Dienstag, 4. Dezember 2018

CDU-Vorsitz: Was sagt die Parteibasis?

Am 7. Dezember werden 1001 Parteitagsdelegierte darüber entscheiden, wer im CDU-Vorsitz die Nachfolge von Angela Merkel antritt. Wer sich an der Parteibasis umhört, stößt immer wieder auf die Qual der Wahl. Viele Mülheimer Christdemokraten halten alle drei Bewerber, Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn, für grundsätzlich geeignet die Bundes-CDU zu führen. Alle Bewerber, so scheint es, haben generationsübergreifend ihre Anhänger in der örtlichen CDU.

Einhellig positiv werden die Regionalkonferenzen bewertet, bei denen sich die Kandidaten interessierten Parteimitgliedern vorstellten und ihre Argumente austauschte. Die Diskussion der Kandidaten wird allgemein als "fair und sachlich" gelobt.

"Ich werde mich erst in letzter Minute entscheiden, nachdem ich die Parteitagsreden der Kandidaten gehört habe", sagt die Kreisvorsitzende Astrid Timmermann-Fechter, die die Mülheimer CDU als Delegierte auf dem Bundesparteitag in Hamburg vertreten wird.

Ratsfrau Angelina Spiegel aus Styrum würde als Parteitagsdelegierte für Friedrich Merz stimmen. Über ihren persönlichen Favoriten sagt sie: „Neben der wirtschaftlichen und politischen Sachkompetenz halte ich ihn für durchsetzungsfähig und damit in der Lage, sich dringenden Themen in der Politik zu stellen und Bewegung und damit Veränderungen und Verbesserungen zu erwirken. Es stellt für mich kein Problem dar, dass er der Politik mehrere Jahre den Rücken gekehrt hat, im Gegenteil. Ich betrachte dies vielmehr als Vorteil, da er durch diese mehrjährige Abstinenz von der Politik nun mit dem Blick von außen für frischen Wind und Aufbruchstimmung sorgen kann. Außerdem kommt hinzu, dass er wirtschaftlich von der Politik unabhängig ist, was einen großen Freiraum für Entscheidungen lässt.“

Der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises in der CDU, Gerhard Bennertz (Speldorf) und die ehemaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Johannes Brands (Dümpten) und Paul Heidrich (Saarn) hielten Annegret Kramp-Karrenbauer für die bessere Wahl. "Die Frau kann koalieren und weiß, was zu tun ist. Friedrich Merz könnten seine engen Verflechtungen mit der Wirtschaft als Parteivorsitzender und potenzieller Kanzlerkandidat zum Fallstrick werden", sagt Brands. Ebenso wie er, verweisen auch Bennertz, Heidrich und der aus Heißen kommende Hermann Blümer, der die CDU als sachkundiger Bürger im Bildungsausschuss vertritt, auf "den unschätzbaren Vorteil einer langjährigen Regierungserfahrung", den die ehemalige saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer mitbringt.

Ratsmitglied Markus Püll, Vorsitzender der City-CDU, will sich auf keinen der drei Bewerber festlegen, lobt aber die Regionalkonferenzen seiner Partei als "tolle Stunden lebendiger Demokratie, die unsere Partei mit ihren Debatten aus dem innenpolitischen Dornröschenschlaf hat erwachen lassen." Unter dem Eindruck der Regionalkonferenz in Düsseldorf favorisiert der Vorsitzende der Nord-CDU, Daniel Seith, so: Friedrich Merz und begründet das so: "Er ist es, der Dinge anspricht, auch wenn sie teilweise weh tun. Er versucht die Mitglieder nicht durch Lobeshymnen auf eben diese von seinem Weg zu überzeugen, sondern durch Sachargumente und das gefällt mir sehr." Auch sein Speldorfer Rats- und Amtskollege Bernd Dieckmann favorisiert Friedrich Merz, weil er ihn als Garanten dafür sieht, "dass die CDU wieder eine Werte-Partei wird, die sich nicht verbiegen lässt und in der 'konservativ' kein Schimpfwort ist."

Auch Dr. Henner Tilgner, Ratsmitglied und Ortsvorsitzender aus Holthausen hielte Merz für die beste Wahl, da er in seinen Augen für "wirtschaftlichen Sachverstand, persönliche Unabhängigkeit und neuen politischen Schwung" stehe.

