Mittwoch, 31. Oktober 2012

Die 20 öffentlichen Brunnen der Stadt sollen künftig mit Hilfe von Sponsoren sprudeln: Ihr Betrieb kostet jedes Jahr 90.000 Euro

Mülheim an der Ruhr heißt unsere Stadt. Sie könnte aber auch die Stadt der Brunnen genannt werden. 20 Brunnen findet man in der Stadt, die meisten von ihnen in der City. An sonnigen Tagen kann man immer wieder Kinder beobachten, die zum Beispiel im Rasche-Brunnen auf der Schloßstraße planschen. Seinem Schöpfer wird es gefallen. Denn der Mülheimer Bildhauer, Ernst Rasche, der das Brunnenkunstwerk samt Kugel 1973/74 aus 50 Tonnen Granit und Basalt schuf, sprach schon damals von einem “begehbaren Relief.“ Seine Brunnenlandschaft, die sich mit einem Pflastersteinteppich und Sitz- oder Klettersteinen über 40 Meter erstreckt, sollte als Kunstwerk beachtet und als Treffpunkt begangen und benutzt werden. Dass das Wasser hier aus röhrenähnlichen Säulen sprudelt, kommt nicht von ungefähr. Denn die Brunnenlandschaft wurde seinerzeit zur Einweihung der Fußgängerzone von den Mannesmann-Röhrenwerken gestiftet.


Ein Jahrzehnt später ging 1985 auch die Siemens-Kraftwerkunion unter die Brunnenstifter und ließ Rasche am Rathausmarkt einen 3,35 Meter hohen Brunnen aus Muschelkalkstein und Bronze bauen, der im Volksmund nur Dröppelminna heißt und dessen scheibenförmige Wasserfontäne an den Turbinen- Generatorenbau der Firma Siemens erinnern soll.

Während die beiden Rasche-Brunnen in der Innenstadt allgemein als Kunst im öffentlichen Raum anerkannt und akzeptiert werden, dürfte der auf dem heutigen Synagogenplatz und vor der Alten Post stehende Hajek-Brunnen das wohl umstrittenste Kunstwerk der Stadt sein. Schon vor seiner Einweihung im Juli 1977 wurde der bunte Betonbrunnen, der später vielen Skatern als Trainingsparcours dienen sollte von seinen Gegnern buchstäblich geteert und gefedert. Auch eine Unterschriftenaktion der Jungen Union konnte das von der Sparkasse gestiftete und von Otto Herbert Hajek geschaffene und urheberrechtlich geschützte Kunstwerk 2001 nicht zu Fall bringen. „Auch in diesem Brunnen drückt sich mit dem Zeitgeist der 70er Jahre die Historie der Stadt aus“, sagt der stellvertretende Museumsdirektor Gerhard Ribbrock. Der Kunsthistoriker, der von seinem Arbeitsplatz in der Alten Post jeden Tag auf den Hajek-Brunnen schaut, hat sich eingehend mit der Mülheimer Brunnenkunst beschäftigt und einen unter anderem für Schulen gedachten Diavortrag zu diesem Thema erstellt.

Aus Ribbrocks Sicht sind Brunnen Kunstwerke, zu denen er die Ende der 90er Jahre geschaffenen Spielbrunnen auf der Schloßstraße ausdrücklich nicht zählt, „attraktive Erholungsorte, die das Stadtbild strukturieren und mit ihrem neutralen Anreiz die Gedanken spazieren gehen lassen.“

Umso mehr bedauert der Kunsthistoriker, „dass heute im städtischen Haushalt aufgrund der Finanznot keine Mittel mehr für Kunst im öffentlichen Raum vorhanden sind.“ Wie man mit einem Brunnen auch Stadtgeschichte erzählen kann, sieht Ribbrock an dem Brunnen auf dem Kurt-Schumacher-Platz, der zu dessen Einweihung, Mitte der 80er Jahre, vom Bildhauer Wolfgang Liesen geschaffen wurde und auf einer aus 40 Bronze- und Granit-Reliefs zusammengesetzten Stadtsäule Stationen der Mülheimer Geschichte darstellt. Schloss Broich, Petrikirche und Kloster Saarn sind dort ebenso zu sehen wie in der Mülheimer Industrie schwer arbeitende Menschen, ein Gerichtstag aus dem Jahr 1093, aus dem Mülheims erste urkundliche Erwähnung stammt oder auch die spanischen Soldaten, die 1598 Schloss Broich eroberten und den Broicher Grafen Wirich ermordeten.

