Sonntag, 12. Oktober 2014

So gesehen: Schenken macht glücklich

Irren ist bekanntlich menschlich. Manchmal macht ein Irrtum auch klug, weil er ungewollt zu ganz neuen Einsichten führt. Wo wären wir heute, wenn Christoph Kolumbus nicht anno 1492 einen neuen Seeweg nach Indien gesucht und Amerika gefunden hätte?

Ganz so groß war meine gestrige Entdeckung nicht, aber umso wohltuender. „Heute bekommt man doch nichts mehr geschenkt, sondern muss für alles bezahlen.“ So dachte ich bis gestern, ehe ich gleich dreimal etwas geschenkt bekam, erst einige Kopien, dann einen USB-Stick für den Computer und dann noch eine Zeitschrift.

Wie schön, wenn man sich so angenehm irrt und ganz nebenbei begreift, dass wir jeden Tag das größte Geschenk bekommen, das es gibt, unser Leben.

Und dieses großartige Geschenk, das man sich mit keinem Geld der Welt verdienen kann, sollte uns dazu verleiten, auch mal etwas zu verschenken. Es muss ja nichts Großes oder Teures sein. Etwas Zeit und Zuwendung, ein freundliches und aufmunterndes Wort oder ein Lächeln tun es ja auch.

Und so kann manches Geschenk am Ende unseren Alltag auf der Basis der Gegenseitigkeit viel mehr bereichern, als die heutzutage extrem niedrig verzinsten Spareinlagen es je könnten.
 
Dieser Text erschien am 1. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 11. Oktober 2014

Sturmerprobt und für gut befunden: Ein Gespräch über den Einsatz der Rot-Kreuz-Helfer beim Pfingstorkan Ela

105 Helfer des Roten Kreuzes sorgten in den beiden Wochen nach dem Pfingstorkan dafür, dass die Feuerwehr genug Kraft und Freiraum hatte, um die Sturmschäden zu beseitigen.

Umgestürzte Bäume zersägen und abtransportieren oder vollgelaufene Keller leerpumpen. Das war in den zwei Wochen nach dem Orkan vom Pfingstmontag Alltag für 3600 Feuerwehrleute aus Mülheim und dem Regierungsbezirk Detmold. An rund 50 Prozent der 45.000 Mülheimer Bäume musste Hand angelegt werden. Rund 2000-mal mussten Feuerwehrleute ausrücken, um Sturmschäden zu beseitigen. So schätzt man bei der Stadt.

Auch das Deutsche Rote Kreuz war mit 105 ehrenamtlichen Helfern im Einsatz. „Das war der längste Einsatz in der Geschichte unseres Kreisverbandes“, blickt Kreisbereitschaftsleiter Martin Meier auf die stürmischen Tage vom 9. bis zum 21. Juni zurück. Insgesamt 3200 Dienststunden haben die Rot-Kreuz-Helfer in dieser Zeit unentgeltlich abgeleistet. Das taten sie meistens vor Arbeitsbeginn und nach Feierabend oder in ihrem Urlaub.

 „Ich habe geahnt, dass da viel Arbeit auf uns zukommt, weil man auf vielen Straßen kaum noch durchkam“, erinnert sich Meier an den ersten Lagebericht im Krisenstab. Nach einem Gespräch mit Feuerwehrchef Burkhard Klein stand fest, welche Aufgaben das Rote Kreuz übernehmen würde. „Wir mussten die Feuerwehr im Rettungsdienst entlasten, damit ihre Leute die Hände fürs Sägen und Pumpen freihatten. Und wir sollten die Verpflegung der Einsatzkräfte sicherstellen“, berichtet Meier.

Schon am späten Abend des Pfingstmontags ging es los. Sechs Rot-Kreuz-Helfer bereiteten in der Küche der Leitstelle an der Heinrichstraße Gulasch und Nudeln für 120 Feuerwehrleute zu. Von dort aus musste die Erstverpflegung der Einsatzkräfte zur Feuerwache an der Duisburger Straße gebracht werden. Und das war erst der Anfang. Zeitgleich rückten die mit jeweils zwei Helfern besetzten acht Rettungsfahrzeuge des Roten Kreuzes aus, die sonst nur am Wochenende die Feuerwehr im Rettungsdienst entlasten. Hinzu kamen zwei Lotsenfahrzeuge, mit denen das DRK den auswärtigen Einsatzkräften den Weg zum jeweiligen Ort des Geschehens wies.

Doch die größte Schlacht, die für die Helfer des Roten Kreuzes an der Sturmfront zu schlagen war, war die in der Küche und am Buffet. „Am ersten Tag nach dem Sturm mussten wir bereits 300 und am dritten Tag schon 800 Einsatzkräfte versorgen“, erinnert sich der stellvertretende Zugführer Andreas Hahn. Neben dem Nachschub für das leibliche Wohl der Feuerwehrleute, musste er auch den Einsatz der eignen Helfer koordinieren und immer wieder abklären, „wer wann konnte“, damit täglich drei Mahlzeiten für die Feuerwehrleute auf den Tisch kommen konnten. „Das war schon eine ganz schöne Hausnummer“, erinnert sich Hahn nicht ganz ohne Stolz an den Tag Drei nach dem Pfingststurm, als 15 DRK-Helfer zwischen 5.45 Uhr und 7.30 Uhr dafür sorgten, dass 800 Feuerwehrleute vor ihrem Einsatz ein Frühstück in der Stadthalle bekamen.

