Donnerstag, 4. April 2024

Helden des Alltags

 Sie sind nicht von ungefähr die in allen Berufsimage-Umfragen hoch gepriesenen Helden des Alltags. Feuerwehrleute bringen sich in Gefahr, um Menschen zu retten und Schlimmeres zu verhindern, wenn es brennt.

Seit 100 Jahren gibt es in Mülheim eine Berufsfeuerwehr. Ihr 2019 aus dem Dienst geschiedener ehemaliger Chef Burkhard Klein hat zur Feier dieses Jahrestages jetzt eine Chronik des Mülheimer Brandschutzes vorgelegt, der unter dem Titel: "Von Spritzenmeistern, Pümpern und Gehilfen" im Verlag Stumpf & Kroessedey erschienen und für 29,50 Euro im Buchhandel erhältlich ist.

Klein, der von 1991 bis 2019 Teil der Mülheimer Feuerwehrgeschichte war, erinnert sich noch gut an große Einsätze der Mülheimer Berufsfeuerwehr, etwa beim Brand der Grillo-Villa im Uhlenhorst (1993), beim Großbrand am Dickswall (2008) oder an den Jahrhundert-Einsatz nach dem Pfingssturm Ela, der 2014 Bäume wie Streichhölzer knickte und umfallen ließ.

Besonders gerne erinnert sich der ehemalige Branddirektor an die Neugründung der Freiwilligen Feuerwehr im Jahre 2001 und an die Eröffnung der neuen Hauptfeuerwache an der Duisburger Straße 2010, die von einer Nebenwache an der Seilfahrt in Heißen komplettiert wird.

Angesichts von zwei Mülheimer Feuerwachen, einer Berufs- und einer Freiwilligen Feuerwehr, kann man es sich heute nicht mehr vorstellen, dass der Brandschutz in Mülheim bis zum 1. April 1924 allein auf den Schultern Freiwilliger Feuerwehrleute lastete, die größtenteils aus der Turnerschaft kamen. "Die Turner waren körperlich fit und hatten keine Probleme mit dem Leitersteigen", erklärt Feuerwehr-Chronist Burkhard Klein den Zusammenhang. Mülheims erste Freiwillige Feuerwehr war 1852 mit dem Inkrafttreten des Mülheimer Feuerschutzreglements entstanden. Zuvor galt das von der Bergischen Brandschutzordnung des Jahres 1555 festgelegte Prinzip: Im Brandfall hilft jeder jedem.

Am 1. April traten die ersten 18 Berufsfeuerwehrleute auf der Feuerwache an der Aktienstraße, dort, wo heute das Rotkruzzentrum steht, ihren Dienst an. Dort mussten sich die Feuerwehrmänner, die alle eine handwerkliche Berufsausbildung mitbrachten, den Platz mit der städtischen Strom- und Gasversorgung teilen. Erst ab 1960 hatte die Mülheimer Berufsfeuerwehr an der Aktienstraße eine neugebaute und moderne Feuerwache für sich.

Einer der ersten großen Einsätze, die Burkhard Klein, im Stadtarchiv recherchiert hat, war ein Tribünenbrand an der Rennbahn Raffelberg. Viel gefährlicher, als jeder Großbrand, waren die politischen Brandstifter der NSDAP, die auch in Mülheim ab März 1933 das Sagen hatten. Ihre Macht nutzten sie, um den 1924 vom Baurat zum Branddirektor umgeschulten Paul Sorge durch Mülheims SS-Chef Alfred Freter zum Feuerwehrchef zu machen, obwohl dieser keinerlei Qualifikationen für dieses Amt mitbrachte. Im Sinne der NS-Ideologie wurde Mülheims oberster Brandbekämpfer in der Reichspogromnacht 1938 in der Synagoge am Viktoriaplatz zum Brandstifter. 

Obwohl sich Freter Ende der 1950er Jahre in Duisburg vor Gericht für seine Tat verantworten musste, wurde er freigesprochen. Das Gericht begründete seinen Freispruch damit, dass es sich um "einen leichten Fall von Brandstiftung" gehandelt habe, der inzwischen verjährt sei. Seine Einschätzung begründete das Gericht damit, dass die Jüdische Gemeinde ihre 1907 eingeweihte Synagoge am 5. Oktober 1938, also gut einen Monat vor der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 an die Stadtsparkasse verkauft habe. Deshalb habe es sich bei der Synagoge zum Zeitpunkt der Brandstiftung nicht mehr um ein jüdisches Gotteshaus gehandelt.