Dagegen sähe der Linksruhr-Bezirksbürgermeister und Vorsitzende der Senioren-Union, Hermann-Josef Hüßelbeck lieber Annegret-Kramp-Karrenbauer an der CDU-Spitze: "Sie hat einen sozialen Touch. Sie hat als saarländische Ministerpräsidentin erfolgreiche Wahlkämpfe geführt. Und sie hat gelernt, zu dienen, nachdem sie ihr Amt als Ministerpräsidentin im Saarland aufgegeben hat, um neue Generalsekretärin der CDU zu werden. Friedrich Merz wäre sicher ein guter Finanz- und Wirtschaftsminister. Aber als Parteivorsitzender und potenzieller Kanzlerkandidat wäre er mir zu wirtschaftslastig", begründet Hüßelbeck seine Wahl.

Auch wenn Gesundheitsminister Jens Spahn nur Außenseiter-Chancen bei der Wahl des CDU-Partei-Vorsitzenden hat, würde der Vorsitzende der Jungen Union, Darko Medic, am liebsten Spahn als Parteivorsitzenden sehen, "weil er keine Angst davor hat, unbequeme, aber notwendige Themen wie die Frage nach der Generationengerechtigkeit in unseren sozialen Sicherungssystemen anzusprechen." Außerdem, so Medic, habe der 38-jährige Spahn als langjähriger Bundestagsabgeordneter, Finanz-Staatssekretär und jetzt als Gesundheitsminister mehr bundespolitische Erfahrung als Merz oder AKK. Seine Jugend macht Spahn in Medics Augen außerdem zu einem Kandidaten mit Zukunft.

Aktueller Nachtrag: Freitag, 7. Dezember 2018, 17.00: CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer ist zur neuen CDU-Parteivorsitzenden gewählt worden. In der Stichwahl erhielt sie 517 von 999 Delegierten-Stimmen. Auf ihren Gegenkandidaten Friedrich Merz entfielen 482 Stimmen. Annegret Kramp-Karrenbauer ist die achte Bundesvorsitzende der CDU. 


Dieser Text erschien am 4. Dezember 2018 in der Mülheimer Woche

Sonntag, 2. Dezember 2018

Transatlantische Betrachtungen

Im Alter von 94 Jahren ist George Bush Senior gestorben. Der 41. Präsident der Vereinigten Staaten erinnert uns an eine gute Zeit der transatlantischen und der deutsch-amerikanischen Beziehungen, in der so vieles möglich erschien. 1990 waren es George Bush und Michail Gorbatschow, die den Deutschen den Weg zur Wiedervereinigung, allen Widerständen zum Trotz ebneten, weil sie erkannten, dass es am Ende des Ost-West-Konfliktes keine sinnvolle Alternative zur friedlichen und freien Wiedervereinigung der Deutschen geben konnte. Ohne George Bush und Michail Gorbatschow hätten Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher nicht zu Architekten der deutschen Einheit werden können.

Anders, als Bush Senior und Gorbatschow liebten Großbritanniens "Eiserne Lady" Margret Thatcher und ihr französischer Verbündeter Francois Mitterand, Deutschland so sehr, dass sie froh darüber waren, dass es zwei davon gab.

Der Unternehmer, Diplomat und Politiker George Bush Senior gehörte zu jenen moderaten Neu-England-Republikanern, die sich als "mitfühlende Konservative" verstanden und die als Mitglieder der Kriegsgeneration um die existenzielle Bedeutung der nach 1945 gewachsenen transatlantischen Beziehungen wussten.

Dass Vater Bush, anders, als später sein wesentlich weniger staatsmännisch agierender Sohn Goeorge Bush junior, 1992 keine zweite Amtszeit bekam, sondern vom Demokraten Bill Clinton: ("It is the economy, stupid! = Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!") Bush Senior fiel im Präsidentschaftswahlkampf von 1992 ein Versprechen aus seinem erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampf von 1988 auf die Füße, das er nicht hatte einhalten können. "Read my lips. There won't be any tax increases under my Leadership" = Lest meine Lippen. Es wird unter meiner Führung keine Steuererhöhungen geben!") hatte Bush 1988 im Rennen gegen den demokratischen Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis, seinen Wählern versprochen. Sein Beispiel ging als Lehrbeispiel für alle Wahlkämpfer in die politische Geschichte ein, im Zweifel lieber weniger als mehr zu versprechen.