„Toll, dass ihr da seid und das alles möglich macht. So etwas sind wir von anderen Einsätzen gar nicht gewöhnt“, schildert der 21-jährige Berufsschüler und DRK-Helfer Daniel Regalado die dankbaren Reaktionen der Feuerwehrleute. Allein Regalado investierte 400 unbezahlte Arbeitsstunden, damit die Feuerwehrmänner nicht vom Fleisch fielen. „Man hat den Leuten angesehen, wie anstrengend ihre Arbeit ist“, erinnert sich Andreas Hahn. Seine eigenen unbezahlten Arbeitstage, die um 5 Uhr begannen und gegen 21 Uhr endeten, kommentiert er lakonisch. „Man denkt nicht darüber nach. Man macht einfach, was zu tun ist.“

Was für die 105 DRK-Helfer vom 9. Bis 21. Juni im Betreuungsdienst zu tun war, trainieren sie regelmäßig bei Katastrophenübungen, bei denen zuletzt Mitglieder des Blinden- und Sehbehindertenvereins sich als Trainingspartner vom Betreuungsdienst des DRKs in der Max-Kölges-Schule verpflegen ließen. „Dass das, was wir regelmäßig besprechen und trainieren, jetzt in der Praxis so reibungslos funktioniert hat, zeigt, dass wir als Helfergemeinschaft ein eingespieltes Team sind, in dem sich jeder auf den anderen verlassen kann“, freut sich Kreisbereitschaftsleiter Martin Meier. Und Daniel Regalado glaubt: „Das liegt auch daran, dass viele DRK-Helfer nicht nur beim Roten Kreuz zusammenarbeiten, sondern auch privat miteinander befreundet sind.

Doch aller ehrenamtliche Einsatz an den vier Versorgungsstationen, die das Rote Kreuz, nach dem Sturm an den Feuerwachen in Speldorf und Heißen, an der Gustav-Heinemann-Schule in Dümpten und an der Mintarder Straße in Saarn für die Einsatzkräfte der Feuerwehr mit Buffet, Tischen, Stühlen, Geschirr und Bestecken eingerichtet hatte, hätte nichts gefruchtet, wenn nicht Wolfgang Scharrenberg und seine Frau Silvia still und effektiv im Hintergrund immer wieder für Nachschub gesorgt hätten.

„Ich habe es gerne gemacht, weil ich gesehen habe, dass es wichtig war und einfach Sinn machte“, erklärt Scharrenberg sein Engagement, das ihn zwischen dem 9. und 21. Juni oft nur vier Stunden in der Nacht schlafen ließ. Denn auch während seines ehrenamtlichen Einsatzes, arbeitete er weiter hauptberuflich als kaufmännischer Angestellter im Einzelhandel. Täglich war der 65-Jährige mit seiner besseren Hälfte, die er vor 40 Jahren beim DRK kennengelernt hat, als Einkäufer und Lieferservice unterwegs, um am Ende unter anderem 10.200 Brötchen, 2600 Stück Kuchen, 1000 Liter Erbsensuppe, 3200 Frikadellen, 2500 Bockwürste, 250 Kilo Aufschnitt und 80 Pfund Kaffee an den hart arbeitenden Mann und die Frau von der Feuerwehr zu bringen. Nur ein Wehrmutstropfen bleibt für Martin Meier: „Schade, dass viele Arbeitgeber sich schwer tun, Mitarbeiter für ehrenamtliches Engagement freizustellen“, beklagt der Kreisbereitschaftsleiter nach dem erfolgreichen Unwettereinsatz.

Dieser Beitrag erschien im September 2014 im DRK-Magazin 

Freitag, 10. Oktober 2014

Wie nah sind sich die Religionen? Eine Umfrage zum christlich-muslimischen Dialog

Am Tag der Deutschen Einheit, öffnen die islamischen Gemeinden ihre Moscheen, um mit interessierten Mülheimern aller Religionen ins Gespräch zu kommen. Doch wie ist es um den christlich-muslimischen Dialog im Alltag bestellt? Auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage stößt man unter anderem auf das Bündnis der Religionen für den Frieden, das 2006 ins Leben gerufen wurde. Ulrike Welting, evangelische Pfarrerin am Berufskolleg Stadtmitte, Markus Zaja aus der katholischen Gemeinde St. Mariae Geburt und Sayed Siam von der Hamza-Moschee berichten von einer interreligiösen Stadtrundfahrt, von einer Nacht der offenen Gotteshäuser, von gegenseitigen Einladungen zu religiösen Festen, von einer interreligiösen Veranstaltung zum Thema Frieden, die im letzten Dezember an der Friedenstreppe zum Kirchenhügel stattfand oder von einer im November geplanten Lesung in der Buchhandlung Fehst.

Doch: Von aktuellen Begegnungen und Kontakten auf der Gemeindeebene können sie nicht berichten. „Das ist problematisch, liegt aber daran, dass die meisten Gemeinden zu viel mit sich selbst zu tun haben“, sagt Zaja. „Da haben wir Nachholbedarf“, räumt auch der katholische Stadtdechant Michael Janßen ein. Dabei sieht er auf der Stadtebene ein friedliches Zusammenleben der Religionen und auf allen Seiten „eine große Offenheit für den Dialog, der zum Beispiel bei den Neujahrsempfängen gepflegt wird.“ Er selbst ist schon von islamischen Gemeinden zum Fastenbrechen eingeladen worden. Und der ehemalige Vorsitzende des Integrationsrates, Enver Sen, sieht es als gutes Zeichen, dass die Vorbeter der islamischen Gemeinden von der katholischen Kirche zu ihrem Barbaramahl eingeladen werden.

