Donnerstag, 13. September 2012

Joe Biden oder Paul Ryan? Der nächste Vizepräsident der USA wird auf jeden Fall ein Katholik

Der nächste Vizepräsident der USA wird auf jeden Fall ein Katholik sein. Denn mit dem amtierenden Vizepräsidenten Joe Biden von den Demokraten und Paul Ryan von den Republikanern haben die beiden Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und Mitt Romney jeweils einen Katholiken als Mitbewerber ausgewählt.


Ryan und Biden treten damit in die Fußstapfen von Alfred Smith und John F. Kennedy, die als erste Katholiken 1928 für das Präsidentenamt kandidierten und im Fall Kennedys 1960 auch zum Präsidenten gewählt wurden. Ebenso wie Smith und Kennedy war auch der bisher letzte katholische Präsidentschaftskandidat John Kerry ein Demokrat. Er musste sich in seinem Wahlkampf 2004 aber nicht mehr mit dem Vorwurf auseinandersetzen, im Falle seiner Wahl würde der Papst in Washington mitregieren.

Ryan und Biden sind unter den rund 63 Millionen Katholiken Amerikas, die in den Bundesstaaten New Mexico, Rhode Island und Massachusetts die Bevölkerungsmehrheit stellen, keineswegs unumstritten. Der 69-jährige Biden, der vor seinem Amtsantritt als Vizepräsident 36 Jahre dem US-Senat angehörte, wo er den Bundesstaat Delaware vertrat, wird vor allem von konservativen Katholiken für seine moderate Haltung in der Abtreibungsfrage kritisiert. Biden verteidigt, anders, als sein republikanischer Rivale Ryan das geltende Abtreibungsrecht. Danach sind Abtreibungen unter anderem in Fällen von Vergewaltigung und Inzest möglich.

Der aus Wisconsin stammende Katholik Ryan, der seit 1999 dem Repräsentantenhaus angehört und dort seit 2006 den Haushaltsausschuss führt, sieht sich dagegen als konsequenten Lebensschützer, der eine Abtreibung auch in diesen Extremfällen ablehnt. Auch die gesetzliche Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften lehnt Ryan, anders als Biden, ab.

Vor allem von liberalen Katholiken wird Ryan allerdings dafür kritisiert, dass sein 2011 veröffentlichter Haushaltsplan „The Path to Prosperity“ („Der Weg zum Wohlstand“) das amerikanische Haushaltsdefizit vor allem durch den Abbau staatlicher Sozialleistungen reduzieren will. Anders als die demokratischen Amtsinhaber Obama und Biden, lehnen die Republikaner auch ein staatliches Sozial- und Rentenversicherungssystem ab und plädieren statt dessen für privaten Versicherungsschutz.

Ryan, der sich grundsätzlich zur katholischen Soziallehre bekennt, hat in seinen öffentlichen Äußerungen immer wieder betont, dass künftige Generationen und gerade Bedürftige unter den Folgen einer steigenden Staatsverschuldung langfristig viel mehr zu leiden hätten, als unter einer rechtzeitigen und konsequenten Haushaltskonsolidierung. Kritiker werfen Ryan allerdings vor, dass sein Sparwille sich nicht auf die Militärausgaben oder auf den Verzicht von Steuererleichterungen für Unternehmen erstrecke. Die Bedeutung der katholischen Wähler ist daran ablesbar, das sie inzwischen fast ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung stellen.

Dieser Beitrag erschien am 8. September 2012 in der katholischen Wochenzeitung Ruhrwort

Mittwoch, 12. September 2012

Ruhrpreisträger Peter Könitz lebt und arbeitet heute als Bildhauer in Norddeutschland und erhält in Kürze den Kunstpreis der niedersächsichen SPD-Landtagsfraktion

Für Mülheimer Künstler ist er ein Ritterschlag, der Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft. Der vor 70 Jahren in Mülheim geborene Bildhauer Peter Könitz hat diesen Ritterschlag gleich zweimal bekommen. 1963 wurde er mit dem Förder- und 1976 mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.


Jetzt hat ihm die niedersächsische SPD-Landtagsfraktion ihren 1988 von Gerhard Schröder initiierten und mit 5000 Euro dotierten Kunstpreis zuerkannt.

Seine abstrakten, platzergreifenden und zugleich inspirierenden Metall- und Holzskulpturen haben den Mülheimer bundesweit bekannt gemacht.

Im Mülheimer Stadtbild ist heute nur noch seine 1985 im Auftrag der Friedrich-Wilhelms-Hütte geschaffene und an der Nordbrücke aufgestellte Skulptur „Raumbeschreibung“ verblieben. Man erkennt einen Mann, der zwei Rohre trägt. Andere Könitz-Skulpturen, wie der 1974 entstandene „Tunnel“, der im Schatten der Volkshochschule an der Bergstraße aufgestellt wurde oder eine Brunnenskulptur auf dem Hans-Böckler-Platz, sind inzwischen wieder aus dem öffentlichen Raum verschwunden und verschrottet worden.