Dass mit Senator John McCain und Präsident George W. Bush Senior in diesem Jahr zwei ausgewiesene Transatlantiker für immer gegangen sind, sollte uns nicht daran zweifeln lassen, dass auch die Donald Trumps, wie andere Präsidenten vor ihnen kommen und gehen. Die über 200-jährige Geschichte der amerikanischen Präsidentschaft ist eine Geschichte der politischen Pendelbewegungen und wird es wohl auch bleiben. Deshalb dürfen wir davon ausgehen, dass, früher oder später,  auch wieder ein Transatlantiker und verantwortlicher Staatsmann in das 1800 errichtete Weiße Haus von Washington einziehen wird.   

Donnerstag, 29. November 2018

Mülheim unter dem Hakenkreuz

Schätzungsweise sechs Millionen Juden wurden Opfer des Holcaust. Allein in Mülheim wurden 270 jüdische Mitbürger ab 1941 in sogenannten Judenhäusern interniert und dann vom damaligen Hauptbahnhof, dem heutigen Bahnhof West an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße in die Vernichtungslager deportiert. 1933 zählte die Jüdische Gemeinde noch 640 Mutglieder. In Deutschland lebten damals rund 64 Millionen Bürger, von denen nur rund 650.000 der jüdischen Religion angehörten. Als die 1907 am damaligen Viktoriaplatz, heute Platz der alten Synagogen, in der Reichspogromnacht 1938 vom Chef der damaligen Berufsfeuerwehr, Alfred Fretr, in Brand gesetzt wurde, war das Gebäude bereits in den Besitz der Sparkasse übergegangen. Bereits im März 1933 hatten die Nationalsozialisten und ihre Bündnispartner in Mülheim die politische Führung der Stadt übernommen und im Rat durchgesetzt, dass Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg, der ihn am 30. Januar 1933 ernannt hatte, zu Mülheimer Ehrenbürgern ernannt wurden und alle jüdische Unternehmen von städtischen Aufträgen ausgeschlossen wurden. Gleichzeitig gehörten Mülheimer Industrielle wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorff zu den frühen Fördern Hitlers und seiner Partei, der NSDAP, die sich in Mülheim 1925 gründete und 1929 erstmals in den Stadtrat einzog.  

De 1933 von den Nationalsozialisten ins Amt gewählte Oberbürgermeister Wilhelm Maerz musste nach nur drei Jahren im Amt wegen offensichtlicher Unfähigkeit durch den deutschnationalen Verwaltungsexperten Edwin Hasenjaeger ersetzt werden. Weltweit geht man von 60 Millionen Menschen aus, die im 2. Weltkrieg ihr Leben verloren haben. 1945 ging man in Mülheim von 3500 gefallenen Soldaten, 2700 Vermissten und 1100 zivilen Luftkriegsopfern aus. Während des Krieges war die Stadt 160 Mal Ziel eines Luftangriffs geworden. Auf den Straßen der Stadt, in der (bei Ende der Kampfhandlungen im April 1945) nur noch 88.000 Menschen lebten, lagen 1945 880.000 Kubikmeter Trümmerschutt. Drei ehemalige Stadtverordnete (Wilhelm Müller, Fritz Terres und Otto Gaudig von der SPD und von der KPD) hatten ihren Widerstand, ebenso, wie der in Heißen aufgewachsene katholische Priester Otto Müller und der in Stadtmitte aufgewachsene Generalstabsoffzier Günther Smend mit dem Leben bezahlen müssen. 

Während des 2. Weltkries mussten in Mülheim rund 24.000 ausländische Zwangsarbeiter kriegswichtige Arbeiten verrichten. Während ihres Einsatzes waren sie in 55 Lagern interniert. 1956 wurde im Luisental ein Mahnmal für die Mülheimer Opfer von Krieg und NS-Gewaltherrschaft errichtet. 

