Sonntag, 21. Dezember 2014

Die Jüdische Gemeinde zwischen Baustellen und Lichtblicken: Ein Gespräch mit ihrem Geschäftsführer Michael Rubinstein

Am 16. Dezember feierte die Jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen den ersten Tag ihres achttägigen Lichterfestes Channukka auch auf dem Synagogenplatz. Dann werden der neue Vorstandsvorsitzende der Gemeinde Dmitrij Yegudin und der neue Gemeinderabbiner Reuven Konnik zusammen mit Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld die erste von acht Festtagskerzen entzünden. Zur Feier des Tages wird auch der Gemeindechor singen und Fettgebackenes gereicht. Das jüdische Lichter- und Familienfest Channukka erinnert an ein Wunder. Als 164 vor Christus der 2. jüdische Tempel in Jerusalem nach einer Verwüstung durch die Syrer wieder eingeweiht wurde, reichte das Olivenöl zum Entzünden des siebenarmigen Kerzenleuchters, dessen Licht nicht erlöschen sollte, eigentlich nur für einen Tag. Doch durch eine wunderbare Ölvermehrung brannten die Kerzen acht Tage, solange, bis neues Olivenöl hergestellt und herangeschafft werden konnte.

Wenn sich der Geschäftsführer der 2700 Mitglieder zählenden Gemeinde, Michael Rubinstein, heute ein Wunder wünschen könnte, wäre es wohl das einer wunderbaren Geldvermehrung. „Wie andere Gemeinden müssen wir uns heute auch fragen, was wir leisten wollen, was wir leisten müssen und was wir leisten können“, sagt Rubinstein.

Den größten finanziellen Brocken, den die Gemeinde derzeit schultern muss, ist die 1,8 Millionen Euro teure, Betonsanierung ihres Gemeindezentrums im Duisburger Innenhafen. Dagegen nehmen sich die 30?000 Euro, die die Gemeinde in diesem Jahre in ihren Friedhof an der Gracht investieren musste, um ihre Friedhofskapelle zu restaurieren und Sturmschäden zu beseitigen, geradezu bescheiden aus.

Die Jüdische Gemeinde, die in Mülheim rund 750 Mitglieder hat, betreibt neben ihrem Gemeindezentrum mit seinen religiösen, kulturellen und sozialen Veranstaltungen auch eine Kindertagesstätte, in der 45 Kinder betreut werden, ein Jugendzentrum und eine umfangreiche Sozialberatung, die in Mülheim beim Diakonischen Werk am Hagdorn angesiedelt ist.

„Im Jahr 2014 liegt der Finanzbedarf für unsere Aktivitäten, Einrichtungen und 25 hauptamtlichen Mitarbeiter bei rund 1,6 Millionen Euro“, schätzt Geschäftsführer Rubinstein. Die Gemeindearbeit finanziert sich aus der Kultussteuer, die ihre Mitglieder zahlen und die, wie bei der christlichen Kirchensteuer einen Aufschlag von neun Prozent der Einkommenssteuer ausmacht, sowie aus zum Teil projektbezogenen Fördermitteln der Kommunen, des Landes und des Bundes. Die Stadt Mülheim unterstützt zum Beispiel den jüdischen Gemeindekindergarten mit jährlich 1400 Euro. Bei außergewöhnlichen Belastungen, wie jetzt durch die Betonsanierung ihres Zentrums, kommt die Gemeinde aber nicht ohne Kredite, Stiftungsmittel und Spendenaktionen aus.

Dass dem im Februar 2014 neugewählten Gemeindevorstand nur noch Mitglieder angehören, die ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion haben, erklärt Rubinstein damit, dass dies auf 97 Prozent der Gemeindemitglieder zutrifft. Denn durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach 1989 einsetzte, wuchs die Gemeinde von 118 auf 2700 Mitglieder an.