Nicht nur für Geschichte, sondern auch für Bürgersinn, steht der mit öffentlichen Fördergeldern und privaten Spenden in einer Gesamthöhe von rund 144.000 Euro wiederaufgebaute Kortum-Brunnen. Der neue Kortum-Brunnen mit der alten Jobssstatue, die über Jahrzehnte an der Friedrichstraße ein Schattendasein fristete, steht genau an der Stelle, an der 1939 der erste Kortum-Brunnen errichtet und im Juni 1943 von alliierten Bomben zerstört wurde. Die Initiative zum neuen Brunnen am alten Ort ging damals vom Verein der Freunde und Förderer der Altstadt um Horst van Emmerich aus.

Etwas kleiner, aber nicht weniger anschaulich erzählt auch der von Bonifatius Stirnberg aus Bronze geschaffene und 1984 auf dem Heißener Marktplatz aufgestellte Brunnen mit seinen Wasserrädern von der Tradition der Mülheimer Wassermühlen. Als historischen Hinweis auf Mülheims zentrale Lage am Handelsweg Hellweg verstand denn auch Otto Almstadt seinen aus Granit geschaffenen Brunnen, der 1989 als „Pferdewagen“ auf dem neugestalteten Berliner Platz aufgestellt wurde. Drei Jahre später sollte auch der nach dem kunstsinnigen Bundespräsidenten Theodor Heuss benannte Platz vor der Stadthalle, die 1957 von Heuss wiedereröffnet worden war, ein modernes Brunnenkunstwerk bekommen. Robert Schad nannte seine Stahlskulptur „Die Gruppe“ und wollte damit Stadthallenbesucher darstellen. Der Mülheimer Volksmund spricht bis heute nur von „Panzersperren“ und zeigt, dass sich auch der Brunnenkunst die Geister manchmal scheiden.

Dieser Text erschien am 19. Oktober 2012 in der NRZ

Was dem Mülheimer Wirtschaftsjournalisten Klemens Kindermann in Zeiten der Staatsschulden- und Eurokrise zum Wandel seiner Zunft einfällt

Klemens Kindermann
Wer den Deutschlandfunk hört, kennt seine Stimme. Der Mülheimer Klemens Kindermann, der mit seiner Familie in Holthausen lebt, berichtet dort regelmäßig über das Börsen- und Wirtschaftsgeschehen. In Zeiten der Staatsschulden- und Eurokrise sind der 49-jährige Wirtschaftsjournalist und seine Kollegen gefragter denn je. Doch was haben sie uns in diesen aufgeregten Zeiten nervöser Finanzmärkte und milliardenschwerer Rettungsschirme, in denen sich Hysterie und Euphorie abwechseln, überhaupt zu sagen? Kindermann sollte es wissen. Seit über 20 Jahren arbeitet er als Wirtschaftsjournalist, zunächst bei der Deutschen Presseagentur, später beim Handelsblatt und seit 2009 als Ressortleiter Wirtschaft und Gesellschaft beim Deutschlandfunk (DLF). Welches Gewicht sein Themenfeld hat, kann man daran ablesen, dass der Mülheimer in diesem Jahr zum stellvertretenden Chefredakteur des Kölner Senders berufen worden ist, der vor 50 Jahren als nationales Rundfunkprogramm ins Leben gerufen wurde.

Ich bin ein großer Zahlenfreund, beschreibt sich Kindermann. Der Wirtschaftsjournalismus reizt ihn deshalb, weil er nicht nur mit Hilfe der Zahlen Entwicklungen klar beschreiben kann und sehr nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen dran ist. Wirtschaftsjournalismus, das ist für ihn nicht nur in Krisenzeiten das Ergründen unserer tatsächlichen Lebensumstände und damit die Antwort auf die Frage, wie es uns eigentlich geht

Kindermann stellt fest, dass sich der Wirtschaftsjournalismus in den letzten 20 Jahren sehr gewandelt hat. Früher hat er sich vor allem auf die Unternehmensberichterstattung konzentriert und sich nur an eine überschaubare Zahl von Mediennutzern gewandt, die an den Aktienmärkten aktiv waren. Heute, so Kindermann, sind 70 oder 80 Prozent der politischen Berichterstattung durch Wirtschaftsthemen dominiert. Deshalb beschäftigen sich heute auch viele Kollegen, die eigentlich keine Wirtschaftsjournalisten sind, mit Ankäufen von Staatsanleihen und Rettungsschirmen. Der Wirtschaftsjournalismus ist nach Kindermanns Ansicht längst aus seinem umgrenzten Sektor herausgetreten und sehr dominierend geworden, weil politische Entscheidungen in Zeiten der Staatsschuldenkrise nur mit Hilfe wirtschaftlicher Analysen zu erklären und zu verstehen sind.

