Sonntag, 24. August 2014

Orden bauen Europa: Klosterfreunde und katholische Akademie begaben sich auf eine geistliche und kulturelle Spurensuche zu den Fundamenten unseres Kontinents


Mit einer Reise durch die Jahrhunderte feiern die Saarner Klosterfreunde in diesem Jahr den 800. Geburtstag ihres ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Mariensaal, das seit fast 25 Jahren als Bürgerbegegnungsstätte eine neue Aufgabe gefunden hat. Unter dem Motto „Orden bauen Europa“ machten die Klosterfreunde jetzt mit einer Tagung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg Station im Mittelalter.
Als fachkundige Reiseführer beleuchteten die Kirchenhistoriker Gudrun Gleba von der Universität Osnabrück und Zisterzienserpater Bruno Norbert Hannöver von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster die weltlichen und geistlichen Impulse, die von den Zisterziensern ausgingen. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen standen die Heiligen Benedikt von Nurisa (gestorben 547) und Bernhard von Clairvaux (gestorben 1153).

Für Gleba ist „Bernhard der Benedikt des 12. Jahrhunderts.“ Dabei machte sie deutlich, dass Bernhard, der das militärische Vorgehen des Templerordens rechtfertigte und zum Kreuzzug aufrief, sehr wohl um die Widersprüchlichkeit seines Wesens wusste. „Die Zisterzienser waren einfach zu gut, um auf Dauer arm zu bleiben“, machte die Kirchenhistorikerin den Widerspruch zwischen dem Selbstverständnis von betenden und arbeitenden Mönchen, die durch ihr Gelübde zu Armut, Keuschheit, Gehorsam und Demut verpflichtet waren und dem wachsenden wirtschaftlichen Wohlstand ihrer Klöster deutlich. Auch das Zisterzienserinnenkloster Saarn, das erst im Zuge der Säkularisation im Jahre 1808 aufgelöst wurde, war ja nicht nur Gebetsstätte, sondern auch ein Wirtschaftsbetrieb, dessen Besitz durch die Zustiftungen seiner Gönner stetig wuchs. Die konnten im Gegenzug davon ausgehen, dass in dem von ihnen begünstigten Kloster für ihr Seelenheil gebetet und ihnen nach dem Tod eine letzte Ruhestätte im Kloster bereitet wurde.
Bernhard selbst beschreibt Gleba als einen „asketischen Hardliner“, der „Reformer und Traditionalist in einer Person war.“ Als Mönch ließ er sich zwar zum Priester weihen, lehnte ein Bischofsamt aber ab. Die 68 Klöster, die er zu Lebzeiten selbst gründete sah er, wie Pater Hannöver, erklärte „in der Tradition der Jerusalemer Urgemeinde, in der die ersten Christen alles gemeinsam hatten.“ Gleichzeitig, so Gleba, habe der Ordensreformer mit seinen Predigten in Europa als Diplomat und Anwalt der päpstlichen Vormachtstellung agiert. Einer seiner Schüler, Bernardus Paganelli,  bestieg als Papst Eugen III. 1145 sogar den Stuhl Petri.

„Die Zisterzienser waren nicht unbedingt die besseren Menschen, aber sie wollten es besser machen als die Benediktiner“, formulierte der Kirchenhistoriker und Zisterzienserpater Bruno Norbert Hannöver den von Citeaux und den Ordensgründern Robert von Molesme und Stephan Harding ausgehenden Reformanspruch der Zisterzienser.