Die Tatsache, dass inzwischen 1052 von 2700 Gemeindemitgliedern über 60 sind, zeigt, dass der demografische Wandel und ein damit verbundener Schrumpfungsprozess auch in der Jüdischen Gemeinde angekommen ist. Zwölf Sterbefällen und zehn Austritten standen 2014 acht Neuzugänge entgegen. Der Umgang mit dementiell veränderten, pflegebedürftigen oder behinderten Familienangehörigen wird zunehmend zum zentralen Thema der gemeindlichen Sozialarbeit. Hinzu kommt, wenn auch mit abnehmender Tendenz, der Bedarf an Sprachförderung. Vor allem die jüngeren Gemeindemitglieder sprechen heute selbstverständlich deutsch und russisch.

Als positives Signal sieht Rubinstein, dass der neue Gemeindevorstand wöchentliche Sprechstunden abhält, eine zentrale Servicenummer eingerichtet hat, die Gemeindezeitung sechs statt zweimal pro Jahr erscheinen lässt und mit Moshe Werner erstmals einen hauptamtlichen Jugendleiter eingestellt hat.

Dieser Text erschien am 12. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
 
 

Mittwoch, 17. Dezember 2014

So gesehen: Selbst ist der Mann

Früher wussten Studenten, die Geld brauchten, was sie im Dezember zu tun hatten. Ein Anruf bei der Nikolaus-Vermittlung des Arbeitsamtes reichte. Heute heißt das Arbeitsamt Agentur für Arbeit, hat aber wie man hört, gar keine Nikoläuse mehr im Angebot, die zu einem nach Hause kommen und nicht nur den lieben Kleinen bei Bedarf die Leviten lesen, um sie anschließend Besserung geloben zu lassen und zum guten Schluss zu beschenken. Offensichtlich braucht man heute keinen Nikolaus vom Amt, weil es heute an allen Ecken und Enden selbst berufene Nikoläuse gibt und in jedem Mann eben auch ein Weihnachtsmann steckt. Wie sagte doch jüngst Kabarettist Stefan Bauer: Erst glaubt man an den Nikolaus, dann nicht mehr und dann ist man selbst der Nikolaus.

Dieser Text erschien am 10. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 14. Dezember 2014

So gesehen: Der Nikolaus und seine Nachfolger

Der Nikolaus lebt. Ich sah ihn gestern auf der Schloßstraße. Er ging an einem Rollator. Der Mann kommt ja auch in die Jahre.

Ob es der leibhaftige Nikolaus war, muss natürlich stark bezweifelt werden. Denn der heilige Bischof Nikolaus von Myra hat ja im 3. und 4. Jahrhundert gelebt.

Doch wenn gestandene Männer anno 2014 unter eine Nikolausmütze schlüpfen und mit rockiger Adventsmusik im Ohr am helllichten Tag über die Schloßstraße wandeln, zeigt das die Langlebigkeit von Schutzheiligen. Im Falle von Nikolaus profitieren vor allem Kinder und Seeleute vom Schutz des Heiligen.

Vielleicht war sein jahreszeitgemäß behüteter und beschallter Nachfolger ja gerade auf der Schloßstraße unterwegs, um ein kleines Geschenk für seine Enkel einzukaufen und damit den Einzelhandel in der Innenstadt anzukurbeln. Den dort oft gebeutelten Händlern kommt jeder Nikolaus gerade recht, wenn er etwas bei ihnen kauft, mit dem er seine lieben Kleinen beschenken und ihre Kassen klingeln lassen kann.

Denn von den Seh-Leuten und Weihnachtsmännern, die nur in ihre Auslagen und Schaufenster gucken, ohne einzukaufen, haben sie am Ende des Tages nichts, weil sie ins Schwimmen kommen, wenn die Kasse nicht stimmt. Insofern ist der Nikolaus heute eben nicht nur Patron der Kinder und Seeleute, sondern als Konjunkturlokomotive auch Nothelfer der Kaufleute.


