Dienstag, 26. April 2011

Vor 25 Jahren Tschernobyl: Heute Fukushima: Ein Gespräch mit Dagmar van Emmerich vom Verein Tschernobyl-Kinder





Die Bilder des berstenden Atomkraftwerkes in Fukushima weckten Erinnerungen an die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Wie sieht Dagmar van Emmerich das Unglück in Japan und seine Folgen? Für die NRZ sprach mit der Frau, die zusammen mit ihren Mitstreitern im Verein Tschernobyl-Kinder seit 1992 den jungen Menschen hilft, die bis heute unter den Folgen der Reaktorkatastrophe vom April 1986 leiden.



Welche Erinnerungen an 1986 wurden bei Ihnen wach, als Sie die Bilder aus Japan gesehen haben?


Vor 25 Jahren waren meine Kinder klein. Und ich erinnere mich das man panisch war und sich unmittelbar betroffen fühlte. Wir wollten unsere Kinder schützen und mussten plötzlich sehen, dass sie nicht mehr im Sandkasten spielen durften und das man zum Beispiel bestimmte Milchsorten nicht mehr trinken durfte.



Wie wurde aus der Betroffenheit das Engagement für die Kinder der Tschernobyl-Region?



Das hat einige Jahre gedauert. Ich war damals noch Schulleiterin in Neuss. Und als die Stadt Neuss Gastfamilien für Kinder aus der Tschernobyl-Region suchte, haben wir einen Jungen aufgenommen. Es hat mich fasziniert, wie gut dieser Erholungsurlaub Kindern getan hat und wie so ihr angeschlagenes Immunsystem wieder gestärkt werden konnte. Deshalb habe ich mich über die Presse an die Mülheimer Öffentlichkeit gewandt. Und schon im Sommer 1992 konnten wir mit 50 Gasteltern die ersten Kinder aus Weißrussland willkommen heißen. Das war der Anfang der Tschernobyl-Initiative.



Wie hat sich die Arbeit der Initiative, die heute ein eingetragener Verein ist, seitdem entwickelt?


Wir haben inzwischen 1500 Kindern aus Weißrussland einen Erholungsaufenthalt in Mülheim ermöglichen und einen Tschernobyl-Laden an der Bachstraße eröffnen können, dessen Erlöse unsere Arbeit finanziell unterstützt. Es ist aber schwieriger geworden, Gasteltern zu finden, so dass wir im letzten Jahr 35 Kinder in der Jugendherberge untergebracht haben. Die zunehmende Schwierigkeit, Gasteltern zu finden, hat damit zu tun, dass sich die soziale Situation vieler Menschen bei uns eher verschlechtert als verbessert hat. Natürlich können auch viele Menschen nicht nachvollziehen, dass die Hilfe für die Kinder aus der Tschernobyl-Region auch heute noch notwendig ist. Wir haben aber dennoch eine gute Unterstützung und konnten unsere Aktivitäten deshalb sogar ausbauen.



Zeigt uns Fukushima, dass Tschernobyl und die Folgen kein Thema von gestern sind?


Tschernobyl ist kein Thema der Vergangenheit. Das wird weiter eine Herausforderung sein. Wenn ich mich mit Ärzten über die Krankheitsbilder der Kinder aus Weißrussland unterhalte, dann sagen sie mir, dass man mindestens 30 Jahre braucht, um die Folgen der Reaktorkatastrophe wissenschaftlich exakt analysieren zu können.



Könnte die Reaktorkatastrophe in Japan die Sensibilität für Ihr Anliegen wieder erhöhen?


Ich denke schon. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass ich noch am Samstag in Weißrussland war. Und ich hätte in diesem Land nichts über die Ereignisse in Japan erfahren, wenn mich mein Sohn nicht angerufen hätte. Das war ja auch vor 25 Jahren das Bittere, dass die Menschen einem so großen Leidensdruck ausgesetzt waren, weil sie nicht rechtzeitig informiert wurden.Frage: Wie sehen Sie heute die Informationspolitik der japanischen Regierung und der AKW-Betreiber?Antwort: Ich habe da ein sehr durchmischtes Gefühl. Ich habe aber auch den Eindruck, dass die Verantwortlichen selbst sehr verunsichert sind. Ich glaube nicht, dass uns die japanische Regierung etwas vormacht. Ich sehe aber eine gewisse Überforderung. Das so ein Unglück in so einem hochindustrialisierten Land wie Japan passiert ist, muss uns alle noch mal besonders aufrütteln. Das hätte ich vorher eher nicht für möglich gehalten.



