Mittwoch, 13. November 2019

Starker Start in die Session

Stadtprinz Dennis I. (Weiler) und Stadtprinzessin Josephine I. (Stachelhaus) hatten am Montagabend einen starken Start in ihre Session, in der sie bis zum Aschermittwoch am 26. Februar 2020 zusammen mit Hofmarschall Martin Fischer und ihren beiden Paginnen Michele und Janina Hebisch 150 Auftritte auf die Bühne zaubern werden.
Worauf sich die mölmschen Jecken freuen können, erlebten 500 närrische Gäste am Montagabend bei der 61. Prinzenproklamation im Festsaal der Stadthalle. Mit ihrer live gesungenen und glamourös in Szene gesetzten Gesangshow "Für die Jeckenzeit", lösten die Tollitäten einen Begeisterungssturm aus. "Ihr habt den Saal gerockt. Jetzt weiß ich, was uns in den nächsten vier Monaten erwartet und ich freue mich darauf", lobte Sitzungspräsident Hans Klingels. Ex-Prinz Johannes Terkatz, der selbst mit Ex-Tollitäten, den Ladykrachern der Roten Funken und der New Generation aus den Reihen der Stadtwache eine flotte Tanzshow auf die Stadthallenbühne gezaubert hatte, fand: "Das war echt der Hammer. Damit spielt Mülheim karnevalistisch jetzt ganz oben mit!" Selbst der sonst eher zurückhaltende Mülheimer Präsident des Bund Ruhrkarnevals, Lothar Schwarze, meinte nach dem Popstar-Auftritt des Prinzenpaares: "Ich bin echt geflasht!" Und Oberbürgermeister Ulrich Scholten bescheinigte der tollen Tollitäten-Show: "Eifer und Talent!"
Und noch bevor Eventmanager Dennis Weiler als Stadtprinz Dennis I. die Bühne betrat, zeigte die von Mitarbeitern seiner Agentur aufgebaute LED-Wand wie man eine profane Bühne mit Lichteffekten und Fotoanimationen in einen kleinen Showpalast verwandelt, der es mit jedem Film- und Fernsehstudio aufnehmen kann. Da glänzte nicht nur das Sessionsmotto: "Mülheim jeck mit Herz!" Da waren auch die Auftritte der Mülheimer Tanzgarden gleich doppelt schön anzusehen, egal, ob sie wie die Röhrengarde eher klassisch oder wie die New Generation der Stadtwache und die Hurrican Dancers der KG Mölm Boowenaan eher musical- und showbusinessmäßig daherkamen.

Närrisches Regierungsprogramm

Natürlich wäre die Prinzenproklamation keine Prinzenproklamation gewesen, wenn Dennis I. und Josephine I. nicht auch ihr närrisches Regierungsprogramm verkündet hätten, bei dem Oberbürgermeister Scholten fleißig mitschreiben musste. Wenn es nach den Tollitäten geht, müssen alle Mülheimer, die während der Fünften Jahreszeit das Lachen vergessen 11,11 Euro für karitative Zwecke spenden. Der Besuch von Karnevalsveranstaltungen wird in Mülheim erste Bürgerpflicht. Das Rathaus wird zur närrischen Hochburg umfunktioniert. Und in die Büros des Verwaltungsvorstandes ziehen der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval und seine zwölf Gesellschaften ein, "um zu garantieren, dass die Stadt auch närrisch regiert wird." Für die Belebung der Innenstadt haben die Tollitäten eine besonders tolle Idee. Die Schloßstraße soll zum Abenteuerspielplatz umgebaut werden.
Außerdem verordnen Mülheims närrische Regenten der Mülheimer Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft MST bis Aschermittwoch "akzeptable Mietpreise für die Stadthalle, damit die Mülheimer Karnevalsgesellschaften wieder in ihr Wohnzimmer einziehen können." Viel Applaus bekamen die Tollitäten auch für ihr Verlangen, die Tollen Tage zu arbeitsfreien Nationalfeiertagen zu erklären und im Lokalsender Radio Mülheim bis Aschermittwoch täglich mindestens elf Karnevalsschlager zu spielen. Skeptisch kommentierten aber selbst eingefleischte Karnevalisten: "Hast du das gehört?!" die närrische Idee, dass die Ratsmitglieder Ohrstöpsel an Anwohner verteilen sollen, damit auch nach 22 Uhr noch auf den Straßen Karneval gefeiert werden kann. 
Noch vor 22 Uhr und das moderat, aber unüberhörbar, stimmten die Jecken im Festsaal der Stadthalle ein: "Happy Birthday" für Hofmarschall und Ex-Prinz Martin Fischer an. Denn der feierte an diesem 11. November seinen 59. Geburtstag.