„Gerade in dieser Zeit muss da etwas gemacht werden, um für mehr Verständigung zwischen den Religionen zu sorgen“, bekennt sich der stellvertretende Gemeindevorsitzende der Ulu Moschee, Ahmed Gassa, zu einer Intensivierung des Dialogs und der Kontakte zwischen den Religionsgemeinschaften. Auch Najim Mokadem von der Hamza Moschee und Gemeindevorstand Emre Kürklü vom Türkischen Kulturzentrum an der Neustadtstraße sind für solche Kontakte offen, die sie nur aus personellen und organisatorischen Gründen nicht zustande kommen sehen. Auch der katholische Pfarrer Manfred von Schwartzenberg (St. Barbara) und die evangelische Pfarrerin Dagmar Tietsch-Lipski aus der Lukasgemeinde können sich an frühere Kontakte und Begegnungen mit islamischen Gemeinden in Styrum und Eppinghofen erinnern, die aber in dem Moment einschliefen, als ihre jeweiligen Organisatoren Mülheim verließen. Immerhin wurde der Styrumer Pfarrer Michael Manz im Juni mit einer Gemeindegruppe von der Moschee an der Feldstraße zum Fastenbrechen eingeladen und führte ein Kennenlerngespräch mit einem Styrumer Hodscha.

Pfarrerin Alexandra Cordes aus der evangelischen Gemeinde Speldorf weiß von einem Frauengesprächskreis zu berichten, in dem sich regelmäßig christliche und muslimische Frauen trafen. Er lief aber Ende 2013 nach sechs Jahren aus, „weil man sich inzwischen so gut kennengelernt hatte, dass längst private Verbindungen entstanden waren, die den Gesprächskreis überflüssig gemacht hatten.“ Zwar denken Cordes und ihre Gemeinde über ein Nachfolgeprojekt nach, haben aber noch nichts Konkretes geplant.

Pfarrer Helmut Kämpgen und Pastor Michael Clemens aus Eppinghofen berichten von einer interreligiösen Jahresabschlussfeier, die immer vor Weihnachten in der Max-Kölges-Schule an der Bruchstraße stattfindet. Sie hat, wie Kämpgen sagt, „viele Berührungsängste abgebaut und gezeigt, dass es nicht nur Gegensätze, sondern auch viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Christentum und dem Islam gibt.“

Dieser Text erschien am 2. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Die gesetzliche Betreuung zwischen professionellem Anspruch und finanzieller Wirklichkeit

Zuviel Arbeit für zu wenig Geld. Mit diesem Problem wollen die Mülheimer Betreuungsvereine heute den Mülheimer SPD-Bundestagsabgeordneten Arno Klare und zu einem späteren Zeitpunkt auch seine CDU-Kollegin Astrid Timmermann-Fechter konfrontieren. Es geht um eine Novellierung des Vormünder- und Betreuervergütungsgesetzes.

„Dieses Gesetz hat die Vergütung einer Betreuerstunde 2005 auf pauschal auf 44 Euro festgelegt. Seitdem sind die Personalkosten allerdings um 15 Prozent gestiegen, so dass wir heute unseren hauptamtlichen Betreuern 52 Euro pro Stunde bezahlen müssen“, erklärt Dagmar Auberg. Die 55-jährige Sozialpädagogin leitet den Betreuungsfachdienst des Sozialdienstes katholischer Frauen und Männer (SKFM) seit 1996 und hat zu dem heutigen Gespräch eingeladen.

Wenn es nach Auberg und ihren Kollegen aus den anderen Betreuungsvereinen ginge, würde der Bundestag 2015 eine entsprechende Anhebung und Dynamisierung der Betreuungsvergütung beschließen. „Ich bin auch sehr zuversichtlich, dass dies geschehen wird, weil der Druck aus den in der Betreuungsarbeit tätigen Wohlfahrtsverbänden in den letzten vier Jahren massiv zugenommen hat“, sagt Auberg. Zweifel hat sie aber an der Zustimmung des Bundesrates, weil die Länder die Betreuervergütung am Ende bezahlen müssen.

Auch wenn die Mülheimer Betreuungsvereine die Kluft zwischen Vergütung und Lohnzahlung bisher durch Mehrarbeit ausgeglichen haben, macht Auberg deutlich, dass die Mehrbelastung der hauptamtlichen Betreuer keine Dauerlösung sein kann und in einigen Städten auch schon zur Aufgabe von Betreuungsvereinen geführt hat.

So weit soll es nicht nur in Mülheim nicht kommen. „Wir dürfen nicht in die Zeiten des alten Vormundschaftsrechtes zurückfallen, als ein Betreuer 200 Klienten betreute, allerdings nur vom Schreibtisch aus und nach Aktenlage.“

Mit dem neuen Betreuungsrecht wurde die Betreuung der sehr oft psychisch kranken oder alkohol- und drogenabhängigen Klienten zu einer persönlichen Begleitung. „Wir sprechen hier von sehr betreuungsintensiven Klienten, die zu über 90 Prozent auf Sozialleistungen angewiesen sind“, erklärt Auberg. Oft geht es nicht nur um Begleitung zu Ämtern, das Beantragen von Sozialleistungen oder Schuldenmanagement, sondern auch um die Abwendung von Obdachlosigkeit. „Es wird immer schwerer, für unsere Klienten Wohnraum zu finden“, weiß Auberg.

