Folgt man der Bevölkerungsprognose der Stadtforschung, werden 2025 fast 54 Prozent der Mülheimer über 60 sein. Wenn dann ab 2030 das Rentenniveau auf 43 Prozent des letzten Monatsgehaltes abgesenkt werden und mehr als ein Drittel der Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein werden, wird auch der Bedarf an bezahlbaren und barrierefreien Wohnungen deutlich ansteigen. Deshalb bescheinigte das Bochumer Institut für Wohnungswesen (Inwis) der Stadt bereits 2012 einen Nachholbedarf beim altersgerechten Wohnraum, mit einem Schwerpunkt im unteren und mittleren Mietsegment. Danach brauchen die Mülheimer Senioren ab 2025 verstärkt Wohnungen, die möglichst barrierefrei, nicht größer als 65 Quadratmeter und nicht teurer als 6 bis 9 Euro pro Quadratmeter sind. Bis 2025 braucht Mülheim, laut Inwis, 500 bis 600 neue altengerechte Wohnungen und 540 betreute Altenwohnungen.
Das sehen auch der Geschäftsführer der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft, Frank Esser und die Sprecherin der SWB, Christina Heine, so. 52 Prozent der MWB-Wohnungen sind nicht größer als 60 und 26,5 Prozent der SWB-Wohnungen nicht größer als 70 Quadratmeter. Beide Unternehmen arbeiten mit einer Durchschnittsmiete von rund 5 Euro pro Quadratmeter und bieten zusammen mit externen Kooperationspartnern älteren Mietern bei Bedarf Hilfestellungen für die Bewältigung des Alltags an.
„Wir haben die Herausforderung erkannt, die mit diesem sozialen und demografischen Wandel verbunden ist und wir sehen uns als örtliche Wohnungsbauunternehmen vor allem der Grundversorgung mit Wohnraum verpflichtet und wollen nicht um jeden Preis den maximalen Gewinn herausholen“, sagt Heine. Und Esser formuliert es so: „Als Genossenschaft verstehen wir uns als Vorteilsgemeinschaft, die sowohl ihren schwachen, wie ihren starken Mitgliedern ein Wohnraumangebot machen will.“
Grundsätzlich ist der MWB-Chef davon überzeugt, dass die Stadt und die lokalen Wohnungsunternehmen nur dann ihr soziales und finanzielles Gleichgewicht behalten können, wenn sie Wohnraumangebote für das preiswerte und für das gehobene Wohnsegment anbieten können. Er ist zuversichtlich, dass der Wohnungsmarkt des Ruhrgebietes auf absehbare Zeit entspannt bleiben wird und es, anders als in hochpreisigen Ballungszentren, wie Düsseldorf oder Köln, auch dann zu keinen sozialen Verwerfungen kommen wird, wenn die Zahl der Mieter mit kleinen Renten zunehmen wird.
Holger Förster von der Seniorenwohnberatung der Stadt ist nicht ganz so optimistisch. Er hat in seinen Beratungsgesprächen immer wieder den Eindruck, dass das Angebot bezahlbarer und barrierefreier Altenwohnungen eher rückläufig ist und die Nachfrage vor allem alleinstehender Senioren mit kleiner Rente steigt. „Wer Geld hat, wird sich seine Wohnung aussuchen können, wer nicht, wird Abstriche bei den Wohnstandards machen müssen“, prognostiziert Förster.
Mit Esser ist er sich einig, dass viele Neu- und Umbaumaßnahmen im Bereich des barrierefreien, bezahlbaren und altersgerechten Wohnens oft deshalb nicht realisiert werden, weil vorhandene Fördermittel nicht bekannt und deshalb nicht abgerufen werden. „Das Land stellt jährlich 900 Millionen Euro für die Wohnraumförderung bereit“, sagt Esser. „Ab 2015 fördert die Pflegeversicherung Umbaumaßnahmen, die sich als Bedarf aus einer Pflegestufe heraus ergeben mit bis zu 4000 Euro“, betont Förster.
„Viele wissen das nicht, obwohl wir natürlich auch in diese Richtung beraten“, räumt Thomas Wessel vom privaten Eigentümerverband Haus- und Grund ein. Der Verband vertritt in Mülheim 4000 Mitglieder. „Das Durchschnittsalter liegt bei 59 Jahren und viele denken über einen Verkauf nach, wenn ihre selbst genutzte Immobilie nicht barrierefrei ist“, weiß Wessel. Das größte Problem sieht er darin, dass es im vergleichsweise alten Mülheim „zu viele Häuser ohne Aufzug gibt.“
Deshalb konzentrieren sich MWB und SWB dort, wo es in ihrem Bestand keine Aufzüge gibt, darauf die Erdgeschosswohnungen barrierefrei oder barrierearm umzubauen.
Barrierearm oder barrierefrei. Diesen Status haben inzwischen 11 Prozent der 8570 SWB-Wohnungen und 12,6 Prozent der 4750 MWB-Wohnungen erreicht. Diese Umbauarbeiten leisten die Wohnungsbaugesellschaften auch im eignen Interesse. Denn schon heute sind rund 30 Prozent aller SWB- und rund 43 Prozent aller MWB-Mieter über 60.
Haus- und Grund-Mann Wessel weist darauf hin, dass die privaten Hauseigentümer im Gegensatz zu den großen Wohnungsgesellschaften, keinen großen Spielraum haben, um Umbaumaßnahmen oder geringere und damit sozial verträglichere Mieten finanzieren können.
„Wer als Bauherr Wohnraum schafft, will am Ende damit auch Geld verdienen“, weiß Seniorenwohnberater Förster.
Dieser Text erschien am 9. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Donnerstag, 30. Oktober 2014
Montag, 27. Oktober 2014
Altersarmut ist für die Deutsche Rentenversicherung Rheinland eine Frage der Arbeitsmarktpolitik, die nur der Gesetzgeber beantworten kann
Die Rente ist sicher“, behauptete einst Bundesarbeitsminister Norbert Blüm. Doch wie bekommt man eigentlich Rentenansprüche und wie sicher sind sie, wenn der demografische Wandel dazu führen wird, dass die Zahl der Rentner zunehmen und die Zahl der Beitragszahler abnehmen wird. Dazu befragte ich für die NRZ den Sprecher der Deutschen Rentenversicherung Rheinland (DRV), Jochen Müller, der Rentenrecht studiert und viele Jahre als Berater der DRV gearbeitet hat.
Frage: Ist Altersarmut in Ihren Beratungsgesprächen ein Thema?
Antwort: Eigentlich nur vereinzelt. Denn die meisten Anfragen, die wir zurzeit in unseren Beratungsstellen bearbeiten, kommen von rentennahen Jahrgängen aus der Generation 50 plus. Sie drehen sich vor allem um die Fragen: Kann ich mit 63 in Rente gehen? und: Bekomme ich eine Mütterrente? Wir werden natürlich auch mit der Frage konfrontiert, wie sich Zeiten der Arbeitslosigkeit auf die persönlichen Rentenansprüche auswirken.
Frage: Werden Zeiten der Arbeitslosigkeit denn auf den Rentenanspruch angerechnet?
Antwort: Das gilt nur für kurze Zeiten der Arbeitslosigkeit. Wenn jemand nur ein Jahr arbeitslos ist und Arbeitslosengeld I bezieht, werden weiterhin 18,9 Prozent seines Arbeitslosengeldes in die Rentenversicherung eingezahlt. Aber wenn jemand länger als ein Jahr arbeitslos ist und ins Arbeitslosengeld II abrutscht, werden dafür keine Rentenbeiträge mehr eingezahlt.