Aber wie klar sind eigentlich die Zahlen, die Kindermann und Kollegen täglich kommunizieren und kommentieren? Überfordert die Krise, in der sich Otto Normalverbraucher fragt, wie sicher sein Geld und seine wirtschaftliche Zukunft sind, am Ende auch die, die ihre ökonomischen Ursachen und Mechanismen erklären sollen? Wir müssen als Wirtschaftsjournalisten einen Pfad durch das Dickicht der Zahlen schlagen und diese bewerten und Entwicklungen aufzeigen, die für unsere Zuhörer wichtig sind. Das ist keine Überforderung, sondern eine Herausforderung, betont Kindermann. Dabei sieht er die Börse nur als einen Richtungsanzeiger dafür, wohin die Reise des Tages geht. Darüber hinaus, so unterstreicht er, hätten seine Kollegen und er aber schon nach der Lehman-Pleite 2008 auf den hohen Schuldenstand der Industriestaaten und deren langfristigen Folgen hingewiesen. Das ist kein Fischen im Trüben, ist Kindermann mit Blick auf die durch Zahlen und Fakten fundierten Analysen seiner Zunft überzeugt. Die Gretchen-Frage nach der Geldwertstabilität beantwortet der Wirtschaftsjournalist mit einem Sowohl als auch: In den nächsten zwei bis drei Jahren müssen wir uns in Deutschland keine Sorgen um eine Inflation machen aber mittelfristig müssen wir in den nächsten zehn Jahren sehr genau darauf achten, dass die hohe Schuldenaufnahmen nicht die Neigung der Staaten fördert, sich über Inflation zu entschulden.

Das ist seine Prognose. Doch Kindermann räumt ein, dass noch so fundierte Wirtschaftsprognosen langfristige volks- und weltwirtschaftliche Entwicklungen nicht sicher vorhersagen können. Grundsätzlich sieht der Wirtschaftsjournalist Geldanleger dann am besten aufgestellt, wenn sie nicht nur auf eine Anlageform setzten, sondern ihr Vermögen möglichst breit streuen von Immobilien und Gold über Aktien großer Unternehmen bis hin zur oft gescholtenen Staatsanleihe, die nach seiner Ansicht künftig wieder eine größere Bedeutung gewinnen wird. Aber auch bei den zurzeit besonders populären Anlageformen Immobilien und Gold warnt er vor Überbewertungen und hohen Preisen, die Otto Normalverbraucher draufzahlen ließen, wenn er um jeden Preis kaufen würde.

Darf der Staatsbürger, Verbraucher und Geldanleger denn dem politischen Krisenmanagement in der Europäischen Union vertrauen? Sicher verstehen viele in der Politik nicht alles, was auf den Finanzmärkten gemacht wird, glaubt Kindermann.

Dennoch hält er das politische Krisenmanagement für besser als dessen Ruf es vermuten ließe, weil es sich am Ende als richtig erweisen könnte, nicht von Anfang an mit ganz viel Geld überall die großen Brände zu löschen, sonder Schritt für Schritt vorzugehen und erst mal fiskalische Grundregeln und eine europäische Bankenaufsicht aufzustellen, um die Staatsverschuldung einzudämmen.

Denn genau dieses Übel, dass die Staaten mehr Geld ausgeben, als sie haben, wird uns, so glaubt der Mülheimer Wirtschaftsmann vom Deutschlandfunk, noch lange zu schaffen machen. Er befürchtet: Wenn unsere Wirtschaft mal nicht mehr so gut läuft und unsere sozialen Sicherungssysteme vielleicht nicht mehr durch eine relativ niedrige Arbeitslosenzahl entlastet werden, werden wir in in einigen Jahren wieder verstärkt darüber diskutieren, was unser Sozialstaat noch leisten kann.

Dieser Text erschien am 27. Oktober 2012 in der NRZ

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Stefanie Köster: Warum sich eine starke Frau aus dem Ruhrgebiet mit einem Nikolaushaus für Kinder in Afrika stark macht

Es gibt im Leben Zufälle, die so zufällig sind, dass man kaum an Zufall glauben mag. Der Mülheimer Entwicklungshilfeverein U5, der seit über 50 Jahren für Bildungs- und Sozialprojekte in der Dritten Welt unterstützt wurde 2010 durch einen Bischof in Ghana auf eine Frau aus der Nachbarstadt Essen aufmerksam, die sich seit 1999 in Tansania als Sozialarbeiterin engagiert, zunächst im Rahmen einer Ordensgemeinschaft und jetzt ganz selbstständig.