Würden Sie persönlich für einen Ausstieg aus der Atomenergie plädieren?


Ich sehe, dass die Politik bemüht ist, diesen Ausstieg aus der Atomenergie zu schaffen. Ob wir uns es erlauben können, dass das so lange dauert, ist eine andere Frage. Aber dafür fühle ich mich nicht kompetent genug, um das beurteilen zu können. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr muss ich mich davon überzeugen lassen, dass ein Atomkraftwerk nicht sicher ist. Da müssen wir als Gesellschaft nachdenklich und aktiv werden.



Könnten Sie sich vorstellen, dass künftig auch japanische Kinder zu einem Erholungsurlaub nach Mülheim kommen?


Dazu wären wir immer bereit, auch wenn es dafür jetzt noch etwas zu früh ist. Aber wenn unsere Hilfe benötigt würde, wären wir sofort bereit, etwas zu tun. Auch wenn ich jetzt noch keine Idee dafür hätte.



Dieser Text erschien am 15. März 2011 in der NRZ

Sonntag, 17. April 2011

Warum Weihbischof Franz Grave in der Karwoche in St. Mariae Geburt über den Wert und Sinn des Sonntags predigt


"Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht.“ So steht es in der Bibel. Doch der Sonntag sieht für viele Menschen heute anders aus. Manche müssen an ihm arbeiten. Andere verstehen ihn nur als arbeitsfreien Tag und andere wollen an möglichst vielen verkaufsoffenen Sonntagen Geld verdienen oder Schnäppchen jagen.Vor 27 Jahren hat der emeritierte Weihbischof Franz Grave, heute Seelsorger in St. Mariae Geburt, ein Buch mit dem Titel: „Unser Sonntag“ geschrieben. „Dieses Buch könnte ich heute wieder genau so schreiben“, sagt er angesichts der fortschreitenden Säkularisierung, die unsere Sonntagskultur aushöhlt.Geistliche ImpulseWeil das Thema immer noch aktuell ist, aber das Buch bereits geschrieben ist, setzt sich Grave in der kommenden Karwoche in einer Predigtreihe mit dem Sinn des Sonntags auseinander.


Zum Auftakt der sogenannten Trauermetten, die am 18., 19. und 20. April (jeweils um 18 Uhr) in St. Mariae Geburt an der Althofstraße gefeiert werden, fragt er: „Schönes Wochenende - Ist der Sonntag am Ende?“ In seiner zweiten Predigt beleuchtet er die Gemeinsamkeiten der jüdisch-christlichen Sabbath- und Sonntagskultur, um sich in seiner abschließenden Trauermetten-Predigt mit der Frage auseinanderzusetzen: „Muss man sonntags zur Heiligen Messe gehen?“


„Ich möchte die Leute verunsichern“, sagt Grave augenzwinkernd mit Blick auf seine Predigtreihe. Er will, so sagt er: “zeigen, dass der Sonntag nicht nur ein konfessionelles Spezialgut, sondern eine Grundsubstanz unserer Kultur ist, die den Zusammenhalt und die Humanisierung unserer Gesellschaft fördert.“Weil er den Sonntag als sinnstiftenden Kontrapunkt zur totalen Ökonomisierung unserer Gesellschaft begreift, ist sich Grave mit dem Stadtdechanten Michael Janßen und dem Vorsitzenden des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann, einig, dass unsere Gesellschaft zwar nicht auf Sonntagsarbeit, etwa in Krankenhäusern oder bei Polizei und Feuerwehr, aber sehr wohl auf verkaufsoffene Sonntage und die ausufernden Sonntagströdelmärkte verzichten kann und muss.


In dieser Frage sieht Grave die christlichen Kirchen nicht nur mit den Gewerkschaften in einem Boot.Immerhin hat die Lobbyarbeit für den Sonntag dazu beigetragen, dass die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage in Mülheim auf sieben pro Jahr begrenz worden ist. Denn früher gab es auch schon mal Jahre mit doppelt so vielen verkaufsoffenen Sonntagen. Angesichts der Tatsache, dass nur neun Prozent der Ruhrkatholiken regelmäßig den Sonntagsgottesdienst besuchen, erhofft sich Katholikenrat Wolfgang Feldmann von Graves Predigtreihe Impulse für eine lebendigere und Zielgruppen-orientiertere Sonntags- und Gottesdienstkultur, die auch in anderen Gemeinden aufgegriffen werden könnten.