Frage: Wie sicher wird die Rente in Zukunft sein, wenn sich der demografische Wandel verschärft?
Antwort: Die Deutsche Rentenversicherung Rheinland wird 2015 125 Jahre bestehen. Sie hat auch die Weltwirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009 unbeschadet überstanden. Deshalb halten wir auch weiterhin am Generationenvertrag und an der Umlagefinanzierung der Renten fest. Ich gebe aber zu, dass eine Alterssicherung, die nur auf die gesetzliche Rente baut, schwierig wird, wenn sie nicht um die beiden anderen Säulen, die privaten Altersvorsorge und die Betriebsrenten, ergänzt wird. Der Gesetzgeber hat einen Nachhaltigkeitsfaktor eingebaut, der das Rentenniveau bis 2030 auf 43 Prozent des letzten Arbeitseinkommens absenkt, um zu verhindern, dass der Rentenversicherungsbeitrag auf über 22 Prozent des Bruttolohnes steigt.
Frage: Ist dieser Nachhaltigkeitsfaktor verbunden mit dem zunehmenden Anteil der Menschen, die über längere Zeiten ihres Arbeitslebens arbeitslos, prekär beschäftigt oder schlecht bezahlt waren, nicht sozial ungerecht, weil so Altersarmut programmiert wird?
Antwort: Das ist keine Frage der Rentenversicherung, sondern der Arbeitmarktpolitik. Dieses Problem kann nicht von der Rentenversicherung, sondern nur vom Gesetzgeber gelöst werden.
Frage: Wie kommt man zu Rentenansprüchen und welche Zeiten werden angerechnet?
Antwort: Wer mindestens fünf Jahre Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt, kann eine gesetzliche Rente bekommen. Das aktuelle Renteneintrittsalter liegt derzeit bei 65 Jahren und drei Monaten und wird bis 2030 auf 67 Jahre angehoben. Wer später oder früher in Rente geht, muss mit individuellen Ab- oder Aufschlägen rechnen. Grundsätzlich gilt: Wer als Auszubildender oder als Angestellter gemeinsam mit seinem Arbeitgeber aktuell 18,9 Prozent seines Bruttolohns in die Rentenversicherung einzahlt, bekommt dafür sogenannte Entgeltpunkte auf seinem Rentenkonto gut geschrieben, die jeweils einkommensabhängig sind. Am Ende des Berufslebens wird die Gesamtzahl der Entgeltpunkte mit dem Rentenwert, der von der Bundesregierung (aktuell auf 28,61 Euro) festgelegt ist, multipliziert. Neben Erwerbszeiten werden aber auch Ausbildungs- und Erziehungszeiten auf den Rentenanspruch angerechnet. Für Kinder, die vor 1992 geboren wurden, können pro Kind 24 Monate als Erziehungszeit geltend gemacht werden. Bei Kindern, die nach 1992 geboren wurden, können insgesamt 36 Monate als Erziehungszeiten angerechnet werden. Als Ausbildungszeiten werden seit 1992 nur noch drei berufsvorbereitende Ausbildungsjahre anerkannt, die nach dem vollendeten 17. Lebensjahr begonnen haben.
Frage: Kann man auch freiwillig in die Rentenversicherung einzahlen, um seine Rentenansprüche zu erhöhen?
Antwort: Ja, man kann monatlich zwischen 85,05 und 1124,55 Euro freiwillig einzahlen. Das macht in der Regel aber nur dann Sinn, wenn man damit Rentenlücken von wenigen Monaten schließen kann. Ansonsten macht eine private Altersvorsorge mehr Sinn.
Dieser Text erschien am 15. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Frage: Ist Altersarmut in Ihren Beratungsgesprächen ein Thema?
Antwort: Eigentlich nur vereinzelt. Denn die meisten Anfragen, die wir zurzeit in unseren Beratungsstellen bearbeiten, kommen von rentennahen Jahrgängen aus der Generation 50 plus. Sie drehen sich vor allem um die Fragen: Kann ich mit 63 in Rente gehen? und: Bekomme ich eine Mütterrente? Wir werden natürlich auch mit der Frage konfrontiert, wie sich Zeiten der Arbeitslosigkeit auf die persönlichen Rentenansprüche auswirken.
Frage: Werden Zeiten der Arbeitslosigkeit denn auf den Rentenanspruch angerechnet?
Antwort: Das gilt nur für kurze Zeiten der Arbeitslosigkeit. Wenn jemand nur ein Jahr arbeitslos ist und Arbeitslosengeld I bezieht, werden weiterhin 18,9 Prozent seines Arbeitslosengeldes in die Rentenversicherung eingezahlt. Aber wenn jemand länger als ein Jahr arbeitslos ist und ins Arbeitslosengeld II abrutscht, werden dafür keine Rentenbeiträge mehr eingezahlt.
Frage: Wie sicher wird die Rente in Zukunft sein, wenn sich der demografische Wandel verschärft?
Antwort: Die Deutsche Rentenversicherung Rheinland wird 2015 125 Jahre bestehen. Sie hat auch die Weltwirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009 unbeschadet überstanden. Deshalb halten wir auch weiterhin am Generationenvertrag und an der Umlagefinanzierung der Renten fest. Ich gebe aber zu, dass eine Alterssicherung, die nur auf die gesetzliche Rente baut, schwierig wird, wenn sie nicht um die beiden anderen Säulen, die privaten Altersvorsorge und die Betriebsrenten, ergänzt wird. Der Gesetzgeber hat einen Nachhaltigkeitsfaktor eingebaut, der das Rentenniveau bis 2030 auf 43 Prozent des letzten Arbeitseinkommens absenkt, um zu verhindern, dass der Rentenversicherungsbeitrag auf über 22 Prozent des Bruttolohnes steigt.
Frage: Ist dieser Nachhaltigkeitsfaktor verbunden mit dem zunehmenden Anteil der Menschen, die über längere Zeiten ihres Arbeitslebens arbeitslos, prekär beschäftigt oder schlecht bezahlt waren, nicht sozial ungerecht, weil so Altersarmut programmiert wird?
Antwort: Das ist keine Frage der Rentenversicherung, sondern der Arbeitmarktpolitik. Dieses Problem kann nicht von der Rentenversicherung, sondern nur vom Gesetzgeber gelöst werden.
Frage: Wie kommt man zu Rentenansprüchen und welche Zeiten werden angerechnet?
Antwort: Wer mindestens fünf Jahre Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt, kann eine gesetzliche Rente bekommen. Das aktuelle Renteneintrittsalter liegt derzeit bei 65 Jahren und drei Monaten und wird bis 2030 auf 67 Jahre angehoben. Wer später oder früher in Rente geht, muss mit individuellen Ab- oder Aufschlägen rechnen. Grundsätzlich gilt: Wer als Auszubildender oder als Angestellter gemeinsam mit seinem Arbeitgeber aktuell 18,9 Prozent seines Bruttolohns in die Rentenversicherung einzahlt, bekommt dafür sogenannte Entgeltpunkte auf seinem Rentenkonto gut geschrieben, die jeweils einkommensabhängig sind. Am Ende des Berufslebens wird die Gesamtzahl der Entgeltpunkte mit dem Rentenwert, der von der Bundesregierung (aktuell auf 28,61 Euro) festgelegt ist, multipliziert. Neben Erwerbszeiten werden aber auch Ausbildungs- und Erziehungszeiten auf den Rentenanspruch angerechnet. Für Kinder, die vor 1992 geboren wurden, können pro Kind 24 Monate als Erziehungszeit geltend gemacht werden. Bei Kindern, die nach 1992 geboren wurden, können insgesamt 36 Monate als Erziehungszeiten angerechnet werden. Als Ausbildungszeiten werden seit 1992 nur noch drei berufsvorbereitende Ausbildungsjahre anerkannt, die nach dem vollendeten 17. Lebensjahr begonnen haben.