„Die 60er Jahre waren für uns Bildhauer ein tolle Zeit. Da konnte man einfach zum Bauamt gehen und fragen, ob die keine Lust hätten, irgendwo eine Skulptur aufstellen“, erinnert sich Könitz an goldene Zeiten in seiner Heimatstadt, die er vor 30 Jahren in Richtung Ostfriesland verließ, in der er aber noch viele Freunde hat.

Aber auch in Norddeutschland, wo aktuell etwa elf Könitz-Skulpturen im öffentlichen Raum stehen, sind die Steuer- und Stiftungsgelder für öffentliche Kunstwerke knapp geworden. Umso dankbarer ist Könitz, der heute im ostfriesischen Wymeer lebt und arbeitet, für einen Auftrag der niedersächsischen Gemeinde Bunde, für die er ein Mahnmal entwirft, das an die dortigen NS-Opfer erinnert.

In Mülheim, wo der Metall-Bildhauer Könitz einst auch Spielplatzrutschen gebaut hat, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, war er zuletzt 2006 mit seiner Skulptur „Ängstlicher Hund“ bei der Gruppenausstellung „Tandem“ in der Alten Post zu sehen. Seine letzte Einzelausstellung im städtischen Kunstmuseum liegt aber schon zehn Jahre zurück. „Wenn die Stadt Interesse daran hat, bin ich gerne dazu bereit“, antwortet Könitz auf die Frage nach einer künftigen Werkschau im Mülheimer Kunstmuseum. Dessen stellvertretender Leiter, Gerhard Ribbrock, ist nicht abgeneigt, zumal Könitz in diesem Jahr einen runden Geburtstag gefeiert hat.

Die nächste Ausstellung mit Könitz-Kunstwerken ist allerdings nicht in Mülheim, sondern bis zum 4. November im Wormser Kunstverein zu sehen.

Wer mehr über Peter Könitz und seine Kunst erfahren möchte, kann sich auf seiner Internetseite: www.peter-koenitz.de ein eigenes Bild machen.

Dieser Beitrag erschien am 7. September 2012 in der NRZ

Dienstag, 11. September 2012

Eine ungewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte, die beispielhaft zeigt, was Krieg und Diktatur Menschen angetan haben

Die spannendsten und bewegendsten Geschichten kann man nicht erfinden, sondern nur erleben. Das begreift man, wenn Lillian Crott Berthung und ihre Tochter Randi Crott die Geschichte ihrer Familie erzählen. Es ist eine Geschichte darüber, welches Unglück Rassismus, Diktatur und Krieg über Menschen bringen können. Es ist aber auch die Geschichte einer Liebe, die alle Widerstände und Widrigkeiten überwunden hat. Die in Mülheim aufgewachsene Rundfunkjournalistin und ihre aus Norwegen stammende, aber seit 60 Jahren in Mülheim lebende Mutter erzählen sie jetzt in einem Buch, das sie am Wochenende bei der Lit Colgne vorstellten. Sein Titel: „Erzähl es niemandem.“

Die Geschichte beginnt am 5. April 1942 im nordnorwegischen Harstad. Die 19-jährige Handelsschülerin Lillian lernt in ihrer Heimatstadt den damals 28-jährigen deutschen Wehrmachtssoldaten Helmut Crott kennen und wenig später lieben. Es ist eine unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges. „Er war so sportlich und sah so gesund aus. Und er hatte so schöne Zähne, mit denen er für jede Zahnpasta Reklame hätte machen können“, erinnert sich Lillian an ihre erste Begegnung. Und ihr mädchenhaftes Lächeln lässt die Lebensjahrzehnte vergessen. Helmut war einer von rund 400?000 Soldaten, die Norwegen seit dem Sommer 1940 besetzt hielten, weil Hitler den eisfreien Hafen von Narvik in seiner Hand haben wollte, über den er an kriegswichtige Erze aus Schweden kommen konnte.

„Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie die große Politik das kleine Leben der Menschen beeinflusst hat“, sagt Randi Crott über die Liebesgeschichte ihrer Eltern, die in der NS-Zeit noch eine ganz andere Dimension hatte.

Als Lillian in Harstad miterleben musste, dass eine jüdische Kaufmannsfamilie von der Gestapo verhaftet wurde, stellte sie ihren deutschen Freund zu Rede: „Wie stehst du dazu.? Ihr habt doch auf eurem Koppel Gott mit uns stehen. Habt ihr Deutschen etwa einen eigenen Gott.“ Da offenbarte ihr Helmut ein für ihn damals lebensgefährliches Geheimnis. Seine Mutter war Jüdin und er damit in den Augen der Nazis ein „Halbjude.“ Deshalb hatte der promovierte Jurist in Deutschland auch noch Betriebswirtschaft studiert, weil ihm das juristische Staatsexamen aufgrund seiner Herkunft verweigert worden war. Der Vater hatte seine Arbeit bei der Reichsbahn verloren, weil er sich von seiner jüdischen Frau nicht scheiden lassen wollte. Mutter und Tante waren ins Konzentrationslager deportiert worden. Nur die Mutter sollte den Holocaust überleben.