„Ich bin nicht in dieses Land gekommen, weil ich glaube, dass wir den armen Afrikanern helfen müssten, sondern weil mich die Kultur und die noch unverfälschte Menschlichkeit hier fasziniert“, sagt die aus dem Ruhrgebiet stammende Sozialpädagogin über ihre Motivation.

Nichtsdestoweniger hilft sie mit ihrem Nikolaushaus in Kemondo am Viktoriasee in Tansania kleinen Menschen, die es in dem ostafrikanischen Land besonders schwer haben, Kindern mit zum Teil schwersten und mehrfachen Behinderungen.

Als sich Manfred und Jutta Oelsner und Stefanie Köster vor zwei Jahren kennen lernten, war das nach dem Schutzheiligen der Kinder benannte Haus für tansanische Kinder mit Handicap nur eine Idee.

Heute ist es Wirklichkeit, und das auch mit Hilfe der 60 Mülheimer, die als Mitglieder des Unternehmens 5 monatlich mindestens fünf Euro für Entwicklungshilfe übrig haben, meistens aber mehr. Immerhin 28?000 Euro hat U5 für das Nikolaushaus in Kemondo sammeln können, dessen Bau am Ende rund 125?000 Euro gekostet hat. Mit den Mülheimer Menschenfreunden haben sich auch andere großzügige Spender aus Deutschland, den USA und der Schweiz für das Nikolaushaus engagiert.

Hier leben jetzt 16 Kinder zwischen 14 Monaten und 16 Jahren, die sonst sich selbst überlassen worden wären. Weitere sollen kommen. Es sind behinderte Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder aus armen und kranken Familien (Stichwort Aids) stammen, die nicht mehr in der Lage sind, sich um sie zu kümmern.

Während im Nikolaushaus zurzeit bereits sieben angelernte Betreuerinnen arbeiten, sucht Köster derzeit nach Fachkräften. Keine leichte Aufgabe, weil es in Tansania keine Ausbildung für Erzieherinnen oder Heilpädagogen gibt.

Umso dankbarer ist sie für die Unterstützung eines Physiotherapeuten und einer Heilpädagogin, die in einer sogenannten Out-Patient-Clinic auch Kinder betreuen, die nicht im Nikolaushaus leben, aber von ihren Eltern zur ambulanten Versorgung dort hin gebracht werden. Köster hofft, dass sie auch weiterhin großzügige Spender für ihre Projekt findet, da der Betrieb des Nikolaushauses monatlich rund 2500 Euro kostet und sich mittelfristig auch der Bedarf für eine vergleichbare Einrichtung abzeichnet, in der erwachsene Menschen mit mehrfachen und schwersten Behinderungen adäquat betreut werden können.

Weitere Informationen über die Arbeit von Stefanie Köster findet man im Internet unter: www.nikolaushaus.com

Dieser Beitrag erschien am 16. Oktober 2012 in der NRZ

Dienstag, 16. Oktober 2012

So gesehen: Eine Stadt sieht Rot

Als mir mein Kollege jetzt sagte, dass „Rotlichtvergehen“ in Mülheim künftig konsequenter geahndet werden sollen, ließ mich das aufhorchen. Rotlicht in Mülheim? Haben wir so was überhaupt? Und von welchem Viertel war die Rede? Hatte ich etwas verpasst? Natürlich hatte ich nichts verpasst, sondern nur etwas falsch verstanden. Hier ging es um Verstöße im Straßenverkehr und nicht um die ebenfalls lebensnotwendige Verkehrssicherheit in anderen Lebenslagen.

Man(n) kann sich ja mal irren, zumal, wenn man als Fußgänger und Nahverkehrsnutzer nur selten in die Verlegenheit kommt, eine rote Ampel zu überfahren und dafür von der Ordnungsbehörde zur Kasse gebeten zu werden. Natürlich geht es dem Ordnungsamt beim Aufstellen von Blitzgeräten nur um unsere Verkehrssicherheit und nicht um unser Geld für die Stadtkasse. Sonst wären auch schon manche Fußgänger geblitzt worden, die bei Rot die Straße queren. Doch das wäre wohl selbst der klammen Stadt zu abgefahren.

Dieser Text erschien am 10. Oktober 2012 in der NRZ 

Montag, 15. Oktober 2012

Vor 150 Jahren begann in Mülheim das Eisenbahnzeitalter

Eine Stadt, die vorankommen will, muss mobil sein, um Güter und Personen schnell von A nach B zu transportieren. Für die alten Mülheimer war die Ruhr der schnellste Weg, um zum Beispiel Kohle und Stahl zu befördern. 1852 transportierten 5100 Schiffe 556?000 Tonnen Kohle. 1884 waren es nur noch 86 Schiffe mit rund 10?000 Tonnen Kohle.


