Gestern besuchte ich einen Familiengottesdienst. Für mich, dessen Kindertage schon länger zurückliegen, als ich es selbst glauben kann, war es ein Aha-Erlebnis.
Wo wir als Knirpse einst andächtig dem Herrn Pastor lauschen mussten und es in neun von zehn Fällen auch ehrfürchtig taten, da der Pastor für uns damals so etwas, wie der Mülheimer Stellvertreter des lieben Gottes war, herrscht heute ein munteres Krabbeln und Knuddeln in den Kirchenbänken. Ein kleiner Steppke macht sich selbstständig und krabbelt durch den Mittelgang, um sich mal näher anzuschauen, was den da im Altarraum vor sich geht.
Ehe das Christkind in die Gabenbereitung gerät oder die erste Kerze des Adventskranzes erreichen kann, setzt die Mama zum Spurt an und fängt den kleinen Messdiener in spé ein. Währenddessen nimmt der Papa das quengelnde Schwesterlein auf den Arm. Familiengottesdienst. Das ist mehr Aktion als Besinnung.
Was wohl der liebe Gott und sein Jesus-Kind dazu sagen würden. Das Matthäus-Evangelium gibt die Antwort: „Jesus sprach: Lasset die Kinder zu mir kommen und haltet sie nicht ab, denn solcher ist das Himmelreich.“
Dieser Text erschien am 4. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Montag, 4. Dezember 2017
Sonntag, 3. Dezember 2017
Ein Zeitsprung an der Schulstraße: Das Karl-Ziegler-Gymnasium
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| Das alte Schulgebäude an der Schulstraße in den Nachkriegsjahren: Ein Foto aus dem Medienzem |
Bis zur Eröffnung der Heinrich-Thöne-Volkshochschule (1979) wurden an der Schulstraße nicht nur Schüler, sondern auch Teilnehmer von Volkshochschulkursen unterrichtet.
Gut 70 Jahre, nach dem die historische Aufnahme entstand, kennen wir diese Schule heute als Karl-Ziegler-Ganztags-Gymnasium, das am 2. Dezember zwischen 9 Uhr und 12.30 Uhr zum Tag der offenen Tür und zum Ehemaligentreffen einladen wird. Zuletzt hat die Karl-Ziegler-Schule mit der Eröffnung eines in den Schulbetrieb integrierten Jugendzentrums, dem Café Ziegler Schlagzeilen gemacht.
Der Mülheimer Chemie-Nobelpreisträger Karl Ziegler war gerade ein Jahr tot, als man ihn 1974 zum Namenspatron des städtischen Gymnasiums erhob. Von 1937 bis 1945 trug die heutige Karl-Ziegler-Schule den Namen des Industriellen und Hitler-Förderers Emil Kirdorf. In den 1970er Jahren wurden an der Schulstraße Jungen und Mädchen erstmals gemeinsam unterrichtet.
Die Schülerzahl stieg. Und das alte Schulgebäude musste einem Neubau weichen, der 2010 saniert werden und um eine Mensa erweitert werden sollte.
Dieser Text erschien am 20. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Der Alltag ist das Abenteuer
Es gibt Leute, die ins Dschungelcamp gehen, um ein Abenteuer zu erleben. Ich brauche nur vor die Haustür zu gehen, um Vergleichbares zu erleben. Ich bin in Eile. Der nächste Termin wartet. Doch die Rolltreppe an der nächsten U-Bahn-Haltestelle macht ihren Namen keine Ehre. Sie steht und ich stehe auch länger, als mir lieb ist, am Bahnsteig, um auf die nächste Linie zu warten.
Vom Bahnhof soll es weiter gehen. Doch der Zug, der mich zum Ziel bringt, fällt aufgrund von Bauarbeiten aus. Ich hetzte zum nächsten Bahnsteig, um wenigstens die nächste S-Bahn zu bekommen.
Ich bin schon zu spät dran, aber fast am Ziel, als mich eine ausgefallene Ampel an einer stark befahrenen Straße ausbremst. Todesmutig stürze ich über die Straße, als der Autostrom für einen Moment abebbt. Das ich zu spät zu der Veranstaltung komme, über die ich berichten soll, versteht sich von selbst. Aber immerhin. Ich erlebe sie noch und bekomme so viel von ihr mit, dass ich anschließend einen aussagekräftigen Text schreiben kann. Aber vorher muss ich noch einer alten Dame ihren Rollator auf den Bahnsteig tragen, weil der Aufzug am Bahnhof ausgefallen ist. Jetzt weiß. Der Alltag ist das Abenteuer.
Dieser Text erschien am 30. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Vom Bahnhof soll es weiter gehen. Doch der Zug, der mich zum Ziel bringt, fällt aufgrund von Bauarbeiten aus. Ich hetzte zum nächsten Bahnsteig, um wenigstens die nächste S-Bahn zu bekommen.