Helmut nahm seiner Verlobten das Versprechen ab: „Erzähl es niemandem.“ In diesem Moment wusste Lillian: „Ich liebe diesen Mann und werde ihn nie verlassen.“ Doch der Krieg riss das junge Paar immer wieder auseinander, zumal als die Rote Armee heranrückte und die deutsche Wehrmacht im Herbst 1944 auf Befehl Hitlers im Norden Norwegens verbrannte Erde hinterließ. Jetzt verbot auch der eigentlich deutschfreundliche Vater seiner Tochter die Liebe zu dem Wehrmachtssoldaten, der bei Kriegsende in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten sollte. Auch Lillian musste im Februar 1945 vor der Roten Armee aus ihrer Heimatstadt fliehen, weil sie als dienstverpflichtete Übersetzerin für die deutsche Kommandantur gearbeitet hatte.

Lillian musste sich jetzt im Westen und Süden Norwegens mit diversen Jobs durchschlagen. Ihren Helmut sah sie nach Kriegsende noch einmal in einem Kriegsgefangenenlager bei Oslo, ehe er nach Deutschland abtransportiert wurde. Jetzt sollte sich das Paar über zwei Jahre nicht mehr sehen und sich nur noch sehnsüchtige Briefe schreiben können. Denn die Norwegerin durfte nicht in das besetzte und zerstörte Deutschland einreisen. „Es wird ein Leben in Armut sein. Bleib hier und denk an deine Ausbildung“, warnte der Vater sie, ihrem Verlobten zu folgen.

Doch Helmut und Lillian gaben ihre Liebe nicht auf. Sie fanden „Helfer und Helfershelfer“, die Lillian bei einer abenteuerlichen Flucht, die sie im Kohlentender einer Lokomotive über Dänemark nach Deutschland brachte. „Hier habe ich nur Armut und Elend gesehen“, erinnert sich Lillian an ihre Fahrt durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland. Doch dann sah sie am 13. Juni 1947 ihren Helmut wieder, der sie mit roten Nelken am Düsseldorfer Hauptbahnhof abholte. Am 5. April 1948, sechs Jahre, nachdem sie sich in Harstad kennengelernt hatten, gaben sich Lillian und Helmut in Wuppertal das Ja-Wort fürs Leben. Ihr schönstes Hochzeitsgeschenk waren die versöhnlichen Glückwünsche, die Lillians Familie aus Norwegen telegrafierte. Fünf Jahre später kamen die Crotts nach Mülheim, wo Vater Helmut eine Anstellung im mittleren Management der Friedrich-Wilhelms-Hütte fand. Im Sommer machte die Familie regelmäßig Urlaub in Lillians norwegischer Heimat, wo Helmut Crott 2008 auch seine letzte Ruhe finden sollte.

Lillian Crott Berthung, die angesichts ihrer Lebensgeschichte sagt „Leben ist Lieben. Und Kinder sollten in der Schule nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch Nächstenliebe und Toleranz lernen“, erzählte ihrer Tochter Randi erst, als diese 18 Jahre alt war, von den jüdischen Wurzeln ihres Vaters. Helmut Crott wollte bis zu seinem Tod nicht darüber reden, was er als „Halbjude“ im Dritten Reich erlebt und erlitten hatte, weil er auch nach dem Krieg immer wieder auf antisemitisch eingestellte Menschen traf und eine Diskriminierung seiner Familie fürchtete. „Ich habe das nicht verstanden, aber es respektiert“, erinnert sich Randi Crott. Umso wichtiger war es ihr jetzt, die jüdischen Wurzeln ihres Vaters und auch die heute in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Verbrechen zu erforschen und zu dokumentieren, die während des Zweiten Weltkrieges im deutschen Namen in Norwegen begangen wurden. Das 288 Seiten starke Buch „Erzähl es niemandem - Die Liebesgeschichte meiner Eltern“ ist bei Dumont erschienen und für 19,99 Euro im Buchhandel erhältlich.

Dieser Beitrag erschien am 6. Mai 2012 in der NRZ

Montag, 10. September 2012

Warum es den Künstler Dennis Broszat vor neun Jahren ins Kloster zog

Am Tag des offenen Denkmals (9. September) öffneten Kloster Saarn, Tersteegenhaus und Camera Obscura ihre Türen für interessierte Besucher. Für den Künstler Dennis Broszat, der für seine Auftraggeber schon manch triste Haus- und Betonwand in ein echtes Kunstwerk verwandelt hat, ist jeder Tag ein Tag des offenen Denkmals. Denn der 30-Jährige zog 2003 ins Kloster Saarn. „Was für ein charmanter und beschaulicher Ort. Das wäre doch toll, wenn man hier ein Plätzchen für sich finden könnte“, erinnert er sich an seinen ersten Eindruck, als er bei einem Spaziergang mit seinen Hunden am alten Zisterzienserinnenkloster vorbei kam.