Frage: Kann man auch freiwillig in die Rentenversicherung einzahlen, um seine Rentenansprüche zu erhöhen?
Antwort: Ja, man kann monatlich zwischen 85,05 und 1124,55 Euro freiwillig einzahlen. Das macht in der Regel aber nur dann Sinn, wenn man damit Rentenlücken von wenigen Monaten schließen kann. Ansonsten macht eine private Altersvorsorge mehr Sinn.
Dieser Text erschien am 15. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Sonntag, 26. Oktober 2014
Preiswert oder Luxus? Was bedeutet zunehmende Altersarmut für den Einzelhandel?
Ich kauf mir was. Kaufen macht so viel Spaß“, sang einst Herbert Grönemeyer. Doch der Spaß am Kaufen könnte künftig immer mehr Menschen vergehen, wenn mehr als ein Drittel der Rentner im dann mehrheitlich „alten“ Mülheim auf eine Grundsicherung im Alter angewiesen sein sollten, weil das Rentenniveau dann auf 43 Prozent des letzten Arbeitseinkommens absinkt.
Schon jetzt hat die Bundesregierung, von der auch die oben genannte Prognose aus dem Jahr 2012 stammt, festgestellt, dass die Rentner in den letzten 14 Jahren 20 Prozent ihrer Kaufkraft verloren haben. Wenn 2030 immer mehr der heute prekär Beschäftigten, zu prekär lebenden Ruheständlern werden, wird das Thema Altersarmut nicht nur ein soziales, sondern auch ein wirtschaftliches Thema sein. Denn in Mülheim hängt aktuell fast jeder neunte sozialversicherte Arbeitsplatz und fast jeder fünfte Minijob am Einzelhandel.
„Das wird verheerende Auswirkungen auf den Einzelhandel in den Ortszentren haben, weil dann immer mehr Menschen nach dem Motto: Geiz ist geil unter anderem auch im Internet einkaufen werden“, fürchtet die Saarner Buchhändlerin Brigitta Lange. Für sie gibt es nur ein Mittel, um Altersarmut abzuwenden. „Wir müssen neue und gut bezahlte Arbeitsplätze in die Stadt holen und Wohnquartiere schaffen, in denen man auch gerne alt werden möchte.“
Wirtschaftsförderer Jürgen Schnitzmeier von Mülheim & Business sieht Mülheim angesichts seines sozialen Nord-Süd-Gefälles schon heute als „geteilte Stadt.“ Gerade im Mittelstand erkennt er die zunehmende Angst, „im Alter sozial abzurutschen“, weil das 45-jährige Arbeitsleben mit Vollzeitstelle immer mehr zur Ausnahme und die brüchige Berufsbiografie „ohne Luft für private Altersvorsorge“ immer mehr zur Regel wird. Der Wirtschaftsförderer geht davon aus, dass sich die soziale Schere zwischen den gut situierten und den bedürftigen Rentner weiter öffnen und der Trend zum Discounter und zu Billig-Dienstleistern vom Einkauf über den Friseur bis zum Hotel fortsetzen wird. Wie kann man diesen sozialen und demografischen Wandel meistern? „Wir brauchen ein kluges Quartiersmanagement und mehr ehrenamtliches Engagement“, unterstreicht Schnitzmeier.
Die Einzelhändler Falk Paschmann (25) und Klaus Dieter John (62) erleben in ihren Edeka- und Rewe-Märkten schon heute die soziale Spreizung einer zunehmend älteren Kundschaft, die sich einerseits problemlos auch hochpreisige Produkte leisten kann und andererseits beim Einkauf auf jeden Euro achten muss. Beide Händler stellen sich schon heute mit preiswerten Eigenmarken und Bringservice auf die Bedürfnisse auch jener älteren Kunden mit kleinem Portemonnaie ein. „Das wird ein Spagat und eine Herausforderung, auf die wir uns als Unternehmer einstellen müssen, wenn künftige Rentner-Generationen nicht mehr so viel von der Rente sehen werden, wie das heute noch der Fall ist“, meint Paschmann. Wie er geht auch sein Styrumer Kollege John davon aus, „dass wir unsere Sortimente auf veränderte Nachfrage immer wieder neu ausrichten und flexibler werden müssen.“ Die beiden Einzelhändler versuchen auf ihre Weise der Altersarmut vorzubeugen. Paschmann, der für eine umfassende Rentenversicherung plädiert, in die alle Berufstätigen ohne Einkommensdeckelung einzahlen, bietet seinen Mitarbeitern eine betriebliche Altersvorsorge an. Und John beschäftigt in seinem Markt keine Mini-Jobber, sondern ausschließlich sozialversicherte Arbeitnehmer.
Bettina Heikamp, die das Styrumer Sozialkaufhaus Help leitet, in dem man für kleines Geld und bei Bedarf auch auf Raten einkaufen kann, stellt fest: „Das soziale Spektrum meiner Kunden wird immer breiter, weil der Mittelstand immer kleiner wird.“ Sie macht sich keine Illusionen darüber, dass die zunehmende Altersarmut im vergleichsweise alten Mülheim langfristig massive Auswirkungen auf den Handel haben und ihn zu einer Strategie „preiswert statt Luxus“ zwingen wird. „Schon heute haben wir viele ältere Kunden, die mit ihrer Rente kaum auskommen und deshalb erst mal nur Kartoffeln, Eier, Zwiebeln und Wirsing statt Ananas, Mango oder Weintrauben kaufen“, berichtet Wochenmarkthändler Martin Hellinghaus.
Und was machen Menschen, die gar nicht mehr oder nur noch ganz selten einkaufen können. Sie kommen zur Tafel des Diakoniewerks an der Georgstraße, die schon heute täglich 1000 Kunden kostenfrei versorgt. Ebenso wie das Sozialkaufhaus, ist auch die Tafel auf Spenden angewiesen. „Die Zahl der Menschen, die zu uns kommen, wird noch weiter zunehmen“, glaubt der Betriebsleiter des Diakoniewerkes, Michael Farrenberg. Der 54-Jährige sieht nur einen Ausweg aus der Armutsfalle. „Wenn wir mehr Menschen haben wollen, die ihr Geld in den Wirtschaftskreislauf geben, brauchen wir angemessene Löhne und Arbeit bis zur Rente. Das wird aber nur dann passieren, wenn Unternehmen und Arbeitgeber nachhaltiger handeln und nicht nur den kurzfristigen Profit im Blick haben.“
Dieser Text erschien am 10. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Schon jetzt hat die Bundesregierung, von der auch die oben genannte Prognose aus dem Jahr 2012 stammt, festgestellt, dass die Rentner in den letzten 14 Jahren 20 Prozent ihrer Kaufkraft verloren haben. Wenn 2030 immer mehr der heute prekär Beschäftigten, zu prekär lebenden Ruheständlern werden, wird das Thema Altersarmut nicht nur ein soziales, sondern auch ein wirtschaftliches Thema sein. Denn in Mülheim hängt aktuell fast jeder neunte sozialversicherte Arbeitsplatz und fast jeder fünfte Minijob am Einzelhandel.