Architektonisch wie liturgisch setzten die Zisterzienser im Gegensatz zu den Benediktinern, deren Abteikirche in Cluny, die im Mittelalter die größte Kirche nördlich der Alpen war, auf schlichte Funktionalität. Ihre Klosterkirchen, die alle der Mutter Gottes geweiht wurden, kannten weder Türme noch goldene Kreuze und bemalte Kirchenfenster, sondern, wie in Saarn nur Dachreiter mit einfachem Glockengeläut. Alle Kreuze im Kloster waren aus einfachem Holz. „Nichts sollte von der Hinwendung zu Gott ablenken“, beschrieb Pater Hannöver die Reform durch Reduktion. Allerdings zeigten die prachtvollen Gemälde, mit denen er die auf Herz-Jesu- und Marienverehrung basierende Spiritualität der Zisterzienser ins Bild setzte, dass die Religiosität auch in ihren mittelalterlichen Klöstern nicht ganz ohne prunkvolle Äußerlichkeit und Anschaulichkeit auskam.
Außerdem ließen Gleba und Hannöver in ihren Tagungsbeiträgen keinen Zweifel daran, dass auch die Klöster ein gesellschaftliches Spiegelbild ihrer Zeit waren. Die meisten Mönche waren adeliger Herkunft und hatten mit den sogenannten Konversen „Laienbrüder fürs Grobe“, die sie bei der alltäglichen Arbeit unterstützten. Auch mit der gleichberechtigten Aufnahme von Ordensfrauen taten sich die Ordensmänner offensichtlich schwer. Deshalb wurden Frauenklöster, wie das 1214 in Saarn gegründete, auch der Oberaufsicht eines männlichen  Abtes unterstellt. Daher unterstanden die Äbtissinnen und ihre Mitschwestern in Mariensaal auch dem Abt von Kloster Kamp. Nicht schlecht staunten die Tagungsteilnehmer, als ihnen Pater Bruno Nobert Hannöver berichtete, dass die Zisterzienserinnen erst seit 1995 im Generalkapitel ihres Ordens vertreten sind, das Amt des Generalabtes aber weiterhin einem Ordensbruder vorbehalten bleibt.

„Damals waren alle Intellektuelle Ordensleute“, machte Kirchenhistorikerin Gleba mit Blick auf das Mittelalter deutlich. Klöster waren die Orte, an denen nicht nur geistliches, sondern auch geistiges Leben stattfand. Diese intellektuelle Dominanz prägte, wie Gleba sehr anschaulich herausarbeitete, nicht nur das Denken des christlichen Abendlandes. Denn in den Klöstern wurde nicht nur der Glauben gelebt, sondern auch Bildung weitergegeben, Caritas praktiziert oder Arbeitsplätze und Architektur geschaffen. Alles in allem waren die Klöster als von Zöllen und Zehnten befreite Großgrundbesitzer also auch sehr weltlich und materiell ausgerichtete Institutionen.
Dieser Text erschien am 19. Juli 2014 im Neuen Ruhrwort
 

Freitag, 22. August 2014

So gesehen: Der Innovationsfaktor Mensch

Die größte Innovation ist immer noch der Mensch, der seinen Mitmenschen hilft. Der Bericht über den Conciergeservice im SWB-Hochhaus am Hans-Böckler-Platz (siehe Text unten) zeigt es.

Man sieht: Es sind offensichtlich die kleinen Dinge, wie die helfende Hand, ein Lächeln oder ein aufmunterndes Wort im richtigen Augenblick, die das Leben schön und auch in einem unter Anonymitätsverdacht stehenden Hochhaus plötzlich ganz persönlich machen. Dass die Mieter als Menschen auf solch einen Service abfahren, zeigen die Vermietungszahlen der SWB. Viele Wohnungsgesellschaften haben in den letzten Jahren Hausmeister und Co. eingespart und dafür mit Vandalismus und Leerständen bezahlt. Auch in Bussen und Bahnen wurden Schaffner aus Kostengründen schon vor langer Zeit aufs Abstellgleis geschoben. Heute gehen eigens eingestellte Kontrolleure auf Schwarzfahrerjagd. Jede Rechnung ohne den Menschen erscheint am Ende doch als Milchmädchenrechnung, bei der alle draufzahlen.

Dieser Text erschien am 16. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 21. August 2014

Der Mensch macht den Unterschied: Wie es der SWB gelang unter anderem mit ihrem Conciergeservice Wohnungsleerstände in ihrem Hochhaus am Hans-Böckler-Platz drastisch zu reduzieren und warum Mieter ihren Concierge nicht mehr missen wollen

„Seid ihr verrückt. Das kann doch nicht euer Ernst sein.“ Solche und ähnliche Sätze hörten Ingrid Bliss (76) und Jutta Eichholz (67) öfter, als sie vor über einem Jahr Freunden und Verwandten ihre Entscheidung mitteilten, dass sie ihre Wonhnungen im grünen Saarn mit einer Hochhauswohnung am Forum eintauschen wollten, um nicht mehr für jeden Einkauf und für jeden Arztbesuch ins Auto steigen zu müssen.