Dieser Beitrag erschien am 15. April in der NRZ

Sonntag, 3. April 2011

Warum sich die Mülheimerin Jennifer Hardes mit 29 Jahren taufen lässt und in die katholische Kirche eintritt


Taufe. Dabei denkt man normalerweise an Kinder. Doch es gibt auch Erwachsene, die sich taufen lassen. Allein 2009 gingen, laut Bischofskonferenz, in Deutschland 3315 Menschen über 14 Jahren diesen Weg, fanden so spätberufen zum christlichen Glauben und zur katholischen Kirche. Das entspricht in etwa dem Niveau der letzten 15 Jahre. Während der Anteil der Erwachsenentaufen damit 2009 bundesweit bei etwa 1,8 Prozent lag, war der Anteil der Erwachsenentaufen vor allem in den ostdeutschen Bistümern deutlich höher. In Magdeburg lag er zum Beispiel bei 10.4 und in Görlitz bei 7,2 Prozent. Gleichzeitig bewegte sich der Anteil der Erwachsenentaufen in den süddeutschen Bistümern Regensburg, Augsburg, Passau und Würzburg nur zwischen 0,9 und 1,1 Prozent.

"In den Südbistümern gibt es ein traditionell starkes katholisches Milieu. Da ist es noch selbstverständlicher, dass Eltern ihr neugeborenes Kind auch taufen lassen. In den ostdeutschen Bistümern ist das ganz anders. Dort finden viele Menschen erst im Erwachsenenalter zum Glauben", erklärt der beim Ruhrbistum Essen für Erwachsenenkatechese und Erwachsenentaufen zuständige Theologe Nicolaus Klimek die regionalen Unterschiede. Sein Bistum lag mit 112 Erwachsenentaufen 2009 und einem Anteil von 2,2 Prozent leicht über dem Bundesdurchschnitt.

Aus seiner eigenen Praxis und aus dem regelmäßigen Erfahrungsaustausch mit seinen Kollegen aus den anderen Bistümern, weiß Klimek, was Menschen im Erwachsenenalter motiviert, sich taufen zu lassen. Er sieht vor allem die "Begegnung mit glaubwürdigen und überzeugten Christen, die Eheschließung mit einem katholischen Partner oder auch Lebenskrisen, in denen sich die Sinnfrage noch einmal ganz existenziell stellt" als die zentralen Schlüsselerlebnisse, die die Tür zum Glauben und zum Eintritt in die katholische Kirche öffnen. "Es ist immer wieder bewegend zu hören und zu sehen, was der Glaube für die Menschen bedeutet und welche Kraft sie durch ihn spüren", berichtet Klimek von inspirierenden Begegnungen mit Erwachsenen, die sich besonders intensiv und bewusst mit dem christlichen Glauben auseinandergesetzt haben, weil sie nicht schon durch ein religiöses Elternhaus geprägt worden sind.

Das gilt auch für Jennifer Hardes. (Foto) Die 29-jährige Umweltschutzassistentin, die an der Universität Dortmund arbeitet und in Mülheim an der Ruhr lebt, bereitet sich zurzeit mit 18 anderen Erwachsenen in einem Glaubenskurs auf ihre Taufe vor. Obwohl ihre Eltern evangelisch sind, spielte Religion in ihrer Jugend keine große Rolle. Der Gottesdienstbesuch gehörte nicht zum Alltag. Mit dem Religionsunterricht in der Schule konnte sie anfangs nicht viel anfangen, weil der Glauben zu Hause nicht gelebt wurde. Die katholische Kirche war für sie, wie ein ferner Planet, galt ihr vor allem als streng, konservativ und lebensfern.

Doch dann lernte sie in der Berufsschule einen katholischen Priester kennen. Der begeisterte sie mit ihrem ausgesprochen lebenspraktischen Religionsunterricht und seiner gelebten Nächstenliebe. Denn der Priester nahm in seinem Pfarrhaus auch Obdachlose auf. "Das hat mich irgendwie aufgeweckt. Und ich habe gemerkt, dass man nicht alles schwarz-weiß sehen kann und das es im Leben viele Grauabstufungen gibt", erinnert sich Hardes.

