn die Politik die Gastronomen von bürokratischen Dokumentationspflichten entlasten und ihnen nicht nur auf Lebensmittel, sondern auch auf Getränke den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 statt 19 Prozent einräumen würde.


„Man muss sein Personal gut behandeln und wir leben auch von unserem familiären Teamgeist. Nur so kann man Mitarbeiter halten“, sagt Claudia Thiesmann vom gleichnamigen Hotel- und Restaurant  an der Dimbeck.


Das sehen ihre Kollegen Jörg Thon (Bürgergarten und Ratskeller) und Falk Sassenhof vom gleichnamigen Landhaus in Speldorf auch so. Thon räumt ein, dass er trotz einer über-tariflichen Bezahlung zurzeit stärker als bisher auf Aushilfen zurückgreifen muss, weil er Mitarbeitende zum Beispiel an den Einzelhandel, an Kantinen und an die Pflege verloren hat. „Ich habe acht Fachkräfte während der Corona-Lockdowns verloren, von denen immerhin drei wieder zurückgekommen sind“, berichtet Thon. Auch Aushilfen, Schüler, Studenten, Mütter und Hausfrauen, wollten meistens nur zeitlich befristet, aber nicht hauptberuflich in der Gastronomie arbeiten.


Sassenhof und Thon weisen auf die begrenzten finanziellen Ressourcen der Gastronomen hin, „weil am Ende des Tages der Gast die Löhne in der Gastronomie bezahlt und wir kein Schnitzel für 30 Euro und kein Bier für sechs Euro verkaufen können.“


Beide Gastronomen sind sich aber mit ihrem Kollegen Tobias Volkmann (Mintarder Wasserbahnhof und Frankys an der Ruhrpromenade) einig: „Gastronomie macht Spaß, wenn man ein Gastro-Gen hat, kommunikativ ist und gerne mit und für Menschen arbeitet.“ Volkmann tut sich aktuell schwer, einen Koch zu finden. „Im Service-Bereich kann man experimentieren, aber in der Küche nicht“, weiß Volkmann, der schon mal darüber nachgedacht hat, Fachkräfte aus Asien einzustellen. Vor allem große Catering-Aufträge, die parallel zum laufenden Restaurant-Betrieb abgearbeitet werden müssen, sind, ohne qualifiziertes und gut eingearbeitetes Küchenteam nicht zu stemmen. „Ich treffe mich im November mit freien Köchen. Aber wenn man sich solche Fachkräfte einkauft, um Auftragsspitzen abzuarbeiten, werden schnell Stundenlöhne von bis zu 50 Euro fällig“, berichtet Volkmann. Früher konnte er über die Lokalpresse Gastronomie-Interessierte zu Vorstellungs- und Kennen-Lern-Tagen einladen. „Früher kamen schon mal 10 oder 20 Leute, wenn wir unsere Anzeigen mit einem flotten Spruch gut formuliert hatten. Aber auf unsere letzte Stellenanzeige haben wir gar keine Resonanz erhalten“, schildert Volkmann die Anzeichen des Personalmangels in der Gastronomie.


Für Falk Sassenhof geht es im Kern darum, „dass wir als Gastronomen ein besseres Image brauchen und in der Gastronomie arbeitende Menschen gesellschaftlich geschätzt werden, wenn wir nicht in Zukunft nur noch Systemgastronomie mit Fertigprodukten haben wollen“, betont der Speldorfer Gastronom und Hotelier.



INFO: Zurzeit sind bei der Mülheimer Agentur für Arbeit 31 Köche und 22 Gastronomieservicefachkräfte als arbeitssuchend registriert. Gleichzeitig wird für die Monate Dezember 2019 bis Dezember 2020 ein Rückgang der im Hotel- und Gastronomiebereich berufstätigen Mülheimer von 1582 auf 1034 ausgewiesen. Schaut man in die Tarifentgelte, so schwanken die Brutto-Monatsgehälter in der Gastronomie, je nach Qualifikation, Berufserfahrung und Verantwortung zwischen 1656 Euro und 3476 Euro. Demnach startet eine über drei Jahre ausgebildete Restaurantfachkraft mit einem Brutto-Monatslohn zwischen 2019 Euro und 2107 Euro.