„Das wird verheerende Auswirkungen auf den Einzelhandel in den Ortszentren haben, weil dann immer mehr Menschen nach dem Motto: Geiz ist geil unter anderem auch im Internet einkaufen werden“, fürchtet die Saarner Buchhändlerin Brigitta Lange. Für sie gibt es nur ein Mittel, um Altersarmut abzuwenden. „Wir müssen neue und gut bezahlte Arbeitsplätze in die Stadt holen und Wohnquartiere schaffen, in denen man auch gerne alt werden möchte.“
Wirtschaftsförderer Jürgen Schnitzmeier von Mülheim & Business sieht Mülheim angesichts seines sozialen Nord-Süd-Gefälles schon heute als „geteilte Stadt.“ Gerade im Mittelstand erkennt er die zunehmende Angst, „im Alter sozial abzurutschen“, weil das 45-jährige Arbeitsleben mit Vollzeitstelle immer mehr zur Ausnahme und die brüchige Berufsbiografie „ohne Luft für private Altersvorsorge“ immer mehr zur Regel wird. Der Wirtschaftsförderer geht davon aus, dass sich die soziale Schere zwischen den gut situierten und den bedürftigen Rentner weiter öffnen und der Trend zum Discounter und zu Billig-Dienstleistern vom Einkauf über den Friseur bis zum Hotel fortsetzen wird. Wie kann man diesen sozialen und demografischen Wandel meistern? „Wir brauchen ein kluges Quartiersmanagement und mehr ehrenamtliches Engagement“, unterstreicht Schnitzmeier.
Die Einzelhändler Falk Paschmann (25) und Klaus Dieter John (62) erleben in ihren Edeka- und Rewe-Märkten schon heute die soziale Spreizung einer zunehmend älteren Kundschaft, die sich einerseits problemlos auch hochpreisige Produkte leisten kann und andererseits beim Einkauf auf jeden Euro achten muss. Beide Händler stellen sich schon heute mit preiswerten Eigenmarken und Bringservice auf die Bedürfnisse auch jener älteren Kunden mit kleinem Portemonnaie ein. „Das wird ein Spagat und eine Herausforderung, auf die wir uns als Unternehmer einstellen müssen, wenn künftige Rentner-Generationen nicht mehr so viel von der Rente sehen werden, wie das heute noch der Fall ist“, meint Paschmann. Wie er geht auch sein Styrumer Kollege John davon aus, „dass wir unsere Sortimente auf veränderte Nachfrage immer wieder neu ausrichten und flexibler werden müssen.“ Die beiden Einzelhändler versuchen auf ihre Weise der Altersarmut vorzubeugen. Paschmann, der für eine umfassende Rentenversicherung plädiert, in die alle Berufstätigen ohne Einkommensdeckelung einzahlen, bietet seinen Mitarbeitern eine betriebliche Altersvorsorge an. Und John beschäftigt in seinem Markt keine Mini-Jobber, sondern ausschließlich sozialversicherte Arbeitnehmer.
Bettina Heikamp, die das Styrumer Sozialkaufhaus Help leitet, in dem man für kleines Geld und bei Bedarf auch auf Raten einkaufen kann, stellt fest: „Das soziale Spektrum meiner Kunden wird immer breiter, weil der Mittelstand immer kleiner wird.“ Sie macht sich keine Illusionen darüber, dass die zunehmende Altersarmut im vergleichsweise alten Mülheim langfristig massive Auswirkungen auf den Handel haben und ihn zu einer Strategie „preiswert statt Luxus“ zwingen wird. „Schon heute haben wir viele ältere Kunden, die mit ihrer Rente kaum auskommen und deshalb erst mal nur Kartoffeln, Eier, Zwiebeln und Wirsing statt Ananas, Mango oder Weintrauben kaufen“, berichtet Wochenmarkthändler Martin Hellinghaus.
Und was machen Menschen, die gar nicht mehr oder nur noch ganz selten einkaufen können. Sie kommen zur Tafel des Diakoniewerks an der Georgstraße, die schon heute täglich 1000 Kunden kostenfrei versorgt. Ebenso wie das Sozialkaufhaus, ist auch die Tafel auf Spenden angewiesen. „Die Zahl der Menschen, die zu uns kommen, wird noch weiter zunehmen“, glaubt der Betriebsleiter des Diakoniewerkes, Michael Farrenberg. Der 54-Jährige sieht nur einen Ausweg aus der Armutsfalle. „Wenn wir mehr Menschen haben wollen, die ihr Geld in den Wirtschaftskreislauf geben, brauchen wir angemessene Löhne und Arbeit bis zur Rente. Das wird aber nur dann passieren, wenn Unternehmen und Arbeitgeber nachhaltiger handeln und nicht nur den kurzfristigen Profit im Blick haben.“
Dieser Text erschien am 10. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Samstag, 25. Oktober 2014
Was der Leiterin einer Seniorentagesstätte zum Thema Altersarmut einfällt
Altersarmut ist kein Thema von morgen. Altersarmut ist schon heute ein Thema, sagt Elke Domann-Jurkiewicz. Die 64-jährige Mutter eines erwachsenen Sohnes, die ihre vor kurzen verstorbene Mutter bis zu letzt in der Familie gepflegt hat, muss es wissen. Denn sie leitet seit mehr als 16 Jahren die Seniorentagesstätte der Arbeiterwohlfahrt.
Sie schätzt, das etwa ein Drittel ihrer Gäste Probleme hat mit ihrer Rente über den Monat zu kommen. Viele, die es könnten und müssten, beantragen keine Grundsicherung im Alter, weil ihre Scham zu groß ist und sie zu Unrecht befürchten, dass ihre Kinder für sie zahlen müssten.
Wie sieht Altersarmut in der Awo-Tagesstätte an der Bahnstraße aus?
Man merkt es daran, dass viele Gäste nicht mehr jeden Tag am Mittagstisch teilnehmen oder sich nachmittags Kaffee und Kuchen gönnen, weil sie sich ein Mittagessen mit Vor- Haupt- und Nachspeise für 4,90 Euro, eine Tasse Kaffe für einen Euro oder ein Stück Kuchen für 1,50 Euro nicht täglich leisten kann. Auch die Teilnahme an einem Tagesausflug für kleines Geld ist für viele der Senioren, die zu uns kommen, ein großer Luxus geworden. Früher haben unsere Gäste regelmäßig von ihrem Urlaub berichtet. Heute reicht es, wenn überhaupt, oft nur noch für eine alles andere, als altersgerechte Tagesreise mit dem Bus, erzählt die Leiterin der Seniorentagesstätte.
Mit den Tränen kämpfen musste Domann-Jurkiewicz, als ihr vor einiger Zeit ein alter Herr ganz stolz erzählte, dass er sich einen Stövchen für Teelichter so umgebaut hatte, dass er sich jetzt damit ohne Strom Einsatz den Tee oder eine Mahlzeit warm machen könne.
Wenn jemand dieses Land mit aufgebaut, gearbeitet und Kinder groß gezogen hatte, sollte Er oder Sie doch wohl das Recht haben, im Alter sorgenfrei leben zu können, findet Domann-Jurkiewicz. Doch wenn sie sich in der Generation ihres Sohnes umschaut und umhört, ahnt sie: Mit der Altersarmut wird es in der Zukunft prickelnder. Denn wer bekommt heute noch einen gut bezahlten und unbefristeten Job. Und wie viele Menschen müssen sich mit 450-Euro-Jobs über Wasser halten.