Später lernte sie einen Mann aus dem katholischen Italien kennen und ließ sich von der Kirchenbaukunst in Bella Italia begeistern. "Wenn man darauf soviel Sorgfalt verwendet hat, muss da was dran sein", dachte und denkt sie immer wieder mit Blick auf alte Gotteshäuser. Doch den letzten Anstoß zur Taufe und zum Eintritt in die katholische Kirche kam erst viel später in Form einer Tauffeier und eines Trauergottesdienstes. "Die Symbolik der Liturgie hat mir gut gefallen. Und ich habe gespürt, dass der Glaube, den man als Teil einer großen Gemeinschaft lebt und mit anderen Menschen teilt etwas ist, woran man sich im Leben festhalten kann," schildert Hardes ihre spirituelle Erfahrung in und mit der katholischen Kirche. Dabei lässt die Naturwissenschaftlerin, die in der Naturbetrachtung göttlichen Ursprung entdeckt, "weil dort alles sehr perfekt aufeinander abgestimmt ist", keinen Zweifel daran, dass sie sich auch eine katholische Kirche vorstellen kann, in der auch Frauen eines Tages Priester werden können, in der der Pflichtzölibat für Priester abgeschafft wird und in der auch Homosexuelle ihren Platz haben.

Kein Wunder, dass es zu Hause "Grund zur Diskussion gab", als die evangelischen Eltern erfuhren, dass sich ihre Tochter katholisch taufen lassen wollte. Doch Hardes, die mit der Taufe im Mai auch die Heilige Erstkommunion und die Firmung empfangen wird, ließ sich nicht von ihrer Entscheidung abbringen. Auch Naturkatastrophen, wie jetzt in Japan, können die Naturwissenschaftlerin nicht in ihrem neuen Glauben erschüttern. Denn sie sieht die Not dieser Welt als "von Menschen gemachtes Problem." Sie kann mit Blick auf Japan zum Beispiel nicht nachvollziehen, wie man in einem geologisch sehr aktiven Gebiet Atomkraftwerke errichten kann. Insofern sieht sie Gott zwar bei den Menschen in Not, aber nicht "als jemanden, der alles glatt bügelt."

Apropos glatt bügeln. Die Freude über Menschen, wie Jennifer Hardes, die aus eigenem Entschluss und freiem Willen den Weg in die katholische Kirche gefunden haben, kann die ebenfalls aus der Statistik der Bischofskonferenz hervorgehende Tatsache nicht "glatt bügeln", dass allein im Jahr 2009 über 120.000 Menschen in Deutschland die katholische Kirche verlassen haben, während nur etwas mehr als 12.000 Menschen in die katholische Kirche eintraten oder wieder aufgenommen wurden und insgesamt 179.000 Taufen 255.000 Sterbefälle gegenüberstanden.


Dieser Beitrag erschien am 31. Mär 2011 in der katholischen Tageszeitung Die Tagespost

Dienstag, 22. März 2011

Gemeinsam zu neuer Stärke: Warum sich die Kolpinfamilien Zentral und Heißen-Heimaterde zusammengeschlossen haben



„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Etwas von diesem zeitlos gültigen Satz des Dichters Hermann Hesse war auch am Sonntag im Gemeindesaal von St. Theresia in Heimaterde zu spüren. Da wurde zur Feier des Tages eine Hochzeitstorte angeschnitten. Zuvor hatten sich die Kolpingfamilien Zentral und Heimaterde auf ihren Jahreshauptversammlungen das Ja-Wort für eine Fusion gegeben, bei der es, anders als in der Wirtschaft, nur Gewinner gibt.



„Wir haben bereits seit 2007 zusammengearbeitet“, sagt Andreas Pöhlmann aus Heimaterde zur Vorgeschichte der Fusion. Der 43-Jährige bildet zusammen mit Peter Prions und dem bisherigen Vorsitzenden der Kolpingfamilie Zentral, Peter Vieten, das Sprecherteam der neuen Kolpingfamilie Mülheim-Zentral-Heimaterde bildet.Demografischer Wandel„Als ich vor fast 50 Jahren zu Kolping kam, hatten wir noch rund 250 Mitglieder. Heute sind wir noch 20,“ beschreibt der 69-jährige Vieten den demografischen Wandel der 1856 noch mit der Unterschrift von Gesellenvater Adolph Kolping gegründeten Kolpingfamilie Zentral.



Ohne die jetzt vollzogene Fusion wäre diese Keimzelle des Mülheimer Kolpingwerkes zwangsläufig ihrer Auflösung entgegengegangen. Mit der Fusion ist jetzt eine neue Kolpingfamilie mit alten Wurzeln entstanden, zu der jetzt immerhin 180 Mitglieder zählen. 58 von ihnen sind jünger als 18 Jahre.„Wir müssen bei unseren Veranstaltungen mehr auf Klasse statt auf Masse setzen und vor allem unser Angebot für Kinder und Jugendliche ausbauen“, gibt Pöhlmann die Richtung vor. Wenn man das versäume, so glaubt er, werde die Kolpingfamilie in 50 oder 60 Jahren nicht mehr existieren.