Teile dieses Textes erschienen am 28. November 2018 in NRZ/WAZ

Mittwoch, 28. November 2018

Begegnung mit einem Zeitzeugen


Es ist nicht einfach, Schüler zwei Stunden lang mit einem Lebensbericht und einem anschließenden Gespräch zu fesseln. Sally Perel kann es. 400 Jugendliche hören ihm in der Aula des Gymnasiums Broich gebannt zu, als der 93-Jährige ihnen erzählt wie er als Jude den Holocaust überlebte, weil er als Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat in eine neue Identität schlüpfte und damit den Willen seiner von den Nazis ermordeten Mutter erfüllte: "Geh, Sally. Du musst leben!"



Die Jugendlichen haben ihre Begegnung mit dem Zeitzeugen gut vorbereitet. Sie haben sich den 1990 gedrehten Film "Hitlerjunge Salomon" angeschaut, der die Überlebensgeschichte Sally Perels erzählt. Und sie haben sich zusammen mit ihren Geschichtslehrern Florian Sauer und Seydi Güngör überlegt, welche Fragen sie dem Zeitzeugen aus einer Zeit stellen wollen, die sie und ihre Eltern nur aus dem Geschichtsbuch kennen. Am Ende seines ergreifenden Lebensberichtes sagt Perel seinen jungen Zeitzeugen: "Die Geschichte ist die wichtigste Lehrmeisterin der Menschheit und Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer. Aber die Zeitzeugen meiner Generation wird es nicht mehr lange geben. Doch jetzt, wo ihr meine Lebensgeschichte gehört habt, seid auch ihr Zeitzeugen und ich gebe euch den Auftrag, dass ihr das Gehörte und eure Erfahrungen an eure Kinder und Kindeskinder weitergebt, damit sich eine menschliche Katastrophe wie sie meine Generation erleben musste, niemals wiederholen kann."



Die Fragen, die Luisa Schleinitz (16), Tom Herzberg (17), Till Herrmann (16) und Xenia Schetter (17) Sally Perel stellvertretend für ihre Mitschüler stellen, zeigen, dass sie seine Botschaft verstanden haben und seinen Auftrag angenommen haben. Und die brutal ehrlichen Antworten, die sie von dem in Peine geborenen und heute in Israel lebenden Sally Perel bekommen, zeigen, dass der Holocaust-Überlebende seinen Auftrag als Zeitzeuge bis zuletzt zu seiner Lebensaufgabe macht. "Wie fühlen Sie sich mit ihrer Lebensgeschichte, wenn Sie hier heute unter deutschen Jugendlichen sitzen?", wollen seine jungen Interviewer wissen: "Ich spüre, dass mein Überleben einen Sinn hat und dass ich meine Mission erfüllt habe, wenn ich auch nur einen Jugendlichen, der mit rechtsextremen Ideen liebäugelt, durch meine Lebensgeschichte eines besseren belehrt habe", sagt Perel.

"Wie sehen Sie die religiös motivierten und begründeten Konflikte zwischen Juden, Christen und Muslimen", fragen die Schüler nach. Perel antwortet: "Gott war nicht in Auschwitz. Ich bin Atheist. Und deshalb sage ich, schafft heute die Religionen ab und wir haben morgen Frieden, weil jede Religion für ihren Gott kämpft und die Anhänger anderer Religionen als Götzendiener ansieht." In der nächsten Fragerunde wollen die Jugendlichen wissen, was aus Perels Bruder geworden ist, der das KZ Dachau überlebt hat, aber inzwischen verstorben ist. "Mein älterer Bruder war für mich mehr Vater als Bruder. Als wir uns 1945 wiedersahen und in die Arme fielen, haben wir wild gelacht. Und er hat mir die Kraft für das Weiterleben gegeben, in dem er mir sagte: 'Mir ist egal wie du überlebt hast. Mir ist nur wichtig, dass du überlebt hast" erklärt Perel.



"Bereuen Sie rückblickend eine Entscheidung", wollen die Schüler wissen. "Ich bereue nichts. Denn hätte ich mich anders verhalten als ich es getan habe, säße ich heute nicht unter Ihnen. Ich habe mich für das Leben entschieden. Denn ich wollte leben", lässt der Zeitzeuge seine jungen Gesprächspartner wissen. Und zum Schluss ihres Zeitzeugengesprächs wollen die Broicher Gymnasiasten von dem in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Israeli erfahren, ob er im Nahen Osten einen Weg zum Frieden sieht. "Ich bin in der israelischen Friedensbewegung aktiv, weil ich glaube, dass man dem Frieden nachlaufen muss. Wenn ein Frieden funktionieren soll, muss er gerecht sein. Und das bedeutet für mich. Die israelischen Siedler müssen aus den besetzten Gebiete räumen und es muss neben dem Staat Israel eine Staat Palästina mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem entstehen."