Der drastische Rückgang hatte mit dem Siegeszug der Eisenbahn zu tun, die Mülheim heute vor 150 Jahren erreichte. Am 1. März 1862 um 7.10 Uhr fuhr der erste Zug der Bergisch Märkischen Eisenbahn am ersten Mülheimer Bahnhof an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße ab, die damals noch Froschenteich hieß. Der Mülheimer Haltepunkt war Teil einer Strecke, die von Witten nach Duisburg führte und damit auch Essen und Bochum einschloss. Je nachdem, ob man erster, zweiter, dritter oder vierter Klasse reiste, kostete die Eisenbahnfahrkarte damals zwischen sieben und 13 Silbergroschen.

Obwohl die preußische Regierung noch 1861 prognostizierte: „Die Ruhrschifffahrt wird ihre Wichtigkeit voraussichtlich auch nach der Ausbreitung des dortigen Eisenbahnnetzes behalten,“ kam es anders. Bereits Ende der 1870er Jahre erreichte der Gütertransport durch die Bergisch-Märkische Eisenbahn 15,5 Millionen Tonnen.

Kein Wunder, dass es vor allem die starke Lobby der Ruhrschiffer und Ruhr-Reeder war, die sich lange mit Erfolg gegen Mülheims Anschluss an die Eisenbahn wehrte, während das benachbarte Oberhausen bereits 1847 an die Strecke der Köln-Mindener Eisenbahn angeschlossen worden war. Unterstützt wurde das Projekt Eisenbahn dagegen von der Mülheimer Handelskammer und der immer stärker werdenden Industrie. Dass August Thyssen 1871 sein Stahlwerk in Styrum gründete, hatte maßgeblich mit der verkehrsgünstigen Lage, direkt an der Bahn, zu tun.

Dass sich mit der Eisenbahn gutes Geld verdienen ließ, zeigte die Tatsache, dass die Bergisch-Märkische Eisenbahn-Gesellschaft in Mülheim schon ab 1866 Konkurrenz durch die Rheinische Eisenbahngesellschaft bekam, die eine Strecke zwischen Essen und Osterrath betrieb. Die alten Eisenbahnviadukte in der Innenstadt und die alte Eisenbahnbrücke, die dort seit Mitte der 1860er Jahre über die Ruhr führt, waren Teil dieser rheinischen Bahnstrecke. Die alte Trasse will der Regionalverband Ruhr (RVR) bis 2015 zu einem touristisch reizvollen Rad- und Fußweg ausbauen, der in seiner Endstufe Essen, Mülheim und Duisburg miteinander verbinden wird.

Bis zur Verstaatlichung der Eisenbahn um 1880 lieferten sich die Bergisch-Märkische und die Rheinische Eisenbahngesellschaft, deren Gleise zum Teil parallel verliefen, einen harten Konkurrenzkampf um Fahrgäste und Frachtgebühren. Die Rheinische Bahn, die 1867 den Vorgänger des heutigen Hauptbahnhofes an der Eppinghofer Straße errichtete, gewann zum Beispiel durch die Finanzierung von Werksanschlüssen wichtige Industriekunden. Beide Gesellschaften nannten ihre Bahnhöfe an der Friedrich-Ebert- und der Eppinghofer Straße „Mülheim an der Ruhr“ und versahen sie mit dem Zusatz „Bergisch-Märkisch“ und „Rheinisch“. Eine Verbindung zwischen beiden Gleisstrecken wurde erst in den 1890er Jahren unter staatlicher Regie realisiert.

In ihren ersten Jahrzehnten musste die Eisenbahn ihre Kundschaft aus der Wirtschaft auch noch mit einer Pferdebahn teilen, die seit 1839 für die Essener und Mülheimer Zechen Kohlen zum alten Hafen an der Ruhr transportierte. Doch die alte Pferdebahn war langfristig nicht wettbewerbsfähig und stellte vor allem in den Kreuzungsbereichen der verschiedenen Gleisanlagen ein echtes Verkehrshemmnis und Unfallrisiko dar.