Doch Pöhlmann, dessen kleiner Sohn auch schon bei Kolping mitmacht, sieht Ansatzpunkte, die ein positive Entwicklung befördern könnten.



„Wir haben hier in Heimaterde eine relativ große Messdienergruppe und viele junge Familien mit Kindern“, betont der Kolpingbruder und verweist in diesem Zusammenhang auch auf das seit vielen Jahren erfolgreiche Kolping-Kinderfest in der Heimaterde.Mit Blick auf die Nachwuchsförderung fängt die neue Kolpingfamilie am kommenden Sonntag, 20. März, schon mal an, indem sie nach dem Gottesdienst, der um 9.45 Uhr in St. Theresia vom Kinde Jesu beginnt, zu einem Spielevormittag mit Familienfrühschoppen ein, Außerdem plant man für den Juni ein Zeltlager für Groß und Klein in Warburg. Natürlich will man neben den Angeboten für den Nachwuchs auch bewährte Angebote wie etwa den Seniorennachmittag auf dem Kirchenhügel nicht vernachlässigen. Dass man bei der neuen Kolpingfamilie keine kritischen Themen scheut, zeigten jüngste Bildungsveranstaltungen rund um Krankenhauskeime und Kirchenaustritte. Kontakte zu einer polnischen Kolpingfamilie sowie die regelmäßige Unterstützung von Entwicklungsprojekten in Brasilien und Uganda machen deutlich, dass man bei Kolpings in Stadtmitte und Heimaterde nicht nur auf die Kirchtürme von St. Mariae Geburt und St. Theresia schaut,



Peter Vieten ist davon überzeugt, dass der alte Kolping-Mix aus Bildung und Geselligkeit auch in einer stärker individualisierten und deshalb manchmal auch anonymeren Stadtgesellschaft weiterhin gefragt ist: „Wir müssen den Leuten nur klar machen, dass man nicht unbeding Katholik sein muss, um bei uns mitmachen zu können“, glaubt er.Man trifft sich dienstags um 20 Uhr, abwechselnd im Gemeindesaal von St. Theresia an der Kleiststraße/Ecke Max-Halbach-Straße oder in der Begegnungsstätte von St. Mariae Geburt an der Pastor-Jakobs-Straße 6. Telefonische Auskünfte unter der Rufnummer 78 21 660.



Dieser Text erschien am 17. März 2011 in NRZ und WAZ

Montag, 21. März 2011

Angst, wie sie im Bilderbuch steht: Eine literarische Spurensuche in der katholischen Akademie Die Wolfsburg


Angst gilt im internationalen Vergleich als eine typisch deutsche Eigenschaft. Die German Angst wurde zum feststehenden Begriff für ein Land, in dem Verlust- und Existenzängste vor dem Hintergrund der traumatischen Erfahrungen von Inflation, Krieg und Diktatur besonders ausgeprägt sind und die aktuell vor allem in der Angst münden, dass unsere Gesellschaft den Wohlstand verlieren könnte, den uns das westdeutsche Wirtschaftswunder nach 1945 bescherte.

Wenn Eltern heute zum Beispiel um ihren Arbeitsplatz und das Familieneinkommen fürchten müssen, bekommen natürlich auch die Kinder die Angst zu spüren. Auch Grundschulkinder haben heute schon Schulstress und die durch ihre Eltern vermittelte Angst, den Leistungsansprüchen nicht genügen und damit Zukunftschancen nicht bekommen zu können.


"Doch diese realistischen Ängste, etwa vor Armut oder Missbrauch spielen in den Bilderbüchern keine Rolle. In den meisten Bilderbüchern herrscht immer noch der Trend zur heilen Welt vor." Stattdessen, so Linsmann weiter, würden vor allem die Angst vor dem Einschlafen, vor der Dunkelheit oder vor dem ersten Schultag beschrieben. Zu diesem Ergebnis kam Maria Linsmann bei einer Tagung zur Thematisierung der Angst in der Kinder und Jugendliteratur.
Auf Einladung des Medienforuns und der katholischen Akademie diskutierten 150 Bibliothekarinnen und Pädagoginnen jetzt darüber, wie Kinder- und Jugendliteratur dem Nachwuchs helfen kann, Ängste zu erkennen, auszudrücken und so zu verarbeiten. Gleich zum Auftakt der Tagung machte Akademieleiter Michael Schlagheck deutlich: "Angst gehört zu unserem Leben. Sie kann nicht vermieden werden. Angst begegnet uns mit einem Doppelgesicht, kann uns hemmen und lähmen, aber auch aktivieren, fördern, uns bei unserer Entwicklung helfen. Ein Leben ohne Angst wäre nicht denkbar, wäre geradezu fatal."