NRZ/WAZ, 29.10.2021

Donnerstag, 4. November 2021

Kleine Opernstars

 Am Samstag, Sonntag und Montag, also am 6., 7. und 8. November, machen 28 Kinder aus der Generation U14 die Petrikirche zum Opernhaus. Jeweils um 17 Uhr sowie am Samstag, 6. November, auch um 19.30 Uhr machen 28 Kinder aus der aktuell 160-köpfigen Singschule der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim (VEK) die gesamte Petrikirche mit einer 90-minütigen Fassung von Engelbert Humperdincks 1893 uraufgeführter Märchenoper "Hänsel und Gretel" zur Bühne.

Die musikalische Leitung liegt in den bewährten Händen des Kantors Gijs Burger. Lidy Mouw und Ronja Nekes haben mit den ambitionierten und motivierten Kindern aus der Singschule eine Inszenierung mit viel Licht und Schatten erarbeitet. Pro Vorstellung sind jeweils 150 zugelassenen. Sie sitzen mitten im Geschehen und können die Handlung unmittelbar und aus verschiedenen Perspektiven verfolgen und miterleben.

Breite Unterstützung

Die vom Landesmusikrat NRW, vom Förderkreis Kirchenmusik in der Petrikirche und vom Kulturbetrieb der Stadt Mülheim unterstützten Kinderopern haben Tradition. 2020 konnte aber Corona-bedingt in der Petrikirche keine Kinderoper über die Bühne gehen. 2019 hatten die Kinder aus der Singschule der VEK in der Petrikirche Mozarts "Zauberflöte" aufgeführt.

Für zwölf Euro ist man mit von der musikalischen Partie. Studenten und Schüler zahlen nur vier Euro Eintritt. Die Aufführung am Sonntag um 17 Uhr ist bereits ausverkauft. Für alle anderen Vorstellungen gibt es aber noch Karten, die man an der Tageskasse oder im Vorverkauf am Freitag, 5. November, zwischen 16 und 18 Uhr im Petrikirchenhaus erwerben kann. Da die Zuschauerzahl in der Petrikirche unter den Corona-Bedingungen und der 3G-Regel begrenzt werden muss, wird die VEK voraussichtlich ab dem 22. November eine Videoaufnahme der Aufführung auf ihrer Internetseite bereitstellen.

Kinder meistern Herausforderung

"Es ist schön, dass die Kinder und ihr Publikum die Petrikirche bei dieser Gelegenheit einmal ganz anders erleben können und dass uns die Gemeinde erlaubt hat, für unsere Inszenierung alle Kirchenbänke zu entfernen, um die ganze Kirche zur Bühne und zum Auditorium machen zu können", freut sich Co-Regisseurin Ronja Nekes. Ihre Kollegin, Lidy Mouw weist darauf hin, dass die mitwirkenden Kinder auch am Kulissenbau und an der inhaltlichen Gestaltung der Humperdinck-Oper beteiligt waren. "Wir haben die Hauptrollen aufgelöst, so dass alle Kinder Hänsel und Gretel sein können. Inhaltlich stehen die zeitlos aktuellen Themen Angst und Hunger im Mittelpunkt", betont Lidy Mouw 

"Auch wenn ich einige Passagen aus dem Opern-Original herausgenommen und mit den Kindern nur die Lieder einstudiert habe, die man mit Kinderstimmen gut singen kann, war unsere Probenarbeit, die wir nach den Sommerferien begonnen haben, für die Kinder eine anspruchsvolle, arbeits- und zeitintensive Herausforderung, aber eben auch ein echtes Highlight. Die Kinder machen das mit Herz und Freude, Und ich bin stolz darauf, dass sich die  Kinder dieser Herausforderung gestellt haben. Es ist nicht selbstverständlich, mit Kindern klassische Musik aufzuführen. " Gijs Burger begleitet die Aufführung am Klavier. Weitere Instrumentalisten werden mit Horn, Cello, Klarinette, Harmonium, Flöte und Violine die Operninszenierung zu einem musikalischen Erlebnis machen.

