Wenn man in der Politik was werden will, kommt man an Thekengesprächen nicht
vorbei. Doch dass ich den FDP-Landtagsabgeordneten Christian Mangen in der Küche traf,
überraschte mich. Ich dachte immer, wenn man politisch aufsteigt, kommt man
vielleicht als Minister in ein Kabinett. Doch an ein Küchenkabinett, in dem der
Abgeordnete bei Frankys im Wasserbahnhof Gemüse schnibbelte und putzte und
außerdem 30 Liter Soße ansetzen musste, hatte ich weniger gedacht. Man lernt ja
nie aus. Und so erfuhr ich, dass der neu gewählte Landtagsabgeordnete auf
Einladung des Deutschen Gastronomie- und Hotelerieverbandes (Dehoga) ein
gastronomisches Tagespraktikum absolvierte, um nicht nur Gemüse, Soße,
Lachsplatten und Kalbsrücken zuzubereiten, sondern zwischen Küchenmesser und
Soßenbinder zu erfahren, wo die Gastronomen der Schuh drückt. „Ich hätte nie
gedacht, dass die Arbeit in der Küche so kreativ und befriedigend ist, weil man
sieht, was man macht und am Ende etwas in der Hand hat, was alle haben wollen.“
Das kann man von so mancher politischen Entscheidung, die zuweilen schwer im
Magen liegt, nicht sagen.
Dieser Text erschien am 5. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Mittwoch, 6. Dezember 2017
Dienstag, 5. Dezember 2017
Die Opfer dem Vergessen entrissen: Gerhard Bennertz, der heute 80 Jahre alt wird, hat in den letzten 40 Jahren die Schicksale der 270 Mülheimer Holocaust-Opfer recherchiert und aufgeschrieben
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| Gerhard Bennertz |
Im Rahmen seines Unterrichtes sprach Bennertz damals auch über die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Und plötzlich wollte ein Schüler von ihm wissen: „Wie war das eigentlich mit der Judenverfolgung in Mülheim?“ Da musste der Lehrer passen. Er versprach dem Schüler, sich schlau zu machen. Das war der Beginn einer Recherche, die ihn in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr los lassen und zu zahlreichen Publikationen über das Schicksal der jüdischen Mülheimer in der Zeit des sogenannten Dritten Reiches veranlassen sollte. „Mein Glück war, dass ich mit meiner Frau Ingrid im Mülheimer Singkreis aktiv war und so Mülheimer kannte, die als ehemalige Mitglieder der regimekritischen Bekennenden Kirche Kontakte zu ehemalige jüdische Mitbürgern hatten, die vor den Nazis ins damalige Palästina geflohen waren“, erinnert sich Bennertz an den Beginn seiner Nachforschungen, die mit einem zwölfstündigen Zeitzeugengespräch in Tel Aviv begannen.
„Das wurde plötzlich ein riesiger Schneeball, der auf mich zu kam“, erinnert sich Bennertz. In den kommenden drei Jahrzehnten sollte er 38 Mal Israel besuchen und dabei mit rund 40 ehemaligen jüdischen Mülheimern sprechen, von denen einige später auch ihre alte Heimatstadt wiedersehen und neue Eindrücke vom demokratischen Nachkriegsdeutschland in ihre neue israelische Heimat mitnehmen konnten. Einen besonders engen Kontakt knüpfte Bennertz in Tel Aviv zu Siegfried, Karl und Miriam Brender. Sie waren als Kinder der jüdischen Geschäftsleute Betty und Immanuel Brender im Dichterviertel aufgewachsen, hatten die Luisenschule, das heutige Otto-Pankok- und das heutige Karl-Ziegler-Gymnasium besucht, ehe sie Mitte der 30er Jahre von ihren Eltern nach Palästina geschickt wurden.
„Die Eltern selbst glaubten: Uns kann nichts passieren, weil wir gestandene und unbescholtene Geschäftsleute sind“, berichtet Bennertz aus seinen Gesprächen mit den Brender-Geschwistern. Das Schicksal ihrer Eltern, die 1941 erfolgte Deportation aus Mülheim ins jüdische Ghetto von Litzmannstadt und letztlich der Tod dort und im Konzentrationslager Auschwitz war nur eines von insgesamt 270 Mülheimer Holocaust-Opfer-Schicksalen, die Bennertz in seinen Gesprächen rekonstruieren und später in Zusammenarbeit mit der Historikerin Barbara Kaufhold publizistisch dokumentieren konnte.