An einigen Beispielen konnte Linsmann in ihrem Vortrag aufzeigen, dass gerade das gute alte Bilderbuch Kindern in der pädagogisch prägenden Frühphase helfen kann, Ängste "zu verbalisieren, zu akzeptieren und so auch zu überwinden." Nicht nur Willi Wiberg, der seine Schulangst überwindet, als er feststellt, dass auch seine Lehrerin ihre Angst vor der neuen Klasse mit dem Kauf eines neuen Kleides und einem Besuch beim Friseur besänftigen musste, der Cowboy, der seine Angst vor Pferden überwinden muss und deshalb erst mal lieber Fahrrad fährt als zu reiten oder der Ritter Sir Fred, der seine Furcht vor der Dunkelheit erst durch ein nächtliches Rendezvous mit der Dame seines Herzens überwindet, sorgten im Auditorium für erhellende Heiterkeit. In der Diskussion waren sich die Tagungsteilnehmerinnen einig, dass Eltern ihren Kindern bei der Bilderbuchlektüre "mehr zutrauen sollten."


Warum Eltern, wie Linsmann feststellte, in der Regel vor dem Kauf von Bilderbüchern zurückschrecken, die schwierige und kritische Themen aufgreifen, beantwortete die Psychoanalytikerin Dagmar Lehmhaus mit ihrer These, dass Eltern immer noch den Anspruch hätten, für ihre Kinder angstfreie Räume zu schaffen." Das war, wie Bilderbuchexpertin Linsmann deutlich machte, noch bis in die 1950er Jahre anders, als Angst auch in der Kinderliteratur, siehe Struwwelpeter oder Max und Moritz, in der Kinderliteratur als Instrument der Abschreckung eingesetzt wurde, um Kinder zu regelgerechtem Verhalten zu erziehen.


"Wir bekommen hier wissenschaftlich fundierte Anregungen und Impulse", beschrieben die beiden Pädagoginnen Claudia Michels und Hella Theill den Mehrwert der literarischen Spurensuche in der Wolfsburg. Für beide steht fest, dass das Lesen und Vorlesen Kinder positiv prägt und in ihrer persönlichen Entwicklung stärkt. Sie sehen aber auch "einen immer größer werdenden sozialen Spalt" zwischen den Elternhäusern, in denen viel gelesen und vorgelesen wird und jenen, in denen es kein einziges Buch gibt.


Dieser Text erschien am 18. März 2011 im Ruhrwort

Sonntag, 20. März 2011

Die Dümptener Gemeinde St. Barbara erinnerte an eine starke Frau: Elisabeth Groß wurde vor 110 Jahren geboren


In einer Zeit, in der mehr als jede dritte Ehe geschieden wird und die Patchworkfamilie als der Normalfall erscheint, fragen sich viele Menschen, ob Ehe und Familie noch ein tragfähiges Lebensmodell sein können. Dass sie dies sehr wohl sein können, wenn sich beide Partner vom christlichen Fundament aus Liebe, Glaube und Hoffnung tragen lassen, machte die Hommage deutlich, mit der die Dümptener Gemeinde St. Barbara am 11. März den 110. Geburtstag von Elisabeth Groß feierte.


Diakon Bernhard Groß, der an der Gedenkstunde in St. Barbara teilnahm, nannte das Eheleben seiner Eltern ein Beispiel dafür, "dass es einen tieferen Sinn hat, wenn sich Paare an ihr Eheversprechen halten und in guten wie in bösen Tagen beieinander bleiben." So war die Erinnerung an das außergewöhnliche Lebens- und Glaubensbeispiel für die 80 Zuhörer in St. Barbara ein willkommener geistlicher Impuls für die soeben begonnene Fastenzeit.
Die Bochumer Schauspielerin Maria Wolf und Ralf Schumacher, der in dem seit 1997 von Gemeindemitgliedern immer wieder aufgeführten Nikolaus-Groß-Musical den ebenfalls im Kampf gegen Hitler ums Leben gekommenen Dr. Otto Müller spielt, lasen Texte von Elisabeth und Nikolaus Groß, die ebenso wie die Texte anderer Zeitzeugen und Wegbegleiter deutlich machten, dass auch für den Arbeiterführer, Journalisten, Familienvater und Widerstandskämpfer Nikolaus Groß galt: Hinter jedem starken Mann, steht eine starke Frau.
Diese starke Frau lernte Nikolaus Groß 1920 kennen und lieben. 1923, auch damals schon in wirtschaftlich und politisch schwieriger Zeit, gaben sie sich das Jawort für das gemeinsame Leben, das sie später mit sieben Kindern teilten. Nach der Ermordung ihres Mannes durch die Nazis musste Elisabeth Groß diese sieben Kinder allein erziehen und ernähren. Neben dieser schweren Aufgabe engagierte sie sich in Kirche und Gesellschaft, etwas bei der Mitarbeit in Entnazifizierungsausschüssen oder in der CDU und in der Katholischen Frauengemeinschaft KFD. Sechs Jahre vor ihrem Tod (1972) wurde ihr Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.