Freter wurde nach dem Krieg nicht mehr in den Dienst der Mülheimer Berufsfeuerwehr eingestellt und arbeitete stattdessen bei einer Werksfeuerwehr in Duisburg.

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Mittwoch, 3. April 2024

Lauf für die Liebe

 Lauf für die Liebe. Der Name ist Programm. Mit seinen Lieben gemeinsam Spaß an der Bewegung und eine gute Zeit haben, um damit auch etwas Gutes zu tun. Das ist der Lauf für die Liebe (LFDL), zu der die Werbegemeinschaft Saarn am Sonntag, 28. April, einlädt. „Wir möchten den Stadtteil Saarn positiv hervorheben und gleichzeitig der Gesellschaft etwas zurückgeben“, erklärt Vorsitzender Marcel Leydag, warum die aktuell 120 Mitglieder zählende Werbegemeinschaft inzwischen zum achten Lauf für die Liebe (LFDL) einlädt.

 

Zum Organisationsteam gehört auch Peter Brill vom Wünschewagen-Team des Arbeitersamariterbundes ASB Ruhr. Unter anderem mit den LFDL-Erlösen finanziert der ASB-Ruhr mithilfe seines ehrenamtlichen Wünscheagenteams letzte Wünsche. Fahrgäste sind schwerstkranke und sterbende Menschen, die zum Beispiel mit dem Wünschewagen noch einmal ans Meer, in den Zoo, zu einem Fußballspiel, zu einem entfernt lebenden Freund, zu einer Musicalaufführung oder auf den Bauernhof fahren wollen, auf dem sie mit ihrer Familie immer Urlaub gemacht haben.

 

„Der Wünschewagen muss angeschafft, aufgetankt und versichert werden. Außerdem müssen zum Beispiel Eintrittskarten und gegebenenfalls auch Hotelübernachtungen finanzieren“, erklärt Peter Brill. Die Erfüllung ihres letzten Wunsches ist für die Fahrgäste, bei denen es sich nicht nur um alte Menschen handelt, unentgeltlich. Der Lauf der Liebe und andere Spendenaktionen von Menschen, die etwas zurückgeben wollen, machen es möglich.

 

Brill weiß, dass etwa die Hälfte der jährlich mehr als 200 Wünschewagen-Anfragen nicht mehr realisiert werden können, weil die angemeldeten Fahrgäste bereits vor der Erfüllung ihres letzten Wunsches verstorben sind oder weil sich der Gesundheitszustand der Fahrgäste akut verschlechtert hat. „Doch wenn wir mit unseren Fahrgästen dann unterwegs sein und ihnen ihre letzten Wünsche erfüllen können, ist das für alle Beteiligten keine traurige Angelegenheit. Die meisten unserer Fahrgäste haben sich bereits mit ihrem Tod abgefunden und können noch einmal ganz intensiv und lebensfroh den glücklichen Lebensmoment im Hier und Jetzt ganz intensiv genießen“, schildert Brill seine Wünschewagenerfahrungen, die ihn immer wieder aufs Neue ermutigen, seinem höchst sinnvollen Ehrenamt treu zu bleiben. Weitere Informationen über den nach niederländischem Vorbild seit zehn Jahren fahrenden Wünschewagen des ASB-Ruhr findet man online unter: www.wuenschewagen.de. Informationen rund um den Lauf für die Liebe und die Möglichkeit zur Online-Anmeldung findet man auf der Internetseite der Werbegemeinschaft Saarn unter: www.meinsaarn.de

Der siebte Lauf für die Liebe startet am Sonntag, 28. April, um 12 Uhr für die U6-Bambinis und für alle anderen Teilnehmenden ab 13 Uhr auf dem Sportplatz an der Mintarder Straße. Dort erwartet die Gäste auch ein Familienfest mit kulinarischen Köstlichkeiten und zahlreichen Spielangeboten für den Nachwuchs.