„Hier ist alles ebenerdig und fußläufig erreichbar“, beschreibt Jutta Eichholz, die manch einem noch als langjährige NRZ-Chefsekretärin in bester Erinnerung ist, die grundsätzlichen Vorzüge ihrer neuen Wohnung am Hans-Böckler-Platz. Doch das, was ihre Besucher inzwischen fast neidisch macht, ist der Conciegerservice, den die SWB seinen Mietern im Hochaus am Hans-Böckler-Platz 9 anbietet.

Concierge. Dabei denkt man spontan an eine strenge Französin, die in ihrer Hausmeisterloge dafür sorgt, dass im Haus alles seine Ordnung hat. Im Eingangsbereich des SWB-Hochhauses sitzt aber keine strenge Dame, sondern mit Gerhard Mackenberg ein freundlicher Herr hinter der Theke eines kleinen Büros. Der 58-Jährige, der vor sechs Jahren als Hausmeister bei Siemens wegrationalisiert wurde, fand vor fünfeinhalb Jahren hier eine neue Stelle als Concierge. Man sieht ihm an, dass ihm sein neuer Beruf als Mädchen für alles Freude macht.

Er nimmt Päckchen an, leiht Leitern, Bücher und Verlängerungskabel aus, deponiert auf Wunsch der Bewohner deren Wohnungsschlüssel in seinem Büro oder liefert Brötchentüten und Pakete auch schon mal direkt an der Wohnungstür ab. Er erledigt für Mieter kleinere Einkäufe und Reparaturen oder fährt sie, wenn nötig, auch schon mal zum Arzt. Eine persönliche Anfrage oder ein Anruf im Concierge-Büro reichen und Mackenberg oder sein Kollege Michael Ivanov legen los.

„Ich hatte im letzten Jahr einen Unfall und saß für drei Monate im Rollstuhl. Ohne die Hilfe von Herrn Mackenberg hätte ich gar nicht gewusst, wie ich zum Arzt kommen sollte“, erinnert sich Ingrid Bliss. „Das ist wirklich ein Superservice. Hier kümmert sich jemand wirklich sehr liebevoll um uns. Dadurch fühlt man sich immer sicher und wohl, weil man immer einen Ansprechpartner hat,“ lobt Mieterin Jutta Eichholz.

Dass der Conciergedienst über ihre Mietnebenkosten finanziert wird, nehmen die beiden Damen gerne in Kauf, „weil das“, wie sie sagen, im Monat nur Centbeträge ausmacht. Denn die Nebenkosten verteilen sich im SWB-Hochhaus auf aktuell 196 Mietparteien. Nur zehn Wohnungen im Hochhaus stehen leer. Das war nicht immer so. „Das war hier mal ein sozialer Brennpunkt, in dem die Hälfte der Wohnungen leer standen“, erinnern sich SWB-Marketingfrau Christina Heine und Sylvia Timmerkamp vom Vermietungsbüro an die schwierige Zeit der späten 80er und frühen 90er Jahren. Denn damals galt es nicht mehr, wie in den 70er Jahren, als die Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz entstanden, als chic und modern, in einem City-Hochhaus zu wohnen.

Neue Haustechnik, neue Fenster, mehr Licht und Farbe in den Fluren, neue Nachbarn, wie etwa der städtische Kindergarten Fiedelbär, eine Polizeidienststelle und das Technische Rathaus brachten neues Leben in den alten Angstraum. Und zu dieser neuen Strategie, die sich in den Vermietungszahlen offensichtlich positiv niedergeschlagen hat, gehörte eben auch die Einstellung von Concierges, die über die Paritätische Initiative für Arbeit zur SWB kamen.

„Und die geben wir jetzt auch nicht wieder her“, sind sich Mieterinnen und SWB-Mitarbeiterinnen einig. Auch Concierge Gerhard Mackenberg möchte seinen neuen Arbeitsplatz nicht wieder hergeben. „Man grüßt sich. Man spricht miteinander. Man hört zu. Und die zunehmend älteren Mieter sind sehr dankbar für die Hilfe“, freut er sich.