Nach ihrem Zeitzeugeninterview, dass nicht nur ihre Geschichtslehrer beeindruckt, sind sich Xenia, Luisa, Tom und Till einig: "Viele Fakten haben wir vorher schon gekannt. Doch das Gespräch mit dem Zeitzeugen Sally Perel hat uns emotional bewegt und uns eine viel tiefer gehende Vorstellung davon vermittelt, was während des Nationalsozialismus passiert ist."



Dieser Text erschien am  27. November 2018 in NRZ/WAZ

Dienstag, 27. November 2018

Nachbarn kommen sich näher


Die Innenstadt gilt als anonymes Pflaster. Hier gibt es kein rechtes Stadtteilbewusstsein wie andernorts in Mülheim.

Beate Gottwald, Raghild Geck und Jörg Marx arbeiten im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Stadtmitte daran, dass sich das ändert. Ihr Ausgangspunkt ist das Quartier rund um den Hans-Böckler-Platz. Die 1951 gegründete Wohnungsbaugesellschaft SWB ist dort unter anderem Eigentümerin der Wohn-Hochhäuser Hans-Böckler-Platz 7 bis 9. Sie hat mit der sogenannten Tenne dem Netzwerk der Generationen einen Treffpunkt zur Verfügung gestellt, der für Feste, für Kaffeeklatsch, Filmvorführungen, gemeinsames Singen und Nachbarschaftstreffen aller Art genutzt wird. „Wir stecken viel Arbeit in den Aufbau einer lebendigen Nachbarschaft, in der man sich kennt oder kennen lernt“, betont die ehrenamtliche Nachbarschafts-Netzwerkerin Beate Gottwald. Deshalb ist sie manchmal enttäuscht, wenn nur zehn oder 20 Nachbarn zum Treffen in die Tenne kommen. Gerne würde sie dort auch mehr Nachbarn der Generation U60 sehen.“ Doch ihre hauptamtlichen Netzwerk-Kollegen Jörg Marx und Raghild Geck sind mit der bisherigen Resonanz durchaus zufrieden und dämpfen die Erwartungen Gottwalds. „Es geht nicht um Masse, sondern um Qualität. Wenn auch nur zehn Nachbarn einen schönen Nachmittag oder einen schönen Abend miteinander erleben, hat sich unsere Arbeit schon gelohnt“, sagt Jörg Marx.

Seine Kollegin Ranghild Geck weist darauf hin, dass sich in Folge der neu entstandenen „Tenne-Connection“ auch schon so etwas wie Nachbarschaftshilfe entwickelt habe. Da wird mal nacheinander geschaut und gefragt wie es dem Nachbarn auf dem Hausflur geht. Da wird mal ein Bild aufgehängt, eine Birne eingedreht oder eine schräge Schublade gerichtet. Inzwischen gibt es auch Überlegungen das Nachbarschaftsnetzwerk am Hans-Böckler-Platz um eine Schreibwerkstatt und eine Telefonkette zu erweitern.

Besonders freut sich Jörg Marx darüber, dass die Nachbarn in der City nicht nur von der SWB, sondern auch von der Betriebsgesellschaft des Hans-Böckler-Platz in Person ihres Geschäftsführers Michael Zühlke handfest unterstützt werden. „Ich bin davon überzeugt, dass solche Nachbarschaftsnetzwerke in unserer alternden Stadtgesellschaft, in der viele Menschen von Einsamkeit und Isolation bedroht sind, wichtig sind und Zukunft haben. Aber sie brauchen auch eine lange Anlaufzeit, um bekannt zu werden und sich im Bewusstsein der Bürger zu verankern“, unterstreicht Jörg Marx. Weitere Auskunft zur Arbeit des Nachbarschaftsnetzwerks Stadtmitte gibt Raghild Geck raghild.geck@muelheim-ruhr.de unter der Rufnummer: 0208-455-5007. 