Angesichts der hohen Mieten und Nebenkosten für Strom und Heizung, die jetzt schon viele Senioren mit kleiner Rente überfordern und machen Rentern monatlich nur noch 200 Euro für den täglichen Bedarf übriglassen, ist ihr mit Blick in die Zukunft klar: Die Frage der Miete und des Wohnens ist das A und O. Kleine, barrierefreie und bezahlbare Wohnungen werden nach ihrer Ansicht künftig mehr den je vonnöten sein. Auch Seniorenhäuser, wie sie sie in den Niederlanden kennengelernt hat, sieht Domann-Jurkiewicz als gute Idee. Hier leben Senioren in kleinen Häusern zusammen, sind nicht allein und bekommen bei Bedarf im Alltag professionelle Hilfestellung von außen.
Große Altenheime, das weiß die Leiterin der Seniorentagesstätte aus Gesprächen, sind vielen alten Menschen ein Graus. So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben, ohne den Kindern zur
Last zu fallen. Das wollen die Meisten.
Das kann aus Domanns Perspektive nur dann klappen, wenn der Irrweg der Einkaufszentren auf der grünen Wiese beendet und die Nahversorgung wieder näher zu den alten und oft nicht mehr so beweglichen Menschen kommt. Wer soll die Einkaufszentren denn noch erreichen, zumal wenn das Geld für die Fahrkarte fehlt, weil die Rente schon nicht fürs tägliche Leben reicht, fragt sich die Altentagesstätte. Initiativen, wie den Styrumer Bürgerbus, den Fahrdienst des Styrumer Nachbarschaftsvereins oder das Sozialticket der Mülheimer Verkehrsgesellschaft sieht sie in diesem Zusammenhang als wegweisend, um Mobilität und damit auch Teilhabe am sozialen Leben einer Stadt im Alter zu garantieren.
Auch die Seniorentagesstätten müssen sich in Zukunft ganz neu positionieren. Ohne ehrenamtliche Mitarbeiter wird es nicht gehen. Aber wir brauchen auch mehr hauptamtliche Mitarbeiter, die dort auch sozial in allen alltagsrelevanten Fragen Senioren beraten und betreuen können, glaubt Domann-Jurkiewicz.
Ihre eigene Altentagesstätte sähe sie am liebsten nicht an der Bahnstraße, wo unsere Gäste auf einen Innenhof schauen, wenn sie aus dem Fenster gucken, sondern an einem noch zentraleren Ort, etwa an der Leineweber- oder an der Schloßstraße. Alte Menschen wollen nicht auf den Hof, sondern auf die Straße schauen, wo Menschen vorbeikommen und das Leben ist.
Deshalb könnte sie sich Seniorentagesstätten künftig auch als Stadtteilzentren vorstellen, in denen nicht nur Senioren, sondern Menschen aller Generationen ein und ausgehen, um sich dort zum Beispiel in einem Cafe zu treffen, eine Beratungsstelle aufzusuchen oder dort auch Arbeits- und Verantsaltungsräume zu nutzen.
Am liebsten würde ich im Lotto gewinnen, um zumindest hier, wo ich bin all das zu finanzieren, was alte Menschen brauchen und verdient haben, sagt Domann, die in ihrer Altentagesstätte zum Beispiel eine barrierefrei Toilette vermisst. Doch die rührige Awo-Frau, die sich an der Bahnstraße weit über das Maß hinaus engagiert, das ihre Arbeitsstelle erfordert, weiß, dass die Altersarmut mit einem noch so großen Lottogewinn nicht zu besiegen sein wird.
Wir brauchen eine Kultur der Wertschätzung, die die Lebensleistung alter Menschen auch mit einer auskömmlichen Rente anerkennt, betont Domann-Jurkewiecz und wünscht sich deshalb für die Renter von morgen gut bezahlte Arbeitsplätze und dann eine steuerfinanzierte Grundrente, die niemanden dazu zwingt, mit 70 noch putzen zu gehen.
Sie wünscht sich aber auch Politiker, die sich wirklich für die Alltagsbedürfnisse alter Menschen interessieren und sich nicht nur um Senioren kümmern, wenn eine Wahl ansteht und sie ihre Stimme haben wollen.
Dieser Text erschien am 11. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr
Freitag, 24. Oktober 2014
Altersarmut: Mehr Geld für die Pllege? Auch in Zukunft wird nicht jede helfende Hand zu bezahlen sein
2014 und 2015 rechnet die Stadt mit jeweils 14 Millionen Euro, die sie (s. Kasten) für Menschen aufwenden muss, die ihre Pflegekosten nicht mehr alleine tragen können. Diese Summe dürfte deutlich steigen, wenn ab 2030 das Rentenniveau von 51 auf 43 Prozent des letzten Monatsgehaltes absinken und, wie 2012 vom Bundesarbeitsministerium prognostiziert, mehr als jeder dritte Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein sollte.
„Derzeit gehen wir davon aus, dass die Kosten für Pflegewohngeld und Hilfe zur Pflege jährlich um ein bis zwei Prozent steigen werden. Wir versuchen mit einer Strategie ambulant vor stationär den Kostenanstieg zu bremsen“, sagt der Leiter des Sozialamtes, Klaus Konietzka.
Dahinter steht die Idee: Wer möglichst lange mit pflegerischen, sozial beratenden und alltagsassistierenden Hilfen zu Hause leben kann, kommt erst später oder gar nicht ins teure Altenheim.
„Wir brauchen in jedem Wohnquartier Unterstützungsstrukturen, die wir heute schon aufbauen. Aber auch preiswerte Dienstleistungen kosten Geld. Und wenn die Zahl der Menschen steigt, die sich diese Dienstleistungen nicht mehr leisten können, werden wir als Gesellschaft nicht darum herum kommen, diese Dienstleistungen auch aus Steuermitteln zu finanzieren“, glaubt Konietzka. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die Stadt in diesem Punkt mehr denn je auf finanzielle Hilfe von Land und Bund angewiesen sein wird.
Deshalb ist es aus seiner Sicht konsequent, dass der Bund mit dem Pflegestärkungsgesetz ab 2015 den Pflegeversicherungsbeitrag um 0,5 Prozent erhöhen und damit zusätzlich fünf Milliarden Euro in den Pflegebereich geben will.
Auch für die Geschäftsführerin des ambulanten Pflegedienstes „Pflegepartner“ Christel Schneider, steht fest: „Wir müssen mehr Geld ins System geben, wenn wir keine minimalistische, sondern eine ganzheitliche Versorgung alter Menschen haben wollen.“ Doch für sie hängt die Pflegequalität nicht nur am Geldbeutel. Viel wäre für sie schon dann gewonnen, wenn ambulante Pflegedienste und Pflegeheime von bürokratischen Dokumentationspflichten entlastet würden, „um mehr Zeit für die Menschen zu haben.“
Ihr Kollege Martin Behmenburg vom ambulanten Dienst „Pflege Zuhause“ ahnt, „dass noch nie dagewesene Belastungen“ auf die Gesellschaft zukommen, wenn immer weniger Pflegebedürftige aus eignen Mitteln für ihre Pflege bezahlen können. Er fürchtet, dass die Versorgung im Extremfall auf das Niveau „satt und sauber“ absinken könnte, wenn es nicht gelingen sollte, die professionelle Pflege durch den Ausbau nachbarschaftlicher und ehrenamtlicher Hilfsstrukturen zu unterstützen.