Dass mit Gerhard Mackenberg und Michael Ivanov gleich zwei Concierges (täglich von 7 bis 11 Uhr und von 17 bis 22 Uhr) anwesend und ansprechbar sind und von zwei im Haus wohnenden Hausmeistern unterstützt werden, gibt den neuen Mieterinnen das gute Gefühl, auch im hohen Alter noch selbstständig in ihrer Wohnung leben zu können. „Hier ziehen wir nicht mehr aus, bis sie uns mit den Füßen nach vorne heraustragen“, bringt es Jutta Eichholz auf den Punkt.

 

Was sagt ein Seniorenberater zum Conciergeservice


„Der Concierge-Service der SWB ist wirklich eine gute Sache, die eine kleine aber wichtige Lücke schließt“, findet Holger Förster, der seit 2003 als Seniorenberater des Sozialamtes arbeitet. Täglich hat er es mit Senioren zu tun, die Angst davor haben, in absehbarer Zeit in ihrer Wohnung nicht mehr allein zurecht zu kommen. Oft sei ihre Wohnung zu groß und nicht barrierefrei genug. Oft fehle ihnen aber auch einfach nur eine hilfreiche Hand, die ihnen durch kleine Unterstützungen das selbstständige Wohnen ermöglichen und den Umzug in eine wesentlich teurere, betreute Seniorenwohnung oder in ein Altenheim ersparen könnte.

„ Die Vermietung von Wohnungen wird in Zeiten des demografischen Wandels sicher erleichtert, wenn Vermieter ihre Wohnungen barrierefreier (etwa durch ebenerdige Duschen) umbauen und zum Beispiel, wie die SWB, einen Conciergeservice anbieten“, glaubt der beim Sozialamt unter der Rufnummer 0208/4555059 erreichbare Seniorenberater.

Dieser Text erschien am 16. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 20. August 2014

So gesehen: Der Regen kann draußen bleiben

Ich würde Ihnen ja gerne ein sonniges Wochenende wünschen. Aber dieser Wunsch wird wohl ein frommer bleiben, wenn man den Meteorologen glauben darf.

Da machen nicht nur Landwirte ein Gesicht, wie drei Tage Regenwetter. Regen, dass hatten wir in diesem Sommer doch schon oft genug. Da ist ein weiterer Starkregen doch wohl im wahrsten Sinne des Wortes überflüssig.

Also, ich werde ja den Verdacht nicht los, dass sich irgendjemand ganz furchtbar daneben benehmen muss, dass uns Petrus im schönsten Sommer so im Regen stehen lässt. Wenn man über die eigene Kirchturmspitze hinausschaut und die Nachrichtenlage betrachtet, kann sich dieser Gedanke wirklich aufdrängen und einem die Stimmung verhageln.

Da bleibt wohl nur eines. Bewahren wir uns selbst ein sonniges Gemüt, in dem wir unseren Nächsten und uns selbst etwas Gutes tun. Denn Sommer ist bekanntlich, was im Kopf passiert und man muss die Sonne selbst aufgehen lassen.

Dieser Text erschien am Samstag, 9. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 16. August 2014

Das Wetter als Existenzfrage: Ein Gespräch mit dem Mülheimer Landwirt Karl Wilhelm Kamann

Wie wird das Wetter? Für den Landwirt Karl Wilhelm Kamann ist das keine Frage des Small Talks, sondern eine der beruflichen Existenz.

Morgens geht sein erster Blick gen Himmel und der zweite auf sein altes Barometer. Zeigt es Hochdruck an, kann sich Kamann auf einen sonnigen und trockenen Tag einstellen. Das ist genau das Wetter, das er im Moment gut gebrauchen kann, um vor allem Weizen, Stroh und später Heu zu ernten. Roggen und Gerste hat er bereits gedroschen und eingefahren. Die Maisernte muss erst Ende September eingebracht werden. Doch mit dem Weizen kommt er derzeit nicht weiter. Denn sein Barometer zeigte nach einer zwischenzeitlichen Hochdruckphase immer wieder Tiefdruck an. „Wir hatten in den letzten Tagen und leider auch im gesamten Jahr zu viel Starkregen und zu wenige Trockenphasen. Weizen und Heu sind noch zu feucht, um sie zu dreschen und einzufahren“, bedauert Kamann.

Als der Westdeutsche Wetterdienst gestern erneut unwetterartigen Starkregen mit Niederschlag von 20 bis 30 Liter pro Quadratmeter voraussagte, war das für Kamann ein erneuter Strich durch seine Zeitrechnung.