Wenn die Klosterfrauen, die hier von 1214 bis 1808 gelebt, gearbeitet und gebetet haben, den jungen legeren Mann mit Hut, Pulli und Jeans gesehen hätten, hätten sie nicht schlecht gestaunt. „Das haben meine älteren Nachbarn auch, als ich hier mit zwei Hunden eingezogen bin. Die haben sich gefragt, ob ich überhaupt hier hineinpasse“, erinnert sich Broszat an seine ersten Tage und Wochen im Kloster.

Damals leistete der gelernte Maler und Lackierer noch seinen Zivildienst ab und konnte einer älteren Nachbarin helfen, die einen Oberschenkelhalsbruch erlitten hatte. Danach war das Eis gebrochen und die Nachbarschaft, die inzwischen auch durch jüngere Mieter und Familien mit Kindern bereichert worden ist, eine gute. „Das Schöne ist, dass sich hier alle kennen und grüßen. Manchmal treffen sich die Nachbarn auch zum Grillen im Innenhof oder tolerieren es, wenn dort ein Bewohner seinen Geburtstag feiert. Und wenn ältere Nachbarn mal ihren Müll nicht runterbringen können, wird er von den Jüngeren einfach mitgenommen“, sagt Broszat.

Obwohl der junge Künstler nicht katholisch ist, glaubt er, dass der christliche Geist dieses historischen Gebäudes bis heute wirke und eine gewisse Ruhe und Harmonie inspiriere. „Ich finde die alte Architektur, die die Phantasie anregt und den Innenhof einfach genial, weil man hier nicht weit gehen muss, um die Seele baumeln zu lassen. Und trotzdem ist man auch ganz schell in der Stadt“, schwärmt Broszat.

Wenn er auf einer Bank im Innenhof oder am nahen Klosterteich sitze, so versichert der Künstler, kämen ihm die besten Ideen wie von selbst.

Man glaubt ihm, wenn man mit ihm auf einer der Bänke im Klosterhof sitzt und den Verkehr auf der nahen Kölner Straße plötzlich nur noch unterbewusst wie ein leichtes Hintergrundrauschen wahrnimmt. Natürlich muss der moderne Mieter, der im alten Kloster leben will, Kompromisse mit der historischen Architektur schließen. Broszats Wohnung im zweiten Stockwerk der weißen Klosterhäuser, die die alte Anlage wie ein Schutzwall abrunden, ist mit 54 Quadratmeter eher klein. Auch die Decken sind nicht besonders hoch, vielleicht 2,50 Meter. „Ich sehe das pragmatisch und freue mich über die dadurch geringeren Heizkosten“, betont der Klosterbewohner und weist darauf hin, dass einige der insgesamt 30 Klosterwohnungen, die dem SWB gehören, auch deutlich größer sind als seine.



Das 2008 im Kloster eröffnete Museum hat Broszat, anders, als die Cafeteria der Bürgerbegegnungsstätte noch nicht besucht. Aber das will er spätestens am morgigen Tag des offenen Denkmals nachholen.

Weitere Informationen über Dennis Broszat und seine künstlerische Arbeit findet man im Internet unter: www.broszat.org   Dieser Beitrag erschien am 8. September 2012 in der NRZ

Samstag, 8. September 2012

Erinnerung an eine große Wahrheitssucherin: Vor 70 Jahren wurde Edith Stein von den Nazis ermordet

Was sehen wir, wenn wir das Lebensbild von Edith Stein betrachten, die mit ihrer Schwester Rosa vor 70 Jahren in den Gaskammern von Auschwitz ermordet wurde?


Wir sehen eine kluge Frau, die nach der Wahrheit suchte? Dass sie diese am Ende in Gott fand, war Ergebnis eines beeindruckenden Lebensweges, der am 12. Oktober 1891 in Breslau begann und am 9. August 1942 in Auschwitz endete.

In eine jüdische Familie hinein geboren, wurde ihre Kindheit von einer streng religiösen Mutter geprägt. „Ich wusste schon in den ersten Lebensjahren, dass es viel wichtiger ist, gut als klug zu sein“, erinnert sich Stein später.

Doch das Kind ist gut und klug. Es sucht schon früh nach eigenen Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Ihre Suche lässt die junge Edith am Glauben zweifeln und zur Atheistin werden. „Ich habe mir das Beten ganz bewusst und aus freiem Entschluss abgewöhnt“, schreibt sie damals.