Dieser Text erschien am 21. November 2018 in der Mülheimer Woche

Montag, 26. November 2018

Politiker und Puppenspieler

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet kam eine halbe Stunde zu spät zum Prinzenball, aber noch früh genug, um am Samstagabend im ausverkauften Festsaal der Stadthalle die tolle Tanzshows der Tollitäten, der Ruhrgarde und der Tanzformation Calypso mit zu erleben. "Mülheim hat eine hervorragende Verkehrsanbindung, wenn nicht gerade mal wieder die Deutsche Bahn ausfällt oder man auf der A40 im Stau steht", sagte der aus Berlin eingeflogene Landesvater unter den Lachern der 500 Gäste. Man weiß: Der Mann hat als Ministerpräsident, CDU-Landeschef und Bundes-Vize seiner Partei nicht nur an Rhein und Ruhr viele Termine. "Ich war jetzt eine Woche lang in Berlin. Wenn man dort das Theater erlebt, ist man froh am Samstagabend hier wieder unter normalen Menschen zu sein", machte der aus der Karnevalshochburg Aachen stammende Preisträger der Spitzen Feder deutlich, dass er mit Spitzer Feder Pointen zu setzen weiß.

Diese Kunst beherrscht(e) auch Karikaturist Thomas Plaßmann, der als "Ordensbruder" die Laudatio auf Laschet hielt.
"Ich habe gezögert, als ich erfuhr, dass ich eine Laudatio auf Armin Laschet halten soll. Nicht das ich ein Baumhaus im Hambacher Forst hätte. Doch ich frage mich schon, ob ein politischer Karikaturist einen Politiker loben darf. Aber wir leben alle mit Widersprüchen. Wir sind für Umweltschutz und fahren trotzdem mit dem Geländewagen zum Bäcker oder nutzen den Strom aus der Steckdose, auch wenn wir gegen Atomkraftwerke sind", lautete eine Einsicht seiner Laudatio. Und dann lobte Plaßmann Laschet ausdrücklich für seine Sprache, mit der er  schon als NRW-Integrationsminister nicht auf Polarisierung, sondern auf Integration und Verständigung gesetzt habe und "damit die Gräben der gesellschaftlichen Spaltung auf beispielhafte Weise zugeschüttet und damit ein Zeichen gegen politischen Populismus gesetzt hat."

Versöhnlich zeigte sich Laschet auch mit Blick auf seine Mülheimer Ordensschwester und Amtsvorgängerin Hannelore Kraft. "Dass ich ausgerechnet in der Heimatstadt von Hannelore Kraft mit der Spitzen Feder für das freie Wort geehrt werde, ist schon so, als würde man den BVB in der Schalke-Arena auszeichnen. Aber ich kann nicht nur mit meiner Ordensschwester Hannelore Kraft, sondern auch mit meinen Ordensbrüdern Hans-Dietrich Genscher, Norbert Blüm, Wolfgang Clement und Manfred Stolpe gut leben. Hannelore Kraft und ich haben 2017 gezeigt, dass man auch ohne persönliche Angriffe und politische Hetze Wahlkampf führen kann", unterstrich Laschet.
Dass der Landesvater aus Aachen Mülheim als "Karnevalshochburg des Ruhrgebietes" mit Blick auf die Grenzen der alten preußischen Rheinprovinz dem Rheinland zuordnete, wollte Sitzungspräsident Heino Passmann dann aber doch nicht gelten lassen. "Ich dachte immer der Fluss, der durch unsere Stadt fließt, hieße Ruhr", frotzelte der Ex-Prinz und ehemalige SPD-Stadtrat. Doch dann schritt der amtierende SPD-Stadtrat Johannes Terkatz als amtierender Stadtprinz Johannes II, zur Tat und verlieh nicht nur dem christdemokratischen Ministerpräsidenten, sondern auch dem Puppenspieler, Regisseur und Synchronsprecher Martin Reinl die Spitze Feder für Verdienste um das Freie Wort. Das ergriff Reinl denn auch gleich mit seinem Zirkuspferd Horst-Ferdinand, das unter dem Gelächter der Jecken spottete: "Du bekommst die Spitze Feder, die ich mir dann anstecken darf." Die Lacher auf seiner Seite hatte an diesem Abend auch Reinls Laudator und "Ordensbruder", Ralph Morgenstern. Besonders viel Applaus bekam der 1956 in Mülheim geborene Schauspieler, Musiker und Moderator, als er in seine Laudatio auf seinen Kollegen, "der mit seinem Wortwitz die Fernsehsender wechselt wie seine Unterhosen", als er sich an seine Tanzstunden bei Pentermann erinnerte. Morgenstern: "Das war damals für mich harte Arbeit, hat sich aber gelohnt und mich später weitergebracht."


