Donnerstag, 5. Juli 2018

Ihrer Zeit voraus

Gestern kam ich beim Betrachten eines Werbeplakates ins Grübeln. Irgendetwas stimmte da nicht. Auf dem Plakat an der Straßenbahnhaltestelle sah ich jubelnde Menschen. Vor ihnen erblickte ich einen reichlich gedeckten Tisch. Darunter las ich die Schlagzeile „Es ist eure Zeit!“ und den Namenszug eines Lieferdienstes, der seinen Service anpries.

Aus dem Bildzusammenhang ergab sich, dass es nicht die leckeren Speisen auf dem Tisch waren, die sie begeisterten, sondern das Geschehen auf dem fernen Fußball-WM-Rassen in Russland.

Ihr Jubel erinnerte an die Fankurve im Stadion. So weit, so gut. Doch was störte mich. Genau. Die belieferten Fußballfans hatten sich mit schwarz-rot-goldenen Fanschals und Armbändern dekoriert. Kein Zweifel. Diese Plakatwerbung hinkte der Wirklichkeit hinterher, sind Jogi und seine Jungs aufgrund ihrer unterirdischen WM-Leistung doch schon längst ausgeschieden oder, um Bild zu bleiben, geliefert und ihre Fans bedient. Aber sehen wir es doch mal optimistisch. Vielleicht ist die schwarz-rot-goldene Plakatwerbung des Lieferdienstes ja auch ihrer Zeit voraus, wenn die Nationalmannschaft bei der nächsten Fußball-WM wieder ihre gewohnte Leistung liefert und ihr Spiel den Fans wieder Appetit auf mehr macht.


Dieser Text erschien am 5. Juli 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 4. Juli 2018

Für immer jung

Kürzlich sprach ein Wissenschaftler in der Katholischen Akademie vom Trend zur verlängerten Jugend. Jetzt weiß ich, was er damit meinte. Denn fuhr ein alter Herr fuhr an mir vorbei.

Er tat es nicht im Anzug oder im Benz, sondern mit einem Tretroller und mit einer Base Cape auf dem Kopf.
In unserem Familienalbum schauen mich auf einem alten Foto meine Urgroßeltern im gediegenen Sonntagsstaat an. Sie waren damals jünger, als der alte Herr, der heute an mir vorbeirollte. Doch sie wirken auf diesem Bild ernster und älter.

Hätten man ihnen damals vorgeschlagen, sich die Haare kürzer zu schneiden und in einen Matrosenanzug zu schlüpfen, um jünger auszusehen, hätten sie das empört von sich gewiesen. Damals war man noch stolz auf sein Alter und pflegte seine stattliche Erscheinung. Stattdessen wirken junge Karrieristen in ihrer Kleidung heute, wie verjüngte Vorstandsvorsitzende und Vorstandsvorsitzende wie gealterte Teenager.

Da staunt der Mann in der Lebensmitte und fragt sich, ob er sich jünger oder älter fühlen soll. Die Frage beantwortet seine Mutter, in dem sie ihn wissen lässt: „Hast du schon dein Arbeitszimmer aufgeräumt? Dann kannst du jetzt die Blumen gießen, den Müll runter bringen und einkaufen. Der Einkaufszettel liegt im der Küche.“ Damit sind für ihn alle Fragen geklärt. Egal, wie alt Man(n) ist. Als Sohn beleibt er für seine Mutter immer ein Kind.   

Dieser Text erschien am 2. Juli 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 3. Juli 2018

Wohin politischer Extremismus führen kann: Ein Zeitsprung in Mülheims Stadtmitte

Mülheim im Juni 1943 Archivfoto: Fritz Zorn
Quelle: Stadtarchiv Mülheim an der Rurh
www.stadtarchiv-mh.de
In diesem Foto, das Fritz Zorn im Juni 1943 mit seiner aus den Bombentrümmern geretteten Kamera machte, wird die ganze Tragik des Bombenkrieges deutlich, der insbesondere die Innenstadt in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 traf und 500 Mülheimer das  Leben kostete.

Nach diesem Luftangriff, einem von 160, der die Stadt während des Zweiten Weltkrieges materiell und seelisch verwüstete, war Mülheim nicht mehr das Mülheim, das seine Einwohner bis dahin gekannt hatten. Zwischen 1.10 Uhr und 2.45 Uhr zerstörten 550 Kampfpiloten der Royal Air Force und der US Air Force 64 Prozent der Innenstadt. Nach dem Ende der Kampfhandlungen lagerten 880 000 Kubikmeter Trümmer Schutt auf den Mülheimer Straßen. Die Beseitigung zog sich üner acht Jahre hin. Der Wiederaufbau, der in weiten Teilen ein Neuaufbau sein musste,  dauerte bis zum Ende der 1950er Jahre. Die beiden Frauen, die im Juni 1943 über den Löhberg in Richtung Wallstraße und  Kohlenkamp gehen, werden noch die alten Kaufhäuser Harmonia und Tietz als Kundinnen gekannt haben, die vor dem Krieg an der Ecke Wallstraße, Löhberg und Kohlenkamp zum Einkauf animierten.