An dem Tag, an dem Elisabeth Groß, wie es ihr Sohn Bernhard formulierte: "ihr 110. Lebensjahr in Gottes zeitloser Ewigkeit vollendet hat" erlebten die Besucher in St. Barbara nicht nur in Texten, sondern auch in den von Verena Rützel gesungenen und dem Organisten Burkhard Maria Kölsch, der Violinistin Gabi Gräfe und der Fötistin Cornelia Bentlage musikalisch begleiteten Elisabeth-Groß-Liedern aus dem Nikolaus-Groß-Musical, dass uns Elisabeth und Nikolaus Groß mit ihrem großen Gottvertrauen und ihrer großen Liebe noch viel zu sagen haben. "Sie haben eine Liebe gelebt, die man heute als Ehepaar vielleicht nicht erreichen, aber doch als Ideal anstreben kann", glaubt Lektor Ralf Schumacher: Und seine Mitlektorin Maria Wolf (Foto), die unter anderem aus Nikolaus Groß‘ Buch "Sieben um einen Tisch" las, findet als Mutter wegweisend, dass Groß seine Kinder als "liebe Gäste" bezeichnete, denen man durch Führung und Freiheit rechtzeitig helfen müsse, zu brauchbaren Menschen heranzureifen.


Elisabeth Groß erinnerte sich 1964 in der Ketteler Wacht: "Es war eine, grausame, herzzerbrechende und doch gnadenreiche Viertelstunde. Ich höre noch die bestimmten Worte des SS-Mannes: "Die Viertelstunde ist zu Ende." Wir nahmen Abschied voneinander, indem wir uns gegenseitig das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn machten, und tief seufzte er: "Auf Wiedersehen in einer besseren Welt." (...) "Dann begann für mich eine harte Zeit, allein mit sieben unversorgten Kindern. Und doch darf ich sagen: wenn ich in Not und Verzweiflung war, habe ich das Bild meines Mannes angeschaut und ihn um Hilfe gebeten. Und Gott hat dann immer wunderbar, oft wirklich durch ein Wunder, geholfen."


Nikolaus Groß schreibt in seinem Abschiedsbrief im Januar 1945: "Besonders Dir, liebe Mutter, muß ich noch danken. Als wir uns vor einigen Tagen für dieses Leben verabschiedeten, da habe ich, in die Zelle zurückgekehrt, Gott aus tiefem Herzen gedankt für Deinen christlichen Starkmut. Ja, Mutter, durch Deinen tapferen Abschied hast Du ein helles Licht auf meine letzten Lebenstage gegossen. Schöner und glücklicher konnte der Abschluß unserer innigen Liebe nicht sein, als er durch Dein starkmütiges Verhalten geworden ist. Ich weiß: Es hat Dich und mich große Kraft gekostet, aber daß uns der Herr diese Kraft geschenkt, dessen wollen wir dankbar eingedenk sein."


Dieser Beitrag erschien am 18. März 2011 im Ruhrwort

Montag, 14. März 2011

Ein Vortrag des Stadtarchivars Kai Rawe zeigte jetzt, dass Arbeit auch vor 100 Jahren nur das halbe Leben war

Mal ehrlich. Die meisten Gespräche beginnen mit der Frage: „Was machen Sie eigentlich beruflich?“ Auch wenn Großeltern oder Urgroßeltern aus ihrem Leben erzählen, drehen sich ihre Erinnerungen meistens um die Arbeit. Doch Arbeit ist bekanntlich nur das halbe Leben. Und so beleuchtete Stadtarchivar Kai Rawe in einem Vortrag, der rund 100 Zuhörer in die Alte Post lockte, die Freizeit der alten Mölmschen anno 1911.Was den Mülheimer des Jahres 2011 an seiner Zeitreise überraschte, war die Tatsache, dass es in Mülheim vor 100 Jahren fast 230 Gaststätten gab, die zum Teil über große Veranstaltungssäle verfügten. Der größte von ihnen war der in Eppinghofen gelegene Kirchholtes-Saal, der 1300 Gästen Platz bot und im Volksmund „Sinfoniescheune“ genannt wurde.