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Dienstag, 2. April 2024

Der Theatermann

 1 April 1934. Auf den Tag genau 119 Jahre nach Otto von Bismarck wird in Mailand Roberto Cuilli geboren. Der Name ist Musik, vor allem für Theaterfreunde. 1980 kommt er von Düsseldorf nach Mülheim, um hier das Theater an der Ruhr zu gründen. Am 19. November 1981 feiert das Theater an der Ruhr mit seiner Inszenierung von Frank Wedekinds „Lulu“ seine erste Premiere.

Seit 1981 spielt das Theater, das er bis heute mit dem Dramaturgen Dr. Helmut Schäfer führt, im ehemaligen Kurhaus des 1909 eröffneten und 1992 geschlossenen Solbades im Raffelbergpark. In dem Park, in dem früher Kurgäste verweilten, wird heute in den Weißen Sommer-Nächten Theater gespielt.

Schon in seiner Heimatstadt hat der promovierte Philosoph, der seine Doktorarbeit über den deutschen Philosophen Hegel geschrieben hat, mit Il Globo/Die Welt 1960 ein eigenes Theater gegründet. Auch mit dem Theater an der Ruhr hat Ciulli Grenzen überschritten und Grenzen überbrückt, zum Beispiel, wenn er 2003 mit Patienten aus der forensischen Psychiatrie in Langenfeld das Theaterstück: „Wie hast du geschlafen?“ inszenierte. Unter seiner Leitung tourte das Theater an der Ruhr seit 1983 durch bisher 38 Länder der Welt und war selbst Gastgeber internationaler Partnerensembles.

1965 kam der Italiener Roberto Ciulli nach Deutschland. Hier verdiente er zunächst als LKW-Fahrer und als Fabrikarbeiter seinen Lebensunterhalt, ehe er sich am Deutschen Theater in Göttingen zwischen 1965 und 1972 vom Bühnenarbeiter und Beleuchter über den Regieassistenten bis zum Regisseur und Schauspieler hocharbeitete. 1968 erlebte er mit der Inszenierung von: Federico Garcia Lorcas „Bernarda Albas Haus“. 1972 wechselte er vom Deutschen Theater Göttingen als Schauspieldirektor zum Kölner Schauspielhaus. Vom Rhein kam er 1980 an die Ruhr. Mit finanzieller Unterstützung der Stadt Mülheim an der Ruhr, sie stellte ein Startkapital von 535.000 Mark und eine Bürgschaft von 900.000 Mark zur Verfügung,  gründete er zusammen mit dem Dramaturgen Helmut Schäfer und dem inzwischen verstorbenen Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben das Theater an der Ruhr als gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung. 20 Schauspielerinnen und Schauspieler gehören 1981 zum ersten Ensemble des Theaters an der Ruhr. Sie richten das alte Kurhaus für den Spielbetrieb her. Als „Theater ohne Wenn und Aber“ beschreibt Roberto Ciulli 1981 sein Konzept. Bis heute werden, diesem Leitbild Ciullis folgend,  auf der Theaterbühne im Raffelbergpark Klassiker in zeitgemäßer Form inszeniert. Sein Publikum, das er immer persönlich begrüßt, wenn er seine Eintrittskarten abreist, kennt Roberto Ciulli nicht nur als Regisseur und Schauspieler, sondern auch als Gastgeber zahlreicher Matineen und politischer Salons im Theater an der Ruhr.

Für seine Verdienste ist „der letzte Theaterprinzipal Deutschlands“, wie ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Beitrag zu seinem 90. Geburtstag genannt hat, ist Roberto Ciulli unter anderem mit dem Ehrenring der Stadt Mülheim, mit dem Ehrenpreis der Bürgergesellschaft Mausefalle, mit dem Bundesverdienstkreuz, mit dem polnischen Kulturpreis, dem Deutschen Kritikerpreis,mit  dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen und mit dem Deutschen Theaterpreis ausgezeichnet worden. Die Theaterkritikerin Christine Dössel, die für die Süddeutsche Zeitung mit Roberto Ciulli jüngst ein Geburtstagsinterview geführt hat, schreibt über ihn: „Ciullis Inszenierungen bewegen sich zwischen Poesie, Clownerie und Gesellschaftskritik, sind immer auch Selbstfeier und kultisches Fest.“

Zusammen mit den 1976 begründeten Mülheimer Theatertagen hat das von Roberto Ciulli geleitete Theater an der Ruhr Mülheim bundesweit als Stadt des zeitgenössischen deutschsprachigen Theaters bekannt gemacht.