Dienstag, 12. November 2019

Der Elfte im Elften

„Morgen ist Sankt Martin“, ließ mich meine Schwester gestern wissen. Den Elften im Elften verbinde ich als rheinische Frohnatur mit dem Beginn der Fünften Jahreszeit. Karneval und Sankt Martin!? Geht das zusammen? Als Sohn einer rheinisch-katholischen Mutter, der als Mülheimer im rheinischen Teil des Ruhrgebietes geboren ist, das in Teilen, siehe Mintard, bis heute zum Erzbistum Köln gehört, weiß ich: Fromm und fröhlich sind zwei Seiten derselben Medaille. Zugegeben: Der heilige Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte und deshalb heute würdiger Namenspatron einer Mülheimer Grundschule ist, war kein Karnevalsprinz, sondern erst Soldat und später Bischof unserer französischen Partnerstadt Tours.


Doch wer sich die, Gott sei Dank, auch durch unsere Stadt ziehenden Martinzüge ansieht, der bekommt schon eine Vorahnung vom Rosenmontagszug, der am 24. Februar 2020 wieder durch die Innenstadt zieht und damit für ihre Belebung sorgt.


Ob Martinsbrezel oder Kamelle, ob: „“Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“ oder: „Wenn das Trömmelchen geht, dann stehen wir alle parat!“ Sankt Martin und Karneval feiern das Leben. Sie stimmen ein Loblied und kein Klagelied an. Damit erinnern sie uns, was im Leben wirklich wichtig ist. Beide Feste tun uns gerade in der dunklen Jahreszeit und in stürmischen Zeiten gut, weil sie uns daran erinnern, dass wir gemeinsam mehr vom Leben haben, wenn wir nicht nur nehmen, sondern auch geben und lieber Tränen lachen, statt sie zu weinen. 

Dieser Text erschien am 11. November 2019 in der NRZ

Montag, 11. November 2019

Närrische Frühaufsteher


Broich. Eigentlich erwacht der Hoppeditz erst heute am 11.11., wenn mit der Prinzenproklamation in der Stadthalle die Fünfte Jahreszeit des Karnevals beginnt. Doch der Hoppeditz der KG Blau Weiss erwachte bereits am Samstagabend aus seinem Schlaf und stimmte im Herz-Jesu-Gemeindesaal an der Ulmenallee 140 Gäste in die neue Session ein, die bis zum Aschermittwoch am 26. Februar 2019 für Frohsinn sorgen will und soll.

Zum dritten Mal stieg der Vorsitzende der Blau-Weissen, Christian Hövelmann, als Hoppeditz in die Bütt. Der 30-Jährige hat damit die Nachfolge von Thomas Straßmann (56) angetreten, der als Präsident der Gesellschaft durch das Programm führte.


Ganz aktuell begann Hövelmann seine Rede im blau-weissen Nachthemd mit dem Thema Klimaschutz. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, die in getrennten Flugzeugen zur gleichen Konferenz flogen, bekamen ebenso ihr Fett weg wie die Fridays-For-Future-Kids, die sich in Muttis Diesel zur Schule fahren lassen oder sich im Supermarkt eine in Cellophan eingeschweißte Bio-Gurke kaufen.


Aufs Korn nahm der Hoppeditz auch die Staus auf der A40: „Jetzt wird über Tempo 130 auf deutschen Autobahnen diskutiert. Aber auf der A40 kann man schon froh sein, wenn man in der Rush-Hour mit 60 unterwegs sein kann.“ Auch die Schwächen der CO2-freien Elektroautos verschonte der Hoppeditz nicht, indem er süffisant eine langwierige Urlaubsreise in den Schwarzwald beschrieb, bei der sich die Reisenden schwarz ärgern, weil ihr Elektroauto nach spätestens 300 Kilometern erst Mal für 6 Stunden an die Steckdose muss, um wieder aufgeladen und flottgemacht zu werden.