Dieser Text erschien am 26. November 2018 in NRZ & WAZ

Sonntag, 25. November 2018

Spitze Feder im Doppelpack

Mit Armin Laschet und Martin Reinl zeichneten die Mülheimer Karnevalisten jetzt gleich zwei Persönlichkeiten mit einer Spitzen Feder für Ihre Verdienste um das freie Wort aus.
Beide Preisträger, die jetzt auch "Ordensbrüder" sind, zeigten in ihren Dankesworten, dass sie den seit 1984 vom Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval verliehenen Ehrenpreis zu Recht erhalten haben. "Du bekommst die Spitze Feder, damit ich sie mir an meinen Hut stecken kann", ließ der Autor, Regisseur und Synchronsprecher Martin Reinl sein Zirkuspferd Horst Ferdinand spotten.
Der aus der Karnevalshochburg Aachen stammende NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der sein Geld früher als Journalist verdient hat, hatte die Lacher der 500 Jecken im ausverkauften Festsaal der Stadthalle auf seiner Seite, als er feststellte: "Ich war die ganze Woche in Berlin. Und wenn man das Theater sieht, das sich dort abspielt, ist man froh, wenn man am Samstagabend hier wieder unter normalen Menschen sein darf." Auch eine andere Pointe des frei sprechenden Landesvaters traf den Geschmack seiner Zuhörer: "Dass ich in der Heimatstadt meiner Amtsvorgängerin Hannelore Kraft mit der Spitzen Feder ausgezeichnet werde, ist so, als ehre man in der Schalke-Arena den BVB." Nicht gelten lassen wollte Sitzungspräsident Heino Passmann, dass Laschet mit Verweis auf die Grenzen der preußischen Rheinprovinz die Karnevalshochburg Mülheim ins Rheinland eingemeinden wollte. Passmann spitz: "Ich dachte immer, der Fluss, der durch unsere Stadt fließt, hieße Ruhr."
Gut Lachen hatten die Jecken im Saal auch bei Martin Reinls Ordensbruder und Laudator Ralph Morgenstern. Der 1956 in Mülheim geborene Musiker, Moderator und Schauspieler erinnerte sich unter anderem an seine "harten, aber erfolgreichen" Tanzschulstunden bei Pentermann und an eine Aufführung des Hippie-Musicals "Hair", das er 1970 ebenfalls im Festsaal der Stadthalle erlebt habe. Morgenstern bescheinigte dem Puppenstar Martin Reinl und seinen Plüschkollegen Horst Pferdinand, Charming Traudl und Wiwaldi die Fähigkeit, "mit geistreichem Wortwitz zu sagen, was gesagt werden muss." Der so gewürdigte Preisträger gab sich bescheiden: "Die Worte, die ich im Laufe meines Lebens benutzt habe, kommen ja nicht von mir selbst, sondern alle aus dem Duden. Schauen Sie mal nach."
Nicht lange nachschauen musste auch der Laschet-Laudator Thomas Plaßmann, um die Spitze Feder auszupacken. "Darf ich als politischer Karikaturist einen Politiker loben. Ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst", fragte sich der Vor-Jahres-Preisträger und erteilte sich dann aber selbst die Absolution: "Das ganze Leben ist ja ein Widerspruch in sich, wenn wir gegen Atomkraft und Braunkohle sind, aber den Strom aus der Steckdose genießen oder für Umweltschutz eintreten, aber mit dem Geländewagen fahren."
Ausdrücklich lobte der politische Zeichner Plaßmann den Politiker Laschet für seine sachlichen und versöhnlichen Rhetorik, mit der er "Toleranz und Verständnis füreinander befördert und gleichzeitig die Gräben der gesellschaftlichen Spaltung zuschüttet und überwindet."
Dieser Text erschien am 25. November 2018 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...