Rund 88 Prozent der Klienten brauchen eine Betreuung, die länger als ein Jahr dauert.

Und hier verschärft sich das Problem. Denn im zweiten Betreuungsjahr entfällt die an der Schwere der Betreuungsfälle orientierte Staffelung der vergüteten Betreuungsstunden auf pauschal 3,5 Stunden pro Monat und Klient. „Wir haben auch einige besonders schwere Fälle, die auch schon mal 25 Stunden pro Monat brauchen. Und dann wird es wirklich schwierig, weil die anderen Klienten ja auch betreut werden wollen“. erklärt Auberg
Neben dem SKFM sind in Mülheim der Ev. Betreuungsverein, die Betreuungsstelle der Stadt und der zum Arbeitersamariterbund gehörende Verein Escor in der Erwachsenenbetreuung tätig.

Die meisten hauptamtlichen Betreuer sind studierte Sozialpädagogen oder Sozialarbeiter.

Zwei Vollzeitbetreuer kümmern sich beim SKFM um je 50, zwei Teilzeit-Betreuer um je 25 Klienten. Ihre Fallzahlen stiegen damit seit 2005 um 10 Prozent.

55 ehrenamtliche Betreuer kümmern sich beim SKFM um je einen leichten Betreuungsfall, in der Regel aus der eigenen Familie.
 

Die gesetzliche Betreuung darf kein Zuschussgeschäft werden

 
Als überzeugend und nachvollziehbar sieht der Mülheimer SPD-Bundestagsabgeordnete Arno Klare die Forderung der Betreuungsvereine, die Vergütung einer Betreuerstunde von derzeit 44 auf 52 Euro anzuheben und anschließend eine dynamische Anpassung an die Lohnkostenentwicklung festzuschreiben. Klare hatte sich, wie berichtet, am Mittwoch auf Einladung des Sozialdienstes katholischer Frauen und Männer mit den Vertretern der örtlichen Betreuungsvereine getroffen, um mit ihnen das Problem der aktuellen Lücke zwischen der gesetzlichen Vergütung und der tatsächlichen tariflichen Entlohnung der hauptamtlichen Betreuer zu besprechen. „Schon heute schreiben weit mehr als die Hälfte der 820 deutschen Betreuungsvereine eher eine rote als eine schwarze Null. Und man kann den dahinter stehenden Wohlfahrtsverbänden nicht zumuten, dass sie für ihre Betreuungsarbeit, die an Intensität zugenommen hat, auch noch Geld zuschießen“, beschreibt der Abgeordnete die Situation.

Er weist darauf hin, dass sich SPD und Union bereits in ihrem Koalitionsvertrag darauf geeinigt hatten, die finanziellen Rahmenbedingungen der Betreuungsvereine zu verbessern, ohne dabei konkrete Zahlen zu nennen.

Klare geht davon aus, dass die grundsätzliche Forderung der Betreuungsvereine im Bundestag und auch im Bundesrat eine Mehrheit finden wird, weil Bund und Länder kein Interesse daran hätten, dass die Betreuungsvereine ihre Arbeit aufgeben und der Staat dann nicht nur auf den Kosten, sondern auch auf der Arbeit sitzen bleiben würde.
 
Diese Texte erschienen am 1. und 4. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 4. Oktober 2014

Der Mensch kommt vor der Diagnose: Mit neuen Angeboten zur geriatrischen Versorgung stellen sich das Evangelische Krankenhaus und der niedergelassene Geriater Andreas Schöpf auf die Herausforderung des demografischen Wandeels ein

„Ich kann schon wieder 30 bis 40 Meter gehen. Ich mache Fortschritte, wenn es auch nur Trippelschritte sind“, sagt Günther Drensler und strahlt über das ganze Gesicht. Der 89-Jährige gehört zu den fünf Patienten, die zurzeit in der neuen geriatrischen Tagesklinik des Evangelischen Krankenhauses behandelt werden.

Heute stehen unter anderem Bewegungstherapie und Gedächtnistraining auf seinem Programm. „Ich habe elf Grunderkrankungen und war im Juli total platt, nachdem ich meine Frau 16 Jahre lang gepflegt habe“, schildert er seine Krankengeschichte, die er nicht weiter auswalzen möchte.

Damit ist Drensler ein typischer geriatrischer Patient. Die ärztliche Leiterin der geriatrischen Tagesklinik, Arina Skorokhodova, und ihr niedergelassener Kollege Andreas Schöpf haben es mit multimorbiden Patienten zu tun, die altersbedingt durch eine ganze Reihe von Erkrankungen in ihrer Selbstständigkeit und Bewegungsfähigkeit eingeschränkt sind. Die Bandbreite reicht von Demenz und Schlaganfall über Depression und Parkinson bis zu Durchblutungsstörungen, Bluthochdruck, Diabetes oder Arthrose.