Dieser Text erschien am 4. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 13. Dezember 2014

Warum gehen Menschen heute noch ins Kloster? oder: "Unser Leben ist die beste Werbung"; Ein Rückblick auf die Saarner Klostergespräche

Moderator Jens Oboth im Gespräch mit
Schwester Regina Grefrath, Pater Primin Holzschuh
und Schwester Bengina Berens
Warum gehen Menschen heute ins Kloster? Wie funktioniert Klosterleben im 21. Jahrhundert? Diesen Fragen gingen jetzt die Saarner Klostergespräche nach. Zum Abschluss des Jubiläumsjahres 800 Jahre Kloster Saarn luden sich die Klosterfreunde und die katholische Akademie Die Wolfsburg mit der Franziskusschwester Benigna Berens (81), dem Zisterzienser-Prior Pater Pirmin Holzschuh (46) und der Augustiner Chorfrau Regina Greefrath (31) Ordensleute aus drei Generationen ein.

Über alle Altersgrenzen hinweg zeigte sich schnell, dass die Ordensleute viel verbindet, wenn man sie, wie Moderator Jens Oboth und die rund 60 Gäste im Bürgersaal von Kloster Saarn zu den Motiven ihres Klosterlebens befragt. Von der Kraft des Gebetes und der Gemeinschaft war immer wieder die Rede. „Das Vier-Augen-Gespräch mit Gott macht mir immer wieder den Kopf frei“, unterstrich Schwester Benigna Berens. Die ehemalige Generaloberin ihres Ordens sieht ihren eigenen Lebens- und Glaubensweg als „eine Prozession, in der ich nicht vorweg oder hinter her, sondern mit ganz vielen anderen Menschen gemeinsam mittendrin gehe.“

Gleichzeitig weiß sie aus ihrem langen Ordensleben, das 1956, also noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil begann: „Jeder muss seinen eigenen Weg gehen, sein eigenes Leben leben und seinen eigenen Tod sterben.“ Sie selbst tut es aus einem Gefühl des Getragenseins und im Vertrauen auf das Jesus-Wort: „Wer da lebt und an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“

Mit Blick auf die Nachwuchsprobleme, die nicht nur ihre eigene in der Familienpflege tätige Ordensgemeinschaft hat, gibt sie sich keinen Illusionen hin: „Keine Ordensgemeinschaft hat ein ewiges Leben. Sie muss immer wieder die Zeichen der Zeit erkennen und auf die Nöte der Zeit antworten“, sagt sie.

Die 15 Essener Franziskusschwester haben schon manchen  schmerzlichen Strukturwandel durchleben müssen. Sie haben Kliniken aufgeben und sich ganz auf die Familienpflege konzentrieren müssen, wobei die Hilfesuchenden, etwa in der Suchttherapie, heute den Weg ins Kloster finden müssen und nicht mehr von den älter gewordenen Ordensfrauen aufgesucht werden.

Die haben unter anderem eine Stiftung ins Leben gerufen, die ihre Arbeit finanziell absichern und auch dann fortsetzen soll, wenn es ihre Ordensgemeinschaft vielleicht einmal nicht mehr geben wird.

Dabei hat nicht nur Schwester Benigna das Gefühl, dass das Klosterleben auch Menschen aus der stark individualisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts durchaus fasziniert. „In einer Fernsehserie, wie ‚Um Himmels Willen‘ kommen Ordensfrauen und ihr Einsatz für bedrängte Menschen ja ganz gut weg“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Auch der Zisterzienser-Prior Pater Pirmin Holzschuh, der 2001 in den Orden eintrat und 2006 seine Gelübde ablegte, macht angesichts der rund 1400 Gäste, die jährlich, etwa zu Besinnungstagen oder zur Jugend-Virgil ins Kloster Stiepel kommen die Erfahrung, dass Klosterleben „mit seinem strikten und geregelten Tagesablauf“ auch und gerade auf Menschen in eine zunehmend säkularisierten Welt anziehend wirkt.

Allein schon in seinem Ordenskleid, mit dem er aus dem üblichen Rahmen fällt, sieht und spürt er die Ausstrahlung und das Getragensein durch eine Klostergemeinschaft, die sich nicht nur zu regelmäßigen Gebet versammelt, „sondern sich auch immer wieder fragt: Was braucht die Stadt, in der wir leben?“ und deshalb auch hinaus in Gemeindeseelsorge geht.