Dort gingen seit Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig Abonnementkonzerte und 1911 sogar einige Opernaufführungen über die Bühne. Am Dirigentenpult stand der später berühmte Hans Knappertsbusch, der damals, 24-jährig, seine Karriere in Mülheim begann. Opernaufführungen, wie der „Barbier von Sevilla“ sollten im Kirchholtschen Saal allerdings ein Intermezzo bleiben, weil sie sich wirtschaftlich nicht rechneten.Zunehmender Beliebtheit erfreute sich vor 100 Jahren das Kino, damals noch als kinematografische Aufführungen angekündigt wurden. Sie flimmerten zum Beispiel im Zentralhallentheater an der Leineweberstraße oder bei Meyers Lichtspiel über die Leinwand. Der unbestrittene Star jener Stummfilmtage war Asta Nielsen. Auf dem Kinoprogramm standen 1911 so schauerliche Filmtitel wie „Abgrund“ oder „Die Morphinistin“, aber auch die experimentelle Vorführung von Röntgenstrahlen. Letzteres war, wie man heute weiß, ein fast selbstmörderisches Freizeitvergnügen.Ganz ungefährlich erstrahlte das Zentralhallentheater an der Leineweberstraße und andere große Säle, wie im Kahlenbergrestaurant anno 1911 bei Bällen, Konzerten und Festbanketten, mit denen man zum Beispiel am 27. Januar den Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. feierte.

Nicht ganz so gutbürgerlich, dafür aber frech-fröhlich ging es vor 100 Jahren im „Wilden Mann“ zu. Das Gasthaus an der Bachstraße machte vor allem mit seinen Damenorchestern Furore. Der Spaß an der Freude kam auch im Alhambra an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße nicht zu kurz. Dort wurden in der Fünften Jahreszeit 1911 Maskenbälle gefeiert, Karnevalskonzerte gegeben und Büttenreden geschwungen: „Alles jubelt. Alles lacht. Die neue Brücke Stimmung macht“ hieß es mit Blick auf die neu eröffnete Schloßbrücke.In einer Zeit, in der es weder Fernsehen noch Radio und auch noch keinen massenhaften Autoverkehr gab, suchten die damals rund 112. 000 Mülheimer ihr Freizeitvergnügen in zahlreichen Vereinen, Chören und Gaststätten vor der eigenen Haustür.

Das Kahlenbergrestaurant, das später zur Jugendherberge werden sollte, gehörte ebenso zu den beliebtesten Ausflugszielen der Stadt, wie Tersteegensruh im Witthausbusch, Haus Hammerstein im Uhlenhorst, das Rheinische Bauernhaus an der Delle, der Bürgergarten an der Aktienstraße oder das Monning-Viertel mit seinen zahlreichen Lokalitäten am Speldorfer Stadtrand.„Zur Arbeit gingen die meisten Menschen damals zu Fuß. Aber am Wochenende gönnten sie sich dann auf eine Straßenbahnfahrt ins Grüne, die damals noch ein echtes Erlebnis war“, schilderte Stadtarchivar Rawe in seinem Vortrag die mölmsche Freizeitmobilität der Kaiserzeit.Echte Publikumsmagneten jener Zeit waren auch die Broicher Kirmes, die 1911 mit den kleinen Pferden der Welt und mit sibirischen Wölfen aus dem Tierpark Hagenbeck lockte oder das Schützenfest der Selbecker St. Sebastianus-Bruderschaft, dass damals mit Umzügen, Musikkapellen, einem Ball, einem Feuerwerk und „anderen Volksbelustigungen“ auch in der Stadtmitte gefeiert wurde.

Dabei schlich sich auch die Politik in das scheinbar harmlose Freizeitvergnügen ein, wenn etwa die Militärmusiker des in Mülheim stationierten Infanterieregiments „patriotische Konzerte“ gaben oder bei einem marokkanischen Abend im Bürgergarten , bei dem der sogenannte „Panthersprung von Agadir“ nachgestellt wurde, mit dem das Kaiserreich durch die Entsendung eines Kanonenbootes nach Agadir 1911 seinen kolonialen Ambitionen Nachdruck verliehen hatte.

Dieser Beitrag erschien am 14. März 2011 in der NRZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...