Mittwoch, 24. Juni 2020

Pflegefall Mülheim

„Ich dachte ich sei systemrelevant“, klagt mir ein Mülheimer Krankenpfleger sein Leid als Parksünder. Weil er sein Auto länger als die Polizei, pardon das Ordnungsamt erlaubt, auf dem Parkplatz an der Stadthalle abgestellt hatte, muss er jetzt ein Bußgeld von 20€ bezahlen. Trotz seiner in diesen Coronatagen viel und zu Recht gelobten systemrelevanten Arbeit, gab ihm die ihm in diesem Fall alles andere als sympathische Stadt an der Ruhr keinen Bonus auf sein Bußgeld. Denn weil die an vielen Stellen kränkelnde der Stadt am Fluss finanziell am Stock geht und deshalb viel zu viel den Bach runtergeht, müssen auch systemrelevante Stützen der Stadtgesellschaft ganz systemrelevanter als ihnen lieb ist, nicht nur mit ihrer Arbeitstugenden sondern auch als Parksünder gebührenpflichtig die leeren Kassen Stadt pflegen und auffüllen. Man sieht: Die pflegebedürftige Stadt lebt nicht nur von den Tugenden , sondern auch von den kleinen und großen Lastern ihrer Bürger. Die würden den ein oder anderen Park- und Steuergroschen vielleicht eher verschmerzen und dem von amts wegen einnehmenden Stadtkämmerer verzeihen, wenn sie immer sicher sein könnten, dass ihr hart verdientes Geld nicht nur die Finanz- sondern auch die Straßenlöcher der Stadt am Fluss stopfen würde.

Dieser Text erschien am 22. Juni 2020 in der NRZ

Montag, 8. Juni 2020

Spielend gelernt

Als ich jetzt die aussagekräftige Themenseite über den Mülheimer Kaufhof las, erinnerte ich mich an meinen Großvater. Er kaufte seinem kleinen Enkel im Kaufhof der siebziger Jahre ein schickes Kettcar mit Gangschaltung. Was mich als Junge beeindruckte, war das Selbstbewusstsein, mit dem mein Großvater gegenüber den Verkäufern in der üppigen Spielzeugabteilung auftrat, in der für mich viele unbezahlbare und deshalb unerreichbare Kinderträume lockten. „Machen Sie mal den Weg frei, damit mein Enkel mal eine Proberunde fahren kann, ehe wir das Kettcar kaufen“, ließ mein Großvater die etwas indignierten und unwilligen Verkäufer wissen. Auch wenn sich mein Großvater bei den Kaufhof-Mitarbeitern mit seinem forschen Appell nicht beliebt machte, konnten sie sich angesichts ihrer Umsatzaussichten, eben diesem doch nicht entziehen. So kamen die Dinge in Bewegung und der Weg für die Erfüllung meines Kindertraums auf vier Rädern wurde frei gemacht. Damals wurde mir klar, dass man im Leben nur mit Mut, mit deutlichen Worten und mit mitmenschlicher Rückendeckung und Schubkraft seinen Weg findet und sein Ziel erreicht. 

Dieser Text erschien am 4. Juni 2020 in der NRZ

Samstag, 23. Mai 2020

Als die Spanische Grippe Mülheim lähmte

Was für uns heute das Corona-Virus, war für die Mülheimer im Herbst 1918 die Spanische Grippe, die bis 1920 weltweit 50 Millionen und in Deutschland etwa 500.000 Menschen zum Opfer fielen. Schaut man, wie jetzt Stadtarchivar Jens Roepstorff, in die Mülheimer Lokalpresse der letzten Tage des Ersten Weltkrieges, so stößt man auf den Hinweis, „dass sich das Gespenst Spanischen Grippe auch in Mülheim breit macht.“ Nicht nur mit Blick auf das Ruhrgebiet attestiert der Generalanzeiger, dass sich die Menschen „in einer schwer zu beschreibenden Seelenverfassung sind.“ Das Ausmaß, das die Spanische Grippe auch in unserer Stadt im Herbst 1918 angenommen hatte, machte der Generalanzeiger unter anderem an den überfüllten Wartezimmern der örtlichen Ärzte fest.