Wenn sie es etwa mit einem Patienten zu tun haben, der über Gangstörungen klagt, müssen sie erst einmal klären, ob die eigentliche Ursache dafür in einer Gelenkerkrankung oder in einer Durchblutungsstörung zu finden ist. Schöpf erinnert sich an einen Patienten, der körperlich massiv abbaute und immer wieder über Schwindel und Appetitlosigkeit klagte. Erst nach vielen Gesprächen und Nachforschungen im persönlichen Umfeld stellte sich heraus, dass es sich um psychosomatische Beschwerden handelte, die durch den familiären Streit um die häusliche Pflegesituation entstanden war.

„Gerade bei geriatrischen Patienten darf man sich nicht auf die Diagnose einer einzelnen Erkrankung fixieren, sondern muss den ganzen Menschen mit seiner Lebensgeschichte kennenlernen“, weiß Schöpf, der früher die geriatrische Abteilung des Evangelischen Krankenhauses geleitet hat.

Seine ehemalige Kollegin Skorokhodova weiß wie er aus ihrer Praxis in der Tagesklinik, dass eine zentrale Herausforderung der Geriatrie darin besteht, die unterschiedlichen Medikamente, die mehrfach erkrankte Senioren einnehmen, individuell zu dosieren, zu reduzieren oder auch ganz abzusetzen, um kontraproduktive Wechselwirkungen für Anatomie und Stoffwechsel des alten Menschens zu vermeiden.

„Das ist ein großer Vorteil der Tagesklinik, dass wir die Patienten regelmäßig sehen, und die Ergebnisse der Medikamentengabe und der Therapien kontrollieren können, um sie den aktuellen Bedürfnissen der Patienten anzupassen“, unterstreicht Skorokhodova.

Der leitende Pfleger der Tagesklinik, Christian Wintgen, der die Therapiepläne der Patienten koordiniert, sie auch zu Hause rund um das Thema Hilfsmittel berät oder zu ärztlichen Untersuchungen begleitet, stellt immer wieder fest, „dass es für die Patienten ein riesiger Motivationsschub ist, wenn sie nach den Therapien in der Tagesklinik wieder nach Hause in ihre gewohntes Umfeld zurückkehren können.“

Auch wenn in der Tagesklinik neben Skorokhodova und Wintgen auch Bewegungstherapeuten, Sprachtherapeuten und Krankengymnasten arbeiten, nimmt sich Pfleger Wintgen zwischen Arztgesprächen, Untersuchungen oder Einzel- und Gruppentherapien immer wieder Zeit, für ganz individuelle Trainingseinheiten, die die erreichten Fortschritte der Patienten stabilisieren sollen. Trainiert werden dabei Dinge, die jungen und gesunden Menschen selbstverständlich erscheinen, aber nach einem Schlaganfall oder nach einem Oberschenkelhalsbruch neu gelernt werden müssen. Wie steht man aus einem Sessel auf oder wie räumt man einen Küchenschrank ein und aus? Deshalb werden in der Tagesklinik nicht nur Liegen, Sitzbälle, Sprossenwände oder aus Kunststoffplatten zusammengelegte Huckelstrecken, sondern auch eine Küchenzeile und eine Werkbank als therapeutische Instrumente eingesetzt. „Auch Kochtraining oder Malen und Basteln stehen bei uns auf dem Therapieplan“, betont Wintgen und weist auf eine Tafel hin, auf der jeder Patient seinen persönlichen Tagesablauf ablesen kann. „Die Vielzahl der Therapien, die man hier bekommt, könnte ein Hausarzt mit seinen Helfern gar nicht leisten“, glaubt Patient Günther Drensler. Doch die geriatrische Tagesklinik, die er morgens um neun Uhr betritt und gegen 15.30 Uhr wieder verlässt, um nach Hause gefahren zu werden, hat für ihn eine noch ganz andere therapeutische Wirkung. „Man bekommt sozialen Kontakt und kann sich mit anderen Menschen austauschen“, freut sich Drensler. Nach drei Wochen in der Tagesklinik möchte er „nicht nur besser gehen, sondern auch selbstständiger leben können.“

Weil man diese Selbstständigkeit „am besten im häuslichen Umfeld der Patienten trainieren kann“, machen der niedergelassene Geriater Schöpf und sein Therapeutenteam auch Hausbesuche. Bei denen können dann auch gleich Stolperfallen von der Teppichkante bis zum schlecht beleuchteten Badezimmer aus dem Weg geräumt werden.

Egal wie die ambulante und mit den Hausärzten vernetzte geriatrische Versorgung geleistet wird: In jedem Fall vermeidet oder verkürzt sie die für viele ältere und eingeschränkte Patienten traumatische Erfahrung einer stationären Behandlung.

Zahlen und Fakten


Mülheim gehört zu den ältesten Städten der Republik. Ende 2013 waren, laut Stadtforschung, 6,4 Prozent der insgesamt rund 167?000 Mülheimer älter als 80 Jahre, 11,8 Prozent waren zwischen 70 und 80 Jahre alt und 11,9 waren zwischen 60 und 70 Jahre alt.

In ihrer Bevölkerungsprognose geht die Stadtforschung davon aus, dass die Zahl der Über-80-jährigen Mülheimer bis zum Jahr 2025 um 19,4 Prozent ansteigen wird.

Die Zahl der Geriater , also der Ärzte, die sich mit altersspezifischen Erkrankungen beschäftigen ist sehr überschaubar. Im Evangelischen Krankenhaus gibt es drei und im St. Marien-Hospital, das mit dem Geriatriezentrum Haus Berge in Essen zusammenarbeitet, einen.