Gute Ansätze zu der von Behmenburg erhofften „Kultur des Helfens“, sieht Sozialamtschef Konietzka im stadtteilorientierten Netzwerk der Generationen oder in den Menschen, die sich schon heute ehrenamtlich als Bürger- oder Seniorenlotsen engagieren. Aber auch alternative Wohnformen von der Senioren-WG bis zum Mehrgenerationenhaus werden nach seiner Einschätzung ebenso an Bedeutung gewinnen,wie Alltagsdienstleistungen vom Concierge- und Liefer- über den Reparaturservice bis zum Pflegestützpunkt. Initiativen, wie die der großen Wohnungsgesellschaften MWB und SWB, der Stadt, der Paritätischen Initiative für Arbeit oder des Diakonischen Werkes hält er deshalb für wegweisend.
Der Pflegedienstleiter des Altenheims Ruhrgarten, Oskar Dierbach, ist sich mit Martin Behmenburg darin einig, dass Politik und Medien eine breite gesellschaftlich Debatte darüber anstoßen müssten, wie unsere Gesellschaft die sozialen und finanziellen Folgen des demografischen Wandels bewältigen soll.
„Wir müssen den Mut haben, das Tabuthema der Umverteilung anzusprechen. Und die Tatsache verdeutlichen, dass wir für die Pflege mehr bezahlen müssen und das diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe auf alle Schultern gerecht verteilt werden muss.“
Das kann aus seiner Sicht nur dann funktionieren, wenn die Bemessungsgrundlage, auf deren Basis die Pflege finanziert wird, nicht nur Löhne, sondern alle Einkommen, also auch Mieten und Kapitalerträge mit einbezieht. Das jetzige System der Pflegeversicherung mit ihren Pflegestufen empfindet Dierbach als „viel zu bürokratisch und zutiefst ungerecht.“ Er ist er davon überzeugt, dass die Lebensqualität der Betroffenen gesteigert und die Kosten gesenkt werden könnten, wenn man auf allen Ebenen die rehabilitative Pflege stärken und zugunsten der reinen Defizitdiagnose ausbauen würde.
Dieser Text erschien am 14. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
„Derzeit gehen wir davon aus, dass die Kosten für Pflegewohngeld und Hilfe zur Pflege jährlich um ein bis zwei Prozent steigen werden. Wir versuchen mit einer Strategie ambulant vor stationär den Kostenanstieg zu bremsen“, sagt der Leiter des Sozialamtes, Klaus Konietzka.
Dahinter steht die Idee: Wer möglichst lange mit pflegerischen, sozial beratenden und alltagsassistierenden Hilfen zu Hause leben kann, kommt erst später oder gar nicht ins teure Altenheim.
„Wir brauchen in jedem Wohnquartier Unterstützungsstrukturen, die wir heute schon aufbauen. Aber auch preiswerte Dienstleistungen kosten Geld. Und wenn die Zahl der Menschen steigt, die sich diese Dienstleistungen nicht mehr leisten können, werden wir als Gesellschaft nicht darum herum kommen, diese Dienstleistungen auch aus Steuermitteln zu finanzieren“, glaubt Konietzka. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die Stadt in diesem Punkt mehr denn je auf finanzielle Hilfe von Land und Bund angewiesen sein wird.
Deshalb ist es aus seiner Sicht konsequent, dass der Bund mit dem Pflegestärkungsgesetz ab 2015 den Pflegeversicherungsbeitrag um 0,5 Prozent erhöhen und damit zusätzlich fünf Milliarden Euro in den Pflegebereich geben will.
Auch für die Geschäftsführerin des ambulanten Pflegedienstes „Pflegepartner“ Christel Schneider, steht fest: „Wir müssen mehr Geld ins System geben, wenn wir keine minimalistische, sondern eine ganzheitliche Versorgung alter Menschen haben wollen.“ Doch für sie hängt die Pflegequalität nicht nur am Geldbeutel. Viel wäre für sie schon dann gewonnen, wenn ambulante Pflegedienste und Pflegeheime von bürokratischen Dokumentationspflichten entlastet würden, „um mehr Zeit für die Menschen zu haben.“
Ihr Kollege Martin Behmenburg vom ambulanten Dienst „Pflege Zuhause“ ahnt, „dass noch nie dagewesene Belastungen“ auf die Gesellschaft zukommen, wenn immer weniger Pflegebedürftige aus eignen Mitteln für ihre Pflege bezahlen können. Er fürchtet, dass die Versorgung im Extremfall auf das Niveau „satt und sauber“ absinken könnte, wenn es nicht gelingen sollte, die professionelle Pflege durch den Ausbau nachbarschaftlicher und ehrenamtlicher Hilfsstrukturen zu unterstützen.
Gute Ansätze zu der von Behmenburg erhofften „Kultur des Helfens“, sieht Sozialamtschef Konietzka im stadtteilorientierten Netzwerk der Generationen oder in den Menschen, die sich schon heute ehrenamtlich als Bürger- oder Seniorenlotsen engagieren. Aber auch alternative Wohnformen von der Senioren-WG bis zum Mehrgenerationenhaus werden nach seiner Einschätzung ebenso an Bedeutung gewinnen,wie Alltagsdienstleistungen vom Concierge- und Liefer- über den Reparaturservice bis zum Pflegestützpunkt. Initiativen, wie die der großen Wohnungsgesellschaften MWB und SWB, der Stadt, der Paritätischen Initiative für Arbeit oder des Diakonischen Werkes hält er deshalb für wegweisend.
Der Pflegedienstleiter des Altenheims Ruhrgarten, Oskar Dierbach, ist sich mit Martin Behmenburg darin einig, dass Politik und Medien eine breite gesellschaftlich Debatte darüber anstoßen müssten, wie unsere Gesellschaft die sozialen und finanziellen Folgen des demografischen Wandels bewältigen soll.
„Wir müssen den Mut haben, das Tabuthema der Umverteilung anzusprechen. Und die Tatsache verdeutlichen, dass wir für die Pflege mehr bezahlen müssen und das diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe auf alle Schultern gerecht verteilt werden muss.“
Das kann aus seiner Sicht nur dann funktionieren, wenn die Bemessungsgrundlage, auf deren Basis die Pflege finanziert wird, nicht nur Löhne, sondern alle Einkommen, also auch Mieten und Kapitalerträge mit einbezieht. Das jetzige System der Pflegeversicherung mit ihren Pflegestufen empfindet Dierbach als „viel zu bürokratisch und zutiefst ungerecht.“ Er ist er davon überzeugt, dass die Lebensqualität der Betroffenen gesteigert und die Kosten gesenkt werden könnten, wenn man auf allen Ebenen die rehabilitative Pflege stärken und zugunsten der reinen Defizitdiagnose ausbauen würde.
Dieser Text erschien am 14. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Donnerstag, 23. Oktober 2014
Altersarmut: Soziale Netzwerke werden immer wichtiger: Ein Gespräch mit dem kommunalen Sozialplaner Jörg Marx
Wenn Mülheim aus demografischen und sozialen Gründen (wie berichtet) immer mehr alte Bürger haben wird, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein werden, wird das Konsequenzen für die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur haben. Für die NRZ fragte ich Jörg Marx, der beim Sozialamt für die Sozialplanung zuständig ist, wie sich die Stadt auf diese Herausforderung einstellen und reagieren kann.