Nach dem Abitur 1911 studiert sie in Breslau, Göttingen und Freiburg Deutsch, Geschichte, Psychologie und Philosophie. Es sind die Erfahrungen ihres Philosophiestudiums bei Edmund Husserl und des Ersten Weltkrieges, die der Atheistin einen neuen Blick auf Gott und die Religion eröffnen. Sie hält sich an Husserl: „Der menschliche Verstand soll offen sein für das Empfangen der Wahrheit aus den Dingen“ und an Immanuel Kant: „Habe Zutrauen, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ In einem Seminar setzt sich die Studentin mit dem Vater unser auseinander. Sie arbeitet als Rot-Kreuz-Schwester an der Ostfront. Als 1917 ihr Studienkollege Adolf Reinach fällt, beeindruckt sie die christliche Zuversicht seiner Witwe Anna, dass mit dem Kreuzestod Jesu das Leben endgültig über den Tod gesiegt habe.

Die endgültige Hinwendung zum christlichen Glauben vollzieht sie im Herbst 1921, nachdem sie die Biografie der Karmelitin Theresa von Avila gelesen und für sich erkannt hat: „Das ist die Wahrheit.“ Edith lässt sich gegen den Willen ihrer jüdischen Mutter am Neujahrstag 1922 taufen und wird Katholikin. Schon damals will sie Karmelitin werden, vollzieht diesen Schritt aber mit Rücksicht auf ihre Mutter erst 1933.

Im Lebensbild der Edith Stein sehen wir auch den langen Weg zur Gleichberechtigung der Frauen. Obwohl die promovierte Philosophin im In- und Ausland viel beachtete Vorträge hält, bekommt sie keine Chance, sich an einer Universität zu habilitieren und Professorin zu werden. Statt dessen gibt sie Volkshochschulkurse, unterrichtet bei den Dominikanerinnen in Speyer und wird 1932 Dozentin am Münsteraner Institut für wissenschaftliche Pädagogik.

Wir sehen in Edith Steins Lebensbild auch, wohin Extremismus und Rassismus führen können. Nach ihrer Machtübernahme sehen die Nazis in der katholischen Christin, die auch ihre Schwester Rosa vom christlichen Glauben überzeugt hat, vor allem die Jüdin. Edith Stein verliert ihre Dozentenstelle und erkennt, wohin Hitlers Politik führt.

Ihr Appell an Papst Pius XI., in einer Enzyklika die im Nazi-Deutschland beginnende Verfolgung der Juden zu verurteilen und die Juden in Schutz zu nehmen, bleibt ungehört, weil der Vatikan 1933 mit Hitler ein Reichskonkordat aushandelt, das die katholische Kirche in Deutschland vor staatlichen Übergriffen schützen soll.

Trotz dieser Enttäuschung geht Stein weiter den Weg, den sie als richtig erkannt hat. 1934 wird aus Edith Stein die Karmelitin Schwester Teresa Benedikta vom Kreuz. Sie ahnt schon damals, dass sie auch als Konvertitin von der Judenverfolgung nicht verschont bleiben wird.

Die Ordensfrau, die sich als Mädchen das Beten abgewöhnt hatte, schreibt 1936 das Gedicht: „Erhör, o Gott, mein Flehen und hab auf mein Beten acht“, das später als Lied Nr. 302 ins Gotteslob Eingang findet. Außerdem verfasst sie ein Buch über die Theologie des Kreuzes, das allerdings unvollendet bleiben wird.

1939 flieht die Karmelitin aus Köln nach Echt in Holland, wo inzwischen auch ihre Schwester Rosa bei den Karmelitinnen lebt. Doch Holland wird 1940 von der Wehrmacht besetzt. Und ausgerechnet der Protest der niederländischen Bischöfe gegen die Verfolgung der Juden führt im August 1942 zur Verhaftung und Deportation der Geschwister Stein. Edith Stein wird 1987 selig und 1988 heilig gesprochen.

Dieser Beitrag erschien am 9. August 2012 im Ruhrwort

Freitag, 7. September 2012

Wodo: Das steht in Mülheim seit fast 30 Jahren für zauberhaftes Puppenspiel

Wie nutzt man ein leerstehendes Ladenlokal in bester Innenstadtlage, wenn man keinen Geschäftsinhaber hat, der es mieten möchte? Das ist eine Frage, die sich in vielen Städten des Ruhrgebietes und auch in anderen strukturschwachen Regionen der Republik immer öfter stellt. Die Kaufleute in der Mülheimer Innenstadt und die örtliche Stadtmarketinggesellschaft haben in diesem Sommer eine Antwort gefunden, die beim Publikum offensichtlich gut ankommt. Sie lassen in dem großräumigen Ladenlokal, in dem bis zu 100 Zuschauer Platz finden die Puppen tanzen, frei nach dem Motto: „Eintritt frei und Spaß dabei.“ Die Fäden halten dabei die beiden Puppenspieler Wolfgang Kaup und Dorothee Wellfonder in der Hand. Nach den Bremer Stadtmusikanten steht an diesem Samstag in der City Astrid Lindgrens Klassiker Pippi Langstrumpf auf dem Programm. Kurz vor der ersten Vorstellung stellt sich Wolfgang Kaup vor dem Ladenlokal, das jetzt zum Puppentheater geworden ist, im schwarzen Anzug und mit Bowlerhut an seine Drehorgel, während seine Frau Dorothee mit ihrer Pippi-Langstrumpf-Puppe die ersten Kinder und Eltern anlockt. „Mit Pippi Langstrumpf kam für uns 1986 der Durchbruch“, erinnert sich das Puppenspielerpaar. Besonders stolz sind sie auf einen Brief von Astrid Lindgren, die ihnen damals bescheinigte, dass weltweit erste Figurentheater zu sein, das ihre Pippi als Puppe auf die Bühne brachte.