Außerdem hat der Neurologe Andreas Schöpf, der über eine Qualifikation als Geriater verfügt, vor 15 Monaten an der Hölterstraße ein Praxiszentrum Neurogeriatrie eröffnet, das geriatrisch veränderte Patienten ambulant betreut. Zudem hat er ein Zentrum für ambulante geriatrische Komplexbehandlung ins Leben gerufen.

In der geriatrischen Abteilung des Evangelischen Krankenhauses, die 2008 eingerichtet wurde, werden zurzeit 1000 Patienten pro Jahr behandelt.

In der Tagesklinik des Evangelischen Krankenhauses, die Anfang September ihren Betrieb aufgenommen hat, gibt es derzeit fünf Behandlungsplätze. Ab 2015 sollen es zehn sein.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein gibt es in ihrem Bezirk derzeit nur 19 niedergelassene Geriater.

Dieser Text erschien am 12. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 3. Oktober 2014

Flucht in die Freiheit: Von Magdeburg nach Mülheim: Ein Geschichte zum Tag der Deutschen Einheit


Heute leben im Hildegardishaus Flüchtlinge. Vor 25 Jahren war das auch schon so. Damals kamen die Flüchtlinge allerdings nicht aus anderen Ländern, sondern aus Deutschland. Sie kamen aus der DDR, die damals noch existierte, samt Mauer und Schießbefehl.

Im September 1989 kamen auch der damals 22-jährige Dirk Schäfer und sein drei Jahre jüngerer Bruder Andreas nach Mülheim. Sie kamen aus Magdeburg und hatten eine abenteuerliche Flucht hinter sich. „Wir wollten uns nicht mehr einschränken und alles vorschreiben lassen“, beschreibt Schäfer sein wichtigstes Fluchtmotiv.

Er beschreibt sich als unpolitischen, aber freiheitsliebenden Menschen, der sich auch von Widerständen nicht aufhalten lässt, um sein Leben zu leben und voranzukommen. „Eigentlich ging es mir ganz gut in der DDR. Ich hatte ein Ausbildung als Hotelfachmann gemacht, verdiente ganz gut, kam durch meinen Beruf auch an Devisen und hatte sogar ein eigenes Auto“, erinnert sich Schäfer. Sogar reisen konnte er, wenn auch nicht nach Westen, so doch nach Ungarn, Polen, in die Tschechoslowakei, in die Sowjetunion oder nach Kuba.

Doch damit war es 1987 vorbei, als sein Stiefvater, der die Vereinsgaststätte des 1. FC Magdeburg betrieben hatte, bei der „Republikflucht“ über die Ostsee geschnappt und in Bautzen inhaftiert wurde. Plötzlich wurde Schäfer, der in Magdeburg und Berlin auch schon Erich Honecker bewirtet hatte, von der DDR-Staatssicherheit verhört. „Was haben Sie gewusst? Konnten Sie die Flucht nicht verhindern? Überlegen Sie genau, was Sie machen? Wir haben sie im Auge. Das war wie in einem schlechten Krimi mit umgedrehter Schreibtischlampe“, erinnert sich Schäfer.

Jetzt wuchs in ihm das Gefühl: „Hier bewegt sich nichts mehr. Ich will hier raus.“ Doch es sollten noch einmal zwei Jahre vergehen, bis aus der Idee die Tat wurde. Am 17. September 1989 war es soweit. Über eine Tante hatten sie erfahren, dass der Stiefvater dank seiner australischen Verwandten von der australischen Regierung freigekauft worden und inzwischen in Mülheim gelandet sei. Jetzt kannten die Brüder ihr Ziel. Sie setzten sich in Magdeburg in den Zug und fuhren nach Dresden. Ihr einziges Gepäckstück war eine kleine Gelenktasche mit Devisen, um flüssig zu sein und Grenzer gnädig zu stimmen.

Von Dresden aus schlugen sie sich über die grüne Grenze in die Tschechoslowakei. Im Taxi fuhren sie zunächst weiter nach Prag und dann im Zug nach Bratislava. Dort begann der schwierigste Teil der Flucht. Mit der Unterhose bekleidet, das Täschchen mit den Devisen in Händen gingen sie in das vielleicht 14 oder 15 Grad kalte Wasser der Donau, um ans ungarische Ufer zu schwimmen. Obwohl das nur einige 100 Meter entfernt war, sollte die Flussüberquerung zu einem lebengefährlichen Manöver werden und insgesamt fünf Stunden dauern. „Denn die Strömung war so stark, das wir uns über weite Strecken nur treiben lassen konnten, die uns etwa zehn Kilometer weit forttrug. Hätten wir versucht, gegen die Strömung zu schwimmen, wir hätten es nicht überlebt,“ist er sich rückblickend sicher. Doch gegen 22 Uhr erreichten sie das rettende Ufer Ungarns. „Fragen Sie mich nicht nach Ortsnamen. Wenn sie auf der Flucht sind, denken Sie an alles, aber nicht an die Namen der Orte, die sie durchqueren.“

Schäfer weiß nur noch, dass sein Bruder und er irgendwann in ihren Unterhosen und mit ihrer Gelenktasche vor einem Gasthaus standen, das geschlossen war, in dem aber noch Licht brannte. Die Gastleute machten ihnen auf. Sie gaben ihnen zu essen und etwas anzuziehen, ohne dafür etwas haben zu wollen. Im Gegenteil: Der Gastwirt bestand darauf, sie zum Bahnhof zu bringen und ihre Fahrkarte zur österreichischen Grenze zu bezahlen.