Auch Klimaschutz-Kultfigur Greta Thunberg musste sich den Spott des Hoppeditz gefallen lassen. „Greta fährt mit einer emissionsfreien Segelyacht zum Klima-Gipfel nach New York und wird dabei von gleich drei Hubschraubern mit Journalisten und Technikern begleitet, die später, samt Segelyacht, wieder zurück nach Europa fliegen.“


Auch die digitalisierten Zeitgenossen, die mit ihrem Smartphone verwachsen sind, sind für den Hoppeditz ein gefundenes Fressen. „Schaut beim Karneval in den Sälen nicht immer nur auf eure Smartphones, sondern richtet euren Blick auf die Bühne und schenkt eure ungeteilte Aufmerksamkeit den Tänzern, Musikern und Rednern, die diese Aufmerksamkeit verdienen“, appelliert Christian Hövelmann an seine Zuschauer und Zuhörer. 


Doch auch an diesem Abend kommen die Smartphones der Gäste als Foto- und Videokameras zum Einsatz, um die bejubelten Auftritte der Tanzmariechen, der blau-weissen BMP-Musikband und die Tanzshow der Muddis festzuhalten. Sitzungspräsident Thomas Straßmann ließ aus gutem Grund keine Gelegenheit aus, um den Einsatz der Aktiven und den generations-übergreifenden Zusammenhalt der 250 Mitglieder zählenden Gesellschaft zu loben. Ein Blick in den Saal genügte, um zu erkennen, dass der Generationenmix stimmt und die KG Blau Weiss, die seit 1947 für Spaß an der Freude sorgt, keine Nachwuchssorgen hat. Kein Wunder: 100 ihrer 250 Mitglieder sind unter 18.

Dieser Text erschien am 11. November 2019 in NRZ & WAZ


Sonntag, 10. November 2019

Eine Erinnerung an der Mauerfall

„Ich habe damals im Keller meines Elternhauses an meinem Motorrad herumgeschraubt und im Radio die von Thomas Gottschalk moderierte Hitparade von Bayern 3 gehört“, erinnert sich der im thüringischen Gera geborene und aufgewachsene Jörg Thon, an den Abend des 9. November 1989. Als die Musik plötzlich mit der Nachricht unterbrochen wurde, dass der Regierungssprecher der DDR, Günter Schabowski, soeben mitgeteilt habe: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen.“ Thon: „Ich habe das erst gar nicht richtig registriert. Erst als diese Nachricht um 20 Uhr wiederholt wurde, bin ich hoch zu meinen Eltern und habe sie gefragt, was man davon halten könne. Auch Thons Frau Janet erinnert sich an ein Gespräch mit ihren Eltern, ob man dieser Nachricht trauen könne und was sie zu bedeuten habe.


Janet und Jörg Thon, die heute als Gastronomen den Ratskeller und den Bürgergarten betreiben, waren damals noch nicht verheiratet, aber schon ein Paar. Beide waren damals Anfang 20 und hatten sich wenige Jahre zuvor in der Tanzschule kennen gelernt. Sie arbeitete 1989 als angehende Bürokauffrau bei der Stadtverwaltung Gera. Er baute damals an der dortigen Fachhochschule seinen sozialistischen Binnenhandelsmeister. Der sollte ihn dafür qualifizieren, den Gastronomiebetrieb des Veranstaltungshauses in Gera zu übernehmen.


Wenige Jahre zuvor hatte der Oberschüler Jörg Thon in einem Zeltlager der Freien Deutschen Jugend (FDJ) mit Egon Krenz und Margot Honecker führende Politiker der DDR-Staatspartei SED bekocht. Am 9. November 1989 war Egon Krenz Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzende der erodierenden DDR.

„Seit Mitte der 1980er Jahre wuchs in der DDR die Unzufriedenheit mit dem SED-Regime. Zwar hatten alle Arbeit, ein Dach über dem Kopf und keine musste hungern. Aber die Menschen wollten sich nicht mehr einsperren und bevormunden lassen. Sie vermissten Reise- und Meinungsfreiheit. Ein Onkel und eine Tante, die 1987 bei einem Fluchtversuch verhaftet worden waren, mussten ins Gefängnis“, beschreibt Jörg Thon die gesellschaftspolitische Situation in der Vor-Wende-Zeit. „Dennoch waren wir im November 1989 sehr unsicher, ob man der neuen Freiheit trauen könne und die Grenzen nicht doch wieder geschlossen würden“, erklärt Janet Thon, warum es einige Wochen dauerte, bevor ihr späterer Mann und sie Verwandte in Nürnberg und Mülheim besuchten.