O-Töne aus dem Ensemble

Und was sagen jungen Sänger und Darsteller? Einige am Rande der Proben eingefangene O-Töne: "Ich singe schon seit einigen Jahren in der Singschule und bei den Kinderopern mit, weil es mir einfach Spaß macht, gemeinsam mit anderen Musik zu machen", betont die elfjährige Tabea Niehoff.  "Ich singe gerne, auch auf dem Schulhof. Meine Klassenkameraden sagen immer: 'Du singst gut' und machen mir deshalb auch schon mal die Schaukel frei. Es ist schon viel Aufwand, was man hier macht. Aber es macht Spaß. Ich habe schon Lampenfieber, aber nicht ganz so viel", erzählt der zehnjährige Bernhard Mengede. Waldorfschülerin Johanna Erkelenz (11) begeistert sich für die Mischung aus Musik und Schauspiel. "Est einfach toll, wenn man zusammen mit anderen für die Menschen eine Oper aufführen kann", findet sie. "Ich finde es schön, dass manchmal auch alte Menschen in die Kirche kommen und uns bei den Proben zuhören und daran Freude haben.", sagt Karl-Ziegler-Schülerin Johanna Steinfeld (10): "Es macht mir viel Spaß, bei der Oper mitzuspielen. Aber man muss auch sehen, dass man die Texte auswendig lernt und auch mit der Schule hinterherkommt. Bisher habe ich dreimal schulfrei bekommen, damit ich zu den Proben kommen konnte. Aber meine Lehrer und Schulfreunde sind begeistert und kommen auch zur Aufführung." Der zwölfjährige Kontantin Schardt und die elfjährige Nina Zimmermann sind sich einig: "Wir haben haben jeden Tag unseren Text gelernt. Ich würde auch immer wieder bei einer Kinderoper mitspielen, aber immer nur mit Gijs Burger, weil er nicht nur ein toller Mensch ist, sondern auch, weil er uns immer geholfen und uns etwas zugetraut hat." 

MW/LK, 04.11.2021

Dienstag, 2. November 2021

Der Musiker: Otto Spindler


Zweimal im Monat, meistens montags und mittwochs steht Otto Spindler mit seiner Drehorgel auf der Schloßstraße oder am Kurt-Schumacher-Platz.

„Ich habe mich für diese Tage entschieden, weil ich dann den Markthändlern in die Quere komme“, erzählt der 79-Jährige. Mit seiner Drehorgel und seiner Trompete tourt er regelmäßig durch die Städte an Rhein und Ruhr, um seine Rente aufzubessern. „Bräuchte ich das Geld nicht, würde ich trotzdem hier stehen und spielen. Denn ich bin Musiker und das macht mir hier einfach Freude“, sagt Spindler.

Wenn der Reisende in Sachen Musik mit seiner in Dinkelbühl gebauten 26-Pfeifen-Drehorgel oder an seiner Trompete los legt, kommt nicht nur bei ihm Freude auf. Menschen aller Generationen bleiben stehen und lassen einen Euro oder 50 Cent in die kleine Schale fallen, die Spindler auf seiner Drehorgel stehen hat.
Ein kleines Mädchen lässt er bei „Alle Vögel sind schon da!“ einige Takte mitkurbeln. 300 Lieder hat Spindler im  Repertoire. Da ist für jeden Geschmack und jede Jahreszeit etwas dabei. Das kleine Mädchen strahlt über das ganze Gesicht und auch Spindler hat sichtlich seinen Spaß.