Obwohl Ungarn damals bereits seine Grenzen zu Österreich geöffnet hatte, wählten die Brüder für den Grenzübertritt den Schutz der Dunkelheit. Kurz nach 1 Uhr erreichten sie erschöpft das österreichische Nickelsdorf. Kurz hinter der Grenze stießen sie auf eine Zeltstation des Roten Kreuzes. Hier wärmten sie sich kurz auf und wurden später von einem Mitarbeiter der deutschen Botschaft nach Wien gebracht, wo sie zwei Tage Gäste der Botschaft waren, bis sie in den Zug nach Münster stiegen. „Ich habe während der Fahrt kein Auge zugemacht, wollte alles sehen, was am Zugfenster vorbeiflog. Vor allem am alten Gevatter Rhein vorbeizufahren, war für mich ein atemberaubendes Glücksgefühl.“

Ihr Zug fuhr damals auch durch Mülheim. Doch die Schäfers durften nicht aussteigen, sondern mussten weiter nach Münster und von dort aus ins Auffanglager Schöppingen, um sich dort offiziell registrieren zu lassen. Erst einen Tag später wurden sie dort von ihrem Stiefvater abgeholt und fuhren mit ihm nach Mülheim.

Als Dirk und Andreas Schäfer am 23. September 1989 Mülheim erreichten, staunte Dirk Schäfer vor allem über die vielen Autos auf den Straßen und eine gastronomische Vielfalt von Pizza bis Döner, die er aus der DDR nicht kannte. „Mir fiel aber auch auf, dass hier viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern lebten und viele mit einem traurigen Gesicht durch die Gegend liefen.“ Er selbst war alles andere als traurig, sondern froh darüber, in der Freiheit angekommen zu sein und voller Tatendrang. Seine 100 Mark Begrüßungsgeld investierte er in Wolldecken und eine Matratze, um in der Wohnung seines Vater am Dickswall schlafen zu können. Der gelernte Hotel- und Gastronomiefachmann ging von einer Gaststätte zur nächsten und schon wenige Tage nach seiner Ankunft in Mülheim fand er seine erste Arbeitsstelle in der Mausefalle. Einen Monat später sollte er in Dümpten seine erste eigene Wohnung beziehen.

„Wir waren erst wie gelähmt und konnten es gar nicht glauben“, erinnert sich Schäfer an 9. November 1989, als er mit seinem Stiefvater und seinem Bruder die Fernsehbilder aus Berlin sah. Die drei stießen mit einem Cognac auf den Fall der Mauer an. Der Mann, der im September 1989 von Magdeburg nach Mülheim geflohen war, sollte sich in der Mausefalle vom Kellner zum Geschäftsführer hocharbeiten, bevor er erst als Gastronomiefachmann und später als selbstständiger Unternehmer mit einem Hausmeisterservice und einem Maklerbüro beruflich zu neuen Ufern aufbrechen sollte. „Ich bin ein unruhiger Geist und muss immer etwas unternehmen“, sagt der 47-Jährige über sich selbst und lacht.

Dieser Text erschien am 23. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 2. Oktober 2014

20 Jahre Wohnstift Uhlenhorst: Ein Heim, das Heimat sein will

Wenn eine Fee zum Tag der offenen Tür gekommen wäre, mit dem das zum Evangelischen Krankenhaus gehörende Wohnstift Uhlenhorst am 28. September seinen 20. Geburtstag gefeiert hat, hätten Einrichtungsleiterin Schwester Gudrun Gross und Altenpflegerin Claudia Neumann sofort gewusst, welchen Wunsch sie ihnen erfüllen sollte. „Mehr Personal und mehr gesellschaftliche Anerkennung für die Altenpflege.“ Als sie vor 20 Jahren ihren Dienst im neuen Altenheim am Broicher Waldweg antraten, galten ein Drittel der 105 Bewohner als schwerstpflegebedürftig. Heute sind es mehr als 50 Prozent.

Angesichts von 41 Pflegekräften sieht auch Pflegedienstleiter Eric Hörnemann „keinen nennenswerten Anstieg der Personalausstattung bei gleichzeitig erheblich gestiegenen Anforderungen, die Pflegekräfte heute zu bewältigen haben.“

Gerne erinnert sich Neumann an Spaziergänge oder Spielemachmittage, die früher zu ihrem Arbeitsalltag mit den Heimbewohnern gehörten. Solche Betreuungsaufgaben muss sie heute den Mitarbeitern des Sozialdienstes und den ehrenamtlichen Helfern des Hauses überlassen, um Zeit für die Pflege von schwerstkranken Bewohnern mit Pflegedokumentation, Medikamentenabgabe und Ärztegespräche zu haben. „Das hat meinen Beruf nicht gerade befriedigender gemacht“, räumt Neumann ein.