Mit der jungen Augustiner Chorfrau Regina Greefrath, die erst im Oktober ihre ewige Profess abgelegt hat, ist sich Holzschuh einig, dass das zufriedene Leben in einer Ordensgemeinschaft auch davon abhängt, „dass du immer jemanden hast, dem du alles sagen kannst.“

Schwester Benigna erinnert sich noch gut an den Wandel des Klosterlebens, der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 60er Jahren verbunden war. „Damals wurde die Drohbotschaft zur Frohen Botschaft und neben dem verlorenen Sohn trat der barmherzige Vater verstärkt in den Blick. Vorher sprach man nur selten über den eigenen Glauben und viele Entscheidungen wurden von den Ordensoberen über die Köpfe der betroffenen Ordensfrauen hinweg getroffen“, berichtet sie.

Auch Schwester Regina will den gelobten Gehorsam heute „nicht als blinden Gehorsam“ verstanden wissen und berichtet vom anregenden Dialog, mit dem sich ihre 31- bis 86 Jahre alten Mitschwestern mit ihrer jeweiligen Lebenserfahrung gegenseitig stützen und bereichern.

Haben denn auch Glaubenszweifel Platz im Kloster? „Wer nicht auch mal am Glauben zweifelt, tritt auf der Stelle und kann nicht wachsen und reifen“, sagt Schwester Regina. Wie ihre Glaubensgeschwister aus dem Zisterzienser- und dem Franziskannerinnenorden musste auch die junge Augustiner Chorfrau eine lange Selbstprüfung durchleben, ehe sie für sich die Entscheidung treffen konnte, dass das Ordensleben für sie der richtige Weg sei.

Als Schülerin der Essener BMV-Schule, an der sie heute als Lehrerin unterrichtet, lernte sie die Augustiner Chorfrauen kennen. Nach den ersten Exerzitien mit ihnen konnte sie verstehen, „dass Frauen so leben wollen.“ Doch es sollten noch einige Jahre vergehen, in denen sie Theologie und Spanisch studierte und sich unter anderem auf den Jakobsweg machte, ehe sie den Weg ins Kloster fand. Auch Pater Pirmin, der aus einer bayerischen Landwirtsfamilie stammt, wusste erst nach etlichen Berufsjahren als Tischler und Kaufmann in der Holzwirtschaft, dass er Priester und Ordensmann werden wollte. Und Schwester Benigna war vor ihrem Ordensleben kaufmännische Angestellte und Finanzbuchhalterin, ehe sie Ordensfrau wurde und eine Ausbildung zur Medizinisch Technischen Assistentin machte, die sie später unter anderem zur Laborleiterin werden lassen sollte.

Auch wenn sich Schwester Regina mit Pater Pirmin darin einig ist, „dass ein Kloster heute auch eine gepflegte Homepage braucht“, um interessierten Ordensnachwuchs anzusprechen, ist Schwester Regina davon überzeugt: „Unser Leben ist die beste Werbung!“ Und dieses Leben, etwa an der BMV-Schule, hat eben auch dazu geführt, dass nach ihrer Profess jetzt bereits die nächste Postulantin das Ordensleben für sich entdeckt. Auch Pater Pirmin kann von sechs Kandidaten in seiner Ordensgemeinschaft berichten, die derzeit insgesamt 90 Ordensbrüder zählt. Doch die Ordensfrauen und der Ordensmann aus Essen und Bochum machen auch deutlich, dass trotz des akuten Nachwuchsmangels auch heute weiß Gott nicht jeder vermeintliche Interessent in die Ordensgemeinschaft aufgenommen wird, der an die Klosterpforte klopft. Denn in so manchem Fall stellt sich die Bitte um Aufnahme ins Kloster nach eingehender Prüfung nicht als religiös, sondern als sozial motiviert heraus. Im Klartext: Einige Klosterbrüder und Schwestern in spe wollen ihr Leben nicht Gott weihen und in einer Ordensgemeinschaft beten, glauben und arbeiten, sondern einfach nur gut versorgt sein

Dieser Text erschien am 29. November 2014 im Neuen Ruhrwort

Montag, 8. Dezember 2014

Sterbehilfe oder Sterbebegleitung? Eine Diskussion in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg über die Frage: Was ist der Mensch?