Das galt auch für Eisenbahnschienen, die vor 1910 noch auf der Eppinghofer Straße verliefen, so dass Eisenbahn und andere Verkehrsteilnehmer durch Schranken voneinander getrennt werden mussten, was wiederum zu ärgerlichen Verkehrsbehinderungen, Unfällen und Wartezeiten führte. Erst 1910 nahm der heutige Hauptbahnhof mit seinen hochgelegten Eisenbahntrasse, einer neuen Empfangshalle und einer Fußgängerunterführung Formen an. Den Namen Hauptbahnhof sollte der damalige Bahnhof Eppinghofen erst 1974 erhalten, nachdem man den dortigen Haltepunkt 1955 wegen seiner zentralen Lage bereits Mülheim-Ruhr (Stadt) genannt hatte. Seine Namen wechselten, aber die Zustandsbeschreibungen haben bis heute zig Zeitungsseiten gefüllt und über Generationen Mülheimer Gemüter erhitzt, wie die jüngste Berichterstattung der NRZ zeigt. Nichts neues. Denn auch schon nach 1945 gab es zwischen Bahn und Stadt heftige Kontroversen, weil die Bahn acht Jahre brauchte, um die Kriegsschäden am damaligen Bahnhof Eppinghofen zu beheben.

Dieser Text erschien am 1. März 2012 in der NRZ

Sonntag, 14. Oktober 2012

Wie die Familie Medenblik-Bruck ihren Stadtteil Dümpten erlebt(e) und warum Adele Bruck und Karin Medenblik finden, dass Dümpten Spaß macht

Alteingesessen. Diesen Begriff beziehen Karin Medenblik, gerade 70 geworden, und ihre Adoptivmutter Adele Bruck (93) nur zu gerne auf sich, wenn es um ihren Stadtteil Dümpten geht. „Der Stadtteil macht einfach Spaß. Das Schöne ist, dass hier viele Alteingesessene leben und dass man immer Leute findet, die mitziehen“, sagt Karin Medenblik über den Stadtteil, der bis 1910 eine eigenständige Landbürgermeisterei war und sich in Erinnerung daran bis heute als „Königreich“ betitelt.


Adele Bruck und Karin Medenblik haben in ihrem „Königreich“ eine Menge gemacht. Sie haben das 1871 von Adeles Großmutter Sophie gegründete Hutmachergeschäft am Schildberg, ab 1959 als Textilgeschäft an der Oberheidstraße, fortgeführt, ehe sie es 2004 schlossen. In den 90er Jahren gründete Karin Medenblik die Dümptener Werbegemeinschaft „Wir im Königreich“ und organisierte in den Flüchtlingsunterkünften an der Oberheidstraße Adventsfeiern und Hausaufgabenhilfen. Später hat sie mit den Schülern der Schule am Hexbachtal manches Projekt auf die Beine gestellt, zuletzt ein Buch mit 100 Geschichten aus dem Königreich. „Man hat durch das Geschäft hier schnell viele Leute kennen gelernt und Kontakte geknüpft“, sagt Karins aus den Niederlanden stammender Ehemann Henk. Auch ihn haben Schwiegermutter und Ehefrau zu einem Dümptener gemacht, der ab 1974 für 30 Jahre an der Spitze des Dümptener Turnvereins stand und in dieser Funktion unter anderen den Bau von zwei Vereinsheimen managte. Hinter einem starken Mann stehen in diesem Fall zwei starke Frauen.

Der Dümptener Turnverein ist für Adele Bruck bis heute eine zweite Familie. Bereits als Fünfjährige begann sie unter der Regie des legendären Vereinsvorsitzenden Heinrich Bergmann, der den DTV durch zwei Weltkriege führen sollte, mit dem Turnen. „Mir war es immer wichtig, gelenkig zu bleiben“ sagt Bruck, die trotz mancher altersbedingten Handicaps mit 93 immer noch Vitalität ausstrahlt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie es, die mit ihrer Turnschwester Änne Welsing die Frauenabteilung des Dümptener Turnvereins ins Leben rief.

Bis dahin hatte sie in ihrem Stadtteil bereits einiges erlebt. Ihre erste Erinnerung sind französische Soldaten, die nach der Besetzung des Ruhrgebietes 1923 am Wittkampbusch exerzierten. Als Kind wuchs sie in ein Geschäft hinein, das bis zu dessen Tod von Vater Heinrich geführt wurde. „Mein Vater verkaufte nicht nur Textilien, sondern auch Lebensmittel und Särge“, erinnert sich Adele. Mit ihren 1916 und 1917 geborenen Brüdern Heinz und Friedel spielte sie in der Sargschreinerei des Vaters Verstecken. Einmal musste sie ihren Vater zu einer Familie begleiten, deren Kind gestorben war. „Ich musste die Trauerschleife tragen, die an die Tür des Hauses gehängt wurde. Das Kind wurde im Haus aufgebahrt. Und mein Vater sagte mir: Es ist jetzt ein Engelchen. Du kannst für es beten.“

Der Tod kam auch ins Haus der Familie Bruck. 1934 starb der Vater Heinrich an Krebs. Die Mutter Wilhelmine übernahm nach einer kaufmännischen Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer die Führung des Textilgeschäftes, das damals als einziges Haus im noch ländlichen Oberdümpten über ein Telefon verfügte und so zu einer Art Telefonzelle des Stadtviertels wurde. Eigentlich sollten Adeles Brüder Heinz und Friedel das Familienunternehmen fortführen. Doch beide fielen als Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Und beim großen Luftangriff auf Mülheim wurde auch Textilien Bruck am Schildberg 1943 ein Opfer der Bomben.