Wie heute das Corona-Virus führte damals die Spanische Grippe auch in Mülheim zu Schulschließungen, aber auch zur Ausdünnung von Zugfahrplänen, weil immer mehr Schüler, Lehrer und Eisenbahnbedienstete an der Spanischen Grippe erkrankt waren. Oberbürgermeister Paul Lembke forderte Erkrankte und ihre Angehörigen dazu auf, auf den Besuch öffentlicher Veranstaltungen zu verzichten. Auch Theater, Kinos und Straßenbahnwaggons wurden als Ansteckungsherde ausgemacht. Erkrankten wurde strenge Bettruhe und heißer Tee empfohlen.


Im Anzeigenteil der Lokalzeitung wird damals unter anderem auf das Kaufangebot von Klosettpapier des an der Kohlenstraße ansässigen Händlers Hermann Siepmann und auf die freitäglichen Sprechstunden des Lungenrates Dr. Rhoden hingewiesen. Mitte Oktober 1918 lesen die Mülheimer im Generalanzeiger, dass der Allgemeinen Ortskrankenkasse bisher nur leichte Fälle der Spanischen Grippe gemeldet worden seien, und das die schlechte Versorgungslage und die belastenden Lebensverhältnisse in der Stadt die Widerstandskräfte der Menschen schwäche.


Erkrankten wird unter anderem Roter Rübensalat zur Senkung der grippebedingten Fieberschübe empfohlen. Auch zum regelmäßigen Lüften der Wohnräume, zum Gurgeln mit verdünntem Wasserstoffsuperoxyd und zur Einnahme von Calcium- Wasser wird ebenso geraten wie dazu, grundsätzlich dem Umgang mit Grippeerkrankten zu vermeiden und immer nur ins Taschentuch zu niesen. Das Calcium-Wasser, so heißt es im Lokalblatt, könne man auch in der Suppe oder im Kaffee zu sich nehmen und seinen Körper so mit dem Kalk versorgen, der die Widerstandstätigkeit der weißen Blutkörperchen gegen die Grippeviren stärke.


Dieser Text erschien am 15. Mai 2020 in NRZ & WAZ

Dienstag, 28. April 2020

Der Mensch hinter der Maske


Seit Gottfried Keller anno 1874 seine gleichnamige Novelle niederschrieb, wissen wir: „Kleider machen Leute.“ So wie Gottfried Kellers Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der aufgrund seiner vornehmen Erscheinung für einen polnischen Grafen gehalten wurde, führte auch der straffällige Schuster Wilhelm Voigt dank einer Uniform seine militär- und autoritätsgläubigen Landsleute anno 1906 als Hauptmann von Köpenick an der Nase herum.


Immer noch gibt es Menschen, die Krawatten- und Anzugträgern auf den ersten Blick mehr Seriosität und Kompetenz zutrauen als jenen Mitmenschen, die in Jeans, T-Shirt oder Blaumann daherkommen. Doch auch hier hat das Corona-Virus  die allgemeine Kleiderordnung radikal auf links gedreht. Wurden Masken bisher nur als Kostüm im Karneval, als Vermummung bei einer Demonstration oder auch als Sccutzverband im Sport genutzt, ist sie heute ein allgegenwärtiges Accessoire. Heute, da das Corona-Virus das Maskentragen zur ersten Bürgerpflicht in Sachen Gesundheitsschutz gemacht hat, heißt es: „Sage mir, welche Maske du trägst und ich sage dir, wer du bist.“ Da gibt es die sachlichen und zweckorientierten Zeitgenossen, die es bei einer weißen oder grünen Maske bewenden lassen, um Mund und Nase sachgemäß abzudecken. Ihnen stehen die gegenüber, die ihre Maske als Modeaccessoire und als Aussage tragen. Ich denke dabei an die Träger selbstgenähter Stoff- und Tuchmasken, die uns zum Beispiel mit einem fröhlichen Smiley, einer beschaulichen Blumenwiese, einem meditativen Sternenhimmel oder auch mit einem possierlichen Tiermotiv entgegenkommen. Und dann gibt es natürlich auch noch die Individualisten und Improvisationskünstler, die sich gar nicht erst mit der Suche nach einer passenden und möglicherweise überteuerten Corona-Maske aufhalten, sondern gleich auf ihre häuslichen Fundus zurückgreifen. Wer hätte gedacht, dass Schals in allen Größen und Farben mal zu einer Frühlingsmode würden, die uns wohl nicht nur in dieser Jahreszeit erhalten bleibt. Man sieht: Masken verhüllen nicht nur. Sie offenbaren den charakteristischen Wesenszug ihres Träger oder ihrer Trägerin. Schauen wir also genau hin, wenn wir heute wieder unseren maskierten Mitbürgen in der Stadt begegnen. Es lohnt sich, natürlich unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes.