Eigentlich hatte er nach dem Hochdruck-Intermezzo der letzten Tage auf eine natürliche Trocknung seiner noch nicht eingebrachten Weizen,- Stroh- und Heuernte gehofft. Denn nur wenn dessen Feuchtigkeitsgrad unter 14 Prozent liegt, kann Kamann die Ernte problemlos fortsetzen. Ohnehin muss er seine Mäh- und Dreschmaschinen derzeit drosseln, wenn Starkregen und Windböen von 70 bis 80 Stunden/Kilometern, wie sie jetzt vom Westdeutschen Wetterdienst vorhergesagt worden sind, die Weizenhalme in eine für den maschinellen Erntevorgang ungeeignete Schräglage bringen.

Wenn ihm der Starkregen keine andere Wahl lassen sollte, könnte er Weizen in einer Futtermittelfabrik, an die er ohnehin den größten Teil seiner Ernte liefert, künstlich belüften und so trockenen lassen. „Doch das wäre mit zusätzlichen Kosten verbunden“, erklärt er eine mögliche Regenauswirkung auf seinen Gewinn, der immer wieder auch durch Hagelschlag geschmälert wird. Dagegen hat sich der Landwirt, der in Winkhausen, Holthausen und Speldorf Ackerflächen von insgesamt 80 Hektar bewirtschaftet und darauf neben Getreide auch Rüben, Mais und Bohnen anpflanzt, sogar versichert. „Doch diese Versicherung greift erst ab einem hagelbedingten Ernteausfall von mindestens acht Prozent. Und selbst dann muss ich genau überlegen, ob ich den Schaden selbst trage oder im nächsten Jahr eine höhere Versicherungsprämie bezahlen will“, schildert Kamann den witterungsbedingten Teufel, der auch hier im Detail steckt.

Was ihn während der Erntezeit ärgert und um die Qualität der Ernte fürchten lässt, kommt dem Landwirt in der Wachstumsphase gerade recht. „Ist der Mai kalt und nass, fühlt es dem Bauern Scheune und Fass“, zitiert Kamann eine alte Bauernregel.

Auch wenn ihm die Starkregenfälle 2014 das Leben schwermachen und nicht nur den Pflanzen, sondern auch dem feuchtigkeitsspeichernden Lößlehmboden zusetzen, kennt Kamann als Landwirt in der vierten Generation seiner Familie auch aus früheren Jahrzehnten extreme Wetterschwankungen mit Jahren, in denen die Saat mal früher und mal später aufging, weil das Jahr entweder zu kalt oder zu warm, zu trocken oder zu nass war. „Solche Schwankungen gehören dazu. Damit muss man als Landwirt leben“, sagt Kamann und ist deshalb auch eher zurückhaltend, wenn vom Klimawandel die Rede ist. Für 2014 rechnet der Landwirt, der fast das Rentenalter erreicht hat, aber solange weiterarbeiten will, wie es seine Gesundheit erlaubt, mit einem durchschnittlichen Ernteertrag von 7 bis 8 Tonnen pro Hektar. In Spitzenjahren, in denen das Wetter mit einer kontinuierlichen und gemäßigten Abfolge von Kälte,- Wärme,- Nässe,- und Trockenperioden mitspielt, kann der Ernteertrag auch schon mal bei über 10 Tonnen pro Hektar liegen.

Dieser Text erschien am 9. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 8. August 2014

Das Popcornorchester: Ein Ensemble, das alle Handicaps locker überspielt: Ein Probenbesuch in der Musikschule

Das Grau ist tonangebend auf den hohen und langen Fluren der alten Augenklinik an der Von-Graefe-Straße, in der jetzt die Musikschule und das Stadtarchiv zu Hause sind. Erst als sich die Tür des Raumes D4 öffnet, wird es bunter und fröhlicher. Es probt das integrative Popcornorchester. Der Name ist Programm. Pop- und Film-Songs, wie „Mad World“, der Abba-Klassiker „Money, Money, Money“, „Lambada“, „Moon River“ aus Frühstück bei Tiffany, Henry Mancinis „Baby Elefant Walk“ und „Pink Panther“ klingen flott, schmeicheln dem Ohr und machen spontan gute Laune.