Auch nach dem Krieg, als man in einem Zimmer am Schildberg lebte und verkaufte, blieb die Familie von Schicksalsschlägen nicht verschont. Nachdem der Vater im Krieg gefallen war, verlor Karin 1953 durch einen tragischen Unglücksfall auch ihre leibliche Mutter. Sie war beim Fensterputzen im Haus am Schildberg aus dem ersten Stock auf die Straße gestürzt. Tante Adele wurde ihre Adoptivmutter und auch Opa Grütchen gehörte zur harten Kern der Familie, die jetzt gemeinsam das Weiterleben meisterte. „Dümpten war früher sehr viel ländlicher und dörflicher. Wir hatten hier viele Tante-Emma-Läden“, erinnern sich Adele Bruck und Karin Medenblik. Alte Fotos aus den 30er und späten 40er Jahren, auf denen man die junge Adele bei einem Erntedankumzug und die kleine Karin vor grasenden Schafen an den Denkhauser Höfen sieht, zeigen es eindrucksvoll.

Schon früh wurde Karin in den Geschäftsalltag einbezogen. Wenn die Kladde mit den angeschriebenen Waren zu dick geworden war, musste sie zu säumigen Kunden gehen und Außenstände eintreiben. „Das war meistens freitags. Denn freitags war Zahltag. Da bekamen die meisten Arbeiter und Angestellten ihr Lohntüte. Das war nicht immer angenehm“, erinnert sich Karin an ihre ersten Schritte ins Geschäftsleben.

Angenehmer sind den beiden Ur-Dümptenerinnen ihre Schulzeit an der Evangelischen Volksschule an der Gathestraße in Erinnerung geblieben. Beide erlebten dort Lehrer, „die immer ein offenes Ohr für uns hatten“ und ihnen mal beim gemeinsamen Singen, mal bei kleinen Ausflügen und sogar beim Schönschreiben die Freude am Lernen und Arbeiten vermitteln konnten. Über dem Schulportal stand der Satz, der auch für ihr Leben prägend werden sollte: „Ohne Fleiß kein Preis.“

Dieser Text erschien am 3. September 2012 in der NRZ

Samstag, 13. Oktober 2012

Warum brauchen wir ein nationales Krebsregister? Ein Gespräch, das ich für die NRZ mit Heinz Jochen Gassel, Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Mülheim geführt habe

Die Bundesregierung hat die Einrichtung eines nationalen Krebsregisters beschlossen. Was bringt ein solches Register für Patienten und warum gibt es bis heute Widerstände gegen seine Einrichtung. Darüber sprach ich für die NRZ mit dem Chefarzt des Evangelischen Krenkenhauses, Heinz Jochen Gassel.


Warum brauchen wir ein nationales Krebsregister?

Wenn wir eine Medizin auf der Basis wissenschaftlich belegbarer Erkenntnisse betreiben wollen und das müssen wir, um die Kosten zu rechtfertigen, die damit verbunden sind, dann müssen wir das in ganz Deutchland auf eine gemeinsame wissenschaftlich nachvollziehbare Basis stellen, um zu vermeiden, dass jeder Arzt macht, was er für richtig oder am lukrativsten hält. Ein nationales Krebsregister bildet die Grundlage dafür, optimale Behandlungsstandards zu entwickeln, die dann aber individuell auf den Bedarf des jeweiligen Patienten angepasst werden müssen. Bisher haben wir bei uns nur Krebsregister auf Länderebene. Wir brauchen schon deshalb ein nationales Krebsregister, um unsere Behandlungsstrategien und Ergebnisse international vergleichen zu können.

Warum hinkt Deutschland in diesem Punkt der internationalen Entwicklung hinterher?

In der ehemaligen DDR gab es ein zentrales Krebsregister. Doch nach der Vereinigung beider deutscher Staaten gab es viele Damen und Herren, die der Meinung waren, dass dieses zentralistische Register nicht zu unserer förderalen Denke passen würde. Bis jetzt hat sich da keine Bundesregierung herangetraut und gesagt: Ich möchte, dass wir die vorhandenen Daten länderübergreifend in einem Krebsregister sammeln.