Zehn Jahre nach dem alliierten Luftangriff auf Mülheim schloss Mülheim mit dem englischen Darlington seine erste Städtepartnerschaft. 75 Jahre nach der kriegsbedingten Zerstörung der Innenstadt wird heute in der Wertstadt zwischen Löhberg, Kohlenkamp und Wallstraße an der Zukunft der Innenstadt geplant und gebaut. 

Dieser Text erschien am 2. Juli 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 2. Juli 2018

Ambulante Tagespflege: Ein Beispiel

Kerstin Tiso, Felicitas Behmenburg, Gabriele Brüning, Marc Schröder und
Niggemeier vom Team der Tagespflege Behmenburg. Beim Fototermin
nicht mit dabei waren die Kolleginnen Claudua Weißhoff und Nadine Werminghaus

Drei Viertel der in Deutschland pflegebedürftigen Menschen werden von Angehörigen zuhause gepflegt. Für sie ist eine Ambulante Tagespflege, wie sie der ambulante Pflegedienst Pflege zu Hause seit September 2017 anbietet, wie ein Urlaub im Alltag.
„Es ist schön zu sehen, wie unser Team zusammengewachsen ist und gleichzeitig täglich in die glücklichen Gesichter unserer Gäste zu schauen“, zieht Felicitas Behmenburg eine positive Zwischenbilanz. Sie leitet die ambulante Tagespflegestation an der Brunshofstraße 6-8. Hier kümmern sich sechs Fachkräfte aus den Bereichen Alten- und Krankenpflege, Betreuung und Hauswirtschaft um bis zu 18 Gäste.

Urlaub von Zuhause


„Das Altersspektrum unserer Besucher reicht aktuell von Ende 50 bis Ende 90“, berichtet Behmenburg. Einen Therapieraum und ein Außengelände mit Garten und Terrasse findet man ebenso in der Tagespflegestation am Flughafen, wie Wohn,- Küchen,- und Therapieräume. Die Station wirkt nicht stationär, sondern familiär. „Unsere Gäste, für deren leibliches und seelische Wohl hier umfassend gesorgt wird, sagen oft: Ich entlaste meine Angehörigen und mache mal Urlaub von Zuhause!“, erzählt Behmenburg.
Wie finanziert der 1992 von ihren Eltern Martin und Andrea Behmenburg gegründete ambulante Pflegedienst seine ambulante Tagespflege? Und was müssen Kunden dafür bezahlen?
„Es gibt 5 Pflegegrade. Ab Pflegegrad 2 finanzieren sich etwa 2 Tage in der Tagespflege. Die Pflegeversicherung unterstützt die ambulante Tagespflege bei Pflegegrad 2 - die höheren Pflegegrade entsprechend mehr -  mit maximal 689 € pro Monat und Person. Zusätzlich kann man monatlich 125 € verwenden, die Pflegebedürftigen und ihren pflegenden Angehörigen als Entlastungsbeitrag der Pflegeversicherung zustehen.
Nur für Kost und Logis müssen die Nutzer der Tagespflege selbst zahlen. Das sind 20 € pro Tag. Im Schnitt kostet ein Tag in der Tagespflege insgesamt 100 €, inklusive des vom Deutschen Roten Kreuz gewährleisteten Fahrdienstes“, erklärt Behmenburg das System. Mehr zum Thema findet man im Internet unter: www.pzh.de 
Dieser Text erschien am 26. Juni 2018 im Lokalkompass & in der Mülheimer Woche

Sonntag, 1. Juli 2018

Maßlos im Spiel

Mutter ist unersättlich. Das hätte ich nicht gedacht. Denn oft hat sie für ihre Kinder zurückgestanden. Auch beim Essen und Trinken hält sie Maß. Nur wenn wir Scrabble spielen, gibt sie sich mit Kleinigkeiten nicht zufrieden. Stattdessen kann ihr kein Wort zu lang sein, am besten mit doppeltem und dreifachem Wort- und Buchstabenwert. Lange lässt sie ihren Mitspieler warten und schlägt jeden profanen Rat in den Wind.

Kurze Allerweltsworte, wie Eis oder Mut sind ihre Sache nicht. Stattdessen legt Mutter, wenn ihr Mitspieler vor lauter Verzweiflung schon kleine Figuren auf den Punktezettel kritzelt, erst richtig los. Da wird aus dem Eis der Eisbecher und aus dem Mut die Ermutigung. Mutter hat alles im Blick. Hier hängt sie Buchstaben hinten dran, dort legt sie einige voran und kreiert dabei am Rande des einen schon das nächste Wort.

Während ihr Kontrahent sich schon über 5, 6 oder 7 Buchstabenpunkte freut, macht Mutter das Scrabbel erst im zweistelligen Punktebereich Spaß. Selbst dann, wenn sie mal auf dem Spielbrett ins Hintertreffen kommt, kann man sicher sein, dass Mutter am Ende mit ihrer Übersicht und Wortfindungsgabe doch noch als Siegerin vom Platz, Pardon vom Spielbrett, geht. Da gleicht sie Jogi Löws Fußball-Elf in ihren stärksten Momenten – hoffen wir mal.