Nichts ist so sicher, wie der Tod. „Hier geht es um die Frage: Was ist der Mensch?“, sagt Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck bei einer Diskussion zum Thema Sterbehilfe. Eingeladen dazu hat die Katholische Akademie Die Wolfsburg. Ihr Auditorium ist mit 350 Zuhörern fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele der interessierten Gäste, die die Politiker, Theologen, Juristen und Mediziner auf dem Podium befragen, haben als Seelsorger, Mediziner, Pflegekräfte oder ehrenamtliche Hospizmitarbeiter einen sehr persönlichen Zugang zum Thema.

Die zweieinhalbstündige Diskussion verläuft nicht kontrovers. Sie ist eher ein gemeinsames Nachdenken und Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten. Zu diesem Gemeinsamkeiten zwischen den Fachleuten auf dem Podium und im Publikum gehören die Einsicht, dass wir in Deutschland keine aktive Sterbehilfe, sondern den Ausbau der stationären und ambulanten Versorgung sterbender Menschen brauchen, die die Angst vor Schmerzen und Einsamkeit auf dem letzten Weg nimmt und nicht nur die Patienten, sondern auch ihre pflegenden Angehörigen entlastet.

Der Essener Klinikdirektor des Geriatriezentrums Haus Berge, Hans-Georg Nehm, zitiert den Philosophen Hans-Georg Gadamer, wenn er sagt: „Geborgenheit schafft Gesundheit.“ Das gilt, darin sind sich alle Diskussionsteilnehmer einig, im übertragenen Sinn auch für den sterbenden Menschen, den es, wie das Wort Palliativmedizin sagt, zu ummanteln und von Schmerzen zu befreien gilt. „Es geht nicht um Sterbehilfe, sondern um Sterbebegleitung. Wir brauchen eine sorgende Gesellschaft, in der sich auch sterbende Menschen akzeptiert und nicht überflüssig fühlen. Denn dort wo Menschen Hilfe erfahren, wird auch der Wille zum Leben gestärkt und kommt der Gedanke an Suizid erst gar nicht auf“, stellt die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese fest. Die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales, ist sich mit ihrem Kollegen Volker Beck von den Grünen darin einig, „dass Sterbehilfe nicht zu einer Regeldienstleistung werden darf.“ Deshalb plädieren sie auch für ein Verbot von kommerziell aktiven Sterbehelfern und Sterbehilfevereinen.

Für Andreas Jurgeleit, Richter am Bundesgerichtshof ist das aktuelle Recht, das aus dem Jahr 2009 stammt, „gut, wie es ist.“ Nur die aktive Sterbehilfe, also das Töten auf Verlangen und kommerzielle Sterbehilfe will auch er verboten wissen. Jurgeleit weist darauf hin, dass das geltende Recht schon heute passive Sterbehilfe und die selbstbestimmte Entscheidung des Patienten darüber, ob und wie behandelt werden soll, ausdrücklich zulässt. Klärungsbedarf, darin sind sich der Jurist Jurgeleit und der Berliner Palliativmediziner und Schmerztherapeut Christoph Müller-Busch einig, gibt es dagegen im ärztlichen Standesrecht, wenn es darum geht, ob die grundsätzlich straffreie Beihilfe zum Suizid Ärzten durch ihre jeweilige Ärztekammer verboten oder erlaubt werden soll.

„Zwischen dem Wunsch der Versorgungslücke klafft eine riesige Lücke“, räumt Müller-Busch mit Blick auf die ambulante und stationäre Palliativmedizin ein. Er fordert: „Wir müssen in Personal und damit die Herstellung von persönlicher Nähe durch Zeit und Zuwendung investieren.“ Der Mediziner weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass gerade mal 0,3 Prozent der deutschen Gesundheitskosten im Bereich der Palliativmedizin entstehen und nur 60.000 von jährlich insgesamt 870.000 Sterbenden in Deutschland in einem Hospiz sterben. „Die meisten Menschen sterben heute immer noch auf einer Intensivstation“, weiß Müller-Busch.