Dieser Text erschien am 25. April 2020 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 25. April 2020

In Memoriam Norbert Blüm


Einsichten eines politischen Christenmenschen



Der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm gab auf Einladung des Medienforums und der Pax-Bank seine reichen Lebenserfahrungen weiter



Essen. Es lohnt sich Rentnern zuzuhören. Vor allem dann, wenn Sie ihre Lebenserfahrungen, so wie der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (82) so geistreich und pointiert vortragen können, dass es für die Zuhörer erbaulich und unterhaltsam zugleich sein kann.


Mit einer Mischung aus Lesung und Gespräch fesselten Norbert Blüm und Moderatorin Vera Steinkamp die vom Medienforum des Bistums und von der Pax-Bank eingeladenen Zuhörer in der fast vollbesetzen Aula des Generalvikariates.


Da erfuhr man nicht nur, dass Norbert Blüm seit 30 Jahren Mitglied von Borussia Dortmund ist und sich auch eine Berufskarriere als Kapitän hätte vorstellen können. Man spürte in seinen spontanen Erzählungen und in den Lektionen aus seinem Vermächtnis-Buch: „Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht“, dass da nicht nur ein Ex-Politiker sein Buch vorstellen, sondern ein Mensch seine Botschaft vom Primat der Liebe und dem Frieden zwischen Mensch und Natur.


Bewegend, wie sich Blüm, an die Bombennächte des Kriegsjahres 1943 erinnerte, die er als Achtjähriger erlebte „und bis heute wie einen Film im Kopf“ mit sich trägt. Seine Konsequenz: Ein glühendes Ja zu Europa und ebenso energisches Nein zu allen Nationalismen. O-Ton Blüm: „Der Nationalismus hat noch kein Problem gelöst oder wollen Sie das Ozonloch nur über Gelsenkirchen schließen?“ oder: „Wenn wir es als 500 Millionen Europäer in der Europäischen Union nicht hinbekommen, fünf Millionen Flüchtlinge aufzunehmen, dann können wir den Laden zu machen.“

Mit Blick auf den Ressourcenverbrauch und die Ideologie des unbegrenzten Wirtschaftswachstum sagt Blüm: „Ein weiter so kann es nicht geben!“ In der aktuellen Politik vermisst der soziale Christdemokrat und ehemalige Bundesminister vor allem „die Ausdauer, an einer Sache dran zu bleiben!“ Ausdauer und Hartnäckigkeit, verbunden mit einem unbedingten Ja zur Liebe wünscht Blüm denn auch nicht nur seinen Enkeln, sondern auch allen anderen Mitmenschen. „In meiner Lehrzeit bei Opel habe ich gelernt: Immer nur ein Werkstück im Schraubstock zu bearbeiten und es solange zu feilen, bis es rund ist. Ohne diese Lektion in Ausdauer und Hartnäckigkeit hätte ich die CDU nie überlebt“, sagt der ehemalige Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse und weiß damit den Applaus und die Lacher auf seiner Seite.


Hartnäckigkeit und Ausdauer scheinen auch in Blüms Erinnerung an seine Begegnung mit dem chilenischen Militärdiktator Augusto Pinochet durch. In einem Gespräch, in dem Pinochet sich zunächst hinter der Fassade des aufrechten Antikommunisten und des täglich betenden Christen verbarg, konfrontierte Blüm ihn mit seinen Folteropfern und fragte ihn: „Was wollen Sie Gott antworten, wenn er Sie fragt: ‚Was hat du den geringsten meiner Brüder getan?‘“ Das Gespräch blieb nicht ohne Wirkung auf den Diktator und veranlasste ihn 16 zum Tode verurteilte chilenische Oppositionelle nach Deutschland ausreisen zu lassen.


Eine von Blüms Geschichten zum Hinhören und Aufhorchen war auch die von seinem kommunistischen Onkel Adolf, der im Krieg von seinem Vorgesetzten, einem katholischen Kirchenvorstand denunziert wurde, weil er heimlich russische Zwangsarbeiterinnen mit Lebensmitteln versorgt hatte und dafür zwei Jahre im KZ überleben musste.