Ich bin schon zu spät dran, aber fast am Ziel, als mich eine ausgefallene Ampel an einer stark befahrenen Straße ausbremst. Todesmutig stürze ich über die Straße, als der Autostrom für einen Moment abebbt. Das ich zu spät zu der Veranstaltung komme, über die ich berichten soll, versteht sich von selbst. Aber immerhin. Ich erlebe sie noch und bekomme so viel von ihr mit, dass ich anschließend einen aussagekräftigen Text schreiben kann. Aber vorher muss ich noch einer alten Dame ihren Rollator auf den Bahnsteig tragen, weil der Aufzug am Bahnhof ausgefallen ist. Jetzt weiß. Der Alltag ist das Abenteuer.
Dieser Text erschien am 30. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Freitag, 1. Dezember 2017
Analog trifft digital
Der Lehrer reicht dem Schüler, der hinter seinem Notebook sitzt, einen Text. „Was soll ich damit?“ fragt der junge Mann. Der Lehrer, der sich in seinem Leben schon viel zu oft viel zu viel versprochen hat, dachte, dass ergäbe sich aus der Situation. Als er noch Schüler war und Texte von seinem Lehrer bekam, verstand sich das von selbst als eine Aufforderung zum Lesen, Analysieren und Referieren dessen Inhalts. Doch im digitalen Zeitalter, so muss der analog aufgewachsene Lehrer einsehen, hat bedrucktes Papier keinen ultimativen Lesanreiz mehr, erst recht, wenn der Umfang des gedruckten Textes („Was so viel?) den Twitter-Rahmen deutlich überschreitet.
5 oder 6 bedruckte Seiten auf schnödem Papier, ohne jeden visuellen Anreiz, zu lesen, ist für die Generation 4.0 aber auch wirklich eine unverschämte Zumutung.
Und wir wissen heute, dass man auch mit 140 Zeichen Karriere machen kann. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie unsere amerikanischen Freunde und ihren Präsidenten, der allerdings eher für 0.0 statt für 4.0 steht. Und daran sollte sich die vielversprechende Jugend auch im digitalen Deutschland kein Vorbild nehmen.
Dieser Text erschien am 1. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
5 oder 6 bedruckte Seiten auf schnödem Papier, ohne jeden visuellen Anreiz, zu lesen, ist für die Generation 4.0 aber auch wirklich eine unverschämte Zumutung.
Und wir wissen heute, dass man auch mit 140 Zeichen Karriere machen kann. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie unsere amerikanischen Freunde und ihren Präsidenten, der allerdings eher für 0.0 statt für 4.0 steht. Und daran sollte sich die vielversprechende Jugend auch im digitalen Deutschland kein Vorbild nehmen.
Dieser Text erschien am 1. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Donnerstag, 30. November 2017
Manchmal muss es eben rot sein
Gestern ging Mutter und mir ein Licht auf. Wir brauchen einen Adventskranz. Denn am kommenden Sonntag soll ja schon die erste Kerze brennen.
Es soll ja Menschen geben, die jetzt einfach ihren künstlichen Kranz mit elektrischen Kerzen aus dem Keller holen und: „Licht aus, Spot an“ in Adventsstimmung kommen. Doch dafür sind Mutter und ich einfach zu traditionalistisch.
Angesichts solcher Künstlichkeiten im Schimmer der gedämpften Elektrokerzen bliebe uns der Spekulatius sicher im Halse stecken.
Auch wenn uns das Leben den Kinderglauben an Sankt Nikolaus und das Christkind ausgetrieben hat, wollen wir doch mit Blick auf Weihnachten keinesfalls die Herzenswärme und den Hoffnungsschimmer im Licht der Frohen Botschaft, die den kommerziellen Glamour der Vorweihnachtszeit überstrahlt, verlieren. Deshalb beschenken wir uns vor dem ersten Advent mit einem echten, Adventskranz, dessen Kerzen brennen, damit unsere innere Wärme in stürmischen und kalten Zeiten von außen befeuert werden möge.
Und diese echte Wärme der aufflammenden Kerzen muss sich auch im warmen Rot dieser Kerzen niederschlagen, obwohl wir sonst gar nicht gerne rot sehen.
Dieser Text erschien am 29. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Es soll ja Menschen geben, die jetzt einfach ihren künstlichen Kranz mit elektrischen Kerzen aus dem Keller holen und: „Licht aus, Spot an“ in Adventsstimmung kommen. Doch dafür sind Mutter und ich einfach zu traditionalistisch.
Angesichts solcher Künstlichkeiten im Schimmer der gedämpften Elektrokerzen bliebe uns der Spekulatius sicher im Halse stecken.
Auch wenn uns das Leben den Kinderglauben an Sankt Nikolaus und das Christkind ausgetrieben hat, wollen wir doch mit Blick auf Weihnachten keinesfalls die Herzenswärme und den Hoffnungsschimmer im Licht der Frohen Botschaft, die den kommerziellen Glamour der Vorweihnachtszeit überstrahlt, verlieren. Deshalb beschenken wir uns vor dem ersten Advent mit einem echten, Adventskranz, dessen Kerzen brennen, damit unsere innere Wärme in stürmischen und kalten Zeiten von außen befeuert werden möge.