Auch Volkmar Spira, der als Stiftungsdirektor des Evangelischen Krankenhauses 1994 den Bau des Wohnstiftes managte, sieht heute eine unheilvolle Entwicklung, weil das 1995 mit der Pflegeversicherung eingeführte Pflegestufensystem mit seinen Zeit- und Budgetvorgaben die Wirklichkeit des Pflegealltags nicht abbilde und darüber hinaus für mehr Bürokratie gesorgt habe. „Wenn es so weiter geht, blutet die Pflege aus, weil Pflegekräfte in diesem Finanzierungssystem nicht mehr das leisten können, was sie für die Menschen leisten wollen.“

Dass inzwischen ein gutes Drittel der Arbeitszeit mit administrativen Aufgaben wie Pflegedokumentation verbracht wird, sehen Neumann und Hörnemann als kontraproduktiv an. Dass der Pflegebedarf sich nicht nur im Wohnstift Uhlenhorst massiv erhöht hat, macht Einrichtungsleiterin Gross auch daran fest, „dass viele Menschen heute viel später ins Altenheim kommen und dann oft auch schwere Krankheiten, wie einen Schlaganfall oder Krebs mitbringen.“ Hinzu kommt, dass der Anteil der demenziel veränderten Bewohner, die aufgrund ihrer geistigen Verwirrung sehr betreuungsintensiv sind, inzwischen auf über 50 Prozent angestiegen ist. Waren früher 10 bis 15 Jahre im Wohnstift keine Seltenheit, so liegt die durchschnittliche Verweildauer der Bewohner heute zwischen zwei Tagen und zwei Jahren.

Obwohl auch sie gesundheitliche Probleme hat, gehört die seit zwei Jahren im Wohnstift lebende Ilse Bohnes zu den fitteren Bewohnern. „Inzwischen ist das hier zu meinem Zuhause geworden, in dem ich mich wohlfühle“, sagt die 83-Jährige, die früher in Winkhausen lebte und nur zur Wassergymnastik in das öffentliche Schwimmbad des Wohnstiftes kam. „Dadurch war mir das Haus schon vertraut“, erinnert sich Bohnes. Ausschlaggebend für ihren Einzug war, „dass ich hier mein eigenes Apartment habe, in dem ich morgens frühstücken kann.“ Als das Wohnstift im Oktober 1994 eröffnet wurde, titelte die NRZ: „Wie ein Hotel wirkt das Altenheim im Uhlenhorst“ und zitierte eine der ersten Bewohnerinnen mit dem Satz: „Ich fühle mich hier wie im Urlaub.“

Der Eindruck eines Hotels drängt sich auch heute dem Besucher auf, wenn er in die Apartments der Bewohner schaut, an gemütlichen Sitzecken und Speisebereichen vorbei geht oder einen Blick ins Cafe, ins Schwimmbad oder in den Veranstaltungssaal wirft. Hier gehen Gottesdienste, Konzerte, Vorträge, Theateraufführungen, Lesungen oder auch Karnevalsveranstaltungen über die Bühne, die das Haus bewusst nach außen in die Stadt hinein öffnen.

Heute kann Volkmar Spira darüber lachen, wenn er sich an die Überzeugungsarbeit erinnert, die er zusammen mit dem damaligen Kuratoriumsvorsitzenden Rolf Schaberg bei einigen Anwohnern leisten musste, die sich gegen ein Altenheim in ihrer Nachbarschaft wehrten, „weil sie fürchteten, dass dann zu viele Bäume gefällt und der Wert ihrer Grundstücke gemindert werden könnte, wenn plötzlich alte Menschen auf der Straße stehen.“

Das real existierende Altenheim beseitigte die anfänglichen Vorbehalte rasch. Selbst aus Japan kamen Besucher, um zu sehen, wie ein Altenheim ausschließlich auf Einzelapartments setzt, in denen die Bewohner auch dann wohnen bleiben, wenn sie schwer pflegebedürftig werden. „Das hat sich in all den Jahren bewährt und dafür gesorgt, dass Bewohner im Pflegefall kein Gefühl des Abstiegs erleben müssen.“
Der von 1992 bis 1994 realisierte Bau des Wohnstiftes Uhlenhorst kostete damals 30 Millionen Mark. Das Land NRW förderte den Bau mit 8,5 Millionen Mark. Die Stiftung Wohlfahrtspflege stellte 900?000 Mark bereit. Das Evangelische Krankenhaus brachte 11 Millionen Mark als Eigenmittel ein, von denen 4 Millionen Mark aus privaten Spenden und dem Erbe des ehemaligen FWH-Direktors und Kuratoriumsmitgliedes Alexander Wiedenhoff stammte, nach dem heute der Veranstaltungssaal des Wohnstiftes benannt ist.

Realisiert wurde der pavillonartige und barrierefreie Bau von den Architekten Aribert Riege, Thomas Riege und Johannes Rickert.

1994 bewegte sich die Monatsmiete für das Leben im Wohnstift, je nach Pflegebedarf, zwischen 3900 und 5400 Mark. Heute bewegen sich die von der Pflegeversicherung und zum Teil auch vom Sozialamt bezuschussten monatlichen Pflegesätze, je nach Pflegestufe zwischen 2631 und 4526 Euro. Von 105 Bewohnern haben aktuell 51 Pflegestufe 1, 29 Pflegestufe 2 und 25 Pflegestufe 3. 75 Prozent der Bewohner sind derzeit Selbstzahler, also nicht auf finanzielle Hilfe der Stadt angewiesen. Für die Aufnahme gibt es keine finanziellen Voraussetzungen. Anders, als vor 20 Jahren, als 600 Interessenten auf der Warteliste des neuen Wohnstiftes Uhlenhorst standen, gibt es heute in Mülheim mit 1883 Altenheimplätzen keinen akuten Mangel an stationären Altenpflegeplätzen

Dieser Text erschien am 27. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...