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Sonntag, 31. März 2024

Letzte Hilfe

 Schon Benjamin Franklin, Mitautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, Diplomat und Erfinder, wusste: "Nichts ist so sicher, wie die Steuer und der Tod." Dennoch verdrängen wir diese Tatsache, obwohl wir wissen, dass unser Tod schon feststeht, wenn wir geboren werden.

Das 1996 gegründete Hospiz begleitet aktuell mit 40 ehrenamtlich und damit unentgeltlich aktiven Frauen und Männern schwerstkranke und sterbende Menschen, um damit auch die betroffenen Angehörigen zu entlasten. Ab Juni startet ein neuer Ausbildungskurs, zu dem auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit gehört. 

Genau das taten jetzt auch zwölf Männer und Frauen, die im Ladenlokal des Ambulanten Hospizes am Kohlenkamp einen Letzte-Hilfe-Kurs besuchten, den die neue Koordinatorin des Ambulanten Hospizes, Rafaela Schmitz zusammen mit ihrer Essener Kollegin leitete.

Unter den Teilnehmenden waren nicht nur mittlere Jahrgänge, sondern auch junge Menschen, die zeigten, dass uns der Tod oder die Herausforderung, einen lieben Menschen viel zu früh auf seinem letzten Weg zu begleiten, in jeder Generation ereilen kann. Kursteilnehmer, die diese Erfahrung schon mindestens einmal in ihrem Leben machen mussten, berichteten davon, wie schwierig es ist, sich im Sinne des Sterbenden im Krankenhaus gegen Ärzte und Pflegekräfte durchzusetzen, selbst, wenn der Sterbende bei Zeiten seinen vorletzten Willen in einer Patientenverfügung festgelegt hat,

"Im Klinikbetrieb steht nicht der Mensch, sondern die Wirtschaftlichkeit des Krankenhauses im Vordergrund", schilderte eine 61-Jährige ihre Erfahrungen in der Sterbebegleitung. Dennoch ermutigte Rafaela Schmitz, die als Koordinatorin des Ambulanten Hospizes die Nachfolge von Andrea Guntermann angetreten hat, ihr Auditorium zur Abfassung einer Patientenverfügung, deren unterschiedliche Formate sie ebenso vorstellte, wie die zunehmend vernetzten und professionalisierten Möglichkeiten einer schmerzlindernden Palliativversorgung. In diesem Zusammenhang stellten die ambulanten Hospizkoordinatorinnen auch Medikamente vor, die klassische Symptome der letzten Lebensphase, wie etwa Angst, Luftnot, Übelkeit und Depression, mildern können.

Wenn Menschen sich zunehmend ins Bett zurückziehen, Berührungen abwehren und aufhören zu essen und zu trinken, ist das, laut Schmitz, ein Zeichen dafür, dass der Sterbeprozess begonnen hat. In dieser Phase können nach ihrer Erfahrung leichte Hand- und Fußmassagen, das Befeuchten des Mundraumes mit watteähnlichen Stäbchen oder auch das klassische Halten der Hand und das Dasein und die Situation mit aushalten, für den sterbenden Menschen hilfreich und entlastend sein.

Das Ambulante Hospiz ist auch online unter: www.ambulantes-hospiz-mh.de erreichbar.



Samstag, 30. März 2024

In Memoriam Jochen Leyendecker

Vielseitig, kreativ, zugewandt und bodenständig. So werden all jene, die den Künstler Jochen Leyendecker kennengelernt haben, immer wieder gerne an ihn zurückdenken. Am 23. März ist der gebürtige Mülheimer im Alter von 67 Jahren viel zu früh verstorben,

Zuletzt war eine Auswahl seiner Werke in der Galerie 46 zu sehen. Nach einem Schlaganfall musste er sich in den letzten neun Jahren seines Lebens auf das Malen, Zeichnen und Drucken von Grafiken beschränken, nachdem er sich auch einen Namen als Bildhauer gemacht und den jetzt zur Disposition stehenden Bismarckturm am Kahlenberg als Atelier und Ausstellungsort mit Leben gefüllt hat. 