Und diese echte Wärme der aufflammenden Kerzen muss sich auch im warmen Rot dieser Kerzen niederschlagen, obwohl wir sonst gar nicht gerne rot sehen.
Dieser Text erschien am 29. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Mittwoch, 29. November 2017
Ein Zeitsprung zwischen Schloßstraße und Eppinghofer Straße
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| Eine Innenstadtansicht aus dem Jahr 1970 Privatarchiv Walter Neuhoff |
Damals ist der Bereich zwischen Schloßstraße und Eppinghofer Straße noch befahrbar. Erst 1986 wird hier der heutige Kurt-Schumacher-Platz mit seiner Brunnenlandschaft entstehen und damit eine fußläufige Verbindung zu dem im März 1974 eröffneten City-Center geschaffen. An dessen Stelle wird 20 Jahre später das heutige Forum City Mülheim treten.
„In dem Haus an der linken Bildseite befindet sich 1970 die Geschäftsstelle der WAZ. Auf der rechten Seite kann man an der Ecke Schloßstraße/Eppinghofer Straße die damalige Geschäftsstelle der NRZ erkennen. Gleich neben der Geschäftsstelle kauft man 1970 bei Stöters Gardinen und Stoffe, Krawatten im Krefelder Krawattenhaus und Schreibwaren bei Hugo und Walter Leiter.
Im rechten Bildmittelpunkt der Postkarte von 1970 schaut man auf das Bettenhaus Biesgen. Und in der linken Bildmitte erscheint die uns bis heute vertraute Aussicht auf den 1930, als Haus der Evangelischen Kirche, eröffneten Altenhof und auf die 1929 eingeweihte katholische Stadtkirche St. Mariae Geburt.
Nicht nur Autos, sondern auch die Straßenbahnlinien 8, 18, 15 und 12 fuhren damals zwischen Eppinghofer- und Schloßstraße zum Bahnhof Mülheim-Ruhr (Stadt), der dann 1974 den Namen Hauptbahnhof erhält. Auf der äußersten rechten Bildseite sieht man auch noch die für die damalige Zeit üblichen Parkuhren. Automobilisten werden auch noch den Mercedes-Benz/8 (Mitte) oder den Ford Taunus (rechts) erkennen.
Dieser Text erschien am 27. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Dienstag, 28. November 2017
Zweierlei Arten von Handwerkern
Manchmal muss man Menschen einfach bewundern. So erging es mir am gestrigen Vormittag, als ich an der Ecke Kohlenkamp/Wallstraße einen unermüdlichen Malergesellen in penetranten November-
Nieselregen eifrigst eine Geschäftsfassade streichen sah.
Seine Arbeit wurde von den Nachrichten aus einem kleinen Radio begleitet, die von der Dauerbaustelle der politischen Staatsbauhandwerker berichteten.
Wie gut, dass der Mann am Pinsel sich kein Vorbild an seinen Kollegen an der Werkbank der Nation nimmt. Sonst hätte sein Auftrageber auch Weihnachten noch keine schöne neue Hausfassade.
Handwerksbetriebe, die den mit ihren Auftraggebern vereinbarten Termin versäumen, zu dem ihre Arbeit einwandfrei erledigt sein soll, müssen mit Regressforderungen rechnen. Vielleicht würde die Einführung einer solchen Regresspflicht für politische Handwerker dafür sorgen, dass Fegefeuer der Eitelkeiten gelöscht würde und die Damen und Herrn am Staatsbau ihren Wählerauftrag zügig erledigen, in dem sie Farbe bekenn und die Ärmel hochkrempeln statt es allzu bunt zu treiben und ihren Souverän im Regen stehen zu lassen.
Dieser Text erschien am 28. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Nieselregen eifrigst eine Geschäftsfassade streichen sah.
Seine Arbeit wurde von den Nachrichten aus einem kleinen Radio begleitet, die von der Dauerbaustelle der politischen Staatsbauhandwerker berichteten.
Wie gut, dass der Mann am Pinsel sich kein Vorbild an seinen Kollegen an der Werkbank der Nation nimmt. Sonst hätte sein Auftrageber auch Weihnachten noch keine schöne neue Hausfassade.
Handwerksbetriebe, die den mit ihren Auftraggebern vereinbarten Termin versäumen, zu dem ihre Arbeit einwandfrei erledigt sein soll, müssen mit Regressforderungen rechnen. Vielleicht würde die Einführung einer solchen Regresspflicht für politische Handwerker dafür sorgen, dass Fegefeuer der Eitelkeiten gelöscht würde und die Damen und Herrn am Staatsbau ihren Wählerauftrag zügig erledigen, in dem sie Farbe bekenn und die Ärmel hochkrempeln statt es allzu bunt zu treiben und ihren Souverän im Regen stehen zu lassen.
Dieser Text erschien am 28. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
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