„Auch wenn die Mülheimer, die die Verfolgung durch die Nationalsozialisten am eigenen Leib erlebt haben, bis auf eine Ausnahme, gestorben sind, ist es wichtig, dass Jugendliche heute nachlesen können, was diese Menschen erlitten haben. Das liegt jetzt fest. Dahinter kann niemand mehr zurück.“
Ein Leben für den christlich-jüdischen Dialog
1983 und 1999 veröffentlichte Gerhard Bennertz in der Zeitschrift des Mülheimer Geschichtsvereins einen umfassenden Beitrag zum Schicksal der Jüdischen Mülheimer in der Zeit des sogenannten Dritten Reiches.
Ab 1986 war er für zwei Jahrzehnte Vize-Vorsitzender der Gesellschaft für den christlich-jüdischen Dialog. 1993 gehörte er zu den Mitinitiatoren der Städtepartnerschaft mit dem israelischen Kfar Saba.
Dieser Text erschien am 5. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Montag, 4. Dezember 2017
Eine biblische Erfahrung
Gestern besuchte ich einen Familiengottesdienst. Für mich, dessen Kindertage schon länger zurückliegen, als ich es selbst glauben kann, war es ein Aha-Erlebnis.
Wo wir als Knirpse einst andächtig dem Herrn Pastor lauschen mussten und es in neun von zehn Fällen auch ehrfürchtig taten, da der Pastor für uns damals so etwas, wie der Mülheimer Stellvertreter des lieben Gottes war, herrscht heute ein munteres Krabbeln und Knuddeln in den Kirchenbänken. Ein kleiner Steppke macht sich selbstständig und krabbelt durch den Mittelgang, um sich mal näher anzuschauen, was den da im Altarraum vor sich geht.
Ehe das Christkind in die Gabenbereitung gerät oder die erste Kerze des Adventskranzes erreichen kann, setzt die Mama zum Spurt an und fängt den kleinen Messdiener in spé ein. Währenddessen nimmt der Papa das quengelnde Schwesterlein auf den Arm. Familiengottesdienst. Das ist mehr Aktion als Besinnung.
Was wohl der liebe Gott und sein Jesus-Kind dazu sagen würden. Das Matthäus-Evangelium gibt die Antwort: „Jesus sprach: Lasset die Kinder zu mir kommen und haltet sie nicht ab, denn solcher ist das Himmelreich.“
Dieser Text erschien am 4. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Wo wir als Knirpse einst andächtig dem Herrn Pastor lauschen mussten und es in neun von zehn Fällen auch ehrfürchtig taten, da der Pastor für uns damals so etwas, wie der Mülheimer Stellvertreter des lieben Gottes war, herrscht heute ein munteres Krabbeln und Knuddeln in den Kirchenbänken. Ein kleiner Steppke macht sich selbstständig und krabbelt durch den Mittelgang, um sich mal näher anzuschauen, was den da im Altarraum vor sich geht.
Ehe das Christkind in die Gabenbereitung gerät oder die erste Kerze des Adventskranzes erreichen kann, setzt die Mama zum Spurt an und fängt den kleinen Messdiener in spé ein. Währenddessen nimmt der Papa das quengelnde Schwesterlein auf den Arm. Familiengottesdienst. Das ist mehr Aktion als Besinnung.
Was wohl der liebe Gott und sein Jesus-Kind dazu sagen würden. Das Matthäus-Evangelium gibt die Antwort: „Jesus sprach: Lasset die Kinder zu mir kommen und haltet sie nicht ab, denn solcher ist das Himmelreich.“
Dieser Text erschien am 4. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Sonntag, 3. Dezember 2017
Ein Zeitsprung an der Schulstraße: Das Karl-Ziegler-Gymnasium
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| Das alte Schulgebäude an der Schulstraße in den Nachkriegsjahren: Ein Foto aus dem Medienzem |
Bis zur Eröffnung der Heinrich-Thöne-Volkshochschule (1979) wurden an der Schulstraße nicht nur Schüler, sondern auch Teilnehmer von Volkshochschulkursen unterrichtet.