Beide kannten aus ihrer Heimat das tägliche Schlange-Stehen und das lange Warten auf Konsumgüter. Umso mehr waren sie von der Warenfülle in den westdeutschen Geschäften überwältigt und auch mit ihrem Begrüßungsgeld von 100 D-Mark-West ein wenig überfordert. Drei Monate nach dem Mauerfall erfuhr, Jörg Thon, dass sozialistische Binnenhandelsmeister jetzt nicht mehr gebraucht würden. Dass war der Zeitpunkt, an dem er sich entschloss mit seinem „Speisen-Lehrbuch“ aus dem „VEB Fachbuchverlag Leipzig“ im Gepäck nach Westen zu gehen. Seine Verlobte Janet ging mit. „Denn hier hast du keine Zukunft!“, hatte ihre die Mutter mit auf den Weg gegeben. Tante Anni und Onkel Walter, die in Mülheim einen Friseursalon betrieben, halfen dem jungen Paar Wohnung und Arbeit zu finden. Das Speldorfer Gasthaus Tannenhof wurde für sie zur beruflichen Startbahn, die sie 1993 in den Ratskeller bringen sollte.


Heute denken die Thons mit „gemischten Gefühlen“ an ihre ersten Mülheimer Jahre zurück, in denen sie nicht nur auf freundliche Offenheit und Hilfsbereitschaft, sondern auch auf Menschen trafen, die ihre Unerfahrenheit mit den Geflogenheiten der manchmal eben so gar nicht sozialen Marktwirtschaft zu ihrem Nachteil ausnutzten.


Doch auch wenn die Thons, die inzwischen stolze Eltern einer 18-jährigen Tochter sind, lernen mussten, dass auch die politische und wirtschaftliche Freiheit ihre Schattenseiten hat, bleiben Mauerfall und Wiedervereinigung für sie „eine glückliche Fügung“, die sie dankbar sein „und keinen alten Zeiten nachtrauern lässt.“


HINTERGRUND:



Wie sehen die aus Thüringen stammenden und heute in Mülheim heimischen Thons 30 Jahre nach dem Mauerfall die Lage der sei 1990 wiedervereinigten Nation? In ihrer alten wie in ihrer neuen Heimat sehen sie mit Sorge, dass sich auch Menschen, denen es sozial und wirtschaftlich gut geht, radikalisieren und sich aus der gesellschaftlichen Mitte verabschieden. Als Gründe für diese ungute Entwicklung unseres Landes sehen sie wachsende Verlustängste des Mittelstandes, unzureichende politische Bildung und eine unzureichende Zuverlässigkeit und Transparenz politischer Entscheidungen. „Wir brauchen in unserer Gesellschaft wieder mehr Ehrlichkeit, Rücksichtnahme, Respekt und Zusammenhalt. Denn wenn jeder nur auf sich selbst schaut, kommen wir nicht weiter“, glaubt Jörg Thon.

Dieser Text erschien am 9. November 2019 in NRZ & WAZ

Samstag, 9. November 2019

Eine Ironie der Geschichte



Gestern überraschte mich eine Terminabsage. „Aufgrund zu geringe m Interesse wird die geplante, geschlossene Gedenkveranstaltung „30 Jahre Mauerbau“ abgesagt“, hieß es da in einer Mitteilung der Stadt. Mit  einer Feierstunde im Theater an der Ruhr wollte die Stadt eines epochalen Ereignisses gedenken, das, anders, als viele andere epochale Ereignisse der deutschen Geschichte allen Grund zum Feiern gibt. Jeder, der als dieses epochale Ereignis als Zeitgenosse, live vor Ort oder daheim am Fernseher miterleben durfte, wird nicht anders, als mit einem Gänsehautgefühl an diesen glücklichen Moment der deutschen Geschichte zurückdenken können. Und jetzt haben die von der Stadt geladenen Gäste der geschlossenen Gedenkveranstaltung zur Maueröffnung am 9. November 1989 30 Jahre später zu viel Theater, um den Weg zur Feierstunde ins Theater an der Ruhr zu finden. Vielleicht hat die Veranstaltungsabsage der Stadt aber auch mit der Ironie der Geschichte zu tun, die Maueröffnung in Berlin 30 Jahre später in Mülheim mit einer geschlossenen Gedenkveranstaltung feiern zu wollen. Denn eigentlich dürfte doch in unserer Stadt kein Saal, kein Platz und kein Fest groß und öffentlich genug sein, um das zu feiern, was uns als Deutsche, trotz aller Unterschiede und trotz aller Probleme, die wir in unserem Land haben, um zumindest an einem so denkwürdigen Tag für mindestens eine Stunde zu feiern, was uns als Volk zu unserem Glück vereint, der Wille zur Freiheit, zum Frieden und die Absage an jede Diktatur und alle jene, die in unseren Köpfen Mauern errichten wollen.