Durch sein Engagement in der 1995 von ihm mitgegründeten Gruppe AnDer, für die Saarner Aktion Kunst Raus und in der Arbeitsgemeinschaft Mülheimer Künstler war er nicht nur durch gemeinsame Ausstellungen mit seinen Kolleginnen und Kollegen verbunden. Nicht nur als freischaffender Künstler, sondern auch als Lehrer am Gymnasium Heißen vermittelte er das Schaffen von Kunst und das Staunen über die Kunst und ihre Ausdruckskraft. 

Nach dem Abitur an der Otto-Pankok-Schule und seinem Zivildienst in der Evangelischen Akademie erwarb er sich mit einem Praktikum beim Mülheimer Bildhauer Ernst Rasche, einer Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer und dem anschließenden Studiums der Architektur und der Bildhauerei das Fundament seiner technischen und künstlerischen Ausdrucksfähigkeiten.

Nicht nur seine Frau Heidemarie und sein Sohn Johannes trauern um Johannes trauern um Jochen Leyendecker, der uns als Mensch und Künstler in lebendiger Erinnerung bleiben wird.

Donnerstag, 28. März 2024

Augen auf bei der Berufswahl

 Was soll ich werden? Bei dieser lebensentscheidenden Frage, die man sie sich vor dem Schulabschluss zwangsläufig stellen muss, bekamen etwa 500 Mülheimer Oberstufenschüler und jetzt eine Entscheidungshilfe. Eine Berufsmesse in der Hochschule Ruhr West, zu der die drei Mülheimer Rotarier Clubs eingeladen hatten, machte es möglich. 

Die Bandbreite in der potentiellen Arbeitgeber, die sich im Foyer mit der Hochschule präsentierten, um potenziellen Berwerberinnen und Bewerbern Rede und Antwort zu stehen, reichte von der Bundeswehr über die Sparkasse und die Hochschule Ruhr West bis hin zum IT-Unternehmen Turck und der im Pflegebereich aktiven Contilia Gruppe. Der eine oder andere junge Messebesucher vermissten allerdings Informationsangebote aus dem Handwerk. Insgesamt stieß die Berufsbörse auf dem Hochschulparkett bei allen Beteiligten auf Gegenliebe. 

So nutzten einige Oberstufenschü ler zum Beispiel die Gelegenheit, um sich im Rahmen einer Medizinpräsentation über die Möglichkeiten zu informieren, wie man auch mit einem Numerus Clausus jenseits der 1,0 den Weg ins gewünschte Medizinstudium finden kann. Wer mit den angehenden Abiturienten ins Gespräch kam, konnte feststellen, dass es ihnen bei der Berufswahl weniger um eine möglichst hohen Verdienst, sondern vor allem um soziale Anerkennung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ging. Während einige der jungen Berufstätigen von morgen nach einem krisensicheren Arbeitsplatz Ausschau hielten, liebäugelten andere mit einer beruflichen Selbstständigkeit oder mit einem ortsunabhängigen Online-Arbeitsplatz, der sie in die Lage versetzen würde, wie es ein Schüler sagte, "möglichst viel zu erleben und von der Welt zu sehen, weil mein Horizont nicht auf seinem heutigen Status begrenzt bleiben sollte, ehe ich mich vielleicht mit dem Thema Familiengründung auseinandersetze."

Dass die HRW bereits zum zweiten Mal als Gastgeber ihre großzügigen Räumlichkeiten für die früher vor Ort in den Gymnasien organisierte Berufsorientierungsmesse der Mülheimer Rotarier zur Verfügung gestellt hatte, kam bei Schülern, Lehrern und Arbeitgebern gleichermaßen gut an, werden doch viele der jungen Messebesucher nach ihrem Abitur studieren, ob an der HRW oder an einer anderen Hochschule. Da konnte es ihnen nicht schaden, vorsorglich schon mal etwas Uni-Luft zu schnuppern.