Gut 70 Jahre, nach dem die historische Aufnahme entstand, kennen wir diese Schule heute als Karl-Ziegler-Ganztags-Gymnasium, das am 2. Dezember zwischen 9 Uhr und 12.30 Uhr zum Tag der offenen Tür und zum Ehemaligentreffen einladen wird. Zuletzt hat die Karl-Ziegler-Schule mit der Eröffnung eines in den Schulbetrieb integrierten Jugendzentrums, dem Café Ziegler Schlagzeilen gemacht.
Der Mülheimer Chemie-Nobelpreisträger Karl Ziegler war gerade ein Jahr tot, als man ihn 1974 zum Namenspatron des städtischen Gymnasiums erhob. Von 1937 bis 1945 trug die heutige Karl-Ziegler-Schule den Namen des Industriellen und Hitler-Förderers Emil Kirdorf. In den 1970er Jahren wurden an der Schulstraße Jungen und Mädchen erstmals gemeinsam unterrichtet.
Die Schülerzahl stieg. Und das alte Schulgebäude musste einem Neubau weichen, der 2010 saniert werden und um eine Mensa erweitert werden sollte.
Dieser Text erschien am 20. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Der Alltag ist das Abenteuer
Es gibt Leute, die ins Dschungelcamp gehen, um ein Abenteuer zu erleben. Ich brauche nur vor die Haustür zu gehen, um Vergleichbares zu erleben. Ich bin in Eile. Der nächste Termin wartet. Doch die Rolltreppe an der nächsten U-Bahn-Haltestelle macht ihren Namen keine Ehre. Sie steht und ich stehe auch länger, als mir lieb ist, am Bahnsteig, um auf die nächste Linie zu warten.
Vom Bahnhof soll es weiter gehen. Doch der Zug, der mich zum Ziel bringt, fällt aufgrund von Bauarbeiten aus. Ich hetzte zum nächsten Bahnsteig, um wenigstens die nächste S-Bahn zu bekommen.
Ich bin schon zu spät dran, aber fast am Ziel, als mich eine ausgefallene Ampel an einer stark befahrenen Straße ausbremst. Todesmutig stürze ich über die Straße, als der Autostrom für einen Moment abebbt. Das ich zu spät zu der Veranstaltung komme, über die ich berichten soll, versteht sich von selbst. Aber immerhin. Ich erlebe sie noch und bekomme so viel von ihr mit, dass ich anschließend einen aussagekräftigen Text schreiben kann. Aber vorher muss ich noch einer alten Dame ihren Rollator auf den Bahnsteig tragen, weil der Aufzug am Bahnhof ausgefallen ist. Jetzt weiß. Der Alltag ist das Abenteuer.
Dieser Text erschien am 30. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Vom Bahnhof soll es weiter gehen. Doch der Zug, der mich zum Ziel bringt, fällt aufgrund von Bauarbeiten aus. Ich hetzte zum nächsten Bahnsteig, um wenigstens die nächste S-Bahn zu bekommen.
Ich bin schon zu spät dran, aber fast am Ziel, als mich eine ausgefallene Ampel an einer stark befahrenen Straße ausbremst. Todesmutig stürze ich über die Straße, als der Autostrom für einen Moment abebbt. Das ich zu spät zu der Veranstaltung komme, über die ich berichten soll, versteht sich von selbst. Aber immerhin. Ich erlebe sie noch und bekomme so viel von ihr mit, dass ich anschließend einen aussagekräftigen Text schreiben kann. Aber vorher muss ich noch einer alten Dame ihren Rollator auf den Bahnsteig tragen, weil der Aufzug am Bahnhof ausgefallen ist. Jetzt weiß. Der Alltag ist das Abenteuer.
Dieser Text erschien am 30. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Freitag, 1. Dezember 2017
Analog trifft digital
Der Lehrer reicht dem Schüler, der hinter seinem Notebook sitzt, einen Text. „Was soll ich damit?“ fragt der junge Mann. Der Lehrer, der sich in seinem Leben schon viel zu oft viel zu viel versprochen hat, dachte, dass ergäbe sich aus der Situation. Als er noch Schüler war und Texte von seinem Lehrer bekam, verstand sich das von selbst als eine Aufforderung zum Lesen, Analysieren und Referieren dessen Inhalts. Doch im digitalen Zeitalter, so muss der analog aufgewachsene Lehrer einsehen, hat bedrucktes Papier keinen ultimativen Lesanreiz mehr, erst recht, wenn der Umfang des gedruckten Textes („Was so viel?) den Twitter-Rahmen deutlich überschreitet.