Frage: Wie kann die Stadt Altersarmut verhindern oder bewältigen?
Antwort: Bei den strukturellen Ursachen der Altersarmut, wie Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlte Beschäftigung, haben wir als Kommune keinen Einfluss und können aufgrund unserer Zahlen nur lediglich feststellen, wer in zehn oder 20 Jahren auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein wird.
Frage: Ist die finanzielle Überforderung der Kommunen durch wachsende Altersarmut nicht programmiert?
Antwort: Bei den finanziellen Folgen von Altersarmut geht es um eine gesamtgesellschaftliche Frage, nämlich um die Verteilungsgerechtigkeit. Und hier werden die Städte verstärkt darum kämpfen müssen, dass Bund und Länder ihre finanzielle und soziale Verantwortung wahrnehmen. Dass der Bund die Kosten der Grundsicherung übernimmt und die Kommunen damit entlastet, geht schon in die richtige Richtung.
Frage: Kann die Stadt also nur auf Bund und Land hoffen?
Antwort: Nein. Sie muss agieren und darf den Folgen der Altersarmut nicht nur hinterherlaufen. Natürlich muss auch die Stadt angesichts knapper Finanzen ihre Prioritätensetzung überdenken. Für das Sozialamt hat alles Priorität, was in die Lebensqualität und das soziale Zusammenleben der Menschen investiert wird. Wir sollten nicht in Panik verfallen, sondern die Stärken unserer Stadt nutzen, um die Folgen von Altersarmut abzumildern.
Frage: An welche Stärken denken Sie?
Antwort: Ich denke daran, dass es in Mülheim nicht nur arme, sondern auch viele nicht nur im materiellen Sinne vermögende Menschen gibt, die bereit sind, ihr Vermögen weiterzugeben, einzusetzen und mit Menschen zu teilen, die Hilfe brauchen.
Frage: Eine Solidaritätsabgabe für reiche Mülheimer?
Antwort: Nein. Ich denke dabei an soziale Netzwerkarbeit, die wir in den Stadtteilen bereits mit Erfolg begonnen haben. Denn bei Altersarmut geht es nicht nur um Geld, sondern um Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe. Wir müssen verhindern, dass sich arme Alte aus der Öffentlichkeit zurückziehen und sozial isolieren.
Frage: Wie kann Netzwerkarbeit da helfen?
Antwort: Indem wir etwa durch Quartierswerkstätten Menschen gewinnen und zusammenbringen. Die zum Beispiel bereit sind, als lokale Netzwerker, Bürger- oder Seniorenlotsen kostenlose Freizeitaktivitäten zu organisieren oder Freikarten für Kulturveranstaltungen einzuwerben. Vor Ort ansprechbar sein, um Betroffnen Wege zu Hilfeleistungen zu zeigen oder auch selbst konkrete Nachbarschaftshilfe vom kostenlosen Fahrdienst bis zum Einkauf zu leisten.
Frage: Reicht das Vertrauen auf bürgerschaftliches Engagement, um die Stadt von den Folgen der Altersarmut zu entlasten?
Antwort: Nein. Parallel stärken wir natürlich auch die bereits vorhandenen und wohlwollend zusammenarbeitenden hauptamtlichen Netzwerke aus Wohlfahrtverbänden, Pflegediensten, Pflegestützpunkten und Seniorentagesstätten, die als lokale Anlaufstellen und Ankerpunkte künftig noch wichtiger werden, als sie heute schon sind. Darüber hinaus sind wir natürlich auch mit den Wohnungsbaugesellschaften im Gespräch.
Antwort: Etwa wenn es um den absehbaren Mehrbedarf an barrierefreien und bezahlbaren Wohnungen geht. Übrigens nicht nur für alte Menschen.
Sozialplaner Jörg Marx glaubt, dass die Stadt keinen Einfluss auf die strukturellen Ursachen von Altersarmut hat, sie aber im Alltagsleben vor Ort zumindest abmildern und Betroffenen mehr Teilhabe verschaffen kann
Dieser Text erschien am 7. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Frage: Wie kann die Stadt Altersarmut verhindern oder bewältigen?
Antwort: Bei den strukturellen Ursachen der Altersarmut, wie Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlte Beschäftigung, haben wir als Kommune keinen Einfluss und können aufgrund unserer Zahlen nur lediglich feststellen, wer in zehn oder 20 Jahren auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein wird.
Frage: Ist die finanzielle Überforderung der Kommunen durch wachsende Altersarmut nicht programmiert?
Antwort: Bei den finanziellen Folgen von Altersarmut geht es um eine gesamtgesellschaftliche Frage, nämlich um die Verteilungsgerechtigkeit. Und hier werden die Städte verstärkt darum kämpfen müssen, dass Bund und Länder ihre finanzielle und soziale Verantwortung wahrnehmen. Dass der Bund die Kosten der Grundsicherung übernimmt und die Kommunen damit entlastet, geht schon in die richtige Richtung.
Frage: Kann die Stadt also nur auf Bund und Land hoffen?
Antwort: Nein. Sie muss agieren und darf den Folgen der Altersarmut nicht nur hinterherlaufen. Natürlich muss auch die Stadt angesichts knapper Finanzen ihre Prioritätensetzung überdenken. Für das Sozialamt hat alles Priorität, was in die Lebensqualität und das soziale Zusammenleben der Menschen investiert wird. Wir sollten nicht in Panik verfallen, sondern die Stärken unserer Stadt nutzen, um die Folgen von Altersarmut abzumildern.
Frage: An welche Stärken denken Sie?
Antwort: Ich denke daran, dass es in Mülheim nicht nur arme, sondern auch viele nicht nur im materiellen Sinne vermögende Menschen gibt, die bereit sind, ihr Vermögen weiterzugeben, einzusetzen und mit Menschen zu teilen, die Hilfe brauchen.
Frage: Eine Solidaritätsabgabe für reiche Mülheimer?
Antwort: Nein. Ich denke dabei an soziale Netzwerkarbeit, die wir in den Stadtteilen bereits mit Erfolg begonnen haben. Denn bei Altersarmut geht es nicht nur um Geld, sondern um Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe. Wir müssen verhindern, dass sich arme Alte aus der Öffentlichkeit zurückziehen und sozial isolieren.
Frage: Wie kann Netzwerkarbeit da helfen?
Antwort: Indem wir etwa durch Quartierswerkstätten Menschen gewinnen und zusammenbringen. Die zum Beispiel bereit sind, als lokale Netzwerker, Bürger- oder Seniorenlotsen kostenlose Freizeitaktivitäten zu organisieren oder Freikarten für Kulturveranstaltungen einzuwerben. Vor Ort ansprechbar sein, um Betroffnen Wege zu Hilfeleistungen zu zeigen oder auch selbst konkrete Nachbarschaftshilfe vom kostenlosen Fahrdienst bis zum Einkauf zu leisten.
Frage: Reicht das Vertrauen auf bürgerschaftliches Engagement, um die Stadt von den Folgen der Altersarmut zu entlasten?
Antwort: Nein. Parallel stärken wir natürlich auch die bereits vorhandenen und wohlwollend zusammenarbeitenden hauptamtlichen Netzwerke aus Wohlfahrtverbänden, Pflegediensten, Pflegestützpunkten und Seniorentagesstätten, die als lokale Anlaufstellen und Ankerpunkte künftig noch wichtiger werden, als sie heute schon sind. Darüber hinaus sind wir natürlich auch mit den Wohnungsbaugesellschaften im Gespräch.