Ein Ehepaar mittleren Alters bleibt stehen und hört sich „Das gab’s nur einmal. Das kommt nicht wieder.“ an. „Das hat einfach was anheimelndes an sich und erinnert einen an die gute alte Zeit“, sagt der Mann. Nicht nur Lieder, wie: „Davon geht die Welt nicht unter. Sie wird ja noch gebraucht“, stimmen eine nostalgische Note an. Auch Zindlers Outfit, die kaiserblaue Uniform eines kaiserlich-königlichen Polizeibeamten (samt Pickelhaube) entführen seine Zuhörer und Zuschauer für einen Augenblick aus ihrer geschäftigen Umtriebigkeit in eine vermeintlich gute alte Zeit, in der alles etwas ruhiger vonstatten ging.

Wenn Spindler zu seiner Trompete greift, merkt man: Der Mann kann auch swingen. Kein Wunder. Seit 55 Jahren jazzt er, der in Berlin geboren wurde, in Hamburg aufwuchs, dort mit Uwe Seeler in einer Jugendmannschaft des HSVs kickte und in den 60er Jahren der Liebe wegen nach Düsseldorf kam, durch die Region. „Entweder trete ich mit meiner Drehorgel und meiner Uniform auf, die ich in einem Kostümverleih in Korschenbroich erworben habe oder ich spiele mit meiner Band Jazz mit Schmackes in Clubs und bei anderen Gelegenheiten“, erzählt Spindler.

Vor der großen Disco-Welle war der gelernte Industriekaufmann in den 60er und frühen 70er Jahren mit einem großen Tanzorchester unterwegs. „Damals hatten wir sogar Monatsverträge  mit den entsprechenden Cafes, Restaurants und Hotels“, erinnert sich Spindler an seine gute alte Musiker-Zeit, in der er seinen ungeliebten kaufmännischen Job bei einem großen Ölkonzern hinter sich gelassen hatte.

Auch wenn das seinen Rentenansprüchen nicht gut getan hat, bereut er diese Lebenswende nicht. Heute hangelt sich der glücklich verheiratete Mann an der Orgel und mit der Trompete von einem Auftritt zum nächsten. Ein Erfolgserlebnis ist es für ihn, wenn er, wie an diesem sonnigen Oktobertag in der Mülheimer City nicht nur manchen Euro einspielen kann, sondern auch von Leuten angesprochen wird, die ihn für eine Weihnachtsfeier, einen Geburtstag oder eine Hochzeit buchen wollen. Da swingt das Herz des alten Jazz-Musikers.
„Wenn ich heute im Lotto gewinnen würde, würde ich trotzdem als Straßen- und Bandmusiker weitermachen. Denn mit Musik kann man Menschen glücklich machen und das macht mich selbst glücklich, weil ich bei Musizieren nur von gut gelaunten Menschen umgeben bin“, betont Spindler.

Würde er denn auch als musizierender Lotto-Millionär um eine milde Gabe des wohlwollenden Publikums bitten?

„Na, klar. Dann würde ich eben eine Spendendose für die Diakonie oder das Deutsche Rote Kreuz aufstellen“, sagt der freundliche Herr in der preußischen Polizeiuniform und erinnert seinen Zuhörer daran: „Es dauert noch ein paar Jahre. Und dann sind wir die gute alte Zeit!“ 

Montag, 1. November 2021

Dass der Mensch was lernen muss

 Eine Berufsausbildung lohnt sich. Sie lohnt sich auch dann, wenn man zum Beispiel erst jetzt, drei Monate nach Beginn des Ausbildungsjahres startet. Und sie lohnt sich auch dann, wenn man das klassische Ausbildungsalter schon hinter sich hat und als Quereinsteiger in einen neuen Beruf einsteigen will oder einsteigen muss. Das war nur eine Botschaft, die die Ausbildungspartner (Arbeitsagentur, Sozialagentur, Kreishandwerkerschaft, Industrie- und Handelskammer sowie Unternehmerverband und Gewerkschaften mit der Vorstellung der aktuellen Ausbildungszahlen in die Öffentlichkeit transportieren wollen.