„Das schnelllebige Krankenhaus ist kein Ort zum Sterben, aber die ambulanten Versorgungsstrukturen sind bei uns noch nicht belastungsfähig und müssen finanziell besser ausgestattet werden“, beschreibt Volker Beck das Grundproblem. Er wünscht sich ein palliatives Pflegenetzwerk, in dem mehr Menschen wieder zu Hause sterben können, weil ihre Angehörigen und sie in ihrer ambulanten Pflegesituation auf das Know How von Kliniken und Pflegediensten zurückgreifen und so nicht immer wieder in die Klinik müssen.

Würde der Deutsche Bundestag, der sich nach einer ersten Orientierungsdebatte bis Ende 2015 Zeit für eine Entscheidung nehmen will, die Option einer aktiven Sterbehilfe einrichten, wie es sie bereits in den Niederlanden, in Belgien, in der Schweiz oder im US-Bundestaat Oregon gibt, hätte in den Augen von Ruhrbischof Franz Josef Overbeck massive Folgen für das Selbstbestimmungsrecht der sterbenden Menschen. „Ihre Autonomie würde dann massiv unter Druck gesetzt, weil dann für sie immer die Frage im Raum stünde: Wie lange darf ich zur Last fallen? Was viel darf ich kosten?“ Diesen Rechtfertigungsdruck sieht auch der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff vom Deutschen Ethikrat. Mit Blick auf die Erfahrungen mit dem Paragrafen 218 warnt er vor einer schleichenden Verschiebung von Rechtsnormen und betont: „Der Respekt vor dem Leben und sein Schutz müssen in einem Rechtsstaat immer an erster Stelle stehen.“

Auch die Politiker Beck und Griese sind sich mit Schockenhoff darin einig, dass wir in unserer Gesellschaft auf allen Ebenen an einem Bewusstseins- und Wertewandel arbeiten müssen, damit Krankheit, Hilfsbedürftigkeit und Tod wieder stärker als selbstverständlicher Bestandteil des menschlichen Lebens akzeptiert wird. Die beste Vorbereitung auf den Ernstfall sieht der Jurist Andreas Jurgeleit darin, möglichst frühzeitig mit Angehörigen und potenziellen Bevollmächtigten darüber zu sprechen, wie man sterben möchte, wie man über Leben und Tod denkt und was man auf keinen Fall möchte. „Nutzen Sie dafür nicht nur die Formulare einer Patientenverfügung, sondern schreiben sie das auch mit Ihren eigenen Worten auf“, rät Jurgeleit

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, der durch eine Krebserkrankung selbst mit Frage von Leben und Tod konfrontiert worden ist, lässt am Ende der Diskussion noch einmal die christliche Hoffnung aufleuchten, „dass das Leben ein Geschenk Gottes ist und der Tod für uns deshalb kein Ende, sondern ein Durchgang ist, in dem es auf Gott zugeht.“

Dieser Text erschien im Neuen Ruhrwort vom 29. November 2014

Samstag, 6. Dezember 2014

Der Bund stellt zusätzliches Geld für die Flüchtlingshilfe der Kommunen bereit: Was könnte das für Mülheim bedeuten?

Gute Nachrichten aus Berlin. Bund und Länder haben sich gestern im Bundesrat darauf geeinigt, dass der Bund in den kommenden beiden Jahren jeweils 500 Millionen Euro bereitstellen soll, um die Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge finanziell zu unterstützen.

Was bedeutet das für Mülheim? Obwohl der genaue Verteilungsschlüssel der Mittel noch nicht feststeht, kann sich der stellvertretende Leiter des Sozialamtes, Thomas Konietzka, vorstellen, dass Mülheim mit rund einer Million Euro aus der Bundeskasse rechnen könnte.