Auch diesmal begeistert Pippi, die sich die Welt bekanntlich macht, wie sie ihr gefällt, ihre großen und kleinen Zuschauer, die denn auch mit Applaus nicht geizen. Zwischendurch packt Wolfgang Kaup dann auch noch seine Gitarre aus und holt die Kinder und ihre Eltern mit einem kleinem Boogie Woogie von den Stühlen. Hier soll man nicht nur sitzen und zuschauen, sondern auch mal mitmachen und in Bewegung kommen. Doch ist Pippi, die jeder elterlichen Erziehungsautorität spottet als Puppenspiel auch pädagogisch wertvoll? „Als Kind wurde ich oft wegen meiner roten Haare gehänselt. Da war Pippi Langstrumpf für mich ein Idol, weil sie ein starkes Mädchen mit roten Haaren ist, das alles im Griff hat“, erzählt die zweifache Mutter. Ihre Kinder, die inzwischen aus dem Puppenspielalter heraus sind, aber bestimmt irgendwann wieder hereinkommen, waren natürlich auch von dem starken und erziehungsresistenten Mädchen aus Schweden begeistert. Auch als Vater hat Wolfgang Kaup keine Bedenken, Eltern und Kindern Pippi Langstrumpf als starkes Mädchen zu präsentieren, „weil die Kinder genau wissen, dass manche Verhaltensweisen, die wir auf der Puppenbühne darstellen, nicht in ihren Alltag passen würden, es ihnen aber gut tut, wenn sie im Puppenspiel vorgeführt bekommen, dass auch die Erwachsenen manchmal die Dummen sein können.“

Auch wenn das Wodo-Puppenspiel, dessen Kürzel für die Vornamen seiner Akteure Wolfgang und Dorothee steht, seine Aufführungen im Laufe von jetzt schon 29 Bühnenjahren mit schnelleren und kürzeren Szenen an die Fernsehgewohnheiten und die kürzere Aufmerksamkeitsspanne heutiger Kinder angepasst haben, sagt Wolfgang Kaup auch mit Blick auf die mulitmediale Welt, in die Kinder heute hineinwachsen. „Puppentheater ist das ideale Theater für Kinder, natürlich auch für Erwachsene, aber ganz besonders für Kinder, weil es die Möglichkeit bietet, mit überschaubaren Mitteln kleine phantastische Welten zu schaffen, in denen man zum Beispiel Tiere und seltsame Gestalten zum Sprechen bringen kann. Das ist im Theaterschauspiel schwieriger, weil dann Menschen auf der Bühne stehen, die vielleicht auch Masken tragen. Und dabei entwickeln kleine Kinder eher Ängste, was sie beim Puppenspiel definitiv nicht tun. Deshalb lassen sie sich auch immer wieder darauf ein.“

Natürlich wollen Dorothee Wellfonder und Wolfgang Kaup, die sich und den pädagogischen Wert des Puppenspiels während ihres gemeinsamen Sozialpädagogik-Studiums kennen gelernt hatten, als Puppenspieler, Eltern und Pädagogen auch Inhalte transportieren. In ihrer „Zirkusshow mit Flummi und Flo“, bei der Wolfgang Kaup zwischenzeitlich auch mal in die schmucke Uniform eines Zirkusdirektors schlüpft, geht es zum Beispiel um gesunde Ernährung. „Hier zeigen wir den Kindern, dass man einen Geburtstag nicht nur mit Kaffee und Kuchen feiern kann,“ betont Kaup. Dass die beiden Kinder Flummi und Flo ihre Großmutter zum Geburtstag mit einem Obstsalat und einer selbstgemachten Zirkusshow überraschen soll die Kreativität der kleinen Zuschauer anregen und zur Nachahmung ermutigen.