Das färbt auch auf die Musiker ab. „Gib alles. Bring die Mädels mal groß raus“, feuert Bass-Gitarrist Kalle Schauenburg seinen Vordermann am Keyboard, David Schünke, an, während sich die Akkordeonistin Lucienne Hougardy und die Cellistin Sonja Oberdörster bei „Mad World“ als Sängerinnen probieren. „Vielleicht zieht ihr den Refrain noch mal etwas in die Länge“, schlägt E-Gittarist und Band-Gründer Bernhard Fuchs vor. Und beim zweiten Versuch klingt es gleich noch besser.

Dass hier Menschen mit und ohne Handicap musizieren, sieht und hört man nicht. Und genau das macht die musikalische Gruppendynamik aus. Hier hat jeder seinen Platz und seine Aufgabe, egal ob er vom Gymnasium aus oder aus den beschützenden Werkstätten der Fliedner-Stiftung kommt. „Ich arrangiere die Stücke so, dass jeder das spielt, was er kann und jedes Instrument gut hörbar zur Geltung kommt“, sagt Musikschullehrer Johannes Burgard, der als musiaklischer Leiter am Klavier den Ton angibt. „Integration oder Inklusion ist in der Musik leichter als etwa an der Regelschule, weil man hier sehr gut auf unterschiedlichen Leistungsniveaus zusammenspielen kann“, findet Bernhard Fuchs.

Der Musikschul- und Sonderpädagoge hat das Popcornorchester vor gut 15 Jahren gegründet. „In den 80er und frühen 90er Jahren wurden wir mit Bruno’s Band oft wie ein Leuchtfeuer herumgereicht, weil wir eine der ersten integrativen Bands im Lande waren. Inzwischen ist das viel normaler geworden, weil fast jede Musikschule ein integratives Ensemble hat“, sagt Fuchs.

„Ich spiele lieber Pop als Klassik. Und ich finde es toll, dass es locker zugeht und wir die Stücke, die wir spielen auch selbst mit aussuchen können“, sagt die 13-jährige Freda Wix, die das Gymnasium Broich besucht. Sie fühlt sich mit ihrer Querflöte im Popcornorchester besser aufgehoben als in anderen Musikschulensembles.

„Hier wird man so genommen, wie man ist. Man braucht sich nicht zu verbiegen. Und die Stücke sind auch nicht zu schwer“, findet Akkordeonistin Lucienne Hougardy. Und für Cellistin Sonja Oberdörster ist das Popcorn-Orchester einfach toll, „weil ich hier mit meinem Instrument besser zur Geltung komme und nicht wie in größeren Ensembles untergehe.“

„Ich mag einfach den Rhythmus“, sagt der 26-jährige Thorsten Welke, der als Monteur in der Fliednerwerkstatt an der Weseler Straße arbeitet und als Drummer des Popcornorchesters mit Pauke, Schellenring, Gong, einem mit Nägeln gefülltem Regenrohr und kleinen, harfenähnlich klingenden Metallstäben einen Hintergrundsound kreiert, den man in keinem gut Popstück vermissen möchte.

„Das ist schon eine Herausforderung und man erlebt immer wieder etwas Neues“, sagen die Brüder David (Keyboard) und Christian Schünke (Geige), die als Tischler und Schlosser bei Fliedner arbeiten. Sie spielen auch nach fast 15 Jahren immer noch gerne mit und treten etwa bei Konzerten zugunsten von Unicef oder demnächst auf Einladung der Alzheimer-Gesellschaft mit ihren Orchesterkollegen auf. Auch in Kirchengemeinden oder bei Familienfesten war das Popcornorchester schon zu hören.

„Was mir im Popcornorchester besonders gut gefällt, ist der Umstand, dass die Musik hier nicht nur Handicaps, sondern alle Altersunterschiede einfach wegspielt und es egal ist, ob du 15 oder wie ich 58 Jahre alt bist“, sagt der beruflich als Betreuer bei der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung aktive Bass-Gitarrist Kalle Schauenburg. Der Kontakt besteht auch jenseits von Proben und Konzerten. „Gerade für unsere behinderten Mitspieler sind die sozialen Kontakte und die Anerkennung, die sie im und mit dem Popcornorchester erleben von großer Bedeutung“, sagt Bernhard Fuchs.