Bei der Präsentation der Bilanz im Haus der Kreishandwerkerschaft an der Zunftmeisterstraße wurde deutlich: Nicht nur Schulabgänger und Berufsstarter müssen lernen. Auch Ausbildungsbetriebe müssen ihrem Namen Ehre machen, um sich gegen den im demografischen Wandel zunehmenden Fachkräftemangel zu schützen. Und Eltern müssen lernen, dass ihre Kinder sozial, wirtschaftlich und seelisch keineswegs am besten aufgestellt sind, wenn sie möglichst lange zur Schule gehen, das Abitur machen und dann erst Mal studieren, bevor sie dann verspätet ins Arbeitsleben einsteigen und ihr eigenes Geld verdienen. Die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, Barbara Yeboah, sprach in diesem Zusammenhang sogar "von Zeitverschwendung", wenn Eltern ihre Kinder wider Willen in ein Studium drängten, das in keiner Weise ihrer praktischen Begabungen entspreche. Darüber hinaus könne man, so Yeboah, auch im Rahmen der Berufsschulausbildung das Abitur machen und nach einer dualen Berufsausbildung, bei Bedarf auch noch ein berufsbegleitendes Studium absolvieren.

Auch beim Thema Berufsausbildung, dass zeigten die von den Ausbildungskonsenspartner präsentierten Zahlen für die Jahre 2018 bis 2021, steckt der Teufel im Detail.

Zahlen und Fakten

Die Agentur für Arbeit registrierte für diesen Zeitraum einen Rückgang der Bewerberzahlen um 18,5 Prozent auf aktuell 1020. Gleichzeitig sank die Zahl der Ausbildungsstellen um 13,5 Prozent auf jetzt 1081. Die Zahl der Schulabgänger blieb im gleichen Zeitraum mit 1655 stabil. Allerdings sank der Anteil der Abiturienten von 48,9 auf 45 Prozent. Gleichzeitig stagniert der Anteil der Auszubildenden an der Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Mülheimer zwischen 5,5 und 5,3 Prozent.

Die Rangliste der Branchen, die die meisten Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, wird vom Verkauf, Büromanagement und KFZ-Technik angeführt. Auf der Bewerberseite weist das städtische Jobcenter Verkauf, Pflege und Büromanagement als die Spitzenreiter unter den Berufswünschen aus. Jobcenter, Kreishandwerkerschaft und IHK haben nach dem Abflauen der Corona-Krise einen Anstieg bei den Bewerberzahlen und den Ausbildungsverhältnissen registriert. Dass das kommunale Jobcenter im 2020/2021 55 Prozent der von ihm betreuten 483 Ausbildungssuchenden in eine duale Berufsausbildung vermitteln konnte, bewertet Sozialamtsleiter Thomas Konietzka als Erfolg.

Gespaltener Ausbildungsmarkt

Vergleichbar dem Arbeitsmarkt zeigt sich aber auch auf dem Ausbildungsmarkt eine gespaltene Entwicklung. Während der demografische Wandel und der Fachkräftemangel den ausbildungsfähigen und ausbildungswilligen Bewerbern hilft, gibt es einen vergleichsweise großen Anteil von Ausbildungsplatzsuchenden, der zwischen 36 und 56 Prozent liegt, die seit mehr als einem Jahr vergeblich nach einem Ausbildungsplatz suchen, zum Beispiel, weil sie die deutsche Sprache und die mathematischen Grundregeln nur unzureichend beherrschen und deshalb als nicht ausbildungsfähig gelten. Diesem sozial benachteiligten Personenkreis, der in der Regel aus bildungsfernen Elternhäusern kommt, will DGB-Geschäftsführer Dieter Hillebrand mit einem von den Arbeitgebern finanzierten Zukunftsfonds helfen. Dieser Zukunftsfonds soll einen einjährige überbetriebliche Ausbildungsgarantie gewährleisten, um die noch nicht ausbildungsfähigen Jugendlichen an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt heranzuführen.
Doch mit diesem Vorschlag steht der DGB unter den Ausbildungskonsenspartnern zurzeit alleine. Vor allem von der Arbeitgeberseite wird dieser Plan als planwirtschaftlich abgelehnt und darauf hingewiesen, dass es schon jetzt eine ganze Reihe von Förderinstrumenten gebe, um noch nicht ausbildungsfähige Jugendliche im Rahmen einer betrieblichen oder überbetrieblichen Ausbildung für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren.