Dieser Text erschien am 9. November 2019 in der NRZ

Donnerstag, 7. November 2019

Ein Blick auf die extreme Rechte

Am Tag, nachdem das neuformierte Bündnis "Mülheim stellt sich quer" zur Demonstration gegen den Bürgerdialog der AFD aufgerufen hatte, sprach Max Adelmann vom Bündnis "Essen stellt sich quer" vor 60 interessierten Zuhörern im Medienhaus über die rechtsextreme Szene im Ruhrgebiet. Er folgte einer Einladung des Centrums für bürgerschaftliches Engagement (CBE).  Adelmann machte deutlich, dass nicht die AFD als Gesamtpartei, aber Teilgliederungen wie der rechtsnationale Flügel und die AFD-Jugendorganisation Junge Alternative auch in Nordrhein-Westfalen vom Verfassungsschutz beobachtet werden.
Der aktuelle Verfassungsschutzbericht des Landes stellt fest: "Ein anderer Teil des Rechtsextremismus, insbesondere die Neue Rechte, versucht die Stigmatisierung des Rechtsextremismus aufzubrechen, den politischen Diskurs nach „Rechts“ zu verschieben und somit anschlussfähig für die Mitte der Gesellschaft zu werden. Man möchte den Rechtsextremismus entgrenzen. In der AfD versucht die Teilorganisation. Der Flügel rechtsextremistische Standpunkte zu verbreiten. Ferner verabschiedete die Jugendorganisation „Junge Alternative“ im Sommer 2018 ihren „Deutschlandplan“, der auch völkisch-nationalistische Positionen enthält. In der Öffentlichkeit treten vermehrt sogenannte „Mischszenen“ in Erscheinung. Diese setzen sich aus Angehörigen der Hooligan- und Rockerszene, mutmaßlichen „Wutbürgern“ und offenkundigen Rechtsextremisten zusammen. "
Zahlen zum Rechtsextremismus in Mülheim konnte Adelmann nicht nennen, Hier verwies er auf die Mülheimer Europawahlergebnisse vom 26. Mai 2019. Danach erhielt die vom NRW-Verfassungsschutz als "Sammelbecken von Neonazis" beschriebene Partei Die Rechte 37 Stimmen (0,05 Prozent). Für die vom Bundesverfassungsgericht als verfassungsfeindlich, aber politisch nicht relevant eingestufte rechtsextreme NPD stimmten 111 Mülheimer. Das waren 0,14 Prozent der Wahlbeteiligten. Die Partei III. Weg, über die die Verfassungsschützer des Landes schreiben: "Die Partei Der III. Weg propagiert ein rechtsextremistisches Staats- und Gesellschaftsbild, insbesondere greift sie völkisch-nationalistische Elemente des historischen Nationalsozialismus auf.", entschieden sich 13 Mülheimer. Das waren nur 0,02 Prozent der Wähler.