Die vielleicht wichtigste politische und menschliche Botschaft, die Norbert Blüm, seinen Zuhörern im Generalvikariat mit auf den Heimweg gab, war wohl die, „dass eine Gesellschaft, in der jeder nur seinen eigenen Vorteil sucht, nicht funktionieren kann, weil wir alle von der Wiege bis zu Bahre aufeinander angewiesen sind.“ Den Menschen im Ruhrgebiet bescheinigte der Rheinländer in diesem Zusammenhang die wegweisende Toleranz eines Schmelztiegels, in dem die Menschen gemeinsam arbeiten, Herausforderungen annehmen und dabei „leben und leben lassen.“

Dieser Text erschien am 24. März 2018 im Neuen Ruhrwort


Mittwoch, 22. April 2020

Als die Stadt in Trümmern lag

Als die Amerikaner am 11. April 1945 mit ihrem Einmarsch den Zweiten Weltkrieg beendeten, lag der damals 17-jährige Mülheimer Horst Heckmann, weit ab seiner Heimat, in einem mecklenburgischen Lazarett und kurierte dort Fußverletzungen aus, die er sich durch das Marschieren in seinen viel zu kleinen Wehrmachtsstiefeln zugezogen hatte. „Das war mein großes Glück. Denn wäre ich bei meiner Einheit geblieben, die an der Oder von der Roten Armee vollständig vernichtet worden ist, hätte ich den Krieg nicht überlebt“, erinnert sich Heckmann. Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett meldete er sich nicht, wie befohlen, bei der nächsten Wehrmachtsdienststelle, sondern beging mit zwei Kameraden Fahnenflucht und schlug sich zu Fuß und im Gefolge von ostpreußischen Flüchtlingstrecks gen Westen durch.

Südlich von Schwerin gingen Heckmann und seine Kameraden in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurden später von den Briten übernommen. Nach einer Zwischenstation in Schleswig-Holstein und im berühmt-berüchtigten Wiesenlager bei Rheinberg, wo 1000de deutscher Kriegsgefangener unter freiem Himmel kampieren mussten, erreichte er im Juli 1945 auf einem britischen Militärlaster seine in Trümmern liegende Heimatstadt. „Die Briten hatten mich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, weil ich angegeben hatte, im Ruhrbergbau arbeiten zu wollen. Bergleute wurden damals dringend gebraucht“, erinnert sich Heckmann. Doch als er dann wieder zuhause war, „stellte sich heraus, dass ich viel zu schwach und unterernährt war, um wie einige meiner Onkel zum Beispiel auf der Zeche Wiesche oder in der Friedrich-Wilhelms-Hütte arbeiten zu können.“

Doch Heckmann hatte Glück im Unglück. Sein Elternhaus an der Heinrichstraße stand noch und hatte, „abgesehen von einigen Brandschäden auf dem Speicher“, die Luftangriffe auf Mülheim leidlich überstanden. Dort konnte er zusammen mit seinem Vater Heinrich leben, allerdings sehr beengt auf nur einem Zimmer, weil der Wohnraum mit ausgebombten Nachbarn geteilt werden mussete. „Heißen hatte den Luftkrieg, anders als die Innenstadt, vergleichsweise glimpflich überstanden. Hier waren nicht ganz so viele Häuser zerstört worden“, erinnert sich Heckmann. „Was können wir heute essen, um zu überleben?“ formuliert er die zentrale Frage, die alle Mülheimer in den ersten Nachkriegsmonaten und darüber hinaus umtrieb. „Mein Vater und ich sind oft zu den Bauern nach Menden geradelt, um dort Eier, Speck und Kartoffeln zu hamstern. Mein Vater kannte sie noch als Kunden aus seiner Vorkriegszeit als Kurzwarenhändler und Hausierer“, erzählt Horst Heckmann.