Dieser Text erschien am 26. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Samstag, 30. Juni 2018

Theater als Kontrapunkt: Die Preisverleihung der 43. Mülheimer Theatertage

Die drei Preisträger der „Stücke“ wurden gestern bei der von Stefanie Steinberg verbindlich, feinsinnig und unaufdringlich moderierten Abschluss-Matinee der 43. Mülheimer Theatertage für ihre Werke gelobt und ausgezeichnet.

Die in der Stadthalle leibhaftig anwesenden Autoren Thomas Köck und Oliver Schmaering nahmen den Dramatikerpreis und den Preis der Kinder-Stücke für ihre Stücke „Paradies spielen. Abendland. Ein Abgesang.“ und: „In dir schläft ein Tier“ persönlich entgegen.

Die menschenscheue Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bedankte sich mit einer Videobotschaft für den Publikumspreis, mit dem die Besucher der Theatertage ihr Stück „Am Königsweg“ ausgezeichnet hatten.

Was die Matinee im Theaterstudio der Stadthalle zu einem Gewinn machte, waren die inspirierenden Antworten auf die Frage, warum wir in einer demokratischen und ökonomisierten Leistungsgesellschaft das Theater als einen kulturellen Kontrapunkt brauchen.

„Mit ihrem virtuosen schriftstellerischen Können schreibt sie mutig gegen gesellschaftliche Blindheit und Gleichgültigkeit an. Ihr Werk zeigt, dass wir als Gesellschaft den Diskurs und die Einsicht brauchen, dass es keine einfache Wahrheiten gibt und dass wir uns dem politischen Populismus und Extremismus niemals geschlagen geben dürfen.“, lobte Oberbürgermeister Ulrich Scholten Elfriede Jelinek. Der designierte Intendant des Bochumer Schauspielhauses, Johann Simons, würdigte sie in seiner Laudatio als eine Kontrahentin „der populistischen Twitter-Kultur“, die mit ihren Stücken: „ohne falsche Rücksichten und gegen jede Erwartung allen eine Stimme gibt, die in unserer Gesellschaft nicht dazu gehören.“ Er lobte ihre Werke für die Kultivierung des Zweifels, weil erst der Zweifel Menschen zum Zuhören und damit auch zum demokratischen Diskurs zur Entwicklung von Fragen und Problemlösungen befähige.

„Er schreibt keine Geschichten, die Eltern ihren Kindern abends am Bettrand vorlesen würden. Er schreibt wie ein Prophet und verbindet dabei Zeiten und Ebenen. Er ist kein Unterforderer und nimmt sein Publikum ernst“, lobte die bereits selbst mit dem Publikumspreis der Stücke ausgezeichnete Berliner Autorin Felicia Zeller den Kinder-Stücke-Preisträger Oliber Schmaering.

Während sich Schmaering dem Publikum mit einem Radio-Feature über die Kultur des Sitzens vorstellte, las der Dramatikerpreisträger Thomas Köck aus einem Internet-Manifest des Literaturkollektiv Nazis & Goldmund, das unter anderem die Poesie als Form des zivilen Widerstandes preist.

Köcks Laudator , der Dramaturg des Wiener Schauspielhauses, Tobias Schuster, lobte den Dramatikerpreisträger für die Fähigkeit, „das Persönliche und das Politische durch seine Poesie miteinander zu verbinden.“


Dieser Text erschien am 25. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung und in der Westdeutschen Allgemeinen

Freitag, 29. Juni 2018

Mülheim: Da ist Musik drin

Ein Konzert unter freiem Himmel zu organisieren, sollte eine einfache Sache sein. Aber wir sind in Deutschland. Und da ist grundsätzlich nichts einfach so einfach.

So hört man jetzt vom englischen Sänger und Liedermacher Ed Sheeran - Sie erinnern sich: Der Mann, der am Flughafen Essen-Mülheim singen wollte, ehe ihm die Feldlerche etwas flötete - ist jetzt in Düsseldorf  mit seinen Open-Air-Konzert-Plänen an Bäumen gescheitert. Jetzt weiß der Brite, was der deutsche Volksmund meint, wenn er sagt. dass man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe.

Selbst im rheinisch-heiteren Köln hat man dem Musiker von der Insel, der bald reif für selbige sein dürfte, mit Blick auf eine mögliche Konzertwiese die kalten Schulter gezeigt. Denn nach einem vergleichbaren Konzert habe es dort vor Jahren schon einmal massive Missklänge mit den lärm-belästigten Anwohnern gegeben. Denn nur einmal im Jahr ist Karneval und am Aschermittwoch ist alles vorbei.

Gut, dass man in Mülheim so gut drauf ist, dass hier am heutigen Mittwoch noch lange nicht alles vorbei ist, zum Beispiel heute, wenn die Band Birth-Control in der Freilichtbühne aufspielt.

Dieser Text erschien am 27. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...