„Ich habe mich oft gefragt, warum dieses Stück so außerordentlich beliebt ist“, sagt Wolfgang Kaup mit Blick auf das von einer Bilderbuchreihe inspirierte Puppenspiel „Conni ist krank“, in dem erzählt wird, was passiert, als der Vater sich um seine kranke Tochter kümmern muss, weil die Mutter gerade eine berufliche Weiterbildung macht. „Das ist doch eine ganz normale Familiengeschichte, wie ich sie selbst auch in meinem Alltag mit Frau und Kindern lebe“, sagt Kaup. Doch je länger seine Frau und er dieses Stück mit offensichtlichem Publikumserfolg aufführen, desto mehr ist ihnen selbst klar geworden, „dass diese Geschichte eine Geschichte über den Wert der Familie ist, den viele Kinder und Eltern heute schon nicht mehr als normal, sondern als phantastisch erleben.“ So wird das Puppenspiel zur Projektionsfläche für eine immer öfter nicht verwirklichte Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit.

Kennen Puppenspiel-Profis, wie Kaup und Wellfonder so etwas wie Lampenfieber? „Wir haben auch heute noch vor jeder Aufführung Lampenfieber“, sagen Wolfgang und Dorothee, die als Wodo-Puppenspieler von Anfang an gemeinsame Sache machten. Der Anfang. Das war eine Aufführung des selbst geschriebenen Stücks „Dori im Futureland“. Man schrieb das Jahr 1983. Die beiden gerade frisch diplomierten Sozialpädagogen wollten damals unbedingt ein Science-Fiction-Stück auf die Bühne bringen, „das bei Kindern ankommt.“ Auch dieses erste selbst geschriebene Wodo-Stück hatte natürlich eine unterhaltsam verpackte pädagogische Botschaft. Denn Dori versuchte im Futureland einem Roboter, der nur vor dem Fernsehen saß, zu zeigen, was man mit seiner Freizeit sinnvollerweise sonst noch anfangen kann. Die ersten Zuschauer der Wodos waren Kinder in einer Kindertagesstätte, in der Wolfgang Kaup sein Anerkennungsjahr als Sozialpädagoge absolviert hatte. Damals, vor 29 Jahren, waren in dieser Kindertagesstätte gut 100 Kinderaugenpaare erwartungsvoll auf die beiden Puppenspiel-Debütanten gerichtet. „Das war schon ein komisches Gefühl“, sagt Dorothee Wellfonder rückblickend. „Das war grausam, auch wenn am Ende alles geklappt hat“, erinnert sich Wolfgang Kaup.

Doch bevor sie die erste Szene spielen konnten, mussten sie erst mal zur Stichsäge greifen, weil ihre Marionettenbühne für das Kindergartenfoyer, in dem die Aufführung stattfand, viel zu hoch geraten war. „Ich habe nur gehofft, dass alles hält und passt“, erinnert sich Wellfonder.

In der fünften oder sechsten Spielminute kam dann die Einrichtungsleiterin hinter die Bühne und gab dem Wodo-Puppenspielerpaar zu verstehen: „Wirklich toll. Aber vielleicht geht es etwas lauter, damit auch alle was verstehen.“ Danach, so erinnern sich Wolfgang Kaup und Dorothee Wellfonder, sei dann irgendwie der Knoten geplatzt. Am Ende gab es nicht nur viel Applaus, sondern auch noch die Forderung nach Zugabe. „Darauf waren wir gar nicht vorbereitet. Das hatten wir gar nicht eingeplant“, erinnern sich die heute 53-jährigen Puppenspielprofis, die damals noch ambitionierte Amateure waren, „die sich nicht vorstellen konnten, dass uns das Puppenspiel eines Tages ernähren könnte.“ Die Zugabe blieb Wodo bei seiner turbulenten Premiere, zu der auch eine Diashow und Bonbonregen gehörten, allerdings nicht schuldig. Sie griffen kurzerhand zur Gitarre und sangen mit ihren kleinen Zuschauern noch einige Lieder.

Das erste Wodo-Puppenspiel hatte Folgen. Die Mund-zu-Mund-Propaganda kam in Gang. Nach eher schlecht bezahlten Auftritten bei Kindergeburtstagen und Stadtteilfesten kamen besser bezahlte Auftritte in Kindergärten, Grundschulen und Stadtbüchereien. Heute tourt das Wodo-Puppenspiel mit jährlich mehr als 200 Auftritten durch die ganze Republik und hat seine feste Spielstätte im Ringlokschuppen eines 1959 stillgelegten Eisenbahnausbesserungswerkes, der vor 20 Jahren im Rahmen einer Landesgartenschau zu einem Kulturzentrum umgebaut wurde. Ob Ladenlokal oder ehemalige Werkshalle. Das Wodo-Puppenspiel hat Erfahrung darin, neues Leben in alte Räume zu bringen, in dem es immer wieder die Puppen tanzen lässt und so seine kleinen und großen Zuschauer immer wieder in den Bann phantastischer Welten zieht.