MW/LK, 29.10.2021

Sonntag, 31. Oktober 2021

Unser Freund, der Baum

 „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther einst gesagt haben. Der Reformator heizte bekanntlich einen geistigen Klimawandel an. Von einer lebensbedrohlichen Klimaerwärmunng war damals noch keine Rede. 

Keine Apfelbäume, sondern 100 Pflaumenbäume verteilten die Klimaschutzbeauftragte der Stadt, Carolin Hasenkamp und ihre Gesinnungsgenossen aus der Umweltverwaltung, der Mülheimer Klimaschutzinitiative und den Vereinen Naturgarten und Mülheimer Obstgarten an Mülheimerinnen und Mülheimer, die die Gelegenheit haben, auf ihrem Privatgrundstück zu pflanzen.

Wer bei der kostenfreien Baumausgabe am 30. Oktober nicht zum Zuge gekommen ist, bekommt am 12. November, zwischen 15 und 17 Uhr, auch dann auf dem Betriebsgelände der Baumpflege Benk, die an der Weseler Straße 52 im Speldorfer Hafen ansässig ist, eine zweite Chance auf einen Pflaumenbaum.

Mit Blick auf den Klimaschutz und finanziell unterstützt vom Land Nordrhein-Westfalen lässt der Regionalverband Ruhrgebiet (RVR) in der Region 10.000 sogenannte Klimabaumsetzlinge verteilen, die darauf warten, von Grundstückseigentümer eingepflanzt zu werden. Dabei kommen die in Mülheim verteilten Bäume aus einer Baumschule in der Eifel. Abseits des RVR-Projektes Klimabäume hat der Mülheime Obsgarten e.V. (www.mh-obstgarten.de) noch 300 Apfelbaumsetzlinge an Interessierte Grundstücksbesitzer zu vergeben, dann aber gegen einen Kostenbeitrag. Der auch telefonisch unter der Rufnummer 015775328757 erreichbare Verein hat bereits zwölf Baumpaten gewonnen und mit ihrer Hilfe 200 alte Apfelsorten, wie zum Beispiel den Zucca-Maglio, den Kaiser Wilhelm, den Dülmener Herbstrosenprinz, den Biesterfelder Renette oder den Finkenwerder Herbstprinz rekultivieren können.

"Wir machen als Stadtverwaltung viel, um unser Ziel zu erreichen, bis 2035 klimaneutral zu werden. Aber der Klimaschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nur bewältigt werden kann, wenn wir alle Bürgerinnen und Bürger dafür sensibilisieren können. Da sind alle gefordert", unterstreicht Klimaschützerin Carolin Hasenkamp.

Auch Dachgrün und entsiegelte Flächen können beim Klimaschutz helfen

Vor dem Hintergrund der laufenden Arbeit am Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzept der Stadt weist Carolin Hasenkamp darauf hin, dass Bäume der Atmosphäre das klimaschädliche CO2 entziehen, Wasser speichern, Schatten und Abkühlung spenden, Insekten einen Lebensraum bieten und mit ihren Früchten auch noch einen ernährungstechnischen Mehrwert haben. Neben Baumpflanzungen setzt Hasenkamp auch auf Dachbegrünungen und die Entsiegelung von Flächen, um urbane Hitzeinseln abzukühlen und Versickerungsflächen zu schaffen, die bei Starkregenereignissen der Überschwemmungsgefahr entgegenwirken. Baumpfleger Jörn Alfons Benk stellt bei seiner Arbeit immer wieder fest, dass die Klimaerwärmung neue Schädlinge aus der meteorologisch milden Rhein-Schiene ins Ruhrgebiet bringt. Er ist aber zuversichtlich, "dass sich unsere Bäume in ein bis zwei Generationen an diese Folgen des Klimawandels angepasst haben werden.


MW/LK, 30.10.2021

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...