Er erinnert sich daran, dass „die seit dem Juni 1945 im Rathaus einquartierten Offiziere der britischen Militärregierung im öffentlichen Leben Mülheims sehr zurückhaltend auftraten und daran, dass die Hauptstraßen relativ schnell trümmerfrei waren und selbst in stark kriegsbeschädigten Häusern Geschäfte eröffneten.“ Doch Lebensmittel, so Heckmann, habe es damals nur auf Lebensmittelkarten gegeben und oft habe man lange anstehen müssen, um etwas zu bekommen. Der 1928 geborene Mülheimer, der heute in Styrum lebt, hat die ersten Nachkriegsmonate als eine Zeit der Niedergeschlagenheit und der Orientierungslosigkeit in Erinnerung behalten. „Als Mitglied der Hitler-Jugend hatte ich daran geglaubt, dass Deutschland einen gerechten Krieg führe. Doch jetzt musste ich einsehen, dass wir von einem verbrecherischen Regime verraten und verkauft worden waren und dass unser jugendlicher Idealismus missbraucht worden war“, beschreibt Horst Heckmann seine Stimmungslage in den ersten Nachkriegsmonaten. Damals hielten sich sein Vater und er mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Aus Schrotteilen bauten sie Fahrräder, die sie dann wieder gegen Lebensmittel eintauschen konnten. Doch Heckmann erinnert sich im Rückblick auf die ersten Nachkriegsmonate in Mülheim auch „an das befreiende Gefühl, dass wir jetzt im Frieden lebten und nicht mehr in den Luftschutzkeller laufen mussten.“ Im Oktober 1945 brachen die beiden Heckmänner von Mülheim nach Thüringen auf. Denn dort lebte ihre Mutter und Frau Emma. Hier hatte Horst Heckmann seine Mittlere Reife gemacht, nachdem seine Mülheimer Schule, die Mittelschule für Jungen, im Juni 1943 von Bomben zerstört worden war. Und hier sollte er in den ersten Nachkriegsjahren als Volksschullehrer arbeiten, ehe er aus  politischen Gründen die junge DDR wieder verließ und mit seinen Eltern in der alten Heimat Mülheim ein neues Leben als Bürokaufmann anfing. In der Rückschau auf die Nachkriegszeit staunt Heckmann noch heute darüber, wie schnell die Stadt wiederaufgebaut und mit neuen Leben gefüllt worden ist. „Die Menschen hatten nach dem Krieg einen enormen Nachholbedarf und wollten einfach nur leben“, sagt Heckmann. Und wenn er auf die heutige Krise schaut, dann hat er vor dem Hintergrund seiner Kriegs- und Nachkriegserfahrungen das Gefühl, „dass ich das nicht so tragisch nehme, wie es vielleicht angemessen wäre.“
Dieser Text erschien am 21. April 2020 in NRZ &WAZ

Donnerstag, 16. April 2020

Mülheim 1945: Ein Zeitzeuge erinnert sich

1931 geboren, gehört der Diplomingenieur, Heinz Wilhelm Auberg, zu jenen Mülheimern, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben. Als die amerikanischen Truppen am 11. April 1945 mit ihrem Einmarsch den Krieg in Mülheim beendeten, befanden sich Auberg und seine Kammeraden aus der Mittelschule für Jungen noch auf dem Heimweg aus der Kinderlandverschickung.


In Buchtaberg, 150 Kilometer südöstlich von Prag, hatten 200 Mülheimer Mittelschüler Zuflucht vor den Bomben gefunden, die in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 auch Aubergs Elternhaus an der Friedrich-Karl-Straße zerstört hatten. Auberg und seine Klassenkammeraden lebten und lernten mit ihren Lehrern Wilhelm Dietz und Martha Kükel in einer ehemaligen Lungenheilanstalt für Kinder. „Trotz des Kriegs erlebten wir dort eine schöne Zeit. Im Winter konnten wir Skifahren und im Frühjahr und Sommer durch die Wälder wandern. Außerdem hatten wir ein gutes Verhältnis zu den Bewohnern des nahegelegenen Dorfes Niemetzki, die uns zu ihren Gottesdiensten einluden und regelmäßig unsere Skier reparierten“, erinnert sich Auberg.

Doch am 26. April, als die Amerikaner schon in Mülheim das Kommando übernommen hatten, mussten die Mülheimer Mittelschüler, per Zug und auf Lastwagen der Wehrmacht vor der heranrückenden Roten Armee gen Westen fliehen. Auberg erinnert sich: „Wir wussten damals nichts von unseren Eltern und von der Lage in Mülheim, da die Postverbindung seit Monaten abgebrochen war. Ein Klassenkamerad, der bereits Wochen vor mir auf eigene Faust von seinem Vater aus nach Mülheim zurückgeholt wurde, konnte uns später berichten, dass die amerikanischen Truppen am 11. April aus Essen kommend über die Aktienstraße in Mülheim einmarschiert waren, ohne dabei auf Widerstand der Wehrmacht zu treffen, die sich bereits zurückgezogen hatten.“


Ihren ersten schwarzen GI sahen Auberg und seine anderen Mitschüler nicht in Mülheim, sondern auf ihrem Heimweg dorthin, der sie auch durch Berchtesgaden führte. „‘Come on, boys‘ sagte er zu uns und schenkte uns Schokolade und Kaugummi. Dabei war er überrascht, dass wir Englisch sprechen und ihn verstehen konnten“, erinnert sich Auberg. 