Wenige Aktivisten, aber viele Sympathisanten

Adelmanns Recherchen zeigen, dass der sehr überschaubaren Zahl aktiver Rechtsextremisten eine in die 100te und 1000de gehende und stetig ansteigende Symapthisantenzahl gegenübersteht. Diese Mitläufer und Sympathisanten, verfolgen, kommentieren und teilen die rechtsextreme Propaganda im Internet und in den Sozialen Medien mit Gleichgesinnten.
Hinzu kommt nach Adelmanns Erkenntnissen eine sehr unüberschaubare Zahl rechtsextremer Gruppen, die zum Teil aus der Fußball-Hooligan-Szene kommen. Das von Adelmann aufgezeigte Spektrum reichte von den Steeler Jungs über die Division Braune Wölfe, über die Gruppen Ruhrpott Defend und Ruhrpott Roulette bis hin zu den "Müttern gegen Gewalt" und der aus Frankreich kommenden Identitären Bewegung. Unter der Maßgabe des von ihr postulierten Ethnopluralismus lehnt die Identitäre Bewegung jegliche Zuwanderung aus anderen Völkern ab und tritt für das völkisch-nationale Leitbild einer kulturell homogenen deutschen Ursprungsgesellschaft ein. Adelmann zeigte, dass die Aktionsformen der Rechtsextremisten, abseits der Agitation im Internet ein große Bandbreite aufweist. Da treten Demonstranten und Plakatkleber, Provokateure und Hausbesetzer, mit Stahlhelm verkleidete Gruppen in Rosenmontagszügen, Spaziergänger, Mahnwächter, Ostereierverteiler oder Veranstalter eines Fußballturniers öffentlichkeitswirksam in Erscheinung. Auch Mülheim wurde in diesem Sommer Ziel einer rechtextremistisch motivierten Demonstration und einer Mahnwache, nach dem junge Bulgaren eine junge geistig behinderte Frau vergewaltigt hatten.


Starthilfe für "Mülheim stellt sich quer"

"Max Adelmanns Vortrag zeigt mir, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben", sagte Andrea Mobini, die sich als Kreissprecherin der Linken in Mülheim politisch engagiert und jetzt eine Sprecherin des neu formierten Aktionsbündnisses "Mülheim stellt sich quer" ist. Dem Bündnis, das per E-Mail an: MHquer@gmx.de erreichbar ist, haben sich bisher 35 Vereinigungen angeschlossen.
 
Die vom Bundesfamilienministerium unterstützte CBE-Veranstaltungsreihe "Demokratie leben" wird am 26. November 2019 um 18 Uhr in der Heinrich-Thöne-Volkshochschule an der Aktienstraße 45 fortgesetzt. Dann ist dort der Essener Politikwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Hufer zu Gast, um über Argumente gegen rechtsextreme Stammtischparolen zu sprechen.

Dieser Text erschien am 31. Oktober 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Mittwoch, 6. November 2019

Einzelhandel auf Probe

Probieren geht über Studieren. Das gilt auch für den Einzelhandel. Textilkaufmann Jörn Gedig, Timo Buhren vom Hagebaumarkt und Concept-Store-Betreiber Julian Schick haben sich über jeweils 90 Tage im Einzelhandelslabor zwischen Kohlenkamp 34 und Löhberg 35 mit ihrer Gewerbeidee ausprobiert. Alle drei bewerten ihre im Pop-Up-Shop, der bis zum Februar 2019 als Wertstadtlokal für die Innenstadtplanung gedient hatte, als positiv.
Last, but not least, lässt Julian Schick, der unter anderem mit seinen nachhaltig, aus ehemalgen PET-Flaschen hergestellten Rucksäcken, die Herzen der Kundschaft erobert hat, seine Probezeit im Pop-Up-Shop am 9. November ab 16 Uhr mit einem Gin-Abend ausklingen, der sich bis Mitternacht hinziehen soll. Good life. Das Gute Leben ist für den Händler, der vor seiner Zeit im Einzelhandelslabor nur im Online-Handel aktiv war, Programm. Jetzt will er langfristig zweigleisig fahren. Denn Schick möchte seinen Concept-Shop auf 50 Quadratmetern am Kohlenkamp 34 zur Dauereinrichtung  machen. Die Mietverhandlungen mit dem Hauseigentümer laufen.  