Antwort: Etwa wenn es um den absehbaren Mehrbedarf an barrierefreien und bezahlbaren Wohnungen geht. Übrigens nicht nur für alte Menschen.
Sozialplaner Jörg Marx glaubt, dass die Stadt keinen Einfluss auf die strukturellen Ursachen von Altersarmut hat, sie aber im Alltagsleben vor Ort zumindest abmildern und Betroffenen mehr Teilhabe verschaffen kann
Dieser Text erschien am 7. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
Dienstag, 21. Oktober 2014
Altersarmut: Das verdrängte Problem: Sozialexperten fordern besser bezahlte und sozialversicherte Arbeitsplätze und mehr altengerechte Wohnungen, die nicht nur barrierefrei, sondern auch bezahlbar sind
„Wir brauchen wieder mehr und besser bezahlte sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, wenn wir keine massenhafte Altersarmut bekommen wollen.“, sagt die Geschäftsführerin der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi), Henrike Greven. Ihre Mahnung, die sie mit einem Appell an die Verantwortung der Unternehmen verbindet, ist aktueller und dringlicher, als es vielen auf den ersten Blick erscheinen mag.
Mülheim ist eine vergleichsweise alte Stadt, in der schon heute fast jeder Dritte über 60 ist. Tendenz steigend. 2013 waren schon 2527 Mülheimer auf eine Grundsicherung im Alter angewiesen, weil ihre Rente nicht ausreicht, um damit den Lebensunterhalt zu bestreiten. Kostenpunkt für Stadt:und Bund 13,8 Millionen Euro. Obwohl die Zahl der Grundsicherungsempfänger seit 2010 bereits um 7,6 Prozent zugenommen hat, könnte sie noch einmal sehr viel deutlicher ansteigen, wenn Prognosen des Bundesarbeitsministeriums und der Rentenversicherungsträger zutreffen.
Das Bundesarbeitsministerium hatte bereits 2012 festgestellt, dass ab 2030 mehr als ein Drittel der Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein könnte, weil dann das Rentenniveau von derzeit 51 Prozent auf 43 Prozent des letzten Monatsgehaltes abgesenkt werden soll. Betroffen wären danach alle, die während ihres Berufslebens im Durchschnitt ein monatliches Bruttogehalt von nicht mehr als 2500 Euro pro Monat verdient haben. Und bei einer Provinzial-Umfrage in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, äußerten 40 Prozent der insgesamt 1000 Befragten die Befürchtung, dass ihnen Altersarmut drohe, weil sie nicht privat vorsorgen können.
Was würde es für eine zunehmend älter werdende Stadt wie Mülheim bedeuten, wenn ab 2030 mehr als ein Drittel der Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen wäre?
Wer sozialpolitisch engagierte Mülheimer danach fragt, stößt auf Problembewusstsein, aber auch auf Ratlosigkeit. „Das ist eine beängstigende Perspektive und wird alle Bereiche betreffen, egal ob es um Konsum, Freizeit, Kultur oder Gesundheit geht“, sagt Caritas-Geschäftsführerin Regine Arntz.
Mülheim ist eine vergleichsweise alte Stadt, in der schon heute fast jeder Dritte über 60 ist. Tendenz steigend. 2013 waren schon 2527 Mülheimer auf eine Grundsicherung im Alter angewiesen, weil ihre Rente nicht ausreicht, um damit den Lebensunterhalt zu bestreiten. Kostenpunkt für Stadt:und Bund 13,8 Millionen Euro. Obwohl die Zahl der Grundsicherungsempfänger seit 2010 bereits um 7,6 Prozent zugenommen hat, könnte sie noch einmal sehr viel deutlicher ansteigen, wenn Prognosen des Bundesarbeitsministeriums und der Rentenversicherungsträger zutreffen.
Das Bundesarbeitsministerium hatte bereits 2012 festgestellt, dass ab 2030 mehr als ein Drittel der Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein könnte, weil dann das Rentenniveau von derzeit 51 Prozent auf 43 Prozent des letzten Monatsgehaltes abgesenkt werden soll. Betroffen wären danach alle, die während ihres Berufslebens im Durchschnitt ein monatliches Bruttogehalt von nicht mehr als 2500 Euro pro Monat verdient haben. Und bei einer Provinzial-Umfrage in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, äußerten 40 Prozent der insgesamt 1000 Befragten die Befürchtung, dass ihnen Altersarmut drohe, weil sie nicht privat vorsorgen können.
Was würde es für eine zunehmend älter werdende Stadt wie Mülheim bedeuten, wenn ab 2030 mehr als ein Drittel der Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen wäre?
Wer sozialpolitisch engagierte Mülheimer danach fragt, stößt auf Problembewusstsein, aber auch auf Ratlosigkeit. „Das ist eine beängstigende Perspektive und wird alle Bereiche betreffen, egal ob es um Konsum, Freizeit, Kultur oder Gesundheit geht“, sagt Caritas-Geschäftsführerin Regine Arntz.
Für ihren Kollegen Lothar Fink von der Arbeiterwohlfahrt gibt es gegen die drohende Massenarmut im Alter nur eine vorbeugende Maßnahme: „Die Leute müssen wieder besser bezahlt werden.“
Awo-Chef Fink wundert es nicht, wenn viele Arbeitnehmer heute nicht privat für ihr Alter vorsorgen, „weil selbst mittlere Einkommen durch Familien und Erziehungskosten schon jetzt so belastet werden, dass es dafür nicht mehr reicht.“ Auch Dietmar Schmidt vom Sozialverband VDK stellt fest, dass sich auch immer mehr Junge nicht nur, aber auch mit Blick auf eine drohende Armut im Alter beim VDK beraten lassen.
Eduard Roncari von Sozialverband Deutschland und der gerade wiedergewählte Vorsitzende des Seniorenbeirates, Helmut Storm, sind davon überzeugt, dass eine schon jetzt klamme Stadt wie Mülheim die durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitslosigkeit geförderte Altersarmut und ihre Folgekosten im Rentenalter nicht alleine tragen können und zunehmend auf Bundes- und Landeshilfen angewiesen sein werden. „Das kann die Stadt nicht schaffen“, sagt Storm und wagt gar nicht darüber nachzudenken, „was es für das friedliche Zusammenleben in unserer Stadt bedeuten könnte, wenn sich eine immer größere Bevölkerungsgruppe auf der sozialen Verliererseite sieht.“
Für Elke Domann-Jurkiewicz, die die Awo-Seniorentagesstätte an der Bahnstraße leitet, ist, Altersarmut schon heute ein Thema. Sie schätzt, dass ein Drittel ihrer Gäste Probleme hat etwa mit einen kleinen Witwenrente über den Monat zu kommen. Mit Blick auf aktuelle und künftige Altersarmut sieht sie die Bereitstellung von barrierefreiem und bezahlbarem Wohnraum als die größte Herausforderung des sozialen und demografischen Wandels, den Mülheim meistern muss. Und wenn zum Wohnen im Alter auch noch die stationäre Pflege kommt, werden, wie man auch bei den Mülheimer Seniorendiensten und dem Altenheimbetreiber Contilia einräumt, die in diesem Bereich von der Stadt zu tragenden Kosten weiter ansteigen.
Dieser Text erschien am 5. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
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