Im Juli 1945 sah der 14-Jährige seine Heimatstadt, eine Trümmerlandschaft, wieder. Dort regierten Not und Hunger. Mit seiner Mutter Else, seinem jüngeren Bruder Horst und seiner Großmutter lebte er im 20 Quadratmeter großen Keller des zerbombten Elternhauses. „Dort regnete es durch. Später konnte mein Onkel Walter Holz, Steine und Zement organisieren, so dass wir notdürftig mit dem Wiederaufbau beginnen konnten, der sich bis 1947 hinziehen sollte“, erinnert sich Auberg. Sein Onkel Hans, der wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft zwischenzeitlich seine Stelle beim stätischen Katasteramt verlor und deshalb in einer Waschmaschinenfabrik an der Charlottenstraße arbeiten musste, machte Heinz derweil mit der klassischen Musik und dem kleinen Einmaleins der Mathematik vertraut.


Sein Vater Heinrich sollte erst 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft heimkehren und als Straßenbahnschaffner den Lebensunterhalt der Familie verdienen konnte. Bis dahin fuhren Heinz und seine Mutter in überfüllten Zügen zum Hamstern aufs Land nach Hamminkeln und Gifhorn. „Mutter nähte dort für die Bauern und wir bekamen dafür von ihnen Brot, Butter, Kartoffeln, Speck und Wurst“, erinnert sich Auberg. In unguter Erinnerung geblieben sind ihm die Bahnpolizisten, die sich auf der Heimfahrt bei sogenannten Kontrollen sich auch schon mal das eine oder andere erhamsterte Lebensmittel für den Eigenbedarf unter den Nagel rissen.


Unvergesslich bleibt Heinz Auberg auch der Verlust einer Lebensmittelkarte. „Das war eine Katastrophe. Aber ich konnte meinen Fehler wiedergutmachen, in dem ich Zigaretten und Kaugummi, die ich amerikanischen Soldaten aus dem Handschuhfach ihrer Jeeps geklaut hatte, gegen Lebensmittel eintauschte“, erzählt er. Ab dem 1. Oktober 1945 mussten Auberg und seine Klassenkameraden wieder zur Mittelschule. Da ihr altes Schulgebäude an der Ecke Kaiserstraße/Adolfstraße den Bomben zum Opfer gefallen war, wurden die Mittelschulen für Mädchen und Jungen im Schulgebäude an der Oberstraße zusammengelegt. Aber Mädchen und Jungen wurden weiter getrennt unterrichtet. „Wir lernten ohne Bücher und abwechselnd vormittags und nachmittags und bekamen vom Schwedischen Roten Kreuz eine Schulspeise, die aus Erbsen- oder Biskuit-Suppe bestand“, weiß Auberg zu berichten. Auf dem Stundenplan standen Deutsch, Mathematik und Englisch. Aber die jüngste Vergangenheit und ihre politischen Folgen waren in der Schule kein Thema. Der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie und deren philosophischen Grundlagen kamen damals nur in der Jugendgruppe des Styrumer Pfarrers Paul Biermann zur Sprache. Der hatte während der NS-Zeit zur regimekritischen Bekennenden Kirche gehört. Nach dem Unterrichtsende ging es oft zum Steineklopfen und Trümmerräumen in die Stadt. Die geistigen Trümmer zu beseitigen, die die NS-Diktatur hinterlassen hatte, dauerte noch länger. „Ich erinnere mich, dass wir beim Anstreichen unseres Klassenraums das NS-Lied: ‚Ein Junges Volk steht auf, zum Sturm bereit!‘ gesungen haben und dafür beinahe von der Schule geflogen wären“, erinnert sich Auberg. Er räumt ein, dass es für ihn bis in die 1950er Jahre hinein dauerte, ehe er nach der Lektüre von Golo Manns Buch: ‚Deutschlands Weg im 20. Jahrhundert dauerte, ehe er sich endgültig von der NS-Ideologie verabschieden konnte, die das Denken seiner Kindheit und Jugend geprägt hatte.


Dieser Text erschien am 15. April 2020 in NRZ &; WAZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...