Etwas Entertainment ist immer auch dabei

"Auch wenn es solche und solche Tage gibt, bin ich mit der Resonanz der Kunden sehr zufrieden. Ich  habe erfahren, dass auch junge Kunden gerne persönlich beraten werden möchten und nicht nur im anonymen Internet einkaufen wollen", berichtet Schick. "Einzelhandel hat immer auch etwas von Entertainment. Die Menschen schätzen das kommunikative Einkaufserlebnis. Sie wollen die Geschichte erfahren, die hinter dem Produkt steht", bringt Jörn Gedig seine Erfolgsgeschichte im Einzelhandelslabor auf den Punkt. Seine lokalpatriotisch und nach individuellen Wünschen bedruckten Textilien kamen bei der Kundschaft so gut an, dass Gedig einen weiteren Mitarbeiter einstellte und ein leerstehendes Ladenlokal an der Wallstraße 10-12 anmietete.
Auch Timo Buhren, Junior-Chef des im Speldorfer ansässigen Hagebaumarktes möchte seine Erfahrungen mit dem En-Miniature-Baumarkt im Pop-Up-Shop zwischen Kohlenkamp und Löhberg nicht missen und arbeitet deshalb an einem Nachspiel. "Wir hatten bisher keinen Draht zur Innenstadt. Da kam uns das Einzelhandelslabor in der City sehr gelegen, um auch die Kunden hier zu erreichen, die nicht so mobil sind, dass sie zu uns in den Hafen kommen können. Und die Neugierde der Kunden war wirklich groß. Nicht nur Kleineisen wie Schrauben, Winkel und Dübel wurden im Pop-Up-Shop gekauft. Auch unser Bestellservice wurde angenommen", berichtet Buhren. Einen dauerhaften Mini-Hagebaumarkt wird es in der City nicht geben. Aber die Buhrens verhandeln mit dem an der Ecke Wallstraße/Löhberg ansässigen Sicherheitstechnik-Anbieter Tepel. Dort wird es voraussichtlich ab Früher 2020 eine Abholstation des Hagebaumarktes geben, wo man die online beim Hagebaumarkt bestellten und binnen 24 Stunden gelieferten Heimwerkerprodukte vor der Haustür abholen kann.
Als Pop-Up-Shop-Händler sind sich einig, dass Einzelhandel heute nur noch mit einer Mischung aus stationärem Handel- und Online-Handel funktionieren kann. Alle setzen auf die persönliche, aber auch auf die digitale Kommunikation mit ihren Kunden, letzteres durch eine stetige Nutzung der Sozialen Online-Medien.

Mutmacher mit Unternehmergeist

Mit Blick auf den Einsatz der Pop-Up-Shop-Händler spricht Planungsdezernent Peter Vermeulen von "Mutmachern, die uns dabei helfen, die im Ruhrgebiet unterentwickelte Selbstständigkeitskultur anzureizen." City-Managerin Gesa Delija, die die Idee des Pop-Up-Shops für die Mülheimer Wirtschaftsförderung entwickelt hat, sieht die Pop-Up-Shop-Connection, zu der auch Dominik Schreyer und sein Team von der Upcycling-Werkstatt des Diakoniewerkes gehören. Schreyer und seine derzeit 18 Mitarbeiter produzieren und verkaufen unter anderem schicke Tische und Sitzmöbel, die in ihrem früheren Leben zum Beispiel eine Lager- und Transportpalette waren. "Ich fand es toll, dass wir so engagierten Händlern bei der Einrichtung des Einzelhandelslabors unter die Arme greifen konnten", sagte Schreyer bei der Pop-Up-Shop-Bilanz. Gleichzeitig kündigte er an, dass die Upcycling-Werkstatt des Diakoniewerkes am 5. Dezember in der vom Löhberg 35 zugänglichen zweiten Hälfte des ehemaligen Einzelhandelslabors den Laden "Urban Mining" eröffnen und dort die vom Diakoniewerk nachhaltig produzierten Möbel und dekorativen Einzelstücke an die Frau und den Mann bringen wird. Gleichzeitig räumt Gesa Delija ihr Büro im alten Wertstadtlokal und zieht ins gegenüberliegende Agendalokal am Löhberg 28. Delija freut sich über die spürbare Schubwirkung des Einzelhandelsexperimentes. Die Leerstandsquote zwischen Löhberg, Wallstraße und Kohlenkamp hat sich seit Februar auf aktuell 6 Prozent halbiert. Innenstadtweit sank die Leerstandsquote im selben Zeitraum von 11 auf 10 Prozent. Der Erfolg des Einzelhandelslabors, der 2020 auch mit einer neuen Quartierszeitung zum Ausdruck kommen soll, ermutigt die Citymanagerin und ihre Kollegen von Mülheim & Business dazu bei Hauseigentümern mit leerstehenden Ladenlokalen auch für Teil-Vermietungen auf Probe zu werben, aus der im Erfolgsfall dann dauerhaft mehr Einzelhandel werden kann.
Dieser Text erschien am 5. November 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...