5 oder 6 bedruckte Seiten auf schnödem Papier, ohne jeden visuellen Anreiz, zu lesen, ist für die Generation 4.0 aber auch wirklich eine unverschämte Zumutung.
Und wir wissen heute, dass man auch mit 140 Zeichen Karriere machen kann. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie unsere amerikanischen Freunde und ihren Präsidenten, der allerdings eher für 0.0 statt für 4.0 steht. Und daran sollte sich die vielversprechende Jugend auch im digitalen Deutschland kein Vorbild nehmen.
Dieser Text erschien am 1. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
5 oder 6 bedruckte Seiten auf schnödem Papier, ohne jeden visuellen Anreiz, zu lesen, ist für die Generation 4.0 aber auch wirklich eine unverschämte Zumutung.
Und wir wissen heute, dass man auch mit 140 Zeichen Karriere machen kann. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie unsere amerikanischen Freunde und ihren Präsidenten, der allerdings eher für 0.0 statt für 4.0 steht. Und daran sollte sich die vielversprechende Jugend auch im digitalen Deutschland kein Vorbild nehmen.
Dieser Text erschien am 1. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Donnerstag, 30. November 2017
Manchmal muss es eben rot sein
Gestern ging Mutter und mir ein Licht auf. Wir brauchen einen Adventskranz. Denn am kommenden Sonntag soll ja schon die erste Kerze brennen.
Es soll ja Menschen geben, die jetzt einfach ihren künstlichen Kranz mit elektrischen Kerzen aus dem Keller holen und: „Licht aus, Spot an“ in Adventsstimmung kommen. Doch dafür sind Mutter und ich einfach zu traditionalistisch.
Angesichts solcher Künstlichkeiten im Schimmer der gedämpften Elektrokerzen bliebe uns der Spekulatius sicher im Halse stecken.
Auch wenn uns das Leben den Kinderglauben an Sankt Nikolaus und das Christkind ausgetrieben hat, wollen wir doch mit Blick auf Weihnachten keinesfalls die Herzenswärme und den Hoffnungsschimmer im Licht der Frohen Botschaft, die den kommerziellen Glamour der Vorweihnachtszeit überstrahlt, verlieren. Deshalb beschenken wir uns vor dem ersten Advent mit einem echten, Adventskranz, dessen Kerzen brennen, damit unsere innere Wärme in stürmischen und kalten Zeiten von außen befeuert werden möge.
Und diese echte Wärme der aufflammenden Kerzen muss sich auch im warmen Rot dieser Kerzen niederschlagen, obwohl wir sonst gar nicht gerne rot sehen.
Dieser Text erschien am 29. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
Es soll ja Menschen geben, die jetzt einfach ihren künstlichen Kranz mit elektrischen Kerzen aus dem Keller holen und: „Licht aus, Spot an“ in Adventsstimmung kommen. Doch dafür sind Mutter und ich einfach zu traditionalistisch.
Angesichts solcher Künstlichkeiten im Schimmer der gedämpften Elektrokerzen bliebe uns der Spekulatius sicher im Halse stecken.
Auch wenn uns das Leben den Kinderglauben an Sankt Nikolaus und das Christkind ausgetrieben hat, wollen wir doch mit Blick auf Weihnachten keinesfalls die Herzenswärme und den Hoffnungsschimmer im Licht der Frohen Botschaft, die den kommerziellen Glamour der Vorweihnachtszeit überstrahlt, verlieren. Deshalb beschenken wir uns vor dem ersten Advent mit einem echten, Adventskranz, dessen Kerzen brennen, damit unsere innere Wärme in stürmischen und kalten Zeiten von außen befeuert werden möge.
Und diese echte Wärme der aufflammenden Kerzen muss sich auch im warmen Rot dieser Kerzen niederschlagen, obwohl wir sonst gar nicht gerne rot sehen.
Dieser Text erschien am 29. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung
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