Diese Prognose ergibt sich aus dem Verteilungsschlüssel für die Aufnahme der Flüchtlinge. Aufgrund seiner Größe und Einwohnerzahl muss Nordrhein-Westfalen derzeit ein gutes Fünftel aller Flüchtlinge aufnehmen, die nach Deutschland kommen. Mülheim muss wiederum aufgrund seiner Größe und Einwohnerzahl ein Prozent aller Flüchtlinge aufnehmen, die nach Nordrhein-Westfalen kommen.

Demnach würden NRW 100- von 500 Millionen Euro aus der Bundeskasse zustehen. Und Mülheim bekäme eine dieser Millionen Euro, die nach NRW fließen.

„Das hilft uns natürlich immer. Und ich finde es gut, dass das Thema und der Finanzbedarf der Kommunen in Berlin angekommen ist“, sagt Konietzka. Gleichzeitig bezweifelt er, dass wir damit „zu einer wirklich auskömmlichen Finanzierung kommen werden.“

Denn wenn die Sozialleistungen für Asylbewerber, wie geplant, verbessert werden sollen, wird das die Kommunen zusätzlich finanziell belasten. Der Zeit erhält der Haushaltsvorstand einer Flüchltlingsfamilie monatlich 330 Euro und damit rund 30 Euro weniger als ein deutscher Arbeitslosengeld-II-Empfänger.

Außerdem stellt sich für Konietzka die Frage, „ob das Land, das die Hälfte der Bundesmittel in den nächsten 20 Jahren zurückzahlen muss, die Städte an dieser Rückzahlung beteiligen wird.“ Zurzeit wendet die Stadt sieben Millionen Euro für Flüchtlingshilfen auf und bekommt davon eine Million Euro durch das Land erstattet. 2015 sollen es 1,4 Millionen Euro werden. Derzeit leben in Mülheim rund 900 Flüchtlinge. Ihre Zahl wird 2015 voraussichtlich auf 1300 ansteigen.


Dieser Text erschien am 29. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 1. Dezember 2014

Auf ein Wort: Der Kabarettist Kai Magnus Sting ist so frei

2013 hielt er die Laudatio auf seinen Kabarettkollegen Rene Steinberg. Am 29. November wird der Kabarettist und Autor Kai Magnus Sting von den Mülheimer Karnevalisten beim Prinzenball selbst mit der Spitzen Feder für seine Verdienste um das freie und offene Wort ausgezeichnet. Deshalb bat ihn in der NRZ auf ein Wort.

Frage: Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit der Spitzen Feder?

Antwort: Ich freue mich über diese Auszeichnung, weil sie mir zeigt, dass das, was ich seit vielen Jahre als Alltagskabarettist mache, Menschen gefällt und sein Publikum findet. Und Publikum ist das wichtigste, was ein Künstler braucht.

Frage: Was verbindet Kabarett und Karneval?

Antwort: Ob mit einem Lied, in einer Büttenrede oder bei einer Kabarettnummer. Immer geht es darum Menschen eine gute Geschichte zu erzählen, die sie nicht nur unterhält, sondern sie auch dazu bringt ihren Alltag einmal unter einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Gutes Kabarett und guter Karneval hält Menschen immer auch den Spiegel vor und bringt sie im besten Fall dazu, auch über sich selbst zu lachen. Denn Selbstreflexion ist der Kern des Humors.

Frage: Braucht man heute noch Mut für ein freies Wort?

Antwort: Man braucht zu jeder Zeit freie Geister, die ein freies Wort aussprechen, um gesellschaftliche Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen. Ein Land, das seinen freien Geistern einen Maulkorb anlegt, ist ein armes Land. Wenn man in unserem Land zum Beispiel die Bundeskanzlerin kritisiert, ist das kein Problem. Bei der Kritik an Personen, Positionen oder Produkten aus der Wirtschaft kann das schon anders sein, weil die Wirtschaft heute nicht nur die Vorgehensweise der Politik, sondern zum Beispiel über die Werbung auch die Medien beeinflusst.

Dieser Text erschien am 13. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...