Welche Daten sollen denn im nationalen Krebsregister gesammelt werden?

Es ist überfällig, dass wir bundesweit und natürlich anonymisiert alle Daten über Neuerkrankungen, die vorhandenen Behandlungsformen und deren Ergebnisse sammeln und bewerten.

Warum gibt es bis heute Widerstand dagegen?

Weil damit die Möglichkeit besteht, die Behandlungsqualität einzelner Krankenhäuser und Fachzentren herauszufinden. Damit entsteht für die eine oder andere Behandlungseinrichtung die Gefahr, bei Verhandlungen mit den Krankenkassen, die die Kosten tragen, nicht so gut dasteht wie eine andere Einrichtung. Das könnte im schlimmsten Fall zu Wettbewerbsnachteilen und zum Ausschluss von Leistungen führen.

Profitieren Patienten vom nationalen Krebsregister?

Aus Patientensicht ist ein nationales Krebsregister auf jeden Fall richtig und unbedingt zu fordern. Denn es geht darum, den Bürgern die bestmögliche Behandlung anzubieten und sie zur Vorsorge zu bringen, wo Vorsorge sinnvoll ist, etwa beim Darmkrebs. Dafür braucht man bundesweite belastbare Zahlen, die wir im Moment so nicht haben.

Wie soll das nationale Krebsregister finanziert werden?

Die Krankenkassen befürchten, dass mit der Einführung eines solchen Gesetzes erhebliche Mehrkosten auf sie zukommen. Die Finanzierung ist noch nicht fixiert. Ich gehe von einer Mischfinanzierung und davon aus, dass ein erheblicher Teil der Kosten über die Krankenkassenbeiträge von den Versicherten getragen werden muss.

Wie ist das Evangelische Krankenhaus in der Krebsbehandlung aufgestellt?

Wir haben drei von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierte Fachzentren, nämlich ein Brustkrebs,- das Darmkrebs- und ein Bauchspeicheldrüsenkrebs-Zentrum. Wir erheben unsere Behandlungsdaten, natürlich mit dem Einverständnis der Patienten und leiten sie an die Deutsche Krebsgesellschaft weiter, wo die einzelnen Fachzentren bundesweit miteiander verglichen werden. Das ist eine Vorstufe zum nationalen Krebsregister.

Was wäre dann nach der Einführung eines Nationalen Krebsregisters anders?

Dann würden alle Daten per Gesetz an eine noch nicht benannte Stelle weitergeleitet und ausgewertet. Viele wehren sich vor allem dagegen, dass diese Daten an die Krankenkassen weitergegeben werden, weil sie um die Anonymität und den Datenschutz der Patieten fürchten. In Mülheim sagt mancher, es sei ein Wettbewerbsvorteil für das Evangelische Krankenhaus, über zertifizierte Fachzentren zu verfügen. Aber die Deutsche Krebsgesellschaft weist auf der Basis ihrer Daten darauf hin, dass Behandlungsqualität und Behandlungsergebnisse in den von ihr zertifizierten Einrichtungen eindeutig höher sind, als in den nicht zertifizierten Einrichtungen.

Sind die Befürchtungen um den Datenschutz der Patienten nicht berechtigt?

Das Problem des Datenschutzes ist nicht zu unterschätzen. Obwohl man heute technisch Daten anonymisiert in die richtigen Kanäle schicken kann, wird man Betrug nie ganz ausschließen können. Doch Krebs ist als zweithäufigste Todesursache mit bundesweit 460 000 Neuerkrankungen pro Jahr, so bedrohlich, dass er definitiv in Fachzentren behandelt werden muss.

Steigt die Zahl der Neuerkrankungen?

Die Tendenz ist auf jeden Fall steigend. Das liegt aber auch daran, dass Krebserkrankungen in der Regel heute früher erkannt werden.



Zur Person: Prof. Dr. Heinz Jochen Gassel (52) ist Chefarzt und Ärztlicher Direktor am Evangelischen Krankenhaus. Dort leitet er unter anderem die zertifizierten Fachzentren zur Behandlung von Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Gassel hat in Bochum und Kiel Medizin studiert und anschließend Facharztausbildungen in den Bereichen Chirurgie, Gefäßchirurgie und Bauchchirurgie absolviert. Heute gehört die sogenannte minimalinvasive Schlüssellochchirurgie im Rahmen der Krebsbehandlung zu seinen Arbeitsschwerpunkten. Gassel ist Mitglied der Deutschen Krebsgesellschaft und wurde 2002 mit ihrem Arthur-L-Walpole-Preis für klinische Studien ausgezeichnet. Der Mediziner ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Dieser Text erschien im September 2012 in der NRZ


Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...