Dieser Text erschien am 23. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 1. August 2014

Dem eigenen Gewissen gefolgt: Drei Lebensbeispiele aus dem christlichen Widerstand gegen Hitler, die uns auch heute noch viel zu sagen haben

Vor der Barbarakirche im Mülheimer Stadtteil Dümpten steht ein Stahlkreuz, das die Portraits von Otto Müller, Nikolaus Groß und Bernhard Letterhaus trägt. Das Kreuz wurde dort 2001, im Jahr der Seligsprechung von Nikolaus Groß aufgestellt. In der Mülheimer Gemeinde, die seit 1998 in regelmäßigen Abständen ein Nikolaus-Groß-Muscial auf die Bühne bringt, hat man ein besonders enges Verhältnis zu den drei Männern, die während der NS-Zeit an der Spitze der Katholischen Arbeiterbewegung Westdeutschlands standen und aus ihrem christlichen Glauben heraus gegen die Hitler-Diktatur kämpften. Diesen Kampf mussten sie mit dem Leben bezahlen, weil sie als führende Mitglieder des Kölner Kreises mit anderen Kreisen des Widerstandes in Verbindung standen und um den Versuch wussten, Hitler am 20. Juli 1944 zu beseitigen, um ein neues Deutschland aufzubauen. Das neue Deutschland, das dem Kölner Kreis um den aufgewachsenen KAB-Verbandspräses Otto Müller vorschwebte, war ein Deutschland, das christlich, demokratisch und im Sinne der katholischen Soziallehre gerechter sein sollte. Otto Müller hatte es in einer seiner Schriften zur Entwicklung von Kapitalismus und Sozialismus einmal so formuliert:

„Das Gebot, den Nächsten zu lieben, wie uns selbst, umfasst auch die Liebe zur Gesamtheit des Volkes, fordert Einschränkungen der eigenen Interessen zugunsten des Gemeinwohls. Gleichwohl erscheint die Entwicklung eines christlichen Sozialismus weniger zweckentsprechend, weil sich ein großer Teil der Menschheit nicht zum christlichen Glauben bekennt. Der Inhalt der christlichen Forderung braucht deshalb nicht geschmälert zu werden. Denn letzten Endes sind die Ziele, die eine christliche Lebensauffassung für die Entwicklung der künftigen Sozial- und Wirtschaftsordnung erstrebt, auch von all jenen zu erstreben, die ohne Voreingenommenheit gegen Glaube und Religion, von der Sorge um die Gesundung des Allgemeinwohles geleitet werden. Es kommt darauf an, zur Gemeinsamkeitsarbeit an der Verwirklichung der Ziele alle Gutwilligen zu vereinen.“