Beiträge zu diesem Thema erschienen im August 2012 in der NRZ und in der Tagespost   Weitere Informationen im Internet unter: www.wodo.de

Mittwoch, 5. September 2012

Alfred Beyer: Ein Mülheimer Lebensbeispiel, dass Mut macht, weil es zeigt, wie man aus einer Not eine Tugend machen kann

Es war ein schmerzlicher Anfang, den Alfred Beyer im November 1971 machen musste. Damals musste sich der selbstständige Innenraumausstatter daran gewöhnen, fortan mit einem Bein und einer Prothese durchs Leben zu gehen.


„Da bricht innerlich alles zusammen“, erinnert sich Beyer an das Gefühl, das ihn überfiel, als er die Diagnose Knochenkrebs bekam und der Arzt im Krankenhaus ihm erklärte, dass sein linkes Bein oberhalb des Knies amputiert werden müsse, um sein Leben zu retten. Angefangen hatte alles mit einem Knoten in der Kniekehle, den sein Hausarzt anfangs nicht sonderlich ernst genommen hatte.

Damals war der 29-jährige Familienvater gerade dabei, sein neues Geschäft am Dickswall einzurichten. Anfang November, an das genau e Datum seiner Amputation kann sich Beyer heute gar nicht mehr erinnern, war es so weit. „Als ich nach der Operation aufwachte, dachte ich erst: Die haben dich ja gar nicht amputiert. Du spürst ja gar nichts“, erinnert sich Beyer an das erste Gefühl nach der Amputation. Auch seinen linken Oberschenkel, der damals verbunden und mit Draht und Gewichten stabilisiert wurde, konnte er anfangs als solchen noch nicht wahrnehmen.

Erst als er wenige Tage später seine ersten Gehversuche an Krücken und mit einer provisorischen Prothese machen musste, merkte er, dass sich etwas verändert hatte.

„Das ging mir alles nicht schnell genug. Und dann lag ich erst ein paar mal auf der Schnauze“, erzählt Beyer. Vor allem an den Krücken, die er als sehr glatt empfand, hatte er anfangs gar keinen Halt. Auch sein Kreislauf, der sich erst daran gewöhnen musste, dass da unten jetzt nur noch ein Bein aus Fleisch und Blut war, machte das Stehen und Gehen nach der Amputation nicht leichter.

Unvergessen bleibt Beyer sein erster Ausflug in den Krankenhauspark. Er musste sich erst mal daran gewöhnen, sein Holzbein ungelenk nach vorne zu schwingen oder nachzuziehen, um überhaupt voranzukommen. „Erst ging ich auf einem geraden Weg und dann leicht abwärts. Aber als ich dann zurückgehen wollte und eine kleine Anhöhe nehmen musste, ging gar nichts mehr. Ich setzte mich auf eine Bank und musste so lange warten, bis mich eine Krankenschwester im Rollstuhl zurückbrachte“, schildert er das Ende seines ersten Spaziergangs als Beinamputierter.

16 Tage nach der Amputation verließ Beyer das Krankenhaus und kehrte in sein Geschäft zurück. „Das ging mir ganz schön auf den Senkel“, erzählt Beyer von seinen ersten Arbeitstagen, als er feststellte, dass er mit Prothese und Krücken nicht nur langsamer durchs Leben ging, sondern sich auch immer wieder Unterlagen hinterhertragen lassen musste, weil er bei der einseitigen Belastung die Balance verlor, ehe er lernte sich mit einer Unhängetasche zu behelfen

„Anfangs bin ich auch öfter aus dem Auto gefallen, weil ich beim Aussteigen immer mit dem linken Bein auftreten wollte, das gar nicht mehr da war“, schildert Beyer seine Übergangserfahrungen. Auch Kopfsteinpflaster und Bordsteine oder das Hinknien beim Teppichverlegen, was er vorher nie wahrgenommen hatte, wurden für sein Holzbein zur echten Hürde.

„Darüber, dass ich ein Bein verloren hatte, war ich eigentlich relativ schnell hinweg. Nur die Angst vor dem Krebs blieb“, sagt Beyer rückblickend.“

Ein Jahr nach seiner Amputation wurde er im Kaufhof von einem Mitglied der damaligen Versehrtensportgemeinschaft angesprochen und zu einer Sportstunde eingeladen. Damals konnte der heutige Vorsitzende des Vereins für Bewegungssport und Gesundheitsförderung, der auch die Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände führt, noch nicht ahnen, dass dies der Beginn eines neuen Lebensabschnittes sein sollte, in dem der Sport und der Einsatz für Menschen mit Behinderung zu seiner neuen Berufung werden sollte.

„Der Sport und dieses Engagement haben mich selbstbewusst gemacht und auch dazu geführt, dass ich heute über meine Behinderung sogar lachen kann“, sagt Beyer, der am 22. August 70 Jahre alt geworden ist und inzwischen nicht mehr mit einem Holzbein, sondern mit einer wesentlich beweglicheren Titanprothese durchs Leben geht und sich dabei flotter und fitter als mancher Zweibeiner vorkommt.

Dieser Beitrag erschien am 1. September in der NRZ

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...