Mittwoch, 27. März 2024

100 Plus

Wenn man 100 Jahre alt wird, wie das der Mülheimer Jurist Raymund Krause jetzt geschafft hat, kann man was erzählen.

In seinem Falle ist es zum Beispiel die Geschichte seines Vaters. Der war wie die Mutter Volksschullehrer. Er trat 1933 in die NSDAP ein, weil er im Ersten Weltkrieg einen Arm verloren hatte und die "Kriegsschuldlüge des Versailler Friedensvertrages", wie er sie bezeichnete, durch einen Revanche-Krieg getilgt wissen wollte.

Es ist aber auch die Geschichte seiner Mutter, von der er erzählen kann. Auch sie oder war Volksschullehrerin. Sie musste aber nach 10 Jahren im Schuldienst 1923 als Frühpensionärin wider Willen aus dem Schuldienst ausscheiden, da die Herren der Schöpfung und des Schulverwaltungsamtes der Ansicht waren, dass eine mitverdienende und berufstätige Ehefrau zugunsten alleinverdienender Familienväter beruflich zurücktreten hatte.

Krauses früheste Erinnerung ist die seines ersten Schultages nach Ostern im Weltwirtschaftskrisenjahr 1930. Als einziger ABC-Schütze seiner ersten Klasse an der Evangelischen Volkschule an der Mellinghofer Straße stand er ohne Schultüte da. Denn seinen Eltern war es peinlich, wenn er als einziger mit einer Schultüte zum Schulstart angetreten wäre, während seine oft aus armen Verhältnissen stammenden Mitschüler und Mitschülerinnen ohne Süßes zum Beginn des Schullebens dagestanden hätten. "Meine Mutter hatte aber Gott sei Dank vorgesorgt. Und ich bekam die Schultüte anschließend daheim", erinnert sich der Nestor im Wohnzimmer seiner Wohnung an der Schloßstraße.

Er gehörte als Mülheimer des Jahrgangs 1924 und als Abiturient das Jahrgangs 1942 zur Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Wenige Tage nach seinem Abitur, das er unter anderem mit einem Aufsatz zur "erzieherischen Wirkung eines Militärs" bestanden, wurde er zur Luftwaffe eingezogen. Seine bereits erfolgte Einschreibung zum Jurastudium in Marburg musste er revidieren und stattdessen eine Ausbildung zum Bordfunker absolvieren. Krause hatte Glück im Unglück des Krieges. Mehr als einmal überlebte er eine Bruchlandung. Einmal war sein Retter in der Not eine Mülheimer Mitbürger, wie sich an der Absturzstelle herausstellte. 

Nach dem Kriegsende hatte er wieder Glück. Er nicht in sowjetische, sondern in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Und nach einem Arbeitseinsatz bei einem Landwirt von Bayern wurde er vorzeitig zurück an die Ruhr geschickt. Weil sein Elternhaus an der Aktienstraße ausgebombt worden war, musste er bei seinem unverheirateten Tanten einziehen. Deren Haus im Dichterviertel hatte die 161 Luftangriffe auf Mülheim unbeschadet überstanden.

"Ich habe meine jüngere Schwester gar nicht wiedererkannt, weil ich sie fünf Jahre nicht gesehen hatte", erinnert sich Krause an das Wiedersehen mit den Eltern und der Schwester, die 1947 aus der kriegsbedingten Landverschickung heimkehrten. Er selber verdiente sich als kaufmännischer Angestellter bei einem Werkzeughändler das Geld für den Start ins Jurastudium, das er 1950 mit einem Staatsexamen und einer Doktorarbeit abschließen konnte. 

Als junger Richter wurde Krause im Wirtschaftswunder-Deutschland mit den Folgen der nationalsozialistischer Verbrechen gegen die Menschlichkeit konfrontiert. Denn er musste unter anderem Wiedergutmachungs- und Entschädigungsfälle von Menschen verhandeln, deren Angehörige Opfer des Holocaust geworden waren. Sein ganz persönliches Wirtschaftswunder erlebte er 1957 als er sich einen schwarzen VW Käfer mit dem damals typischen kleinen Rückfenster für 3000 Mark kaufen konnte. 

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...