Vieles von dem, was im Kölner Kreis vorgedacht worden war, sollte nach dem Krieg auch mit Hilfe von Überlebenden des Kölner Kreises, wie dem späteren Bundesminister Jakob Kaiser oder dem späteren Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold, Eingang in das 1949 verabschiedete Grundgesetz der Bundesrepublik finden. Man denke an das in der Präambel formulierte Bekenntnis „zur Verantwortung vor Gott und den Menschen“, an die im Artikel 1 verankerte Verpflichtung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt oder an den im Artikel 14 festgeschriebene Grundsatz. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
Müller, Groß und Letterhaus arbeiteten ab 1927 im Kölner Ketteler-Haus als Verbands-Präses, als Chefredakteur der Westdeutschen Arbeiterzeitung und als Verbandsekretär zusammen an der Spitze der katholischen Arbeiterbewegung Westdeutschland. Alle drei wurden nicht nur durch ihren Glauben verbunden und getragen. Sie wussten aus ihrer eigenen Biografie, dass Bildung die Voraussetzung für die gesellschaftliche Gleichberechtigung und politische Teilhabe der Arbeiter war. Der in Mülheim aufgewachsene Lehrersohn Müller hatte schon als junger Pfarrer in Mönchengladbach die Bildungsarbeit der katholischen Arbeitervereine vorangetrieben und eine Doktorarbeit über die Geschichte der christlichen Gewerkschaften geschrieben. Der 1898 im Ruhrgebiet geborene Groß und der 1894 in Wuppertal geborene Letterhaus hatten sich durch Fortbildung von Arbeitern zu Arbeiterführern weiterentwickelt.
Müller, Letterhaus und Groß kannten die sozialen Nöte der Industriearbeiterschaft, etwa im Bergbau, in der Stahl- und in der Textilindustrie, aus eigener Anschauung. Früher, als viele andere erkannten sie, dass diese durch die Weltwirtschaftskrise verschärften Nöte und Ungerechtigkeiten den Nazis in die Hände spielten. Vor und nach 1933 warnten sie nicht nur die katholische Arbeiterschaft vor der Gefahr des Nationalsozialismus. Müller nannte Hitler „ein nationales Unglück.“ Letterhaus warnte als Zentrumsabgeordneter des preußischen Landtags und Vizepräsident des Deutschen Katholikentages: „Wenn es diesem Demagogen Hitler einmal gelingen sollte, an der Spitze Deutschlands zu stehen, dann ist der Anfang des Untergangs da und auch ein neuer Krieg. Wir müssen uns dem entgegenstemmen, wo immer es auch sein mag.“ Dieser Erkenntnis folgend lehnte er 1933 das Ermächtigungsgesetz und das Reichskonkordat ab.
Nikolaus Groß hatte als Chefredakteur der Westdeutschen Arbeiterzeitung bereits 1932 kommentiert: „Der Nationalsozialismus stellt weltanschaulich ein wildes Durcheinander aus den verschiedensten Weltanschauungen dar. Politisch ist der Nationalsozialismus Gegner des Volksstaates und der Demokratie und Verfechter des Diktaturgedankens. Deshalb ist der Nationalsozialismus auch das Sammelbecken der politisch Unreifen und Unmündigen geworden.“

Müller, Letterhaus und Groß wussten, worauf sie sich einließen, als sie unter anderem über des Jesuitenpater Alfred Delp Kontakt zu Carl Friedrich Goerdeler, Ludwig Beck und anderen Männern des 20. Juli aufnahmen und ab 1942 im Kölner Kreis Pläne für die Zeit nach Hitler schmiedeten. Generaloberst Beck sollte nach einem Sturz Hitlers Staatsoberhaupt, der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Gordeler Reichskanzler und Letterhaus Minister für Wiederaufbau werden.

Es kam anders. Alle drei wurden nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler verhaftet und gefoltert. Letterhaus und Groß wurden vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und in Berlin-Plötzensee gehängt. Der damals bereits 73-jährige Müller starb noch während der Haft am 12. Oktober 1944 in Berlin-Tegel. "Wenn wir heute nicht unser Leben einsetzen, wie wollen wir dann vor Gott und unserem Volk einmal bestehen?" hatte Nikolaus Groß am Tag vor dem Hitler-Attentat den Paderborner KAB-Präses Caspar Schulte gefragt, als dieser den siebenfachen Familienvater vor der Teilnahme am Widerstand gegen Hitler gewarnt hatte. Und Bernhard Letterhaus hatte seine Motivation zum Widerstand gegen Hitler bereits 1940 so formuliert: „Beruf hat im Kern das Wort Ruf. Zu dem, was ich in der Vergangenheit tat und zu dem, was ich in der Zukunft tun muss, bin ich gerufen. Von wem? Nun, wir Christen bekennen: Von Gott. Ich habe diese Stimme im Weltkrieg in mir gehört und bin ihr gefolgt. Deshalb darf ich auch nicht bedrückt sein, wenn ich durch Täler wandern muss. Nur, wenn ich der Stimme nicht folge, müsste ich mich verlieren.“

Die Frage, was wir heute aus dem Lebensbeispielen der katholischen Widerstandskämpfer Müller, Letterhaus und Groß lernen können, hat der 1934 geborene Diakon Bernhard Groß mit Blick auf seinen am 23. Januar 1945 hingerichteten Vater in einem Interview 2011 einmal so beantwortet: „Wir haben gelernt, dass wir uns nicht verbiegen dürfen, dass wir Gott mehr gehorchen müssen als den Menschen. Positiver Widerstand sozusagen. Wir haben gelernt, was Freiheit, was Menschenwürde ist und dass man sich dort, wo diese verletzt wird, einsetzen muss.“                       

Dieser Text erschien am 26. Juli 2014 im Neuen Ruhr Wort

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...